Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Riiiiisiiiiiko!

Formuliert das Bild unten Kritik, wenn man es „Im Völkerkundemuseum“ nennt und da noch ein Senderkennungslogo rein malt, oder reproduziert es auch nur irgendeinen Scheiß?

Frage ich mich ernsthaft, weil ich immer wieder fest stelle, dass seit Van Gogh, Gauguin, Picasso und Co zunächst eine Aneignung und Okkupation anderer Darstellungs-Traditionen als der europäischen statt fand, die durchaus in der Lage war, insbesondere plumpe Abbildlichkeit zugunsten eines aufbrechenden Blicks, der die Praxis des Malens, die Perspektivik des realen, wandernden Blicks mit zwei Augen, die Eigenständigkeit des Symbolischen und die Möglichkeit der expliziten Abstraktion bei gleichzeitiger Maximierung des Spielerischen und des überindividuellen Ausdrucks betont, zu ermöglichen.

Umgekehrt wanderten die Vorbilder nicht in die Kunsthalle, sondern skandalöserweise ins Völkerkundemuseum, und wurden als evolutionäre, archaische Vorstufe westlich-„zivilisierter“ Kunst verstanden, die sich vor allem am Blick der optischen Linse, also einer bestimmten Modulation des Lichtes, des Hell und Dunkel, orientierte.

Seit Cézanne und den Plein Air-Malern etablierte sich nunmehr ein diese Perspektive hinter sich lassender Blick (der durchaus an Giotto und andere Maler vor den van Eycks anknüpfte, siehe z.B. Picassos „Blaue Periode“), der in gruseligen Momenten sich die vermeintlich  „primitive“ Kunst aneignete, um im Archaischen das „Natürliche“ zu verorten, eine auch philosophisch gemeingefährliche Operation.

In diesem ganzen Wust scheint es mir annähernd unmöglich geworden zu sein, dass Weiße Schwarze malerisch thematisieren, ohne in übelste Stereotypen zu verfallen .

Das Bild unten versucht, diesen Problemzusammenhang einzufangen, und soll eigentlich eine Form visueller „Critical Whiteness“ sein.

Keine Ahnung, ob das überhaupt geht, ich hoffe auf intensive Kommentierung – denn auch, wenn das einmal mehr völlig schief gehen sollte, so stellt es ja wenigstens ein Experiment dar, das noch im Zuge seines Scheiterns etwas zu erklären vermag.

Weil z.B. dieser Titel „Im Völkerkundemuseum“ gar nicht als Kritik, sondern als Plädoyer verstanden werden könnte. entgegen seiner Intention. Aber wir wissen ja: Struktureller Rassismus wirkt unabhängig von Absichten Einzelner. Weil die Lippen, die ich auch bei Weißen ähnlich male, was aber gar keine Rolle spielt, als Anklang an übelste koloniale Darstellungsweise rezipiert werden könnte, und die Versuche, das zu brechen, sich im selben Paradigma bewegen. Weil die angedeutete Darstellung des „Evolutions“-Denkens als affirmativ anzusehen sein könnte. Weil die Gedanken Sartres, dass man angesichts afrikanischer Lyrik sich gerne das Weiße abwaschen würde, auch nicht jedem bekannt sind und ihrerseits als fragwürdig begriffen, eben im Sinne der Rückkehr zum „Archaischen“, begriffen werden könnte, obwohl er da nicht so meinte. Weil das omnipräsente Aufdiktieren weißer Sichtweisen ebenfalls wie zustimmend geguckt werden könnte – im Gegensatz zur kritischen, „Ministrel“ umkehrenden Operation, die das eigentlich sein soll. Weil bei einem Bild nie klar ist, was Objekt, was Subjekt ist beim Dargestellten. Weil, dass z.B. im Falle Afrikas immer über Landschaften und beseelte Tiere, aber selten über Städte und Menschen berichtet wird, ebenfalls in der Bildaussage einfach nur reproduziert werden könnte, auch wenn es den Versuch darstellt, genau das zu kritisieren und trotzdem bestimmte Darstellungsformen, die man aus jenen Regionen lernte, aufzugreifen versucht, um sie zu ehren.

Ich gehe das Risiko, auf die Schnauze zu kriegen, einfach mal ein, weil mir diese Fragestellungen alle als zu erheblich scheinen, als dass man sie im Zuge der Neo Rauchisierung und all der Rollbacks in der bildenden Kunst einfach so unthematisiert im Raum stehen lassen könnte. Also, wohlan:

PS

PS: Kleine Anmerkung noch – dieser Farbton im unteren Bildbereich, inmitten dessen sich die weißen Glyphen finden, ist der Schmincke-Ölfarbton zur Darstellung menschlicher Haut (bei Rubens lobt man immer die tollen „Fleischfarben“). Nordeuropäisch angepasst. Kann man auf einem iPhone-Foto nicht richtig erkennen. Auf die Idee, schöner Doppelsinn, dass es auch andere Pigmentierungsformen gibt, kamen die wahlweise nicht, oder sie exportieren es nach Kenia oder Brasilien anders. Keine Ahnung.

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4 Antworten zu “Riiiiisiiiiiko!

  1. bersarin April 23, 2011 um 4:27 pm

    Das Völkerkundemuseum oder im heutigen Deutsch die ethnologische Sammlung, was ja nichts anderes bedeutet und meint, ist sicher nicht der einzig richtige Ort für solche Objekte aus Afrika, Asien, Ozeanien, Amerika – es sind wohl hauptsächlich Plastiken und Masken, die Alltagsgegenstände kann man wohl zunächst außen vor lassen. Andererseits sind diese Objekte (meist) in Funktionszusammenhänge eingebunden, die einem Kunstbegriff der Moderne (diese einmal weit gefaßt) entgegenstehen. Der Fetisch, die Maske sind in eine Praktik eingebettet, nicht anders übrigens als das Altarbild und zahlreiche Werke der europäischen, bildenden Kunst, so etwa, als pars pro toto, die Deckenfresken der Sixtinische Kapelle. Wer einen Fetisch als Fetisch gebraucht, wird darin nicht das sehen, was der Rezipient bemerkt, der ihn unter dem Gesichtspunkt des Kunstwerkes wahrnimmt.

    Ich selber gehe gerne durch die Sammlung des ethnologischen Museums, weil sich in den dort ausgestellten Objekten ein Doppeltes zeigt: der Funktionszusammenhang, in welchem das Objekt einmal verwendet wurde, und eine Ausdrucksform, die ich als künstlerische ansehe, unabhängig von der ursprünglich damit verbundenen Intention. Dies kann mir sogar in einem Museum für Regionalgeschichte passieren: daß ich eine Kammer, in der Bett, Stuhl und Tisch aus dem 18. Jhd. stehen, einfach als Environment sehe, unabhängig vom historischen Aspekt. Manchmal denke ich mir zu solchen Objekten irgend eine unsinnige Geschichte aus.

    Ein Bild, dieses Bild, einmal ohne Titel genommen, kann alles und nichts bedeuten. Erst ein Titel verleiht hier Referenz, er kann aber genauso (mit Intention oder ohne) in die Irre führen.

    Ob es rassistisch ist? Darüber kann ich nichts sagen; allenfalls die, welche sich angesprochen fühlen und die Marginalisierungen und Rassismus ausgesetzt sind, mögen da etwas zu sagen. Ich selber als Kritiker gehöre eine Mehrheit an und bin ungeeignet. Wenn ich schriebe, es ist rassistisch und reproduziere das Klischee, so kann ein anderer entgegen, daß diese Kritik billig zu haben sei und auf Nachplappern und dem Ritual der Reinwaschung beruhe. Wenn ich formulierte, es ist nicht rassistisch und wenn ich diese Dinge mit Ästhetik verzierte, setzte ich mich natürlich dem Verdacht aus, in den Diskursen des Rassismus zu operieren.

    Die Frage ist weiterhin, ob es zu diesem Bild ein Original gibt oder ob es sich um eine rein digitale Variante handelt. Damit käme zugleich die Frage der Reproduktion und die von Originalität ins Spiel.

    Kunst und Kontext: darauf läuft es hier – zum einen – hinaus: Wenn dieses Bild ein Weißer gefertigt hat, mag es etwas anderes sein als wenn es ein Nicht-Weißer fertigte.

    Die abschließende Frage wäre natürlich noch die, ob es sich bei diesem Bild überhaupt um ein Kunstwerk handelt, wenn man diesen Begriff des Kunstwerkes in seiner herkömmlichen Bedeutung nimmt, die er etwa in der Ästhetik Adornos hat, die ich nach wie vor für paradigmatisch und zentral halte. Damit verbunden freilich ist die Frage, ob ein Kunstwerk überhaupt Kritik zu formulieren habe oder nicht vielmehr seinem eigenen Gesetz gehorcht. Und da sind wir dann wieder bei unserer schon sehr lange geführten Debatte, die immer einmal wieder aufkommt: Engagierte Kunst?

    Aber mit diesem Diskurs, dieser Frage habe ich den Diskurs über strukturellen Rassismus sicherlich entschärft. Insofern wäre es in jedem Falle gut, wenn die sprechen, die berufen sind.

    Diese Aspekte gruppieren sich erst einmal als eine Assoziation um Deinen Text und um das Bild.

  2. MartinM April 23, 2011 um 4:38 pm

    Schönes und interessantes Gemälde. Ein „Risiko“ sehe ich darin nicht.
    „Im Völkerkundemuseum“ hat sich zum Glück einiges zum Besseren, weniger eurozentrischen, weniger rassistischen getan. Es bleibt noch Einiges zu tun. Ich verlasse mich da auf die Aussagen von Ethnologen aus meinem Bekanntenkreis – es sind erstaunlich viele, wohl, weil ich einer Subkultur (Neopaganismus) angehöre, die einerseits Gegenstand ethnologischer Untersuchungen ist (ich weiß also, wie es ist, Forschungsobjekt zu sein – was mir ganz recht ist, weil es selbst unter Sozialwissenschaftlern gängige Klischees über Neuheiden gerade rückt. Anderseits sind zwei mit mir befreundete studierte (aber nicht praktizierende) Ethnologinnen selbst neopagan „unterwegs“. Beide sind übrigens sehr wachsam gegenüber strukturellem Alltagsrassismus. Ich musste mich dazu zwingen, daran zu denken, dass eine Freundin jemand ist, der mir die Wahrheit sagt, denn ich kann es leider schwer ertragen, dass es bei Rassismus nicht auf die Absicht ankommt, dass man auch als Antirassist rassistisch sein kann. Vielleicht, weil das zutiefst „abendländische“, sittenchristliche, Schuld-Sühne-Sanktions-Prinzip so tief in mir drin steckt? Rassismus ist „böse“, und das „Böse“ gehört bestraft. Nebenbei: „political correctness“ halte ich für einen Notbehelf. und Sprachregelungen sind mir grundsätzlich suspekt. Ein schier endloses Streitthema …

  3. momorulez April 23, 2011 um 6:41 pm

    Antworten folgen später! Habe gerade noch eine gar nicht so schlimme Niederlage zu verdauen – mit viel Bier. I’m a loser baby, why don’t you kill me – heute liebe ich den FC St. Pauli nur noch mehr!

    Aber später auch konstruktivere Entgegnungen und Danke für eure Kommentare!

  4. momorulez April 24, 2011 um 8:39 am

    @bersarin:

    „Andererseits sind diese Objekte (meist) in Funktionszusammenhänge eingebunden, die einem Kunstbegriff der Moderne (diese einmal weit gefaßt) entgegenstehen.“

    Na ja, zum einen würde man Michelangelo oder Haydn wohl nicht aus der Kunst hinaus werfen, obgleich da ein solcher Funktionszusammenhang ebenso gegeben ist, schreibst Du ja auch. Das ist immer ein wenig heikel, den „Primitiven“ dann den Funktionszusammenhang überzubügeln, den man als „moderner“ Mitteleuropäer selbstverständlich hinter sich gelassen hat. Zudem weder Du noch ich über profundes Wissen darüber verfügen, was so ein Tanz mit Masken z.B. oder auch das Mosaik im arabischen Raum nun eigentlich „funktional“ bedeutet. Und man auch nicht die Funktionen des Kunstbetriebs, z.B. das Sich-Erheben über die vom Baumwollfeld, mal eben so ignorieren kann. Ich pflichte Bourdieu auch nicht in jeder Hinsicht zu und bin immer für jede Kritik funktionaler Vernunft zu haben, aber man macht es sich zu einfach, da nun irgendwas zu sehen, was dem Jesus in der Kirche entspricht. Vielleicht hat die Performance ja viel mehr mit Ballett oder dem Endspiel zu tun, das wissen wir doch gar nicht. Und Du kannst das Endspiel und das Ballett mit dem Blick des Ethnologen auch funktional beschreiben als religiösen Ritus rund um die Religion „Kunst“.

    Es keine digitale Bearbeitung. Das ist einfach so mit Acryl und Öl auf Leinwand gepinselt, vorgezeichnet mit japanischer Tusche (mit der man völlig anders vorzeichnet als mit Kreide oder Bleistift), und eine Modellierpaste kam auch zum Einsatz 😉 – was wirklich wichtig ist, wenn man das mit dem „Material“ nicht idealistisch-historisch versteht. So was erzeugt ein sich im Raum bewegender Körper, der die Blickrichtung ständig in der 3D-Welt ändert. Das war für Cèzannes Stilleben ja die zentrale Frage (neben jener danach, dass Obst real fault, auf dem Bild aber nicht, aber die Frage gab es ja vorher schon) und ist alles andere als trivial, weil es mit der Linse bricht – um das dem Fotografen gegenüber noch mal zu betonen 😀 .

    „Damit verbunden freilich ist die Frage, ob ein Kunstwerk überhaupt Kritik zu formulieren habe oder nicht vielmehr seinem eigenen Gesetz gehorcht.“

    Ich sehe den Widerspruch ja immer gar nicht, und Adorno doch im Grunde genommen auch nicht. Der klingelt da zwar immer l’art pour l’art mäßig rum, aber das Unterfangen würde ja witzlos, wenn die Analysen zu Strawinsky und Beckett, das Aufspüren von Antisemitismen bei Wagner nicht immer auch noch im Vollzug des Sich-Entziehens und Aufbrechens auf das bezogen bliebe, was als totaler Verblendungszusammenhang Gesellschaft prägt. Und nimmt man das mit dem Material als Historisches mal ernst zwischendurch, ist eine Frage nach kolonialen Darstellungstraditionen schon erheblich.

    Danke aber für den ausführlichen Kommentar! Finde das ja sehr spannend!

    @Martin:

    Das Schlimme ist ja, dass das in der Tat im Völkerkundemuseum sich wandeln kann, das aber keinerlei Einfluss auf das hat, was in der Kunsthalle oder der Oper geschieht.

    „Ich musste mich dazu zwingen, daran zu denken, dass eine Freundin jemand ist, der mir die Wahrheit sagt, denn ich kann es leider schwer ertragen, dass es bei Rassismus nicht auf die Absicht ankommt, dass man auch als Antirassist rassistisch sein kann. Vielleicht, weil das zutiefst „abendländische“, sittenchristliche, Schuld-Sühne-Sanktions-Prinzip so tief in mir drin steckt? Rassismus ist „böse“, und das „Böse“ gehört bestraft.

    Ja. Wobei Rassismus ja gemein ist. Aber eben zumeist strukturelle, nicht-intendierte Gemeinheit. Die nun im Normalfall keinerlei Rückschlüsse auf individuelle „Schuld“ oder gar allgemeine Charakterologie zulässt. Das ist aber der Punkt, wo immer diese harschen Abwehrreaktionen einsetzen, die man durch schlichtes Zuhören und Fragen stellen ja hinter sich lassen kann. Im Grunde genommen glaubt immer jeder, vor allem Männer, zu allem immer ein Deutungsmuster parat haben zu müssen. Muss man doch gar nicht. Man kann die Anderen ja auch mal berichten lassen, ohne sie gleich zu objektivieren.

    Das mit der Sprache ist komplexer, weil „Hate Speech“ ja eine hochwirksame Handlung ist.

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