Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Die 88. Minute und die Zeit davor …

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Die 88. Minute. Scheiß auf die 88. Minute!

Okay. Ja, wir wußten es. Keiner unkte, und doch, warum war es so klar? Weil die Ungerechtigkeit eh immmer siegt … dafür sorgen wahlweise Drecksspießer und deren Institutionen oder die 88. Minute.

Es wurde gesungen. Angefeuert. Sich begeistert. 2 Riesen-Beamer in 2 großen Räumen, ein Konzertsaal, eine Kneipe; unzählige Fernseher auch im Außenbereich hingen über Köpfen. Blicke saugten sich an Bildschirmen fest. Draußen vor der Tür quetschten sich alternde Freaks neben knackigen Youngstern und sahen Tresenpersonal beim Rauchen zu.

Die Bücher- und Geschirrkisten der Flohmarkthändler vor dem ehemaligen Schlachthof füllten sich, wie die Stände sich leerten. Das Leben: Ein Nullsummenspiel. Kaum Raum blieb den nach Feierabend sich sehnenden Wuselnden, den Kram zu verstauen, so viele drängten herbei, das Spiel zu sehen – Menschen mobilisierten letzte Hoffnungen und hielten sich an Bieren fest, stauten sich vor audiovisuellen Fenstern nach Wolfsburg, das erst 1945 nach einem Gemäuer neben den Werken, kurz zuvor voller Zwangsarbeiter, benannt wurde.

Irgendjemand muss gelacht haben, als man die „Stadt des „Kraft durch Freude-Wagens“ bei Fallersleben“ so nannte, dass die „Wolfschanze“ nachzuhallen schien wie ein Echo, das durch den Mythos der Stunde Null sich nie betäuben ließ. In der Halbzeitpause des Spiels soll gar Heino, das „Niedersachsenlied“ intonierend, zu vernehmen gewesen sein. „Niedersachsen“ – auch so eine Nachkriegserfindung. Wie die „jüdisch-christliche Kultur“. Von der hätte man mal 1943 im Automobilwerk jemandem erzählen sollen. Natürlich hingen bei dessen Gründung auch die Familien Porsche und Piech mit drin in diesem „Projekt“, das es gab, da der „Führer“ wünschte, man möge einen „Volkswagen“ für unter 1000 Reichsmark für die Massen bauen. Konnte auch per „Rabattmarke“, dem Vorgänger der „Budnikarte“, angespart werden. Es sollte ja auch was anderes als Panzer auf den Autobahnen fahren.

Warum das wichtig ist? Weil in diesem bigott-bornierten Land so getan wird, als sei, von einem 12jährigen „Ausrutscher“ abgesehen, alles von Anbeginn an auf die Realisierung von Aufklärung und Freiheit aufgehoben in ungebremster Wirtschaftskraft, angelegt gewesen, die nunmehr per „Exportweltmeisterschaft“ dem Rest Europas und darüber hinaus anzuerziehen sei. Ist nicht so. Das „Wirtschaftswunder“ entstand auch Dank „Kraft durch Freude“. Unweit von Fallersleben.

Jetzt steht da eine Fussballarena, die „Autostadt“ leuchtet weit in das sie umgebende Nichts. Also das, was ein Volk, das einen „Autokanzler“ wählte, dessen Hauptprojekt das Drangsalieren, Knechten und Terrorisieren der Nicht-Werktätigen war, auch nicht besser verdient hat.

Für die Werksmannschaft dieses Kontinuums nationalsozialistischer Wirtschaftspolitik (gemeint ist mit Kontinuum trotz deren Bekämpfens des arbeitsscheuen Gesindels und der „Asozialen“ nicht die Schröder-Regierung, sondern das Volkswagenwerk), kauften ein Hoeness-Bruder und seine Vorgänger Promis zusammen, wie man das so macht in der 1. Liga. Die heißen zum Beispiel Diego und verlängern mit dem Ellenbogen Bälle ins Abseits, so dass Mitspieler Tore schießen können.

Zu Gast: Eine Mannschaft, deren Fans Lieder singen wie „Wir sind Zecken – asoziale Zecken – wir schlafen unter Brücken – oder in der Bahnhofsmission.“ Über diese Gesänge machen sich Blogger aus Dortmund gerne lustig, weil auch mittelalterliche Herren in Jack Wolfskin-Jacken sie anstimmen. Angesichts der historischen Fortsetzungsgeschichten der IG Farben bei „Bayer Leverkusen“ oder des Werks, in dem zunächst der „Kraft durch Freude“-Wagen, dann Rüstungsgüter hergestellt wurden und irgendwann auch „Golf“, „Jetta“ und „Passat“, bekommt das Lied für mich dennoch einen ganz besonderen Klang …

Über den Platz in unsren Reihen liefen, rannten, kämpften, dreifachgrätschten, ja, brillierten phasenweise Spieler, die alle Lieder von den Rängen wohl problemlos mitsingen könnten. Oder die wissen, warum sie per „Wir wollen den Gerald sehen!“-Chor sich ans Millerntor singen ließen. Eger. Lechner. Boll. Bruns. Takyi. Einer schoss den Ausgleich, der wusste, warum er gerade in einem Rostocker Stadion die Halsabschneidergeste zeigte und die Fahne gerade dort in den Boden rammte.

Keine Namen, die man in der Primera Division kennt oder deren Beine so wertvoll sind wie das Vielfache der Lebenseinkommen von VW-Hilfsarbeitern oder Hartz IV-Empfängern gar. Aber solche, die den FC St. Pauli schon länger leben. Die wissen, warum sie aus Fürth zurück kehrten. Die vielleicht nicht wissen, warum das Wilhelm Koch-Stadion heute nicht mehr so heißt, ja, vielleicht noch nicht mal, dass es mal so hieß, die aber doch spüren, dass Fans dafür sorgten, dass es nicht mehr so heißt, solche, die ligaunabhängig Liebe für diesen Mikrokosmos Fussballverein leben und dafür Gründe haben, die das Lokalpatriotische übersteigen.

Eine Truppe ackerte, biss und passte mit Bravour und streute dramaturgisch geschickt Fehlpässe dazwischen, die so und in dieser Formation kein Trainer nur dem Papier nach für die 1. Liga zusammen stellen würde. Die heute ein so tolles Spiel auf den Platz legte, eben WEIL sie diesen Verein schon so lange leben und um dieses Leben rannten. Genervt hat mich den Großteil der Saison das Gerede von „Auf Augenhöhe“ und „Wieso, wir haben doch gut gespielt!“. Heute wirkte das anders. Weil ein ganz anderer Spirit anzutreiben schien als dieses „In der ersten Liga mitspielen wollen“. Sondern eher Empowerment durch Selbstbesinnung das Spiel prägte.

Ein Lechner, ein Gunesch, die mit ihren Rumpelfüssen den Ball nur knapp am Winkel vorbei drehten, die für die so vertraute Crowd auf den Rängen und noch ein paar letzte Spiele für einen in jeder Hinsicht außergewöhnlichen Trainer um ihre Zukunft spielten.

Das „Knust“ rockte. Fieberte. Begeisterte sich. 3 Großchancen vergeben in Halbzeit 1 – Haare raufen, Schweiß abwischen, weiter machen. Gegentor. Abseits! Wird trotzdem gegeben. Scheiße. Brych trotzdem insgesamt mit hervorragender Leitung. Ausgleichstreffer. Führung. Und dann starrten alle auf die Zahlen am oberen Bildrand, die von der 87. auf die – ausgerechnet – 88. Minute umschalteten …

„Hast Du auf die Uhr gesehen?“ fragt mich P.A. nach dem 2:2. Ja. Wie alle. Autsch, das tat weh. Wirklich weh. Beim 2:1 hatte ich ihm noch die Brille beim entfesselten Jubeln von der Nase geschlagen, Verzeihung.

Bedröppelt, erschöpft, begeistert, getroffen, frustriert, stolz noch ein Bier vor dem „Knust“. Die Flohmarktstände sind abgeräumt, geschichtsträchtigen Plunder verpackten die Händler gut. All die Worte, ungelesen, in den Bücherkisten … wir schweigen. Wir rechnen – sieht nicht gut aus. Relegation schaffen wir vielleicht, vielleicht, vielleicht noch.

Wir trotten durch das Schanzenviertel. Frühling liegt in der Luft. Montag geht es weiter im eigenen Kampf gegen Drecksspießer und deren Institutionen. Selbst unmittelbar vor Anpfiff musste ich noch per mail mittels iPhone Handlungen koordinieren, die sich um diese Komplexe aus Macht, Geld und Ungerechtigkeiten ranken ganz anders als um das Dornröschenschloss.

Oder doch nicht? Vielleicht werden wir ja eines Tages alle wach geküsst und blinzeln erstaunt in ein neues Leben … klar ist : Solchen Typen wie Boll, Bruns, Eger, Lechner, Charles, Asa, Stani, Truller und den anderen werden wir auch dann noch zujubeln. Auch wenn einige uns verlassen, werden andere kommen, die zu uns passen. Auch in jener zukünftigen Welt ohne Ligen …

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2 Antworten zu “Die 88. Minute und die Zeit davor …

  1. Foxxi April 17, 2011 um 12:59 pm

    Booooaaaah ey, war ich in Wolfsburg oder Du? GROSSARTIG!!!
    ♪♫♪ Sankt Pauli, Du bist mein Verein und Du wirst es auch für immer bleiben …♪♫♪

  2. momorulez April 17, 2011 um 3:06 pm

    Im „Knust“ war das auch erstaunlich intensiv 😉 – aber was man von euch in Wolsburg sah und vernahm, das war auch echt beeindruckend!

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