Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Dann doch noch mein Senf zur Absage des Geisterspiels zugunsten der Platzsperre für den FC St. Pauli

„Als Kritiker trat nur Freiburgs Trainer Robin Dutt auf, der dem Sportgericht des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) Willkür vorwarf. Es sei zwar richtig, dass St. Pauli kein Spiel unter Ausschluss der Öffentlichkeit machen müsse. „Im Nachhinein ist es aber eine Ohrfeige für meinen Ex-Verein Stuttgarter Kickers“, sagte Dutt am Freitag. Denn der Regionalligist musste 2006 nach einem ähnlichen Becherwurf wie am Millerntor ein Spiel vor leeren Rängen austragen.

Das Urteil zeige, „welche Willkür wir in der Sportgerichtsbarkeit haben“, meinte Dutt. Ganz anders nahm Leverkusens Trainer Jupp Heynckes die Entscheidung auf: „Es hat sich gelohnt, dass ich mich zu St. Pauli geäußert habe, für die Tat eines Einzelnen dürfen nicht alle bestraft werden.““ (via Der Übersteiger/Twitter)

Na ja. Wie kalkuliert der DFB allem Anschein nach operiert, scheint beiden zu entgehen: Natürlich hat er auch auf die Solidarisierung mit dem FC St. Pauli reagiert. Auch auf den berechtigten Vorwurf der „Wettbewerbsverzerrung“. Da fragt sich dann aber der geneigte Fan, wie ein solcher Spielraum, der überhaupt auf solche Bekundungen wie jene von Herrn Heynckes eingehen kann, beschaffen ist.

Willkür hieße „gar keine Gründe“, hier scheint eher ein klarer Fall von „keine guten Gründe im Sinne des Fussballs“ und „ein unsäglicher Ermessensspielraum“ vorzuliegen, somit ein unzureichendes Regelwerk.

Recht soll ja eigentlich im soziologischen Sinne Erwartungssicherheit herbei führen – die Aussage von Dutt belegt, dass diese gar nicht vorhanden sein kann. Man weiß schlicht nicht, was passiert, und erhält Sanktionen für etwas, was man gar nicht zu verantworten hat. Das wirkt ein wenig wie Kirchenrecht: Macht ist alles. Und genau darum geht es ja – durch Unklarheiten bewahrt sich ein Verband Allmacht. Ganz päpstlich.

So auch die Reaktionen in der heutigen Presse mitsamt der Headlines, ganz wie jene dem allmächtigen Vater gegenüber: „Gnade (!!!) für St. pauli!“, „St. Pauli jubelt!“ Ja, aber bitte wieso denn? Weil eine meiner Ansicht nach extrem unverhältnismäßige Sanktion abgeschwächt wurde. Eine ziemlich miese Methode, Freude zunächst durch das Androhen von Unrecht, das dann aber nicht ausgeführt wird, auszulösen. Wie gütig!

Zudem das mußtmaßlich eigentliche Kalkül, nämlich Zivilklagen abzuwenden, dahinter verschwindet. Ich vermute eher, dass die Androhung von Logen – oder Business-Seat-Besitzern, im Falle eines Geistesspieles den DFB auf Schadensersatz zu verklagen, nicht ganz wirkungslos war. Man stelle sich diese Prozesse vor und vor allem, dass andere sich angeschlossen hätten.

Was dann Verhandlungsgegenstand gewesen wäre, das wäre die DFB-Sportgerichtsbarkeits als rechtssystematisch eigentümliches Ding selbst, in der es um dermaßen viel Geld und durchaus auch mal Fragen wie schwerer Körperverletzung auf dem Platz geht. Die Regel „Wenn ich einem Verband beitrete, folge ich dessen eigenen Gesetzen“ ist ja nicht unendlich dehnbar – gezielte Knieschnüsse gegen den Foulenden im Falle einer roten Karte wären nicht durchsetzungsfähig. Es geht um das Prinzip, nicht das Beispiel. Es wären Fragen zu stellen, inwiefern ein Verein für das Verhalten eines Einzelnen haftbar gemacht werden kann, was als juristische Frage sich völlig anders darstellt als jene nach der Unsitte der Becherwürfe im Stadion im Allgemeinen.

So ist es zweckmäßig, eine Maßnahme anzuordnen, die sich jenseits der Vertragsbedingungen des Kartenverkaufs situieren. Also nächste Saison.Da sind ja noch keine im Handel.

Das alles ist schlimm genug; diese systematischen Inkonsistenzen zum Machterhalt sind meiner Ansicht nach beim DFB jedoch in vielen Fällen zu beobachten. Herr Zwanziger engagiert sich gegen Homophobie – um öffentlichkeitswirksam Herrn Amarell zu schlachten und Herrn Bierhoff nicht in die Schranken zu weisen, wenn dieser sich beleidigt fühlt, weil man Personen in der Nationalmannschaft für schwul halten könnte. Ein Beispiel nur.

Eigentlich ist Rechtsentwicklung historisch zumindest idealtypisch darauf angelegt, Machtspielräume einzudämmen, indem für alle gleichermaßen geltende Regeln nachvollziehbar und erwartungssicher über individuelle Einflussmöglichkeit und somit Handlungsfreiheit gestellt unparteilich gelten und santionierbar sind. Die Rechtswirklichkeit ist auch sonst eine andere, klar.

Nun jedoch wird aus einem Geisterspiel hopplahopp eine Platzsperre in der nächsten Saison bei gleichzeitiger Zuschauerbeschränkung – und es ist kaum möglich, einen vergleichbaren Fall heran zu ziehen, Herr Dutt weist darauf hin, weil nach allem, was ich zumindest an Lektüre fand, sowieso sonstwie entschieden wird. Und das bei einem Verband, der unter anderem die Unparteiischen auf dem Spielfeld stellt, wenn ich nicht fehlinformiert bin? Kein Wunder, dass da manche so agieren, wie sie es tun.

Insofern ist das Problem der Diskussion der letzten Wochen jenes, dass alle über die Sanktionen reden, manche sich geradezu hinein gesteigert habe in ihre Strafsehnsüchte vor allem dem Becherwerfer gegenüber – aber keiner außer Norbert über die Regeln, die ihnen zugrunde liegen, und die Gründe, die sie stützen.

Typisch deutsch.

Das wenigstens unterscheidet das Agieren der Schiedsrichter auf dem Platz von jenen der Sporterichtsbarkeit: Die Spielregeln selbst sind transparent und allgemein bekannt.

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4 Antworten zu “Dann doch noch mein Senf zur Absage des Geisterspiels zugunsten der Platzsperre für den FC St. Pauli

  1. kleinertod April 15, 2011 um 3:52 pm

    Was hier noch meiner Meinung nach fehlt: es scheitert der Willkürvorwurf schon an der ausgesprochenen Strafe, denn sowohl bei den Stuttgarter Kickers als auch beim FCSP wurde ein Geisterspiel als Sanktion ausgesprochen – bei ersterem noch zusätzlich eine Geldstrafe. Rechtskräftig hat der FCSP diese Strafe aber nicht werden lassen, so daß sich Dutt fragen lassen muß, was denn passiert wäre, wenn sein damaliger Verein seinerzeit dagegen vorgegangen wäre.

    Die Angreifbarkeit der Strafe halte ich zudem in jedem Fall für gegeben, da die Verfahrensordnung des DFB vom „nulla poena sine lege“ Grundsatz offensichtlich noch nichts gehört hat. Die Sanktion für einen Spielabbruch sieht eine Geldstrafe bis zu 100 TE vor – und außerdem kann bei jedem Vorfall der allgemeine Sanktionsparagraph herangezogen werden. Sprich: es ist aus dem Wortlaut der Verfahrensordnung nicht ersichtlich, welche Strafe bei welchem Vergehen folgt. Wenn ein Verein es hier darauf anlegt, eine entsprechende Sanktion anzufechten, würde ich dem durchaus Chancen einräumen. Nochmals: wer sich nicht wehrt…

    Und sonst habe ich drüben bei Norbert ja schon einiges dazu ausgeführt. Ist zwar nicht konkret mein Gebiet, aber so irgendwie schon.

    Doch viel lieber, wie dort auch erwähnt, möchte ich wieder unsachlich mich mit dem FCSP auseinandersetzen… 😉

  2. ring2 April 15, 2011 um 4:13 pm

    D’accord – und hinzuzufügen wäre, dass die schnelle öffentliche Reaktion und sicher hintergründige Einflußnahme der Sicherheitsbehörden, in Form des Bundes der Kriminalbeamten, imho den größten Einfluss auf die Revidierung gehabt haben dürften. Denen ist nämlich schon die Hutschnur hochgegangen bei der Aussicht auf tausende Fans auf dem österlichen DOM.

  3. momorulez April 15, 2011 um 4:28 pm

    @Kleinertod:

    „Sprich: es ist aus dem Wortlaut der Verfahrensordnung nicht ersichtlich, welche Strafe bei welchem Vergehen folgt.“

    Exakt das meine ich ja. Das ist völlig absurd. Jeder noch so blöde Bußgeldkatalog ist klarer geregelt. Natürlich gibt es ansonsten auch Spannen von-bis; aber dass, wenn man sich wehrt, nun was ganz anderes raus kommt, ist nun auch schon wieder unsinnig, weil dieses andere ja auch irgendwelchen Grundlagen haben müsste.

    @Ring2:

    Das hatte ich vergessen, wollte ich eigentlich noch erwähnen – wobei das zwei Paar Schuhe sind. Die Intervention erfolgte ja ursprünglich per Abendblatt wegen des Verhältnismäßigkeitsgrundsatzes; die rein praktische Frage, was wohl abgehen könnte, wo eh am 30. Demo geplant ist, alle wegen der Flora mit den Hufen scharren, „unkontrollierte Anreise“ der Bremer usw., das hätte ich als Polizei auch nicht am Hals haben wollen. Da ist praktischer, das Ganze nach Rostock abzuschieben 😀 …

    Dieses zivilrechtliche Dimension hinsichtlich möglicher Klagen gegen DFB halte ich aber für nicht minder maßgeblich, und das wird Herr Stenger, so wie der drauf ist, auch entsprechend gespielt haben. Das ist ein völlig offenes Spiel, wie so was ausgeht, und das kann sich der DFB nicht erlauben.

  4. Nörgler April 15, 2011 um 6:48 pm

    „Die Spielregeln selbst sind transparent und allgemein bekannt.“
    Der Inhalt der Abseitsregel ist nicht allgemein bekannt 😉

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