Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Was der Nachwuchs denkt und schreibt: Kapitalismuskritik im Zeckensalon

Uiuiui.

Zunächst prima: Im Zeckensalon setzt man sich mit der Geschichte linker Bewegungen und deren Theoriebildung auseinander, um Kapitalismus zu kritisieren.

Will den Text jetzt gar nicht im Ganzen kommentieren, er korrespondiert nur ganz gut mit der Geschichtsschreibung unseres Altherrenklüngels, gerade an den Punkten, wo die Diskussion anders sich situiert.

Zu meiner Beruhigung halten sich die „antideutschen“ Einsprengsel in Grenzen, so weit ich es überblicke, obgleich sie aufzufinden sind. Fittere in der Marx-Rezeption und Wertkritik unter den Stammdiskutanten mögen das profunder kommentieren, wenn sie denn möchten. Die häufige Bezugnahme auf Robert Kurz hat mich in letzter Zeit aufkommender Befürchtungen, dass dieser „antideutsche“ Kladderadatsch auch in unserer Fankurve zur Dominanz strebt, etwas enthoben. Die folgenden Worte sind ja deutlich:

„Antideutsche: Die barbarischen Erscheinungen der Krise und des Kapitalismus sollen weltpolizeilich vom aufklärerisch-zivilisatorisch verklärten Westen bearbeitet werden (Zivilisation vs. Barbarei). So wird der bürgerlich-aufklärerische Kapitalismus zur besten aller Welten und die mühsam mitgeschleppte „Kapitalismuskritik“ verkommt zur radikalen Pose.“

Weitere Kritikpunkte: Anachronistisches Denken (Verhaftet im Denken des 2. Weltkriegs), fehlerhafte Projektion deutscher Zustände und deutscher Ideologie, Leugnen des Zusammenhangs von Holocaust und Kapitalismus, männlich-westlich-weiß, etc.

 

Was der folgende Satz sinnvoll heißen kann:

 

„Der nicht verstandene Kapitalismus soll mit dem Massenmord an seiner imaginierten Personifikation umgebracht werden.“

 

bedürfte dennoch der Erklärung; man muss sich ja nur mal die Firmengeschichte unseres gestrigen Gegners, Bayer Leverkusen, zu Gemüte führen, insbesondere die Buna-Werke bei Auschwitz, um das Phänomen etwas anders akzentuiert zu erhellen. Aber die haben sich ja ab dem Jahr 2000 (!!!) heroisch des Thema „Zwangsarbeit“ angenommen … und ihr Erfolg verdankt sich dem „Wirtschaftswunder“. Harharhar …

Die Differenz zwischen Arbeits- und Vernichtungslagern soll mit diesem Hinweis keineswegs eingeebnet werden. Aber an der „Rampe“ wurde – aus der Sicht derer, die da standen – mit „guten Gründen“ geschieden. Und vernichtet wurde auch mittels Arbeit.

Etwas ins Groteske mutiert die Angelegenheit des im Zeckensalons zu haltenden Referats bei der innerlinken Feindbildbestimmung; ich greife die zwei im Rahmen der Debatten dieses Blogs wohl relevantesten Punkte heraus – ist ja schon ein wenig tragikomisch, wie jene, die ansonsten stolz drauf sind, dass in der Stadionordnung homophobe Äußerungen verboten sind, mal eben Schwule zum Gegner erklären, indem sie ihnen theoretische Anforderungen aufbürden, die jeder Lebenspraxis Hohn sprechen.

Das ist nur gerade so dermaßen modisch auf der „Linken“, dass es der Diskussion bedarf – ebenso diese „antideutsch“ tradierte Gezeter gegen vermeintliche „Antiimps“, das nunmehr mit dem „Queer“-Thema verknüpft wird:

„Anti-Imps: Nach dem Ende der Blockkonfrontation weitere diffuse antiimperialistische Positivprojektionen (unterdrückte Völker, Solidarität mit dem Islam, etc.), sowie keinen Begriff der veränderten Imperialismen im Krisenprozess. Weitere Kritikpunkte: Anachronistische Wahrnehmung (Verhaftet im Denken von 1914), Schwarz/Weiss Denken, verkürzte Kritik und struktureller Antisemitismus, Antiamerikanismus, völkisches Denken, Politikillusion, Ostalgie, äußerst Queerfrontkompatibel, etc.“

„Queerfrontkompatibel“. Die Anspielung an „Querfronten“ ist nicht nur deutlich, das ist schon Homophobie im engeren Sinne. Und:

„Queerszene: Queer-Theorien kratzen zwangsheterosexuelle Verhältnisse nur oberflächlich, entsprechen eher postmodernen Flexi-Zwängen und der Vervielfältigung von Lebensentwürfen innerhalb der heterosexuellen Dominanzkultur. Sie entsprechen den Individualisierungstendenzen im postfordistischen Konsumzeitalter. Ein kritischer Begriff des warenproduzierenden Patriarchats und den konstituierenden Strukturen des Kapitalismus sowie den psychischen Tiefendimensionen wird nicht entwickelt. Unmittelbarer, emanzipatorischer Dekonstruktivismus innerhalb patriarchaler Strukturen ist eine Illusion. Homosexualität ist eine Identität der Moderne, die sich aus der heterosexuellen Norm ergibt. Die Norm braucht das Deviante und Andere um bestehen zu können. Nicht die positive Besetzung des Differenten und Anderen, sondern eine grundsätzliche Kritik der normsetzenden Struktur sollte angestrebt werden.“

Das Kuriose an letzterem Passus ist, dass durchgängig Argumente angeführt werden, die der Queer-Theory entspringen. Das ist sie, sozusagen in Kurzfassung: Sich gegen die sozial wirksamen und somit tatsächlichen Grenzziehungen z.B. zwischen „schwul“ und „hetero“, indem ersteres von letzterem „abgeleitet“ wird, zu behaupten, um sie aufzulösen.

Manche „Antideutsche“ sehen darin neuerdings eine faschistoide Destruktion des Subjekts, was in etwa der Kritik eines Manfred Frank am Postrukturalismus entspricht und eine alte, liberale Abwehrlinie ist. Es ist zudem richtig, dass ein sinnvoller Rückbezug auf eine Kritik der politischen Ökonomie innerhalb des Poststrukturalismus und den „cultural Studies“ nicht vollzogen wurde, trotzdem Denker wie Stuart Hall das Feld durchaus skizzierten, auf dem das stattfinden könnte.

Aber, zunächst ganz platt: Was spricht nun genau gegen eine Vervielfältigung der Lebensentwürfe unter den Bedingungen des falschen Ganzen? Soll ich jetzt noch schnell eine Frau heiraten, um der Emanzipation zu dienen und mich gegen dieses Oberflächenphänomen „Individualisierungstendenzen“ erfolgreich zur Wehr zu setzen? Wieso steht das „Queer-Szene“ vor diesem Abschnitt – Lesben – und Schwulenkneipen schließen, um Zwangsheterosexualität zu brechen? Mal ab davon, dass ein „unmittelbarer, emanzipatorischer Dekonstruktivismus“ schon ein Widerspruch in sich ist, wäre mir auch nicht bekannt, wer so was je vertreten hätte.

Vermutlich ist das theoretische Feld gemeint, gezündelt wird da trotzdem: Immerhin heißt eine der meist frequentierten, tatsächlich unangenehm bürgerlichen schwulen Seite queer.de. Erst nötigt einen diese blödsinnige Gesellschaft mit 16 zu der Entscheidung, als Schwuler zu leben, und dann kommen oberschlaue Linke daher und erläutern mußtmaßlich kurz nach dem heterosexuellen Beischlaf, dass man so, ganz perfide, ja auch nur das System stütze. Wie praktisch. Die da.

„Queer-Szene“ – würde ernst gemeint, was da steht, müsste zumindest „Heten-Szene“ davor stehen. Und nicht so was: „Nicht die positive Besetzung des Differenten und Anderen“ – was heißt denn hier „positive Besetzung“? Zunächst mal die Möglichkeit überhaupt. So ein unreflektierter Kram führt ziemlich direkt in die Negativbesetzung, wie ich in diesem Blog oft genug erfahren durfte …

Klar muss die normsetzende Struktur attackiert werden, aber doch nicht durch Abwertung oder Ignoranz jener, die sich wenigstens den Dominanzen noch entziehen. Das ist nämlich der notwendig erste Schritt, um die Norm aufzulösen. Entsprechend hinterfragt man in der Queer-Theory den Begriff der Heterosexualität und nicht die Devianten.

Es ist zudem ein eigentümlicher Anspruch, den als „anders“ permanent Erzeugten, was, es sei noch einmal betont, eine soziale Realität ist, nun indirekt auch noch die Verantwortung dafür aufzubürden, und sie für nebensächlich zu erklären. Gerade nach den ach so großartigen, patriachatskritischen Erwägungen zuvor: So was wie die Fortpflanzungserfordernisse, die dem Kapitalismus seine Reservearmeen sichern und im Rahmen der bürgerlichen Kleinfamilie verortet sind, findet gar keinen Raum in dem Text (es sei denn, ich habe was überlesen). Ebenso wird das, was Foucault „Subjektivierungsweisen“ nannte, zwar angedeutet im großen Aufwasch, aber nicht weiter erläutert.

Adorno formulierte dieses großartige Diktum „Man muss durch den Begriff hindurch gehen, um ihn aufzulösen“ – das gilt in jeder schwulen, jeder schwarzen, jeder weiblichen, jeder männlichen Biographie, wenn man denn will.

Ansonsten steht den Zecken ja frei, sich der Zwangsheterosexualität einfach mal zu entziehen – was hindert euch am queerbeet vögeln? Dadurch schafft ihr den Kapitalismus nicht ab, stimmt schon, aber vielleicht macht es ja Spaß?

Ähnlich widersinnig ist die „Antiimp“-Skizzierung, die ja nicht minder ärgerlich ist.

Was spricht nunmehr dagegen, sich mit unterdrückten Völkern zu solidarisieren?

Modisch unter weißen Heterosexuellen ist inzwischen die variierte These, dass diese ja auch keine „besseren Menschen“ oder gar, rassistisch gebaut, „edlen Wilden“ seien – ja, und? Weiße Heterosexuelle ja auch nicht.

Historisch ist das zudem völlig anders verortet, als im Text anvisiert, die antikolonialen Bestrebungen reichen etwas weiter zurück als bis zum „Ende des Blockgegensatzs“ – Gandhi und der Algerienkrieg sind Beispiele aus dem letzten Jahrhundert. Eine „Solidarität mit dem Islam“ wäre mir ebenso wenig bekannt, höchstens mit hier lebenden Muslimen.

Und dieser ganze andere Kram, den Franz-Josef Strauß und Axel Springer wohl ähnlich skizziert hätten, also, mal ehrlich, muss das so sein? Wie kann man denn Verkürzung kritisieren, wenn man selbst in solchen Claims denkt, die eher dem Theoriemarketing als dem Denken dienen?

Der reale Hintergrund dieser Thesen – Che klärte mich darüber auf, das Anti-Imp ursprünglich ein Begriff aus dem unmittelbaren RAF-Umfeld war – ist, dass es im Gefolge der 68er, selbst verkürzt gesprochen, die Annahme gab, dass Israel als „Brückenkopf“ des US-Imperialismus zu betrachten sei. Was in der Tat bei manchen damals wie heute in einen Antisemitismus umschlug und umschlägt. Wolfgang Kraushaar zum Beispiel hat dazu intensiv geforscht. Problem ist, dass durch diese notwendige Aufarbeitung völlig in Vergessenheit geraten zu sein scheint, wie der Antisemitismus in Kaiserreich und Weimarer Republik wie auch in der unmittelbaren Nachkriegszeit wirkte. Auch ein Begriff wie „Zionismus“ wird im Gegensatz zum postmodernen Denken tatsächlich so beliebig und allgemein verwendet, dass gar keiner mehr weiß, unter welchen Bedingungen er sich formierte.

Dieser „Die Juden als Speerspitze des Imperalismus und Wallstreet-Regenten“-Diskurs ist freilich schlimm genug  und mag in einer Hinsicht sogar kopplungsfähig sein an ein Motiv, das auch für den Antisemitismus in der Weimarer Republik maßgeblich war: Dieses Setzen auf „deutsche Tiefe“ (kann auch europäisch behauptet werden) gegen den „westlichen Krämerseelengeist“ und die Oberflächlichkeit, die in der Kritik der Massenkultur (und darüber hinaus) von Ortega y Gasset bis Horkheimer/Adorno und auch im verlinkten Text durchgeführt wird auf je unterschiedlichen Niveaus und unterschiedlich stichhaltig.

Dieser Kulturdünkel wiederum kann, muss aber nicht, sich verbinden mit dem Versuch der Personifizierung und Rassifizierung kapitalistischer Wirtschaftsweisen, Stichwort „Börsenjude“. Gab ja meines Wissens auch Stichworte von der „verjudeten Unterhaltungsindustrie“. Das meint ja die populäre Verschlagwortung „verkürzte Kapitalismuskritik“.

Und, ergänzend erwähnt – in die Jetzt-Zeit springend – manche theoretisierten gegen Kulturimperialismus an gerade infolge der poststrukturalistischen Eurozentrismus-Kritik und haben es damit teilweise ziemlich übertrieben.

Letzter wohl gemeinter Punkt – „Ostalgie“ – ist der Eindruck vieler in der ehemaligen DDR, vom imperialistischen Westen überrannt und gewissermaßen kolonisiert worden zu sein, den „Systemparteien“ ausgeliefert und dann auch noch – z.B. von Muslimen – „überfremdet“ zu werden, und da bilden sich dann tatsächlich paradox erscheinende Querfronten zwischen Linkspartei und Rechtsradikalen und, ja, die auch,  „Antideutschen“, die vor dem „Islamofaschismus“ zittern und damit nicht nur den in der Tat zu geißelnden im Iran meinen, sondern ganz allgemein. Und selbst im Iran ist die Lage differenzierter. Trotzdem nicht gut.

Übrigens sind diese Theorien der „unterdrückten Deutschen“ als US-Kolonisierten nun keine, die nicht auch von dem „automatischen Subjekt“ Kapitalismus ausgehen. Dem wollen sie sich ja entziehen. Und? Ist deshalb der verlinkte Text rechtsradikal?

Das alles nun aber so zu vermengen und vor allem zu verschlagworten wirft mehr Probleme auf, als dass es begrifflich-theoretisch auch nur irgendetwas erklären würde. Weder kann man der Lage in Israel damit gerecht werden, auch im hochsolidarischen Sinne nicht, noch versteht man auch nur irgendetwas von dem historisch-realen Antisemitismus, der nach Auschwitz führte. Man versteht reale Imperialismen nicht, man versteht Ökonomie nicht, man versteht die Rolle der US-Außenpolitik nicht, man versteht sozusagen herzlich wenig, trotz all der Mühe im Text zuvor. Man versteht nicht, wie tatsächlich Banken, Parteien und Versicherungen Ostdeutschland annektierten und auch nicht, was „völkisch“ heißt, da vor lauter honoriger Wertkritik ein ständig erwähntes Phänomen wie „Rassismus“ schlicht unterreflektiert bleibt, weil ja:

„Nicht die positive Besetzung des Differenten und Anderen, sondern eine grundsätzliche Kritik der normsetzenden Struktur sollte angestrebt werden“

Das war’s dann mit „Empowerment“, ihr naiven schwarzen und lesbischen Dinger!

Das Schöne für weiße, Heterosexuelle ist, dass bei diesem Diktum alles so bleibt, wie es ist. Weil auf eine in der Tat tragikomische Weise die Machtfrage nicht gestellt wird.

Gesellschaftliche wirksame Identitätsmodelle löst man ja nicht mal eben so auf, sondern dadurch, dass man Deviante – Schwarze, Juden Frauen, eben alles, was von whm abweicht – in gesellschaftliche Stellungen befördert, und das geht sogar, ohne dass man schon die Überwindung des Kapitalismus erreicht hätte. Dann können diese aktiv dazu beitragen, die Normen zu verschieben, weil sie die Macht dazu haben. Was in ehemals kolonisierten Gebieten wohl Jahrhunderte dauern wird, bis die gewaltsame Infiltrierung durch weiße Ideologien aus den Köpern und Köpfen verschwindet. Aber warum mit unterdrückten Völkern solidarisieren? Wäre ja „Antiimp“.

Das ist ja immer das ein wenig Zynische an Texten wie dem Verlinkten, bei dem dann alles immer noch schlimmer und noch totaler wurde: Ich kann nicht anders, als das, was z.B. die Gewerkschaften erreicht haben und was seit 20 Jahren wieder rückgebaut wird, als besser als das davor zu begreifen. So ein wenig Rente, statt mit 40 an den Folgen der Bergwerksarbeit zu krepieren, ist ja nun auch schon mal ein kleiner Schritt. Verzichtet man freilich auf den Imperialismusbegriff, so kann man gar nicht erläutern, wieso Arbeitsbedingungen im heutigen China so frappierend jenen im 19. Jahrhundert hierzulande ähneln und diese Rente ermöglicht haben. Auch wenn China keine Kolonie und postmaoistisch ist. Aber da wird es doch erst spannend. Bei all den Zizek-Anspielungen im Text: Dazu hat der Kluges formuliert.

Das ganze Unterfangen macht doch gar keinen Sinn, wie keiner besser als Theodor W. Adorno wusste, wenn man keinen Begriff von menschlichem Leid hat. Der fehlt in dem verlinkten Konvolut vollkommen. Stattdessen bekämpft man die „Queer-Szene“. Schade eigentlich. Aber die 17 Seiten davor sind ja ein Anfang 😉 …

 

 

Advertisements

34 Antworten zu “Was der Nachwuchs denkt und schreibt: Kapitalismuskritik im Zeckensalon

  1. Nörgler April 12, 2011 um 3:02 pm

    “ (…) halten sich die ‚antideutschen‘ Einsprengsel in Grenzen, so weit ich es überblicke, obgleich sie aufzufinden sind.“
    Sag das einem aus der „Exit“-Gruppe, und er springt Dir ins Gesicht. Du hast aber völlig recht.

  2. momorulez April 12, 2011 um 3:05 pm

    „Exit“? Diese Nazi-Aussteiger-Organisation? Wohl kaum 😉 …

  3. tiszlreferiszl April 12, 2011 um 9:42 pm

    yo! Freax. Erstma danke, daß ihr meinen Text so aufmerksam studiert habt. Bei diesem handelt es sich, wie in der kurzen Einleitung erwähnt, um „eine sehr holzschnittartige, lückenhafte und leicht verständliche Darstellung wertabspaltungskritischer Theorie, die in Inhalt und Form nicht mal ansatzweise an das Original heran reicht“. Ich bin auch lediglich interessierter Laie bez. dieser Form der Gesellschaftskritik und kann also nicht ernsthaft für z.b. Exit! sprechen/schreiben, sondern versuche diese, meiner Ansicht nach sehr konsequente, interessante und diskutierenswerte Form der Kapitalismuskritik möglichst niedrigschwellig darzustellen.
    Beim Zeckensalon wird lediglich der Mittelteil „Grundformen kapitalistischer Normalität“ referiert um eine Diskussionsgrundlage zu haben.
    Die Leute vom Zeckensalon haben nichts mit meinem Text zu tun, das is da alles sehr heterogen und es wäre falsch die Zeckensaloncru damit allzu sehr in Verbindung zu bringen. Lediglich der Wunsch die vergangenen Proteste mit grundsätzlicherer Gesellschaftskritik zu unterfüttern könnte konsenzfähig im Orgakreis sein.
    Nun kurz zu eurer Kritik: Die kurze Auseinandersetzung mit linken Szenen, Bewegungen und Theorieansätzen am Ende des Textes ist eine extrem komprimierte Zusammenfassung kritischer Szenereflexion seitens der Wertabspaltungskritik. In der Kürze geht da einiges unter und das bietet zahlreiche Möglichkeiten zur Fehlinterpretation. Hätte ich besser ma ganz weg lassen sollen, gelle. Checkt ma deren Homepage für bessere Infos: http://www.exit-online.org
    Bez. Eurer Unterstellung ich bzw. die Leute vom Zeckensalon seien Homophobiker, kann ich nur sagen: Stimmt nicht… (und das mit „queerfrontkompatibel“ is meiner rechtschreibschwäche geschuldet. dachte wirklich quer wird queer geschreiben…)
    Die Kritik von Roswitha Scholz (auf die ich mich zu dem Thema in dem Text beziehe) an der Queerszene folgt nicht einer homophoben Intention, sondern ist eher ihrem Interesse an konsequentem Feminismus und grundsätzlicher Kritik des warenproduzierenden Patriarchats geschuldet, wenn ich das richtig verstehe. Queerer lifestyle ändert laut Scholz relativ wenig am warenproduzierenden Patriarchat und der geschlechtlichen Abspaltung, wenn eine radikale Form/Metakritik ausbleibt (was Metalustleuten ja eigentlich ganz gut gefallen dürfte). Queerer lifestyle wird dann zahm und passt ganz gut zur neoliberalen Gesellschaft des Spektakels, die es durchaus versteht auch die zahnlos gewordene Kritik zur Ware zu machen. Außerdem kann das „Andere“ ja, wie im Text erwähnt, auch zur Bestätigung der Norm beitragen. Ich selbst finde Rückzugs- und Freiräume (und euer Empowerment) super wichtig, auch wenn da immer die Gefahr der Selbstghettoisierung und so ner komischen identitären Schubladenbildung besteht.
    Nen Vortrag von Roswitha Scholz zum Thema gibts übrigens hier: http://audioarchiv.blogsport.de/2010/09/03/die-verwilderung-des-patriarchats-in-der-postmoderne/#more-389

    Abschließend is vll. noch anzumerken, daß es bei der Wert-abspaltungskritik um Kapitalismuskritik geht und nicht darum, wie das Leben im Kapitalismus schöner, bunter, erträglicher, etc. gemacht werden kann. Auch wenn sicherlich keine dieser Theoretiker_innen eine Verschlechterung im Kapitalismus begrüßen würde…
    Die anderen Fehler/Kritikpunke die ihr gefunden habt, sind umständlichen Formulierungen meinerseits und Missverständissen geschuldet, die wir gerne dann beim Zeckensalon diskutieren können.
    Sodele, bin müde. Vll. sehn wir uns ja dann beim näxten Zeckensalon ma in echt… nächti. tiszl

  4. momorulez April 12, 2011 um 10:29 pm

    Danke für die ausführliche Erläuterung! Ich zicke zwar ständig rum, meine das aber eigentlich konstruktiv in voller Solidarität mit solchen Texten wie auch mit dem Zeckensalon. Weil ich ja auch finde, dass man die Sozialromantiker-Proteste vertiefend fort schreiben muss …

    Bei dieser Kritik an dem ach so angepassten, queeren Lifestyle der „Happy Few“ und tatsächlichen Formen ziemlich oberflächlicher Verbürgerlichung in der schwulen Szene ist, ähnlich wie bei den ja auch nicht nur falschen „Homonationalismus“-Ansätzen, dass die als Binnenkritik in den Schwulen- und Lesbenszenen funktionieren, da durchaus ganz treffsicher sein können, aber ratzfatz in tatsächliche, nicht notwendig bewußte Reproduktion homophober Muster umschlägt, wenn man sie in heterosexuelle Welten transferiert – die Muster, man dann bis in die taz hinein verfolgen kann. Mein Blog ist voll von Kommentaren Dritter, die das belegen.

    Die „Ghettoisierung“ erfolgt ja zudem aus so schlichten Gründen wie der Möglichkeit der Partnersuche und einfach deshalb, weil es ganz gut tut, in bestimmten Umfeldern mal nicht die Ausnahme zu sein. Dass ich nun gerade im St. Pauli-Umfeld, anders als zumeist im Leben außerhalb des Netzes, sehr massiv und auch aggressiv die Schwulenperspektive einnehme, soll nun gerade der Ghettobildung entgegen wirken. So sei auch mein Kommentar verstanden.

    Und feministische Ansätze, die von Schwulen fordern, ihre Rolle im Patriachat zu hinterfragen, sind völlig richtig – es passiert dann nur oft, dass auf einmal nur noch – ganz wie in der traditionellen Sexualwissenschaft – über die „Abweichung“ und nicht mehr die heterosexuellen Muster geredet wird, die ja das Scharnier zur Kapitalismuskritik bilden. Und diese Muster stellt noch der spießigste Schwule infrage, ob er will oder nicht. Die Fortpflanzer/Ernährer-Einübung wird aufgebrochen, und selbst dann, wenn das in Konsumentenrollen umschlägt, sitzt es als Stachel in der Maschinerie. Zudem sich – nicht im konkret sexuellen Sinne – die aktiv-passiv-Frage und somit ein konstitutives Element des Trainings zum „Macher“ in schwulen Beziehungen ebenso fundamental anders stellt, weil sie stets „auszuhandeln“ ist, wie auch eine vorfertigte Machtkonstellation in der Geschlechter-Beziehung nicht gegeben ist. Das ist für unsere Ultras ein ungemein wichtiger
    Punkt, der schlicht der Reflektion bedarf, die ja gerade in letzter Zeit mir zumindest doch stark in klassisch-patriachalen Habitus zu verfallen scheinen.

    Zusammengefasst: Mensch muss Weißsein, Heterosexualität und Mannsein in den Mittelpunkt der Analyse stellen, auch und gerade in kapitalismuskritischer Hinsicht, weil das die funktionalen Reproduktionsscharniere des „automatischen Subjekts“ sind.

    Der andere Punkt, für den mir Dein Text schlicht ein Geschenk war, ist diese groteske, „antideutsch“ inspirierte „Antiimp“-Kritik, bei der ich immer die Befürchtung habe, dass die gerade bei sich als „linksradikal“ Verstehenden greift. Und das ist fatal; es war mir wichtig, den Punkt auszubauen, falls jemand mitliest.

    Insofern eigentlich ein Danke für die Arbeit, die Du Dir machst, prinzipiell vollste Unterstützung, und der große Bogen, den Du spannst, das „Zurück zu Marx mit Robert Kurz“ ist prima, und Danke auch für die Links!

    Vielleicht schaffe ich es ja zum Zeckensalon.

  5. momorulez April 12, 2011 um 10:45 pm

    PS: Was ich nun gar nicht schnalle, ist, wieso dieser unsägliche Martin Dornis auf eurer Seite als Autor auftaucht, der exakt dieses Textverbrechen begangen hat, auf das ich anspiele, dass Queer-Theorie direkt in den Faschismus münden müsse. Und das in der „Bahamas“. Das ist in Zeiten, in denen Evangelikale halb Afrika mit Büchern „The pink Swastika“ überschwemmen und allerorten die Behautpung der „schwulen Nazis“ auftaucht, echt nicht witzig, zudem die Herleitung in seinem Text wirklich absurd war. Der bildete ein wenig den Hintergrund meiner Intervention.

    Na, ich lese da mal weiter rum …

  6. momorulez April 12, 2011 um 11:11 pm

    Verrückt (jetzt verfasse ich hier schon Selbstgesprächsprotokolle): Nie was von „Exit“ gehœrt, Schande über mich, und doch kenne ich fast jede These, die ich da eben beim Querlesen fand.

    Verlinke noch mal den Selbstverständnis-Text:

    http://www.exit-online.org/text.php?tabelle=selbstdarstellung

    weil der sozusagen ins Zentrum dessen ragt, worüber wir uns hier seit Jahren kabbeln. Die Postmoderne-Kritik find ich ja etwas beliebig 😉 – ist aber trotzdem was dran.

    Eine lesbische oder schwule Perspektive wird tatsächlich allerdings systematisch ausgeklammert. Allmählich scheint mir, dass die viel gefährlicher für das Selbstverständnis linker Männer ist, als ich bisher gedacht hätte.

    Trotzdem erfrischend, wie auf der Seite Thesen gerade gerückt werden, die in all den“antideutsch“ inspirierten Blogs nur noch verballhornt und zu reiner Agitation missbraucht rumwesen.

  7. argolis April 13, 2011 um 6:34 am

    Was ich nun gar nicht schnalle, ist, wieso dieser unsägliche Martin Dornis auf eurer Seite als Autor auftaucht, der exakt dieses Textverbrechen begangen hat, auf das ich anspiele, dass Queer-Theorie direkt in den Faschismus münden müsse.

    Dornis hat den Kreis um die Exit – die übrigens eine Theoriezeitschrift ist – wieder verlassen. Carsten Weber hat das in „Festung MWW“ kommentiert.

    Dass der auch mal für die Bahamas geschrieben hat, war mir gar nicht klar.

  8. momorulez April 13, 2011 um 8:05 am

    Danke! Auch für die Aufklärung noch mal zu „Exit“, peinlich, dass ich das wieder nicht mit gekriegt habe – bin auf dem Sektor aber auch echt nicht firm.

    Der konkrete Anstoss meiner Empörung des Herrn Dornis findet sich hier:

    http://redaktion-bahamas.org/aktuell/110121leipzig-dokumentation.html

    was bei so einem Sektenblättchen nicht so wichtig wäre, wenn ähnlicher Murks nicht sowohl von der religiösen und sonstigen Rechten aus den USA wie auch manchen Feld-, Wald- und Wiesenlinken hier gestreut würde.

  9. Nörgler April 13, 2011 um 8:54 am

    In der Vergangenheit fiel hier und bei Che immer mal wieder der Name des Robert Kurz. Das ist „Exit“. Von Kurz stammt auch eine umfängliche „Antideutschen“-Niedermachung: „Die Antideutsche Ideologie“.
    Wenn es allerdings um das Thema Israel geht, argumentiert ein Teil der „Exit“-Leute, darunter Kurz, in einer Weise, die dem antitoitschen Gejodel nicht ganz unähnlich ist. Da gab es intern auch schon mal einen schweren Konflikt.

  10. momorulez April 13, 2011 um 9:15 am

    Kurz hatte ich ja auch schon häufiger erwähnt; das „Marx lesen!“ empfehle ich ständig fröhlich weiter. Und diese Streitschrift gegen die „Antideutschen“, über die habe ich auch mehrfach gelesen, sie selbst allerdings noch nicht. Die Zeitschrift war halt nicht gelãufig.

    An einigen Texten da fand ich eher spannend, dass sie das, was als „struktureller Antisemitismus“ ins Absurdeste gewendet durchs Netz geistert, mit seinem rationalen und realhistorischen Gehalt konfrontieren ( wenn auch der Passus zum „raffenden“ und „schaffenden“ Kapital etwas verkürzt erscheint, den ich da gestern gelesen habe). Damit hat man aber zumindest die Möglichkeit, „antideutsch“ Verblödeten was an die Hand zu geben, wo die nicht gleich aufschreien.

    Zum Thema Israel wird man aus dem Enkel- und Urenkel der Täter-Land, glaube ich, noch in 100 Jahren nix Vernünftiges zu lesen bekommen.

  11. argolis April 13, 2011 um 10:51 am

    Der konkrete Anstoss meiner Empörung des Herrn Dornis findet sich hier:
    http://redaktion-bahamas.org/aktuell/110121leipzig-dokumentation.html

    Ach … das war ja grad erst. Noch im Juni 2010 hat Dornis es sich strikt verbeten als Antideutscher bezeichnet zu werden. Und Jetzt macht er Veranstaltungen mit dem Wertmüller und faselt von der „zivilisatorischen Mission“ des Kapitals? Nicht zu fassen. Der scheint sich zu einer ähnlich verwirrten Gestalt wie der Elsässer zu entwickeln.

  12. momorulez April 13, 2011 um 10:58 am

    Es ist wirklich gruselig, und man fragt sich wirklich, wieso diese Varianten der „Pink Swastika“ („Queer-Bündnis mit der Hamas“ und allerlei andere Nummern, die in ein ähnliches Horn stoßen und ja ncht nur durch dieses Butler-Interview initiiert wurden) gerade allerorten aufploppen. Das ist schon bedrohlich.

    Zur Vertiefung für ggf. Mitlesende zum Thema „Robert Kurz kritisiert Antideutsche“:

    http://www.trend.infopartisan.net/trd1003/t011003.html

  13. Loellie April 13, 2011 um 12:00 pm

    Nur so am Rande. Das war kein Interview sondern eine Q&A im Anschluss an eine Vor/Lesung von Butler. Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass es sich um eine sogenannte und zur Zeit unter rechten Studenten sehr beliebte „sting-operation“ rechter Studenten handelte. Das massiv zurechtgeschnittene Video, das zuerst zirkulierte, legt dies nahe.

    Die Nummer mit Butler kann man fast noch unter Ulk verbuchen, unlustig wird es, wenn derart erfundene Skandale Politik bestimmend werden, wie das aktuell bei Planned Parenthood der Fall ist. PP ist eine Beratungsstelle mit angeschlossener ambulanter medizinischer Versorgung die, zu einem geringen Anteil aus dem Bundeshaushalt finanziert, von fast einer Million unversicherter Menschen, meist Frauen, in Anspruch genommen wird.
    Dann bewaffnen sich zwei als Zuhälter und Prostituierte verkleidete Studenten mit einer Video-Cam und wünschen Beratung, wie das denn so funktioniert mit der medizinischen Versorgung ihrer auf mehrere Bundesstaaten verteilten minderjährigen Prostituierten, weil die ja keine Aufenthaltsgenehmigung haben und wohl die eine oder andere Abtreibung fällig wäre …
    Natürlich haben die Mitarbeiter sofort das FBI eingeschaltet und dennoch wäre es letzte Woche wegen PP fast zum Regierungs „shut-down“ gekommen. Das hätte bedeutet, dass sämtliche Gelder der Regierung eingefroren worden wären.

    Ich frag mich gerade, ob das so verkürzt überhaupt nachvollziehbar ist, aber, anyways, fehlt mir gerade die Lust um mich über diesen Dörnis aufzuregen und ob ich in endlicher Zeit dazu komme, die ganzen Links nachzulesen weiss ich nicht.

  14. momorulez April 13, 2011 um 12:13 pm

    Schön aber, dass Du mal wieder da bist!

    Ich meinte das nach der Ablehnung des CSD-Preises geführte Interview, nicht diese ursprüngliche Lachnummer, die dann um die Welt ging. Das tatsächlich bei Fussballfans anderer Vereine auf ganz besonders fruchtbaren Boden fiel.

    Da konnten die Pseudo-Anti-Antisemiten all ihrem Hass auf Lesben, Frauen im Allgemeinen und Feministinnen im Besonderen und sich nicht ihren Doktrinen gemäß artikulierenden Juden gleichermaßen freien Lauf lassen. Um mal in deren Rhetorik zu verfallen 😉 … und nur Ulk ist das ja nie. Das ist ja der Vorteil an der vielgescholtenen „Diskursanalyse“, dass man das Einsickern bestimmter Meme in den Mainstream auch bei denen, denen die theoretischen Hintergrunddebatten zu anstrengend sind oder die auch noch nie von denen gehört haben, ganz gut nachvollziehen kann.

    Dieser PP-Fall liest sich aber auch finster …

  15. tiszlreferiszl April 13, 2011 um 12:26 pm

    Hallöle. Erstma bin ich froh, daß du nicht komplett sauer und gepisst bist von dem Text und das eher solidarisch-kritisch meinst…
    Von einem schweren internen Konflikt innerhalb von Exit! würde ich bez. der Israelthematik nicht sprechen. Aufgrund des Doppelcharakters Israels (Einerseits banal kapitalistisch-verfasstes Land mit all den daraus resultierenden Konflikten nach innen und außen. Andererseits ein von den Überlebenden der Shoah selbst gewählter institutionalisierter Schutzraum gegen Antismenitismus, der (also der Antisemitismus) gerade in Krisenzeiten mörderischste Auswüchse hervorbringt) ist es durchaus möglich einerseits die Solidarität mit Israel einzufordern und andererseits gegen bestimmte Auswüchse der sog. Antideutschen zu polemisieren (is ja nicht so, daß die Solidarität mit Israel (und der Kampf gegen Antisemitismus) nur für sich als „antideutsch“ definierende Personen möglich ist).
    Es gibt einige inhaltliche Überschneidungen mit angeblich antideutschen Positionen (wobei dieses „antideutsch“ ja mitlerweile selbst sehr heterogen und fragmentiert is), die sich ja auch teilweise auf wertkritische Kapitalismuskritik beziehen (und oft so tun, als hätten sie das erfunden…). Die Kritik an den sog. Antideutschen von Exit! richtet sich in der Hauptsache an Bahamas und ISF. Die Schwerpunkte der Kritik sind in meinem Text kurz angedeutet.
    Insgesamt wird aus perspektive der Wert-Abspaltungskritik so ziemlich jede linke Szene und Theorie eines kritischen Blickes unterzogen, was aber nicht gleich zu setzen ist mit „bekämpfen“.
    Es geht hier eher um inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Ziel die Kritik zuzuspitzen und zu radikalisieren. Deshalb werden auch immanente Verbesserungen und reformistische Kämpfe nicht direkt mit revolutionärem Pathos beträufelt, sondern auf ihren tatsächlichen emanzipatorischen Gehalt überprüft (welcher an der der kategorialen, grundsätzlichen Kapitalismuskritk gemessen wird).
    Allgemein bekämpft die Wert-Abspaltungskritk nicht die im Text angesprochenen Szenen, sondern versucht solidarisch-kritisch zu intervenieren, wo das möglich ist.
    Wenn das mit dem „bekämpfen“ in dem Text bezüglich der Queer-Szene so rüber gekommen ist, dann finde ich das voll kagge und ich möchte mich dafür entschuldigen. Es geht mir, ganz im Gegensatz dazu, darum Homophobie zu bekämpfen (hier ist das mit dem bekämpfen schon eher angebracht).
    Das mit dem positiven besetzen des „Devianten, Anderen, etc.“ ist eher darauf zurück zu führen, daß Linke oft potentielle revolutionäre Subjekte suchen und dann anfangen das irgendwelchen Gruppen, Szenen, Bevölkerungsgruppen, sog. „unterdrückten Völkern“, etc. paternalistisch aufoktroyieren (geht dat so geschrieben???).
    Es ist aber, denke ich, nicht so, daß Menschen die unter der bekackten Norm leiden bzw. davon benachteiligt sind per se emanzipatorisch-kritisch unterwegs sind, sondern auch von Rassismus, Sexismus, Homophobie, sozialdarwinistischen Ideologien, etc. nicht komplett frei sind (was ja irgendwie auf alle zutrifft, gelle).
    Was die Kritik an der anitimperialisitschen Szene angeht, so ist daraus nicht zu folgern, daß Imperialismus für was Tolles befunden wird. In dem Buch Weltordnungskriege wird sehr plausibel beschrieben, wie sich der Imperialismus innerhalb der kapitalistischen Modernisierung gewandelt hat (von Welteroberungsimperialismus zum Sicherheitsimperialismus, megaplatt zusammengefasst).
    Dem Antiimperialismus wird vorgeworfen nach einem Gut/Böse-Dualismus und Sündenbockdenken zu verfahren, welches eben nicht zu einer kategorialen, grundsätzlichen Kritk des kapitalistischen Weltsystems gelangt, sondern auf der romatischen Verklärung widerständiger „Völker“ einerseits und dem bösen Imperium (mit Zentrum in den USA, gerne auch gemeinsam mit Israel bzw. den Zionismus) das die Welt versklavt, andererseits. Dass hinter den konkreten Erscheinungen die selbstzweckhafte blinde Dynamik des „automatischen Subjektes“ den Takt bestimmt und die Menschen in einer Fetischkonstruktion gefangen sind, wird dabei unterschlagen und es verbleibt ähnlich dem immanenten Konflikt zwischen Kapital und Arbeit beim soziologisch verkürzten, moralischen anprangern der vermeintlichen Macht. Wer diese Macht sein soll und welche Peronengruppen dahinter vermutet werden könnten, ist allerdings durchaus austauschbar und dann kann dieses Denken gefährliche Züge annehmen. Deshalb auch „querfrontkompatibel“, was ein Blick auf den völkischen „Antikapitalismus“ der Rechten verdeutlicht. An diesem Punkt ist es für emanzipatorische Kritik wichtig nicht in völkisches und/oder antisemitisches Fahrwasser zu gelangen… Beispiele für den Wechsel von ganz Links nach ganz Rechts gibts ja durchaus.
    Was die Forderung nach Gleichberechtigung und Empowerment angeht würde ich sagen, daß es das Ziel einer postkapitalistischen Gesellschaft sein muss, für alle Menschen der Erde gute Lebensbedingungen zu schaffen und daran zu arbeiten, dasz alle Menschen den Zugang zu den gesellschaftlichen Reichtümern und Ressourcen haben. Nur jene grenzenlose, globale Form der gesellschaftlichen Vernetzung und des „Stoffwechselprozesses mit der Natur“ kann diese ganzen beschissenen Ideologien und Ausgrenzungen, welche die kapitalisitische Dynamik selbst hervorgebracht hat, im Keim bekämpfen. Innerhalb kapitalistischer Verhältnisse sprudeln immer wieder neue Rassismen, Sexismen und Biologismen hervor, auch wenn immanente Verbesserungen und Bestrebungen nach Gleichberechtigung (innerhalb der ausgrenzenden Struktur) zu begrüßen sind und ggf. auch eine wichtige Grundlage für weiter gehende Kritk sein können.
    Zu der Ideologiekritik gehört übrigens auch eine Subjektkritik die sich insbesondere auf das MWW (männlich-westlich-weiss) fokussiert. Aber auch die anderen Subjekt- und Identitätskonstruktionen, die den Menschen innerhalb der Wert-Abspaltung aufgeherrscht werden, sind zu kritisieren.
    Mehr fällt mir aktuell nicht ein. Danke nochma für die Rückmeldung und die Kritik am Text. LG. tiszl

  16. momorulez April 13, 2011 um 1:25 pm

    Danke für Deine lange Antwort! Die ist auch insofern prima, weil man anhand derer wirklich prima weiter ausarbeiten kann, was im Falle des FC St. Pauli wie auch weit darüber hinaus aktuell zu diskutieren ist und seit Jahren Thema in diesem Blog. Uralte Hüte wie eben das Verhältnis Theorie und Praxis, Theorie und Empirie, aber auch brandaktuelle wie die Frage danach, wie man die an Marx anknüpfenden Ansätze mit der Frage nach Antisexismus, was in eurem Ansatz zum Teil ja ganz gut gelingt, und jenem nach Antirassismus und dem Kampf gegen Homophobie verknüpfen kann. Und da sehe ich einiges in Deinem Kommentar als durchaus problematisch. Dazu heute Abend mehr!

  17. Nörgler April 13, 2011 um 1:34 pm

    Ach ja, der „Schutzraum“. Von dem erzählen die „Antideutschen“ auch immer. Aber von einem Raum, in dessen Inneres die Raketen einschlagen, möchte ich lieber nicht beschützt werden. Und wenn Du, Tiszlreferiszl, einen Raum, in dem die Schulbusse mitsamt Kindern in die Luft fliegen, für einen Schutzraum hälst, dann möchte ich nicht wissen, was Du Dir unter einem Gefährdungsraum vorstellst.

  18. momorulez April 13, 2011 um 2:02 pm

    Na ja, das mit Israel Schutzraum für weltweit vom Antisemitismus Verfolgte sehe ich schon auch so wie auch die Begründung in der Historie. Wobei ich als einer der wenigen Forderungen Broders immer noch die Einrichtung eine zweiten, jüdischen Schutzstaates auf dem Terrain Schleswig-Holsteins für bedenkenswert halte 😉 …

    Es ist einfach, dass Antisemitismus auch aktuell mörderische Züge annehmen kann. Eine prinzipielle Solidarität mit Israel halte ich für geboten, im Sinne linker Politik enthebt einen das aber nicht der prinzipiellen Solidarität mit dem Rest der Menschheit, sonst ist es irgendeine andere Form von Politik.

    Diese „Schutzraum“-These kann nur bestimmte politische und militärische Praxen nicht legitimieren, und da liegt dann der Hase im Pfeffer – das oft gar nicht mehr gefragt wird, wo tatsächlich Selbstverteidigung und wo irgendetwas anderes stattfindet von denen, die analytisch unsinnig (und darüber hinaus …) die Gleichung „Israel = Der Jude an sich“ vollziehen.

    Butler, Benhabib und andere jüdische US-Denkerinnen regen ja eben deshalb an, Israel sehr wohl noch als Schutzraum für von Antisemitismus Verfolgte, aber nicht mehr als jüdischen Staat zu begreifen, also die Antisemitismusfrage von der nationalen zu entkoppeln. Ich kann dazu gar keine Position beziehen können, wie auch, frage mich aber immer, wieso bei solchen Gedanken so ein Shitstorm entbrennt.

  19. Nörgler April 13, 2011 um 4:30 pm

    „Butler, Benhabib und andere jüdische US-Denkerinnen regen ja eben deshalb an, Israel sehr wohl noch als Schutzraum für von Antisemitismus Verfolgte, aber nicht mehr als jüdischen Staat zu begreifen“
    Eher umgekehrt wird ein Schuh daraus: Es käme darauf an, Israel als Staat jüdischer und nichtjüdischer israelischer Staatsbürger zu begreifen, und die irreale Schutzraumbehauptung fallen zu lassen, da sie faktisch nicht stimmt: Nirgendwo auf der Welt sind Juden gefährdeter als in Israel – „Schutzraum“ geht anders.
    Die empirisch falsifizierte Schutzraum-Hypothese funktioniert nur noch als rhetorisches Kampfmittel, indem jedem, der nicht sämtliche Haupt- und Staatsaktion Isreals bejubelt, angehängt wird, dass er den „Schutzraum der Juden“ attackiert. Wer aber dies tut, will die Juden schutzlos machen, damit sie vernichtet werden können.

  20. momorulez April 13, 2011 um 4:32 pm

    Okay, das verstehe ich. Also, was Du meinst, meine ich.

  21. tiszlreferiszl April 13, 2011 um 5:02 pm

    @ Nörgler: Die frage ist, ob dann die Verknüpfung Israel = die Juden aufhören würde? Finde es gruselig, daß dieser „Schutzraum“ wohl tatsächlich kaum einer mehr ist. Dies könnte bestätigen, daß „die Juden“ ein weiteres mal als Sündenbock und Projektionsfläche herhalten müssen und leider scheint sich Vieles der antisemitischen Projektionen hierbei auf den Staat Israel zu entladen. Oder sind „die Juden“ mal wieder selber Schuld am antisemitischen Vernichtungswillen? Diese Unterstellung fänd ich ekelhaft und es empfielt sich durchaus in dem Zusammenhang auch mal den aus Deutschland/Europa importierten Antisemitismus bei Teilen des politischen Islam (z.b. bei Hizbollah und Hamas) genauer zu untersuchen.
    Ich bin aber kein Experte auf dem Gebiet und hab da viele Wissenslücken (wie eigentlich auch sonst so). Insgesamt denke ich, daß es die unseelige Verknüpfung von Juden und Geld bzw. Macht solange gibt wie es die fetischistische, subjektlose Herrschaft des „automatischen Subjektes“ also des globalen Kapitalismus gibt. Das war übrigens auch damit gemeint, als ich in meinem Pamphlet versucht hab darzustellen, dasz der Kern des antisemitischen Vernichtungswahns im NS darin zu suchen ist, dasz der unverstandene Kapitalismus durch den Mord an seiner immaginierten Abstraktion überwunden werden sollte. (Eine hörenswerte Radiosendung dazu gibt es beim Audioarchiv: http://audioarchiv.blogsport.de/2009/03/03/die-negative-fabrik-auschwitz/)
    Deshalb erscheint es mir alternativlos den Antisemitismus, notfalls auch mit Gewalt wenn es nicht anders geht (und hier gibt es tatsächlich die berechtigte Frage, was da legitim und sinnvoll ist und was nicht. da hab ich auch keine Antwort zu), zu bekämpfen (das gilt auch für Rassismus, Sexismus, Antiziganismus, etc.).
    Schwieriges Thema und ich hab da wie gesagt auch nicht so den Plan…
    Wichtig erscheint mir auch die Frage, was denn ne lebenswerte Perspektive für die Menschen in Palästina wäre. So lange es dort die Hamas gibt, scheint jegliche Perspektive verbaut, irgendwie…
    Zurück zu Robert Kurz unso. Was haltet ihr hiervon: http://www.youtube.com/watch?v=LqNC6fd4ikI ???

  22. momorulez April 13, 2011 um 9:23 pm

    Puuh … ich sag mal so: Die Auseinandersetzung mit dem Islamismus scheint tatsächlich nicht zu den Stärken von Robert Kurz zu gehören. Ebenso, wie sein Begriff von „Postmoderne“ rein gar nichts auszusagen scheint, sondern eher als Wortfetisch durch die Gegend gaukelt.

    Und dass die Nazis den Kapitalismus und nicht etwa Juden umbrachten, halte ich für Juden gegenüber auch nicht nett, mal sehr gelinde formuliert. Es ist auch sachlich falsch. Und negiert ziemlich perfide jüdische Erfahrungen. Ich hab mal einem jüdischen, schwulen Bekannten diese Konstrukte erzählt, weil der sich wunderte, dass so viele junge Deutsche in deren Gemeinde eintreten wollten, rette sich, wer kann, der wollte mir gar nicht glauben, dass es diese Theorien gibt. Und mit der Erfahrung, dass seine Oma in Majdanek ermordet wurde, konnte er das nicht verbinden, noch nicht mal hypothetisch-theoretisch.

    Ebenso wenig ist es zutreffend, bestimmte Auswüchse der israelischen Politik nunmehr mit „der Jude“ zu identifizieren, um dann jenen, die sagen, dass diese Auswüchse zur Sicherheit von Juden in Israel gerade NiCHT beitragen, unterzuschieben, sie wollten behaupten, dass Juden am Antisemitismus schuld seien.

    Das sind doch diese Textbausteine, die, in Diskussionen hierzulande geäußert, nun so rein gar nix zu einer Analyse des Kapitalismus und was schlimm an seiner Funktionsweise ist, beitragen. Ich halte zu dem Thema normalerweise auch die Klappe, siehe oben, nicht aus irgendeiner mangelnden Solidarität, sondern weil das nun der denkbar schlechteste Ort ist, 150 km nördlich von Bergen-Belsen Antisemitismus im Jemen zu bekämpfen als jemand, der in Deutschland aufgewachsen ist und dessen Vater Noch Pimpf war.

    Ich verhandel dann doch gewissermaßen notwendig was anderes als Antisemitismus im Jemen, schon, weil dieses Grauen, an dem meine Familie beteiligt war, in irgendeiner Form auf mich wirkte, als ich anfing, mit dem Thema mich zu beschãftigen. Und manchmal kommt es mir so vor, als würde versucht, sich mittels der Instrumentalisierung Israels schnell auf die „richtige Seite“ zu schlagen, gerade UM sich NICHT mit dem beschäftigen zu müssen, was die Shoah möglich machte.

    Und dann kommen praktischerweise Islamisten ins Blickfeld, auf die man dann alles projizieren kann, was man durch schematischen und symbolischen Seitenwechsel an sich selbst nicht mehr zu analysieren braucht. Und, noch praktischer, dadurch braucht man sich mit Kolonialgeschichte zum Glück auch nicht mehr beschäftigen und kann stattdessen in Klammern süffisant auf den „Sexismus“ von PoC verweisen, so vollends aufgeklärt.

    Da stimmt der Standpunkt nicht, von dem aus man spricht. Der Weltgeist sind wir ja nun alle nicht, empirisch weiß kaum einer, was in den Köpfen von Kids vorgeht, die im Iran oder Tunesien zufällig Videos zur Märtyrerrekrutierung in die Finger bekommen. Stattdessen wird aber ganz großartig noch nicht mal dialektisch in Schemata wie „Antiamerikanismus“, „Islamismus“ etc. gedacht, und die Empirie bleibt auf der Strecke. Man referiert die Weltlage aus einer letztlich rein begrifflichen Perspektive, wie Kurz wider besseren Wissens auch noch die Berufung auf China und die Sowjetunion einbaut, ist unlauter, weil er weiss, wie randständig das in der zumindest westdeutschen Diskussion war – und die Welt dreht sich verhãltnismäßig unberührt weiter.

    Das ist kein Plädoyer für ein Praktischwerdensollen der postmarxistischen Großtheorie, aber schon eines dafür, sich klar zu machen, was man da macht, wenn man Theorie betreibt, die eigene Rolle als gesellschaftlicher Akteur zu hinterfragen und bloß nicht zu glauben, man würde durch diese begrifflichen Rekonstruktionen Politik betreiben.

    Was das Thema u.a. der Postmoderne war. Und ich würde schon anmerken wollen, dass die empirischen Defizite auch der Kurzschen Herangehensweise der Preis dafür sind, dass sie sich so großartig liest.

    Das alles war Thema der früheren postmodernen und postrukturalistischen Kritik, man glaubt es kaum, auch Empirie, hingucken, sich nicht hinter den „großen Erzählungen“ verschanzen, Historie analysieren, statt Geschichtsphilosophie zu betreiben. Das vermochte den Blick zu öffnen für das, was die „postcolonial studies“ betreiben, und man war weit entfernt davon, sich nun ironisch darüber zu erheben, dass irgendwelche „Gutmenschen“ finden, dass man als „Völker“ permanent sozial Produzierte doch bitte nicht unterdrücken solle, weil viele von denen nichts zu verlieren haben als ihre Ketten und man das nicht in Ordnung findet. Ein Aspekt, der irgendwie verschwunden scheint aus der Diskussion, dass das permanente Anheizen von Kriegen in afrikanischen Staaten zur Rohstoffsicherung verhältnismäßig wenig mit „strukturellem Antisemitismus“ zu tun hat, aber sehr viel mit postimperialer Politik der USA und europäischer Staaten. Dabei steht das sogar eindrucksvoll in Zizeks „Auf verlorenem Posten“, wo auch viel Mist drinnen steht. 5 Millionen Tote in den Kongolesischen Kriegen sind ja nun auch nicht nichts, da dann „Du proklamierst Antiamerikanismus“ ist im engeren Sinne sinnlos, weil es die Funktionweise konkreter Institutionen hinter einem Wust aus begrifflichen Oppositionsbildungen verschwinden lässt.

    Es ist nun freilich viel praktischer, weil einfacher, jegliche Diskussion auf Israel zuzuspitzen, statt sich mit solchen Unübersichtlichkeiten zu befassen. Das finde ich tatsächlich ärgerlich.

  23. che2001 April 13, 2011 um 9:39 pm

    Auch wenn ich mir die Pfoten schartig tippe, diese Leute halte ich für einen Teil der Lösung. Gadi ist ein alter Genosse von mir:

    http://archiv2007.sozialisten.de/politik/publikationen/disput/view_html?zid=2595&bs=1&n=17

  24. tiszlreferiszl April 13, 2011 um 9:48 pm

    hey momorulez. fürchte ich bin an dieser stelle raus, da mir die skills fehlen um zu verstehen was du schreibst und ich schätze eine antwort würde nur weitere missverständnisse zur folge haben… könnte ggf. daran liegen, daß wir beide andere zugänge und begrifflichkeiten zum thema (fragt sich mittlerweile welches???) haben, was die verständigung in dieser form schwer macht. hab bspw. null plan von poststrukturalistischer theorie und bin mir auch nicht sicher, ob ich was daran ändern will…
    vll. bis zum zeckensalon (vor dem ich jezz echt schiss hab… hätte große lust das zu kniggn. kapitulation ohohoo …). lg. tiszl

  25. momorulez April 13, 2011 um 10:12 pm

    Eigentlich war ich Schritt für Schritt auf das eingegangen, was Du schreibst, deshalb wundere ich mich über die Antwort – und der Postrukturalismus-Bezug und einiges andere ergab sich aus dem Youtube-Robert Kurz-Dingens, weil er da über die Postmoderne philosophiert, na, dilettiert in agitatorischer Absicht, und das bildet einen Brei mit dem Postrukturalismus-Thema. Manches, was Du schreibst, immunisiert sich gegen postmoderne und postrukturalistische Ansätze, ohne das zu wissen, anscheinend, und Kurz auch. Und das ist bei aller berechtigten Kritik an vielen Ansätzen aktuell echt ein Problem, weil eben auch ein Rollback. Ebenso wie die hochgradig entdifferenzierte Islamismus-Debatte. Der Zizek-Bezug, weil er in „Die Tücke des Subjekts“ die Kritik an den queeren Ansätzen vorbereitet hat mit arg paternalistischem Gestus, dachte, Du würdest Dich implizit darauf beziehen.

    Aber, um Mut zu machen: Der wert- und patriachatskritische Teil Deiner Ausführungen wie auch der historische Abriss zu den Stufen der kapitalistischen Entwicklung ist in jedem Fall eine Bereicherung für den Zeckensalon. Keine Sorge!

  26. momorulez April 13, 2011 um 10:15 pm

    @Che:

    Schœn, dass Du vorbei schaust! Auf Dich hoffe ich doch schon die ganze Zeit!

  27. alterbolschewik April 13, 2011 um 11:28 pm

    Momorulez, Deinen Eindruck von Kurz würde ich nur bestätigen: Egal, um welches Thema es geht, Kurz hat immer, aus ein paar dürren abstrakten Begrifflichkeiten abgeleitet, einen „objektiven“ Begriff der geschichtlichen Situation, und die Empirie dient ihm dann nur noch dazu, diesen „objektiven“ Begriff zu exemplifizieren. Grob ausgedrückt: Sein Verhältnis zur Welt ist ein durch und durch stalinistisch-verdinglichtes, seine K-Gruppen-Vergangenheit hat er nie wirklich abgelegt. Das ist aber, glaube ich, gerade der Grund für seine Attraktivität: Er liefert ein einfaches Schema zur Welterklärung, das wie ein Katechismus gelernt werden kann. Ich glaube, ich habe, weil er mich unsäglich langweilt, seit mindestens einem Jahrzehnt nichts mehr von ihm gelesen, aber das Verfahren scheint immer noch das selbe zu sein (obwohl er es in der Regel etwas weniger plump handhabt als seine Jünger).

  28. momorulez April 14, 2011 um 10:13 am

    Ich finde seine Rekonstruktion der Marxschen Theorie ja prima, aber ansonsten, so auf konkrete politische Sachverhalte angewandt, wird das in der Tat sehr holzschnittartig. Man muss sich ja immer klar machen, was für einen Theorietypus man gerade verwendet, und die Weltformel ist die „Theorie des automatischen Subjekts“ nun wirklich nicht, zudem man mit ihr Phänomene wie „Antiamerikanismus“, „Postmoderne“ oder „Islamismus“ nun gerade so gar nicht in den Begriff bekommt. Da ist sind dann die Theorien funktionaler Teilsysteme z.B. viel ausdifferenzierter, selbst dann, wenn man die Produktvikraftentwicklung als maßgeblichen Faktor begreift.

  29. Nörgler April 14, 2011 um 10:18 am

    Mit dieser schnöseligen Arroganz, Alter Bolschweik, wird man dem Theoretiker Kurz nicht gerecht. Ich zoffe mich selber mit ihm knackhart und habe erhebliche Einwände, aber zu behaupten, was er macht sei primitiv und simpel, gar stalinistisch, ist ein schlecht abstraktes Manöver, um sich nicht damit beschäftigen zu müssen. Es scheint mir vielmehr so, und das fällt mir nicht zum ersten mal auf, dass die Arbeit des Begriffs bei Dir, ich drücke es mal so aus, nicht ganz den Stellenwert hat, den sie bei mir besitzt. Ich wüßte nicht, was denn sonst Ziel einer Theorie sein soll, als die Gewinnung des objektiven Begriffs ihres Gegenstandes. Man kann dann einwenden, dass der Begriff nicht stimmt. Aber gegen den Anspruch als solchen sich zu wenden, ist nicht erkenntniskompatibel.

    Meine Ansprüche an das Niveau von Texten hängen knapp unter dem Himmel. Keiner ist von schwachen Leistungen schneller gelangweilt als ich. Wenn mich ein Theoretiker nicht langweilt, dann ist er nicht langweilig. Aber hinter Deinem Abtun als langweilig steckt etwas anderes. Du hast Deine arbeiterbewegungsmarxistische Vergangenheit nie wirklich abgelegt, bist genervt von der Kritik, und redest Dich mit Langeweile heraus.

    Kurz ist einer der wenigen, die sich wirklich intensiv mit der Marxschen Theorie beschäftigt haben. Das ist die Stelle, an der seine K-Gruppen-Vergangenheit gerade nicht steckt. Sie steckt vielmehr dort, wo „antideutsche“ Mosaiksteinchen hin und wieder sichtbar werden.

  30. alterbolschewik April 14, 2011 um 11:12 am

    Moin Nörgler, von Dir „schnöselige Arroganz“ vorgeworfen zu bekommen ist fast schon ein Kompliment ;-). Aber zur Sache: Ich gebe gerne zu, daß ich seit „Der Kollaps der Modernisierung“ nichts mehr von Kurz gelesen habe (und muß gerade feststellen, daß es dann wohl eher zwanzig Jahre her sind seit meiner letzten Kurz-Lektüre). Und das Ding war so etwas von bodenlos flach, daß es mir jede Lust vergällt hat.

    Das Zeug davor war von einem Marx-philologischen Standpunkt aus unter aller Kanone. Um nur ein zentrales Beispiel herauszugreifen: Von „abstrakter Arbeit“ hat er nur das „abstrakt“ verstanden (es gibt da einen ausführlichen Aufsatz von ihm) und das Ganze dann umstandslos auf die konkrete Arbeit übertragen, die historisch immer „abstrakter“ würde.

    Empirie spielt in seiner Begriffsbildung überhaupt keine Rolle (und insofern ist meine Vorstellung von der „Arbeit des Begriffs“ wahrscheinlich tatsächlich eine andere als bei Dir), sondern wird immer nur herangezogen, um a priori aus der Wertform abgeleitete Sätze zu belegen. Widerspricht die Emprie der apriorischen Ableitung, dann handelt es einfach um eine „unwesentliche Erscheinung“, entspricht sie ihr, ist sie ein Beweis der Wesenslogik. Dieses Verfahren, Wesentliches von Unwesentlichem anhand apriorischer Lehrsätzen zu scheiden, bezeichne ich als „stalinistisch“, weil es genau dieses Verfahren war, mit dem sich die kommunistischen Parteien ihre Welt zurechtgebogen haben.

    Wie Du allerdings auf die Idee kommst, ich hätte eine „arbeiterbewegungsmarxistische Vergangenheit“, ist mir reichlich schleierhaft. Wenn Du’s schon auf’s biographische ziehen willst: Meine Marxlektüre ist ursprünglich von der Wertform-Kritik der Freiburger ISF geprägt worden und führt deshalb inzwischen zu idiosynkratischen Beißreflexen, wenn jemand direkt empirische Phänomene mit der Marxschen Wertformkritik kurzschließt (pun intended).

  31. alterbolschewik April 14, 2011 um 11:44 am

    Und noch was zum „objektiven Begriff“ (während das blöde Eclipse hier ewig für seine plugin-installation braucht): Da unterscheiden wir uns glaube ich ganz fundamental. Ich bezweifle, daß es einen „objektiven Begriff“ gesellschaftlicher Gegenstände geben kann, der unabhängig wäre von den erkennenden Subjekten. Das heißt nicht, daß Begriffe willkürlich wären, ganz im Gegenteil; aber sie sind eingebunden in soziale Praktiken, die das sie Übergreifende darstellen und die den Sinn, ja, die Wahrheit der Begriffe mitbestimmen (bei Adorno und Horkheimer wird das etwas schwammig als „Zeitkern“ der Begriffe bezeichnet). Die Annahme eines Standpunktes, von dem der Begriff in seiner „Objektivität“ sichtbar würden, ist selbst eine bestimmte Form ihrer Ideologisierung (oder der des Weltgeistes :-)).

  32. momorulez April 14, 2011 um 12:49 pm

    Puuh, will mich jetzt gar nicht in eine Diskussion zwischen Leuten einschalten, die Marx weit besser kennen als ich, und schon gar nicht das Fass mit „Wesen“ und „Erscheinung“ aufmachen, weil ich eine solche Relation eh für hanebüchen halte, was aber in einen Eklat führt, wenn ich das schreibe, deshalb lasse ich das 😉 – und ebenso ist eben doch der Linguistic Turn gerade hinsichtlich einer Explikation der Subjekt/Objekt-Relation meiner Ansicht nach äußerst hilfreich gewesen wie übrigens auch die Phänomenologie, aber dann verfransen wir uns endgültig in Schulstreitigkeiten und in Kommentarsektionen nicht mehr aufzudröselnden Großthemen der Philsophiegeschichte.

    Neben diesem „Ich weiß was!“-Exkurs erscheint mir aber – das „Schwarzbuch des Kapitalismus“ habe ich eher überflogen – die in den Rahmenkapiteln von „Marx Lesen!“, welches, glaube ich, 2000 oder 2001 erschienen ist, entfaltete Lesart des „esoterischen“, quasi-systemtheoretischen Marx‘, welcher gegen den „exoterischen“ Arbeiterbewegungsmarx ausgespielt wird, ziemlich erhellend.

    Es hilft zum Beispiel enorm dabei, Nörglers Interventionen zu verstehen 😉 – und war für mich vor knapp 10 Jahren Anlass der Re-Auseinandersetzung von Marx, nachdem ich ja eher durch postrukturalistische Marx-Kritik sozialisiert war. Diese galt nun aber eben jenem „exoterischen Arbeiterbewegungsmarx“ und gar nicht dem des „automatischen Subjekts“, das ist ja eine fast Foucaultsche Lesart von Marx, und da hat Herr Kurz mir schon auch was beigebracht.

    Dass er so allergisch auf „Postmoderne“ reagiert, weil eben Leute wie ich von Lyotard und Foucault eher abgehalten wurden, sich mit Marx zu beschäftigen, das verstehe ich insofern sogar – er kennt nur gar nicht wirklich, was er da kritisiert, sondern setzt diese ineins mit den all diesem Flexibilisierungs-Gedöhns in der Realwirtschaft, was man zwar Poschardt und Konsorten anlasten kann, Lyotard, Foucault und Derrida nun aber so gar nicht.

    Nichtsdestotrotz kann ich die Lektüre von „Marx lesen!“ nur empfehlen, und da findet sich vieles dessen wieder, was der Nörgler oft mit guten Gründen vertritt.

  33. Nörgler April 14, 2011 um 3:04 pm

    @ Alter Bolschewik
    Das „Exit“-Fehlverständnis „abstrakter Arbeit“ als inhaltsgleich mit „Verausgabung von Hirn, Muskel, Nerv“ ist schwerwiegend, ja. Die entsprechenden Ausführungen von Marx wurden nicht verstanden. Das geht aber nicht nur den „Exit“-Leuten so, was es natürlich nicht besser macht.

    „Empirie spielt in seiner Begriffsbildung überhaupt keine Rolle“ ist mir dann wieder zu totalisierend.

    „Ich bezweifle, daß es einen ‚objektiven Begriff‘ gesellschaftlicher Gegenstände geben kann, der unabhängig wäre von den erkennenden Subjekten.“
    Ich wüßte niemanden, der eine subjektfreie Erkenntnis behauptete hätte. Es geht wohl eher um die Frage, wie das Verhältnis von Subjekt und Begriff im einzelnen beschaffen sei.

    @ Momorulez
    Ja, die Großthemen lassen wir mal heute, denn „die Wahrheit wird uns schon nicht davonlaufen“. 😉

  34. Pingback: Stefan Niggemeier bringt es auf den Punkt « Metalust & Subdiskurse Reloaded

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s