Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Bye, bye, Frankfurter Rundschau

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Der Arzt aus Leipzig wich mir nicht von der Seite. Er brauchte Begleitung auf der Suche nach dem Urlaubsflirt und fand ein blondes Mädchen aus Belgien.

Hieß es Hotel Goleta? Am der Ibiza-Stadt zugewandten Ende des Playa d’en Bossa stand es als einer von zwei identischen, sich gegenüber liegenden Quadern, rechtwinklig zum Meer gebaut. Die Animateure gaben jeden Abend sich Mühe, Langeweile mit albernen Spielchen zu vertreiben – der Arzt aus Leipzig wurde zum „Mr. Goleta“ gekürt.

Nach einem Bier auf der Hotelterrasse begab ich mich in die Altstadt, drängte mich durch Touristenmassen, deren Teil ich war, zum Ende einer langen, schlauchartigen Gasse, an deren Wänden vor Kneipentüren links und rechts sich die Homos lecker auf Barhockern drapierten. Je später der Abend, desto weiter stieg ich auf, hin zur mächtigen Stadtmauer. Terrassen, mit Schwulen angefüllt – diese Insel bot ein Nachtleben wie in einer Großstadt. Ein internationales Publikum – Franzosen, Briten, Italiener. Ich fühlte mich frei auf der Insel des Laissez-faire mit dem Zauber der realisierten, wechselseitigen Akzeptanz. Knackarschig und volllippig, wie ich war, hatte ich wenig Anschlussprobleme.

Jeden Morgen nach dem Frühstück trottete ich leicht verkatert an die Promenade des Playa Figueretas und kaufte auf dem Weg dorthin die Mopo und die Frankfurter Rundschau vom Vortag. Es war die Zeit der ausklingenden Debatten zwischen dem Habermas-Umfeld und der Postmoderne. Es machte Spaß, sich in der Restkühle atmenden, prallen Sonne durch die Informationsdichte zu wühlen. Die Diskussionen, die auch mein Studium prägten, setzten die Macher begierig und profund fort. Die politische Lage luden sie mit Hintergrundinformationen auf. In der „Dokumentation“ vertieften und kontextualisierten sie alltäglich das Tagesgeschehen. Während die Neoliberalisierung allerorten griff, fanden sich in der FR auch klassisch sozialdemokratische und Gewerkschaftspositionen. So sehr man ja über beides zu lästern geneigt ist – besser als dieses grüne Drecksspießertum mit seinem unerträglichen Verbürgerlichtsein und eine entsozialdemokratisierte SPD heute gefiel mir das allemal.

Zurückgekehrt von der Insel, das kühle Hamburg und sein sattes Grün genießend, abonnierte ich die Zeitung. Seitdem habe ich ein chronisches Altpapierproblem, lernte aber z.B. zu Zeiten des Genozids in Ruanda mehr über Kolonialismus als aus irgendeinem anderen Medium. Erfuhr auch in der Berufstätigkeit noch alles über relevante Neuerscheinungen meiner Philosophen und Soziologen und war in jedem Kantinenstreit bestens mit Argumenten gerüstet, um als Angestellter in einer Firma, die jeden Trend vom Börsengang bis zum Sich-Verscherbeln an Private Equity-Fonds mitmachte und Betriebsräte als Relikt aus dem Zeitalter der Bergwerke begriff, den steten Gegendiskurs zu pflegen. Wir wählten einen Betriebsrat.

Die Republik rückte nach rechts, Berlin wurde Hauptstadt, Gerhard Schröder nahm auf dem Kanzlersessel Platz, führte Krieg, eröffnete den Kampf gegen Arbeitslose und andere Unterschichten und ruinierte endgültig alles, was an der Bonner Republik erträglich war.

Die FR verfiel allmählich – und doch habe ich immer wieder Inspiration und Information erhalten. Was der Herr Heusinger oder so ähnlich zu Zeiten der Bankenkrise an vertiefenden Analysen lieferte, das half zu verstehen.

Klar, sie wurde dünner, flacher, kleiner – das Publikum honorierte nicht mehr die Vertiefung, sondern wollte Konsumierbarkeit.

Doch nun, nach 19 Jahren, wird die allabendliche Lektür ein Ende finden. Dieser Mainstream-Hauptstadtjournalismus ist die Pest. Da gelten Menschen wie Sloterdijk als Denker, ein Fleischauer wird nicht als rechtes Blogaggregat enttarnt und ein Poschardt senft und suppt sich durch den Blâtterwald und schmiert dabei, dass man ihn wegen fortgesetzten Sprachmissbrauchs denunzieren möchte. Ganz egal, wo die jeweils sitzen und schreiben, was sie absondern, wird durch diesen Hype genudelt, der ganz auf die Phrase und den Effekt setzt und alles hasst, was die FR einst auszeichnete und so besonders machte. Jeder noch so alberne Zynismus breitet sich auf chromglänzenden Oberflächen aus und stinkt hinfort, was einst noch Restbestände jenes vorparlamentarischen Raumes, der die Politik füttert, zu nähren wusste, und ersetzt es durch niedere Instinkte.

Dass inmitten dieses Klimas, erzeugt von den selbstgefälligen Verächtern des Umständlichen, Sperrigen, Räsonnierenden, nunmehr der Mantelteil meines Leib- und Magenblatts zusammen gehetzt werden soll, es ist fast eine biographische Zäsur. Es bleibt Trauer. Bye, bye, FR.

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8 Antworten zu “Bye, bye, Frankfurter Rundschau

  1. kleinertod April 10, 2011 um 3:36 pm

    Früher – da konnte man sogar noch die MoPo lesen! Kann man sich heutzutage gar nicht mehr vorstellen.

    Und die FR – als ich noch in Frankfurt studierte, da war das noch ein ernstzunehmendes Blatt. Als ich Jahre später wieder eine Rundschau in den Händen hielt, da konnte ich das gar nicht glauben – die Jagd nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner war auch hier längst weit fortgeschritten. Wie sich das in der Zwischenzeit entwickelt hat, das kann ich dann nicht mehr beurteilen.

    Sich aus einer Tageszeitung informieren wird immer mehr zu einem running gag – und das ist traurig. Es liegt nicht an der Internetkonkurrenz, es liegt am Inhalt.

  2. momorulez April 10, 2011 um 4:20 pm

    Ja, und auch daran, dass das ganz andere Managements sind, die da rumrödeln und nicht mehr wissen, was ein Produkt von anderen unterscheidet und was überhaupt ein Inhalt ist. Die alten Manager hatte die FR zwar auch fast in den Ruin getrieben, aber das, was jetzt gerade aus „unserer“ Generation überall an den Hebeln sitzt ist so derart feige, überangepasst und austauschbar im Denken, das ist schon finster. Stenger oder Orth sind ja auch sowelche.

  3. alterbolschewik April 10, 2011 um 4:45 pm

    Zu unseren fettesten WG-Zeitungssucht-Zeiten hatten wir jeden Tag die FR, die SZ und die FAZ im Briefkasten; das ließ dann nach, und ich muß gestehen, die FR verschwand als erste. Dann folgte die SZ und seit fünfzehn Jahren lese ich nur noch die FAZ (wenn ich einen klassenkämpferischen Tritt in den Arsch brauche, dann genügt die Lektüre eines Kommentars im Wirtschaftsteil, und ich weiß wieder, wo ich stehe). Neulich im Hotel hatte ich mal seit langem wieder eine FR in der Hand; danach war mir klar, daß diese Zeitung nicht mehr lange überleben wird.

    Ich fürchte nur, daß der Niedergang der anderen „Qualitätszeitungen“ ebenfalls nur eine Frage der Zeit ist. Außer meiner Geliebten kenne ich niemanden, der sich morgens zum Frühstück erst mal eine Stunde Zeit nimmt, die Zeitung zu lesen. Das Anzeigengeschäft bricht sichtbar ein, die Preise ziehen an und die Qualität auch der FAZ hat in den letzten Jahren deutlich nachgelassen. Allerdings gelingt es ihr immer mal wieder, mich zu überraschen. Die Berichterstattung über die Aufstände und Proteste in Nordafrika und der Arabischen Halbinsel war und ist ausgezeichnet, und selbst als dann alle nur noch nach Japan starrten, berichtete sie hartnäckig und ausführlich weiter.

  4. momorulez April 10, 2011 um 5:26 pm

    Die FAZ finde ich in letzter Zeit auch am informativsten und vor allem am meinungsfreudigsten – da wird nicht immer nur die Meinung des geringstantizipierten Widerstandes gepflegt. Beim Kpndigen des FR-Abos hatte ich bisher einfach ein schlechtes Gewissen, aber jetzt geht es nicht anders.

    Wie fatal das ist, dass immer weniger Zentren die gesamte Information liefern, zumindest deutschsprachig, das ist ja gerade an den Online-Ausgaben deutlich, da steht überall das Gleiche. Netz kann ja meinungstechnisch ausgleichen, aber Recherche? Pustekuchen.

    Das ist gruselig für die Funktionsweise von Öffentlichkeiten.

  5. che2001 April 10, 2011 um 5:42 pm

    In meinen alten WG-Zeiten waren es FR, Junge Welt und Göttinger Tageblatt. Später kamen International Herald Tribune, Newsweek und Guardian hinzu. Heute ist mein Leib- und Magenblatt die Le Monde Diplomatique, die den Vorteil hat, bei monatlichen Erscheinen auch jedesmal vollständig durchgelesen zu werden und die inhaltlich so absolut anders ist als all die Mainstream-Medien.

  6. momorulez April 10, 2011 um 6:45 pm

    Bei den Aufständen in Ägypten konnte man ja auch auf Al Jazeera umsteigen; es ist nur ein unerträglich schlechtes Zeichen, dass hierzulande im Grunde genommen allesamt nur noch diese Verbürgerlichung vollziehen und das Proletariat ist derweil damit beschäftigt, die Quoten für Sendungen, in denen eben sie selbst verascht werden, stets aufs Neue anzuheben.

    Das ist wichtig hinsichtlich dessen, was der Alte Bolschewik drüben über APO und Direkte Aktion geschrieben hat: Auch wenn das dummerweise auch eine Carl Schmitt-These ist, umgekehrt aber auch eine von Arendt und Habermas, so lebt politische Bewegungsfähigkeit im wesentlichen von Prozessen in diffusen lebensweltlichen, vorparlamentarischen Räumen. Und die einzigen, die man aus diesen Sphären aktuell vernimmt, sind die „Wutbürger“, was eine Stabilisierung von ganz Grauenhaftem ist. Das reicht bis in St. Pauli-Fanzines bzw. deren Blogs, die erschütternd staatstragend auftreten. Auch ein Wilders nutzt exakt das. Und die ganze Gegenöffentlichkeiten sind derart zersplittert, dass mir das alles immer Zementierter vorkommt. Die Wahl-Ergebnisse in Baden-Würtemberg waren im Grunde genommen erschreckend, auch wenn der furchtbare Mappus weg ist.

    Klar kann man sich auf den Standpunkt der radikalen Kritik zurück ziehen und das System als solches Scheiße finden, aber irgendwie muss es doch trotzdem möglich sein, diese sich einschließenden Bürgerzirkel mal aufzurütteln. Nur wie?

  7. kleinertod April 11, 2011 um 12:29 pm

    Hier muß ich mal auf meine Ausführungen in meinem letzten Blogeintrag verweisen – http://kleinertod.wordpress.com/2011/04/09/ausblick-auswarts-gegen-den-dfb-ahm-leverkusen/ – einfach weil ich hier zwar nicht den „Wutbürger“, sondern den protestierenden Fan mit eigener Meinung an sich geschrieben habe – vereinsübergreifend. An den Reaktionen hierauf durch die Vereinsführungen und Medien erkennt man den „Zeitgeist“ auf die unangenehmste Art und Weise. Vor lauter vorauseilenden Gehorsam wird schon eine eigene Meinung als Vorstufe zur Gewalt „erkannt“ und die völlige Unterwerfung des Volkes (Mitglieder) zugunsten der Mächtigen (Vereinsführung) gefordert.

  8. momorulez April 11, 2011 um 1:57 pm

    Ja, in der Tat!

    Wobei ich es manchmal auch witzig finde, wenn Leute betonen „Aber das ist nur MEINE Meinung“, während sie sinngemäß das sagen, was auch in der Mopo steht 😉 …

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