Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

„… wo in den 1880er Jahren der deutsche Kampf um einen »Platz an der Sonne« begann.“

Unbedingt lesenwerter Artikel in DIE ZEIT zur deutschen Kolonialgeschichte – obgleich, wie so oft, kein Versuch unternommen wird, die Folgen in den ehemaligen Kolonien wie auch die subjektive Perspektive der Unterworfenen zu erhellen: Es erzählen wieder Weiße die Geschichte der Weißen und deren Umgang mit den Schwarzen. Ich würde so was ja lieber von einem Autor aus Namibia lesen. Geübteren Lesern als mir werden noch viel mehr Seltsamkeiten in dem Text auffallen, die sich wohl der exotischen deutschen Binnenperspektive verdanken (und dieser Text gerade mit Sicherheit nicht minder).

Nur scheinbar intensiv diskutiert wird die These der Kontinuität von den genozidalen Tätigkeiten, der Ideologie, die sie stützte und deren Durchführung zur Shoah, da die Argumente der Kritiker der Kontinuitätsthese eher angerissen werden. Dass an der Vernichtung der europäischen Juden Millionen beteiligt waren und nicht etwa „nur“ Tausende ist ja z.B. ein Argument, das anhand der „Mehrheit Minderheit“-Relation zu beantworten wäre wie auch im Rahmen der Thematisierung der Exklusion der Juden aus deutscher Leitkultur einerseits, der wohl begründeten Weigerung zur Assimilation andererseits – und der Frage, wie es kam, dass den Nazis die assimilierten Juden als die perfidesten erschienen. Die aktuelle, rhetorische, nur scheinbare Wiedergutmachung zur Diskreditierung Dritter – „jüdisch-christliche Kultur“ – lügt und tüncht ja nur rum.

Ebenfalls wird das umstrittenste Thema, inwiefern antisemitische und andere rassistische Stereotype sich nun ähneln oder auch nicht, nicht mal wirklich angedeutet, trotz des Verweises auf die nicht ausgeführten Differenzen im Falle der „Nürnberger Rassegesetze“, die nach meinem Wissen ganz ordinären, eben „abstammungsbedingten“ Kriterien folgten.

Andere typisch antisemitische Muster wie die Kritik des „zersetzenden Geistes“ werden vermutlich nicht wirksam gewesen sein, weil man den Kolonisierten die Fähigkeit zu geistiger Tätigkeit eh absprach,  inwiefern aber z.B. jenes der „sexuellen Perversion“ wirkte oder das „Parasiten“-Motiv, das aktuell übertragen z.B. in der Hetze gegen Hartz IV-Empfänger sich zeigt, werden vermutlich aufgrund  der schlichten Tatsache, dass Juden als sich „im deutschen Wirtskörper einnistend“ gedacht wurden, eher nicht übertragbar sein. Zu erforschen ist jedoch ebenso, ob die Behauptung der vermeintlichen Unfähigkeit, „kulturschöpferisch tätig zu sein“, diese nicht doch im Falle der Kolonisierten und deutscher und anderer europäischer Juden wie auch der Schwarzen in den Kolonien eine analoge Auslegung erfährt.

All das wäre ebenso zu diskutieren wie die Frage, wieso über die wirtschaftlichen Interessen z.B. der Commerzbank oder IG Farben im Falle der Unterstützung der Nationalsozialisten kein Mensch mehr redet, während die im Falle des Kolonialismus offenkundig sind und auch thematsiert werden. Gelegentlich stutzt Mensch ja auch, wenn völlige Hysterie bei der Frage ausbricht, ob die „Volk braucht Raum“-Praxis mittels Krieg der späten 30er und frühen 40 Jahre nicht eine offenkundig koloniale Praxis gewesen sei. Und die Geschichte Schwarzer in Deutschland in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat eh niemand auf dem Zettel.

Des weiteren wird die Frage, wieso es zwar viele Kolonialverbrechen und genozidale Verbrechen auch anderer Nationen oder solchen, die sie wurden, USA, gab, jedoch nur einen Holocaust, so gestellt, dass wieder irgendwer die menschheitsgeschichtliche Normalität des Völkermordes in die Kommentarsektion pinkeln wird – sehr viele hier lediglich angerissene offene Fragen und Anmerkungen also, die nicht überdecken sollen, wie prima das ist, dass da überhaupt mal sich des Themas angenommen wird in DIE ZEIT, so Begriffe wie „Antiimp“ sind halt vor allem dumme Rhetorik – hier die Ausführungen zum skizzierten Thema, empfehle die Lektüre des ganzen Textes:

„Ob auch die Ursprünge der NS-Herrschaft in den rassistischen Bürokratien der Kolonialverwaltungen zu suchen sind, diese Frage hat die Philosophin Hannah Arendt schon vor Jahrzehnten gestellt. Der Historiker Jürgen Zimmerer hat sie in den vergangenen Jahren neu aufgegriffen und mit Ja beantwortet: Das Lebensraum- und Rassedenken der Nationalsozialisten wurzle tief in den kolonialen Gewalterfahrungen. Der Kolonialismus habe eine Kultur der Ausbeutung und der Vernichtung hervorgebracht. Vom Massenmord bis hin zur gezielten Vernachlässigung in Konzentrationslagern ließen sich zahlreiche Parallelen finden, die das Verbrechen in Deutsch-Südwest als eine »koloniale Vorstufe des Holocaust« auswiesen: »Es gibt einen Weg, der Windhoek oder den Waterberg mit Auschwitz verbindet.«

Zumal das Abschlachten nach 1907 keineswegs schamhaft beschwiegen wurde. Es war, ganz im Gegenteil, eine beliebte Kulisse zahlreicher populärer Romane, darunter eines der erfolgreichsten Jugendbücher der ersten Jahrhunderthälfte: Gustav Frenssens Peter Moors Fahrt nach Südwest, das bis 1945 immer wieder neu aufgelegt wurde.

Nein, halten Kritiker den Thesen Zimmerers entgegen, Vernichtungskrieg und Holocaust aus der Kolonialgeschichte heraus zu erklären greife zu kurz. Ganze Bevölkerungsgruppen auszurotten sei schließlich keine genuin deutsche Idee gewesen, sondern weltweit schon vor 1904 in grausamer Ausführlichkeit erprobt worden. Da sind die von den Belgiern im Kongo verübten Gräuel, wie sie Joseph Conrad in seinem Roman Herz der Finsternis. Da ist, von 1898 bis 1902, die gewaltsame Eroberung und Kolonialisierung der Philippinen durch die Amerikaner. Von 1830 an tobte der französische Eroberungskrieg in Algerien. beschreibt

Auch damals forderten Generäle schon zur Vernichtung des Gegners auf. 1904, lautet das Fazit von Birthe Kundrus, Stephan Malinowski und anderen, war nicht der »Tabubruch«, als den Zimmerer den Mord an Herero und Nama schildert. Zudem verübten die Staaten mit der längsten und blutigsten kolonialen Gewaltgeschichte – Frankreich und England – nach 1918 keine Massenverbrechen. Die Gräueltaten in den »Schutzgebieten« des Kaiserreichs eignen sich also kaum zur Erklärung, warum der beispiellose Terror der Jahre 1933 bis 1945 ausgerechnet von Deutschland ausging.

Aber zu sagen, dass ein Weg vom Waterberg nach Auschwitz führt, heißt schließlich nicht, dass es der einzige gewesen sein muss. Und dass es ein europäisches »Archiv« genozidaler Gewalterfahrungen gab, schließt nicht aus, dass die deutschen Kolonialverbrechen ihre Entsprechung und Fortsetzung in der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik fanden.

Gewiss lassen sich die Unterschiede zwischen den beiden Verbrechen nicht leugnen: 1904 waren es einige Tausend Täter, in den Jahren nach 1939 Millionen. Auch würde unangemessen verkürzen, wer im Mischlingsehenverbot von 1906 die Nürnberger Gesetze von 1935 vorweggenommen sehen möchte. Diese und weitere Differenzen vergegenwärtigt zu haben ist das Verdienst der Kritiker. Die Ähnlichkeiten lassen sich dadurch jedoch nicht wegargumentieren. Rasse und Raum, Nieder- und Höherentwicklung, Blutreinheit und Bereitschaft zum Massenmord – die Ingredienzien der NS-Weltanschauung sind um 1900 alle schon vorhanden.“

 

Ich hoffe, DIE ZEIT verzeiht mir das etwas längere Zitat, ich ihr nicht, dass „Mischlingsehenverbot“ nicht in Anführungszeichen steht; aus dem Artikel wird, das nebenbei, ergänzend deutlich, dass es eine wertfreie Verwendung des N-Wortes nie gegeben hat.

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10 Antworten zu “„… wo in den 1880er Jahren der deutsche Kampf um einen »Platz an der Sonne« begann.“

  1. MartinM April 6, 2011 um 5:17 pm

    Fehlende Anführungszeichen bei „Mischlingsehenverbot“ – nun ja, ich habe wiederholt und unter ganz bewussten Verzicht auf Anführung geschrieben: Alle Menschen sind Mischlinge!
    (Am liebsten hätte ich geschrieben: alle Menschen sind Bastarde, und das ist auch gut so! – aber das wäre so deutlich, das es wieder missverständlich wäre.) Das es eine planmäßige Menschenzucht (glücklicherweise) bisher nicht gab, kann sich „reinrassig“ bzw. biologisch richtiger „reinerbig“ strenggenommen nur ein Mensch nennen, der aus generationenlanger Inzucht hervor ging.
    Es ist dieser Eiertanz um die (immer mitschwingende) Konnotation bestimmter Worte, anderseits meine Abscheu vor öffiziösen Sprachreglungen und Euphemismustretmühlen, der mich manchmal an mir selbst zweifeln lässt. (Tatsächlich sind mit Euphemismen manchmal so zuwider, dass ich z. B. in der Tierarztrechnung „Einschläferung“ durchstrich und durch das passende Wort „Tötung“ ersetzt habe.)

    Ein Ausweg: die „Opfergruppe“ nimmt sich selbst des abwerten Wortes an und gibt ihm eine neue, positive, Bedeutung – z. B. schwul. Heide und Hexe wären zwei weitere Beispiele, eines aus dem politischen Bereich: die Piratenpartei.

    Anderes Thema: Ich halte die Frage, wieso es in anderen Nationen mit blutiger Kolonial- bzw. Völkermordgeschichte *keinen* industriell betriebenen Massenmord an völlig willkürlich definierten Bevölkerungsgruppen gab, für müßig. (Ja, völlig willkürlich – „Jude“ sein als Eigenschaftes des „Blutes“ bzw. der Genetik zu sehen, ist reine Willkür – und den intelligenteren unter den Mördern war das auch klar.) Es gibt in der Geschichte keine zwangsläufigen Entwicklungen, Brecht hatte völlig recht, als er vom „Aufhaltsamen Aufstieg des Arturo Ui“ schreib – noch im Januar 1933 war die Machtübernahme durch die Nazis / Selbstentmachtung der Republik keineswegs zwangsläufig. Es führt zwar ein direkter Weg von Windhook nach Auschwitz, aber es war bis etwa 1935 keineswegs ausgemacht, dass Deutschland ihn auch gehen würde. Allerdings hätte es diesen Weg ohne die deutsche Kolonialgeschichte nicht gegeben – die Idee „jetzt rotten wir mal eine ganze Menschengruppe aus und fühlen uns dabei moralisch im Recht“ hätte, da bin ich mir ziemlich sicher, ohne koloniale Vorgeschichte keinen so furchtbar fruchtbaren Boden in der deutschen Bevölkerung gefunden.

  2. momorulez April 6, 2011 um 9:02 pm

    Na, im „Mischling“ schwingt halt diese Vorstellung von „Rasse“ gewissermaßen notwendig, also analytisch, mit.

    Was den Rest betrifft: Ja. Interessant ist ja, dass die „verspäteten Nationen“, eigentlich ein blöder Begriff, weil er Nationalstaatsbildung als „natürliche Evolution“ begreift, zu besonders viel Mist neigten, weil sie so was wie gemeinsame Geschichte, „Wesen“ usw. erst zusammen basteln mussten. Und das in Deutschland eh ziemlich brutal in überheblicher Abgrenzung zu Anderen stattfand. Andere betonen ja immer den 1. Weltkrieg und Versailles, vergessen dabei aber die Kaiserkrönung ebenda. Und die recht tief sitzende Verbreitung eines mentalitätsprägenden Militarismus, der natürlich eine so radikal und umfassend geplante Maschinerie wie jene, die zu den Massenvernichtungslagern führte, begünstigte. Deshalb jst bei aller berechtigten Kritik an Friedensbewegungen immer so lächerlich, diese nun zu den wahren Nazis zu erklären – wenn ich an die Schlaffis damals in den frühen 80ern denke, die wären zu einer solch organisierten Leistung nicht in der Lage gewesen 😀 – was sich zynischer liest, als es ist.

  3. che2001 April 6, 2011 um 9:31 pm

    Zu den Materialien, die ich in meiner Magisterarbeit bearbeitete, gehörte ein Brief von Reinhard Heydrich aus den frühen 30ern, indem er das Verbot von bestimmten Büchern (Zeile für Zeile, ganz penibler Bürokrat) begründete, die die Rassentheorie widerlegten. Das war so die Vorstufe: Die Durchsetzung von Diskursherrschaft. Spielte sich genau so ab, wie Gramsci als Zeitzeuge und Opfer und Foucault als späterer Analyst beschrieben, hat heute niemand mehr auf dem Schirm.

  4. momorulez April 7, 2011 um 11:55 am

    Das passt im Grunde genommen auch in den anderen Thread mit der evangelikalen Propaganda …

  5. che2001 April 7, 2011 um 10:12 pm

    Übrigens ging dem Judenmord und der „Euthanasie“ die Zwangssterilisierung der „Rheinlandbastarde“, d.h. Afro-deutscher Abkömmlinge von schwarzen französischen und belgischen Kolonialsoldaten westafrikanischer und kongolesischer Herkunft voraus. Wenn aufgrund der Kooperation eines rechtsradikalen Großmuftis mit den Nazis und der Aufstellung einer arabischen SS-Einheit von „Antideutschen“ (eigentlich „Superdeutsche“) die Interessenidentität von Palis und Nazis behauptet wird, dann muss man sich mal anschauen, wie Araber im NS-Reich behandelt wurden. Meine Mutter hatte einen Kollegen, Dr. Fouda aus Ägypten, der bei einem Bombenangriff nicht in den Bunker gelassen wurde, wie alle „Semiten“ (da war egal, ob Jude oder Araber). Meine Mutter sagte zum Blockwart, wenn man ihn nicht in den Bunker ließe, bliebe sie auch draußen, und alle „Labormädchen“ schlossen sich an – während man schon den Lärm der Lancasters und der feuernden FLAK hörte. Da gab der Blockwart nach und ließ Dr. Fouda in den Bunker. Solche Formen von Zivilcourage gab es auch im NS-Staat. Will heute niemand mehr wissen.

  6. momorulez April 7, 2011 um 11:00 pm

    Danke für den Hinweis auf die „Rheinlandbastarde“, da hatte ich ja neulich schon mal eine Textsammlung zu gepostet, eben weil das komplett der Vergessenheit anheim gegeben wurde. Und das gerade die Arier von Superdeutschenfront Dir die Geschichte mit Deiner Mutter als „Entschuldigungsstrategie“ auslegen würden, geschenkt. Aber Juden gehen denen ja eh am Arsch vorbei, sonst würden die sich mit Antisemitismus ja mal beschäftigen.

  7. che2001 April 8, 2011 um 12:27 pm

    Meine Mutter in BDM-Kleidung in der Synagoge ihre Freundin, die tochter des Rabbis besuchend kann sich von denen sicherlich auch niemand vorstellen. Die alten Damen haben sich kürzlich getroffen, und das war ein unglaublich anrührendes Erlebnis.

  8. momorulez April 8, 2011 um 12:37 pm

    „Ikonographisch“und strukturell ist das ja auch gruselig, weil verklärend, als persönliche Erfahrung aber insofern erwähnenswert, dass es im Kleinen auch anders ging, wenn man denn wollte, und die meisten wollten halt nicht.

  9. MartinM April 8, 2011 um 8:02 pm

    „Will heute niemand mehr wissen.“ – Stimmt! Werner Lansburgh forderte ein Denkmal für den unbekannten Helfer, weil ohne die Zivilcourage und den moralischen Anstand eines unsichtbar bleibenden deutschen Polizeiinspektors seine Mutter und seine Schwester wahrscheinlich in ein Vernichtungslager deportiert worden wären. Keine großer Helden, aber jemand, der zeigte, dass „Was hätte ich tun können?“ oder „Wenn ich was getan hätte, wäre ich doch selber dran gewesen“, von dem unsäglichen sich berufen auf „Befehlsnotstand“ nichts als Ausreden waren. (Es war ja auch kein Zufall, das „Schindlers Liste“ kein deutscher Film war.)

  10. che2001 April 8, 2011 um 9:06 pm

    Genauer gesagt, ein Film von einem amerikanischen Juden.

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