Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Shifting Reality ist wieder da: Alter Bolschewik über die Geschichte linker Bewegungen (und ich anlässlich dessen über den Autoritären Charakter)

„Der von mir bevorzugte Begriff ist deshalb der der „anti-autoritären Bewegungen“ – es waren im Kern Bewegungen, die die bisherigen Hierarchiegefüge der Gesellschaft in Frage stellten: Das Verhältnis der Kinder zu den Eltern, der Schüler zu den Lehrern, der Lehrlinge zu den Meistern, der Studenten zu den Professoren, der Frauen zu den Männern etc.“

Das finde ich schon deshalb gerade sehr passend, weil mir angesichts der Diskussion um Becherwürfe die Aktualität von Adornos et al. Studien zum Autoritären Charakter einmal mehr erschütternd bewusst wurde – diese Bereitschaft vieler, die Entscheidung einer Autorität unbefragt und unreflektiert zu übernehmen und sie als eigenes Gewissen sich zu implementieren, ja, dieser sogar eine Schleimspur entgegen zu kriechen und sich vorsichtshalber zu unterwerfen.

Ganz grob skizziert ist der „autoritäre Charakter“ Adornos einer mit übertontem Über-Ich, das als internalisierte Autorität fungiert, indem es die Imperative von Staat und Wirtschaft, Lehrer und Vater sind die Vermittlungsinstanz, überbetont und ein Herausbilden der Ich-Stärke so nicht zulässt. Ein Gefühl für das „Ich will, ich bin, ich kann!“ entsteht nicht, das in der Lage wäre, die Regungen des Es, des triebhaften Unbewussten, zu integrieren. Wie gesagt, sehr kursorisch beschrieben. Die Freudschen Begriffe setze ich einfach mal voraus. Das Freudsche Diktum „Wo Es war, soll Ich werden“ ist so der Verunmöglichung anheim gegeben.

Diese Strukturen entwickeln einen ungezügelten Hass auf alles Unreglementierte, das sich heraus nimmt, Regeln zu hinterfragen oder Grenzen zu überschreiten. Ich meine mit Grenzüberschreitung ausdrücklich keinen Bierbecherwurf, so weit lesen die Autoritären nur immer gar nicht, weil ihre Angst, man könne einen solchen rechtfertigen wollen, bereits eine derartige Aggression herauf beschwört, dass ein Tunnelblick einsetzt, der alles  nur noch hinsichtlich der zu verteidigenden Autorität rezipiert. Jegliche Infragestellung derer ist tatsächlich eine derartige Gefahr für die je eigene Identität, da das Ich zu schwach ist, sich aus selbst heraus zu stabilisieren – das hat es nie gelernt. Besonderer Witz ist, dass exakt diese Leute ganz schnell mit Pathologisierungen bei der Hand sind, die Pharmaindustrie lebt davon. Mir scheint manchmal vergessen, dass in diesem Kontext sich die Antipsychiatriebewegung formierte – es gab Zeiten, da lobotomierte man Unreglementierte und unterzog sie Elektroschockbehandlungen. Und Schwule gleich mit – mit freudscher Begründung. Nee, eine „List der Vernunft“ war das nicht … eher eine stellvertretende Bestrafung für je eigene Bedürfnisse. Leid wurde damit keines gelindert.

Das blindwütige Zetern stellt eine Vorstufe zum Handeln staatlicher Gewalt dar, deren Effekt es zugleich ist (und von staatsanalogen Strukturen, eben autoritären); diese Scharniere zu erhellen zwischen der psychischen Disposition, dem politischen Institutionengefüge, der Funktionsweise kapitalistischen Wirtschaftens und dem plötzlichen Ausbrechen der Barbarei ist zentrales Thema der älteren, Kritischen Theorie (Adorno, Horkheimer, Marcuse, Fromm, um die prominentesten zu nennen). Die Barbarei bricht aus, weil die aufgestauten Gefühls- und Triebwelten eine seltsame Eigendynamik entwickeln und regelmäßig platzen, oft von tiefem Neid erfüllt auf die, die ihre Lust, ihre Wut, ihre Überzeugung usw. einfach so leben, was ja auch geht, ohne anderen zu schaden.

Man kann also sagen, dass manche vom rechten Rand der St. Pauli-Community und der Bierbecherwerfer sozusagen zwei Seiten ein und desselben Phänomens sind, die dringend aufeinander angewiesen sind. Kurz mal dialektisch gedacht. Manchmal habe ich das Gefühl, die „Benimm Dich!“-Fraktion geht ins Stadion, gerade WEIL da gelegentlich Bierbecher geworfen werden, und braucht die Sanktionsforderung, um sich psychisch zu stabilisieren. Und die Bierbecherwerfer brauchen die „Benimm Dich!“-Fraktion, weil diese für die Regeln steht, gegen die zu opponieren sei. Was ja Blödsinn ist, dass man dergestalt gegen so was opponiert. Wirklich unreglementiert geht anders.

Gaaaaaanz schwierig wird exakt diese Struktur bei den Fragen der „Political Correctness“, wenn diese also im Sinne des „Autoritären Charakters“ rezipiert wird als Quasi-Autorität. Aber das ist ein Thema für Folgebeiträge … vielleicht übernimmt der Alte Bolschewik da ja einen Teil der Aufklärungsarbeit. Schon deshalb:

„Allerdings machte ich in der Folge die von che und netbitch in diesem Blog schon öfter thematisierte Erfahrung, daß die ursprünglich sehr vergnügliche Lebensweise eines autonomen Staatsfeindes gegen Ende der 80er Jahre durch einen protestantisch-lustfeindlichen moralischen Rigorismus verdrängt wurde, der meinem katholisch-barocken Naturell wenig entgegenkam.“

Also zurück zu vergnüglichen Lebensweisen! Dafür sind wir lüsternen, alten Säcke doch da, mal wieder Spaßbewusstsein bei der Jugend jenseits von RTL2-„Fun“ („Fun ist ein Stahlbad“, Horkheimer/Adorno, Dialektik der Aufklärung) und Komasaufen zu erzeugen 😉 …

4 Antworten zu “Shifting Reality ist wieder da: Alter Bolschewik über die Geschichte linker Bewegungen (und ich anlässlich dessen über den Autoritären Charakter)

  1. kleinertod April 3, 2011 um 1:11 pm

    Vorauseilender Gehorsam im Nachhinein kann weder das Geschehene rückgängig machen, noch wird eine Wiederholung verhindert. Das emotionale Aus-sich-Herausgehen ist ja gerade am Millerntor auch in Formen notwendig, die nicht in vorgeschriebenen Bahnen verlaufen – wohl aber sind diejenigen Grundübereinstimmungen zu beachten, die sowohl unsere Fanszene kulturell vorgeben als auch der gesunde Menschenverstand in einer Gesellschaft. Bierbecherwürfe passen da genausowenig wie das Verteufeln von abweichendem Verhalten als solchem.

    Für Gefühlsausbrüche und Auswüchse in negativer Hinsicht habe ich ein gewisses Verständnis, nicht aber für das Zutagetreten von sexistischen, rassistischen, homophoben oder sonstigen menschenverachtenden Einstellungen – letzteres erzeugt bei mir in keinem Fall Verständnis. Verständnis und Entschuldigung darf man natürlich nicht ansatzweise verwechseln, das nur am Rande angemerkt. Bei all dem angesprochenen Dingen gilt aber, daß der Mensch an sich ja vernunft- und damit lernbegabt ist bzw. sein sollte – und daher Fehlverhalten abzustellen in der Lage sein müßte. Wer hier an sich arbeiten möchte, den würde ich als solchen nicht gleich für alle Zeiten vom Millerntor entfernt sehen. Durch eine harte Bestrafung des Werfers wird jedenfalls kein Problem gelöst – vom Befriedigen psychologischer Bedürfnisse der nicht reflektierenden Masse einmal abgesehen.

  2. momorulez April 3, 2011 um 1:45 pm

    „Vorauseilender Gehorsam im Nachhinein“ trifft es gut 😀 – man kann sich ja über die Schiedsrichterleistung wie jedes Mal streiten, kann man beim Quotenrocker und und beim Übersteiger nachlesen, wie man das macht, aber nun retrospektiv auch noch bußfertig zu verkünden, der Herr Aytekil sei in Makellosigkeit über Platz geschwebt, nur weil sein unfähiger Assistent einen Bierbecher abgekriegt hat, ist doch Nonsens. Ebenso wie diese sich selbst überbietenden Bestrafungssehnsüchte, unreflektierte Masse, sehr richtig, das ist ja echt BILD pur, was da in manchen Blogs und im Forum zu lesen ist. Der DFB wird sich schon was einfallen lassen, ich hoffe mal, dass es verhältnismäßig bleibt. Dieses „Verurteilen“ kann ja zwei Bedeutungen annehmen – Varianten christlicher Verdammnis und in der Tat korrigierende Hinweise als Hilfe zur Selbsthilfe, sozusagen.

    Bin in jedem Punkt bei Dir! Zu Rassismus, Sexismus und Homophobie und deren Ursachen kriegt man mit dem oben skizzierten Modell schnell eine Brücke geschlagen, auch wenn die Kritische Theorie da viele Eurozentrismen pflegte und nun alles andere als frei von Homophobie war. Auch wenn die „Antideutschen“ aus Adorno Rassismus zaubern und anderen glauben, dessen Jazz-Kritik sei rassistisch motiviert gewesen. War sie nicht.

  3. momorulez April 3, 2011 um 2:04 pm

    http://www.viversum.de/impressum.php

    „Die Gesellschaft ist eingetragen unter HRB 19693, Amtsgericht Nürnberg
    Geschäftsführer: Deniz Aytekin, Steven Feurer, Michael Knapstein“

    Habe mich gerade weg geschmissen (via @mrs. next match)!

  4. Pingback: April, April? Der Heimspielschock gegen Schalke « KleinerTods FC St. Pauli Blog

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