Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

#Abitreffenganzvielejahrespäter

Standesgemäß empfing mich der Tag im Park mit den Worten „Du Fotze!“, „Du Schlampe!“, „Fettbacke!“.

„Mimose“ und „Memme“ fehlten ebenso wie „Schwuchtel“ – zu meinem Erstaunen. Ein offenkundig prügelerprobter weißer Herr mit Vollbart und Brille um die 40 mit kleiner Frau an der Hand stieß die Beschimpfungen aus, da ich des Delikts schuldig war, eine Zigarettenkippe ins tiefe Gebüsch geworfen zu haben. „Arschlöcher, die ihren Müll in den schönen Park werfen!“ Solche wie der agieren aber auch nur aus, was andere Benimmexperten denken.

Schwer verkatert und mit Wut gefüllt wegen nächtlicher Aussagen – „ICH HÄTTE AUCH DICH ANS MESSER GELIEFERT!“ – hastete ich jedoch, ganz Memme und Mimose, weiter durchs Grün, ohne mich zuvor noch verprügeln zu lassen.

Verschwitzte Fahrt im ICE – gab Zeiten, da ich diese Strecke jedes zweites Wochenende zurùck gelegt hatte. Erste emotionale Echos aus den Vorzeiten meiner seelischen Entwicklung stiegen auf und verkündeten Zwiespältiges: Während die Anderen Blues tanzten oder bei „Wahrheit oder Pflicht“ knutschten, saß ich meist nur daneben, las lieber die Expressionisten und ihre Gedichte, als mich dem allzu oft auszusetzen. „Deine Schlankeit fließt wie sanftes Geschmeide“ durfte ich ja nicht sagen oder gar anfassen, deshalb dankte ich Else Lasker-Schüler dafür, dass sie es schrub. Ja, so plump entstehen Subjektivitäten. Ich freu mich jetzt schon auf den Kommentar, dass der Dicke mit der Brille aus der Nachbarklasse doch auch immer keine abgekriegt hat.

Die U-Bahnfahrt in die Vorstadt hatte von ihrer Tristesse im Lauf der Jahre nichts eingebüßt. Dieses mich chronisch begleitende Gefühl bis ins Alter von ca. 27 Jahren, allerorten abgelehnt zu werden, stellte sich ein. Diese Paranoia, von denen auf den Sitzplätzen im öffentlichen Nahverkehr rund um mich herum seltsam angestarrt zu werden, weil ich einfach nicht passe in das Puzzle ihrer Leben und auch anders aussah (damals erst Öko, dann Postpunk mit ganz viel schwarz). Man mag das unter pathetisch-pubertärem Weltschmerz verbuchen; auch der bringt jedoch Persönlichkeiten hervor. Das gar nicht Schöne war, dass ich das mit 16 auch schon unter pathetisch-pubertärem Weltschmerz verbuchte, mich für meine Empfindungen geißelnd oder glaubte, ich dürfe sie nicht ernst nehmen oder haben. Frustriert sein und sich das auch noch selbst vorzuwerfen, das ist allerdings keine ungewöhnliche Einübung in unsere Kultur.

Inmitten des erst später in meiner Jugend angelegten Stadtzentrums noch einen Kaffee trinken. All die 50-60jährigen um mich herum wirkten ungeheuer praktisch angezogen, fuhren bestimmt ebenso praktische Autos und wohnten angemessen. Handfest und ganz auf dem Boden dessen, wie MAN lebt, gepflanzt, strahlten sie ungebrochene Selbstgerechtigkeit aus. Fröhliche Muster, doch nicht zu schrill, blickten von Hemden über dem Wetter angepassten hellen Hosen auf rote Backsteinmauern und freuten sich über den so vertrauten Anblick.

Schock: Das Hallenbad ist weg! Einfach eine Wiese an dessen Stelle!

Da hatte ich doch meine ersten erotischen Fantasien angesichts eines M. gepflegt, der sich in meinen Vorstellungen mit dem Dschungelboy aus dem YPS-Heft verband.

Und die Stadtbibliothek, mein Panic-Room, ist gar nicht mehr da, wo sie war! Der Waschbeton des drei- bis vierstöckigen Gebäudeensembles erstreckt sich über ein weites Gelände; damals waren 3500 Schüler dort unter gebracht, auf ein Gymnasium und eine Integrierte Gesamtschule verteilt. Ich besuchte letztere.

Ein „Atomkraft, nein Danke!“-Plakat empfing mich – ganz wie damals. Der praktisch gekleidete Hausmeister begrüßte mich mit burschikosem Humor, aber herzlich. Einer im rotbraunen Hemd mit tatsächlich gezwirbeltem Schnurrbart irrte an mir vorbei. Ist das der, den ich mir beim „Krabat“-Lesen immer vorstellte und für den ich heimlich schwärmte? Nee, isser nicht. Weitere, vergessene Gesichter erscheinen.

Man steht vor der Tafel mit den Fotos von Lehrergesichtern. Ja, auch wir sind 25 Jahre älter geworden. Einige derer, mit denen man sich wahlweise verstand oder gegen die man opponierte, sind noch in diesen Hallen am Ackern. Auch Herr N., GEW-0rganisiert, der uns die Absurdität des Begriffs „Arbeitgeber“ lehrte, ist noch dabei. Ich hatte viele gute Lehrer.

Ein Trio kommt über Hof gelaufen: B., K. und C., drei Mädel, mit denen ich immer mit Barbiepuppen gespielt habe. Mit B. bin ich 13 Jahre lang fast jeden Morgen zusammen zur Schule gegangen, erst Grundschule, dann hier. Wir fuhren mit unseren Familien zusammen in den Urlaub, auch mal ohne meine Familie, aber mit ihrer Oma, und sammelten Versprecher den ganzen Tag hindurch, schrieben sie auf, um uns abends darüber schlapp zu lachen: „Wenn einer reicht, genügt’s!“ Mit ihrer Mutter verquatschte ich mich ständig vor deren Haustür. Wir wurden für Geschwister gehalten und versuchten, Bücher wie Enid Blyton zu schreiben. Ihr Werk „Nelly“ spielte kurioserweise in Delmenhorst und hatte einen Fox-Terrier als Hauptfigur. Wir organisierten Aufstände gegen die Hortnerin, indem wir überall Zettel „Herzlichen Glückwunsch zum Kinderkleinkriegen!“ aufhängten. Das hatte sie tatsächlich gesagt, die Frau S. – „Ich krieg euch schon noch klein!“. Wir mussten ins Kabuff. Da lagen Clopapierrollen, davon wollten wir ihr dann eine überreichen. Als Glückwunsch.

„Der Verfasser bemüht sich um eine Strukturierung der Aufgabe. Der erste Teil der Ausführungen entspricht den Anforderungen der Aufgabenstellung. Der zweite Teil der Aufgabenbeantwortung ist nicht ohne weiteres aus dem „statement“ ableitbar (Moment der Anpassung an gesellschaftliche Erwartungen). Der letzte Teil, einschließlich der „banalen“ Schlußfolgerung, beachtet zwar den formalen Aufbau eines Comments, zeigt inhaltlich jedoch nur sehr allgemeine Bemerkungen, die kaum weiterbringende Aspekte enthalten. (5 Punkte)“ Beurteilung durch Lehrerin K. zu meiner Englisch-Klausur.

Schulführung. Zu jedem Raum fällt mir eine Geschichte ein – hier war doch der Raum, wo wir einen Elternabend abhielten, weil Herr D. uns nicht klein kriegte? Meine Mutter verbündete sich mit ihm, ich begann wieder mit dem Fingernagelkauen. Dort das Klassenzimmer, wo Herr O. uns alles über den zweiten Weltkrieg lehren wollte und bei jeder Nachfrage „Weiß ich nicht, ich bin doch kein General!“ antwortete.

Kaffe und Kuchen. S. und B2 kommen, man fällt sich um den Hals. Freundinnen. Mit B2 leitete ich eine Konfirmantengruppe in der evangelischen Kirche, zusammen mit dem älteren O. . B2 verknallte sich in ihn, und ich glaubte oder wollte glauben, mit ihr anbändeln zu wollen. Dabei fand ich doch eigentlich O. rattenscharf, dessen Jeans so sexy saßen und der einen coolen R4 fuhr. Weiß noch, wie wir spätabends durch die Vorstadt irrten, weil B2 ihm einen Zettel hinter die Windschutzscheibe pinnen wollte.

Seltsam, diese sofortige Vertrautheit, obwohl ich die alle seit ’96 nicht gesehen hatte. S., die Tochter des Pastors, der meine Geschwister und mich konfirmierte und die Predigt bei der Beerdigung meines Vaters hielt, sah fast exakt aus wie früher. D., der immer alle Bundesligaergebnisse mit Füllfederhalter in kleine Schulhefte eintrug, verwirrte ich dadurch, dass ich von meiner St. Pauli-Dauerkarte erzählte. „Mit Fussball hattest Du doch so gar nix zu tun?“ Er schwärmt, trotzdem er 96-Fan ist, von meinem Verein, der ihm leid tut wegen des Spielabbruchs. Beurteilt der, den ich aus Versehen Ralph Gunesch nenne, weil er so ähnlich heißt, auch so. Der hat das Spiel auf Sky gesehen und war frei von Empörung über den Becherwurf, aber voller Mitgefühl, weil er fand, dass wir verpfiffen wurden.

D. hat früher zusammen mit M., meiner Schwimmbadfantasie, Ökos immer „Hatschis“ genannt, weil einer derer an unserer Schule mit tollen schwarzen Locken einen arabischen Namen hatte. „Hatschi-Alef-Omar“, harhar. Und kaufte sich gelegentlich die „Nationalzeitung“, ich weiß bis heute nicht, ob aus Überzeugung, oder weil ich mich darüber so aufregte.

„Die richtigen Beobachtungen zur Personencharakterisierung werden anfangs nicht interpretiert (z.B. Wirkung der „Mittelmäßigkeit“ auf Jane), sondern eher nacherzählt. Janes Einstellung zum Beruf hätte detaillierter beschrieben werden können. Die Schlußfolgerungen am Ende zeigen jedoch wichtige Ergebnisse. (7 Punkte)“ Beurteilung der Lehrerin Frau K. zu meiner Englischklausur.

Der jetzige Schulleiter setzt sich zu mir, er will einen Text für die Homepage schreiben. Wie ich denn hieße. „Ach, haben Sie was mit UNSEREM X zu tun?“ X war mein Vater“. Mit „uns“ meint er aber gar nicht mich, sondern die Stadt und die Schule, die ich ja nur besuche. „Huch, kennt man den hier noch? Der ist doch schon zwanzig Jahre tot.“ „Ja, der ist sehr oft Thema, als außerordentlich prägende Persönlichkeit.“ Mich freut das für meinen Vater sehr. Ich war halt Sohn des Bürgermeisters – bis irgendwann Anfang der 80er Jahre, dann war die CDU dran.

 

Keiner fragt mich danach, ob ich Kinder habe, obwohl sie alle über ihre reden. Später beim Bier in einer Kneipe können sie nicht fassen, dass ich früher in den Hafenstraßenhäusern Gelegenheitsgast der Kneipen dort war. „Was, in diesen abgeranzten Bruchbuden?“
Bin trotzdem erstaunt von dem Respekt, der mir entgegen schlägt. Liest sich doof, tat aber gut. Ich spielte halt einst den Klassensprecher mit der großen Klappe, der sich für die Anderen einsetzte und die „IchbinderSchlauste“-Attitüde zulegte, aus reinem Selbstschutz.

„Vollständiges Textverständnis, auch kleinste sprachliche Nuancen erfaßt. Sehr selbstständige, vom Text gelöste Darstellung, durch sinnvolle Erläuterungen und Einordnungen ergänzt. Vorwissen wird sinnvoll im angemessenen Umfang eingebracht. Eigenwillige Argumentation, aber in sich sehr logisch und systematisch, daher gut nachvollziehbar. (10 Punkte)“ Beurteilung durch die Lehrerin Frau S. zu meiner Französisch-Klausur.

 

Damit keiner merkt, was ich begehre, nahm ich Welt sprachlich in den Griff und lernte so, Macht auszuüben. Und obwohl ich der war, der mit Mädchen Barbiepuppen spielte, beim Fussball zwei linke Füße hatte, seltsame Bücher las und nie mitknutschte bei „Wahrheit oder Pflicht“, respektierten die mich. Glück gehabt.

Es versammeln sich vor allem jene beim Treffen, mit denen ich seit der fünften Klasse auf abgerockten Holzstühlen saß. Probleme gab es erst später, mit anderen, „szenigen“ Freunden, als ich ein einziges Mal wagte, mich jemandem körperlich annähern zu wollen … danach hatte ich ein paar Freunde weniger. Zu den anderen „Ehemaligen“ gesellen sie sich nicht.

Auch H. ist da, mit dem ich in Bussen bei Klassenfahrten immer über Politik stritt. Der schwang Reden für Franz-Josef Strauss, Atomkraft und die Todesstrafe für Terroristen. Mein rechter Antagonist. Wir smalltalken trotzdem lustig. Er berichtet von all den Arbeitsrechtsprozessen, die seine Angestellten schon gegen ihn angezettelt hâtten.

Beim Weggehen über den Schulparkplatz ruft er mir noch zu:  „Du siehst aber wirklich ganz nach Deinem Beruf aus, so mit Kippe, der Frisur und der Sonnenbrille …“ und ging, in praktische Klamotten gehüllt, zu seinem praktischen Auto.

10 Antworten zu “#Abitreffenganzvielejahrespäter

  1. bersarin April 3, 2011 um 8:57 pm

    „beim Fussball zwei linke Füße hatte, seltsame Bücher las und nie mitknutschte bei „Wahrheit oder Pflicht“, respektierten die mich. Glück gehabt.“

    Ging mir auch so. Knutschen mochte ich nicht, es war mir peinlich. Ab der siebten Klasse merkte ich, daß Sprache Macht ist. Daß man mit einem fiesen Satz, einem bösen Spott, einem guten Witz mehr erreichen konnte, als der Klassenstärkste mit seiner Pranke.

    Merkwürdig, diese Parallelen in einer Generation: auch ich hatte einen Lehrer (mein Philosophie-Lehrer), der mich auf die Absurdität, die Widersinnigkeit des Ausdrucks „Arbeitgeber“ aufmerksam machte. Und den provokanten Nationalzeitungsleser gab es auch. Beim Basketball konnte ich ihn korrigieren, als er rief. „Werf den Ball rüber!“ „‚Wirf‘ heißt das ‚wirf den Ball herüber‘, Erweiterung des Stammvokals!“ Die Mädchen fanden‘s lustig, die Jungen weniger.

    Nach Deinem schönen Text könnte ich mich ja doch einmal zum nächsten Abitreffen trauen. Ich mag mich nur nicht in diese Stayfriends-Listen eintragen, weil ich dann mit Mails zugeschüttet werde. Denn leider war ich sehr beliebt. „Hallo Bersarin, Mensch altes Haus, wat machste, biste och älter jeworden?“ Ich habe die Zeit nicht für diese Dinge.

    Ja, seltsam sind diese Treffen, mein letztes liegt allerdings 21 Jahre zurück.

  2. momorulez April 3, 2011 um 9:23 pm

    Diese Parallelen unserer Biographien erstaunen mich ja auch immer wieder 😉 – und es ist tatsächlich fast schon erschütternd, dass so viele, irgendwie stereotype Bausteine sich da stapeln, wo man sich angesichts der Parallelen manchmal doch fragt, ob man auch einer ist 😀 …

    Als diesen „respektierten sie mich. Glück gehabt!“-Satz geschrieben habe, habe ich mich richtig über mich erschrocken. Also, daß man was, was ja eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein sollte, als „Glück gehabt“ erlebt.

    Schreibe so was ja auch eher so ausführlich neben Eitelkeit, weil in diesem allgemeinen, liberalen Toleranzgeschwafel und vielen Diskussionen hier im Blog schon die differenten, in unserem Fall oft analogen „Subjektivierungsweisen“, wo für mich das „nicht begehren dürfen“ und die Kompensation dessen konstitutiv war, völlig unter den Tisch fallen, obwohl die doch alle mit sich rum schleppen. Che berichtet auch oft haarsträubende Sozialisationserfahrungen, und das ist schon seltsam, dass zu „unserer Zeit“ das ständig Thema war, die Narrative sich aber völlig gewandelt haben. Manchmal fungieren diese etwas exhibitionistischen Texte dann als Katalysatoren, glaube ich. Hoffe ich.

  3. bersarin April 3, 2011 um 10:05 pm

    Diese Bausteine: das ist, denke ich, dieser kollektive Strom einer Zeit. Wir waren für die Zeit und die Politik der 60er definitiv zu jung und beim ersten Punk 76/77 auch noch, uns blieb der Postpunk, die New Wave der 80er.

    Ja, dieses „Glück gehabt“ ist erschreckend, aber es stimmt zugleich. Leider. Das Entronnensein. Man hätte auch gut unter die Räder geraten können. Genug sind es.

    Irgendwo hier oder woanders im Blog schrieb jemand, ich glaube es war Loellie, daß es für die Heterosexuellen eben diese Vielzahl an Identifikationsangeboten in der Pubertät gab und man diese Sexualität als Diskurs ausleben konnte, daß man überall Angebote fand, an die man andocken konnte, ohne schiefe Blicke. Von der Bravo bis zum Fernsehen. Ich Tarzan, du Jane. Ich hatte damals nie über diese Dinge nachgedacht, weil es für mich so selbstverständlich war, daß man es gar nicht bemerkte, aber genau so ist es. Für den Schwulen gab es diese öffentlichen Diskurse (zumindest zu meiner Zeit) nicht. Und zu sagen: „Ich liebe Jungs!“ kostete wohl einiges an Kraft, selbst in meiner Schule, die eine relativ linksliberale war. Die Mädchen hätten damit noch eher umgehen können als die Jungs. Wir an unserer Schule hatten nicht einen Jungen, der sich in der Oberstufe als schwul geoutet hat. Und deshalb war für mich der Filmtitel „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ so wichtig, und deshalb bin ich relativ früh zu den Christopher Street Day gegangen, die damals eine sehr viel politischere Veranstaltung waren als heute.

    Das Narrative ist in der Tat sehr wichtig. Wobei ich sagen muß, daß ich meine Probleme, die ich natürlich gar nicht habe, eher draußen lasse und sozusagen literarische Subjektivierungen vornehme. Daß ich die Dinge, die ich angenehm in Erinnerung habe, schreibe. Das Schlimme zu schreiben, führt nur dazu, daß ich es dann beständig wiederhole und dadurch ereignet sich das für mich in meinem Kopfe immer wieder. Und ich bin froh, daß ich diese Dinge mittlerweile los bin. Deshalb wundern sich Freundinnen auch, daß ich privat nie von meiner Arbeit spreche: es ist Erwerbsarbeit, und ich will die Belanglosigkeit derselben nicht auch noch durchs Erzählen wiederholen und mich daran erinnern müssen.

  4. momorulez April 3, 2011 um 10:20 pm

    Arbeit ist ja für mich schon mehr, was dazu führt, dass man ständig genervt ist 😀 … ich bin völlig unfähig, das tatsächlich Belanglose als belanglos zu erleben.

    Und dass ich hier diese Art von Privatheit ausbreite, das ist schon die Antwort darauf, dass ich immer wieder fest stelle, dass eine wie ich finde tatsächlich ungemein nervtötende Ignoranz hinsichtlich „devianter“ Subjektivierungsformen auch und gerade bei den vollends aufgeklärten Achsolinken und Toleranten besteht, dass es mich schüttelt. Da hat ja nicht jeder Deine Fähigkeit, zuzuhören, mitzulesen und auch nicht Deine Sensibilität und Denkoffenheit. Und irgendwann hatte ich auch so ein „Irgendwer muss es ja machen“-Gefühl nach manchem Blogwar hier. Obwohl ich aus der „Szene“ mich schon länger verabschiedet habe.

  5. ziggev April 4, 2011 um 2:54 pm

    „Das Schlimme zu schreiben, führt nur dazu, daß ich es dann beständig wiederhole und dadurch ereignet sich das für mich in meinem Kopfe immer wieder.“

    . … ende … ende … ende … ich krieg das aus meinem Kopf nicht raus … ende, bitte, endlich ende … next turn, wieder, da komm ich wohl nie wieder raus

    zu solchen Klassentreffen gehe ich aus Prinzip nicht. die kriminalen Fälle kommen sowieso nicht. endgeile Frau, vom halben Kollegium durchgefickt, ist dann eh´nicht da – und was hätte ich jetzt davon?

    Mein Philosophielehrer, promoviert bei Carl Friedrich von Weizsäcker über den traditionellen Gegenstandsbegriff, war nicht dabei.

  6. momorulez April 4, 2011 um 3:06 pm

    Ich glaube ja, dass man verarbeitet, wenn man wach ruft, wenn man parallel ordentlich rumwütet und rumheult, dann hören die Dreher im Kopf irgendwann auf 😉 … und ich fand es schon gut, da gewesen zu sein. Das hat schon was gerade gerückt in meinem Kopf.

    Aber meine Lehrer waren ja auch nicht da, bei dreien, einem, den alle hassten, bei dem ich aber wirklich viel gelernt habe, hätte ich das schon prima gefunden. Die haben echt Fundamente gelegt, ähnlich wie meine hervorragende Grundschullehrerin. Ist ja nicht alles schlecht am Schulsystem 😉 …

  7. ziggev April 4, 2011 um 3:37 pm

    rumwüten, rumheulen … , danke für den Tip, ehrlich. Außerdem ist´s ja ganz schönes Wetter heute, schöner Tag, und ich wünsche dir einen solchen.

  8. che2001 April 5, 2011 um 9:49 am

    Hmm. Ich ging ja auf eine konservative Schule, ich hatte mich bewusst auf einem konservativen Gymnasium einschulen lassen, weil die Schulhofhaue dort weniger brutal war, aber schwule Mitschüler traten offen als Solche auf. Und viele von uns hatten so mit 12,13,14 eine schwule Durchgangsphase, bevor sie anfingen, sich für Mädchen zu interessieren. Schwule wurden oft angemacht und auch angefeindet, aber verstecken taten die sich nicht.

  9. momorulez April 5, 2011 um 10:28 am

    Das ist ja diese seltsame „vom Gesetz zur Norm“-Pointe, über die Rhizom immer schreibt – zu Zeiten des verbotes gab es weit mehr schwulen Sex als heute, wie durchaus seriöse Forscher wie Günther Schmidt in Langzeitstudien erhoben haben. Weil es offiziell nicht sanktioniert wird, erhöht sich der Abgrenzungsdruck, die intentitäre Konstruktion verschärft sich usw. … und das halbe Schulleben war exakt darauf ausgerichtet. Das allgegenwärtige „schwule Sau“ als Normalschimpfwort gab es damals auch schon, üble Verdächtigungen in Richtung irgendwelcher Lehrer, dieses ewige „schwul mich nicht an“, Riten und Vokabulare, die nichts anderes tun, als den heteronormativen Status Quo aufrecht zu erhalten. Wozu immer auch die offizielle „Toleranz“ zählt.

  10. che2001 April 5, 2011 um 10:55 am

    Ja, aber gerade in der Hinsicht habe ich meine eigene Pubertät als sehr offen und zwangsarm erlebt. Als Jungs onanierten wir gemeinsam auf der Klassenfahrt, und dass der Eine oder Andere dabei nicht an Mädchen sondern an Jungs dachte wurde ganz offen gesagt. Es knuddelten auch offen Jungs miteinander. War alles ganz normal. Und so im Abialter waren unsere Parties richtige Orgien, bei denen man außerhalb der Tanzfläche aufpassen musste, nicht auf die Paare draufzutreten. Es ist erschreckend, dass es so etwas nicht mehr zu geben scheint.

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