Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Monatsarchive: April 2011

Verteufelte gegen sich auflösende Mannschaftsteile des FC St. Pauli 2:0

„Die Vorstellungen begannen immer gegen Mitternacht und waren vor allem bei Jugendlichen und Studenten äußerst beliebt. Durch das Zusammenfinden von Kinobesuchern zu dieser speziellen Tages- bzw. Nachtzeit formte sich eine cineastische Szene, deren kulturelle und intellektuelle Aussagen als Gegenentwurf zum Leben der Elterngeneration und der sogenannten kulturellen Elitesowie dem Mainstream gelten sollte.“

Ja, so isses. Die arbeitende Bevölkerung blieb und bleibt außen vor. Also zumindest jener Teil derer, der morgens früh aufstehen muss. Auch deshalb ja der Zwang zur Lohnarbeit: Damit die Massen nicht zum Nachdenken kommen. Sondern verbissen darauf bedacht werden, dass ihnen niemand diesen Zwang nimmt.

Habe trotzdem nie verstanden, was „Frauentausch“- und „Bauer sucht Frau“-Gucker am Millerntor verloren haben. Obwohl das derer da bestimmt viele sind. Das sind die, die sich am meisten über Formen der Gewalt aufregen, deren Ursachen sie doch zugleich ganzabendlich im Fernsehen glotzen wie die Alm-Kühe.

Ja, es ist an der Zeit, erste Rückblicke zu wagen auf eine Saison, die nun mit einem Abstieg enden wird. Diese merkwürdige Verbiederung, die sich mir erstmals rund um die „Blockade“ beim Rostock-Spiel als Netzwirklichkeit rund um den FC St. Pauli präsentierte und in den schmallippigen Moralattacken des Gernot Stenger rund um den Jolly Rouge gipfelte, die sind einfach korrelativ zu den schlagermovisierten Business-Hools, diese „geh doch nach Hause, Du alte Scheiße“-Fraktion. Diese Typen bilden zu der Law and Order-Freaks die Entsprechung.

Weil das Anarchische, Unreglementierte sich eben diese verzerrten, verfehlten, vermaledeiten Ausbruchs- und Ausdrucksmöglichkeiten sucht als Antwort auf diese Zerrbilder von Moralität, die die „Germany’s next Top Model“-Menschenverächter wie Gift ausstoßen in ihrem Neid auf alles Spontane und Lebendige. Während sie Millerntorausflüge wie Bibelkreise zelebrieren. Das ist tödlich. Ich ehre meine Erinnerungen an Kirchentage mit lila Tüchern in Hannover, aber ich wusste auch, warum ich da nicht stehen geblieben bin.

Das war Erkenntnis 1 des letzten Jahres: Leute wie Schulte und Stenger adaptieren exakt diese Haltung der“Benimm Dich“-Fraktion, um das, was an unserem „Mythos“ gut ist, im Sinne evangelikaler Subjektivierungsweisen zu transformieren, aufzulösen und so zu versuchen, die Kritik an sich in der Haupttribünenherrschaftsarchitektur manifestierenden, ökonomischen Strukturen  abperlen zu lassen und als Klotz am Bein zu behaupten.

Vielleicht haben sie aber irgendwas begriffen, vielleicht auch nicht. Zumindest bei Herrn Spies scheint das so zu sein.

Einigermaßen untergegangen ist ein bemerkenswertes Interview im Abendblatt, das Licht und Schatten als Suchbewegung vollzieht und somit auch als Frage aufgefasst werden kann, was nun an einer Art Nullpunkt, erneuter Abstieg, der Vereinshistorie mit diesem FC St. Pauli anzufangen ist.

Die wohl prägendsten Personen der letzten Jahre, Corny Littmann und Holger Stanislawsky, sind nun weg. In diesem Vakuum wird gerangelt; wenn es jetzt gelingen sollte, Marcel Koller zu engagieren, so wäre das schon deshalb prima, weil man einfach einen leitenden Angestellten für den sportlichen Bereich hätte, bei dem man nicht gleich das Gefühl hat, dass er für den Mythos als solchen steht, wenn man etwas gut oder schlecht findet an seinem Tun. Das war nicht gut für den Verein, dass das bei Stani so war. Ebenso, wie es schlecht ist, wenn Herr Meeske mit seinen Marketingsprechweisen gelebtes Leben annektiert – der soll seinen Job machen und ansonsten vielleicht lieber die Klappe halten.

Viel wichtiger ist, was in Präsidiumsmitgliederhirnen, eben Organ nicht etwa wirtschaftlicher Notwendigkeit, sondern demokratischer Willensbildung im Idealfall, so vor sich geht. Denn das war wohl die zentrale Erfahrung „Erste Liga“: So was wie die Bayern, wie Wolfsburg, wie Leverkusen, wie Hoffenheim ist so dermaßen schlimm, dass man deren Prämissen nicht folgen können kann. Das ist tot wie das Kapital, das es repräsentiert. Solche Operettenarenen mit Familienausflugspublikum sind, was gar nicht geht und doch die erste Liga ziemlich zentral ausmacht.

Was war jetzt eigentlich besser in Liga 1? Der Dortmunder und Leverkusener und Mainzer Fussball. Ansonsten eigentlich nix. Okay, die Bremer Fans.

Mal Promis gucken und ansonsten schäbige Spiele voller Umfallerei, auf Schiedsrichter Eingequatsche von massenmedial bekannten Gesichtern sehen, in denen begnadete und Unmengen an Geld verdienende Individualisten durch gelegentliche Vorstöße  Spiele entscheiden. Mehr war doch nicht. Jede Menge grauenhaftes Publikum, das „erste Liga gucken“ will und sich mit fremden Schals behängt bei Geschäftspartnern auf den Business-Seats tummelte und mit Bierbechern Schiedsrichterassistenten traf. Und sonst? habe ich was vergessen?

Insofern ist wohl Punkt 1 bemerkenswert am zu kommentierenden Abendblatt-Interview:

„Wenn man das mal ganz abstrakt sieht und Zuschauer und Fans als Kunden betrachtet, dann vergisst die Branche gern einmal, nachzuschauen, was der Kunde eigentlich will.“

Nee, Herr Kröger, trotz des sympathischen Nachsatzes zu den Anstoßzeiten: Die Kunden- und Konsumentenrolle isses ja nun gerade NICHT. Allein schon, weil diese Rollenzuweisung jene exkludiert, die sich nicht leisten können, Kunde zu sein. Das Erbe von Reenald Koch ist alles andere als beschwörenswert, gerade jetzt nicht – das einst jedoch ein Benefiz-Spiel für Obdachlose, die, so damals wörtlich, vor dem Stadion WOHNEN, veranstaltet wurde, das fand ich gut. Besser als diese Bezirksamtschefs, die Menschen als Müll betrachten, der unter Brücken weg zu fegen sei.

Die Unterteilung in Kunden- und Nicht-Kunden ist Teil des gesellschaftlichen Problems, das Herr Spies sehr gut auf den Punkt bringt:

„Als ich anfing zum Fußball zu gehen – mein Vater nahm mich in den frühen Sechzigern mit –, waren Leute im Stadion, die alle aus verschiedenen Milieus kamen. Sie waren in der Partei organisiert, viele waren katholisch, alle in der Gewerkschaft. Der Fußball hatte nicht einen so hohen Stellenwert. Diese Milieus haben sich aufgelöst. Krise der Kirche, Krise der Gewerkschaften, Krise der Parteien. Die Leute empfinden die Welt mittlerweile als sehr unübersichtlich. Da bekommt der Fußballklub eine ganz neue Bedeutung als Heimat. Da fühle ich mich Zuhause, da teile ich Werte. Insofern schwappt plötzlich eine gesellschaftspolitische Debatte, die früher gebrochen war in fünf, sechs verschiedene Abteilungen, in den Fußball und konzentriert sich hier am Sonnabend. Ich glaube, dass sich der Fußball dieser gesellschaftspolitischen Bedeutung bislang noch gar nicht bewusst geworden ist. Viele Funktionäre tun so, als wäre das nicht unser Thema. Doch was wir im Profifußball veranstalten ist eminent gesellschaftspolitisch. Und deswegen werden die Auseinandersetzungen auch härter.“

Die Entgegnung von Herrn Kröger, dass bei uns doch politische Parolen Gang und Gäbe seien, zeigt nur einmal mehr das Problem, dessen Teil auch die evangelikalisierten Bibelkreise, die das Millerntor für eine Art Kirchentag halten, darstellen: Dieses Oberflächengequatsche, das unfähig ist, strukturell zu denken. Parolen schwingen kann ja jeder.

Die Analyse von Spies ist ungleich intelligenter, obgleich sie eine Falle enthält, die gesamtgesellschaftlich wirkt: Eben die Annahme, ein „Zurück zur Religion!“ zum Beispiel könne jenen „Kitt“ bereit stellen, der die Integrationsbasis für all die Vereinzelten darstellt. Bei aller Achtung vor der karitativen Arbeit der Kirchen, das isses bestimmt nicht. Gewerkschaften im Gegensatz dazu waren Interessenvertretungen, keine Veranstaltungen zum seelischen Aufbau.

Spies gibt aber auch gar nicht diese Antwort. Er denkt vielmehr über zeitgemäßere Kommunikationswege nach. Ich bekenne mich einmal mehr überrascht, da im Gegensatz zu Gernot Stenger, der noch Medienkampagnen gegen die eigenen Vereinsmitglieder führte wie ein Anwalt, der einen Prozess gewinnen will und somit den Zeugen der Anklage erstmal bestmöglich diffamiert, tatsächlich mit Nachdenken konfrontiert zu werden:

„Spies: Wenn nur drei Prozent der Mitglieder zur Jahreshauptversammlung kommen, auf der das Präsidium gewählt wird, muss ich mir überlegen, ob ich andere Formen der Teilhabe finde. Briefwahl, Voting im Internet – ich weiß es nicht. Aber so kann es jedenfalls nicht weitergehen. Auch da müssen wir jetzt Kreativität nachweisen und uns etwas überlegen. (…) Es gab die Aktion „Warum gehe ich zu St. Pauli?“. Was ist unser Wertekanon, weshalb sind wir eigentlich hier? Das sind ganz kleine Versatzstücke, und genau da müssen wir weitermachen.“

Ja. JA! Wenn nicht jetzt, wann dann? Habe das als Aufforderung an all die Organisierten und Nicht-Organsierten verstanden, nunmehr solche Fragen wieder mehr in den Mittelpunkt zu rücken und gemeinschaftlich Antworten zu suchen. Eine Handreichung nach all den Güllekübeln, die zunächst rund um und auf die Sozialromantiker ausgeschüttet wurden, der, wie üblich äußerst allgemein, auch Orth beipflichtet:

„Wir warten täglich auf das 15.000 Mitglied. Wir haben nicht nur eine aktive Fanszene zu akzeptieren, zu vertreten und mit ihr zu diskutieren, sondern mit unseren einzelnen Mitgliedern. Das ist ein großer Faktor. Wir müssen alle ins Boot holen.“

Und, Spies noch mal:

„Dass die Fanszene immer das Recht hat auf eine eigene Meinung, auf einen eigenen Kopf und nicht immer alles gut finden muss, was das Präsidium tut, ist absolut legitim. Und das ist gerade in so einem demokratischen und diskussionsfreudigen Klub wie bei uns sowieso so. Wir müssen uns aber glaube ich überlegen, dass wir den Dialog im Verein mit unseren Anhängern breiter ziehen. Wir müssen uns insgesamt in eine breitere Vereinsöffentlichkeit rücken, denn was im Stadion passiert – Thema Becherwurf – wird nicht nur durch die aktive Fanszene geprägt. Wir müssen uns andere Dialogformen überlegen. Und wir müssen uns überlegen, wie wir die spieltagsbezogene Kundschaft, die Leute, die mit Haut und Haar St. Paulianer sind aber auch die, die das nicht so intensiv leben, aber gerne am Sonnabend zum Spiel kommen, auch mit einbinden. Wir haben zum Beispiel Sponsorentreffs, die relativ standardisiert ablaufen. Vielleicht sollte man da auch mal sagen, was diesen Verein besonders macht, den Wertekanon verdeutlichen.“

Selbst das „nicht verstehen“ der Anonymität der Sozialromantiker ist was ganz anderes, als den „Jolly Rouge“ mit Blut zu identifizieren.

„Du erlebst hier bei uns und in allen Auswärtsstadien eine Verrohung der Sitten, auch auf den Haupttribünen, auf den Business-Seats.“

Ja, so ist das im Kapitalismus. Wo große Teile der Gesamtgesellschaft – Hartz IV-Empfänger, Abschiebehäftlinge, PoC-Kids, die alltäglich Polizeiterror ausgesetzt sich sehen usw. – eben OBJEKTE dieser Verrohung sind, wäre ja überraschend, wenn jene, die auf der Seite des „Automatischen Subjekts“ agieren, das verfügbar macht und ausschließt, nunmehr sanft wie Lämmer auf Alltagswiesen grasten.

Jedoch: Man wird dem FC St. Pauli nicht gerecht, wenn man im Gegenzug die Super-Nanny mobilsiert. Man muss an die Midnight-Movies anknüpfen.

Um ausnahmsweise einen eigenen Tweet zu zitieren: Wir sind halt das coole Programmkino, wo jeder Film ein Ereignis ist, nicht der große Kinokomplex mit teurer Special Effect-Massenware … oder, Danke, Lichterkarussell, der kleine Punkrock-Gig, bei dem man die Liebe seines Lebens trifft.

Diese subkulturelle Dynamik ist es, die spezifisch für den FC St. Pauli ist. DAS ist der Unterschied zu anderen Traditionsvereinen, die auch nicht bruchlos die Multiplex-Leinwand aufbauen, so wie Dortmund zum Beispiel sich alten Charme bewahrt. Die sind viel größer, haben erfahren, was es heißt, am ganz großen Kommerz beinahe zu scheitern und wurzeln in wenn, dann gewerkschaftsanalogenTraditionen.

Wir nicht. Wir sind geboren aus dem Erbe des „Subito“, des „Dschungel“, der Flora.

Man muss diese Wurzeln gegen die Biederfrauen – und männer und die Business-Hools gleichermaßen verteidigen. Der FC St. Pauli hat eine andere Funktion da, wo er an soziale Bewegungen andockt, als selbst die engagierte Fanbase beim Lokalrivalen die ihre hat. Die haben INMITTEN des Mainstreams zu agieren, wir DAGEGEN. Nur so bewegt sich was.

Ach ja, der fehlte noch bei der Erstliga-Bilanz: Der Derbysieg. Der macht mich heute noch glücklich. Wirklich. Will ich nicht missen, Abstieg hin, Abstieg her. Eben gerade aufgrund des oben Skizzierten …

PS: Wieso im Gegensatz zur Überschrift gar nix über das gestrige Spiel hier steht? Gibt es da was zu zu sagen, was nicht 1000 Mal gesagt wäre? Viel Glück allen Spielern, die uns verlassen werden!

Spannend! „Die Feministin Hoda Salah über die Rolle der Frauen im ägyptischen Aufstand“ (Linke Zeitung)

Es wird auch Stanis Abstieg sein. Und der des Präsidiums.

Nein, nicht wegen „Schuldigensuche“ diese Headline. Auch nicht, um nachzutreten. Noch nicht mal, weil ich es allzu dramatisch finde, wieder in Liga 2 zu rutschen. Okay, die Anstoßzeiten. Und okay, wir haben schon mal erlebt, direkt in die 3. Liga durchgereicht worden zu sein. Das tat sehr weh.

Nein, es geht darum, aus Fehlern zu lernen, im Sinne einer gelingenden Zukunft. Das geht nur mittels Kritik,

Letztlich wird uns was eigentlich sehr Schönes den Klassenerhalt gekostet haben: Dieses fraglose Festhalten an der eigenen Historie. Eben an Holger Stanislawski, dem wir alle, auch ich von ganzem Herzen, zu Dank verpflichtet sind. Dem ich alles Gute wünsche, obgleich ich nicht glaube, dass das im Kraichgau wohnt.

Nur schwingt bei dieser Tugend der Treue die Weigerung mit, Neuland zu betreten. Neuland, das eben nicht Konservieren ist, widersprüchlich flankiert vom Mitmachenwollen bei dem, was die anderen tun.

Ein seltsamer Zwiespalt: Einerseits dieses Festhalten am Eigenen, andererseits wie alle anderen auch auf Logen und Business-Seats zu setzen und wie Dortmund spielen zu wollen, obwohl der Kader dem nicht gewachsen ist. Jammern, dass man bei diesen bekloppten Fans ja eh nicht vernünftig Geld verdienen könne – ganz wie Honess das tun würde, oder ein Magath.  Natürlich ranzte J. gestern „Am Abstieg sind doch die Sozialromantiker schuld“.

Nee, eben nicht. Sondern, dass der sportliche Bereich sich verzockt hat. Fehlspekuliert. Es sei denn, es geschieht noch ein Wunder. Grund ist, dass die Hoffnung auf Klopp und Tuchel und dass er auch so einer sein möge, die Fehler Stanis verdeckte.

Jeder darf und soll Fehler machen, auch Stani. Das kratzt ja nicht an dem, was man an ihm bewundert. Aber lernen sollte man schon draus. Jetzt hinterlässt er jedoch einen Scherbenhaufen. Wir müssen „Ton, Steine, Scherben“ draus machen. Schritt für Schritt ins Paradies. Wieder mehr Punkrock auf dem Platz statt ständig scheiternde Versuche, den raffinierten Pass zu spielen. Fin Bartels hat gestern gezeigt, wie das geht mit dem Punkrock auf dem Platz. Der hat sich einfach durchgesetzt, und der Ball war drin.

Seine Mitspieler waren in Halbzeit 2 im Wesentlichen mit den eigenen Unzulänglichkeiten beschäftigt. Hat Frings in einem Statement auf der Homepage prima auf den Punkt gebracht. Weil die von Stani gewünschte Spielweise die Schwächen der Spieler offen legt, anstatt sie zu kompensieren. Diese nackte Panik „O Schreck, ein RICHTIGER Bundesligaspieler wie Pizarro!“, die auf Spielergesichtern aufschien, wenn der durchstartete, war in etwa die eines Mittelgewichtsboxers, der gegen ein Schwergewicht in den Ring muss. Das wurde angelernt im Zuge dieser Bundesligasaison. Deshalb gestern diese desolate zweite Halbzeit: Werder musste nur kurz den Druck erhöhen, und das Kaputtgeschossenwordensein, zu dem sich die Saison bereits in der Hinrunde entwickelte, auf Schalke, der Sky-Moderator damals, über den wir uns alle empörten, hatte recht, auch in Stuttgart, auch in Bremen, zu Hause gegen Mainz, brach auf wie eine offene Wunde.

Weil offenkundig keiner den Fehlern Stanis entgegen wirkte. Keine Ahnung, ob Schulte das versucht hat hinter den Kulissen. Ich weiß nicht, ob deshalb Stani Berichte in der FR, so schien es zumindest, lancieren ließ, in denen seine Differenzen zum Sportchef verbreitet wurden. Eben zu jenem Zeitpunkt, als seine Bewerbungstour begann. Und eigentlich Zeit für einen Schlusstrich gewesen wäre. Corny wäre wahrscheinlich nach dem gewonnen Derby gegangen.

Keine Ahnung, ob wirklich kein Geld da war, um in der Winterpause nachzurüsten, oder ob Stani sich durchsetzte im Glauben an den Kader.  Dabei zeichnete sich nun wirklich in der Hinrunde deutlich genug ab, dass wir vorne zu wenig Tore schießen und hinten zu leicht welche fangen. Ganz platt. Ein Ozcipka und ein Zambrano alleine machen noch keine Abwehr. Es darf nicht sein, dass deren Verletzungen nicht kompensierbar sind – auch ein heiler Rothenbach hätte das nicht geschafft. Bei aller aufrichtigen Liebe zu diesem Kader, der ja letzte Woche in Wolfsburg gezeigt hat, das er aus saucoolen Typen besteht. Wäre schön gewesen, wenn man denen geholfen, sie unterstützt hätte.

Die Zusammensetzung stimmte und stimmt einfach nicht. Mir tut es weh, dass einem Helden wie Lechner, den ich zutiefst bewundere, gestern mit einer derartigen Drastik seine konditionellen und spielerischen Grenzen aufgezeigt wurden. Dass man einen Traummann wie Bruns, seufz, nicht raus nimmt, der eine Halbzeit lang prima spielte, dann aber nur noch taumelte und ständig irgendwas versuchte, was er gar nicht kann.

Wieso stimmt es konditionell nicht? Wieso die ganzen Verletzungen? Das wirkt alles wie ein Mangel an Selbstreflexion, wenn sich immer die gleichen Vorfälle und Fehler häufen.

Bin ohne jede Erwartung zum Spiel gegangen. Denke gerade „Ach, ich hab die Jungs lieb, wenn sie da vor sich hin trümmern, weil es Liebenswerte sind, mit denen ich schon so verdammt viel erlebt habe!“, da gehen die in Führung. Weil ein nicht minder gemochter Peer Mertesacker dösbaddelig das Abseits aufhebt. Und es sei eh betont: Trotz des Marin-Fouls und dessen Schwalbenversuchen, trotz des unerträglichen Tim Wiese in scheußlichem Mint sind die Bremer gestern höchst sympathisch aufgetreten. Und diese Transparente zum nazifreien 1. Mai und „Flora bleibt!“ in deren Block: Super. Eben auch super, weil ein Schulterschluss in zentralen Fragen über getrennte Fanblöcke hinweg möglich ist und die Werderaner das aufzeigten. Danke!

Na, nach der Führung ging es auf einmal wieder um was. Ärgerte mich fast darüber. Die Sonne schien, ich war zu Hause, das Bier schmeckte, mir schien es prima laut zu sein, das „Forza!“ wurde mit voller Wucht angestimmt – und nun plötzlich diese Spannung.

Dann der Ausgleich. Ich wurde auch wieder etwas ausgeglichener. Geht ja doch wieder schief. Keine Angst vor dem Scheitern! Losersein hat ja auch was.

Doch nun geschah das oben Beschriebene: Die Mannschaft glaubte nicht mehr an sich. Gab sich schon vor (!!!) dem Führungstreffer auf. „Wir schaffen das doch eh nicht. Das ist ja eine richtige Bundesligamannschaft, die Bremer.“ Kruse dachte wahrscheinlich: „Da will ich wieder hin!“ Wenn der Trainer immer nur davon redet, dass man sich belohnen wolle, es aber nicht geschieht, verliert man halt die Zuversicht.  Zusätzlich der Druck zu Hause, es eigentlich dem Publikum recht machen zu wollen …

Was lernen wir nun aber daraus? Dass es nicht gut ist, unreflektiert und unhinterfragt an der eigenen Mythologie zu hängen, während man gar nicht merkt, dass sie sich auflöst und die Vision fehlt, wie sie fortzuschreiben wäre.

Was ist das eigentlich für eine Pressearbeit, die es zulässt, dass täglich Trainerabsagen berichtet werden? Wie kann es sein, dass „St. Pauli like“ mittlerweile als irgendeine bürgerliche Höflichkeitsform im Netz zelebriert wird, so dass man sich nur noch fremd schämt? Zum Glück reden die ja nicht mehr mit mir. Grauenvoll, dieser affektierte Quatsch, hinter dem sich hochaggressive Biedermänner verbergen.

Wie kann es sein, dass ein Präsidium sich zwar für Benimmregeln zuständig fühlt, aber so schwach ist, dass ein Trainer alles okkupieren kann und nun zum Abschied wirklich nix, was nach Zukunft aussieht, hinterlässt? Es sei denn, wir halten durch ein Wunder doch noch die Klasse.

Natürlich will keiner, dass die Gewählten ständig überall rein quatschen. Es war nur schon damals bei „Betriebsunfall“-Fast-Insolvenz-Reenald Koch so, dass der totale Freifahrtschein für Demuth falsch war. Die Quittung bekamen wir zu Beginn der nächsten Zweitligasaison, als mit einer grotesken Kaderzusammenstellung bereits beim Auftaktspiel in Frankfurt klar war, da war ich vor Ort, dummerweise, dass der nächste Abstieg folgen würde.

Nee, her mit den Visionen!!! Gerade an so einem Nullpunkt muss die Zukunftsdebatte doch verschärft werden. Der, der 18 Jahre alles gab und viel zusammen hielt, der ist nun weg. Also her mit dem Morgen! Konservieren ist nicht mehr und das Kleben an all den Mumien aus den frühen Neunzigern auch. Nun ist echt die Chance da, der Zukunft zugewandt sich zu zeigen. Auferstanden aus Ruinen … also, legt mal los, Schulte, Spies, Stenger, Duve und Orth! Ziele wie „Top 25 unter den deutschen Fussballclubs“ kann ja jeder klopfen, wie auch von „Toleranz“ daher brabbeln – nun mal Butter bei die Fische!

Nachtrag: Ein inhaltlich teilweise ziemlich nah am vom mir Geschriebenen situierter Text des NDR – mit allerdings einer entscheidenden Akzentverschiebung:

„Diese Baustelle hätten Stanislawski und Sportchef Helmut Schulte spätestens in der Winterpause mit einem Neuzugang beheben müssen. Sie verzichteten darauf. „Weil wir voll auf unseren Kader vertrauen“, wie Stanislawski meinte.

„Müssen jetzt nach vorne schauen“

Das war aber wohl nur die halbe Wahrheit. Wahrscheinlich fehlte es St. Pauli einfach an dem nötigen Kleingeld, um den in der Breite für die Bundesliga zu schwach aufgestellten Kader zu verstärken. Stanislawski vermied es, sich darüber öffentlich zu beklagen. Der Abgang der Vereinsikone im Sommer zur TSG Hoffenheim lässt aber tief blicken. Der ebenso emotionale wie akribische Coach musste sich eingestehen, dass die Perspektiven beim Kiezclub sehr überschaubar sind.“ 

Er vermied es, sich öffentlich darüber zu beklagen.“ Wieso wird man das Gefühl nicht los, dass da jemand auch weiterhin eigenständig und ganz für sich Pressearbeit probt?

Riiiiisiiiiiko!

Formuliert das Bild unten Kritik, wenn man es „Im Völkerkundemuseum“ nennt und da noch ein Senderkennungslogo rein malt, oder reproduziert es auch nur irgendeinen Scheiß?

Frage ich mich ernsthaft, weil ich immer wieder fest stelle, dass seit Van Gogh, Gauguin, Picasso und Co zunächst eine Aneignung und Okkupation anderer Darstellungs-Traditionen als der europäischen statt fand, die durchaus in der Lage war, insbesondere plumpe Abbildlichkeit zugunsten eines aufbrechenden Blicks, der die Praxis des Malens, die Perspektivik des realen, wandernden Blicks mit zwei Augen, die Eigenständigkeit des Symbolischen und die Möglichkeit der expliziten Abstraktion bei gleichzeitiger Maximierung des Spielerischen und des überindividuellen Ausdrucks betont, zu ermöglichen.

Umgekehrt wanderten die Vorbilder nicht in die Kunsthalle, sondern skandalöserweise ins Völkerkundemuseum, und wurden als evolutionäre, archaische Vorstufe westlich-„zivilisierter“ Kunst verstanden, die sich vor allem am Blick der optischen Linse, also einer bestimmten Modulation des Lichtes, des Hell und Dunkel, orientierte.

Seit Cézanne und den Plein Air-Malern etablierte sich nunmehr ein diese Perspektive hinter sich lassender Blick (der durchaus an Giotto und andere Maler vor den van Eycks anknüpfte, siehe z.B. Picassos „Blaue Periode“), der in gruseligen Momenten sich die vermeintlich  „primitive“ Kunst aneignete, um im Archaischen das „Natürliche“ zu verorten, eine auch philosophisch gemeingefährliche Operation.

In diesem ganzen Wust scheint es mir annähernd unmöglich geworden zu sein, dass Weiße Schwarze malerisch thematisieren, ohne in übelste Stereotypen zu verfallen .

Das Bild unten versucht, diesen Problemzusammenhang einzufangen, und soll eigentlich eine Form visueller „Critical Whiteness“ sein.

Keine Ahnung, ob das überhaupt geht, ich hoffe auf intensive Kommentierung – denn auch, wenn das einmal mehr völlig schief gehen sollte, so stellt es ja wenigstens ein Experiment dar, das noch im Zuge seines Scheiterns etwas zu erklären vermag.

Weil z.B. dieser Titel „Im Völkerkundemuseum“ gar nicht als Kritik, sondern als Plädoyer verstanden werden könnte. entgegen seiner Intention. Aber wir wissen ja: Struktureller Rassismus wirkt unabhängig von Absichten Einzelner. Weil die Lippen, die ich auch bei Weißen ähnlich male, was aber gar keine Rolle spielt, als Anklang an übelste koloniale Darstellungsweise rezipiert werden könnte, und die Versuche, das zu brechen, sich im selben Paradigma bewegen. Weil die angedeutete Darstellung des „Evolutions“-Denkens als affirmativ anzusehen sein könnte. Weil die Gedanken Sartres, dass man angesichts afrikanischer Lyrik sich gerne das Weiße abwaschen würde, auch nicht jedem bekannt sind und ihrerseits als fragwürdig begriffen, eben im Sinne der Rückkehr zum „Archaischen“, begriffen werden könnte, obwohl er da nicht so meinte. Weil das omnipräsente Aufdiktieren weißer Sichtweisen ebenfalls wie zustimmend geguckt werden könnte – im Gegensatz zur kritischen, „Ministrel“ umkehrenden Operation, die das eigentlich sein soll. Weil bei einem Bild nie klar ist, was Objekt, was Subjekt ist beim Dargestellten. Weil, dass z.B. im Falle Afrikas immer über Landschaften und beseelte Tiere, aber selten über Städte und Menschen berichtet wird, ebenfalls in der Bildaussage einfach nur reproduziert werden könnte, auch wenn es den Versuch darstellt, genau das zu kritisieren und trotzdem bestimmte Darstellungsformen, die man aus jenen Regionen lernte, aufzugreifen versucht, um sie zu ehren.

Ich gehe das Risiko, auf die Schnauze zu kriegen, einfach mal ein, weil mir diese Fragestellungen alle als zu erheblich scheinen, als dass man sie im Zuge der Neo Rauchisierung und all der Rollbacks in der bildenden Kunst einfach so unthematisiert im Raum stehen lassen könnte. Also, wohlan:

PS

PS: Kleine Anmerkung noch – dieser Farbton im unteren Bildbereich, inmitten dessen sich die weißen Glyphen finden, ist der Schmincke-Ölfarbton zur Darstellung menschlicher Haut (bei Rubens lobt man immer die tollen „Fleischfarben“). Nordeuropäisch angepasst. Kann man auf einem iPhone-Foto nicht richtig erkennen. Auf die Idee, schöner Doppelsinn, dass es auch andere Pigmentierungsformen gibt, kamen die wahlweise nicht, oder sie exportieren es nach Kenia oder Brasilien anders. Keine Ahnung.

Und der Roland wird weinen …

Ein Finanzamtsdachboden. Ein kleiner Verschlag nur für 4 Personen. Ich glaube, sie hat sich den Rest ihres Lebens geärgert, nicht in Hamburg geblieben zu sein, wo sie gestrandet war – aus Pommern geflüchtet zu Freunden in Nienstedten. Die führten ein Kinderheim. Die Villa steht noch. Meine Mutter wusste später genau, wo der Luftschutzkeller zu finden war, als wir mal gucken gingen.

Dass „Großmama“ dort nicht mit den zwei Töchtern einfach ein neues Leben begonnen hat, ohne diesen cholerischen Gatten: Ein Fluch für sie. Er war wieder da, sie kehrte zu ihm zurück – widerwillige Wiedervereinigung. Familienzusammenführung unweit von Bremen. „Draußen vor der Tür“, so der Titel ihres Lieblingsstücks, Wolfgang Borchert der Name ihres Lieblingsdichters. Feierlich schenkte sie mir eines Tages das „Gesamtwerk“. Erzählte, was für ein Skandal tobte, als das Drama in der Kleinstadt aufgeführt wurde, weil es Sätze wie „Der Mond schien wie der Bauch einer Schwangeren“ enthielt.

Er hatte sich von Riga aus durchgeschlagen. Riga, eine der zentralen Stätten der Deportation osteuropäischer Juden. Ich weiß nicht, wie tief er involviert war. Er landete nun unweit der Weser in einem Auffanglager. Holte „seine“ Frau zurück. Den Verschlag auf dem Finanzamtsboden wies man der Familie als Notquartier zu – in einem imposanten, wilhelminischen Backsteingebäude.

Er ging „hamstern“ auf den Höfen rund um die Kleinstadt, mit einem Bollerwagen. Sie flocht den Töchtern die blonden Zöpfe und handarbeitete kunstvoll.  Knüpfen, Klöppeln, Stricken, Häkeln, Sticken, nichts war ihr fremd. Als sie in eine größere Wohnung, bereits im hohen Alter, umziehen wollte, zischte er nur „Und dann mieten wir noch eine dritte an und machen da eine Affenfarm auf!“

Die ersten Merksätze, die ich von ihm lernte, waren „Barzel und Strauss – aus Deutschland raus“ und „Wer noch einmal eine Waffe in die Hand nimmt, dem möge sie abfaulen“. Sie neigte eher zu „Ich hab ja nichts gegen lange Haare, aber gepflegt müssen sie sein!“

Bremen, das heisst für mich, Erinnerungen an diese Großeltern zu pflegen.  Mit dem Bus in die Stadt hinein zu fahren, die Geschichten vom Roland und irgendeinem Huhn – war es ein Huhn? – und einem Schlüssel im kunstvollen Relief am alten Rathaus erzählt zu bekommen. Im „Katzencafé“ im Schnoor Apfelstrudel mit Vanilleeis zu essen und den Duft der Kaffeeröstereien zu riechen. Sich wehmütig an Politiker wie Hans Koschnick zu erinnern, bei denen man zumindest den Eindruck hatte, dass sie mit Leib und Seele mitlitten, als sie um die Werften kämpften.

Ich mag Bremen. Eine der wenigen deutschen Städte neben Hamburg, in denen ich mir zu leben vorstellen könnte. Fühle mich da wohl. Es ist so gemütlich, und eben auch Norden.

Ich mag auch Werder. Mein Bruder war immer Werder-Fan. Mit 96 konnten wir alle nichts anfangen, diesem Verein der Unsympathen, den ekligen, roten Wölfen. Bei Werder hatte man immer das Gefühl, dass die aus wenig viel machen und dabei Understatement statt Münchener, Stellinger oder Schalker Großmannssucht pflegen.

Okay, die Sprüche damals von Schaaf und Allofs beim legendär surrealen Spiel im Schnee, die enttarnten ein wenig und offenbarten Gegenteiliges. Dafür wurden sie ja prompt bestraft.

Erinnere mich auch an ein Erstligaspiel, da wir, so gnadenlos unterlegen, vor einem Totaldebakel durch einen Spieler namens Holger Stanislawski bewahrt wurden. Was der da so alles hinten raus schädelte – unglaublich. Sehe auch einen, den sie „Kugelblitz“ nannten, vor meinem geistigen Auge noch pfeilschnell an unserer Abwehrreihe vorbei flitzen. War das ein Pokalspiel, als man Ailtons von 0 auf 250-Antritt bewundern durfte? Wahnsinn.

Das Hinspiel offenbarte ein wenig, warum ich derzeit annehme, dass trotz aktuell enervierender Trainersuche der Abschied von Stani mir sooo schwer trotz tief empfundener Dankbarkeit nicht fällt. Dieses auf Teufel komm raus Offensiv-Gerenne bei stetem Gegentor-Geklingel halt, das die Mannschaft immer weiter verunsicherte, weil es nicht zu Erfolgen führte, das er spielen lässt. Dieser Verzicht auf die Robusten bei der Kaderzusammenstellung, Ausnahme Asamoah, zugunsten von Filigranen wie Kruse und Bartels.

Als wir so vollblöd an der Weser verloren haben, da hatte ich erstmals das Gefühl, dass der Schädel des so verehrten Trainers auf stur schaltete, statt auf Situationen zu reagieren, und somit in der ersten Liga gar nicht angekommen war.

Und jetzt muss er auch noch ins Kraichgau. Der Arme. Diese Idee, mal etwas zu leben, was einem emotional mehr Distanz, mehr Raum lässt, sich einfach auf den Job zu konzentrieren, die ist gefährlich für Trieb- und Überzeugungstäter, die das Involviertsein brauchen.

Die Unrechtsgerichtsbarkeit des DFB hat uns zwar vorm Geisterspiel bewahrt; liest man nun die Verlautbarungen auf der Homepage, wundert man sich dennoch, mit was für einer Gottherrlichkeit die alten Männer abgehoben mit Kanonen auf Idioten schießen. Und dass der Verein noch auf Schleimspuren hinterher kriecht – puuh. Ich will auch keine Becherwürfe  – es gibt nur Formen, darauf hinzuweisen, wie Scheiße diese Würfe sind, die geradezu welche provozieren. Was allerdings auch niemanden der Verantwortung enthebt, es bleiben zu lassen.

Rückschlüsse von der Härte einer Sanktion auf die Schwere der Tat sind halt nicht zulässig. Man spürt den Vereinsverlautbarungen immer an, wie wenig die Akteure Macht begriffen haben, agieren sie doch immer im Paradigma der Zurechtweisung Heranwachsender durch den Erziehungsberechtigten. Das zeugt schlicht davon, dass da einige selbst noch nicht erwachsen wurden. Das ist Mensch dann, wenn sie das Eltern-Kind-Paradigma hinter sich lässt und jede Autorität erst mal infrage stellt, bevor Mensch der mit guten Gründen zustimmt oder auch nicht. Kant nannte das den Ausgang aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit.

Das immerhin habe ich von meinem Opa gelernt: Selbst wenn alle Geschichten erfunden waren, wie er virtuos Offiziere verarschte und hinterging, damals, in Riga – sie brachten mir Fundamentales bei. Dass er auch nach ’33 jüdische Bekannte auf offener Straße demonstrativ grüßte, das stimmte zweifelsohne – meine Oma lebte in steter Angst davor, dass sein Handeln entdeckt werden könnte. Denn er hörte den englischen Sender. Darauf stand die Todesstrafe.

Der Roland sei so gebaut, dass er rüstig und trotzig dem Bischof im Dom sein Gesicht zeigte, erzählten mir meine Großeltern – als Zeichen der bürgerlichen Zurückweisung kirchlicher Macht. Bei Wikipedia steht es etwas anders, mir ist meine Kindheitserinnerung sympathischer. Weil das Echo der wüsten, empörten Tiraden meines Opas, wenn ausgerechnet aufgrund verstorbener Päpste das Fernsehprogramm geändert wurde, mir noch wohlig in den Ohren klingt.

Insofern tut es mir leid, dass der Roland morgen weinen wird … ich glaube, wir gewinnen das Spiel. Aber wenn wir uns mal auf unsere Wurzeln besinnen, der bürgerlichen Ordnung trotzen zu wollen, haben wir zumindest idealtypisch die Geschichte auf unserer Seite …


Klasse und Geschlecht: Was The Gurkenkaiser schreibt

„Mit Bourdieu kann man Geschlechternormen klassenspezifisch denken: Unterschichts-Weiblichkeit und bildungsbürgerliche Weiblichkeit (als Beispiele) funktionieren je unterschiedlich, auch im Hinblick auf die „Zivilisierung“ und Kultivierung des eigenen Körpers. Insofern blicken die Alphamädchen, vermutlich ohne es zu wollen, herab auf eine Weiblichkeit die ihnen fremd ist, und sehen mit ihrem bildungsbürgerlichen Blick – aus ihrer Position heraus auch konsequent – nicht eine schichtspezifische Strategie mit der Not umzugehen, sondern ein antifeministisches Fehlverhalten.“

Ist wichtig auch für all die Sexismus-Debatten rund um das Millerntor. Wo zudem viel über Weiblichkeit, aber erstaunlich wenig über Männlichkeit debattiert wird. Es sei denn, irgendwer findet es zum Brüllen komisch, wenn Frank Rost über „rosa Röcken“, wie tuntig, witzelt. Weil eben dieser Blick gerade beim „antisexistischen“ FC St. Pauli am liebsten von Männern eingeübt wird, den The Gurkenkaiser, bei dem meine Kommentare immer im Spam-Ordner landen, in einem anderen Diskussionskontext den „Alphamädchen“ diagnostiziert. Man übertrage das Geschriebene somit als Struktur auf die Thematisierung von Heterosexualität, Männlichkeit und Weißsein, will man auch die klassistischen Strukturen wirklich angreifen. Damit St. Pauli dreckig bleibt …

Der Klassenkrieg gegen die „Nutzlosen“ und „Überflüssigen“ wird immer aggressiver …

„Die Arbeitsagenturen brüsten sich damit, dass sie massiv gegen angeblich “unkooperative Bezieher von Hartz-IV-Hilfen” vorgehen. Die Behörden haben im vergangenen Jahr laut Mitteilung der Bundesagentur 828.708 Sanktionen ausgesprochen, so viel wie noch nie zuvor. Das waren rund 14 Prozent mehr als 2009. BA-Vorstandsmitglied Heinrich Alt sagte der “Berliner Zeitung”, dass die Verfahren zu Überprüfung der Hartz-IV-Betroffenen ständig optimiert würden und 700 Mitarbeiter ausschließlich mit derartigen Überprüfungen beschäftigt seien.

 

Mit den Sanktionen, die zwischen 10 und 30 Prozent der “Regelleistung” betragen, werden die Betroffenen unter das Existenzminimum gedrückt. Es können auch mehrere Sanktionen gemeinsam ausgesprochen oder der Regelsatz vollständig gestrichen werden. Eine Ankündigung oder Androhung einer Leistungskürzung ist nach den letzten Änderungen des Sozialgesetzbuch (SGB II) nicht mehr erforderlich. Mehr als die Hälfte der Sanktionen (498.504) wurden wegen “Meldeversäumnissen” ausgesprochen. Dabei wird oft keine Rücksicht genommen, welche Gründe zu den Versäumnissen führten. Es kommt gar nicht so selten vor, dass die Termine willkürlich so gelegt werden, dass es kaum möglich ist, sie einzuhalten.“

Interessiert nur kein Schwein mehr. Man wählt ja Kretschmann und Konsorten.Der Nachwuchs derer, die das Schulgeld für Waldorfschule und Bio-Food im Gegensatz zum typischen Grünen-Wähler und anderen Ottensern nicht parat haben, wird derweil ausgehungert:

„Der Hartz IV-Regelsatz von täglich 2.62 € für Kinder zwischen 2 und 6 Jahren und von 3.22 € für Kinder zwischen 7 und 14 Jahren sind nach den Wissenschaftlern nicht ausreichend, um eine gesunde Ernährung sicherzustellen. Dafür wären „mindestens 5 € pro Tag und Kind notwendig“. Weil sie nicht ausreichend gut ernährt werden, seien sie, so Prof. Dr. Hans Konrad Biesalski, Sprecher des Sachverständigenbeirates der Ernährungsinformation der Universität Hohenheim, oft „blass und übergewichtig, ihr Immunsystem ist geschwächt und ihre Entwicklungschancen sind schlechter: Jedem sechsten Kind in Deutschland erschwert der Hartz IV-Regelsatz eine adäquate Ernährung.“ 

Ohne Worte. Wahrscheinlich lässt Mann demnächst nicht nur im Mittelmeer absüppeln, sondern verklappt Hartz IV-Kinder direkt in der Nordsee … für den Fall, dass sich die Zwangssterilisierung als inhuman nicht durchsetzen lässt.

Und noch eins drauf …

„Der international umstrittenen Reform stimmten 262 Parlamentarier zu, 44 lehnten sie ab. Sie definiert die Ehe als eine „Lebensgemeinschaft zwischen Mann und Frau“. „Den wichtigsten Rahmen des Zusammenlebens“, heißt es in der Präambel, bildeten „Familie und Nation“. Die „Familie“ sei die „Grundlage der Erhaltung der Nation“, die Entscheidung fürs Kind werde gefördert.“

Es sei ergänzt, dass exakt das die Position der CDU war, aufgrund derer sie gegen die „Homo-Ehe“ vor das Bundesverfassungsgericht zog. Der Definition von „Ehe“ als „Lebensgemeinschaft zwischen Mann und Frau“ hat sich dieses auch angeschlossen, warum auch immer, das jedoch nicht Grund anerkannt, alternative Rechtsinstitutionen zu schaffen. Dem Verbot der „Homo-Ehe Verfassungsrang zuzuerkennen hat die CDU sich bisher nicht getraut, ganz anders als die US-Republikaner – eine Propagandaschlacht folgte, die u.a. zur Wiederwahl von George W. Bush führte. Nun hat auch Obama sich nicht mit Ruhm bekleckert, dass freilich in Texas schon wieder einige die Kriminalisierung „homosexueller Handlungen“ fordern, sei ergänzend erwähnt und ist nur eine logische Folge dieser ganzen Debattenlage.

„Der freie, aufgeklärte Westen und seine christliche Tradition“, harharhar. Alles klerikalfaschistische Nationalisten, ganz wie unter Franco.

Insofern ist „international umstritten“ schon ganz richtig geschrieben: Ziemlich viele finden das auch ziemlich gut. Womit sich eine ganz alte Frage stellt: Wofür brauchen die das? Wieso sich an den Lebensentwürfen anderer Leute mit solch Inbrunst abarbeiten?

Stefan Niggemeier bringt es auf den Punkt

„Heterosexuelle Schlüpfrigkeiten werden beklatscht. Homosexuelle Schlüpfrigkeiten sind ein Entlassungsgrund. Schwule Sexualität ist immer noch eklig. Schwules Leben wird so als schambehaftet und minderwertig definiert.

Und dann ist da zwischen Zeilen noch der Mythos, dass junge Menschen in ihrer Sexualität verwirrt werden könnten, wenn Homosexualität als Normalität dargestellt wird. Konkret also etwa durch Moderatoren, die nicht nur schwul sind, sondern sich das auch noch anmerken lassen. Denkt denn niemand an die Kinder!, ruft „Bild” da aus. Der heterosexuelle Moderator, der anzügliche Kommentare über das knappe Kleid seiner Assistentin macht, hat hingegen anscheinend keine jugendschutzrechtliche Relevanz.

Ich fürchte, es gibt viele Menschen, die von sich sagen würden, sie seien „tolerant”, was Homosexualität angeht. In Wahrheit akzeptieren sie nur, dass es Schwule gibt, und nicht, dass Schwule ihr Schwulsein auch in der Öffentlichkeit leben, wie es Heterosexuelle tun, und sei es mit anzüglichen Witzen. Ich glaube immer mehr, dass man diese Form von Schein-Toleranz, die schon ein Coming-Out als eine unangenehme Behelligung mit dem Intimleben eines Menschen empfinden, bekämpfen muss.“

Mal ab davon, dass es keinerlei Grund gibt, heterosexuelle Schlüpfrigkeiten, so weit sie von Männern geäußert werden, zu beklatschen, arbeitet Niggemeier hervorragend jene  Assymetrien heraus, die die Gesellschaft durchziehen als stets Mitgesagtes, Mitgedachtes und Mitgehandeltes, als oft unbewusste Grenzziehungen in Statuszuweisungen und unausgesprochenen Hierarchien, die bestimmen, wer sichtbar sein und sich artikulieren „darf“ und wer, wenn überhaupt, wie sichtbar gemacht und gesprochen wird. Und die „Herren der Fortpflanzung“, die als „Ernährer“ Ernannten reagieren sehr empfindlich, wenn Mensch ihre Dominanz infrage stellt.

Im St. Pauli-Forum wird derzeit ein Playboy-Plakat in einem Fanbus intensivst diskutiert (ein erschütternder Thread, weil Mensch einmal mehr sieht, wie dieser us-rechtsradikale Kampf gegen „Political Correctness“ Wirkung zeigt) – wenn die gemeinschaftliche Heterosexualitätsvergewisserung eines Busses voller männlicher Fussballfans, die, selbst angezogen, die Nacktheit verdinglichter und der Persönlichkeit beraubter Frauen bestaunen, ein SM-Setting, und der Welt zeigen müssen, dass sie es tun, zurück gewiesen wird, dann bricht sie auf, die Abwehr der Dominanz, die nichts anderes will als zu wahren, dass sie es ist, die blickt, definiert und Status zuweist. Eine reine Machtfrage.

All die ganzen blöden kleinen Witze ganztägig über Schwule, Frauen, Schwarze, die noch bei jenen sich äußern, die sich solidarisch geben – jüngst bezeichnete jemand twitternd in vermeintlicher Pro-Haltung Asamoah als „Vorzeige-N…“, als der dieser behandelt würde von Anne Will; da habe ich fast einen Schreikrampf bekommen, weil noch im Akt der Solidarisierung das Gefälle aufrecht erhalten werden muss, das sich selbst als Vorzeigeweißen, der die Schwarzen schützen will, inszeniert, zugleich jedoch, indem er ihn per N-Wort bezeichnet, dem Anderen Status zuweist und so alles lässt, wie es ist -, sie dienen einzig dazu, Dominanz in diesem Sinne zu wahren und brechen sehr schnell hervor, wenn jemand wagt, an den bildungsbürgerlichen Fassaden zu kratzen.

In diesem Sinne sind und als Kritik dessen sind auch die zahlreichen und beeindruckenden Berichte aus feministischer Perspektive zur re:publica zu lesen, und Mensch sollte sie lesen!

Gerade in diesem ach so vollends aufgeklärten Deutschland, das sich als postpatriachal, postrassistisch und posthomophob behauptet, haben sich manche Mechanismen lediglich verfeinert, die Diskreditierung, Abwertung, Statuszuweisung, gleichzeitige Unsichtbarmachung und Verzerrung der Sichtbarkeit im Sinne des weiß-heterosexuell-männlichen Blicks regeln.

Um so unsinniger diese sich aktuell allerorts auf der Linken auzufindende Machterhaltungsmethode, die Solidarität mit den Devianten sei doch angesichts einer notwendigen Umwälzung der ökonomischen Verhältnisse allenfalls zweitrangig zu behandeln. Das hättet ihr wohl gerne. Is‘ nich‘.

Gefährlich sind immer die „Normalen“ …

„Auch der Mitgliederverlust bei der rechtsextremen NPD setzt sich fort. „Die Partei hat Ende 2010 noch 6600 Mitglieder gehabt. Das sind 300 weniger als im Jahr zuvor und 600 weniger als zu den besten Zeiten der NPD im Jahr 2007.““

Wozu auch in den NPD eintreten, wenn der Herr Sarrazin bei Anne Will agitiert und der Innenminister in rechtspopulistische Hörner tutet? Ist ein wenig wie bei der FDP: Da außer der gemäßigt sozialdemokratischen Linkspartei keiner mehr neoliberalen Doktrinen widerspricht, sondern alle eifrig nachplappern, braucht die halt keiner mehr. So ist das mit dem Extremismus der Mitte: Der saugt jede Jauche auf wie ein Schwamm und sorgt dafür, dass auch ja keiner merkt, wie weit nach rechts die Republik längst gerückt ist.

Das ist das Zwiespältige an den Blockaden von Nazi-Aufmärschen – so lange man nur auf diese glotzt, entgeht eben, was an Initiativen gegen Schulreformen strukturell rechtsradikal ist. Man fühlt sich in der eigenen Widerständigkeit bestärkt und kann sich gemütlich zurück lehnen, wenn in Abschiebknästen sich die Menschen umbringen  … es sind nicht nur die rechten „Ränder“, die zum Faschistoiden neigen. Die „Autonomen Nationalisten“ agieren allenfalls aus, was der Mainstream etwas gemäßigter denkt. Exakt das war in der bundesrepublikanischen Nachkriegsgeschichte immer schon der alles entscheidende Unterschied zu den Linksradikalen. Ein Franz-Josef Strauss konnte Kanzlerkandidat werden.  Ein linkes Pendant fiele mir nicht ein … gefährlich sind immer die „Normalen“. Denn die setzen sich durch.