Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Normalisierung mittels Denunziation

Ein Satz Michel Foucaults sorgte einst für gewaltige Empörung: „Die Macht kommt von unten„. Lasen viele dieses doch als Absage an die Befreiung der Unterdrückten, die eben „ganz unten“ sind. Foucault wandte sich vielmehr der „Mikrophysik der Macht“ zu, also den Funktionsweisen der Macht, die in den Beziehungen wirken – und die sich ganz alltäglich reproduzieren, wenn der „Nicht-Migrant“ den „Migranten“ als „Migrant“ identifiziert, der „Heterosexuelle“ den „Homosexuellen“, der „Christ“ den „Nicht-Christ“, der „Weiße“ den „Schwarzen“.

Und die so als abweichend permament Erzeugten müssen sich mit derlei Zuschreibungen alltäglich herum schlagen. Selbst die Produktion ganzer delinquenter Milieus funktioniert in diesem Sinne, wenn z.B. die Hamburger Polizei im Sinne des „Racial Profilings“ jedes Wochenende gezielt und systematisch Hatz auf PoC-Kids macht. Eine Erfahrung für diese, die „Rechtsbewusstsein“ im Sinne geltenden Rechts nun gerade nicht zu erzeugen vermag, da das, was als Rechsstaat sich behauptet, im Sinne permanent diskreditierender Willkür sich zeigt. So produziert man fortwährend jenes Milieu, das zu bekämpfen man vorgibt.

Und die Exekutive kann sich darauf verlassen: Genug Bürgerliche werden sie dabei unterstützen, die Basis solcher Machtausübung ist die Akzeptanz derer, die sich als „gesellschaftliche Mitte“ verstehen und so die Ränder zuweisen. So lange deren Altbauwohnungen und Vororthäuschen nicht in Gefahr sind und der Job in der Kulturbehörde im Derzernat „Kunst und Antirassismus“ (das „Völkerkundemuseum“ gehört vermutlich zur Wissenschaftsbehörde?) sicher ist, hat man von denen wenig Widerstand zu befürchten. Entsprechend groß die Begeisterung der Leser von DIE ZEIT für die Schrift Sarrazins.

Zum historischen Beleg darüber hinaus denunziatorischer Praktiken, die an staatliche Macht ankopplungsfähig sind, hat Foucault zusammen mit der Historikerin Arlette Farge die „Lettre de Cachet“ herausgegeben:

„Die Lettres de cachet werden vielmehr von den Bürgern selbst benutzt, um
sich unliebsamer Personen zu entledigen. Durch Auswahl und Kommentar
zeitgenössischer Briefe zeigen Farge und Foucault, daß sie ihre Verwendung
vor allem bei innerfamiliären Konflikten finden: Ehemänner lassen
ihre Ehefrauen, Ehefrauen ihre Ehemänner und Eltern ihre Kinder in Gefängnissen
verschwinden. Damit wird detailliert am historischen Beispiel
deutlich, was bisher – besonders von Foucault selbst – als abstrakte These
formuliert war: Macht wirkt nicht von außen auf soziale Beziehungen ein,
sondern strukturiert sie intern.“

„Lettres de Cachet“:

„Beispiele für Lettres de cachet sind die berüchtigten Haftbefehle der Könige von Frankreich vor der Revolution von 1789, durch die missliebige Personen aus Paris und des Landes verwiesen oder ohne Urteil und Recht in die Bastille oder ein andres Staatsgefängnis gebracht wurden.“

Klar, man denkt prompt auch an die IMs der Stasi, obgleich manche dieser wohl dachten, es sei immer noch besser, sie selbst denunzierten und könnten so den Informationsfluss steuern, als dass es jemand anders tut.

Auch der „Stürmer“ und die Gestapo konnten sich selbstverständlich auf rege Beteiligung der deutschen Bevölkerung am Ausmerzen von Juden und Asozialen stützen, wie der Der Freitag zu berichten weiß, und nahm den „Leserreporter“ der BILD vorweg. User-generated Content, sozusagen:

„„Volksgenossen“ wie Hans Käber, die ihre Mitmenschen denunzierten, gab es viele im NS-Staat. Ein Massenphänomen, für das nicht nur Parteifunktionäre sorgten – auch viele kleine „Volksgenossen“, die sich über diejenigen erheben durften, die – als außerhalb der „Volksgemeinschaft“ stehend – angeprangert wurden: politische Gegner, „Asoziale“, Sinti und Roma, besonders Juden. Oft hatten die Denunziationen rein private oder geschäftliche Gründe. Es bot sich an, einen verhassten Konkurrenten loszuwerden, indem man ihn wegen eines vermeintlichen politischen Deliktes oder wegen „Rassenschande“ bei der Gestapo anzeigte.“ (via PBBMarx/Twitter)

Ergänzend bleibt zu erwähnen, dass einer der ersten Filme, die im Nachkriegs-Großbritannien „Homosexualität“ thematisierten, die Erpressung eines Schwulen zum Gegenstand hatte … so was war ja damals noch verboten.

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6 Antworten zu “Normalisierung mittels Denunziation

  1. jonas März 28, 2011 um 9:27 pm

    Danke! Feiner Beitrag

  2. Pingback: Normalisierung mittels Denunziation « Kritik und Kunst

  3. ziggev März 29, 2011 um 5:07 pm

    „… wenn z.B. die Hamburger Polizei im Sinne des „Racial Profilings“ jedes Wochenende gezielt und systematisch Hatz auf PoC-Kids macht.“ Wirklich? Das wusste ich nicht. Hier draußen bekomme ich so etwas ja nicht mehr mit!

    Damals – also kurz vor Schill – hab ich´s ja vom Bus aus gesehen, dass schwarze Kinder in der Nähe des Schauspielhauses lachend mit den Bullen immer knapp entwischend „Fangen-mich-doch spielten“. Wobei die Staatsmacht sich natürlich lächerlich machte. Das Lachen der Kids war allerdings kein höhnisches Lachen, dazu waren die noch zu sehr Kinder, die es einfach immer wieder arglos genossen, schon wieder entkommen zu sein – andere Spielgelegenheiten und Spielkameraden hatten die offenbar nicht.

    Lachen steckt bekanntlich an, welches die Polizisten sich aber immer mühsam verkniffen, und die hätten bestimmt auch mitspielen dürfen, wenn sie sich einmal auf den Gaudi eingelassen hätten. Oder vielleicht mal einen Purzelbaum geschlagen hätten – irgendetwas: Spielverderber!!

    Ich saß da also lachend im Bus – das war einfach zu goldig! – die umsitzenden Spießer vormittags im Bus auf dieses ergötzliche Schauspiel aufmerksam machend. Doch die versuchten bloß zaghaft pöpelnd ihr leeres Ressentiment hervorkramend sich aufzuregen, leeres Ressentiment, denn die waren ja gar nicht wütend. So, wie es heute bei Sarrazin-Veranstaltungen zu beobachten ist. (So nehme/nahm ich das jedenfalls wahr.) Das waren lediglich in ihrer gefühlstoten, unendlichen Tristesse vor sich hinvegetieren, bemitleidenswerte arme Menschen.

  4. che2001 März 29, 2011 um 10:45 pm

    Als Göttinger Bullen ein genehmigtes Lagerfeuer unserer Gruppe löschten („In Deutschland darf man im Wald kein Feuer machen, wir wissen ja nicht, wo Sie herkommen“ „Aus dem Irak. Und wir sind vor deutschem Giftgas nach Deutschland geflüchtet!“ „Verarschen können wir uns Selber.“) tanzten die Kurden um den Streifenwagen und skandierten: „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus!“

    Die Bullen fühlten sich bedroht und schrieben später in ihrem Bericht: „Eine Gruppe ausländischer Extremisten und ihre deutschen Sympathisanten entfachten im Wald bei Reinhausen ein Feuer, wir konnten es löschen, mussten uns dann sehr schnell zurückziehen.“

    Den Feuerlöscher haben sie uns in Rechnung gestellt, ging über drei Instanzen.

  5. momorulez März 30, 2011 um 7:31 am

    @Ziggev:

    Ist so, und leider nicht in der zum Lachen animierenden Variante. Die werden, wenn sie in Gruppen unterwegs sind, alle Nase lang aufgrund irgendwelcher vorgeschobenen Gründe kontrolliert und gefilzt, und wenn Du so als 16-, 17-jähriger beim ganz normalen Ausgehen ständig von der Staatsmacht drangsaliert wirst, lernst Du halt, was von der zu halten ist – deswegegen sind in anderen Kontexten stattfindende Diskussion zu „Ganz Hamburg hasst die Polizei“ gar nicht auf die Frae der Begründung staatlichen Gewaltmonopols zu beziehen oder dem generellen Sinn und Zweck dieser Institution, sondern anhand eines unerträglichen Nutzens eines Willkürspielraumes, das auch permanentes rassistisches Agieren beinhaltet.

  6. ziggev März 30, 2011 um 3:09 pm

    die ostentativ ausgeübte Willkür der Staatsmacht hat mich auch mal in geringfügigen Fällen angeweht, bin weiß Gott kein Held.

    Zum Kotzen. Nee, in der Tat, da hört der Spaß auf.

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