Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Manchmal kommen sie wieder …

„Zu schnell vorbei“ – letzte Woche werfe ich den Blick aus dem O-Feuer-Fenster auf das Schulterblatt, denke „Hey, was ist das denn da Süßes! Hübsche Schnute!“: Clueso geht gerade vorbei und guckt sexy.

Ich bekenne. Ich bekenne, gerade das neue Album von Clueso mein Wohnzimmer in Schwingungen versetzen zu lassen. Ich bekenne, bei seinem Song „Chicago“ immer mal heulen zu müssen. Ja, ich bekenne gar erotische Fantasien, wenn ich den Jungen singen höre. Zum Glück ist er wenigstens schon 31, das geht ja noch.

Obwohl da freilich „Jetzt siehst Du wie ein Tier aus – feuchtes Fell“ ebenso in der Musik mit klingt wie ein „Verliebt, verloren, verbrannt – gelacht, geweint und weg gerannt“. Was hab ich das Album geliebt! ALLE hörten Ulla Meinecke. Damals, als Dieter als Zivi im Altenheim nach Dortmund ging und eine „Anklageschrift gegen eine Stationsschwester“ verfasste.

Ein Grönemeyer ist bei Clueso eh mit zu hören, vielleicht auch ein Hauch von Holger Biege und denen, die gut waren in der DDR. Denen wir uns verbunden fühlten, damals, zu „Schwerter zu Pflugscharen“-Zeiten.

Zeiten, die heute wieder da waren, als ich die Anti-AKW-geschminkten Kinder-Gesichter im Abendblatt leuchten sah. War dann Schuhe kaufen – altern merkt man auch daran, wenn man das gleiche „Palladium“-Paar noch einmal kauft, das einen bereits zu Beginn der 90er durch das Leben und ins „Camelot“ trug. Als ich ein wenig Jugend nachholte und jede Woche die BRAVO kaufte und alle zwei Wochen die BRAVO Girl!. Durfte man ja nicht zu Alternativbewegungszeiten, als ich wirklich jugendlich war. Da musste man das doof finden. Nun, Anfang der 90er, schwärmte ich für Richard Grieco, „Booker“, guckte jede Woche Beverly Hills 90210 und hatte eine stürmische 3-Wochen-Affäre mit einem, der aussah wie Luke Perry. Von der erholte ich mich Jahre nicht. Der Mann war toll. Bei youtube kann man ihn bei einem Goergette Dee-Auftritt, da sie einen Marlene Dietrich-Song singt, im Hintergrund sogar tanzen sehen … seufz.

Im Schuhgeschâft lief eine Coverversion von „Blister in the Sun“ der Violent Femmes, depotenziert arrangiert, ohne jeden Witz von einer dünnen Mädchenstimme gesungen. In dem neuen Görtz 17 auf dem Schulterblatt darf man ja nichts kaufen, ich ging in das gegenüber des Hanseviertels. Wahrscheinlich auch nicht okay. Die Verkäuferin plauderte in einer osteuropäischen Sprache mit einer Kundin; mir fiel auf, wie unendlich gut das tut, in einer Stadt zu leben, in der jeder zweite Satz, der ans Ohr dringt, NICHT in deutsch gesprochen wird.

Am Gängeviertel vorbei flanierend fragte ich mich, wo eigentlich die wundervollen schwarzen Frauen hin sind, die da wohnten und die ich morgens immer in der U-Bahn-Station Gänsemarkt traf, als ich noch nach Barmbek fahren musste. Haben da nicht auch Sintie oder Roma gelebt?

Vor mir schlendert, frisch von der Anti-AKW-Demo, ein Trupp dünner weißer Mädels, die, würde man sie auf einen Schulhof 1982 beamen, niemandem auffallen würden. Sie ähnelten meinen Schulfreundinnen ungefähr so, wie das neue Paar „Palladium“-Schuhe dem alten. Rein äußerlich, klar. Die Wollsocken, in deren Weiten die sackartige, selbst genähte Hose aus Flatterstoff gesteckt war, die Dreads, die „Ich bin nicht doof!“-Distinktionsbrille.

Aber wahrscheinlich rauchen sie nicht. Noch nicht mal Selbstgedrehte. Kennen Bucaneer und Javanese Jongens-Tabak gar nicht. Und finden Clueso vermutlich total uncool, hören ihn aber heimlich und träumen dann … und in 10 Jahren gucken sie sich in irgendeinem Internet-TV-Sender alte Beverly Hills 90210-Folgen an, wiegen das Kind auf ihrem Schoß und ärgern sich, dass sie nie so einen wie Luke Perry hatten, sondern doch den aus der Anti-AKW-Gruppe genommen haben …

4 Antworten zu “Manchmal kommen sie wieder …

  1. Quotenrocker März 26, 2011 um 8:05 pm

    Du kennst meinen absoluten Lieblingstabak „Buccaneer“? Cool, da dreh ich mir gleich eine….

  2. momorulez März 26, 2011 um 8:15 pm

    Klar! Den hat meine Schulfreundin Birgit immer geraucht ! Da war so ein Hauch von Rum drin. Lass sie Dir schmecken, die Zigarette!

  3. ziggev März 27, 2011 um 4:36 pm

    naja, die werden schon „standesgemäß“ heiraten … Oder sich szenemäßig entsprechend das Alphatier raussuchen. Wie üblich. In meiner Schulzeit sah´s da beiderlei Geschlechts derart mau aus, dass die einzige in meinem Alter, aber nicht die einzige an der Schule, sich kurzerhand ´nen Leherer angelte. Oder doch (gibt´s die überhaupt noch?) so einen ressentimentgeladenen Grünen? Wohl nicht, ich meine solche Typen, die voller Selbsthass sind, weil sie sich freiwillig all das vorenthalten haben, was äußere Zeichen des Erfolgs gewesen wären wie: schicke Klamotten (keine Sandalen, selbstgestrickte Pullover usw., was einfach nie sich auf irgendeine Weise kombinieren lässt), schickes Auto, aber auch den anders ja denkbaren tatsächlichen sozialen Aufstieg – in Wahrheit hassen sie ja auch diese vorauseilende „Politischte Korretheit“, die man sich völlig überflüssig auferlegte, deren Normen meist der eigenen Phantasie, während sie selbst einem internalisierten Zwang, sich irgendeiner Ideologie zu unterwerfen, dem ideologischen Bedürfnis entspringt, und den damit verbundenen Abstieg, den sie sich damit einbrockten oder durch unerträgliche Selbstüberschätzung zu kompensieren trachten. Habe sie kennengelernt, und ihre Angst-driven Verbissenheit, mit der dann „Projekte“ weiterverfolgt wurden, sei es soziales Engagement, Lobbyarbeit in parteinahen Stiftungen oder der, inzwischen ist das Häusle in besserem Viertel fertig, das ehem. Outfit erodiert, gesellschaftliche Aufstieg der Töchter (Jurastudium, Abschluss in USA). Probleme, die z.B. adelige, oder nun wirklich mal einigermaßen wohlhabende, im Grünen Umfeld nicht zu haben schienen – kenne da jemanden, an dem sich, weil immer schon völlig unverkrampft, manches des damaligen Habitus, der sich noch immer hält, wunderbar zu studieren ist.

    In der hamburger U-Bahn höre ich übrigens immer öfter, fast nur noch, lupenreines, lupenreinstes Deutsch gerade von solchen, die (m)einem Vorurteil zufolge mindestens „gebrochenes“ Deutsch sprechen müssten. Was ich durchaus genieße. Beim Döner gibt´s ja immer noch diese sich ein Lächeln verkneifende Verlegenheit, ein Lächeln, das Herablassung signalisieren würde gegenüber jemandem, dem das Sprachgefühl nicht automatisch eingibt: „Salat? Mit alleM?“, der sich aber redlich bemüht, es also richtig ausspricht, was aber seinem Sprachgefühl widerspricht, wofür er schließlich Anerkennung verdient hat. Es hat sich aber nur die Art der Verlegenheit gewandelt, denn davor hatte es so lange mit solcher Selbstverständlichkeit „mit alleS“ geheißen, dass genau in dem Moment, als mein oberlehrerhafter Impuls, auf den Dativ aufmerksam zu machen, schwächer und schwächer geworden war, ich dann aber von einem Tag auf den anderen überall nur noch die korrekte Form hörte, die Freude, die hätte einsetzen müssen, etwas getrübt war: ich wollte wieder „mit alleS“! Seltsam, vielleicht sarrzynische Angst. Vielleicht auch eine Absprache unter Döner-Clans: Konkurrenzkampf ja, aber keine unfairen, sich der Mehrheitsgesellschaft anbiedernden Mittel.

    Am meisten Vergnügen bereitet mir die Selbstverständlichkeit, mit der Russen unverdrossen an den in ihren Ohren offenbar einzig richtigen Grammatik festhalten, die immer an alte, vergessene deutsche Formen erinnert. Etwa: Das gefällt mir. (Im Russischen меня – Akkusativ). Ist aber auch Genitiv, ähnlich wie in (geh.) „ich bin gespannt, ob er sich meiner (Genitiv) noch erinnert‘.

  4. ziggev März 27, 2011 um 4:40 pm

    PS muss natürlich heißen: an d e r Grammatik festhalten 😉

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