Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Das Nicht-Mehr- und das Noch-Nicht-Sein des FC St. Pauli: Weitermachen, wo alles begann! Quer über alle Kurven und Geraden!

(Mein Beitrag zu der vom Magischen FC und dem Lichterkarussell initiierten Blogger-Aktion „Wir sind Sankt Pauli – nur was sind wir?“)

Nichts entsteht aus dem Nichts. Der „Mythos“ des FC St. Pauli ist eng verwoben mit der Entwicklung des Stadtteils in den 80er Jahren. Wo zuvor noch Karl-Heinz Schwensen (hinter dem ich schon bei AFM-Versammlungen saß) und Werner „Mucki“ Pinzner für Aufruhr, Aufsehen, Angst und Schrecken sorgten, etablierte sich Schritt für Schritt „Szene“ – dieses merkwürdige Gebräu aus nachtschwärmenden und saufenden Hipstern auf Speed, die Gewinnn daraus zogen, sich gegen den Mainstream zu positionieren. Und die dafür gute Gründe hatten. Weil der Mainstream stinkt. Nach Normalisierung stinkt.

Tresenkonzerte im „Lehmitz“, das „Um Mitternacht“ am Hinterausgang der Herbertstraße, wo man sich neben Andrew Eldritch von den „Sisters of Mercy“ auf dem Barhocker wieder fand – auch der Tanz zu The Cure und Prince im „Kaiserkeller“, Party-Projekte wie „Das Kombinat“ oder das „Unit“ (hieß doch so?) an der Talstraße: Wo gerade noch im „Salambo“ eher komisch Kunst und Porno in Performances öffentlich Beischlaf hielten und „Eros-Center“ unter AIDS litten, tummelte sich nun die Vorgeschichte der „Party-Crowd“ der 90er und soff Tequilla.

Mittemang installierte Corny Littmann mit dem „Schmidt“-Theater  ganz große Kleinkunst – übrigens ein Theater mit Sponsorendurchsagen, damit es leben konnte. Ernie Reinhardt, als Lilo Wanders zu TV-Berühmtheit gelangt, moderierte in Krankenschwester-Uniform Mitternachtsshows als Klinikfeste in der Psychiatrie, skandierte den Schlachtruf „Wir grüßen unsere Mitpatienten auf der Intensivstation“ breit grinsend. Auch mal was für das Stadion, oder? Im Programm selbst parodierte der Transvestit Pelle Pershing Heinz Schenk, welcher wiederum Zarah Leander parodierte – und es war die Zeit, da (noch) was hip sich gab, auch politisch dachte, und das im widerständigen Sinne. V.I.P.-Bereiche im Trinity? Nein Danke. Kein Schickimicki. Rock’n’Roll. In Kneipen wie dem „Toom Perstall“ oder House-Clubs wie dem „Or“ lebte ein Stück Utopie: Vielfalt hieß gelebtes Leben leben, es war kurz mal wirklich schnurz, ob schwarz, weiß, hetero oder schwul oder sonst was.

Obgleich alle Postpunk-Varianten sich das „Willst du wirklich immer Hippie bleiben?“ auf die Fahnen geschrieben hatten, war sonnenklar, dass man die herrschenden politischen Verhältnisse nicht gut hieß. Selbst yuppieske Zeitgeistpostillen wie die „Tempo“ verstanden sich zunächst politisch links; Solidarität mit den im „Hamburger Kessel“ eingepferchten Demonstranten galt als Selbstverständlichkeit. Und das, was heute „Gentrifzierung“ heißt,  stand im Mittelpunkt aller Diskussionen: Man identifizierte sich mit der Hafenstraße, der es gelang,  ein Filetstück des Hamburger Marktes der Immobilenmafia zu entreißen  (legendär die Mopo-Headline „Und Schwaben klatschten Beifall“ nach einem Polizeieinsatz). Die „Goldenen Zitronen“ und „Ostzonensuppelwürfel machen Krebs“ zelebrierten anarchischen Funpunk inmitten der Barrikaden – ja, „Am Tag, als Thomas Anders starb“ und „Für immer Punk“.

Kurz darauf, schon damals mit dem  Argument steigernder Mieten unterfüttert, verhinderte ein Dauerdemomob, dass die Flora zum Musical-Theater mutierte. Die Mauer fiel, die so genannte „Wieder“-Vereinigung wurde vollzogen.

Es kam, was kommen musste: Das in Ost wie West zuvor bereits manifeste Neonazitum (man denke z.B. an „Skinheadmädchen 1 und 2“ von den Goldenen Zitronen) wurde breitenwirksam. Programmatisch und planmäßig unterwanderten Rechstradikale bereits in den 80ern die Fankurven anderer Stadien und vertrieben jene Fussballfans aus ihren Kurven,  die auf solchen Dreck nun wirklich keine Lust hatten und nicht zusehen wollten, wie man Rothaarige verprügelte, weil diese rothaarig waren. Die Goldenen Zitronen dichteten folgerichtig „80 Millionen Hooligans“. Und die, die schon zuvor zu „St. Pauli Boys“ mitgesungen hatten, fanden direkt vor der Haustür ein Stadion und einen Verein im Dornröschenschlaf …

Nach dem WM-Sieg 1990 wehten auf der Stresemannstraße Reichskriegsflaggen, und Polizisten wiesen in S-Bahn-Stationen noch jenen den Weg, die das „Spar“ auf dem Hamburger Berg stürmen wollten. Lichtenhagen und Hoyersverda folgten geradezu zwangsläufig, angeheizt von West-Polit-Eliten, eine bis heute anhaltende Krise der politischen Linken setzte ein (ja, trotz Erfolg der  „Linkspartei“), die Republik erfuhr schrittweise einen neoliberalen Umbau – im Gegenzug formierte sich an der Elbe die „Hamburger Schule“ und verweigerte sich dem ebenso, wie neue Hip Hop Acts ihr „Nordish by Nature“ etwas anarchischer, politisch durchdachter und intelligenter rappten als sonst in den Charts Präsentes.

Ja, Väterchen erzählt von früher das, was eh jeder weiß.

Nur: Im Aufruf zu dieser Bloggeraktion steht, aus dem Nichts sei entstanden, was uns prägt und z.B. im Falle der Antirassismusagitation europaweit zum Vorbild wurde. Stimmt nicht. Es war dieser Melting Pot „St. Pauli“, dessen Teil ich war, ohne damals das Stadion besucht zu haben. „Quo vadis“ kann somit immer nur beantwortet werden, schaut man genauer hin, was im Viertel sich regt – und was dessen Geschichte sich vergegenwärtigt. Und das ist die Bühne, auf der der FC St. Pauli Hauptdarsteller widerständiger Kultur inmitten des so anachronistischen Fußballtheaters wurde.

Es sei ins Bewusstsein gerufen, selbst wenn es da schon ist, weil es strukturell so gewichtig ist: Die Zutaten dieser Geschichte unserer Gegenwart änderten sich ja nicht. In der obigen Aufzählung steckt alles drin, was heut noch gilt. Es war von Anbeginn an, also jenem Neustart des FC St. Pauli in den 80er Jahren, da der schwarze Block ins Stadion lustwanderte, was hier und heute auf eine neue Stufe gehoben gehört.

Diese Interaktion mit dem Viertel und diese seltsame, in sich widersprüchliche Mischung aus Hipness und Widerständigkeit zeichnet das Geschehen aus. Es richtet sich gegen Gentrifizierung und ist doch gentrifizierbar wie jeder Underground, der vom Mainstream aufgesogen zu werden droht. Seit dem Blues nix Neues – und doch immer wieder die Herausforderung.

Dieses Austarieren von Style und Verweigerung im Sinne der Vielfalt ist Zentrum des FC St. Pauli, und letztlich bildet all das ein Biotop, wuchernd auf den Ruinenbausteinen der alten Bundesrepublik – auf dem, was gut an ihr war. Deshalb ist so etwas in der „Alten Försterei“ nicht möglich, nicht, keineswegs, weil die da a priori doofer wären – Hipness und Widerständigkeit folgen im Osten anderen Regeln. Immer noch.

Blickt man heute auf das Stadion, sieht man es auf den ersten Blick: Das Noch-Nicht- und das Nicht-Mehr-Sein. Selbst die Architektur der neu gebauten Tribünen durchweht eine Ahnung der „Bonner Republik“: Bloß nicht zu großkotzig, anders als die Protz-Arenen, sich-einfügen – und doch zugleich more trendy, als Augsburg jemals sein wird.

ZUGLEICH jedoch bilden die neuen Tribünen fast einen Schutzwall gegen die provisorischen Rängen und Stehplätze der Restbestände des „alten“ Millerntorstadions, der Trash-Kultur, dem morbiden Charme der verfallenden Ideale. Aufgabe ist, genau das nicht zuzulassen. Sondern gerade das, was ökonomisch zunächst fraglos wichtig ist, mit neuem Sinn aufzuladen. Dieses Neue nicht zur Priorität zu erklären, die allmählich das Alte zugunsten innerstädtischen Familien- und Businessman-Vernügens für die gehobenen Schichten verkommen lässt. Vielleicht empfinde ich das als jemand, dem die alte Haupttribüne unter dem Arsch weg gerissen wurde und der auf der neuen immer wieder Probleme hat, das als seinen FC St. Pauli zu empfinden, noch stärker als mancher auf der Nord oder der Gegengeraden …

Ziemlich zielsicher zündeten genau in diesem Sinne die Planer die erste Stufe des Neubauvorhabens: Das relativ neue Phänomen „Ultras“ positionierte sich auf den Stehplätzen der Süd und ist doch dem diametral entgegen gesetzt, was hinter ihnen auf den Business-Seats sitzt. Doch auch im Innenleben der Haupt- und Süd tummeln sich jene, die ggf. noch für die Hafenstraße auf die Straße gingen und nun als Werber, in Banken, Finanzämtern oder in den Medien arbeiten; andere derer stehen seit 20 Jahren auf der Gegengeraden wie fest gewachsen, haben vermutlich all die wilden Nächte in Szenekneipen lang schon hinter sich gelassen, ganz bieder Familien gegründet, sind in die Vororte gezogen und schreiben in ihre Internet-Signaturen als allererstes „Husband“ und „Father“  – Fortpflanzer und Ernährer halt, eben das, was man einübt unter Bedingungen der heteronormativen Matrix, während man in Umkleidekabinen zu Schulzeiten gleichzeitig „schwul mich nicht an“ rief und nasse Handtücher auf Ärsche klatschen ließ.

So what: All die kann man noch mal aufrütteln und mitnehmen, wie jüngst das rote gefärbte Stadion im Zeichen des Jolly Rouge belegte. Und selbst jene, die darüber lästern, als seien sie von Westerwelle dafür bestochen worden, sollten sich klar sein: Die Energie, aus der das Millerntor sich speist, ist immer auch ein Mehr an Fußball. Nur eben nicht das, was man z.B. in der Münchener Arena erleben kann, wo Operettenpublikum zu RTL2-Sounduntermalung beliebig klatscht. Nee, diese Art von Mainstream tötet ab, macht passiv, macht doof.

In der „Umfrage“ „Warum bist Du bei St. Pauli“, für die eigens eine Internetseite geschaltet wurde, beschwor der Großteil der Postenden entsprechend konsequent den antirassistischen, antisexistischen und gegen Homophobie gerichteten „Konsens“ der St. Pauli-Crowd. Er würde dazu führen, dass man nicht neben Arschlöchern stünde. Erstaunlicherweise wandten wenige nur die im „Jolly Rouge“ sich manifestierende „Kommerzkritik“ gegen klassistische Strukturen im Stadion, also gegen die Privilegierung der Logen- und Business-Seat-Sitzer gegenüber dem Rest der Stadiongänger, sondern bezogen sie eher auf LED-Anzeigen. Meiner Ansicht nach zu Unrecht.

Auch die ganzen Motti „St. Pauli ist schwul“ und ähnliche, die mich sehr freuten, die im Rahmen der Aktion auf Transparente geschrieben im Stadion hoch gehalten wurden,  schienen eher selbstbezogen sich auf die eigene Haltung zu beziehen als darauf, tatsächlich Privilegienstrukturen infrage zu stellen oder sich Gedanken über die Lebensrealität von Frauen, Schwulen oder People of Colour zu machen. Was auf Transparenten allerdings auch schwierig ist. Trotzdem, guckt man sich das aktuelle Präsidium und sonstige Funktionsträger bis hin zum Pressesprecher an: Weiße, heterosexuelle Männer nutzen die Priviliegien des „Shake Hands“ im Ballsaal und am Buffet zur Business-Anbahnung. Und die, für die man doch Schutzräume einrichten will, sind kaum sichtbar. Allenfalls auf dem Platz.

Da ist was nicht mehr. Der Wild Style, der das Leben in den 80ern so nachhaltig prägte, scheint manchmal linksspießiger Konvention gewichen zu sein: Man lebt unter Weißen im gentrifzierten Altbau und schwenkt im Stadion den „Jolly Rouge“ genau dagegen an. Man findet sich selbst prima und vollends aufgeklärt im Kampf gegen Homophobie, zumindest viele, und wenn es ans Eingemachte geht, haben manche schon Schwierigkeiten, sich die Funktionsweise von Homophobie auch nur vorzustellen. Man votiert gegen Rassismus, um im Forum  sich aufzuregen, wenn angebliche „Migranten“, also rund um das Viertel aufgewachsene Youngster, ein Aufstiegs-Hip Hop-Video drehen und geißelt dies als „dicke Eier!“-Musik. Als wären dicke Eier nicht sexy. Und schwarze Besucherinnen bleiben aus dem Stadion weg, weil sie folgendes denken:

„Warum, oh warum nur kennt der so wahnsinnig antirassistische Verein diese Checkliste nicht: http://web.cortland.edu/russellk/courses/hdouts/raible.htm Sie ist nicht ‘perfekt’ und auch noch von 1994 – aber dem FCSP Antira-Istzustand leider Jahrzehnte voraus.““

Sollte man ändern. Da ist was stagniert vor lauter Selbstabgefeier – und genau auf die Art hat auch eine Annäherung an den Mainstream statt gefunden: Ein ganz gewaltig großer Teil der bundesrepublikanischen Gesellschaft hält sich weder für rassistisch noch sexistisch noch homophob. Wieso findet dergleichen trotzdem allerorten statt? Wieso will kaum jemand begreifen, wie das strukturell funktioniert? Weil es offenkundig kaum wer merkt, wie das geht, das mit der Ausgrenzung und Abwertung mittels „Toleranz“: Da sind dann immer die, die tolerieren, und die, die toleriert werden. Auf solche Abhängigkeiten kann ich persönlich gut verzichten. Finde ich intolerabel.

Zum Glück steht wohl die Gang rund um Nate 57 vollzählig auf der Süd. Uff! Mehr davon! Nur was im Viertel sich bewegt, das kann uns speisen und abfüllen und besoffen machen, weil wir stolz darauf sind.

Wenig Einblick habe ich in die Ultra-Szene und was in deren Köpfen wirklich vor geht. Ich finde sie immer sehr sexy, wie sie da im Pulk die Fäuste recken und ordentlich tetosterongeschwängert Alarm machen. Ich bewundere ihre Choreos, weil sie zumeist das sind, was St. Pauli sein muss: Kreativ. Widerständig. Punkrock, der auch beim Singen von Klassikern schwarzer Musik wie „That’s the way I like it“ nachklingt. Ich habe wenig Verständnis für dieses ständige Ultra-Bashing, das sich über bestimmte Support-Stile erhebt. Ich kann im Forum diese ewigen Traktate nicht lesen. Zusammen in Vielfalt kann nur der Claim sein, wenn man sich selbst ernst nehmen will als FC St. Pauli. Wenn irgendwer ins Stadion noch trägt, was sich außerhalb der Einlasskontrolle im Viertel bewegt, dann ja wohl diese Jungs. Und Mädels? Weiß ich gar nicht, ob und wie viele dabei sind. USP?

USP votiert noch lautstark gegen das Glatte, das sogar auf dem Platz gerade dabei ist, den Weg zurück in Liga 2 herbei zu treten. Die letzten „Typen“ wie Boll und Schulle verschwinden bald hinter dem Wunsch, technisch brilliant wie Dortmund zu spielen, es aber nicht zu können. So dass ein grandioser und bewundernswerter Schalke-Import wie Gerald Asamoah noch am kampfstärksten, ja, am meisten „St. Pauli-like“ erscheint. Aber was wurde über ihn hergefallen in der Hinrunde! Nee, die will ich echt nicht mehr sehen und hören, diese Lästerer und Stänkerer und Menschenverächter, die sich auf einzelne Spieler stürzen. Solidarität gilt. Und das, was über „Schmähkritik“ in Gesetzen steht, ist durchaus stichhaltig. Man kann auch gut finden, ohne schlecht zu machen: Einen Carlos Zambrano zum Beispiel, dem man bei jeder Bewegung voller Bewunderung anmerkt, dass er im Favella sich durchzusetzen lernte.

Ganz anders wirkt ein aalglatter, mittels Ökonomie desensibilisierter Markenbilder wie Meeske, ein biederer Familienvater wie Orth oder ein angesichts des „Jolly Rouge“ von politischem Extremismus fantasierender Gernot Stenger, der zugleich seinen Söhnen ein T-Shirt mit Hafenstraßen-Symbol überzieht. Genau das nervte viele im Vorfeld der „Jolly Rouge“-Aktion: Die mit „non established“ und „Young Rebel“-Phrasen gepflasterte Rhetorik, die zugleich als zentrales Ziel ausgibt, so zu werden wie die anderen 25 „Top-Vereine“ im deutschen Fußball. Also die formale Etablierung ausruft. Nee, lass es uns umkehren. Indem wir ergänzen.

Was hilft? Die Besinnung auf den GEHALT der oben skizzierten Vereinshistorie, statt ihn in mal linksspießigen, mal ökonomisch verblendeten Varianten zur leeren FORM und Hülle verkommen zu lassen.

Die Anknüpfung an das, was noch heute im Viertel sich abspielt und zum Beispiel im Supra-Magazin gelesen werden kann, muss Ziel sein. Punkrock wieder leben. Und vor allem: Antirassismus, Kampf gegen Homophobie, Sexismus und auch Klassismus, also die Diskriminierung aufgrund der sozialen Stellung und des Mangels an ökonomischem, sozialen und kulturellen Kapitals, mal wieder im Sinne der dadurch Betroffenen und nicht nur, weil man sich so gut dabei fühlt, zu betreiben.

Das Noch-Nicht-Sein des FC St. Pauli in diesem Sinne bedarf der Institutionalisierung. Es bedarf eines Gefühls für die nicht-organisierten Fans, um das eine oder andere Platzhirschprivileg in den etablierten Institutionen des Vereins ein wenig aufzulockern. Den Blick nicht nur IM Stadionrechteck in seiner so vortrefflichen Assymetrie verharren lassen, sondern die Wechselwirkung mit gesellschaftlichen Strömungen und Feldern, die immer schon den „Mythos“ nährten, berücksichtigen. Und damit ist kein Plausch mit den Architekten der „Tanzenden Türme“ gemeint …

Gelegentlich scheint mir, dass manche der gewachsenen Strukturen diese Selbstbezüglichkeit, die so oft sich zeigt, verstärken. Dass Input fehlt, weil, so großartig das ist, sehr viele der von mir aufrichtig bewunderten aktiven Fans zu ausschließlich in der St. Pauli-Suppe kochen. Es braucht auch nicht-ökonomische Schnittstellen nach außen. Also nicht nur zur UFA, sondern auch zu Der Braune Mob. Zum Beispiel.

Ich plädiere für die Gründung einer Vereinsabteilung, einer gemeinnützigen GmbH, eines eigenen Vereines oder einer Stiftung, letzteres wäre zu präferieren, weil das gebundene Kapital zweckgebunden bliebe, wasauchimmer, deren/dessen Zweck schlicht darin besteht, die INHALTE, die den FC St. Pauli zu dem machten, was er ist, fortzuschreiben.

Eine Institution, die sich um die Aufbereitung und Darstellung von Geschichte und Gegenwart dessen, was Antirassismus, Antihomophobie, Antisexismus und Antiklassismus sinnvoll meinen kann, müht, immer im Kontext des FC St. Pauli gedacht und darüber hinaus. Die Publikationen, Ausstellungen, filmische und künstlerische Projekte zu diesem Thema fördert und fertigt.

Die 100 Jahrs-Ausstellung: Ein prima Anfang. Ebenso die Aufarbeitung des FC St. Pauli im Nationalsozialismus und somit der unabschließbaren Thematisierung des Antisemitismus. Wo aber sind die Auseinandersetzungen mit aktuellen antsemitischen Tendenzen? Wer das den „Antideutschen“ überlässt, hat schon verloren. Also weiter machen.

Eine Instititution, die sich um Fortbildungen in Antirassismusfragen für interessierte Fanclubs und Vereinsangestellte kümmert. Die begreifbar macht, was „Diversity“-Management heißt und so auch das operative Geschäft zu inspirieren vermag. Die gezielt die Geschichte der People of Colour, von Frauen und Schwulen auf St. Pauli erhellt – der Sexarbeiter und Arbeiterinnen, den Objekten der Völkerschauen, auch der Seemannsfrauen und Servicekräfte, von Wirtinnen und Kneipiers. Der „China Town“ einst. Und diese in allgemeinverständliche und populäre Formen überführt, für ein breites Publikums verständlich aufbereitet.

All dies kann in Zusammenarbeit mit Institutionen wie dem St. Pauli-Museum und Universitätsabteilungen statt finden. Und immer auch die Geschichte des politischen Widerstandes im Viertel dokumentieren – von der Hafenstraße bis zu Bambule. Und selbst der „Altonaer Blutsonntag“ fand unweit der Großen Freiheit statt.

Ausstellungsfläche haben wir ja, z.B. in den Gängen der Neuen Haupttribüne, und man kann die auf den Business-Seats und in den Logen ja mal fragen, was ihnen der Mythos wert ist. Die wollen doch auch keine schnarchnasige Operettenarena, sondern den FC St. Pauli. Punkrock und Leidenschaft.

Effekt soll sein, das, was bis in die Stadionordnung hinein als Wertekern des FC  St. Pauli erscheint, tatsächlich Präsenz und Sichtbarkeit im Rahmen des Vereins zu verschaffen. Keineswegs als Alternative zum Aktionsbündnis §6, ganz im Gegenteil, sondern um da aufzuklären, wo spürbar Stagnation statt fand – und so Wissen bereit zu stellen, dass in den Aktionsbündnissen lustvoll umgesetzt werden kann.

Es wäre eine Institution, die eine ERGÄNZUNG und ein GEGENGEWICHT zu den wirtschaftlichen Sektoren des Vereins darstellen würde und vielleicht noch in den Logen zu anderen Arten des Wirtschaftens inspirieren könnte – und so die, die eben auch dazu gehören, einbeziehen würde. Sie könnte dazu dienen, die gut gemeinten Aktionsformen auf ein neues Niveau zu. Um den Dynamo mal wieder anzukurbeln, der uns am Leben hält. Im Sinne der anfänglich skizzierten Geschichte die zeigt, wie wir wurden, was wir sind (René Martens).

Ich persönlich könnte mit manch beknackter Marketingmaßnahme besser leben, wenn ich wüsste, dass diese andere Ebene nicht nur beschworen, sondern mit neuem Leben gefüllt würde. Um eben das, was „Critical Whiteness“ heißen kann, auch auf anderen Ebenen durchzuspielen. Und so das Phämonen „Fußball und Vereinskultur“ hoffentlich wirkungsmächtig und inspirierend auch für andere Vereine im gesellschaftlichen Kontext verankern. Und ich bin mir sicher, dass auch Herr Meeske und Gernot Stenger wissbegierig und aufopferungsbereit sich einarbeiten würden in Fragen wie jene, warum „Toleranz“-Rhetorik eben auch Frau Merkel kann.

Vielleicht gibt es das ja alles schon, und ich habe es nicht mit bekommen. Dann hätte sich der Text für mich schon mal gelohnt, wenn man mich darüber aufklärt 😉 …

Und das Sportliche? Wo bleibt der Fußball?

Klar, dass das das Zentrum bleibt. Muss man das betonen? Da kann Fan nur machen, was Fan eben machen kann: Den bedingungslosen Support des Teams mit allen Mitteln,  die Leidenschaft, die den Roar hoffentlich immer wieder neu zu erzeugen vermag und die Stänkerer verstummen lässt. Von dem nicht abgelenkt werden soll durch Soundeffekt-Brimborium und anderen Schnickschnack.

Wir leben den Luxus, über ein MEHR als nur Lokalpatriotismus verfügen zu können – im Rahmen der einzigartigen Geschichte eines einzigartigen Viertels. Lasst sie uns fort schreiben.

15 Antworten zu “Das Nicht-Mehr- und das Noch-Nicht-Sein des FC St. Pauli: Weitermachen, wo alles begann! Quer über alle Kurven und Geraden!

  1. Markus März 22, 2011 um 1:50 am

    Wow, lang aber gut. Danke für Deinen Text.

  2. philgeland März 22, 2011 um 2:44 am

    Immer rein mit dem Leder. Krumm oder gerade.

  3. geissy März 22, 2011 um 8:28 am

    Prima. Aber Ozswmk wurden/werden zusammen geschrieben 😉 /klugscheiss off
    Good read.

  4. momorulez März 22, 2011 um 9:41 am

    @Markus/Geissy:

    Danke!

    @philgeland:

    Jau!

  5. goodsoul März 22, 2011 um 11:02 am

    Grazie tanto! Schoenes Stueck!

    Keep the faith!

  6. momorulez März 22, 2011 um 11:17 am

    Dankeschön! I’ll keep it!

  7. SüdkurveMitte März 22, 2011 um 6:26 pm

    Moin,
    nur kleine Berichtigung:
    -Nate57 steht nicht auf der Südkurve.
    -Teile von 187 die sich St. Pauli Warriors nennen stehen auf der Südkurve, eventuell verwechseltest du diese
    – Der Interpret des HipHop Aufstiegsvideos heißt Gzuzs und ist kein Migrant

  8. Quotenrocker März 22, 2011 um 7:24 pm

    Goil Momo! Einfach goil! Danke!

  9. Lichterkarussell März 22, 2011 um 10:10 pm

    Dicker dicker Daumen nach oben! Eine höchst spannende und inspirierende Lektüre, die zum Nachdenken und zur Reflexion anregt. Danke!

    By the way – nach der letzten Live aus der Weinbar Sendung habe ich noch einen kurzen Plausch mit Benny Adrion gehalten, der eine ähnliche Idee wie du hatte, nämlich eine Stiftung zu Gründen, wo der Verein (wenn es sein muss auch per Entscheid auf einer MV) mit ins Boot geholt wird und sich jeder Sponsor verpflichtet, jährlich einen festgeschriebenen Betrag X oder einen prozentualen Anteil vom Sponsoringvolumen X in einen Topf zu geben, der dann einmal im Jahr genau für solche Zwecke verwendet werden kann. Verteilung an soziale und politische Initiativen etc. aus Sankt Pauli. Das wäre ein Stück gelebte Sankt Pauli Mentalität.

    Beste Grüße

  10. momorulez März 23, 2011 um 8:06 am

    @Südkurvemitte:

    Danke für all die Infos! Das „kein Migrant“ hatte ich aber deutlichst hervorgehoben, glaube ich, und die Kategorie ist ja eh Mist …

    @Qutenrocker:

    Danke zurück!

    @Lichterkarussell:

    Auch Dank zurück! Dann muss ich Benny mal anhauen, den kenn ich ein wenig – und die 10%-Idee hatte Ring2 bei St. Paulinu ja auch schon angedacht. Die ist prima und durchaus im Sinne der Sponsoren -die PSD-Bank kümmert sich ja nicht zufällig um „Sicherheit in Kindergärten“, und jedes größere Unternehmen will Engagement beweisen. Das bringt uns zwar auch keinen Sozialismus, aber im Rahmen des FC St. Pauli eröffnet das ja Möglivhkeiten.

    @all:

    Sorry für das späte Freischalten, wordpress hat gesponnen.

  11. kleinertod März 25, 2011 um 11:43 am

    Danke für diesen ausgezeichneten Text, den ich schon des öfteren gelesen, aber bis heute noch nicht mit den gebührenden Worten bedacht habe – einfach weil ich mir bei dieser Aktion für jeden Beitrag die ausreichende Zeit dafür nehmen möchte.

    Es verwundert mich nicht, daß auch hier die Notwendigkeit hervorgehoben wird, an den Säulen der Fanszene, wie sie sich damals herausgebildet und bis heute tragend für diese ist, stetig zu arbeiten. Viele nehmen als selbstverständlich gegeben an, was in Wahrheit ein immerwährender Prozeß ist und ständigen Einsatz sowie Aufklärung von allen Seiten erfordert. Die hier angeführte Idee einer unabhängigen Stiftung halte ich für ausgezeichnet, diesen Weg von jeglicher vereinnahmender Beeinflussung des Vereins gelöst zu gehen.

    Auch die ausführliche Schilderung des gesellschaftlichen Gesamtzusammenhangs der Entstehungszeit des „neuen“ FCSP halte ich für so notwendig wie schön und treffend dargestellt. Nicht aus dem Nichts, sondern aus den damaligen Verhältnissen heraus ist all das entstanden, was durch die gesellschaftlichen Veränderungen seitdem, die sich auch im Viertel niedergeschlagen haben, nicht ohne weitere Anstrengungen von der Fanszene selber erhalten werden können.

    Das Aufnehmen der Poblematik der Vereinnahmung des Vereins durch die „herrschende Klasse“ bzw. finanzkräftiger Besucher auf den VIP-Plätzen – die B-Sitzer und Logenleute eben – ist wirklich noch nicht bis zuletzt ausdiskutiert und in den Köpfen problematisiert worden. Wobei ich nichts gegen die einzelnen Menschen dort gesagt haben möchte, denn einige wirklich engagierte und spannende Personen habe ich auch in zumindest einer Loge bereits kennenlernen dürfen. Geld an sich braucht kein Hinderungsgrund zu sein, wie ja auch das Fehlen desselben aus einen Menschen keinen besseren macht – dazu sind andere Dinge notwendig. Es ist als solches aber ein Symbol, wenn mehr als genügend Plätze für die Besserverdienenden bereitgehalten werden, während eine große Anzahl an weniger betuchten – und auch priviligierten – Fans des FCSP draußen bleiben müssen. Hier ist derzeit einiges in die Schieflage geraten. Und der Jolly Rouge noch lange nicht am Ende – und erst Recht nicht vollkommen ausgeschöpft.

  12. Pingback: Richtungsweisend – die Fanszene oder die Vereinsführung des FC St. Pauli? « KleinerTods FC St. Pauli Blog

  13. momorulez März 25, 2011 um 12:24 pm

    Danke für diese Würdigung! Auch, dass Du die im Textwust entscheidenden Punkte noch einmal heraus gearbeitet hast. Und für mich ist immer wichtig, das Umfeld der Entstehung etwas weiter zu fassen als die hoch verehrte Hafenstraße – dass Du als „Gothic“, „Gruftie“, wasauchimmer Du als Selbstbezeichnung da wählen würdest,vielleicht auch gar keine, einerseits, das Tivoli-Personal und ich seinen Weg und seine Identität mit dem Verein zu verbinden wusste, andererseits, und nunmehr Tell Tells und Nate 57 ihren Weg dorthin finden, das ist ja nicht zufällig so und eben auch prägend. Nur hat sich die Gesellschaft seitdem deutlich verändert, und da fehlt wirklich ein Weiterentwickeln.

    Dass auch in den Logen Leute mit ähnlichen Geschichten sitzen hatte ich ja, glaube ich, beschrieben. Deshab ist diese Oppositionsbildung, wie sie von der Vereinsspitze betrieben wird, auch so schwachsinnig. Ich hatte nun auch genug biographische Schnittstellen, wo ich problemlos den Weg zu Kohe und Loge hätte einschlagen können, ich wollte nicht. Und die, die es machten, haben ja nun auch nicht alles über Bord geworfen, an das sie glaubten.

    Freue mich auch, dass Du die Stiftungs-Idee aufgreifst. Vielleicht sollten wir – Du bist ja Jurist, Norbert auch – einfach einen Verein gründen, der das anschiebt, also als Zweck die Initiierung einer solchen Stiftung anstrebt. Ausdrücklich NICHT in Konkurrenz zu Fanladen oder Fanräume, zu Gazetta oder Übersteiger, sondern in Ergänzung. Ich stelle immer wieder fest, dass sehr vielen sehr klaren und offenen Leuten tatsächlich einfach nur das Wissen fehlt und dass sie jemand auf bestimmte Themen hin weist, dann bewegt sich wahnsinnig schnell was. Nur dass diesem Wissen außer in Nischen wie den „Postcolonial Studies“ nirgends Raum geboten wird; massenmedial bekommst Du das einfach nicht unter.

    Insofern: Dranbleiben!

  14. kleinertod März 26, 2011 um 9:01 pm

    Nachdem ich endlich alle Texte zum Thema nicht nur gelesen, sondern kommentiert und in meinen zusammenfassend Beitrag eingearbeitet habe (über Sinn und Unsinn meiner Aktion kann man sicher streiten, ich finde es aber gerade bei dieser Aktion wichtig, sich in einen Austausch über die einzelnen Beiträge zu begeben), komme ich auch wieder hierher zurück. Denn Deine Antwort wollte ich nicht ohne erneute Reaktion meinerseits lassen.

    Wohl wahr, daß die unterschiedlichsten Personen aus den jeweils eigenen Gründen seinerzeit angezogen wurden. Auch für mich – ich bezeichne mich selber mit meinen Namen bzw. einem Pseudonym, je nachdem, nicht aber mit einer derartigen Bezeichnung wie von Dir angeführt, nur weil ich der „Schwarzen Szene“ (für mich treffender, da neutraler und umfassender) mich zugehörig fühle – und da allgemein wohl am nächsten am Postpunk und Konsorten drangeblieben bin – war es so. Diesen Teil meines persönlichen Fan-Werdegangs hatte ich bei mir noch gar nicht erwähnt, wie mir auffällt.

    Das mit der Stiftung halte ich für ebenso eine gute Idee wie das Tribünenbereichewechselsaisonticket mit besonders drastischer Ermäßigung für weniger gut betuchte Fans. Ob wir dafür einen Verein gründen müssen, um die Idee voranzutreiben, sehe ich jetzt nicht unbedingt als dringend notwendig an. Neben dem finanziellen Vermögen dafür bräuchte es natürlich ein juristisches Gerippe namens Satzung – aber eben auch das notwendige Leitungswesen (Organe). Das wäre ja keine Kleinigkeit – Freiwillige vor. 😉 Aber die Idee kommt hur voran, indem sie diskutiert wird. Oder aber auch faktisch angetrieben wird. Man könnte beispielsweise Stiftungskapital sammeln, um eine solche dann zu gründen – würde ich aber aus mehreren Gründen nicht für den sinnvollen Weg halten. Dranbleiben ist im jeden Fall wichtig, zuerst aber muliplizieren in Sachen Vorstellung.

  15. momorulez März 26, 2011 um 9:13 pm

    Fand Deine Zusammenfassung prima und hilfreich! Und falls ich mit Bezeichnungen daneben greife, tut es mir leid, das waren einfach die, die mir einfielen, ganz undespektierlich gemeint. „Schwarz“ ist ja hier im Og auch immer anders besetzt.

    Das mit dem Tribünenwechsel sehe ich ja anders 😉 – für mich sind die Leute da um mich rum seit 10 Jahren schon entscheidend für das Millerntor-Erlebnis. Weiß aber um die damit zusammen hängenden Probleme. Die drastisch ermäßigten Tickets find ich prima.

    An dem Stiftungsdingens bleib ich definitiv dran, da muss ich mich mal schlau machen, wie man das aufzieht. Das Kapital, was ich da rein stecken könnte, würde für den Sockel noch nicht ausreichen, glaub ich. Und die Organe müssten ja tatsächlich mit PoC, Frauen, Schwulen und Lesben besetzt werden, da hör ich mich aber gerade schon um. Und freu mich über jede rechtliche Beratung 😉 …

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