Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Der 27. Spieltag eines inaktiven Fans

Im Forum wird gemutmaßt, Stani könnte zur IG Farben wechseln wollen. Also zu Bayer Leverkusen. Die Historie solcher Konzerne sollte ja nicht beschwiegen werden. „Wirtschaftwunder“: Auch so ein Witz aus der neudeutschen Mythologie.

Und ich weiß noch nicht mal, ob ich das schlimm fände, wenn er wechseln würde …  man kann auch tief empfunden „Danke!“ sagen und trotzdem los lassen … man munkelt, manche hätten Angst, zur Außerordentlichen Mitgliederversammlung im Sinne der Sozialromantiker aufzurufen, weil Stani sich  ja aufregen könnte. Vor dem Spiel in Frankfurt kündigte er an, man wolle sich dort „belohnen“. Wofür eigentlich?

Nein, es kann nicht darum gehen, mangelnde Erfolge zu beklagen – vielmehr stellt sich doch die Frage, was als Erfolg zu werten ist. Warum war der Derby-Sieg einer? Weil es der erste nach 33 Jahren war? Nein, weil wir nie so werden wollten wie der HSV, sondern in Abgrenzung zu solchen 5. Kolonnen der umsatzstarken Großmannssucht und alles aufsaugenden Kapitalstrudel uns neu erfanden. Ich zähl mich als einer, der erst 2000 erstmals ins Stadion ging, da dreist mit zu. Lebe lange genug ums Stadion herum, um als Teil dessen mich zu fühlen, was auch ins Millerntorstadion schwappte.

Das Stuttgart-Spiel saß mir noch in den Knochen. Ich habe so vieles als so abgrundtief verlogen empfunden. Jeky hat großartig dieses Gefühl fort geschrieben; die Diskussion dort erschütterte mich ein wenig. St. Pauli lediglich als Geschichte des linken Widerstandes verstehen, aber schwule Pornokinos ausklammern? Kein Wunder, dass die Szene nach St. Georg abgewandert ist. Das Abstreiten spezifisch weiblicher Perspektven? Auch so entreißt man Frauen die Möglichkeit, als potenzielles Sexismus-Objekt exakt diese Erfahrung artikulieren zu können, ohne dass ein Heteromann da rein quatscht und als Hüter des Allgemeinen neues Terrain annektiert.

„Lass uns lieber über Fussball und Abstiegskampf reden“ steht da. Ja, tun wir doch! Weil unter all den Oberflächen die Normalisierung droht. Und zu diesen Oberflächen gehört auch, nach jedem Spiel wie Matthias Lehmann sich hinzustellen und „Wir waren das bessere Team!“ zu behaupten. Weil man sich gerade wieder mit einem 1:2 belohnt hat.

Sich einzureden, in der 1. Liga prima mitzuspielen, anstatt sich zu vergegenwärtigen, wofür man steht, kann nur in Niederlagen münden. Und Stani macht den Eindruck, als sei er in die Liga seiner persönlichen Inkompetenz befördert worden. Die Einstellung stimmt offenkundig nicht, die Konzentration nicht, und Last Minute-Tore sind eben auch ein Zeichen mangelnder Fitness.

Was alles scheißegal wäre, wenn sich auch nur irgendwas Kämpferisches, Unangepasstes, wirklich Rebellisches im Spiel äußern würde. Ging ja oft genug als Haltung. Wenn nur das Underdog-Gefühl sich hinter all den Business-Seats und Logen wieder finden ließe. Dieser Stolz darauf, aus geringeren Mitteln mehr zu machen. Nein, man strebt ja „Augenhöhe“ an. Und verschwindet in dem Bedürfnis nach Verwechselbarkeit.

Wo isses hin, dieses Gefühl, diese Haltung, der Kleine zu sein, der den Großen ans Scheinbein tritt, bis sie umfallen? Man kann sich auch so weit normalisieren, dass es verschwindet … da muss man sich nur Gernot Stenger angucken. Der strahlt das aus, diesen Wechseln aus devotem Schleimen und angepasster Juristerei – doch wenn sich etwas widerständig gibt, geht er zur Attacke über und wittert beim „Jolly Rouge“ gleich Blut. Wegen solcher werden wir absteigen, nicht wegen der Sozialromantiker. Weil sie für alle gesellschaftlichen Lügen gleichermaßen stehen, während sie höhnisch ausrufen, dass Plakate gegen die GAL ja „toleriert“ würden, obgleich die doch mit Fussball nichts zu tun hätten. Wer nicht kontextualisieren kann, nivelliert die Welt noch unter sein Niveau. Und verliert.

Der Spieltag begann bei wundervollem Sonnenschein im Park. Mein Wauwau spielte herzig mit einer charmanten Hundefreundin, der ein „St. Pauli“-Tuch umgebunden war. Planten & Blomen breitete so schön sich aus, weil man überall die Keime der Zwiebelblumen durch altes Laub stoßen sah. Ein Noch-Nicht der hoffnungsvollen Art wogte als Gefühl über die Beete.

Ein Idiot versperrte mir den Weg, packte mich doof an, und das, weil ich einfach geradeaus weiter gehen wollte. Sie seien von einer Medienakademie und würden gerade einen Werbespot für die „HSV Blue Devils“ drehen. In meinem Park! Beim Filmteam war einer mit St. Pauli-Mütze dabei. Ich ging weiter. Mir doch egal. Sollen sie ihren Dreh doch unterbrechen. Dass dieser Arsch sich legitimiert fühlte, für so einen medialen Dreck (ich weiß, wovon ich rede) mich auch noch mit Körpereinsatz zurück halten zu dürfen, spricht Bände: Wo die Kamera ist, ist es wichtig. Von wegen!

Ich ging einkaufen, legte mich eine Runde hin. Auch beim Mittagsschlaf kann man verschlafen – ich erwachte 16.30 h. Gucke bei Twitter, im Forum, im Ticker. 1:1. Tenor überall gleich: Grottenkick, kein Engagement. Das 2:1 fällt. Klicke alles weg und beantworte hier im Blog lieber Kommentare. Der Spieltag eines inaktiven Fans.

PS: Und warum zu alldem ein verfremdetes Bild der Stonewall-Riots? Ja, warum wohl?

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28 Antworten zu “Der 27. Spieltag eines inaktiven Fans

  1. jekylla März 19, 2011 um 8:24 pm

    Ich bin so irgendwie gar nichts. Nicht enttäuscht, nicht wütend, nicht frustriert. Bloss… genervt. Gefangen in einer Endlosschleife der Leidenschaftslosigkeit. Keine Überraschungen mehr.
    Saß noch im Auto Richtung sky-Kneipe, sagt der Moderator: „St. Pauli mit den besseren Chancen.“ Mein erster Gedanke: „Ach ja, das wieder.“ Und das Einzige, worüber ich mich geärgert habe, war, dass ich bei diesem wunderschönen Vorfrühlingstag nicht lieber beim Vierbeiner auf dem Ponyhof geblieben bin und den stattdessen eilig in sein Zimmer gepackt habe, um ein Spiel zu sehen, wie ich es in letzter Zeit ständig sah. Das Herzblut ist abgezapft. Wie beim Jolly Rouge. Das passt alles zusammen. Time to restart.

  2. momorulez März 19, 2011 um 8:30 pm

    Ja, time to restart. Bin auch gar nicht wegen der konkreten Niederlage frustriert, sondern weil sie sich einen Verfall ganz anderer Art so prima einfügt.

    Planten & Blomen mit Hund ist ja sozusagen mein Ponyhof 🙂

  3. jekylla März 19, 2011 um 8:34 pm

    Edit: Herr sparschaeler drückt es anders aus, er langweilt sich. Und ehrlich gesagt kommt das meinem Gefühl in der Tat näher als genervt. Und das ist noch ein bißchen schlimmer.

  4. jekylla März 19, 2011 um 8:35 pm

    Das mit Planten und Bloomen hab ich beim Lesen auch gedacht, das ist das gleiche Gefühl von schön wie der Ponyhof, Sie mit dem Wauwau da draußen im Frühling.

  5. momorulez März 19, 2011 um 8:38 pm

    Ganz bei der Langeweile bin ich noch nicht, weiß aber gut, was ihr meint … und das war auch superschön heute vormittag! Ist echt Luxus, mitten in der Großstadt so einen Park vor der Haustür zu haben. Und so ein Hund wie der meine ist so prima, dass es dafür keine Worte gibt 😉 …

  6. jekylla März 19, 2011 um 8:41 pm

    Das mit dem Hund verstehe ich auch komplett ohne Worte 😉

  7. sparschaeler März 19, 2011 um 9:02 pm

    das gekicke ist mir zu angepasst. warum sollen wir so spielen wie die anderen, nur weil das so ist? das ist mir zu wenig. es ist doch nicht zuviel verlangt, sich ab und zu einen dreckssieg und einige herzhafte blutgrätschen zu wünschen. die immer gleichen last minute niederlagen, die man sich mit“wir waren die bessere mannschaft“ schönredet um danach anzukündigen sich beim nächsten spiel endlich mal wieder zu belohnen laufen bei mir mittlerweile unter der kategorie emotionslose langeweile.

  8. momorulez März 19, 2011 um 9:12 pm

    Ja, das nervt auch wirklich. Sehne mich weiß Gott nicht in die Regionalliga zurück – aber was hab ich mich heute danach gesehnt, ohne das Spiel gesehen zu haben 😀 , aber gab ja Gründe, warum ich gar keinen Stream gesucht habe, mit einer Gurkentruppe den VFL Bochum platt zu laufen oder nach tollem Kick sich durch einen Borger-Fehler das Tor in der Nachspielzeit zu fangen. Ja, waren Pokal-, keine Liga-Spiele, trotzdem, jetzt ist da so eine Mischung aus Hybris, Bravsein und Verunsicherung auf dem Platz, die kolossal nervt. Asa ausgenommen, dabei könnte der sich Hybris leisten. Kein Wunder, dass sich @ring2 Schulle auf den Platz wünscht. Haudegen, Kratzbürsten, dirty Punkrock hätte ich gerne. Und ich glaub wirklich, das da was von den Biedermännern aus der Business-Etage abstrahlt. Und wenn man dann noch liest, wie Schulte mit Biermann umgegangen ist … das ist strukturell schief, was auf dem Platz passiert.

  9. sparschaeler März 19, 2011 um 9:24 pm

    ich will keinen mainstream auf sattem grün sondern punkrock auf einem dreckigen kartoffelacker

  10. mrsnextmatch März 19, 2011 um 9:55 pm

    Rückbau der Liga. Stani ans Burgtheater. Steffi Jones ins Management. Halbnackte Jungs, die an Stangen tanzen, ins Stadion. Shubitidze-Statue vor den Eingang. Für die letzten beiden Jahre entschuldigen. Freikarten für die Lounges und Logen für alle unter 12 Jahren plus Begleitung. Mehr Kuchen. Stadionsprecherin. Neuer Ausflug nach Kuba. Ausflug nach Dulsberg. Ausflug nach Wandsbek. Mitarbeitermotivationsvideo drehen und vor der ersten Vorführung rituell sprengen. Ordentliche Schlägerei mit anschließendem Gesundknutschen. Kondome in die Umkleidekabinen. Kreditkarten einschmelzen. Orth nach Bayern.

  11. sparschaeler März 20, 2011 um 12:14 am

    wenn das fazit nach 27 spieltagen in der bundesliga ist, das wir den gleichen seelenlosen fußball spielen wie die anderen truppen in ihren plastikarenen, dann bin ich aus dieser veranstaltung raus

  12. momorulez März 20, 2011 um 9:05 am

    „Seelenlosigkeit“ trifft es 😦 – und nicht umsonst waren, mal ab vom Auftaktspiel in Freiburg, die ersten Spiele unter dem „Jolly Rouge“ auch die mitreißendsten.

  13. MondoPrinte März 20, 2011 um 10:57 am

    Kannst Dir vorstellen, was ich jetzt sagen werde? Richtig: „Soccer/football sucks“. Habe mich am Freitagabend dem Fußballgucken hingegeben: Gladbach gegen Lautern. Danach konnte ich mich zwei Stunden lang nicht beruhigen. Man muss weder St.-Pauli-Anhänger noch Hundebesitzer sein, um nachvollziehen zu können, was Du durchmachst.

  14. momorulez März 20, 2011 um 12:11 pm

    Gott, verglichen mit euch haben wir ja trotz allem eine prima Saison – da hätte ich mich ja auch weg geärgert ….

  15. Jekylla März 20, 2011 um 12:22 pm

    Dann ist ja jetzt was in Freiburg frei….

  16. momorulez März 20, 2011 um 12:33 pm

    Ja, dachte ich auch schon …

  17. Nörgler März 20, 2011 um 6:54 pm

    Deine Gedanken zum FC St. Pauli muß man sich als FCK-Fan gar nicht erst machen. Da ist ja nichts dergleichen, null.

    Schade, dass Ihr jetzt auf einem Abstiegsplatz steht! Aber der FCK stand da auch, und jetzt (erst mal) nicht mehr.
    3 Punkte in einem fußballerischen Unterbietungswettbewerb gegen Gladbach, weil der Borussen-Torhüter einen Eckball ‚unhaltbar‘ ins eigeneTor faustete.

  18. momorulez März 20, 2011 um 7:01 pm

    Wir werden eher noch weiter abrutschen, fürchte ich – wenn man sich die nächsten Gegner anguckt, ist da nix mehr zu machen. Den Towartpatzer habe ich mitbekommen, Mondo leidet …

    Und DASS man sich diese Gedanken ums Drumherum machen kann, das verteidigen wir ja gerade intensiv. Der regionale Bezug und Lokalpatriotismus ist bei uns ja definitiv auch gegeben, aber dieses MEHR als das darf einfach nicht verschwinden. Das hat ja immer überregional ausgestrahlt, und wenn das weg suppt, ist Hamburg tot 😦 – Gernot Stenger, Fachanwalt für Immobilientransaktionen, arbeitet daran.

  19. Nörgler März 20, 2011 um 9:31 pm

    Ich meinte, hinsichtlich eines solchen „Mehr“ ist beim FCK nichts. Deshalb muß man sich als FCK-Fan gar nicht erst Gedanken über so etwas machen.

    Für Immobilientransaktionisten sind solche Dinge Gehirnfürze, die sich als Verkehrshindernis auswirken.

  20. momorulez März 20, 2011 um 9:34 pm

    Ja, hatte diesmal verstanden 🙂 – deswegen ja der Bezug auf das Lokale, bei uns heisst ihr ja nur „Die Region“, dieses Mehr gibt es ja …

    Und zu den Transaktionisten: In der Tat …

  21. momorulez März 21, 2011 um 3:35 pm

    Freiburg wird auch nix für Stani …

  22. jekylla März 21, 2011 um 3:38 pm

    Dann bleibt er wohl erstmal notgedrungen.

  23. momorulez März 21, 2011 um 3:40 pm

    Obwohl er doch heute schon wieder per Abendblatt verlauten lassen hat, dass er wechselwillig ist …

  24. Jekylla März 21, 2011 um 4:19 pm

    Wobei die Willigen meistens ja keiner so wirklich will…

  25. momorulez März 21, 2011 um 4:25 pm

    Müssen Sie die Dramen meines Liebeslebens hier so schonungslos offen legen ? 😀

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