Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Aus gegebenem Anlass

Ein Passus aus Lantzschis gestrigem Text sei noch einmal hervorgehoben zitiert, weil sie vieles, was in mails und Kommentatsektionen gefordert wird, ziemlich gut beantwortet:

„Ich habe, seitdem ich in dieser bestimmten Art und Weise meine Texte verfasse und in Diskussionen einsteige, für mich mehr Kraft gezogen, mehr Inspiration gefunden, mehr gewinnbringende Debatten geführt als in den Jahren zuvor, als ich mir noch die Mühe gemacht habe für Privilegiennegierer_innen die Erklärbärin zu mimen, um danach wieder mit ekelhaftem Verweigerungszeug beschmissen zu werden, statt zu anzuerkennen, dass die Person hier mal kurz nicht das Wissen und die Sensibilität mitgebracht hat, die es für eine gleichberechtigte Diskussion gebraucht hätte. Sich in eine Diskussion hineinzustellen und zu sagen: “ich kapier das alles nicht. bitte serviere es mir noch einmal auf einem Silbertablett” ist eine Form von Machtausübung und nur möglich, weil diese Person es eigentlich nicht wissen muss, weil es nicht zum Alltagswissen dazu gehört zu wissen, wie wir gesellschaftlich positioniert sind und warum das so ist.“

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9 Antworten zu “Aus gegebenem Anlass

  1. ring2 März 16, 2011 um 10:51 am

    Und am meisten erschreckt man sich davor, wie schwer es doch fällt, die Machtverhältnisse und Erfahrungen erstmal zu verklickern (da spreche ich mal aus eigener Erfahrung, als derjenige an dem das Mühsam versucht wird 😉

  2. momorulez März 16, 2011 um 11:19 am

    Du hast ja im Gegensatz zu Anderen die Bereitschaft, Dich damit zu beschäftigen. Das zeichnet Dich ja menschlich im allerpositivsten aus.

    Dieser Irrsinn hingegen, ständig auf abgrundtiefste Empörung zu stoßen, wenn man homophobe, rassistische oder sexistische Strukturen benennt, und dieses ständige Achsoverletztsein, wenn man die Strukturen erwähnt, auf dass sich dann ganze Kommentarstränge siehe Spreeblick aktuell, als Opfer des PC-Terrorismus aufspielen – das ist alles so eine grobe Unverfrorenheit, die die Diskriminierung einfach nur doppelt und intensiviert …

    Und ständig diese Erwartungshaltung, man müsse nun sanftmütig Diskriminierende darüber aufklären, wie sie diskriminieren, ob nun absichtlich oder auch nicht, und wenn nicht, setzen sofort Drohgebärden und Abwertungen ein und man wird auch noch dafür beschimpft, diskreditierenden Mustern ausgesetzt zu sein – unglaublich.

  3. ring2 März 16, 2011 um 11:33 am

    Und was ist das nun? Faulheit? Der Irrglaube vier Mal Holocaust in der Oberstufe machten einen imun dagegen selbst von Machtstrukturen zu profitieren? Oder spielt die mangelnde eigene Erfahrung da eine größere Rolle. Auf Anhieb als anders wahrgenommen zu werden, kann ich ja als Stotterer nachvollziehen, und kenne diesen Moment, wenn der Gegenüber sich beklemmt, in seiner Unerfahrenheit und Angst nun falsch zu reagieren – und trotz dieser Erfahrung geht es mir als weißer, übergewichtiger Privilegienpenis ja auch manchmal so, nach wie vor.

    Das Verlassen von Gemütlichkeit, im Sinne einer Komfortzone, das sehe ich ja wie Du, wird ja umso schwerer, je grds. Aufgeklärter ich mich wähne.

  4. momorulez März 16, 2011 um 11:45 am

    Ich glaube, das ist im Grunde genommen das Erbe christlicher Selbstpraxis, kombiniert mit einem völlig verqueren Verständnis von Macht, die Macht = das Böse denkt. Alle geben sich ganz viele Mühe, gute Menschen zu sein, und sind ganz furchtbar narzißtisch gekränkt, wenn man das nicht permanent anerkennt. Und dann geht der Shitstorm los, weil ein Selbstverständnis sich angegriffen wähnt.

    Es geht aber gar nicht darum, ein guter Mensch zu sein, sondern Diskriminierung zu begreifen und schlicht situativ anders zu handeln. Das ist keine Frage nach „Identität“. Dieser ganze Schmonz, der mich bei Twitter zu Sperrungen trieb „DIE HETEROSEXUELLEN SIND ABER NICHT ALLE SO!“ verlagert das Problem von der strukturellen auf die personale Ebene; um die geht es aber gar nicht.

    Und bei dem Machtthema ist das genau so: Macht ist ja auch das, was bewegt. Durch diese Annahme, sie sei grundsätzlich und immer böse, wollen im Zuge des „ein guter Mensch sein wollen“ allesamt sich in machtfreien Räumen begreifen, was zu ungemein krassen Fehlwahrnehmungen führt. Und wenn man Fehlwahrnehmungen ankratzt, werden sie kiebig, so ist das bei ideologischen Mustern …

  5. momorulez März 16, 2011 um 11:53 am

    PS: Und Du hast völlig recht – gerade als „Deutscher“ legt man auch noch doppelt wert drauf, vollends geläutert und aufgeklärt zu sein und am besten noch Schwulen zu erläutern, worum es sich bei Homophobuie handelt. Und dann tritt dieser Effekt ein, der auch eintritt bei allerorts agierenden Philosemiten, dass sie es so gar nicht ertragen, wenn Juden einfach sie selbst sind, aber nicht dem Bild entsprechen, dass der Philosemit sich von ihnen gemacht hat. Gerade bei Antideutschen und anderen Pro-Israel-Faschisten kann das in offenen Hass gegen Juden umschlagen. Das war bei dem Butler-Interview damals allerorten spürbar.

  6. ring2 März 16, 2011 um 12:02 pm

    Was ja auch imho ein Argument für Quoten ist, „Diskriminierung zu begreifen und schlicht situativ anders zu handeln.“

  7. momorulez März 16, 2011 um 12:03 pm

    Ja, das greift zudem die Machtsstruktur als solche an und setzt ihr eine andere entgegen.

  8. MartinM März 16, 2011 um 7:25 pm

    „Es geht aber gar nicht darum, ein guter Mensch zu sein, sondern Diskriminierung zu begreifen und schlicht situativ anders zu handeln.“
    Das hat mir eine gute Freundin klargemacht, als ich etwas nicht so ganz Durchdachte zum „N…-Wort“ bloggte.
    Jedenfalls habe ich den Unterschied zwischen „Sprachregelungen“ (die sicher in Nachrichtenmedien usw. ihre Berechtigung haben) und „nicht-abwertender / diskriminierungsfreier Sprache“ erkannt, obwohl es sich formal vielleicht um das Gleiche handelt. (Konkret: „N-Wort vermeiden“). Ob der Ausdruck „Milchkaffeeteint“ eine rassistische Unverschämtheit oder ein Kompliment ist, hängt davon ab, wie es beim Empfänger ankommt, was je nach Situation sehr verschieden sein kann. (Und *nicht* davon, wie ich es gemeint habe!) Solche Komplimente sollte ich unbedingt lassen, es sei denn, ich und die Empfängerin / der Empfänger kennen uns gut.
    Aber ich werde durch meinen sorgsam gepflegten Antirassismus nicht zu einem besseren Menschen. Die europäische „Normalgesellschaft“ ist tief rassistisch geprägt, und die deutsche dabei keine positive Ausnahme (aber auch nicht im Negativen, was erstaunlich viele übersehen). Beleidigt sein, weil meine antirassistische Einstellung nicht gewürdigt wird, oder verstört sein, wenn auch „Schwarze“ einmal rassistisch sind (weil sie ja Opfer des Rassismus seien, und von daher gegen Rassismus immun sein müssten) ist reichlich naiv.

  9. ziggev März 16, 2011 um 8:39 pm

    oh, man, der hat einfach voll daneben gehauen, krass, absolut daneben. Und jetzt will er es sich nicht eingestehen … wenn immer nur die Falschen lachen (die lachen ja gar nicht, sondern bestehen lediglich auf ihrem „Recht“, über andere zu lachen, oder nicht?), dann hat man wohl was falsch gemacht, ist´s denn so schwierig? – einfach mal kapieren, wenn etwas nicht witzig ist?

    Im Glauben, sich eh´schon immer auf der richtigen, der der Guten Seite befunden zu haben, bricht jetzt für ihn eine Welt zusammen, haut man ihm einmal diese Krücken weg, mit denen er eben noch kichernd und vermeintlich so anmutig durch die Blogwelt tänzelte, und reagiert, den Tränen nahe, narzistisch gekränkt, wie Sohnemann, der beim Kindergeburtstag zum ersten Mal die Erfahrung macht, dass er von Papi bei einem Wettspiel einmal gerecht behandelt wird und nicht für a l l e s , was er tut, das väterliche Lob und Getätschel einheimst. Dabei ist es nur so eine kleine Verschiebung: hast halt eben selber mal Scheiße gebaut! Vermutlich schellte dem leise dabei sowas wie „Tabubruch“ im Ohr – toll, sowas!, und infantil, feige aus gegen andere Gerichtetem Lustgewinn zu ziehen. Normalerweise setzt´s dafür ´ne Tracht Prügel.

    Wahrscheinlich traut er sich nicht, zu sagen: „ok., das war daneben. ich sehe ein, so kann man das nicht machen, und ich bin erschrocken darüber, wie rassistisch das eigentlich war …“ – denn dann wären sie über ihn hergefallen und er hätte sich höhnische Sprüche anhören müssen wie: „ah, jetzt kneift er, der Schwächling, wie weit ist es schon gekommen? …“ usf.

    Dass dieses „hey, Gay, erklär mir doch mal als Schwuler …“ eine Form von Machtausübung ist, hab ich ja selber vage geschnallt; hab´s ja selber ein- zwei- oder sogar dreimal versucht – und darauf nie eine Antwort erhalten, was mein unbehagliches Gefühl, ‚das ist eigentlich grenzwertig, was du machst‘ bestätigte. Dieser Thread macht mir diese Zusammenhänge sehr gut klar, wie mir scheint.

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