Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Die „gute Absicht“

Ich kann solchen Dreck nicht mehr lesen:

Ein Künstler, dessen humanitäre Absichten klar erkennbar sind, muss erklären, dass er kein Rassist ist

Als ginge es darum, wer Rassist IST. Was ist denn das für eine Seinsweise? Eine Eigenschaft wie blond oder blauäugig? Und als ginge es um Absichten. Wie stand es jüngst hier in der Kommentarsektion? „Ist mir doch egal, ob das Klavier extra fallen gelassen wurde, es tut trotzdem weh, wenn es auf den Fuss fällt.“ Die weißen Humanisten, die doch nur das Beste wollen …

Wie war das neulich noch so schön in einem anderem Blog formuliert? Nichts wäre schlimmer in Deutschland, als als Rassist, Antisemit, Sexist oder homophob dargestellt zu werden? Wie üblich ist die Antwort, dass es schlimmer ist, als Objekt von Rassismus, Homophobie, Antisemitismus und Sexismus durch das Leben zu laufen, und jegliche Reproduktion diskreditierender Stereotype auch und gerade in visueller Form boykottiert die satirische Absicht und bewahrt die Zustände. Bilder wirken nachhaltiger noch als Aussagen selbst dann, wenn sie vorgeben, die Sicht eines Anderen zu simulieren. Der Herr Filmemacher kann das ja mal mit Stürmer-Karrikaturen über Juden versuchen, was er da treibt, dann wird er merken, wie die funktionieren. Bei Schwarzen fällt ihm das offenkundig nicht auf.

Man SIEHT eben nicht die AKTEURE – lediglich Schiffe und Grenzanlagen und vorsichtshaber ein „ich doch nicht!“-Hakenkreuz. Man sieht NICHT den, der guckt. Man sieht KEINE analogen Karrikaturen von „typischen Weißen“ – weil unsere ganze visuelle Tradition, rassistisch, wie sie ist, dergleichen gar nicht KENNT. Einzig Nazi-Karrikaturen gibt es meines Wissens und die bestimmter sozialer Gruppen. Den „Weißen an sich“ wird man nicht finden. Und die Nazis sind ja praktischerweise auch externalisiert aus dem gütigen, weißen Volkskörper als „Extremisten“. Und „die Muslime“ sind ja für manche, wie vorteilhaft, auch allesamt Faschisten.

Es gibt auch keine Karrikaturen von Heterosexuellen als typische Heterosexuelle.

Exakt eine solche Form des nicht thematisierten Blicks reproduziert das „gut gemeinte“ Filmchen, auch wenn es so tut, als würde es in satirischer Absicht doch den eines Anderen reproduzieren  – wo ist denn da der Macher? Wo steht der?

Dass es diesen  „typischen Weißen“, der mittels Kamera bzw. Animation guckt, als soziale Realität nicht gibt, sondern nur die permanente Produktion des Abweichenden und Anderen, wird mit erzählt auch dann, wenn sich das als Kritik behauptet. Kritisch wäre lediglich die Blickumkehr. Dann fällt vielleicht auf, welche Stereotype wie funktionieren.

Geradezu grotesk der Kommentar des Filmemachers:

„Alles was ich weiß ist, dass ich nach sehr viele Rückmeldungen bekomme in denen Leute die Arbeiten loben weil sie die Themen vorher entweder garnicht kannten oder noch nicht aus dieser Sicht wahrgenommen haben.

Aus diesen Rückmeldungen schließe ich, dass eine satirische Behandlung dieser Themen funktioniert und notwendig ist.“

Na, prima. Möchte ja mal wissen, wer da diese Notwendigkeitrückmeldungen gibt. Wahrscheinlich all die indirekten Profiteure der Frontex-Praktiken, die insgeheim froh sind, dass es sie selbst nicht erwischt und total kritisch prima finden, dass man in aufklärerischer Hinsicht „die Afrikaner“ produzierte, um es sich gemütlich in ihrer „humanistischen Güte“ einzurichten.

So fing das ja auch alles mal, die Gleichursprünglichkeit von Aufklärung und modernem Rassismus gehört allmählich in die Köppe gehämmert.

Nein, statt sich solchen Themen zu stellen, sind mutmaßlich weiße, mutmaßlich heterosexuelle Männer mal wieder damit beschäftigt, beleidigt und narzißtisch gekränkt zu sein, anstatt sich zu freuen, dass ihnen gerade mal wieder jemand erklärt, wie das funktioniert mit dem Rassismus.

Was alles im Rahmen dieses Blogs eigentlich mal wieder gar nicht mehr erwähnenswert wäre. Aber angesichts von Kommentarsektionen und Mail-Verkehren wohl dennoch der Wiederholung bedarf.

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10 Antworten zu “Die „gute Absicht“

  1. che2001 März 15, 2011 um 1:10 pm

    @“die Gleichursprünglichkeit von Aufklärung und modernem Rassismus gehört allmählich in die Köppe gehämmert.“ —– „Die Haut des Negers aber ist dicker als die des Kaukasiers und sollte deshalb mit einem geborstenen Stock gepeitscht werden.“ Immanuel Kant in seiner Enzyklopädie zum Thema Menschenrassen, jetzt nicht wörtlich sondern aus dem Gedächtnis heraus.

    Anderes Zitat: „Der sogenannte Kannibalismus der Maori beschränkte sich in Wahrheit nur auf den Konsum von Europäern….Es ist typisch europäische Verblendung, anzunehmen, Cook sei für eine Gottheit gehalten worden Aber die Hawaier achteten ihn sehr…..James Cook konnte auf keinem anderen Wege in die Reihen des hawaischen Adels aufgenommen werden als über die Mägen.“

    Ganananath Obeyesekere, Britische Kannibalen, in der Südsee ein Kultbuch, erlebte nach dem französischen Atombombenversuch auf Mururoa eine Auflagenexplosion.

    Europäer aus alttibetischer Sicht: „Wenn man einen Skorpion gesehen hat, erscheint einem der Frosch als göttliches Wesen“.

    Europäer als Solche werden in Ostasien im Allgemeinen als kulturlose Barbaren betrachtet und umgangssprachlich nicht „Europäer“, sondern „rotgesichtige Langnasen“ oder „fremde Teufel“ genannt. Ist Freunden von mir passiert, dass in einem chinesischen Dorf die Kinder mit den Fingern auf sie zeigend um sie herumrannten und „Fremde Teufel, fremde Teufel schrien“, und die Erwachsenen nickten und sagten „Richtig, fremde Teufel!“.

    Ich kenne einen Japaner, der sämtliche Deutschen für sitten- würde- und bildungslos hält, weil niemand seine Ahnenreihe um 700 Jahre zurückverfolgen kann, für eine japanische Familie eine Frage der Ehre.

  2. momorulez März 15, 2011 um 1:19 pm

    Was dann ja wieder nur die völkerkundliche „Produktion des Anderen“ ist. Interessanter ist doch, wie Weiße und Heterosexuelle sich selbst produzieren als „aufgeklärt“, „humanistisch“, „individualistsich“ usw., all das aber vorzugsweise den Anderen absprechen.

    Dieser Spreeblick-Autor mit seiner Empörung ist ja im Grunde genommen der Brüller.

  3. che2001 März 15, 2011 um 2:35 pm

    Natürlich ist das der Brüller. Dennoch haben Weiße auch nicht das exklusive Recht auf rassistische Projektionsweisen, das kriegen Ostasiaten eben genauso hin – während ich das mit dem en vogue-Sein des Kannibalismus-Buches richtig cool finde, das ist nämlich eine hochironische Retourkutsche auf die eurozentrische Sichtweise, ein Spiel mit politischen, gesellschaftlichen, körperlichen und ethnologischen Kategorien, das ich hochspannend finde.

  4. momorulez März 15, 2011 um 2:44 pm

    Ein Grund mehr, sich aktuell mit Ostasiaten zu solidarisieren! Und welches Kochrezept sich beim Spreeblick-Autor anbieten würde, das habe ich mich auch schon gefragt 😉 – wollen wir ihn marinieren oder in eine Kräuterkruste hüllen?

  5. momorulez März 15, 2011 um 3:15 pm

    Kleiner Nachtrag, toller Text:

    http://medienelite.de/2011/03/15/macht-und-vermittlung/

    Wenn ich auch die Geduld gar nicht mehr hätte, das so ausführlich darzulegen.

  6. »Paula« März 15, 2011 um 3:38 pm

    Den „Weißen an sich“ wird man nicht finden.

    Gerade wollte ich mit Verweis auf z. B. Japan widersprechen, dass es das sehr wohl in genau dieser Form auch gibt, und nicht nur „wir Weißen“ rassistische Bilder produzieren, bewusst oder unbewusst… aber che2001 hat das ja im ersten Kommentar schon getan.

    Dennoch: Als ich vor einigen Jahren in der japanischen Botschaft einen ca. 50-seitigen Reiseführer für Japaner im westlichen Ausland in den Händen hielt, bin ich fast vom Stuhl gefallen. Auch gegenüber Schwarzen gibt es in Japan wahnsinnige Stereotypen-Bilder, was dazu führt, dass es in diesem Land immer wieder zu Fremdenangst bis hin -hass kommt. 😦

    Hier auch noch mal eine kleine „unterhaltsame“ Lektüre, mit vielen interessanten Links auch am Ende: http://www.wa-pedia.com/gaijin/misconceptions_prejudices.shtml

  7. momorulez März 15, 2011 um 3:42 pm

    Ja, in China gibt es woh auch die „Langnasen“, und anderswo Begriffe für allerlei Pigmentierungsformen – insofern hätte wohl als Zusatz „in der im europäischen und angloamerikanischen Raum dominierenden Tradition“ das präzisiert, und der Film ist ja klar für ein europäisches Publikum gemacht. Und diese Visualisierungstraditionen hauen schon ziemlich rein, was nun gerade einem, der Animationsfilme macht, einfach klar sein sollte, was er da anrichtet. Der kennt diese Tradition ja offenkundig, bricht sie aber nicht.

  8. momorulez März 15, 2011 um 9:17 pm

    Oha, die Diskussion beim Spreeblick ist ja gespenstisch: Exakt die gleichen Textbausteine und Immunisierungsstrategien, wie wir die hier seit Jahren haben, teilweise wörtlich von ganz anderen Leuten, als sie hier ihre Duftmarken abließen. Grausam. Das wirkt wie ein Textgenerator, und auch da gelingt es diesen ganzen Arschlöchern hervorragend, jegliche Aufmerksamkeit von der Funktionsweise von Rassismen abzulenken und auf das natürlich entschieden verurteilswertere „jemanden als Rassist bezeichnen“ zu beziehen.

    Armes Deutschland. Was für ein verlogenes Drecksland.

  9. Loellie März 15, 2011 um 11:05 pm

    „Das wirkt wie ein Textgenerator“

    JA!

  10. che2001 März 17, 2011 um 2:46 pm

    Das ist nichts Anderes als das Berüchtigte Phrasendenken, für das man bei Dotcomtod vom Nörgler damit bedroht wurde, im Häcksler zu landen.

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