Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Der FC St. Pauli parodiert sich selbst und bildet Blasen … ein Rundumschlag.

Okay, ich stand auch schwer unter dem Eindruck der Bilder und Nachrichten aus Japan – ebenso unter Schock angesichts der reaktionären Propaganda der hierzulande Mächtigen, die sofort über alle her fielen, die fanden, dass nun doch mal Schluss sein solle mit Atomkraft. Diese zynische Publizistik von Fleischauer („Nichts sehnt der Atomgegner im tiefsten Herzen mehr herbei als den Unfall: Daher der jubilierende Ton vieler Katastrophenmeldungen„) bis zu, ach, alles Kotzbrocken, saß mir zudem in den Knochen. Diese plumpe Aggression gegen alles Widerständige, das sich dem Funktionalismus im Sinne ökonomischer Großorgansiationen (Banken, Energiekonzerne, Behörden usw.) nicht fügen will, wirkt physisch.

Nicht minder Eindruck hinterlassen hatte Noahs Kommentar weiter unten hier im Blog:

„Kann ich mich drauf verlassen, dass im Stadion rassistische Comictransparente sofort abgehängt werden? Nein. Muss ich mir rassistische Sprüche anhören und weiß, dass das dann nicht groß thematisiert wird? Ja. Werden zwei Schwarze Frauen schon mal ohne jeden Anlass bepöbelt und alle glotzen doof und niemand schreitet ein? Ja. Sind das Einzelfälle? schön wärs. Bei ‘zehn’ hab ich aufgehört zu zählen und meine Dauerkarte verschenkt. Ist die Bude schlicht und einfach weit davon entfernt, ein ‘safe space’ zu sein? Aber Hallo. Bildet der Verein (die Angestellten) sich fort, was und wie Antirassismus eigentlich überhaupt ist und funktioniert? nein. Kann ich eine Combo ernst nehmen, die gegen Rassismus sein will, sich aber über ihre eigenen Exklusionssignale und -Gepflogenheiten keine Gedanken macht? Nein. Es geht nicht ums Persönliche. Sondern ums Strukturelle.

(…)

Warum, oh warum nur kennt der so wahnsinnig antirassistische Verein diese Checkliste nicht: http://web.cortland.edu/russellk/courses/hdouts/raible.htm Sie ist nicht ‘perfekt’ und auch noch von 1994 – aber dem FCSP Antira-Istzustand leider Jahrzehnte voraus.“

Somit war ich eh schon arg bedröppelt. Um so mehr, da eine ganze Aktionsseite sich feierte für den ach so antirassistischen Verein, Verlautbarungen wie jene Noahs gar nicht zur Kenntnis nehmend – obgleich der Aufruf zumindest deutlichst für das Einschreiten plädierte in den von Noah skizzierten Fällen, Schwarze aber auf dem Spielfeld, nicht etwa neben sich in der Kurve verortet. Saß auf der Haupttribüne, sah mich im Stadion um: Alles Arier (fast). In der Halbzeitpause hielten weiße Menschen für weiße Menschen Transparente gegen die Diskriminierung Schwarzer hoch und fühlten sich untereinander sehr wohl und total prima. Zum Glück trugen auch Frauen das Transparent. S. neben mir fragte, während ich, Weißer, mich echauffierte: „Ja, aber was denn tun? Wäre es besser, wenn jetzt schwarze Frauen das Transparent trügen?“ und meinte die Frage ganz ernst. Weiß ich auch nicht. Der Zustand nervt mich trotzdem. Es wirkte wie eine Parodie auf antirassistische Arbeit, was sich da abspielte.

Die Stimmung auf unserem Teil der Haupttribüne war grauenhaft. Sonst ist es problemlos möglich, durch An- und Einstimmen von und in Gesänge den Block in Wallung zu bekommen. Eisiges Schweigen diesmal. „Die sollen es doch erst mal bringen auf dem Platz nach dieser Scheiße in Nürnberg!“ – so fühlte sich das an. Diese ekelhafte Anspruchshaltung. Dieses Abfordern von „Leistung“. Nach dem 1:0 kam kurz Leben in den Block – dann schnell wieder Totenstille.

Auf dem Platz rackerten sie und spielten phasenweise sogar prima und engagiert. Nur Charles stand völlig neben sich, alle Versuche von Asa, ihn einzubeziehen, liefen ins Leere. Wie tief verunsichert sie sind, war spürbar, als sie nach dem Führungstreffer völlig panisch wurden und sich konsequent ein saublödes Gegentor fingen. Der Linienrichter auf der einen Seite wedelte ununterborchen spielunabhängig mit seiner Fahne herum, der auf der anderen gar nicht und übte stattdessen telegene Körperhaltungen. So wurden ständig Angriffe abgepfiffen 0der aber Abseitsstellungen laufen gelassen. Und dass wir uns kurz vor Schluß wieder einen Gegentreffer fingen, lag nicht nur am Konditionellen, sondern daran, dass man sich langsam fragt, ob nicht auch Stani sich nur noch parodiert oder ob das Hybris ist. Das ist ja eine Falle für jene, die in den Medien sehr präsent und „Typen“ sind – irgendwann fangen die an, sich zu zitieren.

Wir haben die ganze Saison schon das Problem, dass Stani und unsere Jungs spielen wollen wie Mainz oder Dortmund, das auf Erstliganiveau aber nicht können. Ganze zwei Mal hat das geklappt, gegen Gladbach und Köln. Und eine Halbzeit gegen Hoffenheim, aber auch da wissen wir ja, was dann kam. Bremen hat sich in der Hinrunde weg gelacht, als wir da so aufgetreten sind.

Diese scheiternden Versuche wirken nicht nur wie eine Parodie des Zweitligafussballs, den wir spielten, als wir aufgestiegen sind, nein, sie reißen dem Team den Boden unter den Füßen weg. Nun ist auch noch der Großteil der Abwehr kaputt, beim Stand von 1 zu 1 standen wir defensiv allerdings erstaunlich sicher. Und was macht Herr Stanislawski? Gibt ein Signal für Offensive und bringt Richie und Naki, beide nicht eben bekannt dafür, mannschaftsdienlich sich in ein Verteidigungsgefüge einzugliedern. Da war klar, dass wir uns noch einen fangen werden, und des Trainer Einwechslungen wirkten wie – ja, eine Parodie seiner Spielpilosophie. Wir scheitern gerade daran, nicht aus einer massierten Abwehr heraus Konterspiel aufziehen zu können, weil uns die Konterstürmer fehlen. Bei aller Verehrung für Asa und Ebbers: Dass Richie das gerade mal ein einziges Mal, beim Auftaktspiel in Freiburg, war, spricht nicht nur für die Urteilsfähigkeit der sportlichen Leitung.

Für die Stuttgarter, nach Frankfurt die ekligste Truppe, die ich bisher am Millerntor sah, die „asozial“-Sprüche Harniks passen da wie die Faust in den Hintern, natürlich ein Heidenspaß. Beim 2:1 hatte ich das Gefühl, das 75% der Südsitzer torjubelnd aufsprangen und sich weg schmissen über diesen albernen Zirkus St. Pauli. Dieses Baden-Würtemberg ist ja schlimm genug, trotz S21, dieser, mapussisierte Südwesten mit seiner vollgefressenen Gemütlichkeit, Lieblichkeit und Geldsackhaftigkeit – dass diese Leute ins Stadion einfallen wie in einen Zoo, um die Rest des Andersseins des FC St. Pauli zu bewundern, konnte ich ganz schlecht ertragen. Gerade, WEIL das volksparkisierte Feeling auf der Haupttribüne gestern, als die Leute wieder in Scharen nach dem Siegtor der Stuttgarter die Plätze verließen, so wirkt, als wollten sie auch Schwaben sein (sorry, Foxxibear, das geht n icht gegen Dich!!!). Es klingeln einem ja doch die Verlautbarungen des Alten Stamms in den Ohren, die das, was sie glauben, dass ein Erstligist es tun müsste, als Parodie des Wissens ums Ökonomie betreiben. Lauter kleine Hoffmanns. Während also die einen versuchen, zu bewahren, was nicht mehr ist mit ihren Antidiskriminierungstransparenten, sind die anderen dabei, forcieren zu wollen, was bei uns nie sein wird. Man hat das Gefühl, dass Oberflächen Blasen bilden und darunter gärt, was wir nie werden wollten.

Die Sozialromantiker waren ursprünglich offensiv auch SELBSTKRITIK angetreten. Die Diskussionen im Forum zuvor drehten sich um die Frage, wer so alles mit Totenkopf-Shirt durch die Gegend läuft, der Jolly Rouge sollte das Gegensymbol sein.

Gestern nun wurden selbstgefällige Tapeten hoch gehalten, warum man da steht, während sich in den Gängen der Haupt- und den Logen der Südtribüne vermutlich die Dolchstoßlegenden bildeten: Nur wegen der Sozialromantiker und dieser Scheiß-Antikommerz-Fans verdiene der Verein nicht genug, um sich einen vernünftigen Kader zu leisten. Nur wegen denen steigen wir wieder ab … der Kleine Tod wird mehr darüber zu berichten wissen. Was natürlich völliger Blödsinn ist, durch die ständigen Verlautbarungen Meekes und der anderen, wie achwieviel Geld doch liegen gelassen würde, aber kräftig angefüttert wird. Nur weil die offenkundig nicht in der Lage sind, Marketingkonzepte aus der Vereins- und Viertelgeschichte heraus zu entwickeln und nur 08/15 können. Vom Trikotsponsor abgesehen, der uns nichtsdestotrotz einen Kolonialslogan auf die Spielerbrust platzierte.

Und es endete, wie es enden musste: Plötzlich Getummel und Geschubse hinter uns, Bier flog, rechts von mir alle nass, eine wenn auch harmlose Prügelei. Viele gingen zum Glück sofort dazwischen, es floss kein Blut – ist trotzdem erst das zweite Mal, dass ich eine Schlägerei auf der Haupttribüne erlebte. Sehe nur den einen der beiden Kontrahenten – sexy, wie er da stand mit szeniger, nicht Nazi-Glatze, seine Würde wahren wollend, mit pumpender Brust und Empörung im Blick. Sex und Gewalt ist irgendwie die gleiche Energie, denke ich manchmal, und die Welt wäre besser, wenn Männer miteinander schlafen würden, statt aufeinander einzudreschen. Ein Satz im Gedenken an Günther Ament. Ja, auch das war noch: Irgendein bekiffter Cabrio-Pilot fährt einen der letzten Aufklärer über den Haufen inmitten Eppendorfs.

S. erzählte hinterher, sie habe nur Rufe gehört „Ich wollte Dir doch nur ein Bier ausgeben!“ Einer der irgendwie queer Wirkenden hinter uns klopfte dem klatschnassen, in das Gerangel Involvierten beruhigend auf die Schulter. Ich brauche mir nur vorzustellen, dass diese plötzlich aufbrandende Gewalt die Reaktion auf einen schwulen Annäherungsversuch war, und es würde passen. Ich weiß es aber nicht.

Ich weiß so recht gar nichts mehr. Nur, dass ich unter gegeben Umständen meinen Zweifel am FC St. Pauli nicht los werde, was vielleicht auch egal ist angesichts dessen, was man gerade in den Newstickern liest.

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45 Antworten zu “Der FC St. Pauli parodiert sich selbst und bildet Blasen … ein Rundumschlag.

  1. magischerfcblog März 14, 2011 um 3:42 pm

    Mal ab von meiner Verständnisfrage 😉

    Natürlich hast du Recht, das Antirassismus (ich verkürze jetzt mal, der Kampf gegen die anderen Formen der Diskriminierung sei bitte mitgelesen) mehr ist, mehr sein muss, als ein leeres (Lippen-)Bekenntnis. Antirassismus lebt vielmehr vom offensiven Einschreiten. Und nun mag ich Kollege Noah seine Erlebnisse nicht widersprechen, aber ich habe auch genau das Gegenteil erlebt und deswegen habe ich meine Dauerkarte. Zumindest in meinem Teil des Stadions ist aber sofort Alarm, wenn solche Verhaltensweisen an den Tag gelegt werden.

    Und dazu fordern immer wieder auch FCSR, USP und andere Leute der aktiven Fanszene auf und leben es auch selber (bereits mehrfach erlebt). Nein, das Stadion ist nicht frei von Rassismus und anderen Diskriminierungen, aber das dies von der Fanszene oder allen klaglos hingenommen wird und man sich nur seines Antirassismuses feiert ohne ihn zu leben, sorry, so ist das auch nicht.

    Grüße

  2. Loellie März 14, 2011 um 3:44 pm

    „Ja, aber was denn tun? Wäre es besser, wenn jetzt schwarze Frauen das Transparent trügen?“

    Nee, natürlich nicht. Dass ist ja auch nicht das Problem Schwarzer Frauen, sondern weisser Männer. Deshalb ist es so schwierig mit Diskriminierung umzugehen, oder darauf zu reagieren. Ich muss nichtmal wirklich meine alten, nie ganz abgelegten, Ressentiments gegen Fussball im Allgemeinen und Stadien im Besonderen mobilisieren, um auch weiterhin einen Bogen um derlei Veranstaltungen zu machen. Insofern stünde ich auch nicht für eine „Quote“ zur Verfügung. Die sollen das mal schön unter sich ausmachen, weil man doch bei dem Diskriminierer Ansetzen muss, und nicht bei den Diskriminierten. Allem Bildungsauftrag zum Trotze.

    Noah schreibt im anderen Thread: „Es ist sehr anstrengend und auch schmerzhaft, diese Diskussionen immer wieder zu führen, sich ihnen zu verweigern ebenfalls, genau so wie aufzuklären und beizubiegen. Deswegen bin ich froh, dass Du und andere Alliierte da ‘übernehmen’, wo mir und anderen die Kraft fehlt.“ und davor was im Sinne von Dankbarkeit dafür, dass wir uns des Themas annehmen.
    Letzteres sehe ich glatt gegenteilig, da es nie meine Absicht war, mich stellvertretend eines Themas anzunehmen. Im Gegenteil hätte ich mich des Themas lieber entschieden weniger angenommen, als es uns hier aufgezwungen wurde, immer wieder und mit atemberaubender Aggression. Nichtsdestotrotz vergegenwärtigt man sich in diesen Auseinandersetzungen das man doch nicht völlig abgedreht ist und verleugnete Bedrohungen herbeiphantasiert. Wachsen tut man auch, und mit etwas Glück kommt die eine oder andere Erkenntnis rum. Ja, immer wieder schmerzhaft, wenn man erkennt, dass da mal was ganz anders war, vor Jahrzehnten, als man es selbst in Erinnerung hatte.

    Ficken halte ich ja tatsächlich für eine Lösung, da bin ich schon eher für zu haben :). Nu ist ja aber nicht jede/r so ’ne Schlampe wie ich, weshalb ich auch nicht weiss, wie man das umsetzen könnte.
    Pffff …. von wegen Ficken.
    Nachrichten aus der Zwischenzeit. Nicht genug, dass mir diese zwei endgeilen Gartenbauer vor meinem Fenster den ganzen Tag schon das Lebe zur Hölle machen, nein, nicht genug. Den Monteur der gerade unsere Spülmaschine repraiert hat hättet ihr sehen sollen. Ich sach nur *sabber*.
    Nur was ich nach der Reparatur der Apparatur noch hätte schreiben wollen, das habe ich jetzt vergessen. Vllt fällts mir später wieder ein.

  3. momorulez März 14, 2011 um 4:11 pm

    @magischer FC:

    Das ist Kollegin Noah 😉 : http://www.noahsow.de/blog/ – passendes Startbild. Tolles Bild.

    Und was sie meint, so verstehe ich das zumindest und werde ansonsten bestimmt korrigiert, ist, neben den Erlebnissen, die sie vertrieben haben, was nun mal so ist, dass sie das erlebt hat, dass es mit „Diskriminiere niemanden“ und Dazwischengehen nicht getan ist, wenn man die Strukturen, die Rassismus zugrunde liegen, nicht thematisiert. Und dieses Dazwischengehen ist honorig, wenn es aber dabei bleibt, kann das sogar Strukturen festigen, weill man vor lauter Stolz über das eigene Engagement sich mit dem eigentlichen Thema gar nicht mehr auseinandersetzt, zumeist mit eben der Abwehrhaltung „Ich doch nicht! Ich hab schon Nazis verprügelt!“

    Dass eine z.B. rassistische Darstellung von Schwarzen auf hochgehaltenen Transparenten gar nicht als solche wahr genommen wird – und vor allem, dass das Allerabsurdeste ist, dass sich Weiße ständig zusprechen, Definitionshoheit darüber zu besitzen, was denn nun Rassismus sei, um stets beleidigt zu sein, wenn sie jemand darauf hin weist, dass welcher statt findet, was Weiße in der Regel gar nicht merken. Undundund.

    Insofern ist weniger die Frage, was welche Fangruppe tatsächlich tut und was nicht, sondern, wie und in welcher Form sie sich über Antirassismus informiert, was dabei in den Köpfen passiert, und was wir für eine kuriose Zuschauerzusammensetzung im Stadion, aber auch in Gremien haben, wenn man sich mal den eigenen Anspruch anguckt.

    Diese Checkliste oben wäre für mich ganz weit oben auf der Prioritätenliste, und dazu würden mich Kommentare am Allermeisten freuen. Die hätte ich gerne diskutiert.

    Für mich ist es schrecklich, dass eine Freundin, mit der ich zusammen Spiele besucht habe, nicht mehr ins Stadion will, weil sie Frau und schwarz ist. Antworten, wie ich sie mir erhoffe, würden eher darin bestehen, wie man das ändern kann. Und dazu reicht ja nicht, auf die Güte von Teilen der Zuschauerschaft zu verweisen.

    Ich möchte nix von dem missen, was ich von Noah gelernt habe und den anderen vom Braunen Mob, das hat mir auch bei schwulen Themen immens geholfen, und wünsche jedem im Stadion, diese Erfahrung auch zu machen 😉 …

    @Loellie:

    „Die sollen das mal schön unter sich ausmachen, weil man doch bei dem Diskriminierer Ansetzen muss, und nicht bei den Diskriminierten. Allem Bildungsauftrag zum Trotze.“

    Zum ersten Punkt: Ja. Zum zweiten: Dazu sind die zu doof. Beim braunen Mob finde ich gut, dass er z.B. für Schulungen für Journalisten plädiert, und würden diese ganzen „Opferkult“-Blödmänner und „schwul = Terrorismus“-Idioten mal an den Punkt gelangen, wo sie zuhören, was bei vielen hier ja irgendwann passiert ist, fände ich das schon gut.

    Und ich nehme mich quasi-stellvertretend der Themen an, weil ich nicht will, dass Schwarze derartige Erfahrungen permanent machen müssen. Die Zusammenhänge zwischen Traumatisierung und Diskriminierung sind mir nun auch erst mit Mitte 40 aufgegangen, da muss man im Sinne persönlicher und politischer Verantwortung schon ran, denke ich. Das ist auch ein großer Teil meiner Berufspraxis, das zumindest zu versuchen, da, wo man uns lässt.

    Mir ist heute noch nix über den Weg gelaufen, wo ich hätte sabbern können 😦 … auf Schweizer Dörfern scheint das Angebot besser zu sein.

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  5. Loellie März 14, 2011 um 7:30 pm

    Ja, dass man aus dem Widerspruch „die sollen mal selber“ und „die sind zu doof“ irgendwie raus muss, und das nur „wir“, die Diskrimierten, dem beikommen können, weis ich doch.
    Wahrscheinlich rede ich etwas wirr, weil ich als Migrant in der CH sowas wie ein Kollateralschaden dieser Scheiss Anti-Islamhetze bin, Voll-Proll dazu, was es für mich enorm schwer macht in unterschiedlichen Themen, derer ich mich annehmen könnte, zu denken. Da sind bei allen Unterschieden der Analogien zuviele.
    Nach der Dauer-Orgie in den 90ern dachte ich einen Moment tatsächlich, dass das Thema durch wäre … Wenn du mir vor zehn Jahren gesagt hättest, dass ich mir, ob einer Diskussion über Genet und Fassbinder, seitenlang über die Gefährlichkeit von Pornographie im Allgemeinen, und SM im Besonderen, vordozieren lassen müsste, hätte ich dich glatt ausgelacht.

    Das ich den jungschen Monteur unbehelligt auf seinen Skaterschuhen ziehen lasse, anstatt, wie damals, ungefragt über den Telephoninstallateur herzufallen, weil ich meinte, er hätte meine NewBalance eingehender gemustert als es sich geziemt, schwante mir, weil jünger wird man ja auch nicht.
    LOL, das war auch ein Rotje, fällt mir gerade ein …

    Hier gibts immer was zum ansabbern. Die sind einfach alle so scheiss gesund, … diese … Burrschen. Zu allem Uebel hat sich die Dorfjugend die Bank vor meinem Schlafzimmerfenster als Treffpunkt ausgesucht.

    *schnipp* da kommt noch ein Nachtrag, jetzt muss ich die frisch geputzte Küche wieder bekochen 😦

  6. kleinertod März 14, 2011 um 8:45 pm

    Rassismus wie Diskriminierung ist nicht nur ein Problem weißer Männer, sondern jede Hautfarbe und jedes Geschlecht ist davon betroffen – sowohl weiße Frauen wie auch jeder andere Mensch auf dieser Welt hat ein Problem mit Rassismus wie Diskriminierung bzw. sollte eines haben. Es geht uns nämlich alle an, unabhängig davon, ob wir ihn persönlich verursachen (dann aber umso mehr, logischerweise). Ansonsten kann ich mich hier nur den Worten von MagischerFC anschließen, wenngleich ich persönlich keine Geschichten über Auseinandersetzungen wegen derartiger Vorkommnisse am Millerntor schildern kann. Wichtig ist aber, daß dort dagegen vorgegangen wird – wenn dem nicht so sein sollte, ist dies ein Grund zum Intervenieren, eindeutig.

    Von der Checkliste halte ich im übrigen nicht sonderlich viel (lasse mich aber gerne argumentativ vom Gegenteil überzeugen), wohl aber von Aufklärungsarbeit im Einzelfall, die ich hier schon bewundern durfte. Manches muß man erst lernen – und diesbezüglich darauf aufmerksam werden. Ein paar Worte nebst belegender Verlinkung können da schon wahre Wunder bewirken. So ohne weiteres kommt man nämlich nicht bei jedem Wort beispielsweise auf die ursprüngliche Bedeutung. 😉

  7. momorulez März 14, 2011 um 9:47 pm

    Na ja, historisch ist es definitiv so, dass weiße, zumeist heterosexuelle Männer dafür sorgten, dass die Anderen von Rassismus und Sexismus betroffen waren. Und diese Geschichte lässt sich ja nicht mal eben ausradieren. Sprüche, die schwarze Frauen sich anhören müssen, kennst Du gar nicht. Du bist durch solche Sprüche auch nicht sozialisiert. Durch homophobe Sprüche bist Du so sozialisiert wie ich, nur auf der angenehmeren Seite. Und natürlich, darum geht es ja unter anderem in der Dialektik der Aufklärung Horkheimers und Adornos, hat das mit Männern, weißen, heterosexuellen, Grausames angestellt, aber auf einer ganz anderen Ebene. Dass ihr nichtsdestotrotz die in dieser Gesellschaft Privilegierten seid, kannst Du durch dieses vereinahmende „es ist unser aller Problem“ nicht auflösen. Schritt 1 besteht schlicht darin, sich die eigenen Privilegien klar zu machen. Die hatte ich doch als weißer Mann.

    Es ist auch, pardonnez-moi, bei aller Sympathie, typisch: Eine schwarze Frau schildert ihre Erfahrung bei einem Schwulen, und zwei weiße, heterosexuelle Männer kommen an und sagen „Stimmt so nicht,“ Wenn auch zwei sehr nette und denkoffene, die das noch einigermaßen relativiert machen, egal. Womit sie schon mal die typisch männliche Beschützerrolle stabilisiert haben. Wieso könnt ihr das als Erfahrung nicht erst mal so hin nehmen und fragen, was man denn da machen kann?

    Zur Checkliste: Da wäre es jetzt an Dir, zu begründen, was Du an ihr problematisch findest, nicht an mir, sie verteidigen. Der Text geht los mit, sinngemäß, „Wenn Du einen Weißen gefunden hast, bei dem Du glaubst, dass Du ihm vertrauen kannst …“. Bei mir hat das gesessen. Das steht da ja nicht aus Boshaftigkeit, sondern aus Erfahrung. Da mach ich mir doch erst mal Gedanken, was es heißt, sich in einer weiß dominierten Umwelt zu bewegen und niemandem vertrauen zu können. Also exakt die von Noah geschilderte Erfahrung, nämlich das Millerntor nicht als „safe place“ zu empfinden.

    Wieso geht ihr da einfach drüber hinweg und antwortet reflexartig „Wir sind die Guten!“?

    Ich war nun meinerseits halbwegs geschmeichelt, da bei verhältnismäßig vielen Punkten ganz gut abzuschneiden, glaube ich jedenfalls. Aber schon bei dem Punkt „schwarzer Freundeskreis“, puh – ich habe mit einem Afrodeutschen eine Firma und kenne Noah ein wenig besser. Und durch meinen Kompagnon habe ich mehr Kontakt zu Afrodeutschen, aber näheren Kontakt weniger. Wie ist das bei Dir? Das sind doch ungemein zentrale Fragen für den FC St. Pauli. Leute wie der Pfeiffer, den Du als Jurist kennen wirst, der war mal Justizminister, haben ja fest gestellt, dass es hinsichtlich gruppenbezogener Diskriminierung Riesenunterschiede gibt je nachdem, ob die Kids in der Schule sich über „Ethiengrenzen“ hinweg zum Kindergeburtstag einladen.

    Nachdem Norbert mir mailte, dass 187, hatte ich vorher nie gehört und mich gefreut, es zu lesen, vollzählig auf der Süd stehen und unter den organisierten Fans immerhin zwei türkischstämmige Platzhirsche sind, habe ich mich zumindest gefreut …

  8. kleinertod März 14, 2011 um 10:56 pm

    Den historischen Vermerk hatte ich auch zuerst bringen wollen, es aber lieber wieder gestrichen, da es irgendwie ablenkend klang. Was bringen die Blicke zurück, wenn man doch auf das aktuelle Tagesgeschehen gucken und dort etwas verändern muß, wenn man es erkennt? Was in der Vergangenheit passierte, bleibt unbenommen Fakt und zwar sehr trauriger Art, um es einmal vorsichtig auszudrücken.

    Ah, manchmal lohnt sich das Weiterlesen in den Kommentaren, habe ich heute ein wenig vernachlässigt, wie ich zugeben muß. Daß es sich hier um eine schwarze Frau handelte, das habe ich nicht mitbekommen. Was im Bericht vielleicht eine Ergänzung wert wäre. Das ändert die ganze Sache rein perspektivisch ungeheuer. Ich kann ja nur meine persönlichen Erfahrungen anbringen, da ich keine anderen vorzuweisen habe. So kann ich das jetzt wirklich nur – betroffen – zur Kenntnis nehmen – und mir wünschen, in einem solchen Fall in der Nähe gewesen zu sein, damit das NICHT ohne Folge geblieben wäre.

    Was mich an der Liste stört, das ist die Konzentration auf das Thema in jeder Lebenslage. Gleich der erste Punkt, daß man sich an einer Diskussion teilnimmt, UM sicherzustellen, daß Anti-Rassismus Thema wird, ist für mich sinnentleert. Es gibt viele wichtige Themen auf dieser Welt – aber man kann nicht immer über alle wichtigen Themen reden, wenn es um andere Dinge geht. Man muß doch in der Lage sein, sich auf das jeweilige anstehende Thema zu konzentrieren – und kann bei passender Gelegenheit oder wenn es aus anderen Gründen notwendig wird, etwas zu thematisieren, die jeweiligen Dinge ansprechen. Aber nicht aus Prinzip immer. Das wären dann nur reine Lippenbekenntnisse, bei denen keiner mehr zuhört. Floskeln, die ohne tieferen Inhalt daherkommen.

    Mein Freundeskreis ist extrem übersichtlich und rein weiß. Schwarze kenne ich nur wenige, komme mit diesen aber genauso gut und wenig aus wie mit anderen. Sicher habe ich als heterosexueller Weißer mit Post Punk / Gothic – Wurzeln weniger Gemeinsamkeiten mit Schwarzen als andere Menschen – jedenfalls ist mir auf den unzähligen Konzerten und Partys nur selten ein schwarzer Schwarzer begegnet. Und auch in meiner Schulzeit habe ich kaum einen solchen gesehen – die gab es schlicht kaum in meinem Umfeld. In beruflicher Hinsicht habe ich da vergleichsweise öfters Kontakt zu diesem Teil der Bevölkerung, womit ich zumeist Geschäftsleute meine. Im übrigen bin ich menschenscheuer, als man es vielleicht vermuten mag – schüchterner paßt vielleicht besser, freue ich mich doch über direkte Kontaktaufnahme im positiven Sinne, sonst bin ich zumeist zurückhaltend neutral gegenüber mir unbekannten Mitmenschen. Alles im allen macht dies meinen persönlichen Horizont in dieser Richtung natürlich schon von sich aus entsprechend eingeschränkt – wie das auf die eine oder andere Weise ja eh immer ist.

    Ansonsten freue ich mich eigentlich immer über jede Horizonterweiterung. Je bunter ein Gemisch ist, je unterschiedlicher die Meinungen, aber mit einer Gemeinsamkeit dabei in grundsätzlicher Hinsicht wie beim FCSP (so mehr oder weniger), desto schöner ist es doch. Da kann jede(r) von jedem profitieren.

  9. momorulez März 14, 2011 um 11:19 pm

    Diese Blicke zurück, na, wie soll ich es sagen, die sind ja wichtig, weil sie das Heute bestimmen. Die kolonialen Perspektiven sind z.B. omnipräsent, darum ging es ja bei dem Comic-Bild, das Noah erwähnt, das war eine „Bimbo“artige Karrikatur, die völlig unmotiviert auf der Gegengeraden hoch gehalten wurde.

    Und die Bezüge auf Antirassismus sind, da ließe ich mich von Noah allerdings jederzeit korrigieren, ist wichtig, weil das Pigmentierungsthema unausgesprochen sofort Relevanz bekommt, wenn ein Schwarzer mit am am Tisch sitzt. Das habe ich, wenn ich je nachdem mit oder ohne meinen Kompagnon unterwegs bin, so dermaßen oft erlebt -die Situation IST unter deutschen Bedingungen dann eine andere. Und so macht man Sprecherpositionen und deren Konnotation explizit. Es ist auch ein Riesenunterschied, ob eine Frau mit dabei ist oder nicht. Ich bin regelmäßig genervt, wenn „unter Männern“ ein Jargon aufkommt Frauen betreffend, dass mir der Atem stockt. Aber nur, wenn die Leute nicht wissen, dass ich schwul bin. Die Art, wie manche dann mit einem über Frauen reden wollen, ist teilweisew schlimm.

    Dass gerade in der Gotjic etc.-Szene kaum Schwarze sind, das hat ja Gründe, hatte ich gerade mit Foxxi, das würde jetzt aber sehr weit führen.

    Hätte Dich tatsächlich auch eher schüchterner eingeschätzt 😉 …

  10. kleinertod März 14, 2011 um 11:31 pm

    Bei solchen Vergangenheitsbezügen ist dies dann wieder aktuell, wohl wahr. Aber auch ein guter Anlaß, derartige Dinge zu thematisieren.

    Wie mitunter gesprochen wird, das hängt ja immer auch von den Menschen in einer Runde ab. In meinem aktuellen Blogbeitrag habe ich da ja auch von jenem Samstagserlebnis berichtet, das ich einfach nur grausig fand. Aber auch wieder ein deutliches Beispiels dafür, daß es lohnt, dann den Mund aufzumachen. Bei gut vorgetragenen Argumenten in einem überschaubaren Kreis werden die Leute dann zumindest still.

    Das mit der Gothic-Szene hatte ich nicht ohne Grund angeführt – aber darüber kann man wirklich lange und ausführlich diskutieren. Kein schlechtes Thema, nebenbei bemerkt. Aber nicht heute abend mehr. Ich verabschiede mich mal schüchtern gen Schlafzimmer und wünsche einen schönen Abend. ^^

  11. Foxxi März 15, 2011 um 9:46 am

    Puuuhh, starker Tobak …aber so müssen Rundschläge wohl sein. Ich will nur anmerken: Keine Sorge, ich weiß, dass Du nicht mich meinst 🙂

  12. momorulez März 15, 2011 um 11:00 am

    Hatte irgendwie das Gefühl, aufrütteln zu müssen. Diese seltsame „Wir sind die Guten!“-Toleranz-Selbstgefälligkeit nimmt ja in Deutschland bedrohliche Züge an, und auch im Verein bewegt sich nix, wenn immer nur ein Mythos beschworen, aber nicht fort geschrieben wird. Bin ja froh, dass bisher keiner mit der „Nestbeschmutzer!“-Nummer kam. Als wir damals wegen des Kolonialsologans los wetterten, kam das prompt. Da wurde mir gar unterstellt, Springer-Journalist zu sein, der den Verein zerstören wolle 😀 …

    @Kleiner Tod:

    Wieso ist das eigentlich ein so gravierender Unterschied, ob das Zitat oben von einem Mann oder einer Frau ist? Ich glaube auch, dass das einer ist, bin mir aber nicht so sicher, ob wir den gleichen meinen 😉 – und wo wir hier gerade so versammelt sind, müsste man an das Gothic/Black-Music-Thema eigentlich auch mal ran. Na, mal gucken.

  13. kleinertod März 15, 2011 um 11:58 am

    Der gravierende Unterschied ist der, daß ich beim Lesen davon ausging, daß es sich um Beobachtungen und nicht um direkte Betroffenheit handelte. Was ein Mensch persönlich erfahren hat, nimmt einen anderen Stellenwert ein. Bei Beobachtungen kann man die eigenen anbringen, um die eigene Wahrnehmung darzustellen – nicht als Widerspruch, sondern als Ergänzung, um das Gesamtbild herauszubekommen.

    Vielleicht sollte man Betroffene einmal bitten, über ihre Erlebnisse in einer Fanrunde zu sprechen? Könnte etwas bringen.

  14. momorulez März 15, 2011 um 12:26 pm

    Noah ist so dermaßen aktiv in diesen Hinsichten, dass ich nicht glaube, dass sie sich das auch noch zumuten möchte. Sie kann ja nicht an allen Fronten gleichzeitig kämpfen, liest aber vermutlich mit. Sie hat aber ein Buch geschrieben, dessen Lektüre ich wärmstens empfehle:

    http://www.amazon.de/Deutschland-Schwarz-Weiss-allt%C3%A4gliche-Rassismus/dp/3442155754/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1300188155&sr=1-1

    Auch beim „Braunen Mob“ kann man sich gut schlau machen:

    http://www.derbraunemob.de/deutsch/index.htm

    Es gibt zudem eine Veranstaltungsreihe, Edu Attack oder so ähnlich. Müsste aus ihrem oben verlinkten Blog hervor gehen.

    Und außerdem haben wir ja noch ein ein gemeinsames Blog-Projekt vor uns, wo ich noch mal darauf zurück kommen werde 😉 …

  15. kleinertod März 15, 2011 um 12:57 pm

    Die Einführung von dem Buch liest sich spannend, das werde ich mir gänzlich zu Gemüte führen. Auch wenn mich eine Rezension in Sachen Ansprache „Zipfelmütze“ etwas kritisch stimmt – aber mal gucken, wie mein Eindruck sein wird.

    Zumuten möchte ich derartige Aufklärungsarbeit niemanden, derartiges müßte schon freiwillig erfolgen. Könnte aber eben auf fruchtbaren Boden fallen. „Der FC St. Pauli ist antirassistisch. Also: bei uns gibt es keinen Rassismus?“ oder ähnlich als Titel einer solchen Veranstaltung könnte in Fankreisen ja vielleicht neugierig machen. Ist jetzt nur so eine vage Idee von mir, keine Aufforderung im Sinne von irgendeiner Verpflichtung der Betroffenen. Mehr als eine solche Idee kommt mir spontan aber auch nicht in den Sinn.

  16. momorulez März 15, 2011 um 1:16 pm

    So ungefähr in die Richtung denke ich das ja auch an. Muss da mit den „Braunen Mobs“ noch mal reden, wer da z.B. als Referent in Frage käme.

    Habe parallel gerade eine Mailverkehr, warum ich denn bei solchen Fragen immer so kiebig und gemein bin 😀 – weil man sonst nicht druch dringt, oft bei denen, die sich weder rassistisch noch homophob wähnen, am allerwenigsten, da bedarff es gelegentlich der Schocktherapie, und lässt man sie bleiben, so läuft dann alles weiter wie gehabt, weil es im Grunde genommen sehr wenig Bewusstsein noch bei denen, die es gut meinen, gibt, wie die Sache wirklich funktioniert.

    Und diese Checkliste finde ich ja prima, weil so Fragen wie „Würde ich einen schwarzen Chef akzeptieren?“ es schon in sich haben. Umgekehrt freilich keiner was Böses will, insofern glaube ich ja auch an die „offenen Ohren“ und dass die Möglichkeit von z.B. „Critical Whiteness“ bei uns durchaus gegeben sein müsste. Vieleicht kann man das sogar instituionalisieren.

  17. kleinertod März 15, 2011 um 6:45 pm

    Von einer Schocktherapie halte ich persönlich an und für sich nichts, denn wenn der Gegenüber dicht macht, erreichen die Argumente in der Regel nicht mehr ihr Ziel, es werden eher beidseitig energieverschwendende Abwehrkämpfe geführt. Positive Aufklärung kann da weitaus eher bei einem vernunftbegabten Menschen dazu führen, daß auf die Argumente hin sich geöffnet und darüber nachgedacht wird. Die Leute INS Bot holen und nicht ihnen vorwerfen, sie wären draußen. Kommunikation hat ja immer etwas Psychologisches.

  18. momorulez März 15, 2011 um 7:04 pm

    Das halte ich in meinem Alter mittlerweile a.) für einen Irrtum und b.) ist das ein künstlicher Widerspruch und c.) bringt es den, der aufklärt, so weit er denn Betroffener ist, in eine Bittstellerposition. Das liest sich idealtypisch ja immer total prima, Habermas und so, in der Praxis bringt das rein gar nix. Stonewall war ein Riot, und ohne aggressivere Komponenten hätte sich gar nix getan.

    Ich erwarte ja eher, dass jeder, sich als antirassistisch, antisexistisch und gegen Homophobie orientiert versteht, ganz von selbst solchen Dingen öffnet und nicht ständig beleidigt ist. Wenn immer diese kommunikative Drohung mit schwingt „Wenn Du nicht schön brav bist, Homo, können wir auch anders“ ist das auch kein Dialog.

    Zudem kurioserweise immer kein Schwein auf die Idee kommt, dass die etwas massivere Form der Aufklärung selbst eben auch Abwehr ist, psychologische. Diese „sei brav und ganz behutsam mit meiner armen Heterosexuellenseele“ ist ja ein wenig anmaßend, wenn das, worauf reagiert wird, nun auch nur was ist, worauf man lebenslang mit Abwehr reagieren muss, um so was wie psychische Integrität zu wahren. Nun wird auch noch von den Stigmatisierten erwartet, denen gegenüber, die das Stigma reproduzieren und aufrecht erhalten, einen schutzlosen Seelestriptease hinzulegen. Zudem das ja ein recht intimer Bereich ist, den die Gesellschaft als Klassifizierung zur Ausgrenzung nutzt. Finde ich immer etwas sado-mäßig. Kannst jetzt bei allen Diskriminierungsformen, auch und gerade beim Klassismus, wo Scham auch eine riesengroße Rolle spielt, ebenso durchspielen. Gewerkschaftsarbeit war doch nicht erfolgreich, phasenweise, weil es denen gelungen wäre, die eh schon Privilegierten sanftmütig zu überzeugen. Man hat schlicht ein RECHT auf Freiheit von Diskriminierung und darf das auch einfordern.

    Das Problem ist doch gerade in Deutschland, gerade unter irgendwie Linken oder wie immer das nennen möchte, diese „Wieso? ist doch alles gut!“-Haltung. Das unterscheidet diese Diskussion hier ja schon immer komplett von anderen, dass z.B. Norbert der Problemdefinition deutlich zugestimmt hat und auch die Aktion ja zeigt, dass offenkundig Handlungsbedarf besteht. Meine Erfahrung ist allerdings, dass genau die Leute, die den Handlungsbedarf sogar sehen, häufig sich dem Phänomen nun gerade wenig beschäftigt haben und das auch nicht tun, wenn man sie nicht aufrüttelt.

    Worüber ich mich aber freue, ist, dass wir mitten in der Diskussion sind 😉 – wirklich! Und dass hier zum Glück noch keiner die Geschichte mit der „Politcally Correctness als Unterdrückung der armen Normalos“ angestimmt hat und auch nicht diesen liberalen „Wir sind doch alle gleich“-Kram. Darüber freue ich mich wirklich, das zeigt, dass bei uns noch viel möglich sein wird.

  19. kleinertod März 15, 2011 um 7:48 pm

    In Sachen Verhandlungstaktik und im entsprechendem Umgang mit Menschen kenne ich mich aus, nicht nur in der Theorie. Ich weiß aber auch, daß auch andere Wege zum Ziel führen können. Nur ziehe ich persönlich meinen vor, ohne damit andere abzuwerten. Zumal ja auch nicht jeder Mensch mit dem gleichem Verhalten den gleichen Erfolg erzielen würde – da gilt es immer die individuelle Kompenente einzubeziehen. Was im Umkehrschluß aber auch bedeutet, daß der eine mit dem anderen rein persönlich überhaupt nicht klarkommt – was man mit einer Differenz auf sachlicher Ebene nicht verwechseln sollte.

    Natürlich gibt es auch Denkweisen, die so rein gar nicht gehen, daß man gar keine tiefergehende Kommunikation führen könnte. So etwas findet man ja aber auch rasch heraus – und beendet im allgemeinen auf die eine oder andere Weise das Gespräch. Daß hierbei deutliche Worte fallen, ist ja nicht unbedingt von Nachteil. Womit ich meine, daß manche nur noch klare Ansagen verdienen. Wobei man auch da drüber reden könnte, ob sie überhaupt so viel Energie verdienen…

    Bei mir im Blog habe ich grad ausführlich dargestellt, daß ich von Japan eindeutig gedanklich verdunkelt bin und vielleicht düsterer als sonst sehe. Was sich hier niedergeschlagen haben könnte, ich les meinen Text jetzt nicht noch einmal durch. Nur nebenbei bemerkt.

    Daß ich mich eigentlich immer über eine offene und gute Diskussion freue, muß ich jetzt wohl nicht anmerken, oder?

    Für mehr hab ich heute aber nicht mehr die Kraft. Zumal die Espressobohnen alle sind. Nachschub besorgen wäre angesagt. In diesem Sinne – bis frühestens morgen.

  20. momorulez März 15, 2011 um 8:14 pm

    Jau, bis denne! Japan-Text lese ich noch!

    Und ich begreif das ja nicht als „Verhandlung führen“, sondern tatsächlich auf Aufklärung. Und meiner Erfahrung nach hören die Leute nicht zu, wenn man nur freundlich bleibt. Und wie sagte Noah neulich so treffend: „Man kann sich gar nicht vorstellen, was für ein Shitstorm los bricht, wenn man Antira-Arbeit betreibt!“ Ich hatte hier schon simple Einträge über Jean Genet, und es brach los, was mich bis heute fassungslos macht. Die Aggression ist genetisch primär auf der anderen Seite angesiedelt.

  21. T.Albert März 15, 2011 um 11:14 pm

    was war wegen genet? ein grosser künstler.

  22. momorulez März 15, 2011 um 11:25 pm

    Da drängte uns jemand unvermittelt und unaufgefordert eine Debatte gegen SM-Praktiken auf und beschuldigte wüst, Heterosexuelle diskriminieren zu wollen. Billiger Umkehrtrick, aber trotzdem ärgerlich, dass man nur „Querelle“ schreiben muss, und irgendwer platzt mit der ganzen Scheiße, mit der man auch von CDU-Mutterverbänden immer schon gequält wurde, herein. Manche drehen ja ab, wenn man ihre Deutungshoheit und gütige Toleranz ankratzt – kurioserweise platzen sie dann aber besonders gerne dann, wenn man eigenständige, schwule Weltten und Ästhetiken darstellt. Das erleben die vermutlich als Parallelgesellschaft. Manche ertragen das nicht, wenn man nicht von ihnen abhängt.

    Aber wart’s ab, irgendwer platzt jetzt hier rein und referiert wahlweise über „Genet und Palästinenser“ oder erklärt ihn zu einem der überschätztesten Literaten des 20. Jahrhunderts, das sei doch nur Pornographie … lesen tut den eh keiner mehr.

  23. kleinertod März 16, 2011 um 12:08 pm

    Verhandlung, Aufklärung – es geht immer um Rethorik. Und zwar um die in einem individuellen Gespräch. Es gibt verschiedene Wege, WIE man einen anderen Menschen über den Weg der Sprache inhaltlich erreicht – und unsere persönlichen Erfahrungen in Zusammenhang mit unseren eigenen Möglichkeiten dabei ergeben halt unterschiedliche Präferenzen. Ich habe schon öfters erlebt, wie ein anderer Mensch mit einer vollkommen unterschiedlichen Methode auch zum Ziel gekommen ist, die bei mir sicherlich gescheitert wäre – und umgekehrt.

    Neben der Anwendbarkeit und eigenen Erfolgsquote gibt es aber ja auch noch den Faktor der persönlichen Vorzüge. Einen Weg, bei dem ich andere heruntermache, ist beispielsweise nicht meiner – manche scheinen derartiges gerade zu gebrauchen, ganz unabhängig vom Thema. Wie gesagt, nur ein Beispiel.

    Man muß ja auch nicht immer nur freundlich bleiben, wobei auch Höflichkeit Freundlichkeit nicht voraussetzt. Und auch höflich muß man nicht immer bleiben. Es kommt immer darauf an, wie man den Gegenüber optimal erreicht.

    Was für Aggressionen hochkochen können, wenn man bei anderen deren gefühlte „heile Welt“ durch die vorgelebte andere Lebensart und -einstellung erschüttert, das habe ich zu oft gelebt, als daß mir dieses nicht vertraut wäre. Trotzdem habe ich meine eigene Art des Umgangs entwickelt. Wie jeder andere Mensch es ja auch macht.

    So, das Buch Deutschland Schwarz Weiß liegt vor mir. Werde es mir die Tage durchlesen.

  24. momorulez März 16, 2011 um 12:17 pm

    Das Problem bei diesen „Antira – Antisexismus – Antihomophobie“-Themenkomplexen ist halt, dass etwas als „runtermachen“ auch dann empfunden wird, wenn man schlicht auf eine Struktur verweist. Und das ist ein Empfängerproblem, keines des Senders.

    „Was für Aggressionen hochkochen können, wenn man bei anderen deren gefühlte „heile Welt“ durch die vorgelebte andere Lebensart und -einstellung erschüttert, das habe ich zu oft gelebt, als daß mir dieses nicht vertraut wäre.“

    Glaub ich Dir auf’s Wort! Und bin gespannt, was Du zu dem Buch sagst!

  25. kleinertod März 16, 2011 um 12:46 pm

    Ich verweise im Gegenzug einfach mal auf http://www.autoaggressor.com/manifestiert.htm und bin genauso gespannt, was Du dazu sagst. 😉

  26. momorulez März 16, 2011 um 1:05 pm

    Dazu kann man ganz vieles, ganz unterschiedliches sagen, je nachdem, ob man das als Anspruch an sich selbst formuliert oder als etwas, was schlicht zu akzeptieren ist, wenn Andere es als Anspruch an sich selbst formulieren oder wenn man es gar in einer philosphischen Diskussion über Subjektivität diskutiert – mal ab von dem Begriff „entartet“, an dem ich mich immer stören würde.

    Und zudem muss man dann ja auch über den Sinn begründungsfähiger Normen diskutieren 😉 … wie z.B. „Instrumentalisiere niemanden“, was ja begründungsfähig ist. Oder „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ als Kriterium für Gesetzgebungen.

    Ich teile die Prämisse, dass „der Feind“ etwas ist, was man internalisiert hat und sich, metaphorisch gesprochen, auszutreiben hat – nicht jedoch den Gedanken, dass man bei solchen selbstbezüglichen Praktiken stehen bleiben kann. Ich habe Probleme mit den Freudschen Quasi-Personalisierungen wie „Ich“, „Es“ etc., aber nicht unbedingt hinsichtlich dessen, was das meint. Ich glaube, dass Aggression im genannten Sinne sehr schöpferisch auch im Sinne der dort skizzierten Autoagression, also das Hemmende in sich zerstören, sein kann, aber nicht muss. Weil’s immer noch darauf ankommt, welche Hemmung man abbaut. Ich denke auch, dass Kreativität aus dem Chaos entsteht und Künstler Grenzen kennen muss, um sie zu überschreiten (z.B. die Tradition), und auch, dass er das muss, damit das, was er macht, als Kunst verstanden werden kann. Dass Schmerz Ausdruck der Befreiung sein kann, denke ich auch; kommt aber schon noch drauf an, welcher. Den bei einem Autounfall würde ich nicht dazu zählen. Und Ästhetik kann tatsächlich durch Übereinstimmung fest gelegt werden.

    So weit eine Spontanreaktion – ich habe jetzt extra nicht gecheckt, was das ist und woher das kommt, auch auf die Gefahr hin, dass das aus einem ggf. fragwürdigen Kontext stammt – weil die Freiheit ja wirklich allen gehört.

  27. kleinertod März 16, 2011 um 1:35 pm

    Zugegeben, der Begriff „entartet“ (in der englischen Fassung http://www.autoaggressor.com/manifested.htm „degenerated“) ist sehr kritikfähig. Neben der Verwendung in der NS-Zeit auch gut über http://de.wikipedia.org/wiki/Entartung_%28Medizingeschichte%29 nachlesbar. Ist mir jetzt bis zu diesem Hinweis gar nicht aufgefallen – womit man mal wieder sieht, daß vier Augen einfach mehr als zwei sehen.

    Es handelt sich übrigens um das „Manifest“ des Klangkunstprojektes AUTOAGGRESSOR. Mehr dazu gern mal in einem persönlichen Gespräch.

    Deine Gedanken dazu fand ich sehr spannend, danke. ^^

  28. momorulez März 16, 2011 um 1:39 pm

    Dem googel ich jetzt erstmal hinterher 😉 … und freu mich auf das persönliche Gespräch dazu!

  29. Loellie März 16, 2011 um 3:54 pm

    Wenn wir bei dem Klavier als Beispiel bleiben wollen, ist das Problem ja nicht, dass es mir aus versehen auf den Fuss geworfen wurde und ich Breitseite auf den Werfer losgehe, sonder dass der Werfer mich wegen meiner Schmerzensschreie anpöbelt, es sei ja keine Absicht gewesen, weshalb das überhaupt nicht wehtun kann und ich gefälligst aufhören soll blöd rumzuzicken.

    Die aktuelle Diskussion um dieses Filmchen läuft wie aus dem Lehrbuch. Die Kritiker sind alle zu blöd um das zu verstehen, Satire darf schliesslich alles und wie furchtbar die Welt unter diesen PC-Terroristen leiden muss.
    Ja, Satire darf alles, wenn es gegen die Mächtigen geht, was offensichtlich bei der Darstellung Schwarzer nach Black-Face-Manier nicht der Fall ist.

  30. momorulez März 16, 2011 um 4:04 pm

    Das ist ja der Punkt, also Absatz 1, über den ich mich auch immer maßlos ärger: Man wird auch noch permanent dafür angeschissen, dass man diskreditiert wird. Und dann mailen einem noch Leute die Klischees von der „hysterischen Tunte“ zu, wenn man sich drüber aufregt. Davor solle ich mich doch in Acht nehmen, das mir das nicht widerführe. Da schwingt auch viel unbewußter Sadismus mit, also der der nicht-sexuellen Variante. Das mit der „Hysterie“ ist ja auch ein Klassiker, um Frauen in die Tonne zu treten.

    Bei dem Video kommt ja noch hinzu, bei Homophobie aber auch, dass das natürlich passiert, um sich das Bild des Zivilsierteren nicht rauben zu lassen – bei Homophobie dann halt der „richtigen“ Sexualität, dem Original, sozusagen. Das ist irgendwie wichtg für die dominanzkulturelle Psyche, also vieller innerhalb derer.

  31. Loellie März 16, 2011 um 6:04 pm

    Ach, hör doch auf mich mit deinem privaten Mailverkehr naseweissig zu machen. Ich nerv mich dann immer selber mit meinem alles wissen wollen 🙂

    Ich verstehs aber trotzdem nicht. Erstmal finde ich, das es kein Weltuntergang ist, wenn jemand mal voll ins Klo greift. Nur, wenn ich jemand aus Versehen ein Klavier auf den Fuss schmeiss, tut mir das nicht nur aufrichtig Leid, ich bin auch bei künftigen Klavierhantierungsarbeiten vorsichtiger. Und entschuldigen tu ich mich sowieso dafür.
    Fast hätt ich jetzt geschrieben „mir gehts da ganz wie dir“, dabei weiss ich das nichtmal, dass mich diese Abwehrnummer erheblich aggressiver macht, als der Gegenstand der Kritik. Noah könnte das zur Not korrigieren, aber das Poblem, wenn PoC mit Black-Face konfrontiert werden ist doch sicher erheblich weniger schwerwiegend, als das Wissen um den Shitstorm der losgeht, wenn man sagt „muss das sein“.

    Kleinertod hat ja durchaus recht, wenn er auf Kommunikationstaktik verweist. Der Brief an den Karnevalsverein ist da ein schönes Beispiel wie man ein konstruktives Gespräch verhindert. Da sind wir dann aber wieder bei dem „Anliegen“ und der Frage wie man sich verhällt, wenn einem bei jedem zweiten Schritt vor der Haustür ein Klavier usw.. Das muss als Anliegen auch mal reichen, wenns dem Briefeschreiber hinterher hoffentlich besser geht. Mal ganz davon ab, dass ich kein Freund taktischer Kommunikation bin.

    Und wenn ich dann noch sehe, mit welcher Engelsgeduld du dir immer wieder die Finger wund schreibst und nichts als nassen Waschlappen ins Gesicht kriegst, hier ja gerade nicht, wird mir das manchmal einfach zuviel. Das mit Jacky letztens war ja noch harmlos und natürlich hab ich überlegt ob ich überhaupt dazwischen blaffen soll, mir erschliesst sich aber einfach nicht, wieso unsereins beim Schanzlutscher empfindlich ist, die sich aber beim kleinsten Anflug von Sexismus mit gottgegebenem Recht persönlich attackiert fühlt …

    Jetzt frag ich mich, ob zwischen dem ersten und letzten meiner Sätze ein Zusammenhang besteht 🙂 aber lass gut sein!

  32. momorulez März 16, 2011 um 6:44 pm

    Dazu werde ich mich auch nicht äußern, lediglich dazu, dass der Mailverkehr insofern nicht in jeder Hinsicht privat ist, sondern sich auf dieses Blog bezieht 😉 …

    Und dieses merkwürdige zweierlei Maß irritiert mich auch immer wieder, das liegt aber, glaube ich daran, dass TATSÄCHLICH in diesem Land spätestens seit Walzer durchgesetzt hat, dass die „Auschwitzkeule“ ungleich verwerflicher ist als Antisemitismus. Bei all der hier herrschenden Selbstgerechtigkeit. Die finden es ja auch empörender, das füllt ja Miliarden Seiten im Netz, wenn ihnen wer das N-Wort „verbieten will“, als wenn Schwarze aufgrund einer rassistischen Abschiebepraxis sich im Knast aufhängen. Was vermutlich dann an ein latent schlechtes Gewissen apelliert, an das man nicht rühren darf, dann rasten sie aus, weil sie die Gründe für das schlechte Gewissen in ihren Normalitasvorstellungen gar nicht wirklich teilen. Dann lieber das N-Wort diskutieren, immer und ewig und immer weiter … das sind allerdings jetzt alles Zusammenhänge, die ich bei den wenigsten im St. Pauli-Kontext sehen würde. Da fehlt eher die Aufklärung über die Erscheinungsformen von Rassismus und Homophobie, glaube ich, weil das für die meisten das ist, was in gegnerischen Fankurven abgeht, wenn Affenlaute los gehen oder „Ihr seid alle homosexuell!“ gesungen wird. Soll allerdings auswärts neulich auch von St. Paulianern angestimmt worden sein. Umgekehrt wurde nach Chören gegen die „schwulen Hamburger“ in Rostock bei uns im Gegenzug ein „Es grüßen die schwulen Hamburger!“-Transparent hochgehalten, die Schlacht ist offen, man muss aber ran, weil durch die erste Liga anderes Publikum hinzugekommen ist.

    Aber, zurück zur Abschiebepraxis: Das immerhin muss man diesem Heini mit dem Film ja zugestehen, dass er Frontex usw.wirklich kritisieren wollte. Immerhin das. Und dann fällt auch schon wieder das Klavier …

  33. Loellie März 17, 2011 um 12:58 pm

    Warum singen die dann nicht „wir sind alle Homosexuell“?

    Auf Spreeblick hat auch einer diesen Fall mit einem Schulcomic angesprochen, da müsst ich jetzt googeln was das genau war. Da wurden Mädchen mit Zöpfen und Röcken dargestellt und das war eine ausschliesslich weisse Darstellung, wenn ich mich recht erinnere. Linke und Grüne haben dann Kritisiert, die Rechten sind wegen PC-Terror an die Decke und der Zeichner/Autor meinte nur „stimmt, das mach ich beim nächsten mal besser“. So kanns ja auch gehen.
    Dumm ist der Lehmann, oder wie der heisst, ja wirklich nicht und das es sein Anliegen war, Schwarze zu diskriminieren seh ich auch nicht, das er sich so bockig stellt, versteh ich deshalb erst recht nicht. Häussler hat ja zwischendurch wenigstens mal Luft geholt und gemeint, er müsse nachdenken.

  34. momorulez März 17, 2011 um 2:19 pm

    Na, das immerhin gab es letzten Sonntag als Selbstbezeichnung:

    http://www.magischerfc.de/bilder/bilder1011/stuttgart2/images/page8.html

    In Teilen des Stadion ließe sich das ggf. sogar initiieren mit dem „Wir sind alle homosexuell“. Bei der Nord- und der Haupttribüne wäre ich da skeptisch … obwohl das Transparent oben auf der Haupt sein könnte.

    Und dass dieses „Okay, wieder was gelernt, Danke!“ nicht einsetzt, das ist mir auch immer ein Rätsel …

  35. kleinertod März 17, 2011 um 4:21 pm

    Das Bild zeigt den Oldtras-Bereich der Haupt, Block H3, ein paar Reihen unter mir. Konnte ich von hinten nicht lesen und hatte um Aufklärung gebeten, was da steht, wozu bis heute noch keine Rückmeldung kam. Aber das hat sich dank diesem Bild ja jetzt geklärt. ^^

    Und das Buch Deutschland Schwarz Weiß liest sich bislang ganz gut, auch wenn ich mir einen anderen Schreibstil gewünscht hätte. Immer davon auszugehen, daß der Leser (ich bleibe mal beim dem gewähltem Geschlecht) etwas nicht kennt oder die Gedanken wegen einer Sache nicht auch schon gehabt hatte, um ihn dann dafür Vorwürfe zu machen, das sind dann doch immer wieder Passagen, durch die man sich durchquälen muß – weil darin dann doch wieder wichtige Informationen versteckt sind. Ich kann nachvollziehen, warum ähnliches bereits auf Amazon kritisiert wurde. Ändert aber nichts daran, daß es sich sonst spannend liest. Und ich definitiv etwas mitnehmen werde.

  36. momorulez März 17, 2011 um 4:26 pm

    Wichtig ist ja immer, dass man sich auf eine Perspektive, die man nicht kennen können kann, einlässt und lernbereit ist, wie du ja auch schreibst … und dieser Effekt tritt ein, weil man sich oft den Mund fusselig redet, und manche Leute schnallen es immer noch nicht, weil sie so verbrettert in ihren Immunisierungs- und Verblendungsmechanismen verhaftet bleiben. Das ist schwierig, da das richtige Vorwissen zu antizipieren.

  37. kleinertod März 18, 2011 um 12:17 pm

    Eine kleine Ergänzung zum Buch – das Geschriebene paßt wohl nur auf das erste Kapitel und zieht sich scheinbar nicht weiter durch das Buch (hab ja noch lange nicht alles durch, so daß ich kein endültiges Urteil abgeben kann). Ab Kapitel zwei (bis…?) ist das Werk nur noch hochinformativ und gut geschrieben. Der Buchtip ist jedenfalls definitiv lohnend, danke nochmal dafür.

  38. momorulez März 18, 2011 um 2:38 pm

    Gern geschehen, der Tipp! Habe, wie oben schon geschrieben, auch schon verdammt viel von Noah gelernt!

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  42. momorulez April 3, 2011 um 7:55 am

    Das Verrückte an diesen Kommentaren ist ja, dass die immer gleich sind. Das sind immer die gleichen Textbausteine in Variationen. Und da bilden sich die Leute wer weiß was auf ihre Individualität und ihr „das ist MEINE Meinung“ ein, während sie reproduzieren … so kam doch Foucault zu der These, dass Subjektivität der Effekt von Machtdiskursen sei 😉 …

  43. kleinertod April 3, 2011 um 12:56 pm

    Andauernde Wiederholung macht eben das Gesagte nicht wahrer, sondern inhaltsleerer. Das sind keine Meinungsäußerungen, sondern wiedergekaute Floskeln, verinnerlicht durch unreflektierte Absorbierung im Sozialisationsprozeß, die bei entsprechendem Anlaß reflexartig abgesondert werden.

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