Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Warum ich manchmal zweifel an St. Pauli: Respekt vor Regeln und Autoritäten versus jenem Respekt, den man Personen entgegen bringt

Puh. Ich werde das Unbehagen an dieser Aktion nicht los, trotzdem allerorten so schöne Texte dazu erscheinen. Vielleicht, weil sie so schön sind.

Vielleicht aber auch wegen der Haltung, die der Text selbst einnimmt, der zur Teilnahme auffordert. Dieses so seltsam Didaktische. Dieses Verkürzte, um einen Begriff aus den Diskussionen hier im Blog aufzugreifen. Vielleicht, weil er meiner Ansicht nach der „Jolly Rouge“-Diskussion das Wasser ein wenig abgräbt, dadurch, dass der Verein als Unterstützer auftritt, der sich in letzter Zeit eher als aktiver Sexismus-Förderer gebärdete, indem er Susis Showbar unzulänglich nur rüffelte. Dass stattdessen Hand in Hand mit ihm der Schweinwerfer auf das Zuschauerverhalten gelenkt wird zu einem Zeitpunkt, da die Sozialromantikerproteste noch keine adäquate Antwort erhielten aus Präsidium und Geschäftsführung. Ich bin weiter für eine AOMV.

Vielleicht aber auch, weil Noah in dem Kommentar hier was Entscheidendes auf den Punkt bringt, was mich vor der „Sozialromantiker“-Aktion doch arg mit dem Verein und seinem Publikum hadern ließ. Nennen wir es bildungsbürgerliche Onanie, auch wenn das immer paradox ist, wenn das ein bildungsbürgerlicher, bekennender Wixer schreibt. Aber die Ultras wollen ja auch alle keinen Sex mit mir 😀 … habe allerdings noch nie einen gefragt.

Mit anderen Worten: Einst betrat ich die alte Haupttribüne, setzte mich, sah fesche Jungs mit sexy Stutzen einem Ball hinterher rennen und sprang noch nicht mal auf bei den 4 Toren gegen die Stuttgarter Kicker, mich gegen jegliche Form des Kollektivismus immunsieren wollend. Dieses Massenereignis, aaaargh, ja, ich hatte den Affekt, der aus den Friedensdemos der frühen 80er übrig geblieben war, diese Faszination des gemeinsamen Singens, bei dem man das Gefühl nicht los wird, dass könnte ganz schnell in sein Gegenteil umschlagen, wenn jemand es fehl steuert. Man gab sich nach dieser Phase der „Bewegungslinken“ cool und individuell, was nicht daran hinderte, vollauf mit der Hafenstraße solidarisch zu sein.

Wie so viele fand ich mich in den 90ern in  vollkommen verlogenen Medienwelten wieder, die boomten. Ich hatte die House-Clubs besucht und in ihnen gelebt, eine sexuell aktivere Phase durchfühlt und war viel schwul ausgegangen, und wunderte mich alltäglich über den Dreckssprech derer, die rund um mich affirmativen Pop produzierten, der doch in den 80ern noch kritisch gehört und gemacht wurde: Als Infragestellung des Tradierten, der Geschlechterrollen, als Spiel mit sich und Anderen. Rough, quick, dirty und trotzdem stylish. So ungefähr. Nun war alles Objekt, das man boulevardesk anging, eben respektlos medial in den Focus rückte. Da schlug Ironie in Verachtung um.

Ich kaufte „Indie“ zuvor nicht nur aus spießiger Reihenhausmentalität, sondern, weil man aus den frühen 80ern mit genommen hatte, dass die Majors Scheiße sind und alternative, ökonomische Strukturen wichtig. Nun gab es „Alternative“ statt „Independant“, eine andere Marktnische halt, „nicht kommerziell“ verstand keiner mehr ökonomisch, sondern ästhetisch. Die Leute von „Low Spirit“-Labeln, WestBam und so, jubelten, sie seien die erste Generation der Musikmachenden, die auch ein Stück vom Kuchen abbekommt, bei „Lichterketten“ musste selbst ich kotzen, weil die Leute, die da standen, doch auch nicht in den Vierteln mit hohem Ausländeranteil leben wollten, und das „Friede, Freude, Eierkuchen“, dieses erste Loveparade-Motto, fütterte die „Ironie“ von unsäglichen Oberflächenpolierern wie Stuckrad-Barre an, bis ich es es kaum noch aushielt.

Ich steuerte um in meinen medialen Tätigkeiten, inhaltlich, weil ich als das alles nicht mehr ertrug, litt ein Jahr in Köln, hasste zusammen mit meinem Volontär Wolfgang Clement; der Begriff „Feind!“ fügte sich wieder in mein Vokabular ein. Ich kam zurück nach Hamburg – und ans Millerntor. Beim zweiten Spiel sprang ich schon auf beim Torjubel, es ging gegen Bielefeld. In deren Fanblock war seltsames Gesindel; ich erinnerte mich an die Zeiten, da Antifa-Jungs Nazis aus dem Viertel prügelten und mir so ein offen schwules Straßenleben ermöglichten. Ich hatte mich nie für Fussball interessiert, eine Arbeit zu Fussball, Rassismus und Popkultur hatte mich dennoch  ins Stadion bugsiert – jetzt wollte ich doch mal gucken, und als jemand, der seit ’87 in Stadionnähe wohnte, musste es einfach der FC St. Pauli sein.

Was mich neben dieser hinreißenden Mischung aus Leidenschaft, Jungenhaftigkeit und erwachsenem Ernst, das Fussball an guten Tagen bedeutet, begeisterte, war das Gefühl, dass hier Liebe zelebriert wird. Zwar zerstörte im persönlichen Gespräch Markus Lotter bald diese Illusion, als er von wüstem Gepöbel gegen ihn im Clubheim berichtete, und doch, Liebe und Eros scheinen mir zentral zu sein am Millerntor: Eben das lebensbejahende Prinzip. Zum Eros später mehr.

Die nächste Erkenntnis war: Hey, hier sind ja meine Nachbarn! Die, die man, weil man nur in Medienwelten und Szenekneipen sich tummelt, aber nie trifft. Ich stand halt nicht bei den Youngstern der damaligen „Singing Area“, sondern saß neben Leuten mit einer Menge Leben auf dem Buckel, die wahrscheinlich nie eine „linke Kneipe“ von innen gesehen haben, Schnurrbart trugen, auf der Haupttribüne – hinter mir die rothaarige Dame, die im Kostüm da saß wie aus dem Benimm-Buch, ihre hochgesteckten Haare immer perfekt gefärbt, haute alle Vierstelstunde derart dreckige Anfeuerungssprüche heraus, dass wir fast erröteten. Leider habe ich mir keine gemerkt.

Es war eine solidarische, derbe Herzlichkeit, die das Feeling bestimmte. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich mich einer Kollektividentität öffnete: St. Paulianer. Als Student hatte ich fast nur mit Ungelernten und Handwerkern zu tun, mein Freundeskreis war zumeist hetero, ich mochte das nie, in Gruppenzuschreibungen mich aufzulösen. Hier war das das anders, weil ich so etwas wie Multiiindividualität erfuhr.

Bei meiner ersten JHV gesellte sich eine Horde 60-70jähriger zu uns, den „jungen“ Sitznachbarn – einer derer war hager und ganzkörpertätowiert, selbst die „Platte“ auf dem Hinterkopf, vom Haarring umkränzt, glänzte mit bunten Verzierungen. Hey, Hamburg war ja mal eine Stadt der Seemänner! Vergisst man im Alltag. Hier war einer.

Das war mein St. Pauli: Dieses Gefühl, die Leute zu treffen, die im Viertel leben und das auch schon zu Zeiten, als das „Um Mitternacht“ noch gar keiner denken konnte. Handfeste, tolle Leute mit trockenem Humor, die jenseits aller Eitelkeit uns eingemeindeten. Neben einigen davon sitze ich heute noch, traurig, dass andere wohl tatsächlich gestorben sind. Neulich tanzten zwei an die 70jährige, beides Männer, in der Reihe vor mir, mit Hüftschwung, lachend, ganz sie selbst: Ich hätte sie knuddeln können.

Es mag Einbildung sein, weil wir nie darüber geredet haben, aber ich hatte immer den Eindruck, dass die meisten so viele Lebensweisen, Ethnien, Formen der Liebe und des Begehrens, so viele Ups and Downs in ihrem Leben erlebt haben, dass es Unsinn wäre, denen nun einen von Antirassismus oder Vielfalt zu erzählen.

Sie bildeten von Anbeginn an meine Gegenwelt zu Medienschick, eitler Verkaufe und blödem Marketinggeseier. Sie lachten dreckig und soffen wild. Erinnere mich an einen arschkalten Abend, ich glaube, es war ein Pokalspiel gegen Bremen, nicht das im Schnee, vielleicht aber auch ein anderes, kann auch gegen Lübeck gewesen sein, da ich eigentlich Anwesenheitspflicht bei einer Veranstaltung inmitten der arbeitsintensivsten Produktion, an der ich je teilnahm, gehabt hätte. Nee, ich wollte ans Millerntor und blieb fern. Saß trotzig frierend da, glücklich, keine Rolle spielen zu müssen bei Shake Hands. Kein Gesabbel: Fussball. Leider saß ich an diesem Abend am anderen Ende der Tribüne, und meine so gewohnten Gesichter waren nicht um mich herum. Die fehlten mir. Ich wollte all die dummen Sprüche hören.

Natürlich war ich von Anbeginn an stolz, Mitglied in dem Verein zu sein, der mit Antirassismus-Initiativen den europäischen Fussball belebt hatte. Zentrum schien mir aber immer das „Sein lassen“: Also den Anderen einfach so sein zu lassen, wie er ist und sich geben und sehen will. Erinnere mich bestens an eine Aktion von Dominas, die Ede Geier, der gelästert hatte, seine Spieler würden rauchen und saufen wie Huren auf St. Pauli, ungeschickterweise vor dem Spiel bei uns, empörte Protestnoten überreichten. Die Gegengerade stimmte selig und spontan „Ede in den Puff“ an, es war anarchisch, man zeigte sich mit den Huren solidarisch, und als eines der wenigen Erstligaspiele der damaligen Saison gab es sogar einen Sieg. Und „Auf der Reeperbahn nachts um halb 1“ wurde auch noch gesungen.

Nach den Spielen auf der so wundervoll provinziellen Haupttribüne ging man vor das Clubheim, durch das, proppevoll, die Spieler mussten, und johlte den Bayern hinterher „Und ihr wollt deutscher Meister sein!“ – all die Lackaffen und Dummschwätzer aus medialen Welten konnte ich derweil vergessen. Auch wenn die mir am nächsten Morgen in München erzählten, sie wären es gewesen, die den Torwart bestochen hätten. Dummes Volks, dumme Witze.

Natürlich kommt all das nicht zurück. Das Clubheim nicht, das Haupttribünenfeeling nicht, und das Gefühl, als Regionalligist gegen Bundesligisten zu spielen, hoffentlich auch nicht.

Die Frage ist dennoch, was daran wie zu retten wäre. Das wird zwar erst im nächsten Blockeinrag beantwortet, die Frage sei schon mal gestellt. Das eitle Getue ist ja in Logen und auf Business-Seats mir ins Stadion gefolgt und führt die Geschäfte des FC St. Pauli.

Und auch bei den so immens wichtigen Fragen Antisexismus – Antirassismus – Antihomophobie – Antklassismus, jawoll, das auch, hat sich so etwas Bärbeißiges, Sozialpädagogisches im Ton eingeschlichen. Ich mag ja den verbalen Frontal-Angriff, die Attacke, das gehört zum Punkrock-Feeling des FC St. Pauli auch dazu. Ich mag aber nicht das Belehrende, das als Benimm-Diskurs und evangelikale Selbstprüfung auftritt und ins Autoritäre umschlägt. Und stelle immer wieder mit Erstaunen fest, dass die Differenz gar nicht verstanden wird – von St. Paulianern. Wie liest sich denn das bitte?

„Dann denk mal darüber nach, warum wir so sind. Warum unser gefeierter „Jahr100Verein“ erst seit einem guten Vierteljahrhundert diesen besonderen Ruf genießt. Und wieso ein kleiner Haufen braun-weißer Fans aktiv wurde und anfing, einen Gegenpol zum hiesigen Fußball-Mainstream durchzusetzen – trotz aller Widerstände auch hier vor Ort. Die Leute in den 80ern wünschten sich ein sozialeres Verhalten untereinander bzw. einen respektvolleren Umgang miteinander und das neben dem größtmöglichen Spaß beim Fußball gucken, versteht sich. Entgegen manch anderer Meinungen schließt sich das nämlich nicht aus. Wir sehen das heute immer noch so. Grundsätze haben wir fest in der Stadionordnung und den Leitlinien verankert. Und ist es nicht so, dass auch du nur aufgrund dessen eines Tages mal ans Millerntor gekommen bist?“

„Du Doofie“ hört man da mit. Ehre die Kirchenväter. Das liest sich ja wie bei einer Sekte. Hast Du denn auch den Persönlichkeitstest Stufe C schon bestanden? Wie diese Schilder in S-Bahnen, mal imaginiert „Hast auch Du heute schon einer alten Dame Platz gemacht???“

Das ist so ein Gefühl beim Lesen wie beim Anblick dieser linken Pärchen auf Tocotronic-Konzerten, die ihr wechselseitiges Sichliebhaben so zelebrieren, als würden sie für eine Kamera posieren, der sie „Wir sind nicht schwul noch lesbisch,wir doch nicht, wir tolerieren die aber!“ zulächeln.

Bemerkenswert ist zudem, was fehlt: Es war die Hafenstraßenfahne, ja, die Geschichte ist im Detail komplizierter, also ein Fanal gegen das, was man heute Gentrifizierung nennt, die zum Vereinssymbol wurde. Und auch die Schwulen-Treffen damals im Onkel Otto habe ich als rough, quick und dirty in Erinnerung, als glatte Selbstverständlichkeit, nicht als ein Zelebrieren des „respektvollen Miteinanders“, das uns von heterosexuellen Autonomen demonstrativ entgegen gebracht worden wäre und das auch Gernot Stenger einfordern würde, wenn er Höflichkeit gegenüber den Business-Seats will. Damals gingen Punks ins „Eisenstein“ und aßen den Yuppies direkt von den Tellern. Und man nahm diesen Verstoß gegen Anstandsregeln in Kauf, weil das Entern der interessanten Viertel durch die Yuppies selbst jene so ganz und gar fundamentale, ökonomische Respektlosigkeit vor jenen mit weniger Geld impliziert. Jetzt haben wir genau die Typen auf Business-Seats und in Logen sitzen. Und jede Menge toller Leute sitzen da bestimmt auch. Dennoch: Wir haben uns die Gentrifizierung ins Stadion geholt, die die Hafenstraßenbewohner einst erfolgreich bekämpften. Und der Aufruf zur Aktion spricht nun von Sitte und Anstand und lässt das einfach weg. Auch wenn mir natürlich klar ist, was es hieß, nun gerade in den späten 80ern, frühen 90ern den autonomen Spirit in die Stadien zu tragen. Während ich oft genug um die Borussenfront und andere einen großen Bogen machen musste, wenn die sich auf dem Hans-Albers-Platz versammelten, um die Hafenstraße zu stürmen.

Es gibt trotzdem Respekt und Respekt, zum einen dem Autoritäten, Regeln und Geld gegenüber, und dann noch jenen Respekt Personen gegenüber – und meine Haupttribünenerfahrung war und ist letzterer. Wenn ich hingegen die gut gemeinten Verlautbarungen auf der Aktions-Seite angucke, jetzt mal ehrlich, wo ist denn da der Unterschied zu „Friede, Freude, Eierkuchen“ oder der Lichterkette? Wo die Substanz? Wenn ich das als Fan eines anderen Vereins lesen würde, würde ich schreien vor Lachen. Was eine Selbstbeweihräucherung! Was für ein eingebildetes Pack, würde ich denken, trotz aller Zustimmung zur Forderung nach Politik im Stadion!

Ich finde ja auch, das wir die geilsten sind, aber sorry, kann man das nicht auch mal wieder mit Witz artikulieren und nicht wie bei einem Kirchentag?

Was sich da wieder findet, ist auch, was in mir passiert, wenn ich mich wundere, dass mittags in der O-Feuer-Sportsbar PoC rum sitzen, sehr viele sogar, auch, wenn man da Fussball guckt und die Belegschaften aus den benachbarten Restaurants vorbei schauen – mittags im Raval habe ich noch keinen gesehen. Mir kommt das eben doch vor wie eine weiße Verbildungsbürgerlichung des Publikums.

Nun höre auch ich immer die gegenteiligen Geschichten, nämlich jene, dass auf der Süd jemand fast vors Maul bekommen hat, weil er wen dafür angiftete, dass dieser „Schwuchtel“ rief. Von rassistischen Sprüchen auf der Nord und eben auch Noahs Gefühl, unerträgliche Dominanzvibes auf der Gegengeraden zu spüren. Von so derart Besoffenen, dass die sich noch im ICE wechselseitig auf die Fresse geben. Und irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass das einfach die Kehrseite einer sehr oberflächlichen Antirassimus, Antisexismus und Antihomophobie-Rhetorik ist, die immer noch besser ist als so vieles, was in anderen Stadien sich findet, dennoch: Ist uns das genug? Wie wäre es z.B. mal mit „Critical Whiteness„?

Außer „Titten“-Headlines, die dann angeblich auch noch die Sozialromantiker-Proteste angestoßen hätten – wurde je wirklich reflektiert, ob es Huren beleidigen könnte, wenn wir (meiner Ansicht nach zu recht) gegen Susis Stangentanz votieren? Habe ich was nicht mit bekommen? Es kratzt alles so an Oberflächen, ist so selbstgefällig weiß-hetero-männlich, trotzdem bei uns viel mehr Frauen rum laufen, zum Glück, als in anderen Stadien. Es ist alles so frei von von Eros, wie mir zumindest scheint.

Nein, nicht während der Spiele: Dann roart es ja doch immer wieder, da ist es oft sehr intensiv, sehr physisch, ja, auch auf der Haupttribüne, und zum Glück wärmt USP lauter Klassiker schwarzer Musik immer wieder auf. Und natürlich wird auch ein Fussballerlebnis nie zum gendertheoretischen Seminar oder zum schwulen Darkroom.

Trotzdem: Kann man die Antirassismusfrage nicht mal wieder ernst nehmen und sich umgucken und fragen, wieso das alles so weiß ist bei uns auf den Rängen? Kann man nicht wenigstens wieder eine Sprache finden, die etwas anarchischer daher kommt und sich lustvoller gibt? Das Lichterkarussell hat damit ja schon mal angefangen, prima. Weiter machen.

PS: Andere Perspektiven hier und hier und hier.

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12 Antworten zu “Warum ich manchmal zweifel an St. Pauli: Respekt vor Regeln und Autoritäten versus jenem Respekt, den man Personen entgegen bringt

  1. magischerfcblog März 12, 2011 um 8:56 am

    Und eigentlich genau dein Beitrag zu dem Thema „Warum gehe ich zu St. Pauli“ 😀

    Sehr schöner Text und genau der Text, den ich eigentlich für meinen letzten Beitrag gebraucht hätte 😉

  2. momorulez März 12, 2011 um 9:57 am

    Ja, das sollte er ja auch werden 😉 , die Komponente der „alten St. Paulianer“ fand ich ja immer bedeutsam – aber irgendwie wollte ich indirekter ran gehen und erst mal gucken, was auf der Seite zur Aktion nun wirklich passiert. Und das hat mich beunruhigt, was ich da las, gerade, als Noah hier parallel kommentiert hatte. Und dann wirkt manches ziemlich bigott, was man auf der Aktionnseite liest. Und natürlich will der Aufruf da eigentlich gerade gegen anstinken, aber findet seine Form, seinen Style nicht, was nix außerpolitisches ist, das zu fragen. Ja, und so passierte der Text, der einige bewusste Widersprüche enthält, die man ja vielleicht aufgehoben bekommt 😉 …

  3. MartinM März 12, 2011 um 12:22 pm

    Es klingt unendlich banal und schal, aber es ist so: Es wunderschöner Text über ein außergewöhnliches (leider außergewöhnliches) Milieu. Zugleich die Erklärung, wieso Du Hamburg offensichtlich trotz alledem liebst, während mein Verhältnis zu meiner Heimatstadt allenfalls eine Hassliebe ist. (Das Gegenteil von Liebe ist nicht, Hass, sondern Gleichgültigkeit. Man kann überall wohnen, es ist egal, was vor der Haustür vor sich geht, die Umgebung, die Nachbar – solange sie nicht das Dasein im Schneckenhaus stören. Jene Haltung, die Altkonservative als „wurzellos“ schmähen und Neokonservative als „hochgradig flexibel“ loben – von „Neo-„“Liberalen“ mag ich gar nicht reden.)
    Ich bekomme langsam ein Feindbild. Es heißt: „Getrifizierer“. Milieu-Mörder. Nein, ich meine damit nicht jene, die einst als Künstler, Intellektuelle, Alternativler usw. nach St.Pauli, Ottensen usw. zogen. Auch wenn sie faktisch die Funktion der „Aufwertungspioniere“ erfüllten, die heute wieder verdrängt werden. Denn Gentrifizierung im engeren, eigentlichen Sinne, ist ja keineswegs jede Veränderung oder Aufwertung in städtischen Nachbarschaften, sozusagen ein Kollateralschaden, sondern ausdrücklich die durch Immobilienwirtschaft und Politik (das geht ja nicht nur in Hamburg Hand in Hand – geklüngelt, gefilzt und geschmiert wird überall) mutwillig vorangetriebene Verdrängung ärmerer Haushalte aus den Stadtvierteln. Die Verdrängung zwecks „Aufwertung“ und Ertragssteigerung ist bei der Gentrifizierung im eigentliche Sinne, kein zufälliger und ungewollter Nebeneffekt, sondern Absicht.
    Ich fürchte, dass der Ausverkauf des FC. St. Pauli einfach eine Parallele zum Ausverkauf von St. Pauli (und Schanze, und Ottensen, und … und … und … ) ist.
    Sorry, wenn ich hier Altbekanntes wiederkäue. Es kommt wohl daher, dass es für so viele Menschen, obwohl es unter ihren Nasen passiert, eben nicht bekannt ist.

  4. momorulez März 12, 2011 um 12:37 pm

    Nee, Du wiederholst nichts Altbekanntes, und man kann das einfach nicht oft genug betonen, den Mechanismus der Verdrängung ärmerer Haushalte zwecks Gewinnmaximierung der Immobilienmafia.

    Hier in der Neustadt ist das ja ein wenig anders, teils wegen der Deckelung im Südteil, teils wegen der Bausubstanz, dem hohen Anteil sozialen Wohnungsbaus, der Stiftshäuser usw. Und ich genieße das sehr. Im Alltag will ich von meinen Nachbarn auch in Ruhe gelassen werden; dass sich hier so viel „altes Hamburg“ mit Migration koppelt, finde ich trotz dieses einen, spektakulären Falls super. Der Schnack der älteren Leute hier im Viertel ist einfach prima. Ich liebe das schon sehr, mein Hamburg.

    Und klar, trotzdem bildet sich im Stadion ab, was drumherum passiert. Ich habe nur noch nicht den Glauben aufgegeben, dass nicht genau da auch das Potenzial ist, andere Wege zu gehen. Wenn ich in unseren Ultra-Blogs lese, im Supra-Magazin usw., da ist schon vieles auch prima.

    Danke für das Lob!

  5. che2001 März 12, 2011 um 12:43 pm

    Das zeigt mal wieder, wie wir gleichzeitig nahe beisammen und weit auseinanderliegen. Die Anti-Atomwaffen-Friedensbewegung und die zeitgleiche Hochmobilisationsphase der Anti-AKW-Bewegung waren für mich Einstiegsdroge in die Bewegungslinke gewesen, in der eine absolute Unmittelbarkeit und die Bereitschaft zu geben was man konnte gefragt waren. „To die for it“ als einzig akzeptable Lebenshaltung, Karriere machen und Netzwerkbildung wurden mit „Die Korruption hat ihre Grenzen“ abgetan. Man sperrte sich ein Wochenende lang gegenseitig im WG-Zimmer ein, um für die Situation „Knast“ gewappnet zu sein, mit der man rechnete. Identifikationsfiguren waren weniger Popikonen als vielmehr Guerrillakämpfer. Von dieser ironischen Haltung habe ich erstmals 2004 im Dotcomtod-Rahmen bei einer Auseinandersetzung mit einem unerträglichen Yuppiesack etwas mitbekommen, ansonsten ist das mir etwas ganz und gar Fremdes. Also, Ironie kenne ich ja schon, aber im Sinne eines bitteren Sarkasmus, der nichts mit Distanzhiertheit gegenüber politischer Ernsthaftigkeit oder Klassenkäm,pferhaltung zu tun hat, eher im Gegenteil. Dass das in den Achtigern und Neunzigern eine Strömung gwesen sein soll habe ich damals nie mitbekommen.

  6. momorulez März 12, 2011 um 1:01 pm

    Ach, Karrieremachen war das bei mir zum Glück auch nicht, sondern eher das Sendungsbewusstsein und der Versuch, im Mainstream einfließen zu lassen, was ich sonst so dachte. Also das, was Leute wie Genova immer einfordern, nicht wissend, dass ich genau damit seit 18 Jahren mein Geld verdiene.

    Mir waren ja „eure Welten“ immer zu unsexy, prüde und uncool 😀 -sagt jetzt nicht nur Gutes über mich aus.

    Und, was man sich schon gar nicht mehr zu schreiben traut, weil man dann wieder ganz genau weiß, wer über einen herfällt und das zu Homophobie-Zwecken missbraucht: Die schwule Szene ist größtenteils einfach derart unpolitisch, dass es mich immer wieder vòllig fertig macht. Schreibe ja hier nicht von sexuell aktiveren Phasen, um Bettgeschichten zu erzielen, sondern weil diese „Szene-Phase“ einen gewissermaßen aus politischen Zusammenhängen riss, wenn man sich da rumgetrieben hat. Irgendwann habe ich mich da deshalb auch wieder ausgeklinkt.

    Umgekehrt hat mich diese in den 90ern massierende Verbiesterung der linken Szenen auch völlig abgeschreckt. Das wurde so humorfrei und unanarchisch. Bei St. Pauli war das lange noch anders, da hat sich aber was geändert.

    Und diese Pop-Welten und -Sprachen habe ich immer als freier erlebt als die linke Szene. Trotzdem es kein Zufall ist, dass da so Deppen-Liberalismus wie der Poschardts bei raus kam.

    Das sind alles so Widersprüche, die irgendwie aufeinander bezogen sind, das außerhalb der schwulen Szene gegen Homophobie, aber möglichst ohne Schwule, gefochten wird, und man sehr schnell bei vielen trotzdem alle bekannten homophoben Klischees frei legt, während die meisten Schwulen sich einen Scheißdreck für Politik interessieren, das kannst Du ja auf allen Feldern des Antisexismus-Antirassismus-Antiklassismus-Antihomophobie-Feldes durchspielen, wenn Du es nicht gerade mit politisierten Kurden zu tun hast oder den paar queerfeministischen Uni-Gruppen, die es gibt. Das ist eine ganz fiese Struktur.

  7. Noah März 12, 2011 um 3:00 pm

    „als glatte Selbstverständlichkeit, nicht als ein Zelebrieren des „respektvollen Miteinanders“, das uns von heterosexuellen Autonomen demonstrativ entgegen gebracht worden wäre “

    das war mit ‚Treffer‘ gemeint. wollte ich eigentlich zitieren. HTML chaos 🙂

  8. che2001 März 12, 2011 um 3:31 pm

    Das war bei mir von daher anders, als dass die Flüchtlingssoliszene für mich von allem Anfang an der Ausgangspunkt meines politischen Engagements, noch vor der Ökopaxbewegung, und es gab dann da Plena, wo ich der einzige Deutsche war. Der Duktus des „wohlwollenden Bevormundens“, den besonders kirchennahe Flüchtlingsunterstützungsgruppen, aber auch linkere Kreise bis hin in die Antifa draufhatten war ja gerade der Grund dafür, dass sich überhaupt Antirassismusgruppen gründeten, dier eine Perspektive gemeinsam mit Flüchtlingen entwickelten. Auf der anderen Seite sahen die Palästinagruppen sich oft als deutsche Ableger von PFLP und DFLP, die borbgten sich komplett eine fremde Identität. Die linke Szene insgesamt war ja nicht immeer moralinsauer unjd spaßbefreit, sie wurde dies im Verlauf der späten achtziger Jahre,. Als ich dazuistieß waer das eigentlich eine sehr sinnliche und fröhliche Angelegenheit. Ein Genosse verfasste damals eine politische Standortbestimmung, die sich durchaus tiefschürfend mit Horkdorno, Marcuse, Foucault und Bloch auseinandersetzte und in den Worten endete: „Neue Linke – quervögeln und Pfaffenhass. Isses das?“. Tatsächlich war nach jeder Party das Beziehungskarrussell um eine Nummer weiterrotiert. Inzwischen sind einige von uns ja prominent geworden. So las ich kürzlich ein Portrait über eine alte Genossin von mir und dachte „Das Wichtigste haben die Autoren vergessen: Was für ein rattenscharfes Weib die ist!“.

    Als die linke Szene immer mehr moralinversäuerte wechselte ich die Bezugsgruppen und ging in der Tat in dieZusammenhänge, in denen sich Kurden, Iraner, Armenier, Nigerianer und deren deutsche SympathisantInnen tummelten, letztere hauptsächlich geprägt durch deutsche Frauen, die Beziehungen mit Flüchtlingen hatten. Aus diesen Kreisen plus Hardcorepolitlesbenszene plus Redaktionsgruppe Materialien für einen Neuen Antiimperialismus plus fels (für eine linke Strömung, geben heute die Arraca! heraus) heraus wurden dann die Antiragruppen gegründet.
    Meine kurdischen Genmossen hatten alle Knast- und Foltererfahrungen und mehrere auch selber schon getötet. Die Art von pollitischen Auseinandersetzungen die die gewohnt waren glichen etwa dem, was gerade in Libyen abgeht. Entsprechend tough waren die in gefährlichen Demosituationen. Wer gewohnt ist, sdich per Kalaschnikow, MG und RPG mit der Staatsmacht zu knüppeln hat keine Angst vor Wasserwerfern. Die fingen Bullenknüppel ja mit den Händen auf – na ja, ein Wohngenosse von mir auch. Obwohl diese Szene viel tougher war als die deutschen studentischen
    Autonomenkreise ware sie sie weit lockerer und überhaupt nicht moralinmäßig, hatten dafür einen wunderbaren Humor. Ich weiß allerdings nicht, ob es diese Antiraszene als eigenständiges Milieu außerhalb von Bremen, Hannover-Linden, Göttingen, Köln und Kreuzberg sonstwo überhaupt gibt oder gegeben hat.

  9. che2001 März 12, 2011 um 5:20 pm

    Finde,@Momorulez, übrigens ganz bezeichnend, dass es in der Göttinger linksradikalen Szene Schwule gab, die keinerlei Kontakte in die Schwulenszene hatten und es umgekehrt eine Lesbenszene gab, die sich ganz explizit als Teil der linksradikalen Szene verstand.

  10. momorulez März 12, 2011 um 5:49 pm

    Diese Flüchtlingsarbeit finde ich auch immer sehr bewundernswert. Für so was war ich nie gebaut, und dafür bin ich auch nicht da. Ich kann anderes besser. Finde aber ja alles besser als Lippenbekenntnise, wo sich lauter weiße männliche Heterosexuelle hin stellen und dem Rest der Welt dann erläutern wollen, wie Sexismus, Rassismus und Homophobie funktioniert, während sie zugleich abfällig über „Prolls“ schreiben.

    Freu deshalb auch über jeden Treffer, den Noah mir attestiert. Danke, @Noah! Da kann ich ja meinerseits immer nur versuchen, zuzuhören und wiederzugeben, was ich verstanden zu habe glaube, um es zu schwulen Perspektiven in Beziehung zu setzen. Im Alltag war mir dieses Herausarbeiten der schwulen Perspektive früher auch gar nicht so wichtig, da habe ich zum einen viel von Dir gelernt, @Noah, zum anderen aber erst durch die Bloggerei wieder geschnallt, wie bigott in dieser Hinsicht die Welt ist, und die sich links wähnende oft ganz besonders.

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