Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Brilliant gedacht, Hans Schelkshorn!

„Vor diesem Hintergrund kommt eine weitere Tiefenschicht der erschreckenden Lähmung Europas gegenüber der arabischen Revolte zum Vorschein: Europa hat offenbar den Glauben an seine eigenen demokratischen Ideale und vor allem den Glauben an eine sozial gerechte Weltgesellschaft, an der Condorcet und Mill noch den Fortschritt gemessen hatten, verloren. Wenn die Steigerung der eigenen Wirtschaftsmacht zur alles bestimmenden Hauptagenda wird, fällt es nicht mehr schwer, sich in zweifelhaften Allianzen mit Diktatoren bequem einzurichten. Vor diesem Hintergrund überrascht es auch nicht mehr, dass heute die Sorgen um die Absicherung eines Wohlstands, der nicht verallgemeinert werden kann, offenbar die Freude über den demokratischen Aufbruch einer ganzen Weltregion deutlich überwiegen.“

Ein Essays, das es in sich hat, erschien gestern in der FR: „Für eine Sprache der Anerkennung“ heißt es und fordert zu dem auf, was vor lauter Seehoferisierung, Broderismen und ach so wehrhafter „Verteidigung“ von „Werten“, die zugleich von postdemokratischen Hinterzimmerverteilungsplanern (Wer wird BR-Kulturchefin? Die Tochter des langjährigen Bayernkurierchefs! Wer wird SWR-Filmchefin? Die Tochter von Schäuble! Was kriegt welche Bank für Kohle und Bürgschaften? Diktiert Mann Angie im Kanzeramt!) völlig verschwunden ist – Neugier, Zuhören, Hingucken.

Es gibt ja kaum noch Wahrnehmungen, die nicht vorgeprägt durch formatierte Muster kursieren, und das pralle Leben voller Möglichkeiten wandelt sich in Trott, Mühsal und Stagnation.

Man kann sehr vieles nicht beurteilen, was im arabischen Raum gerade vor sich geht, die Vorgänge in Libyen lassen schaudern – dennoch hilft wohl am allerwenigsten, das zu tun, was auch mir schon passierte, nämlich selbst in Europa alles andere als linear sich vollziehende Entwicklungen nunmehr als Wahrnehmung dem dortigen Geschehen überzustülpen, anstatt vielmehr zu schauen, was man vieleicht von ihm lernen könnte.

Hat Picasso schließlich auch gemacht, afrikanische Masken sich angeschaut und so die Malerei des zwangzigsten Jahrhunderts nachhaltig geprägt. Über den Blues und dessen Fortwentwicklungen, selbst ein Fortschreiben afrikanischer Traditionen, mit Kirchenmusik fusioniert, wurden unsere Körper zumindest teilweise befreit, und auch sonst kommt man ja eher ins Grübeln, was Europa außer Weltkriegen, Genoziden, der Zwöftonmusik, ein paar guten Büchern und dem FC St. Pauli überhaupt zustande gebracht hat in den letzen 100 Jahren ohne Input von außen. Woher da die kulturelle Arroganz stammt? Keine Ahnung. versteht Herr Schelkshorn auch nicht.

Die lateinamerikanischen Staaten haben in den letzten beiden Jahrzehnten die bleierne Last der Militärdiktaturen abgeschüttelt. In Bolivien und Ekuador erproben indigenen Bewegungen neue Formen der Demokratie. In Asien führen buddhistische Bewegungen, vor allem der Dalai Lama, Thich Nhat Hanh, Buddhadasa Bikhu und Aung San Suu Kyi, einen gewaltlosen Kampf für Demokratie an. Kurz: Die kulturelle Heterogenität und die extremen Asymmetrien der weltwirtschaftlichen Machtverhältnisse haben in vielen Regionen neue Laboratorien gesellschaftlicher Selbstorganisation entstehen lassen, in denen jeweils europäische Ideen mit eigenen Denktraditionen kreativ verbunden werden.

Also Aneigenen und Lernen statt Verteidigungsschlachten „bis zur letzten Patrone“. Was bin ich froh, durch das Tanzen zu Kurtis Blow und den Commodores geworden zu sein, anstatt auf seehoferschen Schützenfesten oder in Spielmannszügen den Marsch geblasen zu haben. Aktuell kann Aufgabe nur sein, verkrustete und an administrative Macht und ökönomische Systemlogiken deligierte Prozesse wieder zu politisieren, nur wie? Hoffentlich machen die Ägypter und andere uns vor, wie das geht.

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6 Antworten zu “Brilliant gedacht, Hans Schelkshorn!

  1. T. Albert März 10, 2011 um 3:13 pm

    Ja, ja, ja!
    Bloss ist Dein Picasso_Beispiel, wie ich fürchte, mittlerweile auch irrelevant geworden, da kannste keinen Appell mehr drauf aufbauen. Ich kenne irre viele Leute im gesellschaftlichen Kunstbereich, die kennen entweder Picasso und afrikanische Skulptur nicht oder sie sind froh, dass sie den Picasso nicht mehr zu diskutieren brauchen, weil sie ihn längst ignorieren, oder sie halten ihn für irrelevant, weil sie ihn für überschätzt halten. Es gibt so eine Umfrage auf einer Kunstlehrer-Webseite nach den am meisten überschätzten Künstlern, und das ist interessant, Picasso und Beuys sind da immer ganz oben. Das entspricht genau meinen Gesprächserfahrungen, nicht nur mit Lehrern, und meinen derzeitigen Sehrerfahrungen an zeitgenössischer Kunst. So ist es mit der Malerei des 20. Jhdts. auch, bei dem meisten sind die Leute froh, dass es vorbei ist, wie mit der Zwölftonmusik und dem Blues auch. Und St. Pauli wird doch auch gerade umdefiniert, nicht?
    Picasso doof zu finden, geschieht ja sprachlich ungebrochen auf der Ebene unserer Eltern und Grosseltern, aber jetzt kann man ihn doof finden ohne sich irgendwie auch nur mit ihm zu konfrontieren, was ja früher auch „Kunstferne* taten, weil Picasso ihnen immerhin in den Klatschspalten der Zeitungen erschien. Man muss überhaupt von europäischer Kunst keine Ahnung haben, um europäische Kultur der afrikanischen Plastik für überlegen zu halten. Un dann gehts ganz schnell, und ein Picasso-Bild mit seinen überlagerungen linearer Strukturen und Raumherstellung durch das Sehen, ist ein Verstoss gegen den Leitkulturdreck, weil der eben so klug war, sich von anderen etwas beibringen zu lassen, die als sehende Menschen gewissermassen schon auf dem Stand damaliger wissenschaftlicher physikalischer Erkenntnis waren, was er kapiert hat. Und jetzt geht das alles wieder unter im europäischen Dauerrassismus. „DIE ÄGYPTER PLÜNDERN DAS ÄGYPTISCHE MUSEUM“ stand ja vor Wochen in der Zeitung, so sind die halt, die Afrikaner, auch wenn sie Ägypter sind.

  2. momorulez März 10, 2011 um 3:40 pm

    Ach, Du hast in allem so rech; da ich aber ja gar kein Appell-Blog habe, sondern den Picasso anführe, weil ich den über alle Maßen bewundere, fand ich den Hinweis gut 😉 – weiß auch gar nicht, was es da zu überschätzen geben könnte. Und alles, was Du anführst, zeigt ja nur die faktische Verblödung des europäischen Selbstverständnisses 😉 – ich fühle mich sozusagen bestätigt in den von mir Gemeinten.

  3. T. Albert März 10, 2011 um 6:12 pm

    Ja, ich weiss auch nicht, was es an Picasso zu überschätzen geben könnte, aber ich kenne echt jede Menge Leute, die das wissen. Und jetzt kostet es manche Freundschaft, die eben keine war. Ich habs ja aufgegegeben, an diese Idioten zu appellieren, da dachte ich beim schnell lesen, Du machst das jetzt mal.
    Dein Hinweis auf afrikanische Skulptur ist ja enorm wichtig, das sind Welten und plastische Denkweisen und damit eben auch Lebensweisen, die auf der Begegnung Picassos (Braques, Klees, Miros, Matisses)
    mit dieser Kunst beruhen.

  4. momorulez März 10, 2011 um 6:33 pm

    Ja! Aber Du hast recht, dieser Megatrend, dieses ganze Unreine aus dem „westlichen“ Volkskörper der Kunst auszuscheiden, den sieht man noch jedem Neo Rauch an.

    Es kippt echt noch das wenige weg, auf das man bauen konnte in dieser Kultur …

  5. che2001 März 11, 2011 um 12:28 am

    Als Picasso mit 13 Jahren nach seinem Berufswunsch gefragt wurde, antwortete er, er wolle der erfolgreichste Maler aller Zeiten werden. Was man sonst als jugendlichen Größenwahn abtun würde hat er erreicht. So, das ist der Maßstab, nichts Anderes. Und ohne die Dogon gäbe es keine Klassische Moderne, die heutige europäische Bildende Kunst wurde in Mali und Burkina Faso geboren. Ohne Marimba und Spirituals kein Rock, der Blues entstand aus der Umorientierung der schwarzen Musik nach der Sklavenbefreiung von allegorisch-alttestamentarisch formulierten, quasi die Zensur umgehenden Befreiungswünschen plus afrikanischer Rhythmen hin zur Befassung mit der eigenen Emotionalität und Alltagssituationen, der Gospel war aus der Synthese von Blues und Spiritual geborene schwarze geistliche Musik, der Soul quasi ein Verweltlichung des Gospel. Die plötzliche massenweise Verfügbarkeit von Trompeten, Posaunen, Hörnern und Drums nach der Auflösung der Militärbands nach dem Bürgerkrieg schuf die Grundlagen des Jazz, der improvisierte Musik war, gerade WEIL die schwarzen MusikerInnen keine musikalische Ausbildung hatten und, dem Lebensgefühl des Blues folgend, die Zerrissenheit und Orientierungslosigkeit der aus dem Süden in Industriestädte des Nordens wie St.Louis, Chikago, Detroit und New York abgewandertenn schwarzen ArbeiterInnen zum Ausdruck brachten. Mit Boogie-Woogie und Foxtrott wurde das tanzbar. Rhythm and Blues entstand aus der Synthese des Blues mit Jazztänzen, und im Ursprung war Rock&Roll nur ein Marketíngbegriff von Radiiosendern, um verfemte schwarze Musik einem weißen Publikum schmackhaft zu machen. Noch viel direkter wirkten afrikanische Einflüsse auf karibische Musik, wo sich nigerianische Highlife-Musik, angolanische Marimba-Klänge, Kongo-Trommelrhythmen und bereits hispanisch-indianisch-afrikanische Synkretismen wie Rumba, Limbo, Cha-Cha-Cha mit Jazz mischten. Son, Funk, Calypso, Reggae, alles Musikrichtungen, die sich auch mit Rock und Pop mischten waren prägend für das, was heute popuiläre „weiße“ Musik ausmacht. Strichen man das, wäre man auf Klassik sowie Ernst Mosch und seine Egerländer sowie die Original Oberkrainer reduziert. Ach ja: ERstere sind Tschechen, Zweitere Serben. Sehr deutsch also.l

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