Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Ich beichte

Stehe irgendwo auf der Hoheluft. Bei der Hinfahrt mit dem 5er-Bus wieder dies Gefühl, in eine andere Stadt zu fahren. Der Bereich Innenstadt – Neustadt – Schanze – St. Pauli – Altona ist es mein Lebensraum. Doch in den schickeren Altbausphären, dort, wo einst Hamburgs Galgen stand, sind die Menschen anders. So scheint es mir zumindest. Gehoben bieder. Unangenehm bieder. Wundere mich trotzdem über all die kleinen Läden, die im Bereich des alten Hamburg, in jenen Straßen, wo die Mieten nicht eh völlig überteuert sind, immer wieder eingehen.

Der Taxifahrer will mich nicht mitnehmen. „Mit Hund – das geht doch nicht!“ Angewidert guckt er auf mein Tier. Mögen Menschen, die keine Hunde mögen, Menschen? Vielleicht auch nur ein Allergiker. Er schickt einen Kollegen. Und da passiert, was ich vermeiden wollte: Es läuft die Bundesliga-Schlusskonferenz … fuck. Das, vor dem man flüchtet, holt einen immer wieder ein …

Alles positiv unken hier im Blog hat nix gebracht. Der gestrige Eintrag war die Reaktion auf @alfetta, der in der Küche meiner Firma saß und die Ahnung äußerte, dass nach dem Derbysieg nunmehr kein Spiel mehr gewonnen werden könnte. Dass dieses „Die Luft ist raus!“, das in Dortmund so spürbar war, das auch gegen Hannover nicht weichen wollte, nunmehr den Sinkflug einleiten könnte wie bei einem braunweißen Fesselballon …

Trotzdem vor 3 Stunden einen Livestream im Computer gesucht. Er hakte, bestand aus Standbildern und Unterbrechungen – dass prompt Tor 1, Tor 2 und Tor 3 fielen, jeder Schuss ein Treffer, dass Zambrano verletzt raus musste, das ließ sich dennoch den zerhackten Sätzen und dekonstruierten Bildern entnehmen.

Und dann habe ich es getan. Ich beichte. Ich sah den Sonnenschein. Ich wollte meinen tröstenden Hund an meiner Seite. Den hatte ich gestern seiner Mitbesitzerin überlassen. Ich schaltete den Computer einfach aus. Ich wollte das nicht mehr gucken. Und fuhr zur Hoheluft, mein Viech abzuholen … im Geiste bei jenen, die die lange Fahrt ins Frankenland auf sich nahmen und sich das Debakel, das Sich-Abschlachten-Lassen unserer Helden, live erfühlen mussten.

Mit Musik im Ohr im Bus erinnerte ich mich an eine Sequenz im St. Pauli-Buch von Renė Martens aus den späten 80ern oder frühen 90ern. Zwei St. Paulianer sitzen in einer Kneipe, schütteln am Thresen die Köpfe. Einer sagt regungslos „Sie spielen soooo schlecht!“ Fängt breit an zu grinsen. Und freut sich darüber. Beiden hauen sich weg. So ungefähr.

Wieso kriegen wir, oder kriege ich, diese Haltung nicht hin? Dieses Blog ist voll von Plädoyers gegen das Leistungsprinzip, für die Lust am Scheitern. Aber irgendwie geht es nicht.

Vielleicht auch, weil wiederum beim Schreiben gestern mir die fröhlichen Chöre im Karoviertel einst, in der letzten Erstligasaison, wieder einfielen, nach dem Spiel gegen Dortmund war das, damals noch mit Koller und so, wieder einfielen „Wir haben die rote Laterne, wir haben die rote Laterne …“. Alle amüsierten sich. Reenald Koch hatte den Aufstieg als Betriebsunfall bezeichnet, und das Auftreten der damaligen Mannschaft war kein Vergleich mit den temporär tollen Leistungen des aktuellen Teams. Bisher. Mit der heute in Nürnberg war es vergleichbar …

Wir alle gefielen uns darin, es nicht weiter schlimm zu finden, wenn es in wieder in Liga 2 ginge. Hat der Taxifahrer eben auch gesagt. Denke ich auch. Zweitligafussball finde ich eher attraktiver. Nicht, weil er nicht so schnell ist, sondern weil viel mehr Raum für das Spiel bleibt für die, die nicht gerade spielen wie Dortmund aktuell. Weil nicht nur die Fehler und manche Stürmer-Individualisten die Spiele entscheiden.

Ja, haben wir damals auch alles so gesehen. Und dann ging es ratzfatz in Liga 3, und nur gerade mal so eben wurden wir gerettet. Der Kader fiel bereits beim Abstieg in Liga 2 auseinander, das wäre angesichts der Vertragssituation meines Wissens auch diesmal so, auch damals waren Sportdirektor und Trainer kaum antastbar. Und obgleich Herr Reenald Koch rosigste Zahlen und gar Stadionbaupläne mit EU-Mitteln präsentierte – von der für die EFRE-Förderung Zuständigen erfuhr ich später, dass mit ihr nie jemand geredet hatte -, öffneten sich ungeahnte Löcher. Wenn ich an Norberts Rechenspiele in seiner Zusammenfassung der JHV denke, wird mir Angst und Bange …

Haben wir aktuell ein Präsidium, das auch dann, wenn Schönwetterphasen vorbei sind, noch tough genug ist, den Laden zu wuppen? Zeigt nicht die Fantasielosigkeit angesichts der Sozialromantikerproteste und die Beliebigkeit, mit der Ökonomie betrieben wird, dass vermutlich sie gar nicht mehr handlungsfähig wären, wenn bestimmte Automatismen nicht mehr greifen?

Man kann von Littmann halten, was man will; in der „Retter“-Phase einst vermochte er den Geist des FC St. Pauli zu beschwören und produktiv zu nutzen. Könnten das die, die da jetzt sitzen und etwas geistlos „Top 25 unter den Profivereinen“ als Ziel ausgeben, auch? Wären sie in der Lage, Stani etwas entgegen zu setzen, wenn der mal dauerhaft Mist baute?

Ja, ich beichte, nicht etwa nur den Livestream ausgechaltet zu haben, sondern mit solchen Gedanken schwanger zu gehen. Weil im Verein seit geraumer Zeit nur und ausschließlich die sportlichen Erfolge den Zusammenhalt schufen – und, zum Glück, jüngst die „Sozialromantiker“-Proteste. Liest man freilich den Quatsch vom „Alten Stamm“, so steht zu befürchten, dass genau die falsche Schlagseite Oberwasser gewinnen könnte, wenn die Erfolge weiter ausbleiben sollten. Weil man Kreativität und Fantasie braucht, um ggf. Krisen zu meistern. Spielerisch wie ökonomisch.

Ich hoffe, sie haben sie dann. Mannschaft, Trainerstab und Vereinsführung auch. Und wir auf den Rängen. Aber vielleicht wird ja schon gegen Stuttgart alles wieder gut. Vielleicht.

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4 Antworten zu “Ich beichte

  1. kleinertod März 6, 2011 um 2:29 pm

    Manchmal hilft nur noch ein Grinsen gegen das Unvermögen. Nebst entspanntem Ablenkungstrinken. Was hätten wir auch für Helden, wenn die immer alles richtig machen würden?

  2. momorulez März 6, 2011 um 4:16 pm

    Ja, wohl wahr.Aufgrund der Erfahrung damals bin ich mir so sicher nicht, dass wir gut aufgestellt sind, wenn es zurück in Liga 2 gehen sollte.

  3. kleinertod März 6, 2011 um 6:56 pm

    Ein Ebbers kommt in Liga 2 bekanntermaßen gut zurecht… Und wenn ich die Spiele aus beiden Ligen vergleiche, so muß ich doch gestehen, daß ich die aus der unteren Liga ansehnlicher fand. In der obersten Klasse entscheiden zumeist einige wenige Aktionen von dem einen oder anderen Starspieler, während sich die Mannschaften sonst häufig nur gegenseitig aus den Spiel nehmen… Ach, ich folge dem FCSP. Liga und Erfolge egal. Auch wenn ich die Niederlagen immer erst mal schlucken muß, vor allem solche. Aber das mindert die Liebe nie.

  4. momorulez März 6, 2011 um 7:22 pm

    Ach, ich schreibe doch auch als besorgter Liebhaber dieses Vereins 😉 – das ist doch gar nicht die Frage. Und finde, siehe oben, den Zweitligafussball auch deutlich attraktiver.

    Ebbers ist allerdings nicht mehr der Jüngste, und ich kann immer gar nicht glauben, dass das Stadionkreditabzahlen in Liga 2 so problemlos vonstatten ginge.

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