Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Monatsarchive: März 2011

Gemischte Gefühle … Auferstehung oder hinweg siechen?

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(Dieser Eintrag muss schon aus dem schlichten Grund geschrieben werden, dass dieses unsägliche Astra-Poster bei der vom Dienst renovierten iPad-Ansicht meines WordPress-Blogs mich nicht gleich 3fach anspringt)

Morgen Raul gucken gehen. Einen Weltstar sehen. Einen, den man bewundern muss. Will trotzdem keines seiner Tore anschauen müssen.

Morgen hoffen, dass Ralph Guneschs Schlachtruf „Wir müssen das wie Pokalspiele angehen!“ Wirkung zeigt. Dass das Underdog-Feeling wieder anstachelt anstelle der – wahlweise – Freude über oder Enttäuschung angesichts fehlender Augenhöhe. Das dieser Frust nicht mehr das Spiel der Mannschaft wie auch das Feeling auf den Rängen bestimmt. Gerade WEGEN der Verletzungsmisere können wir doch befreit losackern und es den Großen zeigen! Dass punkige Drecksackhaftigkeit, Funk-Feeling, Shanties und tiefer Soul der Mannschaft wieder zu diesem Spirit verhelfen, der St. Pauli zu St. Pauli macht. Das Lachen über sich und ein Zelebrieren des Trotzdems sollen achen, krachen und hachen und dieses Grablegungsgefühl, das letztes Mal zumindest auf der Haupttribüne griff, vertreiben. Dieses Sichsosichersein möge sich in Luft auflösen, dass es eh ab der 80. Minute irgendwann bei uns klingelt, es soll Mannschaft und Ränge verlassen wie ein ausgetriebener Dämon. Ich will Voodoo spüren! Magie!

Obgleich mir dieses seltsame Gefühl, das mich beim letzten Spiel beschlich, diese Ahnung, da würde nur noch parodiert, was uns auszeichnet, noch tief in den Knochen steckt. Auf der alten Haupttribüne hatte ich das nie. Auf der neuen infizierte es mich schnell, sobald sie stand. Der Jolly Rouge hat es zeitweise vertrieben, doch liest man die Interviews mit Herrn Meeske, so will der ja, stellvertretend, dass mich die angreifen und sie an mir nagen, diese gemischten Gefühle, bevor ich in das Stadion gehe, das seit 10 Jahren mein Zuhause ist.

Über die rege, umfangreiche und sehr intensive Teilnahme an dem Bloggerprojekt habe ich mich wahnsinnig gefreut; auch, dass in so vielen grundsätzlichen Fragen fast alle sich so einig waren. All die spannenden Erlebnisberichte, Biographien, Perspektiven! Freu mich auch drauf, morgen vielleicht mal mit dem Lichterkarussell, hoffentlich mit dem Magischen FC anstoßen zu können, und die mittlerweile schon so vertraute Blogger- und Twitterer-Runde nach dem Spiel ist eh eine ungeheure Bereicherung.

Trotzdem, man muss es anmerken: Eine Frau, eineinhalb Schwule und ansonsten mutmaßlich weiße, heterosexuelle Männer machten mit. Oder irre ich? Und die Musealisierung dominierte deutlich die zukünftigen Perspektiven, bei aller Begeisterung über die tollen Texte. Fast alle schienen sich einig zu sein, dass im Geiste des Jolly Rouge weiter St. Pauli-Geschichte geschrieben werden müsse. Aber wie, da war eher wenig Konkretes dabei.

Am kontroversesten ist wohl das Ultra-Thema; zugleich für mich spannend, weil ich diesen intensitätsorientierten, latent literarisch sich zeigenden Outlaw-Entwurf höchst inspirierend finde. Dass freilich inmitten derer nunmehr die tradierten Männlichkeitsvorstellungen, die gewaltgesättigt Homophobie und Sexismus gleichermaßen bedingen selbst da, wo die Protagonisten das gar nicht merken, sich zu etablieren suchen, mag im gesellschaftlichen Feld Fussball nicht überraschend sein, und gut ist, dass es so kontrovers diskutiert und dagegen angegangen wird. Erschrocken hat es mich trotzdem. Weil das ja nicht die Zukunft des FC St. Pauli sein kann.

Aber was ist sie?

Hoffentlich keine Niederlage gegen Schalke morgen. Sondern die Auferstehung aus dem Geiste der Rebellion mit SINN und INHALT – gegen Geldsackhaftigkeit und andere Entwicklungen, zu denen bedauerlicherweise auch und gerade Schalke nachhaltig beigetragen hat.

Asa kann da nix für. Den feier ich morgen. Komme, was da wolle oder solle. Je nachdem.

Spieler und Publikum auf den Rängen, es liegt in unserer Hand, ob es will oder ob es soll.

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Treffender Kommentar von Tante Nadia zu den gestrigen Wahlen

Normalisierung mittels Denunziation

Ein Satz Michel Foucaults sorgte einst für gewaltige Empörung: „Die Macht kommt von unten„. Lasen viele dieses doch als Absage an die Befreiung der Unterdrückten, die eben „ganz unten“ sind. Foucault wandte sich vielmehr der „Mikrophysik der Macht“ zu, also den Funktionsweisen der Macht, die in den Beziehungen wirken – und die sich ganz alltäglich reproduzieren, wenn der „Nicht-Migrant“ den „Migranten“ als „Migrant“ identifiziert, der „Heterosexuelle“ den „Homosexuellen“, der „Christ“ den „Nicht-Christ“, der „Weiße“ den „Schwarzen“.

Und die so als abweichend permament Erzeugten müssen sich mit derlei Zuschreibungen alltäglich herum schlagen. Selbst die Produktion ganzer delinquenter Milieus funktioniert in diesem Sinne, wenn z.B. die Hamburger Polizei im Sinne des „Racial Profilings“ jedes Wochenende gezielt und systematisch Hatz auf PoC-Kids macht. Eine Erfahrung für diese, die „Rechtsbewusstsein“ im Sinne geltenden Rechts nun gerade nicht zu erzeugen vermag, da das, was als Rechsstaat sich behauptet, im Sinne permanent diskreditierender Willkür sich zeigt. So produziert man fortwährend jenes Milieu, das zu bekämpfen man vorgibt.

Und die Exekutive kann sich darauf verlassen: Genug Bürgerliche werden sie dabei unterstützen, die Basis solcher Machtausübung ist die Akzeptanz derer, die sich als „gesellschaftliche Mitte“ verstehen und so die Ränder zuweisen. So lange deren Altbauwohnungen und Vororthäuschen nicht in Gefahr sind und der Job in der Kulturbehörde im Derzernat „Kunst und Antirassismus“ (das „Völkerkundemuseum“ gehört vermutlich zur Wissenschaftsbehörde?) sicher ist, hat man von denen wenig Widerstand zu befürchten. Entsprechend groß die Begeisterung der Leser von DIE ZEIT für die Schrift Sarrazins.

Zum historischen Beleg darüber hinaus denunziatorischer Praktiken, die an staatliche Macht ankopplungsfähig sind, hat Foucault zusammen mit der Historikerin Arlette Farge die „Lettre de Cachet“ herausgegeben:

„Die Lettres de cachet werden vielmehr von den Bürgern selbst benutzt, um
sich unliebsamer Personen zu entledigen. Durch Auswahl und Kommentar
zeitgenössischer Briefe zeigen Farge und Foucault, daß sie ihre Verwendung
vor allem bei innerfamiliären Konflikten finden: Ehemänner lassen
ihre Ehefrauen, Ehefrauen ihre Ehemänner und Eltern ihre Kinder in Gefängnissen
verschwinden. Damit wird detailliert am historischen Beispiel
deutlich, was bisher – besonders von Foucault selbst – als abstrakte These
formuliert war: Macht wirkt nicht von außen auf soziale Beziehungen ein,
sondern strukturiert sie intern.“

„Lettres de Cachet“:

„Beispiele für Lettres de cachet sind die berüchtigten Haftbefehle der Könige von Frankreich vor der Revolution von 1789, durch die missliebige Personen aus Paris und des Landes verwiesen oder ohne Urteil und Recht in die Bastille oder ein andres Staatsgefängnis gebracht wurden.“

Klar, man denkt prompt auch an die IMs der Stasi, obgleich manche dieser wohl dachten, es sei immer noch besser, sie selbst denunzierten und könnten so den Informationsfluss steuern, als dass es jemand anders tut.

Auch der „Stürmer“ und die Gestapo konnten sich selbstverständlich auf rege Beteiligung der deutschen Bevölkerung am Ausmerzen von Juden und Asozialen stützen, wie der Der Freitag zu berichten weiß, und nahm den „Leserreporter“ der BILD vorweg. User-generated Content, sozusagen:

„„Volksgenossen“ wie Hans Käber, die ihre Mitmenschen denunzierten, gab es viele im NS-Staat. Ein Massenphänomen, für das nicht nur Parteifunktionäre sorgten – auch viele kleine „Volksgenossen“, die sich über diejenigen erheben durften, die – als außerhalb der „Volksgemeinschaft“ stehend – angeprangert wurden: politische Gegner, „Asoziale“, Sinti und Roma, besonders Juden. Oft hatten die Denunziationen rein private oder geschäftliche Gründe. Es bot sich an, einen verhassten Konkurrenten loszuwerden, indem man ihn wegen eines vermeintlichen politischen Deliktes oder wegen „Rassenschande“ bei der Gestapo anzeigte.“ (via PBBMarx/Twitter)

Ergänzend bleibt zu erwähnen, dass einer der ersten Filme, die im Nachkriegs-Großbritannien „Homosexualität“ thematisierten, die Erpressung eines Schwulen zum Gegenstand hatte … so was war ja damals noch verboten.

Manchmal kommen sie wieder …

„Zu schnell vorbei“ – letzte Woche werfe ich den Blick aus dem O-Feuer-Fenster auf das Schulterblatt, denke „Hey, was ist das denn da Süßes! Hübsche Schnute!“: Clueso geht gerade vorbei und guckt sexy.

Ich bekenne. Ich bekenne, gerade das neue Album von Clueso mein Wohnzimmer in Schwingungen versetzen zu lassen. Ich bekenne, bei seinem Song „Chicago“ immer mal heulen zu müssen. Ja, ich bekenne gar erotische Fantasien, wenn ich den Jungen singen höre. Zum Glück ist er wenigstens schon 31, das geht ja noch.

Obwohl da freilich „Jetzt siehst Du wie ein Tier aus – feuchtes Fell“ ebenso in der Musik mit klingt wie ein „Verliebt, verloren, verbrannt – gelacht, geweint und weg gerannt“. Was hab ich das Album geliebt! ALLE hörten Ulla Meinecke. Damals, als Dieter als Zivi im Altenheim nach Dortmund ging und eine „Anklageschrift gegen eine Stationsschwester“ verfasste.

Ein Grönemeyer ist bei Clueso eh mit zu hören, vielleicht auch ein Hauch von Holger Biege und denen, die gut waren in der DDR. Denen wir uns verbunden fühlten, damals, zu „Schwerter zu Pflugscharen“-Zeiten.

Zeiten, die heute wieder da waren, als ich die Anti-AKW-geschminkten Kinder-Gesichter im Abendblatt leuchten sah. War dann Schuhe kaufen – altern merkt man auch daran, wenn man das gleiche „Palladium“-Paar noch einmal kauft, das einen bereits zu Beginn der 90er durch das Leben und ins „Camelot“ trug. Als ich ein wenig Jugend nachholte und jede Woche die BRAVO kaufte und alle zwei Wochen die BRAVO Girl!. Durfte man ja nicht zu Alternativbewegungszeiten, als ich wirklich jugendlich war. Da musste man das doof finden. Nun, Anfang der 90er, schwärmte ich für Richard Grieco, „Booker“, guckte jede Woche Beverly Hills 90210 und hatte eine stürmische 3-Wochen-Affäre mit einem, der aussah wie Luke Perry. Von der erholte ich mich Jahre nicht. Der Mann war toll. Bei youtube kann man ihn bei einem Goergette Dee-Auftritt, da sie einen Marlene Dietrich-Song singt, im Hintergrund sogar tanzen sehen … seufz.

Im Schuhgeschâft lief eine Coverversion von „Blister in the Sun“ der Violent Femmes, depotenziert arrangiert, ohne jeden Witz von einer dünnen Mädchenstimme gesungen. In dem neuen Görtz 17 auf dem Schulterblatt darf man ja nichts kaufen, ich ging in das gegenüber des Hanseviertels. Wahrscheinlich auch nicht okay. Die Verkäuferin plauderte in einer osteuropäischen Sprache mit einer Kundin; mir fiel auf, wie unendlich gut das tut, in einer Stadt zu leben, in der jeder zweite Satz, der ans Ohr dringt, NICHT in deutsch gesprochen wird.

Am Gängeviertel vorbei flanierend fragte ich mich, wo eigentlich die wundervollen schwarzen Frauen hin sind, die da wohnten und die ich morgens immer in der U-Bahn-Station Gänsemarkt traf, als ich noch nach Barmbek fahren musste. Haben da nicht auch Sintie oder Roma gelebt?

Vor mir schlendert, frisch von der Anti-AKW-Demo, ein Trupp dünner weißer Mädels, die, würde man sie auf einen Schulhof 1982 beamen, niemandem auffallen würden. Sie ähnelten meinen Schulfreundinnen ungefähr so, wie das neue Paar „Palladium“-Schuhe dem alten. Rein äußerlich, klar. Die Wollsocken, in deren Weiten die sackartige, selbst genähte Hose aus Flatterstoff gesteckt war, die Dreads, die „Ich bin nicht doof!“-Distinktionsbrille.

Aber wahrscheinlich rauchen sie nicht. Noch nicht mal Selbstgedrehte. Kennen Bucaneer und Javanese Jongens-Tabak gar nicht. Und finden Clueso vermutlich total uncool, hören ihn aber heimlich und träumen dann … und in 10 Jahren gucken sie sich in irgendeinem Internet-TV-Sender alte Beverly Hills 90210-Folgen an, wiegen das Kind auf ihrem Schoß und ärgern sich, dass sie nie so einen wie Luke Perry hatten, sondern doch den aus der Anti-AKW-Gruppe genommen haben …

Vorfreude

Meine Frühgeschichte des Fernsehens. Und: Bye, bye, Elizabeth Taylor!

Auf einem Teakholztischchen stand er. Metallicgrau die Plastikhülle, der Bereich mit den Programmtasten schwarz und chromgetupft. Selbst zu jener Zeit, da er das alte, schwere Röhrenmonster im hölzernen Kommodenlook ablöste, war dieses Neuding ein Relikt. Überall krisselten und leuchteten längst Farbfernseher, zumeist zu rot und zu grün, bei uns daheim regierte flimmernd weiterhin schwarz/weiß. Links von ihm das Fenster mit Jalousien, zugezogen, zum Reihenhausgarten mit Grünpflanzen auf der Fensterbank davor; viele dieser Kakteen, die schlängelnd wuchern, während sie wachsend Glied an Glied reihen. Keine Fernbedienung weit und breit. Rechts das Bücherregal.

Ich räkelte mich auf grünen Lederkissen eines Sessels, skandinavisches Design von „Grigat“, direkt vor dem Ding herum, um die Knöpfe und Regler bedienen zu können, wenn sonst nur noch der Hund zu Hause in sein längst verkommenes und abgerocktes Plüschkissen sich verbiss fiepte. Er klemmte es zwischen die Vorderbeine und wimmerte ununterbrochen, heute weiß ich, was ihm fehlte.

Ich weiß aber nicht, was wichtiger war, der Fernseher, die Bücher oder die Musik. Die Kampfschrift zum Beispiel „Wie vergewaltige ich einen Mann“ gefiel mir nicht. Dabei dachte ich, ich könnte daraus fürs Leben lernen. Das stand brav aufgereiht neben anderen Werken aus der Reihe „Neue Frau“ auf den Regalbrettern und blinzelte verbiestert Alice Millers „Drama des begabten Kindes“ und Watzlawicks „Menschliche Kommunikation“ an. Viele Bücher, viel Bertelsmann-Buchclub. „Die Nackten und die Toten“ sagte mir ein Buchrücken, der mich eine ganze Kindheit lang finster anstarrte, obgleich ich nicht wusste, worum es ging. Geschweige denn, was Thema in „Kaltblütig“ war.

Aus dem Fernseher, der davor stand, drangen häufig Bilder, die mich arg verstörten. Selbst als in „Tanz der Vampire“ das erste Mal der Mund sich öffnete und die überlangen Eckzähne zum Biss ansetzten, huschte ich tief verängstigt ins Bett und konnte Wochen kaum schlafen. Nachmittags lief noch die „Drehscheibe“?, und die Story mit dem Frottee-Schlafanzug erspare ich mir nun.

Ich wurde älter und wollte Sinn. Nahm bewusster wahr, was als gewichtig, was als banal galt. Den Fassbinder mit dem „Transsexuellen“, der sich nur wegen seines Mannes umoperieren ließ, weil dieser eigentlich eine Frau wollte und nun seinen Ex-Kerl ständig demütigte und beschimpfte, weil der so deformiert wirkte, den konnte ich kaum ertragen. Der unglücklich Liebende der beiden arbeitete in einem Schlachthof, und man sah minutenlang Kadaver und Blut in einer Tötungsmaschine, und mittendrin der mit sich so unglückliche Körper.

Vielleicht war der Film auch gar nicht von Fassbinder, vielleicht arbeitete der Transsexuelle wider Willen auch nicht im Schlachthof. Oft bin ich verblüfft, sehe ich die Filme, die aus diesem Kasten kamen, nun noch einmal und ganz anders an. Szenen, die ich zu erinnern glaubte, tauchen gar nicht mehr auf oder verliefen ganz anders. Was ich als groß und bedeutsam empfand, schrumpft oft zum Plakativen.

Bei „Verdammt in alle Ewigkeit“ habe ich trotzdem geheult wie ein Schlosshund. Als Frank Sinatra, von der Militärpolizei geschunden und zu Tode geprügelt, in den Armen von Montgomery Clift stirbt – ich konnte nicht mehr aufhören zu flennen, weil Dieter ja auch gerade nach Dortmund gezogen war und dort als Zivi im Altenheim eine „Anklageschrift gegen eine Stationsschwester“ verfasste. Monty selbst stirbt auch noch so anrührend schön in dem Film, nachdem zuvor er sich so heroisch dagegen wehrt, boxen zu müssen, wegen dem, der wegen seines Schlages erblindete. Klar, ein Militärpropagandastreifen. Trotzdem toll.

Ich fand zufällig eine Montgomery Clift-Biograpie in der Stadtbücherei. „Der längste Selbstmord der Filmgeschichte“ nannte jemand dessen Leben. Er ertrug sein Begehren nicht. War ja auch noch verboten. Er schlug urplötzlich mit dem Gürtel auf seine Liebhaber ein und biss sich in deren Lippen fest wohl, weil er es nicht aushielt, dass diese Körper ihn erregten und er sie am liebsten dafür zerstören wollte, nicht vom SM-Lust getrieben.

Der fatale Autounfall, der sein Gesicht zerstörte, den Rest des bereits von Medikamenten und Alkohol zernagten Körpers jedoch weitgehend unversehrt ließ, widerfuhr ihm, als er von einer Party bei Elizabeth Taylor kam. Inmitten der Dreharbeiten zu einem Film mit ihr, ich meine, „Das Land des Regenbaums“, ein Südstaatenepos, nahm der Canyon ihm sein Gesicht – dachten alle. Sie rannten in Scharen ins Kino, um zu diskutieren, welche Szene wohl vor, welche nach dem Unfall eingespielt worden waren. Und irrten sich ständig, weil der Verfall nach „Verdammt in alle Ewigkeit“ schon so weit fort geschritten war.

Elizabeth Taylor war ihm gute Freundin. Sie, deren Ehen und Scheidungen den Boulevard weltweit in Atem hielten, verstand ihn. Und er lockte aus ihr bereits in „A Place at the sun“ schauspielerische Fähigkeiten hervor, derer sie zuvor sich nicht bewusst war. Ganz, wie es ihm, bereits in jeder Hinsicht ruiniert, auch bei Marilyn Monroe gelang in „The Misfits“.

Bevor auf Regalen Bücher der Reihe „Neue Frau“ standen, wie sollten sie auch mal eben sich so zelebrieren, wie es Spencer Tracy als „Vater der Braut“ durfte, da sie so als seine Tochter bildhübsch der Welt ihr Gesicht schenkte?

Okay, Lauren Bacall oder Katherine Hepburn vielleicht, da denkt man auch an Schauspielkunst. Aber ansonsten, scannt man die heroischen Zeiten des Actor Studios, von Lee Strasberg, da noch Werke von Tenesee Williams verfilmt wurden und Montgomery Clift auf dem Broadway Tschechows „Die Möve“ aufführte, es kommen einem sofort Marlon Brando, James Dean, Humphrey Boghart als große Schauspieler in den Sinn, ein Hitchcock oder ein Elia Kazan als große Regisseure – als heute die Meldung durch das Netz ging, dass Elizabeth Taylor gestorben ist, erschienen als erstes die Bilder von Paul Newman in „Die Katze auf dem heißen Blechdach“ vor meinem inneren Schwarz/Weiß-Fernseher auf und dann erst Elizabeth Taylor an seiner Seite. Ja, auch meine Wahrnehmung und doch der Bauweise des Filmes nacherinnert, ja, sogar Sujet ist es, diese Nebenrollenhaftigkeit, da sie doch nicht gebärte, während die Schwägerin lauter „kurzhalsige Ungeheuer“ in die Welt setzte.

Oder Elizabeth Taylor zwischen Rock Hudson und James Dean in „Giganten“. Und völlig zugekleistert in „Kleopatra“, diesem Monumentalschinken. Das Glück, in französischen Filmen wie Simone Signoret oder Jeanne Moreau zu brillieren, das war ihr nicht beschieden. Oder ein Bild der Welt zu hinterlassen wie jenes der Knef in „Die Mörder sind unter uns“.

Bis zu diesem unglaublichen „Wer hat Angst vor Virginia Wolf?“ Was ein Vulkan! So füllig, war sie nicht gar schlecht blondiert? Was ein Film! Was eine Rolle! Was eine Frau!

Wir haben das Stück im Englisch-Leistungskurs gelesen und mit Vehemenz und nicht zu stoppen auf deutsch gestritten, ob George und Martha sich lieben. Ich glaub das bis heute. Im Hamburg der späten 80er hieß sogar eine Band „George & Martha“. Dieses Setting im Umfeld eines amerikanischen Colleges, dieses irrwitzige Aufeinanderprallen der Giganten Richard Burton und Elizabeth Taylor, wie oft waren sie geschieden und wieder verheiratet?, die boshaft das junge, unschuldige Paar mit einbeziehen in die eigenen Psycho-Schlachten, endlos geführt, und die ihr erfundenes Kind schließlich gar umbringen. Diese Statusverschiebungen, weil sie aufgrund des Berufs ihres Vaters, Chef ihres Gatten, die Mächtige ist und er der Versager. Und doch dieses so tiefe Einvernehmen zwischen den ewig Streitenden … menschliche Kommunikation. Es hatte nicht nur Nachteile, als Film noch gar nicht filmisch, sondern theatralisch war. Die Nähe zur Literatur der Figur war noch gegeben und Blockbusterfähig. Ohne Schlachtengemälde, die wie Historienschinken in Öl wirken, am Computer animiert. Dialog galt nicht als anstrengend. Und wurde ausgefüllt.

Elizabeth Taylor hat sich nach Rock Hudsons AIDS-Tod mehr für die HIV-Infizierten und Kranken engagiert, als Andere es wagten.

Diese Frau, dieses Gesicht, diese Schauspielerin, diese Diva, sie war doch fast von Anbeginn an dabei, als ich Fernsehen lernte, damals auf grünem Leder in schwarz/weiß – nun ist sie weg. Rest in Peace. Heute war ich wirklich traurig.

Das Nicht-Mehr- und das Noch-Nicht-Sein des FC St. Pauli: Weitermachen, wo alles begann! Quer über alle Kurven und Geraden!

(Mein Beitrag zu der vom Magischen FC und dem Lichterkarussell initiierten Blogger-Aktion „Wir sind Sankt Pauli – nur was sind wir?“)

Nichts entsteht aus dem Nichts. Der „Mythos“ des FC St. Pauli ist eng verwoben mit der Entwicklung des Stadtteils in den 80er Jahren. Wo zuvor noch Karl-Heinz Schwensen (hinter dem ich schon bei AFM-Versammlungen saß) und Werner „Mucki“ Pinzner für Aufruhr, Aufsehen, Angst und Schrecken sorgten, etablierte sich Schritt für Schritt „Szene“ – dieses merkwürdige Gebräu aus nachtschwärmenden und saufenden Hipstern auf Speed, die Gewinnn daraus zogen, sich gegen den Mainstream zu positionieren. Und die dafür gute Gründe hatten. Weil der Mainstream stinkt. Nach Normalisierung stinkt.

Tresenkonzerte im „Lehmitz“, das „Um Mitternacht“ am Hinterausgang der Herbertstraße, wo man sich neben Andrew Eldritch von den „Sisters of Mercy“ auf dem Barhocker wieder fand – auch der Tanz zu The Cure und Prince im „Kaiserkeller“, Party-Projekte wie „Das Kombinat“ oder das „Unit“ (hieß doch so?) an der Talstraße: Wo gerade noch im „Salambo“ eher komisch Kunst und Porno in Performances öffentlich Beischlaf hielten und „Eros-Center“ unter AIDS litten, tummelte sich nun die Vorgeschichte der „Party-Crowd“ der 90er und soff Tequilla.

Mittemang installierte Corny Littmann mit dem „Schmidt“-Theater  ganz große Kleinkunst – übrigens ein Theater mit Sponsorendurchsagen, damit es leben konnte. Ernie Reinhardt, als Lilo Wanders zu TV-Berühmtheit gelangt, moderierte in Krankenschwester-Uniform Mitternachtsshows als Klinikfeste in der Psychiatrie, skandierte den Schlachtruf „Wir grüßen unsere Mitpatienten auf der Intensivstation“ breit grinsend. Auch mal was für das Stadion, oder? Im Programm selbst parodierte der Transvestit Pelle Pershing Heinz Schenk, welcher wiederum Zarah Leander parodierte – und es war die Zeit, da (noch) was hip sich gab, auch politisch dachte, und das im widerständigen Sinne. V.I.P.-Bereiche im Trinity? Nein Danke. Kein Schickimicki. Rock’n’Roll. In Kneipen wie dem „Toom Perstall“ oder House-Clubs wie dem „Or“ lebte ein Stück Utopie: Vielfalt hieß gelebtes Leben leben, es war kurz mal wirklich schnurz, ob schwarz, weiß, hetero oder schwul oder sonst was.

Obgleich alle Postpunk-Varianten sich das „Willst du wirklich immer Hippie bleiben?“ auf die Fahnen geschrieben hatten, war sonnenklar, dass man die herrschenden politischen Verhältnisse nicht gut hieß. Selbst yuppieske Zeitgeistpostillen wie die „Tempo“ verstanden sich zunächst politisch links; Solidarität mit den im „Hamburger Kessel“ eingepferchten Demonstranten galt als Selbstverständlichkeit. Und das, was heute „Gentrifzierung“ heißt,  stand im Mittelpunkt aller Diskussionen: Man identifizierte sich mit der Hafenstraße, der es gelang,  ein Filetstück des Hamburger Marktes der Immobilenmafia zu entreißen  (legendär die Mopo-Headline „Und Schwaben klatschten Beifall“ nach einem Polizeieinsatz). Die „Goldenen Zitronen“ und „Ostzonensuppelwürfel machen Krebs“ zelebrierten anarchischen Funpunk inmitten der Barrikaden – ja, „Am Tag, als Thomas Anders starb“ und „Für immer Punk“.

Kurz darauf, schon damals mit dem  Argument steigernder Mieten unterfüttert, verhinderte ein Dauerdemomob, dass die Flora zum Musical-Theater mutierte. Die Mauer fiel, die so genannte „Wieder“-Vereinigung wurde vollzogen.

Es kam, was kommen musste: Das in Ost wie West zuvor bereits manifeste Neonazitum (man denke z.B. an „Skinheadmädchen 1 und 2“ von den Goldenen Zitronen) wurde breitenwirksam. Programmatisch und planmäßig unterwanderten Rechstradikale bereits in den 80ern die Fankurven anderer Stadien und vertrieben jene Fussballfans aus ihren Kurven,  die auf solchen Dreck nun wirklich keine Lust hatten und nicht zusehen wollten, wie man Rothaarige verprügelte, weil diese rothaarig waren. Die Goldenen Zitronen dichteten folgerichtig „80 Millionen Hooligans“. Und die, die schon zuvor zu „St. Pauli Boys“ mitgesungen hatten, fanden direkt vor der Haustür ein Stadion und einen Verein im Dornröschenschlaf … Mehr von diesem Beitrag lesen

„Das Eigenrecht gelebten Lebens“

Hätte ich fast verpasst:

„Das »Manifest der Vielen« ist Gegengift und Pflichtlektüre: Um sich nicht abzuschaffen, muss Deutschland sich neu erfinden. Dreißig profilierte Autorinnen und Autoren schreiben über ihr Leben in Deutschland, über Heimat und Identität, über ihr Muslim- oder Nicht Muslim-Sein anlässlich der Sarrazin-Debatte. Begriffe wie Migrant, Moslem, Deutscher, Fremder lösen sich dabei immer mehr auf, in den Vordergrund treten kritische Analysen und persönliche Geschichten. Ergebnis ist eine Vielfalt der Stimmen für »das Eigenrecht gelebten Lebens« (Hilal Sezgin).“

DIE ZEIT kommentiert, was auch ich gut aus anderen Zuschreibungsgründen kenne:

Sie sind in Wahrheit eine Negativmenge, nämlich die heterogene Vielfalt derer, die sich immerzu angesprochen fühlen muss, wenn vom Islam in Deutschland die Rede ist, und die zunehmend entgeistert und wütend realisieren muss, in welche Kategorien sie dabei gestopft wird. Sie teilen alle eine Erfahrung. Wann immer sie sagen: »Schaut mich an«, bekommen sie zu hören: »Ja, du bist die Ausnahme.«

Von einer Veranstaltung im Gorki-Theater weiß die Süddeutsche zu berichten:

„Eine von den Vielen ist Kübra Gümüsay, eine junge Bloggerin mit iPhone, die Kopftuch trägt und im Gorki-Theater ruft: „Muslime haben kein Exklusivrecht auf die Opferrolle!“ Weshalb sie dann auch über die Diskriminierung von Juden und Schwulen redet. Viel ist an diesem Abend die Rede davon, dass die Deutschen die Migranten zu Opfern degradierten, ausschlössen, zu Nicht-Deutschen umfunktionierten.“

Es tut sich was auf dem Feld der Diversity. Mitmachen!

Der 27. Spieltag eines inaktiven Fans

Im Forum wird gemutmaßt, Stani könnte zur IG Farben wechseln wollen. Also zu Bayer Leverkusen. Die Historie solcher Konzerne sollte ja nicht beschwiegen werden. „Wirtschaftwunder“: Auch so ein Witz aus der neudeutschen Mythologie.

Und ich weiß noch nicht mal, ob ich das schlimm fände, wenn er wechseln würde …  man kann auch tief empfunden „Danke!“ sagen und trotzdem los lassen … man munkelt, manche hätten Angst, zur Außerordentlichen Mitgliederversammlung im Sinne der Sozialromantiker aufzurufen, weil Stani sich  ja aufregen könnte. Vor dem Spiel in Frankfurt kündigte er an, man wolle sich dort „belohnen“. Wofür eigentlich?

Nein, es kann nicht darum gehen, mangelnde Erfolge zu beklagen – vielmehr stellt sich doch die Frage, was als Erfolg zu werten ist. Warum war der Derby-Sieg einer? Weil es der erste nach 33 Jahren war? Nein, weil wir nie so werden wollten wie der HSV, sondern in Abgrenzung zu solchen 5. Kolonnen der umsatzstarken Großmannssucht und alles aufsaugenden Kapitalstrudel uns neu erfanden. Ich zähl mich als einer, der erst 2000 erstmals ins Stadion ging, da dreist mit zu. Lebe lange genug ums Stadion herum, um als Teil dessen mich zu fühlen, was auch ins Millerntorstadion schwappte.

Das Stuttgart-Spiel saß mir noch in den Knochen. Ich habe so vieles als so abgrundtief verlogen empfunden. Jeky hat großartig dieses Gefühl fort geschrieben; die Diskussion dort erschütterte mich ein wenig. St. Pauli lediglich als Geschichte des linken Widerstandes verstehen, aber schwule Pornokinos ausklammern? Kein Wunder, dass die Szene nach St. Georg abgewandert ist. Das Abstreiten spezifisch weiblicher Perspektven? Auch so entreißt man Frauen die Möglichkeit, als potenzielles Sexismus-Objekt exakt diese Erfahrung artikulieren zu können, ohne dass ein Heteromann da rein quatscht und als Hüter des Allgemeinen neues Terrain annektiert.

„Lass uns lieber über Fussball und Abstiegskampf reden“ steht da. Ja, tun wir doch! Weil unter all den Oberflächen die Normalisierung droht. Und zu diesen Oberflächen gehört auch, nach jedem Spiel wie Matthias Lehmann sich hinzustellen und „Wir waren das bessere Team!“ zu behaupten. Weil man sich gerade wieder mit einem 1:2 belohnt hat.

Sich einzureden, in der 1. Liga prima mitzuspielen, anstatt sich zu vergegenwärtigen, wofür man steht, kann nur in Niederlagen münden. Und Stani macht den Eindruck, als sei er in die Liga seiner persönlichen Inkompetenz befördert worden. Die Einstellung stimmt offenkundig nicht, die Konzentration nicht, und Last Minute-Tore sind eben auch ein Zeichen mangelnder Fitness.

Was alles scheißegal wäre, wenn sich auch nur irgendwas Kämpferisches, Unangepasstes, wirklich Rebellisches im Spiel äußern würde. Ging ja oft genug als Haltung. Wenn nur das Underdog-Gefühl sich hinter all den Business-Seats und Logen wieder finden ließe. Dieser Stolz darauf, aus geringeren Mitteln mehr zu machen. Nein, man strebt ja „Augenhöhe“ an. Und verschwindet in dem Bedürfnis nach Verwechselbarkeit.

Wo isses hin, dieses Gefühl, diese Haltung, der Kleine zu sein, der den Großen ans Scheinbein tritt, bis sie umfallen? Man kann sich auch so weit normalisieren, dass es verschwindet … da muss man sich nur Gernot Stenger angucken. Der strahlt das aus, diesen Wechseln aus devotem Schleimen und angepasster Juristerei – doch wenn sich etwas widerständig gibt, geht er zur Attacke über und wittert beim „Jolly Rouge“ gleich Blut. Wegen solcher werden wir absteigen, nicht wegen der Sozialromantiker. Weil sie für alle gesellschaftlichen Lügen gleichermaßen stehen, während sie höhnisch ausrufen, dass Plakate gegen die GAL ja „toleriert“ würden, obgleich die doch mit Fussball nichts zu tun hätten. Wer nicht kontextualisieren kann, nivelliert die Welt noch unter sein Niveau. Und verliert.

Der Spieltag begann bei wundervollem Sonnenschein im Park. Mein Wauwau spielte herzig mit einer charmanten Hundefreundin, der ein „St. Pauli“-Tuch umgebunden war. Planten & Blomen breitete so schön sich aus, weil man überall die Keime der Zwiebelblumen durch altes Laub stoßen sah. Ein Noch-Nicht der hoffnungsvollen Art wogte als Gefühl über die Beete.

Ein Idiot versperrte mir den Weg, packte mich doof an, und das, weil ich einfach geradeaus weiter gehen wollte. Sie seien von einer Medienakademie und würden gerade einen Werbespot für die „HSV Blue Devils“ drehen. In meinem Park! Beim Filmteam war einer mit St. Pauli-Mütze dabei. Ich ging weiter. Mir doch egal. Sollen sie ihren Dreh doch unterbrechen. Dass dieser Arsch sich legitimiert fühlte, für so einen medialen Dreck (ich weiß, wovon ich rede) mich auch noch mit Körpereinsatz zurück halten zu dürfen, spricht Bände: Wo die Kamera ist, ist es wichtig. Von wegen!

Ich ging einkaufen, legte mich eine Runde hin. Auch beim Mittagsschlaf kann man verschlafen – ich erwachte 16.30 h. Gucke bei Twitter, im Forum, im Ticker. 1:1. Tenor überall gleich: Grottenkick, kein Engagement. Das 2:1 fällt. Klicke alles weg und beantworte hier im Blog lieber Kommentare. Der Spieltag eines inaktiven Fans.

PS: Und warum zu alldem ein verfremdetes Bild der Stonewall-Riots? Ja, warum wohl?

„Es war eine Zeit, in der die Zukunft noch schön war und nicht nur später“

„Es gab einmal eine Zeit, da musste man übers Rauchen nicht streiten. Es war die beste Zeit. Die Raucher Jean-Paul Sartre, Ernst Bloch und Hannah Arendt lebten und dachten noch, Juliette Greco sang in Pariser Kneipen und Jean Seberg drehte dort „Bonjour Tristesse“, der Raucher Jean-Paul Belmondo war jung, die Raucher Fidel Castro und Ernesto „Che“ Guevara machten die Revolution sexy, das Rat Pack rauchte, trank und sang, der Raucher Erik Ode war „der Kommissar“, die Raucher Ernest Hemingway und Heinrich Böll bekamen den Nobelpreis, die Raucherin Ingeborg Bachmann schrieb einige der besten Texte der deutschsprachigen Literatur, die Raucher Brecht, Benn und Frisch schrieben den Rest, der Raucher Willy Brandt wurde Kanzler, und Deutschland war geteilt. In den Fernsehstudios der Bundesrepublik durfte rauchen, wer wollte, statt Wasser gab es dort noch Wein und die Gedanken waren auch besser. Es war die Zeit, in der die Menschen sogar auf dem Mond landeten, und der Westen freier war, denn je. Es war eine Zeit, in der die Zukunft noch schön war und nicht nur später.“

Ich habe mir gerade ein Marianne Rosenberg-Album von 1991 herunter geladen. Ein grauenhaftes Machwerk. Fürchterlich produzierter Pseudo-Pop. Ich musste es hören. Jetzt. Unbedingt jetzt.

Eigentlich wollte ich in die Vaccines lauschen. Aus Pflichtbewusstsein. Man muss sich ja auf dem Laufenden halten, während in Libyen und in Japan. Während diese Parallelzeitigkeiten im eigenen Hirn kollabieren. Die ganzen Texte, Slogans, Demo-Bilder aus den späten 70ern aufploppen und so seltsam gegenwärtig scheinen. Dass damals die Thesen des „Club of Rome“ zu den Grenzen des Wachstums jeder kannte. Man sieht das Klassenzimmer im weiträumigen Waschbeton-Bau vor den geistigen Augen, es schwirren Erinnerungen an „So lasst uns denn ein Apfelbäumchen pflanzen“ von Jutta Dithfurths Vater wie Fliegen um Kadaver.

Ein Lehrer namens Gustav mit Langhaarfrisur, aber Pony, glattes Haar, hing wie Spaghetti, darunter ein breites Grinsen, das wie zahnlos wirkte. Kiffer. Plötzlich dringt Ernst Blochs „Noch-Nicht“ in das eigene Hirn ein. „Das Prinzip Hoffnung“ lehrte er gerne. Passagen über Meister Eckhardt. Es war die Zeit, da das „Noch-Nicht-Seiende“ die Form der Dystopie annahm. Jegliche Fortschrittshoffnung lag in den Akten sozialdemokratischer Fortschrittsverwalter begraben, die sich dank Berufsverbot und Helmut Schmidts NATO-Doppelbeschluss endgültig diskreditiert hatten. In Otto F. Walters „Wie wird Beton zu Gras“, ein damals deutlich im Trend kreierter Titel, lernte ich erstmals was über die Macht der Wirtschaft, ich war ja jung. Und dieser evangelische Psycho-Brei, der aus den Stamokap-Theorien geworden war, hatte wenig mehr zu sagen, als dass es toll war, dass der Dompteur im Zirkus Roncalli mit den Löwen kuschelte, anstatt die Peitsche zu schwingen. Was ich ja bis heute nicht falsch finde. Obgleich Hans-A-Plast, Rotzkotz und Ideal meinen Plattenschrank bevölkerten, „Zurück zum Beton“ als Slogan verstand ich erst später. „Graue B-Film-Helden regieren jetzt die Welt, es geht voran!“ begriff ich sofort.

Sartres „Die Zeit der Reife“ wurde zu meiner Bibel, da wollten sich Schwule selbst kastrieren und Katzen ertränken, ließen aber beides bleiben. Philosophielehrer schwängerten Gefährtinnen und suchten „Engelmacher“, obgleich die Fruchtbare doch das Kind wollte, und hinreißende Jünglinge hatten Affären mit Nachtclubsängerinnen. Der einzig vernünftige war der Kommunist, aber den fand ich langweilig. Trotzdem kaufte ich Frosch-Putzmittel und fühlte mich ein paar, so 6-7 Jahre später, bestätigt, als Tschernobyl „passierte“. Erinnere mich an eine Fahrstunde damals, kurz vor dem Abitur, da ich panisch nach deren Ende wie so viele durch den Regen hastete, weil ich ja nicht wusste, was drin war. Kurz darauf fing ich mit dem Rauchen an; ich langweilte mich im Zivi-Zimmer bei der Rundumdieuhr-Betreuung und kaufte mir eine Schachtel roter LM.

„“Hast Du mal Feuer?“ Rauchen verbindet, hebt Distanzen auf, zwischen Menschen, zwischen Klassen, zwischen Geschlechtern. Raucher teilen, keiner verweigert dem anderen die Zigarette – außer vielleicht bei der allerletzten. Und keiner mit ein bisschen Anstand und ein bisschen Geld schnorrt sie nur bei anderen.“

Ich las Camus, „Der Fremde“, stand an einer Landstraße in der Nordheide, Luft schnappen, und fühlte mich unendlich frei. Ich lernte Begehren und hatte Liebeskummer zu, ja, Marianne Rosenberg. Er war so sexy, aber ich diente nur als Aushilfslover, weil der eigentliche in Leningrad auf Austausch weilte. Der war in der DKP und lief rum wie ein Nazi-Psych. Als er zurück kehrte, war ich abgeschreiben.

Ich konnte nicht mehr schlafen, stand nachts auf, trank dann ein bisschen und manchmal auch mehr billigen Ballantimes, um wieder einschlafen zu können. Ich bekam Augenringe, er wollte weiter befreundet bleiben, saß da, auch weiterhin, auf meinem Sofa rum, vor dem ich zuvor vor ihm gekniet hatte, und ich wusste doch, was er mit mir zu machen in der Lage war – und durfte nicht mehr wollen. Eines Abends saßen wir im Dschungel, da war der noch auf der anderen Straßenseite. Im Halbdunkel war sein Mund noch, also … ich stand auf, sagte „Viel Spaß noch im Leben!“ und ging.

Dieser Text hat keine Pointe. Ich habe heute gelesen, dass die 20-50 Helden in Fukushima, die da rum daddeln, dass es nicht noch mehr knallt, vermutlich Arbeits- und Obdachlose sind. Und habe keine Lust mehr, täglich zu lesen, ich hätte keinerlei Emphatie für die Tsunami-Opfer. Und Libyen. Und Libyen.

Ich habe Erinnerungen. Ich habe noch ein klein wenig an der Zeit schnuppern dürfen, dann, wenn mein Vater Stuyvesant rauchte, als man das „Noch-Nicht“ im Sinne des „Prinzip Hoffnung“ erlebte. Und Marianne Rosenberg singt hier gerade zu schrecklichen Synthie-Sounds „Wo schläfst du …“. Gräuslich. Ich brauchte sie. Brauchte sie jetzt.