Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Neues aus dem Paralleluniversum „Prost!“: Vorschau Hannover 3 und was hinter „gageln“ steckt

Ja, liebe Leser, die gute Nachricht ist: Das Spiel ’96 gegen den FC St. Pauli wurde gar nicht verloren. Ihr könnt das nicht wissen, ihr seid ja nicht im „Prost“ gewesen.

Allmählich entpuppt sie sich als Vorort der Wahrheit, diese Pinte im hannöverschen Bahnhof, wo die Bahnreisenden, deren Anschlusszüge flugs enteilten, in einem Paralleluniversum fest sitzen.

Hier ist die Stimmung gerade prächtig: Sämtliche Fans der 3 ersten Ligen haben sich zusammen gerottet, voll ist es geworden, und verhöhnen die Bayern, lachen sie aus, zeigen mit den Fingern auf sie und bejubeln den BVB. Da sind sich auf einmal alle einig, und @ring 2 und @alfetta trösten gerade die netten Jungs von der Schickeria. Nur die Werderaner und Wolfsburger bekommen nix mit, postkoital liegen sie ineinander geschlummert auf ihrer Eckbank und haben ein kleines Stück Utopie genascht.

Mein Schulhofschwarm Pogo sitzt neben mir am Tresen und jammert. Wie öde doch das Vorstadtleben sei – ein Eigenheim in Isernhagen-Süd hat er bezogen mit hinreißenden Blagen und einer netten, ach, einfach nur netten Frau. Inmitten von Snobs haust er, in diesem pseudonoblen Südteil des längsten Dorfes der Republik. Er hat damals zu Zeiten der New Economy die richtigen Leute verarscht und abgesahnt; seine IT-Beratungsfrma läuft wie von selbst, so dass er seine herrlichen, langen Beine in Lederhose am Kamin fast ganztägig ausstreckt und von Leidenschaft, Intensität und Stil träumt, doch nicht weiß, wie er all das erreichen soll.

Denn da ist der Kredit abzutragen, den Nachbarn muss man etwas vorspielen, sonst schicken sie die Polizei vorbei und denken sich allerlei Gemeinheiten aus, sogar Hunde sollen schon vergiftet worden sein von Millionärsgattinnen, die mit Likör und Mother’s little Helper abgefüllt wie Untote durch die gut gepflegten Gärten voller englischer Rosen ziehen und ihrer Frustration kaum Herr werden. Aus lauter Langeweile und Überdruss gründen sie Sarrazin-Fan-Clubs oder verspekulieren die Kohle ihrer Angetrauten wahlweise in Pokerrooms oder an der Börse, beißen Kaninchen heulender Kinder die Kehlen durch oder fackeln Autos ab.

Jeden Montag versammeln sich Frauen zwischen 40 und 60 und geben ihre Dior-Kleider mit Schmauch- und Brandspuren in der Reinigung Altwarmbüchen ab. Einmal wurde Pogo auch schon vergewaltigt. Er schämt sich so, ich nutze die Chance, ihn zu trösten. Er ist zwar in die Jahre gekommen, aber die so fein geschwungene Hakennase ist prägnanter geworden, die Falten stehen ihm gut, und die hellen Augen zwischen blau und grau flackern in ihrer Frustration wie Nordlicht.

Mit 96-Fansein hat er es auch versucht und es gleich wieder bleiben gelassen. Diese seltsamen Menschen, die in praktischer Freizeitbekleidung wie von einem Festival mit Truck Stop als Headliner – „Das Mädchen wird schöner mit jedem Glas Bier„, die Truck Stop-Fassung gab es nicht bei Youtube, das Lied hatten wir ja gestern schon – kommend wirken und solchen, für die Pyro im eigenen Fanblock das Gipfelerlebnis ihres sonst so tristen Daseins zwischen Vahrenwald und Vahrenheide ist, immer hin und her, Vahrenwald-Vahrenheide, Vahrenheide-Vahrenwald, nee, die ertrug er auch nicht.

Diese gehobene Durchschnittlichkeit, die sich daran ergötzt, wenn ihre Spieler Gegenspielern in die Fresse treten, während Schiedsrichter Gagelmann feixend daneben steht, das ist nix für welche, die in den frühen 80er im Postpunk-Szenario von Freiheit und „Erfinde Dich neu, immer wieder neu!“ träumten. Die sitzen auf Tribünen unweit einer Alster-Imitation namens Maschsee, von Adolfs Abeitsdiensten ausgehoben und somit Vorbild für all die Hartz IV-Hetzer in den gesammelten Parteien, sehen  ihrem Nebenmann beim Geifern zu und wissen, dass dessen größter Traum ist, einmal zu Lena „Komm unter meine Decke und da mach es Dir bequem!“ zu sagen, sabbernd. Und weil das ja eh nix wird, freuen sie sich stattdessen, wenn schlechte Spiele zweier Mannschaften vergagelt werden und unberechtigte Freistoßentscheidungen in letzter Minute zu Siegen führen. Wobei jede Niederlage verdient ist, weil man vorher ja auch nicht getroffen hat. So scheint es, ja, scheint es nur – denn das Spiel hat ja so gar nicht statt gefunden.

Während ihr glaubt, das Spiel würde laufen und Herr Gagelmann die Erkenntnisse des Wochenendseminars bei Herrn Rafati ausprobieren, packt uns in der Wahrheit des „Prost“ die Erregung, den Pogo und mich. Wir sehen die Tür hinten in der Ecke der Kneipe und beschließen, die Intensität und Leidenschaft, die die frühen 80er uns versprachen, einfach mal zu reaktivieren. Er nimmt meine Hand, wir durchschreiten die Tür, ich sehe, dass sein Knackarsch in der Lederhose seinen Reiz keineswegs verloren hat.

Wir stoßen vor in seltsame, parkhausähnliche Gewölbe, nachdem wir ein paar Betontreppen hinab gestiegen sind. War hier nicht mal eine Disco namens „Sub“? Und plötzlich weht ein eiskalter Wind, Nebel wabern, von überall kommt Stöhnen. Seltsame, grünweiße gewandete Fernfahrer mit roten Farbakzenten greifen uns, und mirnix, dirnix finden wir uns in einem scharfen SM-Setting wieder, von dem bereits historische Quellen sprechen. Ein antiker Märtyrer hat davon in einem Dialog in „ich“-Form berichtet:

„Nächstdem, sprach ich, vergleiche dir unsere Natur in bezug auf Bildung und Unbildung folgendem Zustande. Sieh nämlich Menschen wie in einer unterirdischen, höhlenartigen Wohnung, die einen gegen das Licht geöffneten Zugang längs der ganzen Höhle hat. In dieser seien sie von Kindheit an gefesselt an Hals und Schenkeln, so daß sie auf demselben Fleck bleiben und auch nur nach vorne hin sehen, den Kopf aber herumzudrehen der Fessel wegen nicht vermögend sind. Licht aber haben sie von einem Feuer, welches von oben und von ferne her hinter ihnen brennt. Zwischen dem Feuer und den Gefangenen geht obenher ein Weg, längs diesem sieh eine Mauer aufgeführt wie die Schranken, welche die Gaukler vor den Zuschauern sich erbauen, über welche herüber sie ihre Kunststücke zeigen. –“

Nun hat die Technik dieser wesenhaften Sphäre hinter der Erkenntnis unterhalb des hannöverschen Bahnhofs sich mittlerweile gewandelt, und so sahen wir, uns nicht rühren könnend und platzend vor Begierde, Bilder wie das Folgende an die Wand projiziert per Beamer ganz wie in Sky-Kneipen:

Der Typ mit der weißen Mütze  war übrigens ein sich total pfiffig gestylet fühlender Vahrenwalder. Der glaubte, er würde am Millerntor gerade in eine Welt hinein schnuppern, die ihm sonst verschlossen bliebe, während er bei Ausflügen nach Bremerode oder ins Zooviertel den Ausgleich zur Arbeit in einer Versicherung sucht und nicht findet, weil sein ganzes Lebens den Regeln des Versicherns folgt.

Wir jedoch merkten: Dessen Leben ist nur Simulation! Das stimmt gar nicht! Er ist nur Projektion in Gewölben unterhalb des Prost! Das Paralleluniversum ist der Vorhof zum wahren Universum!

Die historischen Quellen dazu berichten:

„Auf keine Weise also können diese irgend etwas anderes für das Wahre halten als die Schatten jener Kunstwerke? –

Ganz unmöglich. –

Nun betrachte auch, sprach ich, die Lösung und Heilung von ihren Banden und ihrem Unverstande, wie es damit natürlich stehen würde, wenn ihnen folgendes begegnete. Wenn einer entfesselt wäre und gezwungen wurde, sogleich aufzustehen, den Hals herumzudrehen, zu gehen und gegen das Licht zu sehn, und, indem er das täte, immer Schmerzen hätte und wegen des flimmernden Glanzes nicht recht vermöchte, jene Dinge zu erkennen, wovon er vorher die Schatten sah: was, meinst du wohl, würde er sagen, wenn ihm einer versicherte, damals habe er lauter Nichtiges gesehen, jetzt aber, dem Seienden näher und zu dem mehr Seienden gewendet, sähe er richtiger, und, ihm jedes Vorübergehende zeigend, ihn fragte und zu antworten zwänge, was es sei? Meinst du nicht, er werde ganz verwirrt sein und glauben, was er damals gesehen, sei doch wirklicher als was ihm jetzt gezeigt werde? –

Bei weitem, antwortete er. –

Und wenn man ihn gar in das Licht selbst zu sehen nötigte, würden ihm wohl die Augen schmerzen, und er würde fliehen und zu jenem zurückkehren, was er anzusehen imstande ist, fest überzeugt, dies sei in der Tat deutlicher als das zuletzt Gezeigte? –

Allerdings. –

Und, sprach ich, wenn ihn einer mit Gewalt von dort durch den unwegsamen und steilen Aufgang schleppte und nicht losließe, bis er ihn an das Licht der Sonne gebracht hätte, wird er nicht viel Schmerzen haben und sich gar ungern schleppen lassen? Und wenn er nun an das Licht kommt und die Augen voll Strahlen hat, wird er nicht das Geringste sehen können von dem, was nun für das Wahre gegeben wird. –

Freilich nicht, sagte er, wenigstens nicht sogleich. –

Gewöhnung also, meine ich, wird er nötig haben, um das Obere zu sehen. Und zuerst würde er Schatten am leichtesten erkennen, hernach die Bilder der Menschen und der andern Dinge im Wasser, und dann erst sie selbst. Und hierauf würde er was am Himmel ist und den Himmel selbst leichter bei Nacht betrachten und in das Mond- und Sternenlicht sehen als bei Tage in die Sonne und in ihr Licht. –

Wie sollte er nicht! –

Zuletzt aber, denke ich, wird er auch die Sonne selbst, nicht Bilder von ihr im Wasser oder anderwärts, sondern sie als sie selbst an ihrer eigenen Stelle anzusehen und zu betrachten imstande sein. –

Notwendig, sagte er. –

Und dann wird er schon herausbringen von ihr, daß sie es ist, die alle Zeiten und Jahre schafft und alles ordnet in dem sichtbaren Raume und auch von dem, was sie dort sahen, gewissermaßen die Ursache ist. –3

Offenbar, sagte er, würde er nach jenem auch hierzu kommen. –

Und wie, wenn er nun seiner ersten Wohnung gedenkt und der dortigen Weisheit und der damaligen Mitgefangenen, meinst du nicht, er werde sich selbst glücklich preisen über die Veränderung, jene aber beklagen? –

Ganz gewiß. –

Und wenn sie dort unter sich Ehre, Lob und Belohnungen für den bestimmt hatten, der das Vorüberziehende am schärfsten sah und am besten behielt, was zuerst zu kommen pflegte und was zuletzt und was zugleich, und daher also am besten vorhersagen konnte, was nun erscheinen werde: glaubst du, es werde ihn danach noch groß verlangen und er werde die bei jenen Geehrten und Machthabenden beneiden? Oder wird ihm das Homerische begegnen und er viel lieber wollen „das Feld als Tagelöhner bestellen einem dürftigen Mann“ und lieber alles über sich ergehen lassen, als wieder solche Vorstellungen zu haben wie dort und so zu leben? –

So, sagte er, denke ich, wird er sich alles eher gefallen lassen, als so zu leben. –

Auch das bedenke noch, sprach ich. Wenn ein solcher nun wieder hinunterstiege und sich auf denselben Schemel setzte: würden ihm die Augen nicht ganz voll Dunkelheit sein, da er so plötzlich von der Sonne herkommt? –

Ganz gewiß. –

Und wenn er wieder in der Begutachtung jener Schatten wetteifern sollte mit denen, die immer dort gefangen gewesen, während es ihm noch vor den Augen flimmert, ehe er sie wieder dazu einrichtet, und das möchte keine kleine Zeit seines Aufenthalts dauern, würde man ihn nicht auslachen und von ihm sagen, er sei mit verdorbenen Augen von oben zurückgekommen und es lohne nicht, daß man auch nur versuche hinaufzukommen; sondern man müsse jeden, der sie lösen und hinaufbringen wollte, wenn man seiner nur habhaft werden und ihn umbringen könnte, auch wirklich umbringen?

Ja, wir waren in Gefahr. Pogo entfesselte sich, als Houdini-Fan kein Problem. Sah sich um, wer projizierte: Der Gagelmann-Dämon! Der wollte dem mit der Mütze und anderen einreden, dass die Welt wesenhaft schlecht, gemein und fies ist und die Guten, also die St. Paulianer, noch so sozialromantisch den Jolly Rouge schwenken könnten, nee, siegen werden die, die nicht nur häßlich sind – selten so eine häßliche Mannschaft die die ’96 gesehen -, nein, auch jene, die, um Angriffe zu stoppen, unsinnig in sich zusammen brechen, auf dass die unseren den Ball ins Aus spielen, um kurz darauf wie Phönixe über den Platz zu tänzeln. Und selbst natürlich ihre Angriffe zuende spielen, wenn unsere sich krümmten.

Dass das das wahre Leben sei, dass gegagelt wird, das soll per Projektion suggeriert werden: Also richtige Fouls ungeahndet bleiben, während solche, die keine waren, gepfiffen werden. Gageln heißt, den Ausnahmezustand als Souveränität über die Regel zu begreifen und nicht sie, sondern Willkür auszulegen. Noch nicht einmal Parteilichkeit lässt dem Gageln sich entnehmen, während genüsslich Verhalten an den Tag gelegt wird, dass der Aufforderung zur Körperverletzung gefährlich nahe kommt.

Das Gageln des Gagelmann-Dämons will auch einflüstern, mit ihm umzugehen sei Pragmatismus, Realismus, und wer sich nicht auf die Gemeinheiten des Alltags einließe und mitmache, würde untergehen. Zur Suggestion all dessen dienen die Projektionen, in denen Millionärsgattinnen in Isernhagen ebenso leben wie ein Herr Schlaudraff.

Erleuchtet flüstert Pogo mir all das in mein Ohr, während er ein wenig daran knabbert, die Lippen den Hals hinab bewegt … er bindet mich los, und während die da glauben:

… es sei Dummheit von Asamoah gewesen, zuzugeben, dass das gar keine Ecke war, wissen wir: Das täuscht nur der Gagelmann-Dämon vor mit seinem Beamer. Pogo hakt sich bei mir ein, froh, nunmehr all das Leiden in Isernhagen-Süd hinter sich gelassen zu haben. Ohne dass der Dämon das merkt, huschen wir zum Licht in der Ecke der Betonhöhle. Zwei Tore: Eines funkelt so vertraut, Silhouetten eines übergroßen, eckigen Gebäudes, angestrahlt von Flutlicht, sind zu erkennen. Aus dem Anderen dringen sozialistische Lieder, und glückliche Menschen leben in Wahrheit und jubeln dem St. Pauli-Heimsieg zu: Das Tor zur Realität.

Wir wissen nicht: Ist es bessser, nun jenes Tor zu durchschreiten, das zum Wesen führt, oder wollen wir in den Erscheinungen weiter dafür kämpfen, dass auch andere ihre Ketten, mehr zu verlieren haben sie ja nicht, lösen und dem Gageln den Garaus machen? Wir entscheiden uns für letzteres, wir müssen nur behutsamer vorgehen als die in der historischen Quelle. Wir treten durch das Tor zum Heiligengeistfeld und finden uns in der Domschänke wieder:

Womit bereits ein erster Schritt ins wahre Leben getan wäre, weil es zudem schön und gut war: Eine Horde St. Paulianer beachtet den ’96er-Bus noch nicht mal, als er vorbei fährt. Hat diese vergagelte Mannschaft auch nicht verdient. Der Weg zum Wahren, Guten und Schönen wird begossen mit einer vertrauten Horde von Twitterern und Bloggern, erstmals stößt auch der Magische FC hinzu. Später, im Café Absurd, fachsimpeln wir mit dem Quotenrocker über Dildo-Sammlungen – Pogo fühlt sich prompt wohler als in seinem Isernhagen Süd. Die Blagen holen wir auch bald hierher.

Dass die Anderen ihn gar nicht wahr genommen haben, das liegt daran, dass sie noch zu sehr in ihrem Parallel-Universum verhaftet sind. Macht nix, können sie ja nix für, dafür gibt es nun den Jolly Rouge, um einen ersten Baustein des wahren Lebens im  Falschen zu realisieren …

Advertisements

2 Antworten zu “Neues aus dem Paralleluniversum „Prost!“: Vorschau Hannover 3 und was hinter „gageln“ steckt

  1. Pingback: #FCSP und Hannover 96 zeigen ein neues Bundesliga(minus)niveau. Rollrasenverleger- Boykottierer: „Ein Acker in der Großstadt!“ « Quotenrock by QuoteniRud.us

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s