Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Vorschau Hannover 2

„Als ein leitender Angestellter des Vereins in einer lockeren Journalistenrunde gefragt wurde, was er von den Sozialromantikern hält, antwortete er: „Hängt die Grünen, so lange es noch Bäume gibt!“ So lautete einst ein mißglückter Scherz des früheren FC Bayern-Kickers Mehmet Scholl. Genaugenommen paßt der Spruch nicht, weil ein Großteil der sozialromatisch Veranlagten mit den Grünen wenig anfangen kann, das Personal der Fankneipe Jolly Roger war vor einiger Zeit so souverän, Katharina Fegbank, eine grüne Lokalgröße, vor die Tür zu komplementieren. Aber das Ressentiment, für das das „Hängt die Grünen“-Statement steht („Geht doch nach drüben!“), ist typisch für die Haltung der Egotripper und Nichtsmerker unter den Führungskräften des Klubs, die am falschen Fussball im falschen nichts Falsches finden können.“

René Martens, True Romance, in: KONKRET 3/2011, S. 43

Wohl wahr. Es ist schon dreist, wie die Führungsclique des FC St. Pauli sich weiter hinter dem Nichts der fehlenden Inhalte verschanzt und glaubt, sie könne uns aussitzen. Ganz, als sei nix geschehen. Hat irgendwer was von denen gehört?  Irre ich, dass die glauben, man müsse nur Rollrasen über der Sache verlegen, dann liefe der Ball schon wieder? Nee, liebe Leute, manches Mal säuft man dann ab …

Der Derbysieg war einer der glücklichsten Abende meines Lebens, gerade weil ein Bene den Rauten so deutlich machte, dass der FC St. Pauli auch weiter rough, ungebändigt, einzigartig und jenseits der stromlinienförmigen Vermarktbarkeit sich situieren kann. Trotz aller Sottisen Stanis gegen Proteste im Stadion hat er das genau das gemacht, was uns ausmachen sollte: Eine menschliche Geste im emphatischen Sinne bei dem Risiko, dass auch was schief gehen kann. Loyalität zu dem, was zusammen hält. Und ein Anderssein, das nicht zum schlüpfrigen Treppenwitz abgewixter Marketinghülsen an all den Computern der Kulturindustrie, zu der auch Werbung gehört, verkommt und sich dadurch auflöst. Nur noch Stil … Erkenntnis, die den Inhalt will, will die Utopie. Wo René Martens schon den Adorno vorgelegt hat, nehme ich den Ball dankend an.

Was war denn das jetzt mit dem „Jolly Rouge“? Auch nur ein Event? Haben wir genau das gemacht, wogegen wir protestieren wollten? Hübsche Bilder für die Presse inszeniert, Füllstoff für die Berichterstattung der drittklassigen Tageszeitungen der Hansestadt geliefert? Irgendwas, womit man sich sogar in SPD-Parteizentralen schmücken kann, während man dort Hartz IVler knechtet, entrechtet und diskreditiert?

Nix, rein gar nix ist ansonsten passiert. Meeske dürfte jetzt während des Spiels nicht mehr in Susis Showbar an der Stange tanzen, okay. Ja, und? Habe ich etwas verpasst? „Die Zeit der Lippenbekenntnisse ist vorbei“, stand in der Sozialromantikerpetition. Ja, und jetzt?

„Ich glaube, möchte man den FC St. Pauli so vermarkten, dass er seine Identität, die er seit gut 25 Jahren von seinen Fans bekommt, wahrt, dann braucht es mehr als klassischen Mittel der Vermarktung und es braucht bei denen, die den Verein vermarkten, ein Gespür, ein Gefühl für den Pulsschlag von Verein und Fans.

Dieses Gefühl haben weder der Herr Meeske, noch die UFA Sports, die ja ein Dienstleister für den Verein ist, aber aufgrund der Provision, die ihr zu steht, natürlich versucht jeglichen Müll durchzudrücken. Dass dabei schon so manche unterirdische Idee von Vereinsvertretern, ja sogar von Herrn Meeske als Schwachsinn abgebügelt werden, da bin ich mir sicher. Nur fehlt es mir sowohl bei der Person Meeske, als auch bei der Firma UFA Sports, an der nötigen Kreativität. Jegliche Vermarktungsaktivitäten sind klassischer Natur. Ich halte es deshalb für schwachsinnig an beidem festzuhalten, vielmehr sollten wir uns darum bemühen, möglichst eher gestern denn heute, sowohl Herrn Meeske, als auch die UFA Sports los zu werden, ansonsten werden wird unser Verein mittel- bis langfristig dem Einheitsbrei immer näher kommen, bis er irgendwann in ihm untergeht. Leere frisst Raum.“

Richtig. Toller Text.

Aber: Der Meeske ist nicht dazu da, das Mehr als Ökonomie des FC St. Pauli zu beschwören. Solche Typen sind zumeist unverbesserlich in ihrer Markenbildungswelt verhaftet, mutmaßlich lebenslänglich. Denen gebührt Mitleid dafür, dass sie sich auch noch so scheißcool dabei zu finden scheinen, dass sie alles sinnentleeren wie zugekokste Fernsehmanager oder Parteizentralenschergen, die noch Kinderarbeit in Landminenfabriken am Hindukusch als Freiheit in Alternativlosigkeit beschwören würden. Deren formalisierende Denke ist per Definition menschenverachtend, der ist schließlich der Ökonom in der Runde.

Nun haben Wirtschaftsnobelpreisträger wie Armatya Sen so schöne Buchtitel wie „Ökonomie für den Menschen“ in die Welt gesetzt, was meint, dass das Wozu der Wirtschaft auch unter den Bedingungen des falschen Lebens noch diskutierbar bleibt. Und das ist die Rolle des Vereins, nicht der Geschäftsführung. Das ist Sache des Präsidiums.

Und da hat sich vor allen anderen Gernot Stenger so was von disqualifiziert, dass an dessen Stelle jemand treten müsste, der nicht etwa seine Familie durch Steuerberatung für Private Equity Fonds und Fachanwaltschaft für „Immobilientransaktionen“, also das, was die Gentrifzierung in Gang hält, ernährt, sondern jemand, der jenseits der wirtschaftlichen Kriterien das Wozu zu erfassen vermag.

Der einzige im Präsidium, der zumindest den Eindruck vermittelt, er würde noch was anderes begreifen als diese vom Lichterkarussell eindrucksvoll dargestellte raumfressende Leere, ist Bernd-Georg Spies. Der braucht Unterstützung, und zudem ist es an uns, immer wieder zu verklickern, wofür er denn nun steht, der FC St. Pauli. Weiter laut zu schreien: „Hey, Leute, wer noch einmal „Toleranz“ sagt, ohne zu erläutern, was genau er damit meint, wird abgewählt! Wir wollen mehr als solche Worthülsen!“

Die Verträge mit der UFA kenne ich nicht. Aber natürlich muss man an die ran, wenn sie es sind, die die Business-Seats vermarkten. Es macht wenig Sinn, nun einzelne Marketingmaßnahmen zu diskutieren, dann haben sie einen. Es geht um das Strukturelle, und das kann nur heißen, Institutionen im Verein zu stärken und zu schaffen, die Kontrapunkte zu Formalisten wie Meeske oder Gewinnmaximierern wie der UFA setzen und die Zügel wieder in die Hand nehmen. Ich denke einfach nur, dankbar, dass es sie gibt, die Vorlage vom Lichterkaraussell weiter. Und fordere hiermit tatsächlich: „Stenger raus!“ und „Verein ausbauen!“, indem man Institutionen schafft, die dazu da sind, das Atmosphärische der St. Pauli-Öffentlichkeit in konkrete Initiativen zu überführen. Welche das sein könnten über den ständigen Fanausschuss hinaus und mit ihm zusammen, das wäre zu diskutieren.

Denn, um René Martens zu zitieren, der Ring 2 und mich zitiert:

„Der Blogger Ring 2 schreibt, die Sozialromantiker machten den Unterschied aus „zwischen Event und Happening“. Sein Kollege Momo Rulez proklamiert, es gelte zu verhindern, daß der FC St. Pauli in einem Atemzug genannt wird mit „Queen Mary, Hafengeburtstag, Schlagermove“. Ideologiegraphisch gesagt: „Laßt uns Rand bleiben statt Mitte werden“.“

René Martens, True Romance, in: KONKRET 3/2011, S. 43

Danke. Auch auf den Kleinen Tod nimmt der Artikel Bezug, auch ihm ist zuzustimmen (auch zusätzlich hinsichtlich des Kommentar 2 unter dem verlinkten Eintrag):

„Der Blogger Kleiner Tod schreibt: „Anders als durch eine demokratische Mehrheitsentscheidung kann der Verein nicht in die von uns gewünschte Richtung bewegt werden.“ Die gefühlte Revolution auf St. Pauli – das wären also Reformen durch Abstimmung.“

René Martens, True Romance, in: KONKRET 3/2011, S. 43

Ja. Warum nicht? Nicht alles an der Sozialdemokratie war schlecht 😀 – die war ja nicht immer so wie Olaf Scholz. Also ran da.

Außerordentliche Mitgliederversammlung jetzt. Und morgen wieder ganz in Jolly Rouge sein … denn nach dem Derby ist vor der Revolution. Aux armes. Nous sommes St. Pauli. Et nous allons gagner!

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7 Antworten zu “Vorschau Hannover 2

  1. kleinertod Februar 26, 2011 um 11:49 am

    Das Heft mußte ich mir doch besorgen und den Artikel, der hier gut wiedergegeben wurde, habe ich aufmerksam gelesen. Danke nochmals für den Hinweis – und auch diese treffenden Ausführungen. Heute wieder in Rot – der Protest geht weiter. Hey ho, let´s go!

  2. Loellie Februar 26, 2011 um 12:06 pm

    „Ja. Warum nicht? Nicht alles an der Sozialdemokratie war schlecht 😀 – die war ja nicht immer so wie Olaf Scholz. Also ran da.“

    Ich fand es ja bezeichnend, dass auf Olafs Party einer eine riesen SPD-Fahne mit angeklebten Jolly Rogers schwenkte, und dachte, na, da werden jetzt bestimmt welche ihre Freude haben, wenn sie das sehen.

  3. momorulez Februar 26, 2011 um 12:44 pm

    @Kleiner Tod:

    Bin schon ganz in Jolly Rouge gekleidet 😉 – ich präferiere ja aktuell den in rotem Kreis auf schwarzem Grund 😀 …

    @Loellie:

    Darüber haben wir uns schon ordentlich aufgeregt bei Twitter, und im Forum gibt es dazu auch eine Thread. Der Magische FC hatte das auch seinem Blog aufgegriffen. Die haben auch Veranstaltungen bei uns im „Ballsaal“ abgehalten, die GAl hat da sogar ihre Wahlparty gemacht, was ich, trotzdem Krista Sager, glaube ich, wirklich mit ganzem Herzen St. Paulianerin ist und Corny ja in der GAL aktiv war, ganz außerordentlich Scheiße finde. Irgendwer von DIE LINKE hat wohl auch Interviews mit St. Pauli-Schal gegeben, was echt richtig nervt, dieses Rumgeschmarotze. Kann ja sein, dass die allesamt privat Fans sind, aber parteipolitische Verknüpfungen mit unserem Vereinsleben finde ich Scheiße. Ein Grund mehr übrigens, dass der Herr Woydt, Mitglied im CDU-Wirtschaftsrat und bei uns Präsidiumsmitglied, gleich mit abgewählt werden sollte.

  4. René Martens Februar 26, 2011 um 6:33 pm

    @momorulez:

    Das mit den Hoffnungen auf eine Reform durch Abstimmungen meinte ich gar nicht unbedingt despektierlich. Ich habe das eher für diejenigen unter den konkret-Lesern betont, die nicht St.-Pauli-affin sind bzw. mit Fußball überhaupt nichts am Hut haben – und die sich möglicherweise darüber wundern, dass für die Sozialromantiker-Sympathisanten der Sozialdemokratismus (um jetzt Deine Formulierung aufzugreifen) das höchste der revolutionären Gefühle ist (es sei denn, man gründet tatsächlich einen neuen Verein).

  5. momorulez Februar 27, 2011 um 10:36 am

    Ja, hatte ich so verstanden. Wobei ja auch bei aller berechtigten Kritik des Sozialdemokratismus unter Konkret-Lesern immer nur wie auch immer gedachte Vorstellungen dessen, was Demokratie sein könnte jenseits des auf Eigentumsschutz basierenden, liberalen Rechtsstaates, mal wieder eine Rolle spielen sollte. Und genau das macht für mich die Faszination des FC St. Pauli aus, dass da einerseits alle kapitalistischen Systemlogiken greifen, andererseits ein zu jeglichem Chaos befähigter Verein und eine immer noch kritische Fan-Crowd intervenieren kann, wenn sie Agitatoren wie Stenger nicht auf den Leim geht. Und die Chance würde man ja vertun, gründete man einen neuen Verein. Im Grunde genommen haben wir da Ansätze einer demokratisierten Wirtschaft und sogar des gemeinschaftlichen Verfügens über „Produktionsmittel“ – auch wenn das Stadion aktuell eher der Bank gehört, muss man jetzt mal nötigen, dass die Verträge bzgl. der Business-Seats z.B, nicht nur beschworen, sondern ernsthaft diskutiert werden.

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