Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Wie die Funktionssysteme kommunizieren

Menschen sind Umwelt für gesellschaftliche Subsysteme, und sie trachten danach, Umwelten zu beherrschen und andere, gesellschaftliche Subsysteme ihrer Handlungslogik- und Kommunikationslogik zu unterwerfen. So ganz grob und bereits stark modifiziert eine zentrale These Niklas Luhmanns, die man in Anknüpfung an Habermas‘ „Theorie des Kommunikativen Handelns“ mit der Marxschen Theorie der Produktionsverhältnisse rückverbinden muss, um aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen zu begreifen.These.

Geradezu exemplarisch hierfür die Wunschliste der „Wirtschafts“-Lobbyisten nach dem Wahlsieg von Olaf Scholz:

Dem künftigen Wirtschaftssenator Frank Horch (parteilos) sollen nach Meinung des Industriechefs auch die Themen Infrastruktur, Wissenschaft und Energie unterstellt werden.

„Bei den für Hamburg besonders wichtigen Themen wie Elbvertiefung, Industrieflächenmanagement, Energiepolitik, Innovationsförderung und Fachkräftemangel kann die neue Behörde dann Lösungen aus einem Guss entwickeln und deutlich schneller umsetzen.“ Das Ressort Arbeitsmarkt sollte dagegen laut Kutsch zur Sozialbehörde wandern, aus dem jetzigen Stadtentwicklungs- und Umweltressort müsse eine reine Umweltbehörde werden. Die Wissenschaftsbehörde könnte durch den neuen Zuschnitt wegfallen. Damit würde es in der Stadt künftig nur noch acht statt neun Senatoren geben.“

Es ist schon erstaunlich, wie die Subsysteme „Politik“ und „Wissenschaft“ aggressiv annektiert werden von den strukturell, nicht persönlich Herrschenden im Rahmen von Äußerungen, die institutionalisierter Logik folgen. Und wie zugleich „Arbeitsmarkt“ gar nicht mehr als Teil von „Wirtschaft“ begriffen wird, sondern als irgendwie klein zu haltende Ausscheidung der Systeme selbst unter ökonomischen Handlungs- und Kommunikationslogiken systemisch kaum fassbarer Bürokratenherrschaft möglichst nicht weiter stören soll beim Ausbau der Produktivkräfte, deren Eigendynamik kanalisiert werden soll .

Was übrig bleibt, sind Menschen. Und wenn das zu viele sind, die übrig bleiben, kommt es zu Prozessen wie aktuell in Ägypten oder Libyen. Und auch in Wisconsin. In einem mir sonst oft so gar nicht sympathischen Blog wird auf eine strukturell analoge Entwicklung inmitten der USA verwiesen, und da spring ich doch über meinen Schatten und sage Dankeschön:

„Bis zu 30.000 Teilnehmer an täglichen Demonstrationen, ein besetztes Kapitol in der Hauptstadt Madison und Abgeordnete, die in einen Nachbarbundesstaat „fliehen“: Der US-Bundestaat Wisconsin erlebt derzeit mehr als turbulente Tage. Beamte machen gegen das Sparpaket von Gouverneur Scott Walker mobil. Doch gleichzeitig ist der Arbeitskampf der erste große Showdown zwischen Republikanern und Gewerkschaften.

Walker (…) will durchsetzen, dass die rund 175.000 Beamten des Landes einen Teil ihrer Pensions- und Gesundheitsversicherungsbeiträge selbst bezahlen. Lohneinbußen von rund sieben Prozent wären die Folge.

Walker spricht von einem Defizit von 137 Millionen Dollar, das er bekämpfen muss. Kritiker werfen ihm hingegen vor, dass er gleichzeitig 140 Millionen in neue umstrittene Initiativen wie die Förderung von privater Gesundheitsvorsorge steckt.“

letzteres ist durchaus interessant – schaut man sich einmal die derzeitige lage der us-bundesstaaten innerhalb der fortgeschrittenen phase der globalen wirtschafts- und finanzkrise an, so fällt auf, dass wisconsin zwar bereits echte probleme mit den folgelasten der durch die banken und ihren lobbys eingeleitenen, aber letztlich durch die systemischen strukturen kapitalistischer ökonomien unvermeidlichen krise hat, aber sich noch nicht in so einem desolaten zustand wie bspw. californien oder illinois befindet. wie überall anders auch, versuchen die kapitalistischen jünger auch in wisconsin, die krisenfolgen von ihren finanziers und „leistungsträgern“ nach unten abzuwälzen und statt dessen ihr gescheitertes – nicht für sie, aber gesamtgesellschaftlich – system weiter auszubauen und zu erweitern. privatisierungen allerorten und „mehr markt!“ und „eigenverantwortung“ werden unverdrossen weiter als heilsrezepte verkauft. soweit also kein unterschied zum hiesigen trauerspiel.“

Eben. Siehe den Forderungskatolog von Hans-Theodor Kutsch. Es ist erstaunlich, wie parallel die „Globalisierungs“-Rhetorik verstummt, jetzt, wo die arabische und ggf. auch persische Welt explodiert, und alle verzweifelt versuchen, wieder kulturelle Deutungsmuster zu mobilisieren. Wie die Vorgänge in Wisconsin allseits verschwiegen werden und Griechenland auf einmal nationale Deutungsmuster erfährt. Ich glaub trotzdem: Ziehen Sie sich warm an, Herr Kutsch. Das wird auch Ihrer Unterwerfungsrhetorik irgendwann um die Ohren fliegen.


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2 Antworten zu “Wie die Funktionssysteme kommunizieren

  1. Loellie Februar 22, 2011 um 12:07 pm

    Sehr schön auch das hier.

    http://kasamaproject.org/2011/02/18/one-world-one-pain/

    http://www.youtube.com/watch?v=5Y6uc8tV3G0

    Wisconsin ist praktisch die Heimat der us-amerikanischen Gewerkschaftsbewegung. Dort gibt es 7 Orte die alle „Union“ heissen. Am 4. Mai 1886, dem Tag des ‚Bay View Massacre‘ wurde eine Demonstration, auf der der 8 Stunden Tag gefordert wurde, von der Nationalgarde und privaten Milizen zusammengeschossen. 7 Menschen starben, darunter ein 13jähriger Junge.
    Praktisch alles, was Gewerkschaften in den USA durchsetzten, die 5 Tage Woche, Sozialversicherung, das komplette Paket, wurde in Wisconsin erstritten.

    Bei den Streiks geht es nur quasi nebenbei um die Lohnkürzung via Gesundheitsvorsorge und Rente, damit alleine wären die Republikaner sogar durchgekommen. Walker hat aber, wie das gerne gemacht wird da drüben, in letzter Minute noch einen Satz in der Vorlage erweitert, welcher das Ende des „colective bargaining“ beschliesst. Arbeitnehmer müssten dann künftig individuell mit dem Arbeitgeber verhandeln, was praktisch das Ende der Gewerkschaften wäre.

    Apropos Demonstranten zusammenschiessen, ich mach jetzt erst mal ’ne Runde und seh nach, wie sich unser FRONTEX-Mann in Libyien schlägt. Das kann ja nicht mehr lange dauern.

    Und ja, Griechenland existiert erst heute Abend, falls sich denn ein paar Brennende Mülleimer finden …

  2. Pingback: Wie Umverteilung funktioniert: „Angie, koch mal Kaffee!“ « Metalust & Subdiskurse Reloaded

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