Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

„Koloniale Sichtweisen und die Komplizenschaft der europäischen Politik“: Navid Kermani im Interview

Es ist bereits ein paar Tage her, dass in der Frankfurter Rundschau ein recht pointiertes Interview, den Konsens der hier im Blog Diskutierenden zusammen fassend, hinsichtlich der Entwicklungen in Ägypten mit dem Schrifsteller Navid Kermani erschienen. Insbesondere die Berichterstattung nimmt er aufs Korn:

„Ich sehe CNN und werde einigermaßen umfassend und gegenwartsnah informiert, von Reportern, die in der Menge stehen, und in Debatten, die mit der aktuellen Situation jedenfalls zu tun haben, an denen immer auch die Akteure selbst zu Wort kommen – in denen Araber auftreten, ganz banal! Das Gleiche gilt, wenn ich BBC oder Al Dschasira schaue. Nur wenn ich im deutschen Fernsehen zappe, höre ich lauter Figuren aus dem 19. Jahrhundert darüber schwadronieren, dass im Islam Staat und Politik eins seien. Oder sie diskutieren, ob „der Islam keine Freiheit kann“. Alles Fragestellungen aus einem hundert Jahre alten kolonialistischen Diskurs.“

Sach ich ja. Nicht minder treffsicher Kermanis Charakterisierung des Präsidenten jenes Landes, das im Verlauf des Algerienkriegs im Blut geradezu watete:

„Jemand wie Nicolas Sarkozy zieht doch alles in den Schmutz, wofür Europa im Positiven steht: Spielt sich auf als Hüter der Französischen Revolution und kungelt am ungeniertesten von allen mit Potentaten wie Mubarak, behandelt Flüchtlinge wie Dreck, missachtet die eigene Verfassung! Man muss auch mit Dikatoren reden, heißt es in diesen Tagen immer wieder. Richtig. Aber man muss sich nicht auch noch den Privaturlaub von ihnen bezahlen lassen, man muss auf dem Höhepunkt des Aufstands keine Hilfe anbieten, um friedliche Demonstranten niederzuknüppeln, man muss nicht jemanden wie Gaddafi auch noch umarmen. Und so weiter – das ist ein Ausmaß an Verkommenheit, ich sage es: Kriminalität und Komplizenschaft, wie es in einigen europäischen Regierungspalästen normal geworden zu sein scheint. Was Wunder, dass die Menschen im arabischen Raum sich abgestoßen fühlen?“

Gerade der Verweis auf das Kungeln mit Gaddafi erfährt gerade grausame Aktualität, und jegliche politische Öffentlichkeit hat derzeit schlicht die Verantwortung, auf diese Komplizenschaften zwischen Politik, Wirtschaft und Diktatoren immer wieder dezidiert hinzuweisen. Empfehle dringend die Lektüre des ganzen Interviews.

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16 Antworten zu “„Koloniale Sichtweisen und die Komplizenschaft der europäischen Politik“: Navid Kermani im Interview

  1. che2001 Februar 22, 2011 um 7:14 pm

    Dem ist nichts hinzuzufügen, außer: Die europäischen Regierungen sollen sich nicht sicher sein. Von den Arabern lernen heißt siegen lernen.

  2. T. Albert Februar 22, 2011 um 7:27 pm

    Es ist Kermani und Che nichts hinzuzufügen.

    Ausser, das ich innerlich am dauerkotzen bin.

  3. T. Albert Februar 22, 2011 um 7:35 pm

    Doch noch mal: Ghaddafi umarmen – letzte Woche wurde der Chef-Drecksack in Italien gefragt, ob er seinen Kumpan Ghaddafi schon gesprochen hätte. Nein, hat er gesagt, er wolle Ghaddafi nicht stören.
    Es gibt schon noch ehrliche Politiker in Europa.
    Jetzt wollen wir mal sehen, was ihre demokratische Frontex-Truppe anrichten wird und welche weitere der folgen wird.

  4. momorulez Februar 22, 2011 um 8:39 pm

    Heute war auch noch mal ein Text in der FR, in dem die tiefe Beunruhigung diverser EU-Länder bezüglich der Flüchtlings“politik“, in der Ghadafi doch so ein wichtiger Partner sei, geschildert wurde, und Libyien sei doch auch so ein wichtiges Bollwerk gegen die Schwarzafrikaner … da deligitimiert sich gerade die herrschende Klasse, weil das, was von ihnen nur noch als Phrase begriffen wird, anderswo auf einmal ernst genomnen wird.

    Ja, Che.

  5. che2001 Februar 22, 2011 um 9:57 pm

    Und plötzlich gerät die ganze Festung-Europa-Frontex-Thematik, bis dato ein Thema von Pro Asyl, der Flüchtlingsräte und Antirassismusgruppen und außerhalb der offiziellen politischen Debatten in den Focus der Weltpolitik.

  6. T. Albert Februar 22, 2011 um 10:12 pm

    „Über Flüchtlingswellen im Mittelmeer werde noch viel gesprochen werden, sagen Brüsseler Experten mit düsterem Unterton vorher. Minister Wauquiez gab für Frankreich schon einmal die Linie aus: «Es muss eine europäische Solidarität geben. Wenn es gemeinsame Grenzen gibt, werden sie gemeinsam verteidigt.» (dpa)“

    Das ist der letzte Absatz aus dem FR-Artikel. Der französische EU-Minister verteidigt eine europäische Grenze gegen „Flüchtlingswellen im Mittelmeer“.
    Kann Egon Krenz eigentlich noch in Revision gehen? Wieviel Schadenersatz stünde dem eigentlich zu für unberechtigte Haft? Sind die Selbstschussanlagen irgendwo im BUnker und werden gut gewartet?

  7. bersarin Februar 22, 2011 um 10:18 pm

    Ja, Frontex gerät in den Mittelpunkt. Aber als heldenhafte Abwehr. Und der Slogan wird demnächst lauten: „Gut, daß wir Frontex haben.“ „Unsere Jungs von Frontex!“ Und ähnliches.

  8. momorulez Februar 22, 2011 um 10:23 pm

    Auch Joschka Fischer, der Drecksack und Kriegstreiber, der wohl irgendwann auch post mortem als Kriegsverbrecher verurteilt werden wird, hat das neulich großartig über Lampedusa referierend indirekt im Sinne „gemeinsamer europäischer Außenpolitik“ diskursuv mit vorbereitet. Dieses Dreckspack wird die EU weiterhin dafür missbrauchen, im Sinne von Banken und anderen kriminellen Vereinigungen Hand in Hand mit den Gaddafis Demokratie abzuschaffen.

    Ist ja genau wie Che schreibt: Die Wahrheiten, die von vermeintlichen Linkssektierern und Extremisten schon lange aufbereitet werden, werden mit übelster Ideologie und nackter Gewalt immer wieder neu hergestellt, während zugleich man sie tarnt.

  9. che2001 Februar 23, 2011 um 11:39 pm

    Und dazu gehört dann auch, dass diese Aufbereitungen, von uns Neuer Antiimperialismus genannt, nicht nur von Staatsseite als Linkssektierertum und Extremismus bezeichnet werden, sondern von sich linksavantgardistisch wähnenden Antideutschen als „struktureller Antisemitismus“ und von wertkritisch ausgerichteten McAntifa-Carharrt-Distinktionslinken als „Sozialromantik“, „Tierremondismus“ und „Traditionwahrung“ denunziert werden. Der LKW-Fahrer, der in Ägypten das Wasser seines Tanklasters in den Wüstensand rinnen ließ, damit die Government-Leute, die Angehörigen der “ Ramses-Clique“ (man vergleicht da gerne Kleptokraten mit Pharaonen und Göttern, Demokratie ist eine Haltung gegen den Pharao, das ist da so eine Grundposition der einfachen Leute) sich nicht anstelle der ausgesperrten Campingplatzbenutzer duschen konnten ist mir viel näher als Otto Normal in Deutschland.

  10. Nörgler Februar 23, 2011 um 11:50 pm

    „Frontex an die Front!“
    „Freiherrn für Frontex! Eine Initiative des deutschen Adels.“
    „Frontex – damit der Drogendealer nicht auf dem Schulhof steht!“
    „Der coole Job für Dich: Werde Frontexasranger!“

  11. che2001 Februar 24, 2011 um 12:15 am

    Freiheit durch Sicherungsverwahrung!
    Afrika den Afrikanern, Europa den Europäern!
    Abschiebehaftungsausschluss für deutsche Bürger!
    Neger sollen nicht Negt lesen!
    Doktortitel für den gesamten Adel, Hartz IV für alle Integrationsverweigerer!
    Wer Integrationsverweigerer ist regelt ein Bundesgesetz oder Herr Sarrazin.

  12. Nörgler Februar 24, 2011 um 12:23 am

    „Frontextil – Outdoor, Adventure, Street Credibility“

  13. Fortinhar Februar 24, 2011 um 2:04 am

    „Komm zu uns JungAntideutscher! Frontex- Auch wir tragen Uniformen von Carharrt!“

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