Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Komm, sag schon „Schwuchtel“, Rechtsausschuss des Bundestages!

„Wenn es spät wird im Bundestag, fiebern die Politiker wie alle anderen Teile der arbeitenden Bevölkerung gerne dem Feierabend entgegen. Weniger wichtige Themen fallen da gerne hinten herunter – statt darüber zu diskutieren, werden Reden von den fünf Fraktionen daher zu Protokoll gegeben. Anfang Dezember gab es deshalb keine Debatte um die Gleichbehandlung im Beamtenrecht – und vergangene Woche fiel auch das Thema schwul-lesbische Jugendliche dem Betriebsschluss zum Opfer.“

Prima. Schwarz/gelb lässt keine Gelegenheit aus, Schwule für irrelevant zu erklären – aber auch Frau Künast findet es ja intolerant, wenn man was dagegen hat, dass religiöse Hetzer wie der Papst im Bundestag sprechen.  Sie verschanzen sich in ihren Eigenheimen, die weißen, heterosexuellen Abgeordneten und erklären ihre Welt für den Regelfall, die Anderen hingegen finden sich entwertet durch Ignoranz – um folgendes zu erzeugen:

„Ich habe mich vor zwei, drei Jahren geoutet. Da wusste ich schon eine Weile, dass ich schwul bin. Meiner damals besten Freundin und einem Freund habe ich es erzählt. Einer von beiden hat es weitergetratscht, denn an meiner Gesamtschule wussten es auf einmal alle. Dann ging es los: Ich wurde als „Schwuchtel“ und „schwule Sau“ beschimpft. Ich wurde angespuckt, Treppen runtergestoßen und aus der Umkleide geschmissen. Fast die ganze Klasse hat mitgemacht, nur zwei Mädchen haben sich mich beschützt. Die waren aber auch nicht immer da. Ich habe es zu Hause erzählt, weil ich jemanden brauchte, der mir hilft. Weil es auch sonst Stress gab, bin ich zu meiner Oma gezogen.

Die Lehrer haben total versagt. Es ist nichts passiert, da hat mir keiner geholfen. Ich war total verzweifelt. Irgendwann habe ich eine Mail ans Bildungsministerium in Mainz geschickt, die haben meinen Rektor angerufen. Der hat alles abgestritten und mich unter Druck gesetzt, ich sollte alle Anschuldigungen zurücknehmen oder die Schule verlassen. Da bin ich abgegangen, mit einem minderwertigen Hauptschulabschluss.

Ja Danke, Frau Merkel, Herr Westerwelle und wie ihr alle heißt. Und da sage noch einer, die „heteronormative Matrix“ sei irgendeine Erfindung postmoderner Philosophen. Aktiv gefördert wird dieses Verhalten auf Schulhöfen nun auch vom Rechtsausschuß des Bundestages:

„Mit der Mehrheit der schwarz-gelben Regierungskoalition gab der Rechtsausschuss des Deutschen Bundestags am Mittwoch die Empfehlung ab, das Merkmal „sexuelle Identität“ nicht in den Diskriminierungsschutz des Grundgesetzes aufzunehmen.“

Das Zurückziehen auf EU-Richtlinien gilt ja auch nicht für andere Formen des Diskriminierungsschutzes – und die Sondergesetzgebung für Kirche und Staat zeigt einmal mehr, dass von Laizismus in Deutschland keine Rede sein kann und der Staat alles dafür tut, sich Willkürfreiheit zu bewahren:

„In der Tat haben Schwule und Lesben durch das Antidiskriminierungsgesetz – und durch Europarecht – bereits einen gewissen Schutz vor Diskriminierung. Doch er weist Lücken auf. Er gilt etwa nur teilweise im Arbeitsrecht, wo es eine große Ausnahme für kirchliche Arbeitgeber gibt, und nicht für den Staat.“

Es gibt eine Relation von negativen Pflichten – „Diskriminiere nicht!“ – und präferierten Handlungen insofern, dass da, wo keine Grenzsetzung erfolgt, das durch alltägliche Reglementierung Aufgestaute sich allzu gerne Bahnen bricht. De facto erklärt der Rechtsausschuss des Bundestages wie auch die schwarz/gelbe Regierung Schwule für Freiwild – all die Menschenrechtsrhetorik sollten sich diese Leute, die außenpolitisch nicht in der Lage, Demokratiebewegungen zu stützen, und innenpolitisch permanent Minderheiten zum Objekt kollektiver Abwertung erklären, langsam mal sparen. Sie sind ihnen scheißegal. Das mag zwar keine neue Erkenntnis sein, aber sie tut doch immer wieder weh.

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