Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

St. Pauli bleibt dreckig, siegt dreckig, ist zeckig!

 

Diese gönnerhaften Rauten nerven – manche von denen. Die sind wie der Markt. Die saugen alles auf, nehmen alles in sich auf und verändern es dadurch. Wie Verdauung sind die. Die Gepflegten, Kultivierten, das sind die schlimmsten. Die so was von schulterklopfend sich ran wanzen, dass man kaum weg laufen kann, wenn sie auf öffentlichen Veranstaltungen im currybraunen Wollblazer zum blauen Hemd mit betont offenem, obersten Hemdknopf den Vortrag halten, dass es doch beides Hamburger Vereine seien. Penetrant umarmen sie. Die mögen uns, ganz glaubwürdig.

Da haben wir was falsch gemacht. Ich mag die nicht, die sich anschleimen und in großkotzigen Posen fast so gucken wie jene, die „tolerieren“. Die glauben nämlich, sie hätten gesiegt mit ihrer frisch gewaschenen Eigenheim- und Vorstadtwelt. Die denken, es dürfe nix Roughes, keinen Schmutz, keinen Schnotter geben und wissen nicht, dass man all das genüsslich leben kann. Wahrscheinlich blicken sie voller Verachtung auf die „Prolls“ im eigenen Stadion, weil die auch nicht allesamt einer „geregelten Arbeit“ nachgehen. Die haben nie Punkrock gespürt und glauben, das sei so was wie die Toten Hosen. Irgendwas aus Düsseldorf. Irgendein Totenkopf-Design. Und dann führen sie ihre schwäbischen Bankerfreunde vermutlich an der Elbe entlang, zeigen auf die Hafenstraßenhäuser und referieren, so was sei doch gar nicht mehr zeitgemäß. Lesen abends ein paar Seiten Sarrazin und wissen dann Bescheid über Jenfeld und Neukölln. Wählen am Ende auch noch grün … und finden, dass der Meeske einen prima Job macht.

Das Abendblatt bläst ins selbe Nebelhorn:

„So stehe der HSV vor allem für das alte Hamburg, für die Hansestadt und für das Establishment. St. Pauli gelte dagegen als rebellisch, unkonventionell und unberechenbar. „Die Verantwortlichen des Klubs haben es erstklassig geschafft, dieses etwas andere Image nachhaltig zu vermarkten. St. Pauli kommerzialisiert die Idee, nicht kommerziell zu sein“, sagt Zastrow“

Aaaargh … das hat weh getan, als ich das gelesen habe. Das hätte auch Gernot Stenger schreiben können. Unflätiges sei nicht „St. Pauli-like“, hat er gesagt. Er hat aber nicht gesagt, warum. Er hat sich auch nie Gedanken darüber gemacht, wieso „My fair Lady“ was mit Kolonisation zu tun hat. Wieso Östro 430 recht hatten, als sie sangen „Die merken nicht, die merken nicht, dass sie selber stinken, vor lauter Selbstzufriedenheit, die wägen sich in Sicherheit.“ Auch nicht, wieso deren „Sexueller Notstand – was Dir bleibt ist Deine Hand. Drum nimm Dir ein paar Pornos und pinn sie an die Wand“ GEGEN Sexismus gerichtet war. Okay, die waren leider aus Düsseldorf. Aber ihr Bett quietschte beim Ficken. Und bei Twitter hat der wundervolle Aftershow aus Jena heute den ganzen Tag But Alive gehört. Na also. St. Paulis Vergangenheit hat Strahlkraft.

Unflätiges gibt es freilich tatsächlich in Mordor zu kritiseren. Nur dass es da eben nicht um Stilfragen ging. Sondern um Respekt vor denen, die nicht in der Mitte sich zusammen rotten und auf die am Rande mit dem Stinkefinger zeigen. Es ist schon Hohn, folgendes zu  schreiben:

„Beim HSV gibt es mittlerweile genauso viele Bündnisse gegen Homophobie, Fremdenhass und Sexismus wie es sie seit Ewigkeiten beim Stadtrivalen gibt.“

wenn mir zumindest bis heute nicht aufgefallen ist, dass irgendwer den Rufer gegen Guerero, jenen, den die Flasche traf, für sein „Schwuchtel!“-Geschreie angeklagt hätte. Dass gerade die mit dem blauen Hemd auf den V.I.P.-Plätzen dann im Eifer des Gefechts in üblen Rassismus ausbrechen, ist mir ebenfalls mehrfach zu Ohren gekommen. Die fand ich immer schon schlimmer: Die aus der „Mitte“, die zum HSV gehen, um da mal die Sau raus zu lassen. Die strukturell das, was gruselt an diesem sarrazinesken Deutschland, par Excellence verkörpern: Die kultivierte Fassade, aus der dann jederzeit der Herrenmensch hervor brechen kann. Die „Friede dem Familienblock!“ denken, so lange da nicht zu viele „Migranten“kinder sitzen.

Meine größte Angst war immer, dass die linksspießigen Bildungsbürger bei uns, manche mit ähnlichen Mentalitäten gesättigt, unser Stadion zu der studentischen Variante des selben Phänomens werden lassen könnten. Als dann Frau Fegebank des Jollys verwiesen wurde, schöpfte ich erstmals wieder Hoffnung. Als neulich das Stadion so ganz im Licht des Jolly Rouge erstrahlte, da glaubte ich wieder an unsere Crowd. Als ich beim letzten Spiel das „St. Pauli bleibt dreckig!“-Plakat sah, spürte ich kurz Gewissheit.

Man muss das zusammen denken, die Sozialromantiker-Proteste und das, was vom HSV uns auch weiterhin trennt. Das sollten wir uns von den netten unter Rauten ebenso wenig ausreden lassen wie von Teilen des Präsidiums. Ich habe das rote Pappen- und Flaggenmeer als Appell verstanden: „Nee, bitte nicht so werden wie die! Bitte nicht als innerstädtische Eventfläche für Besserverdiener in Austauschbarkeit verrecken!“ DESHALB der Rückbau der Business-Seats. Wir müssen ihn durchsetzen.

Der Mordor-Verein war eben der erste, der den Stadionnamen verscherbelte. Der auf die alles aufsaugende „Mitte“ setzte zum Geld verdienen. Der „Unterhaltungsprogramm“ statt Fussball zelebrierte. Der RTL2-Sound-Beschallungen quälend aus Boxen dringen ließ, um der Popkultur den Garaus zu machen. Der wie jede drittklassige Fernsehsendung auf „Promis“ setzte, die noch Johannes Heesters gleich zu Standing Ovations wie bei „Wetten dass?“ animieren. Nee, bitte nicht. Wir haben keine Promis, wir haben Gerald Asamoah. Weil der zu uns passt. Und wie! Wie eben auch Charles und Schulle und Rothenbach und Naki  undundund …

Lasst uns Rand bleiben statt Mitte werden. Und nie den Rand halten. Und Sonntag gewinnen. St. Pauli will den Derbysieg! Heul doch, HSV! HSV ist heilbar!

Bruns, bitte übernehmen! Und immer schön dreckig bleiben!

 

 

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17 Antworten zu “St. Pauli bleibt dreckig, siegt dreckig, ist zeckig!

  1. kleinertod Februar 5, 2011 um 10:41 am

    Also ich mache mir da keinen großen Kopf oder ärger mich über irgendetwas von Seiten der Vorstadtanhänger. Das Gros versteht einfach nicht, was den FCSP ausmacht. Sie sehen uns als Modefan und wählen dann einen Ahlhaus, der jegliche unangepaßten Personen aus dem Hamburger Innenstadtbereich entfernen will, weil so etwas ja den Konsum der angepaßt aussehenden einschränken könnte. http://www.mopo.de/news/punks-in-der-city-jetzt-zofft-sich-die-koalition/-/5066732/5245142/-/index.html

  2. momorulez Februar 5, 2011 um 10:51 am

    Die Punks und Obdachlosen unter der Brücke beim Bismarck-Denkmal will ein SPD-Bezirksamtsleiter entsorgen, hätte beinahe deportieren geschrieben, weil das Elend ja so schrecklich aussieht, wenn davor Touristenbusse halten ….

    Mache mir da deshalb schon ’nen Kopf. Das, was in Mordors Mitte gärt, greift ja die Lebensgrundlagen von Menschen an. Schränkt Artikulationsräume ein – der oben Erwähnte mit dem blauen Hemd ist Journalist in einem ziemlich großen Laden und war geradezu prototypisch für diese Selbstnivellierung, die mich immer so irre macht. Und für die auch ein Stenger steht.

    Für mich ist die AOMV noch nix, was ich zu den Akten gelegt hätte …

  3. Pingback: HSV vs FCSP – wo die Romantik den Unterschied macht, dreckige Romantik » Sankt Pauli - nu*

  4. ring2 Februar 5, 2011 um 11:10 am

    Gernot hör die Signale! Am WE ist er ja als einziger Vorstand am Millerntor. Vielleicht hat er hier ja seinen sozialromantischen Moment?

  5. momorulez Februar 5, 2011 um 11:52 am

    Bei dem bin ich mir ja anders als bei Orth und Spies nicht sicher, ob der umdenken kann. Jemand, der sofot die Gewalt- und Extremismus-Reflexe auspackt, wenn er rote Fahnen sieht, ist vermutlich wirklich resistent.

  6. kleinertod Februar 5, 2011 um 12:25 pm

    Ob AOMV oder die normale – es muß in jedem Fall etwas passieren, denn anders als durch eine demokratische Mehrheitsentscheidung kann der Verein nicht in die von UNS gewünschte Richtung bewegt werden.

    Davon einmal abgesehen passieren unglaubliche Dinge in Hamburg seit einigen Jahren und das betrifft nicht nur eine Partei. Aber wir müssen ja tolerant gegenüber denjenigen sein, die die Rechte und Freiheiten aller einschränken, äh, „wahren“ wollen durch Einschränkung unserer Rechte und Freiheiten…

  7. momorulez Februar 5, 2011 um 12:29 pm

    Oh ja … diese Rhetorik macht mich wahnsinnig.

  8. momorulez Februar 5, 2011 um 12:34 pm

    PS: Schöner Suchbegriff gerade, passt zum obigen Eintrag: „Sozialschmarotzer St. Pauli“. Parasiten-Metaphern sind ja immer prima, und exakt diese verächtliche Haltung gesellschaftlicher Solidarität gegenüber wird durch Privilegierung von Business-Seats gefördert.

  9. momorulez Februar 6, 2011 um 1:15 am

    Es ist so dermaßen absurd … hat sich etwas derart Peinliches ein Bundesligist je erlaubt? Die müssen ja vor lauter Angst, abgeschossen zu werden, auf wirklich die dollsten Ideen gekommen sein …

  10. kleinertod Februar 6, 2011 um 12:29 pm

    Und dann noch nichteinmal dazu stehen… DAS ist doch erst wirklich peinlich.

  11. bersarin Februar 6, 2011 um 6:43 pm

    Lieber Momorulez, ich sehe gerade im Fernsehprogramm, daß auf 3sat ein ganzer St. Pauli- Abend läuft. Unter anderem auch mit dem legendären FIlm „Rocker“ von Klaus Lembke, um 22:40. Und um 21 Uhr Kiezkick und Punkrock. Vielleicht wußtest Du es ja noch nicht.

  12. momorulez Februar 6, 2011 um 6:48 pm

    Doch! Da sind viele tolle Sachen dabei!

    Auch von der Reportage über „Burlesque“, eine ja ziemlich queere Angelegenheit auch dann, wenn Frauen da ganz unsexistisch für Männer strippen (aber nie ganz) habe ich im Vorfeld viel Gutes gehört!

    Danke aber, dass Du da an mich gedacht hast!!!

  13. bersarin Februar 6, 2011 um 9:52 pm

    Habe gerade „Kiezkick und Punkrock“ geschaut: ihr habt in der Tat einen richtig coolen Fußballverein. Das ist in Berlin so nicht möglich. Da möchte man ja glatt nach Hamburg ziehen 😉

  14. momorulez Februar 6, 2011 um 10:01 pm

    Ich hab hier die ganze Zeit rum gerödelt und es glatt verpasst 😦 … aber es hat schon Gründe, dass ich diesen Club so liebe 😀 . Es gibt ein paar Spezialhistorien und – komponenten hier in der Mitte Hamburgs, die sind schon weltweit einmalig. Und die bündeln sich rund um den Verein.

    Kennst Du den Günther Zint, so unter Fotografen? Den kenne ich ein wenig, und der verkörpert das auch geradezu prototypisch, das, was ich meine. Den bewunder ich sehr. Und der gehörte zu den ersten, die mir mit „Jolly Rouge“-Jacke über den Weg lief 😉 …

  15. bersarin Februar 7, 2011 um 6:21 pm

    Ich antworte etwas zeitverzögert, nicht aus Unhöflichkeit, sondern weil ich mir gestern abend diesen Millenium-Krimi anschaute. Ich habe für solche Krimis ja etwas übrig, obwohl es dramaturgisch und filmisch nur die untere Mittelklasse (und davon dann noch einmal die untere Hälfte) ist. Und es kam für heute auch die Lohnarbeit hinzu.

    Zint kenne ich natürlich. (Jedoch nicht privat.) Toller Photograph – unprätentiös, aber dadurch sind die Photos umso eindringlicher und deutlicher. Vor allem als Demo-Photograph aus den 70er (noch nicht meine Zeit) und 80er Jahren (meine Zeit) ist er mir bekannt. Ein Buch zu den Demonstrationen jener Jahre habe ich noch bei mir im Schrank (Gegen den Atomstaat). Mit ihren Schildern sahen die Bullen damals so schön martialisch aus, heute werden Schilder nur in Ausnahmefällen verteilt. Ich frage mich, wie die Polizei den Steinhagel so aushält, aber vermutlich sind die mittlerweile alle so stumpf und desensibilisiert, daß die gar nichts merken. Stumpf ist Trumpf, um ein Punkerliedtitel anzuzitieren.

    Zints Kiez-Photos von Hamburg würde ich ja gerne mal sehen.

    Was da in Hamburg mit den HSV- und Roter-Stern-Belgrad-Hooligans abging, ist sehr schlimm. Auch frage ich mich, wie es möglich ist, daß die Polizei einer (zudem noch unbeteiligten) Frau zwei Arme bricht.

  16. momorulez Februar 7, 2011 um 8:53 pm

    Habe ja auch den Millenium-Krimi so halb geguckt, eben nur halb, weil so viel rund um die Derby-Absage zu diskutieren war 😉 …

    Die Kiez-Bilder von Zint sind schon bemerkenswert, sowohl die Alltagsszenen wie auch jene von Huren, u.a. von der großartigen Domenica. Er hatte vor Weihnachten eine Art Ausmist-Flohmarkt in einem Eiscafė, Bestände des St. Pauli-Museums u.a., die nicht mit ins neue Zuhause zogen, da habe ich dann ein paar Abzüge von ganz schlichten, ganz wundervollen Alltagsszenen, prollig, verschlafen, 70er, Leben!, für Freunde gekauft als Weihnachtsgeschenk. Das ist zwischen Pointe und dokumentarisch, und trotzdem geht da eine Welt auf. Bei den Bildern rund um Hafenstraße und Alte Flora Ende der 80er hatte ich einen Tage wirkenden Backflash, weil es ihm irgendwie gekungen ist, das Zeitgefühl damals lebendig zu halten in seinen Aufnahmen.
    Und genau das, was aus der Zeit seltsam weiter lebt, führt dann ja zu so Hool- und Polizeiattacken.

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