Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Die Kunstpolitik der Reaktionäre. Heute: Georg Diez!

Uiuiui – jetzt erobern sie sich die literarische Avantgarde, die vermeintlich Unpolitischen vom rechten Rand. Oder versuchen es zumindest mit einer Suppe aus Quatsch, von SpOn verbreitet, die den politischen Existentialismus wieder erfindet, und der war bekanntlich eher mit Carl Schmitt verbandelt als mit Jean-Paul Sartre.

Man radiert alle gesellschaftlichen Kategorien aus und ersetzt sie durch „existentiell“, ja, durch „Moral“ sogar, dass selbst Fragen der Segregation zwischen schwarz und weiß in Ästhetik und heroischer Selbstwerdung sich auflösen. Natürlich geschieht das wie üblich, um all die verhassten Hippies, Punks, die 68er zu treten, um in anschwellendem Boxgesang die Stilisierung des Helden im Kampf mit sich selbst zu inszenieren.

Originell an diesem Versuch ist lediglich, einen der Großen der Subkultur selbst zu instrumentalisieren, um die „Konservative Revolution“ auszurufen: Jack Kerouac. Mit anderen Worten: Da wird versucht, mit Benns Rede an die Emigranten und dem frühen Ernst Jünger und solchen den Hippies und Punks den Marsch zu blasen. Man lese nur immer mal wieder den Klassiker Sontheimers, der später selbst zum führenden 68er-Basher wurde, zum „Antidemokratischen Denken in der Weimarer Republik“, dann wird auch klar, was Walter Benjamin meinte, als er den Faschismus als Ästhetisierung des Politischen begriff. Zentrales Thema in dem Werk sind die „Konservativen Revolutionäre“ in der Weimarer Republik, die jene Stimmung schufen, in der „Schicksalsgemeinschaft“ und ähnlicher Schmonz hoffähig wurde. Einen solchen Begriff nutzt man in Deutschland nicht, weil einem zufällig die „Gnade der späten Geburt“ wiederfuhr.

Die gegenteilige Wirkungsgeschichte von Kerouac alleine mag belegen, dass er zu solchen nicht dazu gehört. Laut Georg Diez‘ ein Lesefehler:

„Das ist die Geschichte von „On the Road“, dem Roman, den Generationen von Beatniks, Hippies, Punks falsch verstanden haben. „On the Road“ ist keine Abrechnung mit der Gesellschaft, kein Handbuch für Eskapisten und randständige Revolutionäre. Es ist Kerouacs Suche nach sich selbst.“

Na dann … Leute wie Diez kennen halt nur das Individuum, keine Gesellschaft, folgen so dem Geiste Thatchers und schaffen es, in einem Text ein breites gesellschaftliches Panorama zu entwerfen, das sie zugleich leugnen und zur „Suche nach sich selbst“ umdichten. Zunächst werden schwule Juden aus der Erzählung getilgt:

„“On the Road“, wie es jetzt vorliegt, wirft uns das sehr viel roher, ungeschützter hin als die bisherige, lektorierte Fassung, in der alle Namen geändert waren, Burroughs nicht Burroughs hieß und Ginsberg nicht Ginsberg und schwuler Sex auch nicht vorkam.“

Uff! Als nächstes erklärt Diez die soziale Situation Schwarzer in den USA der 40er und 50er für unpolitisch:

„Der Hipster also. Diese Schlüsselfigur der Popkultur, weil er den Untergrund mit dem Mainstream verband, weil er die Geheimnisse der Eingeweihten zum Geschmack der Massen machte. Manche sehen in ihm einen Verräter, manche nennen ihn einen Visionär. Jack Kerouac war der Ur-Hipster.

Es ist ein Wort, das eigentlich nur im amerikanischen Zusammenhang wirklich zu verstehen ist. Bekannt wurde der Begriff durch Norman Mailers Essay „The White Negro“, der 1957 erschien, im selben Jahr wie „On the Road“. Ursprünglich war der Hipster jemand, der so lebte wie ein Schwarzer, obwohl er weiß war. Mit anderen Worten, er hörte Jazz. Das war der existentialistische Hipster der vierziger Jahre, der im Schatten des Zweiten Weltkriegs lebte, das war Jack Kerouac, als er Amerika durchstreifte. Der Hipster der fünfziger Jahre war anders, er lebte in der bunten Welt von Elvis Presley und Rock’n’Roll.“

So viele Verdrehungen und Weißwaschungen in zwei Absätzen muss man erst mal hinkriegen. Die Schwarzen selbst waren also schon mal keine „Hipster“, nein, Urbild ist die Okkupation derer Kultur durch Kerouac und Presley. Worüber sich ein Chuck Berry zu recht echauffierte, worunter ein Miles Davis litt, Rassismus ausgesetzt sich sehend, wird hier ungebrochen und unreflektiert Urgrund der Popkultur. Faktisch ist es so gewesen, dass die Weißen abräumten mit dem, was Schwarze ihrer sozialen Situation abgerungen haben – insbesondere auch jener Erfahrung, im Krieg noch als amerikanischer Soldat an der Front zu kämpfen, um anschließend als Amerikaner zweiter Klasse sich erneut behandelt zu sehen. Bei Diez wird daraus „der existentialistische Hipster im Schatten des zweiten Weltkriegs“.

Als Sartres „Die Fliegen“ in Paris uraufgeführt wurde, war jedem klar, der es sah, dass der für den Existentialismus so prägende Ruf nach Freiheit in seiner emphatischten und verabsolutierten Form keineswegs „im Schatten des 2. Weltkriegs“  zu verorten war, sondern mittendrin. Und dass die „Suche nach sich selbst“ auch im Jazz eine nach der befreienden Form war im immer indirekt auch politischen Sinne. Auch wenn Miles Davis und Lennie Tristano europäische Kompositionstechniken einsetzten und mit „Cool“ eben jenen Eskapismus in der Haltung schufen, der verachtend auf die gesellschaftliche Realität schaut, ohne mit politischen Slogans einzugreifen, so ist diese „Suche nach sich selbst“ in der Distanznahme immer noch auf diese bezogen. Weil es eben anders gar nicht geht.

Die Identifikation mit den Marginalisierten ist keine „Suche nach sich selbst“, sondern der Versuch des Sich-Entziehens all den Reglements, die Alltag prägen. Deshalb malte Jackson Pollock zum BeBop eines Charly Parker. Diese befreiende Explosion der Formen, zu der auch Keroucac, Ginsberg, Burroughs zählen, nun retrospektiv zu entpolitisieren, setzt ein schlicht verlogenes Verhältnis zur ästhetischen Produktion voraus und versucht zudem, die Rolle Schwarzer in der Entwicklung der Popkultur jenseits der Reaktion auf Rassismen zu verorten, was als Geschichtsklitterung zu betrachten noch verharmlosend ist.

„Die Wildheit lag in der Geste, die Intensität im Tun, das verbindet Kerouac mit den anderen Bilderstürmern jener Zeit, mit dem Fotografen Robert Frank, dem Maler Jackson Pollock, dem Jazzmusiker John Coltrane. Sie zeigten Amerika am Höhepunkt, am Übergang, für sie alle galt, was Kerouac schrieb. „Ich hatte halb Amerika durchquert, stand an der Wasserscheide zwischen dem Osten meiner Jugend und dem Westen meiner Zukunft, und vielleicht geschah es genau darum da und dann an jenem seltsamen roten Nachmittag.““

Intensität, Unmittelbarkeit – nichts gegen Intensität, aber aus sich heraus erschafft die keiner. Alleine schon die Nebenbei-Eingemeindung eines Coltrane, der mit Miles Davis das unerreichte „Kind of Blue“ aufnahm und spezifische Formen schwarzer Spiritualität erkundete, lässt sich unter einem solchen Salmon nicht mal eben eingemeinden. Und ohne die akribischen Reflektionen eines Sozialisten wie Clement Greenberg lässt ein Pollock sich auch nicht mal eben irgendeiner „existentiellen“ Erfahrung im unpolitischen Raum begreifen. Die Zurückweisung politischer Kunst war selbst politisch motiviert aufgrund der Erfahrung stalinistischer und nationalsozialistischer Massenpropaganda. „Kitsch und Avantgarde“ von Greenberg war ja nicht wirkungslos.

Das waren dann also die Linken und Liberalen, die Kerouac angeblich hasste? Da hat aber jemand mit der Tea-Party gefrühstückt, und der heisst Georg Diez. Kein Zufall, dass ein Ornette Coleman keine Erwähnung findet, über den DeeDee Brigdewater sagte, er habe jene Musik gemacht, die ausdrückt, was es heißt, sich als schwarzer Mensch von Weißen nicht mehr erzählen zu lassen, wie man Musik zu machen hat. Kerouac hat sich auch an die Fersen eines Lee Konitz, einem weißen Juden, geheftet, der eben kurz nach Verfassen von „On the road“ mit Miles Davis das unvergleichliche „Birth of the Cool“ aufgenommen hat – dass nun Kerouac inmitten dieses Klimas in die Wüste ging, ohne sich zu all dem zu verhalten, können auch nur deutsche Feuilletonisten erfinden. So ist dessen Conclusio:

„“On the Road“, das zeigt diese Änderung sehr gut, ist kein Buch, das zum Generationenkonflikt taugt. Es ist das Dokument einer moralischen Revolte, wie sie Albert Camus Anfang der vierziger Jahre in „Der Fremde“ vorführt.“

Nö, natürlich nicht. Mit so was wie „Genrationenkonflikt“ hatte ja auch Camus nix am Hut, so rund um den Zweiten Weltkrieg, Vichy und Kolonisation lebend – der in der „Der Fremde“ schrieb, wie jemand eher aus einer Laune heraus einen Araber erschießt. Und dessen Streit mit Sartre später fernab des Politischen im „Existentiellen“ aufzuspüren wäre. Jaja, Diez, träum Du nur. Nee, Sisyphos hin, Sisyphos her, wie ist denn eine „moralische Revolte“ im Sinne von Diez überhaupt zu denken, wenn sie jenseits der Haltung von Hippies, Beatniks und Punks zu situieren wäre?

Nee, der Herr Feuilletonist sollte sich mal lieber von Motorradfahrern in den Steiß ficken lassen, bis vor Lust er schreit – diese Zeilen Ginsberghs führten immerhin zu einem jüngst verfilmten Prozess in den 50er Jahren, weil sie zensiert werden sollten. Es würde verblüffen, wenn jenes zeitgeschichtliche Klima, dass zu solchen Klagen führte, an Kerouac spurlos vorbei gegangen sein sollte, während er sich selbst suchte – und von Diez auch heute nicht gefunden wird.

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10 Antworten zu “Die Kunstpolitik der Reaktionäre. Heute: Georg Diez!

  1. bersarin Februar 4, 2011 um 7:18 pm

    Guter Text von Dir. „Anschwellendem Boxgesang“ hat mir als Bild am besten gefallen. Besser kann man den Text von B. Strauß nicht zusammenfassen. Das Geschreibe von Diez ist in der Tat grottig, folgt einer bestimmten Tendenz. Es geht darin genau um diese Entschärfung des Gesellschaftlichen und der Mechanismen des Ausschlusses. Amerika war zu jener Zeit das Land der begrenzten Freiheit im Sinne derer, die monetär mitgekommen sind, und damit ein Alptraum zugleich. Und Kerouac bildet das – auch durch Aussparung – ganz gut ab. Er schreibt keinen Gesellschaftsroman und damit schreibt er ihn eben doch. Henry Miller wußte genau, warum er nach Paris ging. Ich bin zwar bei „On the Road“ sehr gespalten gewesen, als ich es in den 80ern las, weil für mich da genau diese Dialektik von Aufruhr und Rückfall mitlief: es gibt keine Befreiung und das, was als Ausbruch gedacht war, ist morgen als Ware auf dem Markt. Diese Gesellschaft holt alles in ihren Bann zurück und verwertet – ganz folgerichtig und konsequent –, wo es sich rentiert. Der Immanenzzusammenhang ist einer des Grauens. Es bleibt immer nur das Aufbegehren als das kurzes Zucken. Es bleibt die Ästhetik – was nicht bedeutet, daß die Politik ästhetisiert werden soll. Dagegen ist anzugehen.

    Und es lief zu Kerouacs Text bei mir eben auch das Kulturindustrie-Kapitel mit, was ich einige Zeit zuvor zum ersten Mal gelesen hatte. Insofern blieb ich zwiespältig gegenüber Kerouacs Text.

    Trotzdem: der Text von Kerouac hat eine ganz eigene Art und eine Fahrt, die ist von der ästhetischen Form her genau wie dieses Unterwegssein. So denke ich, daß ich mir dieses neue alte Buch kaufen werde.

    Na ja, Diez ist mir schon in der „Zeit“ auf die Nerven gegangen. Das Feuilleton dort wurde immer mehr eines der Bürschchen. Obwohl Diez fort ist, wurde es dort leider nicht besser. Bei SpOn ist er aber bestens aufgehoben. Schöner Nachfolger für Matussek auch: Herr Matu und sein Knecht Diez.

  2. ziggev Februar 4, 2011 um 8:18 pm

    fand „On the Road“ da bloß etwas desillusionierend – Das mit dem Marihuana-Erlebnis würde sich so nie ereignen – und, gab es nicht diese Szene, wo dieser Dean, glaub ich, sich auf die Erde wirft, um sich in ihr festzukrallen, irgendwie von einer Art Verschmelzungssehnsucht getrieben? Wie auch immer,

    hab den Text von dir auch gern und mit Gewinn gelesen, vielen Dank. Nur dass der Anlass so Zehennägel hochkrempelnd ist

  3. momorulez Februar 4, 2011 um 8:27 pm

    @Bersarin:

    Ich muss mir die Neuübersetzung auch unbedingt zulegen.Und für mich ist dieser ganze Klüngel rund um Jazz und Beatniks in seiner Pop und Kunst eben recht speziell verbindenden Form viel zu wichtig, als sie diesen konservativen Schwätzern und ihren Kämpfen gegen Gegenkultur zu überlassen. So ein SpOn-Text als solcher ist ja allein kein Grund, sich zu echauffieren, aber das, wo der sicht nahtlos einfügt, ist es schon.

    Wollte jetzt auch kein Plädoyer für eine Politisierung des Ästhetischen gehalten haben, habe ja extra den Greenberg mit eingebaut. Aber ich bin mir zu sicher, von den Kerouacs, Ginsbergs, Miles Davis‘ der Literatur- und Musikgeschichte ganz konkret lebensweltlich profitiert zu haben, dass ich da an in manchem der DdA widersprechen würde – was Dir ja so gar nicht neu ist. Aber was tatsächlich auch Matussek und solche da mittlerweile für Lesarten provozieren wollen, das ist politisch bedrohlich. Dann lieber gleich den Davilla lesen, aber diese Umdeutungspraktiken, mit der die über alles her fallen, ist echt schlimm.

  4. momorulez Februar 4, 2011 um 8:30 pm

    @Ziggev:

    Bei mir ist die Lektüre einen Moment her, gebe ich zu. Aber bei allen Beschäftigungen mit Popkultur ist es so zentral …

  5. ziggev Februar 4, 2011 um 8:40 pm

    … bei mir ja auch.

  6. T.Albert Februar 4, 2011 um 10:42 pm

    ach, was diese idioten über „hipsters“, kerouc und konitz ablassen, ist irgendwie ihr trauriges problem. wahrscheinlich hassen sie coltrane und coleman und finden es irre anstrengend, so zu tun, als hätten die was mit ihnen zu tun, während sie wie muslimbrüder die ganze zeit an ihre konservative revolution denken. und sie müssen ja die guten sachen vereinnahmen, weil sie ihren erträumten klassizismus nicht hinkriegen. weiss auch nicht, wie ich das ausdrücken soll.

  7. momorulez Februar 4, 2011 um 11:00 pm

    Na ja, wie Loellie gestern ganz richtig schrub: Die linken Alternativen wurden damals gegen Hitler, ’79 gegen Khomeni und heute in Ägypten nicht unterstützt. Und damit das klappt, wird das Widerständige im kulturellen Kanon nunmehr vorsichtshalber dem Konservatismus zugeschlagen, dass man den auch irgendwie cool rebellisch, aber existentiell-spirituell findet. Was den Islamisten gelingt, könnte ja auch er schaffen, denkt sich Diez wahrscheinlich.

    Natürlich findet der Coltrane wahrscheinlich Scheisse und kennt Konitz oder Colemann gar nicht, vermute ich.

  8. T.Albert Februar 4, 2011 um 11:26 pm

    Meine Frau hat kürzlich gesagt, wir führten irgendwie nicht mehr so ein künstlerisches Leben wie früher. Das beschäftigt mich, wie ich gerade gemerkt habe, als ich diesen Diez-Kram gelesen habe.Ja, und eh man sichs versieht, merkt man, wie Leute deine Sachen gut finden, denen du das am liebsten verbieten würdest. Wir machen gerade interessante Erfahrungen mit vereinnahmenden Gesten.

  9. momorulez Februar 4, 2011 um 11:36 pm

    Na ja, ihr widmet euch ja auch der Lebenskunst mit Kind, das erzeugt ja auch eine andere Lebensform, die doch auch prima ist – diese Verinnahmungspraktiken, die ich ja sogar ganz existentiell-ökonomisch auch brauche, die Vereinnahmbarkeit immer a priori konzeptionell berücksichtigend, nervt mich aber auch kolossal, je mehr, desto älter ich werde, kurioserweise. So radikal wie Du kann ich ja eh nicht. In letzter Zeit kann ich das aber immer schlechter, dieses Vereinnehmen antizipieren.

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