Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Monatsarchive: Februar 2011

Apropos Stangentanz …

1 + 2 + 3 + 4 zusammen denken …

Na,da werden sich ja jetzt alle freuen,wenn sie erfahren das gegen Schalke schon 250 Karten an die Gelsenkirchener für die BS auf der HT weggeangen sind…und nein,das ist kein Gerücht.Da kann man sich ausmalen,wiebiel das noch werden.Und die Karten sind offiziell beim Verein gekauft worden.“

Bobby Peru im St. Pauli-Forum

„Schlimmer noch, die schon bei der JHV zutage getretene Separation der Südbewohner, wenn es um Gesamtinteressen geht, Stichwort “Rückbau Business-Seats Haupt”, zementiert sich.“

stpauli.nu

Hier traf ich auf einen 96er, der sich bitterlich über den FCSP beschwerte, weil so wenige Karten bei den Fans von Hannover 96 ankämen. Ein leider wohl bekanntes Dilemma am Millerntor. Neu war für mich, dass Hannover 96 nach seinen Angaben die Hälfte der Gästetickets für eigene Sponsoren reserviert – und die alle weggingen, anders als in anderen Partien.

stpauli.nu

„Die gefühlte Revolution – das wären also Reformen durch Abstimmung. Auf einem anderen Blatt steht, ob sich dadurch das strukturelle Problem lösen lässt, daß zu viele zentrale Posten (im Verein, MR) mit Leuten besetzt sind, die an einem richtigen Leben im falschen gar kein Interesse haben.“

René Martens, True Romance, in: KONKRET 3/2011, S.43

Aber vermutlich sind unter den 250 Sponsorenschergen der Schalker auch welche, die man headhunten könnte, gelle, Herr Spies? Und potenzielle Mandanten für Fachanwälte für Immobilien- und Firmentransaktionen, nicht wahr, Herr Stenger? Vielleicht ein wenig frisches Blut für die Zusammenarbeit mit dem CDU-Wirtschaftsrat, Herr Woydt? Gibt ja genug Geld in Hamburg, das sich Subventionen in strukturschwachen Regionen abgreift.

Als gestern diese 96-Jungs mit schmächtiger Brust im Kinderblock krawallten, die so gar keine Kinder mehr waren, habe ich das als ein Mehr gegenüber dem vollkommen verständlichen Sieg-Gejubel empfunden – dass ergänzend auf den Business-Seats mehr Hannoveraner denn St. Paulianer zu sein schienen (ja, ich bekenne, mein ehemaliger Commerzbank-Observateur, ein netter, selbstironischer Kerl, der über witzelnde Vergleiche zwischen SED und den internen Bankkommunikationen aufrichtig lachen kann, um deren Wahrheitsgehalt wissend, war auch dabei mit grün-weißem Schal), während im Sinne der Reinhaltung der Süd lauter Braunweiße draußen bleiben müssen, da hatte ich einmal mehr dieses Gefühl, das auch eintrat, als die Firmenfeiern meines ehemaligen Arbeitgebers nicht mehr für die Belegschaft, sondern für Investoren arrangiert wurden.

Die kamen und ließen uns Kreative für sich tanzen,  berauschten sich am Unkonventionellen – und doch war ihrem bierseligen Grinsen der Triumph und die symbolische Gewalt anzuspüren, diesem Anderen ihrer Systemlogik all ihre Machtwirkungen immer wieder angedeihen zu lassen.

Dieses Gefühl habe ich auch bei den jubelnden Auswärtsfan auf den Business-Seats, nicht denen im Fanblock: Dieser Triumph über die Bekloppten, die sich für Sozialromantiker halten und ihren affigen Postpunkkult pflegen, während in den Logen Geschäfte gemacht werden. „Ihr buntes Dreckspack, wir Grauen siegen sowieso!“

Da kriegt der „schwule Student“ symbolisch auf die Fresse, der naive, irreale Geisteswissenschaftler, der mit Mitte zwanzig einen auf hip macht, und der immer schon Langweilige aus den BWL-Trakten freut sich früh schon auf die Rache mit „Mein Haus, meine Yacht, meine Nutten …“ – ja, deshalb Susis Stangentanz – und dringt immer wieder in die letzten Biotope dessen ein, dort, wo das Spiel noch anders gespielt wird, um gleichzeitig die eigene Tristesse zu kompensieren und doch das, was man wie im Zoo betrachtet, insgeheim zu verachten.

Wie diese Hetengrüppchen, die sich in schwule Kneipen drängelten, um kurz nach dem Rauskommen auf den Hübschesten einzuquatschen „Na, wurdest Du angemacht?“ Manchmal trauert man um die mangelnde Gewaltbereitschaft der Homosexuellen … solche Konstellationen werfen repressive Volkhonks als „Schwule auf Parties schick finden“ in Blog-Diskussionen ein, die Perspektive derer einnehmend, die auf Business-Seats die St. Paulianer verachten, während sie das Schauspiel genießen.

Stimmt es, dass der Sky-Reporter gestern Takyi und Bartels „unmännliches Spiel“ diagnostizierte? Kommt, Fin, Charles, bitte weiter so!

Neues aus dem Paralleluniversum „Prost!“: Vorschau Hannover 3 und was hinter „gageln“ steckt

Ja, liebe Leser, die gute Nachricht ist: Das Spiel ’96 gegen den FC St. Pauli wurde gar nicht verloren. Ihr könnt das nicht wissen, ihr seid ja nicht im „Prost“ gewesen.

Allmählich entpuppt sie sich als Vorort der Wahrheit, diese Pinte im hannöverschen Bahnhof, wo die Bahnreisenden, deren Anschlusszüge flugs enteilten, in einem Paralleluniversum fest sitzen.

Hier ist die Stimmung gerade prächtig: Sämtliche Fans der 3 ersten Ligen haben sich zusammen gerottet, voll ist es geworden, und verhöhnen die Bayern, lachen sie aus, zeigen mit den Fingern auf sie und bejubeln den BVB. Da sind sich auf einmal alle einig, und @ring 2 und @alfetta trösten gerade die netten Jungs von der Schickeria. Nur die Werderaner und Wolfsburger bekommen nix mit, postkoital liegen sie ineinander geschlummert auf ihrer Eckbank und haben ein kleines Stück Utopie genascht.

Mein Schulhofschwarm Pogo sitzt neben mir am Tresen und jammert. Wie öde doch das Vorstadtleben sei – ein Eigenheim in Isernhagen-Süd hat er bezogen mit hinreißenden Blagen und einer netten, ach, einfach nur netten Frau. Inmitten von Snobs haust er, in diesem pseudonoblen Südteil des längsten Dorfes der Republik. Er hat damals zu Zeiten der New Economy die richtigen Leute verarscht und abgesahnt; seine IT-Beratungsfrma läuft wie von selbst, so dass er seine herrlichen, langen Beine in Lederhose am Kamin fast ganztägig ausstreckt und von Leidenschaft, Intensität und Stil träumt, doch nicht weiß, wie er all das erreichen soll.

Denn da ist der Kredit abzutragen, den Nachbarn muss man etwas vorspielen, sonst schicken sie die Polizei vorbei und denken sich allerlei Gemeinheiten aus, sogar Hunde sollen schon vergiftet worden sein von Millionärsgattinnen, die mit Likör und Mother’s little Helper abgefüllt wie Untote durch die gut gepflegten Gärten voller englischer Rosen ziehen und ihrer Frustration kaum Herr werden. Aus lauter Langeweile und Überdruss gründen sie Sarrazin-Fan-Clubs oder verspekulieren die Kohle ihrer Angetrauten wahlweise in Pokerrooms oder an der Börse, beißen Kaninchen heulender Kinder die Kehlen durch oder fackeln Autos ab.

Jeden Montag versammeln sich Frauen zwischen 40 und 60 und geben ihre Dior-Kleider mit Schmauch- und Brandspuren in der Reinigung Altwarmbüchen ab. Einmal wurde Pogo auch schon vergewaltigt. Er schämt sich so, ich nutze die Chance, ihn zu trösten. Er ist zwar in die Jahre gekommen, aber die so fein geschwungene Hakennase ist prägnanter geworden, die Falten stehen ihm gut, und die hellen Augen zwischen blau und grau flackern in ihrer Frustration wie Nordlicht.

Mit 96-Fansein hat er es auch versucht und es gleich wieder bleiben gelassen. Diese seltsamen Menschen, die in praktischer Freizeitbekleidung wie von einem Festival mit Truck Stop als Headliner – „Das Mädchen wird schöner mit jedem Glas Bier„, die Truck Stop-Fassung gab es nicht bei Youtube, das Lied hatten wir ja gestern schon – kommend wirken und solchen, für die Pyro im eigenen Fanblock das Gipfelerlebnis ihres sonst so tristen Daseins zwischen Vahrenwald und Vahrenheide ist, immer hin und her, Vahrenwald-Vahrenheide, Vahrenheide-Vahrenwald, nee, die ertrug er auch nicht.

Diese gehobene Durchschnittlichkeit, die sich daran ergötzt, wenn ihre Spieler Gegenspielern in die Fresse treten, während Schiedsrichter Gagelmann feixend daneben steht, das ist nix für welche, die in den frühen 80er im Postpunk-Szenario von Freiheit und „Erfinde Dich neu, immer wieder neu!“ träumten. Die sitzen auf Tribünen unweit einer Alster-Imitation namens Maschsee, von Adolfs Abeitsdiensten ausgehoben und somit Vorbild für all die Hartz IV-Hetzer in den gesammelten Parteien, sehen  ihrem Nebenmann beim Geifern zu und wissen, dass dessen größter Traum ist, einmal zu Lena „Komm unter meine Decke und da mach es Dir bequem!“ zu sagen, sabbernd. Und weil das ja eh nix wird, freuen sie sich stattdessen, wenn schlechte Spiele zweier Mannschaften vergagelt werden und unberechtigte Freistoßentscheidungen in letzter Minute zu Siegen führen. Wobei jede Niederlage verdient ist, weil man vorher ja auch nicht getroffen hat. So scheint es, ja, scheint es nur – denn das Spiel hat ja so gar nicht statt gefunden.

Während ihr glaubt, das Spiel würde laufen und Herr Gagelmann die Erkenntnisse des Wochenendseminars bei Herrn Rafati ausprobieren, packt uns in der Wahrheit des „Prost“ die Erregung, den Pogo und mich. Wir sehen die Tür hinten in der Ecke der Kneipe und beschließen, die Intensität und Leidenschaft, die die frühen 80er uns versprachen, einfach mal zu reaktivieren. Er nimmt meine Hand, wir durchschreiten die Tür, ich sehe, dass sein Knackarsch in der Lederhose seinen Reiz keineswegs verloren hat.

Wir stoßen vor in seltsame, parkhausähnliche Gewölbe, nachdem wir ein paar Betontreppen hinab gestiegen sind. War hier nicht mal eine Disco namens „Sub“? Und plötzlich weht ein eiskalter Wind, Nebel wabern, von überall kommt Stöhnen. Seltsame, grünweiße gewandete Fernfahrer mit roten Farbakzenten greifen uns, und mirnix, dirnix finden wir uns in einem scharfen SM-Setting wieder, von dem bereits historische Quellen sprechen. Ein antiker Märtyrer hat davon in einem Dialog in „ich“-Form berichtet:

„Nächstdem, sprach ich, vergleiche dir unsere Natur in bezug auf Bildung und Unbildung folgendem Zustande. Sieh nämlich Menschen wie in einer unterirdischen, höhlenartigen Wohnung, die einen gegen das Licht geöffneten Zugang längs der ganzen Höhle hat. In dieser seien sie von Kindheit an gefesselt an Hals und Schenkeln, so daß sie auf demselben Fleck bleiben und auch nur nach vorne hin sehen, den Kopf aber herumzudrehen der Fessel wegen nicht vermögend sind. Licht aber haben sie von einem Feuer, welches von oben und von ferne her hinter ihnen brennt. Zwischen dem Feuer und den Gefangenen geht obenher ein Weg, längs diesem sieh eine Mauer aufgeführt wie die Schranken, welche die Gaukler vor den Zuschauern sich erbauen, über welche herüber sie ihre Kunststücke zeigen. –“

Nun hat die Technik dieser wesenhaften Sphäre hinter der Erkenntnis unterhalb des hannöverschen Bahnhofs sich mittlerweile gewandelt, und so sahen wir, uns nicht rühren könnend und platzend vor Begierde, Bilder wie das Folgende an die Wand projiziert per Beamer ganz wie in Sky-Kneipen:

Der Typ mit der weißen Mütze  war übrigens ein sich total pfiffig gestylet fühlender Vahrenwalder. Der glaubte, er würde am Millerntor gerade in eine Welt hinein schnuppern, die ihm sonst verschlossen bliebe, während er bei Ausflügen nach Bremerode oder ins Zooviertel den Ausgleich zur Arbeit in einer Versicherung sucht und nicht findet, weil sein ganzes Lebens den Regeln des Versicherns folgt.

Wir jedoch merkten: Dessen Leben ist nur Simulation! Das stimmt gar nicht! Er ist nur Projektion in Gewölben unterhalb des Prost! Das Paralleluniversum ist der Vorhof zum wahren Universum!

Die historischen Quellen dazu berichten:

„Auf keine Weise also können diese irgend etwas anderes für das Wahre halten als die Schatten jener Kunstwerke? –

Ganz unmöglich. –

Nun betrachte auch, sprach ich, die Lösung und Heilung von ihren Banden und ihrem Unverstande, wie es damit natürlich stehen würde, wenn ihnen folgendes begegnete. Wenn einer entfesselt wäre und gezwungen wurde, sogleich aufzustehen, den Hals herumzudrehen, zu gehen und gegen das Licht zu sehn, und, indem er das täte, immer Schmerzen hätte und wegen des flimmernden Glanzes nicht recht vermöchte, jene Dinge zu erkennen, wovon er vorher die Schatten sah: was, meinst du wohl, würde er sagen, wenn ihm einer versicherte, damals habe er lauter Nichtiges gesehen, jetzt aber, dem Seienden näher und zu dem mehr Seienden gewendet, sähe er richtiger, und, ihm jedes Vorübergehende zeigend, ihn fragte und zu antworten zwänge, was es sei? Meinst du nicht, er werde ganz verwirrt sein und glauben, was er damals gesehen, sei doch wirklicher als was ihm jetzt gezeigt werde? –

Bei weitem, antwortete er. –

Und wenn man ihn gar in das Licht selbst zu sehen nötigte, würden ihm wohl die Augen schmerzen, und er würde fliehen und zu jenem zurückkehren, was er anzusehen imstande ist, fest überzeugt, dies sei in der Tat deutlicher als das zuletzt Gezeigte? –

Allerdings. –

Und, sprach ich, wenn ihn einer mit Gewalt von dort durch den unwegsamen und steilen Aufgang schleppte und nicht losließe, bis er ihn an das Licht der Sonne gebracht hätte, wird er nicht viel Schmerzen haben und sich gar ungern schleppen lassen? Und wenn er nun an das Licht kommt und die Augen voll Strahlen hat, wird er nicht das Geringste sehen können von dem, was nun für das Wahre gegeben wird. –

Freilich nicht, sagte er, wenigstens nicht sogleich. –

Gewöhnung also, meine ich, wird er nötig haben, um das Obere zu sehen. Und zuerst würde er Schatten am leichtesten erkennen, hernach die Bilder der Menschen und der andern Dinge im Wasser, und dann erst sie selbst. Und hierauf würde er was am Himmel ist und den Himmel selbst leichter bei Nacht betrachten und in das Mond- und Sternenlicht sehen als bei Tage in die Sonne und in ihr Licht. –

Wie sollte er nicht! –

Zuletzt aber, denke ich, wird er auch die Sonne selbst, nicht Bilder von ihr im Wasser oder anderwärts, sondern sie als sie selbst an ihrer eigenen Stelle anzusehen und zu betrachten imstande sein. –

Notwendig, sagte er. –

Und dann wird er schon herausbringen von ihr, daß sie es ist, die alle Zeiten und Jahre schafft und alles ordnet in dem sichtbaren Raume und auch von dem, was sie dort sahen, gewissermaßen die Ursache ist. –3

Offenbar, sagte er, würde er nach jenem auch hierzu kommen. –

Und wie, wenn er nun seiner ersten Wohnung gedenkt und der dortigen Weisheit und der damaligen Mitgefangenen, meinst du nicht, er werde sich selbst glücklich preisen über die Veränderung, jene aber beklagen? –

Ganz gewiß. –

Und wenn sie dort unter sich Ehre, Lob und Belohnungen für den bestimmt hatten, der das Vorüberziehende am schärfsten sah und am besten behielt, was zuerst zu kommen pflegte und was zuletzt und was zugleich, und daher also am besten vorhersagen konnte, was nun erscheinen werde: glaubst du, es werde ihn danach noch groß verlangen und er werde die bei jenen Geehrten und Machthabenden beneiden? Oder wird ihm das Homerische begegnen und er viel lieber wollen „das Feld als Tagelöhner bestellen einem dürftigen Mann“ und lieber alles über sich ergehen lassen, als wieder solche Vorstellungen zu haben wie dort und so zu leben? –

So, sagte er, denke ich, wird er sich alles eher gefallen lassen, als so zu leben. –

Auch das bedenke noch, sprach ich. Wenn ein solcher nun wieder hinunterstiege und sich auf denselben Schemel setzte: würden ihm die Augen nicht ganz voll Dunkelheit sein, da er so plötzlich von der Sonne herkommt? –

Ganz gewiß. –

Und wenn er wieder in der Begutachtung jener Schatten wetteifern sollte mit denen, die immer dort gefangen gewesen, während es ihm noch vor den Augen flimmert, ehe er sie wieder dazu einrichtet, und das möchte keine kleine Zeit seines Aufenthalts dauern, würde man ihn nicht auslachen und von ihm sagen, er sei mit verdorbenen Augen von oben zurückgekommen und es lohne nicht, daß man auch nur versuche hinaufzukommen; sondern man müsse jeden, der sie lösen und hinaufbringen wollte, wenn man seiner nur habhaft werden und ihn umbringen könnte, auch wirklich umbringen?

Ja, wir waren in Gefahr. Pogo entfesselte sich, als Houdini-Fan kein Problem. Sah sich um, wer projizierte: Der Gagelmann-Dämon! Der wollte dem mit der Mütze und anderen einreden, dass die Welt wesenhaft schlecht, gemein und fies ist und die Guten, also die St. Paulianer, noch so sozialromantisch den Jolly Rouge schwenken könnten, nee, siegen werden die, die nicht nur häßlich sind – selten so eine häßliche Mannschaft die die ’96 gesehen -, nein, auch jene, die, um Angriffe zu stoppen, unsinnig in sich zusammen brechen, auf dass die unseren den Ball ins Aus spielen, um kurz darauf wie Phönixe über den Platz zu tänzeln. Und selbst natürlich ihre Angriffe zuende spielen, wenn unsere sich krümmten.

Dass das das wahre Leben sei, dass gegagelt wird, das soll per Projektion suggeriert werden: Also richtige Fouls ungeahndet bleiben, während solche, die keine waren, gepfiffen werden. Gageln heißt, den Ausnahmezustand als Souveränität über die Regel zu begreifen und nicht sie, sondern Willkür auszulegen. Noch nicht einmal Parteilichkeit lässt dem Gageln sich entnehmen, während genüsslich Verhalten an den Tag gelegt wird, dass der Aufforderung zur Körperverletzung gefährlich nahe kommt.

Das Gageln des Gagelmann-Dämons will auch einflüstern, mit ihm umzugehen sei Pragmatismus, Realismus, und wer sich nicht auf die Gemeinheiten des Alltags einließe und mitmache, würde untergehen. Zur Suggestion all dessen dienen die Projektionen, in denen Millionärsgattinnen in Isernhagen ebenso leben wie ein Herr Schlaudraff.

Erleuchtet flüstert Pogo mir all das in mein Ohr, während er ein wenig daran knabbert, die Lippen den Hals hinab bewegt … er bindet mich los, und während die da glauben:

… es sei Dummheit von Asamoah gewesen, zuzugeben, dass das gar keine Ecke war, wissen wir: Das täuscht nur der Gagelmann-Dämon vor mit seinem Beamer. Pogo hakt sich bei mir ein, froh, nunmehr all das Leiden in Isernhagen-Süd hinter sich gelassen zu haben. Ohne dass der Dämon das merkt, huschen wir zum Licht in der Ecke der Betonhöhle. Zwei Tore: Eines funkelt so vertraut, Silhouetten eines übergroßen, eckigen Gebäudes, angestrahlt von Flutlicht, sind zu erkennen. Aus dem Anderen dringen sozialistische Lieder, und glückliche Menschen leben in Wahrheit und jubeln dem St. Pauli-Heimsieg zu: Das Tor zur Realität.

Wir wissen nicht: Ist es bessser, nun jenes Tor zu durchschreiten, das zum Wesen führt, oder wollen wir in den Erscheinungen weiter dafür kämpfen, dass auch andere ihre Ketten, mehr zu verlieren haben sie ja nicht, lösen und dem Gageln den Garaus machen? Wir entscheiden uns für letzteres, wir müssen nur behutsamer vorgehen als die in der historischen Quelle. Wir treten durch das Tor zum Heiligengeistfeld und finden uns in der Domschänke wieder:

Womit bereits ein erster Schritt ins wahre Leben getan wäre, weil es zudem schön und gut war: Eine Horde St. Paulianer beachtet den ’96er-Bus noch nicht mal, als er vorbei fährt. Hat diese vergagelte Mannschaft auch nicht verdient. Der Weg zum Wahren, Guten und Schönen wird begossen mit einer vertrauten Horde von Twitterern und Bloggern, erstmals stößt auch der Magische FC hinzu. Später, im Café Absurd, fachsimpeln wir mit dem Quotenrocker über Dildo-Sammlungen – Pogo fühlt sich prompt wohler als in seinem Isernhagen Süd. Die Blagen holen wir auch bald hierher.

Dass die Anderen ihn gar nicht wahr genommen haben, das liegt daran, dass sie noch zu sehr in ihrem Parallel-Universum verhaftet sind. Macht nix, können sie ja nix für, dafür gibt es nun den Jolly Rouge, um einen ersten Baustein des wahren Lebens im  Falschen zu realisieren …

Vorschau Hannover 2

„Als ein leitender Angestellter des Vereins in einer lockeren Journalistenrunde gefragt wurde, was er von den Sozialromantikern hält, antwortete er: „Hängt die Grünen, so lange es noch Bäume gibt!“ So lautete einst ein mißglückter Scherz des früheren FC Bayern-Kickers Mehmet Scholl. Genaugenommen paßt der Spruch nicht, weil ein Großteil der sozialromatisch Veranlagten mit den Grünen wenig anfangen kann, das Personal der Fankneipe Jolly Roger war vor einiger Zeit so souverän, Katharina Fegbank, eine grüne Lokalgröße, vor die Tür zu komplementieren. Aber das Ressentiment, für das das „Hängt die Grünen“-Statement steht („Geht doch nach drüben!“), ist typisch für die Haltung der Egotripper und Nichtsmerker unter den Führungskräften des Klubs, die am falschen Fussball im falschen nichts Falsches finden können.“

René Martens, True Romance, in: KONKRET 3/2011, S. 43

Wohl wahr. Es ist schon dreist, wie die Führungsclique des FC St. Pauli sich weiter hinter dem Nichts der fehlenden Inhalte verschanzt und glaubt, sie könne uns aussitzen. Ganz, als sei nix geschehen. Hat irgendwer was von denen gehört?  Irre ich, dass die glauben, man müsse nur Rollrasen über der Sache verlegen, dann liefe der Ball schon wieder? Nee, liebe Leute, manches Mal säuft man dann ab …

Der Derbysieg war einer der glücklichsten Abende meines Lebens, gerade weil ein Bene den Rauten so deutlich machte, dass der FC St. Pauli auch weiter rough, ungebändigt, einzigartig und jenseits der stromlinienförmigen Vermarktbarkeit sich situieren kann. Trotz aller Sottisen Stanis gegen Proteste im Stadion hat er das genau das gemacht, was uns ausmachen sollte: Eine menschliche Geste im emphatischen Sinne bei dem Risiko, dass auch was schief gehen kann. Loyalität zu dem, was zusammen hält. Und ein Anderssein, das nicht zum schlüpfrigen Treppenwitz abgewixter Marketinghülsen an all den Computern der Kulturindustrie, zu der auch Werbung gehört, verkommt und sich dadurch auflöst. Nur noch Stil … Erkenntnis, die den Inhalt will, will die Utopie. Wo René Martens schon den Adorno vorgelegt hat, nehme ich den Ball dankend an.

Was war denn das jetzt mit dem „Jolly Rouge“? Auch nur ein Event? Haben wir genau das gemacht, wogegen wir protestieren wollten? Hübsche Bilder für die Presse inszeniert, Füllstoff für die Berichterstattung der drittklassigen Tageszeitungen der Hansestadt geliefert? Irgendwas, womit man sich sogar in SPD-Parteizentralen schmücken kann, während man dort Hartz IVler knechtet, entrechtet und diskreditiert?

Nix, rein gar nix ist ansonsten passiert. Meeske dürfte jetzt während des Spiels nicht mehr in Susis Showbar an der Stange tanzen, okay. Ja, und? Habe ich etwas verpasst? „Die Zeit der Lippenbekenntnisse ist vorbei“, stand in der Sozialromantikerpetition. Ja, und jetzt?

„Ich glaube, möchte man den FC St. Pauli so vermarkten, dass er seine Identität, die er seit gut 25 Jahren von seinen Fans bekommt, wahrt, dann braucht es mehr als klassischen Mittel der Vermarktung und es braucht bei denen, die den Verein vermarkten, ein Gespür, ein Gefühl für den Pulsschlag von Verein und Fans.

Dieses Gefühl haben weder der Herr Meeske, noch die UFA Sports, die ja ein Dienstleister für den Verein ist, aber aufgrund der Provision, die ihr zu steht, natürlich versucht jeglichen Müll durchzudrücken. Dass dabei schon so manche unterirdische Idee von Vereinsvertretern, ja sogar von Herrn Meeske als Schwachsinn abgebügelt werden, da bin ich mir sicher. Nur fehlt es mir sowohl bei der Person Meeske, als auch bei der Firma UFA Sports, an der nötigen Kreativität. Jegliche Vermarktungsaktivitäten sind klassischer Natur. Ich halte es deshalb für schwachsinnig an beidem festzuhalten, vielmehr sollten wir uns darum bemühen, möglichst eher gestern denn heute, sowohl Herrn Meeske, als auch die UFA Sports los zu werden, ansonsten werden wird unser Verein mittel- bis langfristig dem Einheitsbrei immer näher kommen, bis er irgendwann in ihm untergeht. Leere frisst Raum.“

Richtig. Toller Text.

Aber: Der Meeske ist nicht dazu da, das Mehr als Ökonomie des FC St. Pauli zu beschwören. Solche Typen sind zumeist unverbesserlich in ihrer Markenbildungswelt verhaftet, mutmaßlich lebenslänglich. Denen gebührt Mitleid dafür, dass sie sich auch noch so scheißcool dabei zu finden scheinen, dass sie alles sinnentleeren wie zugekokste Fernsehmanager oder Parteizentralenschergen, die noch Kinderarbeit in Landminenfabriken am Hindukusch als Freiheit in Alternativlosigkeit beschwören würden. Deren formalisierende Denke ist per Definition menschenverachtend, der ist schließlich der Ökonom in der Runde.

Nun haben Wirtschaftsnobelpreisträger wie Armatya Sen so schöne Buchtitel wie „Ökonomie für den Menschen“ in die Welt gesetzt, was meint, dass das Wozu der Wirtschaft auch unter den Bedingungen des falschen Lebens noch diskutierbar bleibt. Und das ist die Rolle des Vereins, nicht der Geschäftsführung. Das ist Sache des Präsidiums.

Und da hat sich vor allen anderen Gernot Stenger so was von disqualifiziert, dass an dessen Stelle jemand treten müsste, der nicht etwa seine Familie durch Steuerberatung für Private Equity Fonds und Fachanwaltschaft für „Immobilientransaktionen“, also das, was die Gentrifzierung in Gang hält, ernährt, sondern jemand, der jenseits der wirtschaftlichen Kriterien das Wozu zu erfassen vermag.

Der einzige im Präsidium, der zumindest den Eindruck vermittelt, er würde noch was anderes begreifen als diese vom Lichterkarussell eindrucksvoll dargestellte raumfressende Leere, ist Bernd-Georg Spies. Der braucht Unterstützung, und zudem ist es an uns, immer wieder zu verklickern, wofür er denn nun steht, der FC St. Pauli. Weiter laut zu schreien: „Hey, Leute, wer noch einmal „Toleranz“ sagt, ohne zu erläutern, was genau er damit meint, wird abgewählt! Wir wollen mehr als solche Worthülsen!“

Die Verträge mit der UFA kenne ich nicht. Aber natürlich muss man an die ran, wenn sie es sind, die die Business-Seats vermarkten. Es macht wenig Sinn, nun einzelne Marketingmaßnahmen zu diskutieren, dann haben sie einen. Es geht um das Strukturelle, und das kann nur heißen, Institutionen im Verein zu stärken und zu schaffen, die Kontrapunkte zu Formalisten wie Meeske oder Gewinnmaximierern wie der UFA setzen und die Zügel wieder in die Hand nehmen. Ich denke einfach nur, dankbar, dass es sie gibt, die Vorlage vom Lichterkaraussell weiter. Und fordere hiermit tatsächlich: „Stenger raus!“ und „Verein ausbauen!“, indem man Institutionen schafft, die dazu da sind, das Atmosphärische der St. Pauli-Öffentlichkeit in konkrete Initiativen zu überführen. Welche das sein könnten über den ständigen Fanausschuss hinaus und mit ihm zusammen, das wäre zu diskutieren.

Denn, um René Martens zu zitieren, der Ring 2 und mich zitiert:

„Der Blogger Ring 2 schreibt, die Sozialromantiker machten den Unterschied aus „zwischen Event und Happening“. Sein Kollege Momo Rulez proklamiert, es gelte zu verhindern, daß der FC St. Pauli in einem Atemzug genannt wird mit „Queen Mary, Hafengeburtstag, Schlagermove“. Ideologiegraphisch gesagt: „Laßt uns Rand bleiben statt Mitte werden“.“

René Martens, True Romance, in: KONKRET 3/2011, S. 43

Danke. Auch auf den Kleinen Tod nimmt der Artikel Bezug, auch ihm ist zuzustimmen (auch zusätzlich hinsichtlich des Kommentar 2 unter dem verlinkten Eintrag):

„Der Blogger Kleiner Tod schreibt: „Anders als durch eine demokratische Mehrheitsentscheidung kann der Verein nicht in die von uns gewünschte Richtung bewegt werden.“ Die gefühlte Revolution auf St. Pauli – das wären also Reformen durch Abstimmung.“

René Martens, True Romance, in: KONKRET 3/2011, S. 43

Ja. Warum nicht? Nicht alles an der Sozialdemokratie war schlecht 😀 – die war ja nicht immer so wie Olaf Scholz. Also ran da.

Außerordentliche Mitgliederversammlung jetzt. Und morgen wieder ganz in Jolly Rouge sein … denn nach dem Derby ist vor der Revolution. Aux armes. Nous sommes St. Pauli. Et nous allons gagner!

Offener Brief von Doktoranden und Doktorandinnen an die Bundeskanzlerin

Vorschau Hannover 1

Es ist ungemütlich geworden im „Prost“, seitdem eine Horde von Eintracht-Fans hinzustieß. Vorher funktionierten die Rituale prächtig inmitten dieses Aufeinandertreffens von Fans der Vereine der ersten drei Ligen, hier im Paralleluniversum der Zeitreisenden, die von der Deutschen Bahn in die ewige Verdammnis des Wartens auf verspätete Züge geschickt wurden.

Über Fussball reden ist so schön, weil keiner all die Phrasen je als Plagiat behaupten könnte – Beispiel: Grenzdebile VFB-Fans schwäbeln am Thresen gerade jetzt in ihre Bierschorle, weil die für sie wenigstens ein bißchen nach Wein schmeckt, Standards über das „Modelabel mit dem Totenkopf“ und spielen dabei mit goldenen Uhren am linken Handgelenk – ja, als eine Art Gemeinschaftseigentum lassen die Textbausteine sich noch im Zustand fortgeschrittener Trunkenheit beliebig immer neu kombinieren bis man lallt und obwohl man lallt.

Die Werderaner und Wolfsburger Jungs auf der Eckbank sind vom Heulen zum Reden zum Tun übergegangen und praktizieren trostpflasternd ein wenig Gruppensex, die Rostocker sind vor Verblüffung, dass es Schwule wirklich gibt und diese nicht nur als Schimpfwort existieren, in eine Kulturschockstarre verfallen. Weil sie das, was sie sehen, so seltsam erregt.

In all der Harmonie jedoch wollen sich die Frankfurter einfach nicht damit abfinden, dass es in Hannover partout keinen Äppelvoi gibt. So was kennt man da gar nicht. Diese fruchtigen Gesöffe sind was für Süddeutsche. Oder Òsterreicher. Habe 2002 oder so in einem Zug mit einer mittlerweile sehr lieb gewonnenen Freundin, die ich unmittelbar zuvor frisch kennen gelernt hatte, auf der Fahrt von Frankfurt nach Hamburg dergleichen probiert. Die Fahrt war toll, das Getränk weniger.

Jetzt haben die den Adler tragen vor dem Lokal eine Sitzblockade gestartet, ein paar Bengalos entzündet und skandieren wie besessen „Wir ham die Schnauze voll!“ Ja, ja, die Hessen.

Angesichts des mit vernuschelten Zischlauten durchsetzten Dröhnenes schweifen meine Gedanken in die Echtzeit, aber weit zurück. Also in die Vergangenheit. Damals, als man noch Vinylplatten kaufte und unter eben diesem „Prost!“ sich Plattensupermärkte fanden, hochumstritten, weil der Laden mit dem Fachverkäufer, der von Musik echt Ahnung hat, das Ideal der ernsthaften Musikhörer darstellte und die Billigangebotsstapel für 5 Mark 99 wie Entwertung wirklich relevanter Kulturgüter schienen.

Als Teenie hatte man ja sonst nix, als zu den Klängen seiner Helden davon zu träumen, dass die Pubertät irgendwann ein Ende haben würde und ahnte doch früh, dass das nur bei unerträglichen Spießern der Fall sein würde.

Erinnere mich an den Erwerb von so unterschiedlichen Werken wie der Singles von Bauhaus auf einer LP versammelt dort unten in der Passerelle und Aufnahmen von Grover Washington Jr.. Es war ein so feierliches Gefühl, wenn man nach der Fahrt mit einer grünen U-Bahn im Vorstadt-Reihenhaus die Nadel auf die Rille legte, sanft, ehrfürchtig, und sich dem hingab, was eine Welt jenseits von Raucherecken am Rande der Schulhöfe von 3500-Schüler-Waschbeton-Zentren versprach. Eine Welt ohne feministisch inspirierte Englisch-Lehrerinnen, die wollten, dass man die Rolle der Frau im 17. Jahrhundert kritisiert und ohne geile Jungsärsche in Lederhosen, auf die man nur verschämt zu starren wagte. Vor allem auf den des einen. „Pogo“ nannte man ihn, und er war auch immer im Farmer’s Inn in Uetze.

Da himmelte ich ihn schweigend an, um am nächsten Morgen triefend vor Liebeskummer, der die ganze Person existenziell umgreift, statt den Englischkurs zu besuchen einfach liegen zu bleiben und zu Meat Loafs „Bat out of Hell“, ja, ich beichte, ich hatte Liebeskummer zu „I want you, I need you, but there ain’t no way … „, hey, ich war 16 oder 17, der Sehnsucht, ungestillt, einen monumentalen Stausee zu errichten, in dem man zu ertrinken glaubte vor ungestillter Begierde …

Denen würde man es zeigen! Denen, die frustrierten und beschämten, ja, „eines Tages werd ich mich rächen“ dröhnte aus den Boxen der lila gestrichenen Teestube im Jugend- und Freizeitheim, wenn nicht gerade Anne Clark oder Joe Cocker tönten. Dort, wo die Menschen mit Eyeliner und abgeschnittenen Pfeffer-und Salz-Mänteln zusammen mit denen im selbstgestrickten Pullover in Freistunden Geld für eine Packung „Die Dröhnung“ sammelten, während die eigenen Depressionen sich vollzählig versammelten und Sartres Worten „Die Hölle, das sind die Anderen!“ applaudierten. Man, man dachte sich als Man, damit es nicht so weh tut im juvenilen Weltschmerz, man würde denen schon beweisen, dass man sie ohne sie kann und die alle gar nicht bräuchte! Jawohl!

So ließ man diese Stadt vor den Toren Hannovers triumphierend hinter sich und wundert sich heute vor der Domschänke, dass man mit solchen säuft, die das Schützenfest dort kennen.

Was eine Befreiung! Schanzenleben! St. Pauli! Zwischen wie im Spielfilm brennenden Fässern die Barrikaden zu durchschreiten, die zur Polizeiabwehr die Hafenstraßenhäuser schützten, und Konzerten lauschen. Morgens aufwachen und knackige Bereitschaftspolizisten sich im Mannschaftswagen räkeln sehen vor dem Fenster im Hochparterre, weil dank des Kampfes um die Alte Flora Ausnahmezustand herrscht. Frisch verknallt inmitten der Behelmten mit Mumm-Sekt-Flasche flanieren, nicht wissend, ob man nun gleich verhaftet wird, weil Mollibaupläne unterstellt werden könnten. Die Hausnummer nicht finden, wo man das Objekt der Begierde wähnt, mit dem man in dessen Geburtstag feiern möchte – doch er kommt auf der Wohlwillstraße entgegen gelaufen mit wiegendem Gang und Hühnerknochen an der Ledermütze, inmitten von Blaulicht wundersam ausgeleuchtet, ein Gesicht, ein Mund!, er nimmt mit in eine Wohnung mit Blick auf den Schlachthof und man, ja, man, siehe oben, stößt mit ihm und seinem gerade frisch errungenem Lover, eine Hagerer mit pink Iro, zum Geburtstag an.

Frust, Entsagung, Tage später ganz in Schwarz vor der Großen Freiheit 36, es lockt passend das Nick Cave-Konzert! Ausverkauft. Eine Hand kommt aus der Menge geschossen, greift mich, jetzt vom man zum ich mutierend, ein Bekannter, zieht mich zur „Kombinat“-Party im Fernsehturm. Der war damals noch geöffnet. Starre auf Planten & Blomen, das Objekt der Begierde samt Lover erscheint, verschwindet wieder, lässt den Lover bei mir stehen, der mir den Rest des Abends nicht von der Seite weicht, lustvoll „Bella!“ in mein Ohr hauchend. Leben!

Jetzt läuft er mir manchmal mit „St. Pauli“-Shirt joggend in Planten & Blomen über den Weg, der Lover – also er joggt, nicht ich – und als ich das erste Mal meine alte Haupttribüne am Millerntor betrat, fiel mir auf, wie viele Leute ich noch vom Sehen aus den Kneipen damals kannte. Dem „Dschungel“, dem „Um Mitternacht“, dem „Subito“. Der Zeit, kurz bevor „Aciiiid“ das Nachtleben nachhaltig änderte. In diesem Stadion atmete noch etwas, war präsent, das mich in dem wilden Hamburg der späten 80er willkommen geheißen hatte. Das mir beim Surfen durch hochkommerzialisierte Medienwelten in den 90ern verschwunden schien.

Es war der Tag eines 4:0 gegen die Stuttgarter Kickers, an dem meine Initiation nachhaltig griff, und trotz des berühmten „Wir waren Absteiger Nr.1“-Slogans spielten wir plötzlich in der Hinrunde mit ’96 um den Aufstieg. In der Rückrunde Hannover dann nicht mehr, wir schon. Nürnberg war längst enteilt, und ich meine, es war der Herr Ehrmanntraut, der Hannover antrieb, und wir kurz dahinter kurz vor Weihnachten. War es das Spiel gegen Aachen, wo dieser Xeng-Fui oder so ähnlich sich so schlecht benahm, ein 3:3, kann das sein?, das Spiel davor, das Menschen auf Holzbänken ausriefen ließ „Die Jungs können doch nicht nach Hannover fahren!“?

Am Tag des Spiels selbst hatte ich einen Termin in Mainz. Auf der Rückfahrt stöpselte ich einen Kopfhörer in die Armlehne. Ein Reporter im dort eingespeisten Radio schwärmte von dem „Spitzenspiel“, laustark vernahm ich „St. Pauli!!!“-Chöre im Hintergrund. Es hielt mich kaum auf dem Sitz. Das 1:0 für Hannover fiel. Simak schoss es, glaube ich. Pathos wüsste es jetzt genauer.

Der Zug hielt. Hannover. Ich zögerte kurz. Ich schnappte meine Sachen und hüpfte aus dem Wagon, joggte zum Taxi, „Niedersachsenstadion, bitte!“. Es war dunkel, das vorletzte Spiel der Hinrunde, meine ich. Das vor dem Spiel mit dem Lotter-Freistoß von der Eckfahne, der direkt … und dann Nico Patschinskis Welle mit dem Publikum hinter ihm während des DSF-Interviews – also, das kam danach, das Nürnbergspiel. An dem Abend in Hannover jedoch ging ich auf das Stadion zu und hörte nur „St.Pauli“-Chöre, so laut, so schön … unweit des Maschsees hatte auch mein Vater gearbeitet, wir haben auf der Wiese vor dem Fussballoval gesessen, um den Rolling Stones zu lauschen und hörten fast nix. Und nun sooooo laut St.Pauli!, als sollten Chöre lindern, was an unschönen Erinnerungen aus dieser Stadt in mir fort lebte. All die Demütigungen, alle – sie sangen sie hinfort …

Ich bekam eine Karte für einen fast leeren Block neben unserem. Es war kalt, und wegen derer neben mir fühlte ich mich sogar in dieser, meiner Herkunfststadt plötzlich, dieses eine Mal!, zu Hause und am richtigen Platz.

Markus Lotter schoß kurz nach meinem Eintreffen den Ausgleich. Ich war befreit. Atmete tief durch, wie man das tut, wenn etwas zu Ende gegangen ist und man im Guten sich auf die Zukunft freut. Weil man ich wurde. Einmal mehr.

Die Frankfurter vorm „Prost!“ sind mittlerweile eingeschlafen, deren Feuer ist verloschen, sieht man ja am Punktestand. Der Barkeeper tut auch nur so, als würde er mir zuhören … der Bahnhof ruht.

Doch das da in der Ecke, der mit der Lederhose, hey, kenn ich den nicht? Meat Loaf singt mir plötzlich ins Ohr, „… and the chilly california wind is blowing down our bodies again …“ – komm, Barkeeper, noch zwei Bier, ich geh da jetzt mal rüber …

Avaaz zur Aufstandsbekämpfung in Libyen und Gegenmaßnahmen

Dann Copy & Paste ich doch auch noch was zu Guttenberg …

.. weil dieser von Norbert erwähnte Aspekt irgendwie untergegangen ist:

„“Nun ganz ehrlich Leute: Ich finde das nun weniger sehr aufregenswert, dass der seine Doktorarbeit abgeschrieben hat, als dass sie von der Uni Bayreuth so bewertet wurde. (…) Klar ist es das und dies ist der eigentliche Skandal. Denn alle diese Leute waren damals schon aufstrebende Politiker und ihr glaubt doch nicht, dass von wohlwollenden Professoren und Universitäten so jemanden ein Stein in den Weg gelegt wird. Ganz im Gegenteil: Da wird eben mal ein bisschen geschummelt. Man will doch nicht als derjenige dastehen, der dem aufstrebenden Politiktalent den Doktor verwehrt hat.“

Habe ich jetzt ungeschickterweise mit Quelle verlinkt zitiert, aber das frage ich mich ja auch die ganze Zeit: Meinen Prüfern einst bei der Magisterarbeit wäre wahrscheinlich nicht aufgefallen, wenn ich Passagen aus „DIE ZEIT“ hinein gemauschelt hätte, ohne die Quelle zu nennen. Vielleicht auch nicht, wenn ich einen komplett unbekannten Aufsatz auf dem Netz gefischt hätte. Die zentralen Aufsätze und Bücher zu den diskutierten Themen freilich sind denen, die die Arbeit zu beurteilen hatten, bekannt gewesen, weil das deren Job ist, sie zu kennen, damit sie das machen können, wofür sie da sind: Den Stand der Philsophie, Soziologie und Sozial- und Wirtschaftsgeschichte über den aktuellen Stand des Wissens und der Reflektion hinaus zu treiben. Und dazu muss man schon wissen, welcher das ist. Um meine damalige Herangehensweise an das Thema in der Magisterarbeit überhaupt sachgemäß beurteilen zu können, mussten sie das wissen. Und noch in den mündlichen Prüfungen war Kriterium für die Note 1, über den Text hinaus zu gehen, selber zu denken, Urteilskraft zu beweisen.

Keine Ahnung, ob bei Herrn von Guttenberg die restlichen, nicht plagiierten Passagen dieses bezeugen; bemerkenswert ist, dass in dieser mit Regelbefolgung zugeschissenen Welt  derartige Tugenden zumeist verschwunden sind. Was wie ein Widerspruch erscheint, aber keiner ist: Die Regel, eine Quelle als Quelle kenntlich zu machen, kann ja selbst Gegenstand einer ziemlich originellen Reflexion werden, und so ungefähr habe ich immer das Werk Derridas (unter anderem) verstanden, wo Fussnoten teilweise eine sich vom Text, unter dem sie stehen, völlig entfernen und anfangen, eigene Geschichten zu erzählen, und in Zitierweisen Quellen so umsortiert werden, dass sich Sinnzusammenhänge ergeben, die den Text auseinander fallen lassen.

Das mögen keine Praktiken sein, die für Juristen maßgeblich sind, sie alle sind freilich Kommentare zum Thema Wittgensteins, nämlich jenem, was es heißt, eine Regel zu befolgen. Das wiederum ist Kern jeder Juristerei, Regelauslegung, wie auch der Exekutive, sich daran dann zu halten, und dass nun ausgerechnet jene, die Herrn zu Guttenberg beurteilten, offenkundig dessen Regelverstöße nicht auffielen, wirft ein Licht auf die Juristerie wie auch die Politik, das ziemlich eigentümliche Auffassungen von diesem Themenkomplex wie auch seltsame, kaum nachvollziehbare Wissensstände offenbart. Zudem eine Haltung dem Denken gegenüber, das der Nörgler in der Kommentarsektion beim Che pointiert zusammen fasst:

„Zwischen dem Umbringen des Geistes und dem Umbringen von Menschen macht der spätkapitalistische Herrscherpöbel selber keinen Unterschied.

Ich bestreite, dass das Verreckenlassen von Soldaten in einem sinnlosen Krieg eines höheren Maßes an Skrupellosigkeit bedarf, als das Verreckenlassen der Wissenschaft in einer gefakten Dissertation.

Guttenberg hat mit der Erschaffung einer Depraviertenarmee begonnen, deren Mitgliedern die Rechte der Menschen wie des Geistes gleichermaßen fremd sind.“

Von zu Guttenbergs Doktorvätern, Juristen, die den Geist der Verfassung, die Würde des Menschen sei unantastbar und ein jeder vor dem Gesetz gleich, zu lehren haben, wurde er dabei auch noch tatkräftig unterstützt. Man muss sich eher die Frage stellen, ob deren Rücktritt nicht auch zu fordern wäre.

Und ergänzend darauf hinweisen, dass Kindertagesstätten einerseits und Theater, Museen und Opern andererseits nix sind, was gegeneinander auszuspielen wäre. Weil eben die Haltung dem Geiste gegenüber, die Nörgler trifft, in letzteren Institutionen gelehrt wird – ein Beethoven, ein Tschechow, ein Picasso wissen mehr darüber zu erzählen als Parteiprogramme.  Ohne sie fallen Gesellschaften in jene Barbarei zurück, für die ein zu Guttenberg symptomatisch steht.

Wie Umverteilung funktioniert: „Angie, koch mal Kaffee!“

„Die Commerzbank zahlt für das vergangene Jahr Boni in Höhe von rund 440 Mio. Euro. Bankchef Martin Blessing bezifferte die Personalkosten auf der Bilanzpressekonferenz am Mittwoch auf insgesamt 4,4 Mrd. Euro, „davon sind zehn Prozent variable Vergütungen“. Mehr als 50.000 Mitarbeiter erhielten eine Zulage.

So als „Jungunternehmer“ mit der „stillen Beteiligung“ einer privatwirtschaftlich-öffentlich gemischten Institution, der jährlich satte 10% Prozent auf diese Einlage zahlt, dieses aber nur darf, weil die von der Bundesregierung gefütterte Bank ihr Okay dazu gab, wundere ich mich deutlichst. Geld, das mir ermöglichen würde, mehr Leute einzustellen, übrigens, nicht etwa auf mein Konto fließen würde.Nur dass ich komplett hafte, die Banken offenkundig nicht.
Ebenso erscheint die Diskussionen rund um 5 oder 8 Euro mehr für „systemisch überflüssige“ Hartz IV-Empfänger merkwürdig. Diese unglaubliche Volksverarschung, die sich „Bankenrettung“ nannte, sollte wohl langsam den Geist von Wisconsin auch hierzulande beschwören. Ewig wird man Länder wie Griechenland nicht dumpen können, um den Profiteuren der Großorganisationen, und da ist gehupft wie gesprungen, ob es nun Versicherungen, Behörden, Banken oder Krankenkassen sind, ihre Boni zu bescheren.

Labskaus!

War hier im Blog schon Thema, hat bei bei Twitter für Erheiterung und Kontroversen gesorgt – so kann es aussehen:

 

 

Lecker!!! Zubereitet im schummrigen Raval.