Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

FC St. Pauli – 1. FC Köln 3:0: „Unermüdlich rollten die Angriffe Richtung Tor von Michael Rensing …“

29:3 Torschüsse. Das ist alle 3 Minuten einer. Wie sagte der Quotenrocker hinterher so treffend? „Es fehlte ein wenig die Dramatik.“ Was eine Gala. Da zitier ich doch sogar mal genüsslich den Kicker:

„St. Pauli spielt Köln an die Wand. Unermüdlich rollten die Angriffe Richtung Tor von Michael Rensing.Erstaunlicherweise fanden die Gäste auch im zweiten Durchgang keine Mittel, um die euphorisiert nach vorne spielenden Stanislaeski-Schützlinge in Verlegenheit zu bringen. Kessler verbrachte im Pauli-Tor einen ruhigen Nachmittag.“

Auch das Bedrohen des Schiedsrichters (der Brych, ich fand den gut!) durch Bundesposer Poldi mittels Imponiergehabe und Beschwerdeführung half nix. Bisher mochte ich den ja gerne, den Prinz mit dem Jungensgrinsen, aber dieses Effenberg-Imitat, was die Körpersprache betrifftt, war nicht sexy. Schon gar nicht, wenn er inmitten einer Truppe stolzierte, die eher wirkte, als würde sie gegen den Zweitliga-Abstieg spielen. Völlig leidenschaftslos und stumpf. Man, waren die schlecht. Während unsere Jungs wirklich, also, Magie, Zauber, Voodoo, Worte fehlen, Füße wirbelten, Pässe, magnetisch angezogen vom Mitspieler, zogen ein abstraktes Muster, gestochen scharf und pointiert über den Platz – sie kombinierten, wie es Fussballgöttern angemessen ist. Sie kämpften, rannten, hexten, – himmlisch. Auf Wolke 7 (woher kommt das eigentlich? Wolke 7?) schwebten wir durch einen Fussballnachmittag, wie man ihn zuletzt in der zweiten Liga erleben durfte, und da zumeist eher auswärts. Wie gegen Aachen damals. Oder Koblenz. Oder Duisburg.

Wie oft saßen wir mittags vergrämt im O-Feuer und debattierten, wieso einem so großen Fussballer wie Charles Takyi es nicht gelingt, sein ungeheures Potenzial auf dem Platz abzurufen. Wieso er die Chance nicht nutzt, sich der ersten Liga als das zu präsentieren, was er ist: Der Sir. Wir lieben ihn  ja und litten mit. Und dann dieses Spiel gestern. Man hatte irgendwann das Gefühl, die Gegenspieler wichen ehrfurchtsvoll zurück, wenn er mit all dem Charisma, das er fussballerisch entfalten kann, inmitten derer auf engsten Raum noch filigran und doch robust die Bälle zu verteilen wusste. Um mit diesem grandiosen Fernschuss den Sieg einzuläuten – was ein Tor!!!

Dass Asamoah ihn adoptiert hat, tat dem Spiel so gut. Was hat der Asa da gerackert, gewirbelt, mit seiner ganzen Physis die Kölner Abwehr ausgeknockt. Hervorzuheben auch Thorandt, dessen Diagonalpässe wirklich traumhaft präzise waren. Was der Kruse an Durchsetzungsfähigkeit zugelegt hat: Ein Traum! Kampfkraft statt krampfhaft. Und die schönsten Beine der Liga haben den Elfmeter auch so scheißsicher eingenetzt … hach, schreibt man bei Twitter in solchen Fällen.

„Dieser Club ist ein Juwel.
Das Schönste, was man im deutschen Fussball finden kann.
Und dieser Club hat Fans, die mit ihm und euch durch die Hölle gehen und zurück.
Fans, für die dieser Club weit mehr als eine pure Herzensangelegenheit ist.“

Gestern ging es zurück und war einen Nachmittag paradiesisch. Das Team war toll. Das Team war St. Pauli und trug den Jolly Rouge im Herzen. Und wir werden es auch weiter lieben und vergöttern, wenn es wieder nicht so läuft. Hey, Jahre in der Regionalliga waren wir schließlich auch da!

Neue Interaktionsmuster überzogen auch die Ränge: War zwar nicht das erste Mal, dass wir auf der Haupttribüne den Südbewohnern ein „Hinsetzen, Hinsetzen“ zuriefen, aber nie zuvor so laut, und vor allem wurden nie zuvor von uns Wechselgesänge initiiert. War so neu, dass in einem kurzen Moment der Verblüffung keiner sich anzufangen traute mit dem „St. Pauli, St. Pauli!“. Meiner Wahrnehmung nach war es P.A. neben mir, der dann aufsprang und den Shouter gab, dem die anderen folgten. Ich sprang mit. „Haupttribüne on dope!“ hat jemand im Forum geschrieben, was angesichts der Dämpfe und Gerüche hinter mir noch nicht mal bei allen falsch war  😉 …

War auch noch ’ne Menge rot zu sehen. Nicht so viel wie beim letzten Mal, klar, aber jetzt heißt es durchhalten. „Kein Orth für Worthülsen“  stand sinngemäß auf einem Transparent, jawollja. Wie ich es finde, dass die Linkspartei nun die Slogans der Sozialromantiker klaut, das weiß ich auch nicht. Man will ja politisch wirken, aber so? Und selbst Ex-Hartz IV-Minister Olaf Scholz wildert bei uns rum. Nicht nur, dass er in Ballsälen seine Wahlveranstaltungen abhält, um sich mit St. Pauli-Image aufzuladen – gestern verkündete er per Mopo:

„Er wendet sich gegen die Eventisierung der Kultur. „Kultur muss sich eigenständig entfalten, auf eine Art und Weise, die kein Marketingfachmann berechnen kann“.“

Hamburger Morgenpost, 29. Februar 2011, S. 35

Ist das jetzt Lerneffekt oder Rechtfertigung dafür, auch in Zukunft städtisch nix für das Nachwachsen von kulturellen Biotopen zu tun? Egal, ich glaub ihm zwar kein Wort, schaden kann es aber nicht, wenn das in der Zeitung steht. Vielleicht orientieren sich Herr Meeske und Gernot Stenger daran. Ich jedenfalls schwang trotz steter Attacken rechts von J. unverdrossen meine Fahne inmitten unseres Blocks, und der ältere Herr mit dem Hörgerät, der mich neulich noch anranzte, dass das doch dummes Zeug sei, schüttelte mir freundlichst-st. paulianisch die Hand zur Begrüßung.

Einzige Wermutstropfen waren zum einen die „HSV ist Scheiße!“-Gesänge auf der Süd, als der Sieg längst eingeschossen war. Das ist zwar zweifelsohne wahr, aber sorry, was interessieren uns die Rauten, wenn unsere Jungs gerade auftrumpfen wie schon lang nicht mehr? Und zum anderen, dass wohl einige Kölner ein wenig Straßenschlacht spielen wollten, „Pit Bull-Deutschland“-Shirts tragend, alles Hörensagen und trotzdem traurig. Ich weiß nicht, ob die „Fanfreundschaft“ je gelebt wurde und finde so was eh albern, wenn es quasi-instituionalisiert ist, habe ja auch ganz individuell eine Fanfreundschaft nach Oberhausen –  aber bei aller Aversion gegen die Stadt Köln, in der ich ein Jahr im Exil verbringen musste, in dieser stickigen Enge voller ignoranter und selbstgefälliger Selbstdarsteller mit de Höhner-Bart, hatte ich den FC schon noch unter einigermaßen sympathisch verbucht. Und ihr schwuler Fan-Club ließ sich auch per Stadionsprecher willkommen heißen. Wieso dann dieser Blödsinn?

Sei’s drum, es fand sich nach dem Spiel der übliche Blogger- und Twitterer-Klüngel vor der Domschänke ein und vermisste aktiv und gemeinschaftlich den @sparschaeler, die @Jeky, die @pauliane und @unverlierbar. Und der Kleine Tod beehrte uns auch nicht mit seiner Anwesenheit. Wir hatten trotzdem Spaß, allesamt rundum zufrieden.

Zumindest durfte ich voller Erstaunen das große Interesse Heterosexueller am Thema „Skater-Porno“ fest stellen. Huch? Wieso diese Filme im Gegensatz zu Susis Stangentanz gar nicht sexistisch sind, das ist nun aber ein anderes Thema …

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23 Antworten zu “FC St. Pauli – 1. FC Köln 3:0: „Unermüdlich rollten die Angriffe Richtung Tor von Michael Rensing …“

  1. jekylla Januar 30, 2011 um 12:49 pm

    Hach, wie schön geschrieben! Und ach, was wäre ich so gerne dabei gewesen!

    Ich lese das jetzt einfach noch ein paar Mal.

  2. momorulez Januar 30, 2011 um 12:54 pm

    Ich bin ja auch noch im Rausch, da schreibt es sich flüssiger 😉 … da haben Sie wirklich was verpasst gestern!!! Auch wenn ich jetzt in offenen Wunden wühle, dafür selbstverständlich sorry.

  3. jekylla Januar 30, 2011 um 12:59 pm

    Sie sollten immer im Rausch schreiben 🙂
    Ja, das habe ich schon bemerkt, dass ich wirklich was verpasst habe, aber manchmal birgst das restliche Leben eine Anforderungsproblematik… *seufz*

    Übrigens, beim Spiel gegen Hoffenheim gab es auch kurzfristig „Wir sind St. Pauli, Sch*** HSV“ Gesänge. Fand ich aus dem gleichen Grund überflüssig wie Sie die gegen Köln.
    Fanfreundschaft existent oder nicht mit den Kölnern, hatte bisher nur gute Erfahrungen, deswegen enttäuscht mich so ein Blödsinn auch.

    Aber egal, jetzt heisst es wieder ein paar Tage „Einfach mal glücklich sein“ 🙂

  4. jekylla Januar 30, 2011 um 12:59 pm

    P.S.: Und ja, Sie bohren in offenen Wunden!!!!!!

  5. MondoPrinte Januar 30, 2011 um 1:15 pm

    Glückwunsch zum mir (hoffentlich…;-)) zweitliebsten Resultat des Spieltages.

  6. momorulez Januar 30, 2011 um 1:18 pm

    Dankeschön! Und ich hoffe, Du verzeihst mir, dass ich euch aktuell nicht die Daumen drücke 😉 …

  7. cut Januar 30, 2011 um 2:09 pm

    Bravo! K*** also erfolgreich an die Wand gespielt. Wenn auch nicht 6:0. 😉

  8. momorulez Januar 30, 2011 um 2:16 pm

    Ohne Rensings Spitzenleistung hätte das problemlos ein 6 oder 7oder 8 zu 0 werden können 😀 …

  9. tom Januar 30, 2011 um 6:32 pm

    Hallo,

    ich möchte Eure Euphorie nicht bremsen, aber gegen so eine Gurkentruppe wie den 1.FC Köln gewinnt jeder, die haben noch nicht einmal Zweitliga-Niveau 😉

  10. momorulez Januar 30, 2011 um 6:48 pm

    Ja, völlig richtig, wir haben Werder gestern auch Regionalligatauglichkeit bescheinigt 😀 – wäre doch aber bekloppt, den Sieg deshalb nicht in vollen Zügen zu genießen. Zudem das nahtlos an die zweite Halbzeit gegen Hoffenheim anschloss, die da zwar noch nicht verstärkt waren, aber ja nicht ganz so blind sind wie die Kölner. Und überhaupt.

  11. jekylla Januar 30, 2011 um 6:48 pm

    @tom
    Wenn Sie unsere Euphorie nicht bremsen wollen, bitten Sie doch den Admin hier, diesen Kommentar wieder zu löschen? 😉

    Im Ernst, das hat ja jeder gesehen, dass von Köln nullkommanix kam, aber da darf man doch trotzdem mal euphorisch sein, die paar Tage Euphorie schaden niemandem und bringen eine Menge Spaß.
    Also:
    „Einfach mal glücklich sein“ ist die Devise !

  12. momorulez Januar 30, 2011 um 6:51 pm

    Ja. Finde es auch nicht schlau, so zu leben, dass man Spaß und Euphorie und Lebenslust relativiert durch den Blick auf Andere. Mal ganz allgemein gesprochen.

  13. jekylla Januar 30, 2011 um 6:58 pm

    Man muss sich auch mal losgelöst von relativierenden Rundumblicken freuen können. Ich kann das gut und mache es, wann immer ich Gelegenheit dazu habe. Als Extremist kann ich das allerdings auch andersrum gut 🙂

  14. momorulez Januar 30, 2011 um 7:06 pm

    Im Hier & Jetzt genießen lernen, sozusagen!

  15. ring2 Januar 30, 2011 um 7:37 pm

    Der Acker der Liebe – und wie ich mich auf das Millerntor nächste Woche freue, wenn man unser Stadio noch in der Vorstadt hören wird. Nun könnte blau.de eben das mal nach Stellingen übertragen, so als Wiedergutmachung 😉

  16. Karsten Januar 30, 2011 um 11:14 pm

    Klar, eine Fanfreundschaft ist sinnlos, wenn so Pitbull-Typen durch die Gegend ziehen. Unter den echten FC-Fans gibt es für mein Gefühl auch etwas zu viele, die die Farben Schwarz-Weiß-Rot etwas zu sehr lieben.

    Jedenfalls gönne ich keinem Verein so sehr diesen Sieg gegen den Verein, den ich mag (den Begriff „Fan“ beanspruche ich ja nicht) wie dem FC St. Pauli. Herzlichen Glückwunsch – vor allem dazu, dass es für euch wohl eine echte Gala gewesen sein muss.

  17. MondoPrinte Januar 31, 2011 um 7:55 am

    @momorulez
    Tat das gut gestern abend….!!!!

    @ Karsten
    Auch wenn ich es mit den Gladbachern halte – wie Du die FC-Szene beschreibst, kommt mir das leider doch auch sehr bekannt vor.

  18. momorulez Januar 31, 2011 um 9:56 am

    @Mondo:

    Glückwunsch natürlich trotzdem! Zudem Frankfurt auch echt die ekligste Mannschaft der Liga hat …

    Und in Gladbach gab es nach unserem Sieg dort auch kleinere Jagdszenen auf St. Paulianer von Möchtegernnazis in dunkleren Ecken, wenn ich mich recht entsinne, vielleicht korrigiert wer. In Köln wurde wohl eine Straßenbahn mit unserigen drin beworfen.

    Was echt schade ist, das sind ja beides Vereine, bei denen ich das bisher nicht assoziiert hätte. In Dortmund scheinen sich die Rechten auch gerade wieder breiter zu machen, da war das ja Ende der 80er und in den frühen 90ern ganz schlimm.

  19. momorulez Januar 31, 2011 um 12:23 pm

    Ein paar Eindrücke zum Thema Kölner Fans:

    http://www.youtube.com/watch?v=tEHmrXFkkTA

    Wobei in der Domschaenke auch sehr nette Kölner waren!

    Ergänzend freilich sei dieser Augenzeugenbericht bei uns im Forum auch nicht verschwiegen:

    „Ich habe auch umgekehrt erleben müssen wie völlig friedliche Kölner schon früh am Tag als „Schwuletten“ „Dreckskölner“ beschimpft wurden von St.Paulianern und trotzdem komme ich nicht auf Idee dafür die gesamte St.Paulifanszene in Haftung zu nehmen.“

  20. kleinertod Januar 31, 2011 um 1:36 pm

    Schöner Bericht. Nach dem Spiel hab ich dann doch das gemeinsame Aufwärmen vorgezogen und das Bier danach sein lassen – prompt werde ich verpetzt. Tss… 😉

  21. momorulez Januar 31, 2011 um 2:48 pm

    Danke! Und wir haben da gemeinschaftlich genüßlich gefroren, sozusagen 😉 … und ist doch kein Gepetze, sondern ein „Schade!“.

  22. kleinertod Januar 31, 2011 um 3:53 pm

    Beim nächsten mal setze ich noch mehr 😉 😉 😉 ^^

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