Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Die Erotisierung des gesamten Lebens

Wollte noch auf einen ganz spannenden Text im Blog Spiegelschrift (via Teilnahmebedingungen) verweisen hinsichtlich einer Gegenüberstellung Sartre – Marcuse – gar nicht, weil ich an eine solche Relationsstiftung so heran gehen würde, sondern weil das ins sich ganz spannend ist:

„Ebenso besteht die Gefahr, auf dieser Position eine konkrete Einsicht in die Natur des (befreiten) Menschen zu formulieren, wie es Marcuse mit der Konzeption eines befreiten Eros jenseits der Genitalfixierung als gesamtkörperlich polymorph-pervers und der daraus resultierenden Erotisierung des gesamten Lebens andeutet, und Abweichungen von ihr widerum als unnatürlich zu identifizieren.“

Ist das eine Gefahr? Hätte ich früher auch behauptet, bin mir da aber gar nicht mehr so sicher. Und wenn der Sänger der White Lies hier aus den Boxen dringt, habe ich auch Lust auf eine polymorph-perverse Erotisierung des ganzen Lebens.

An dem Text lassen sich herrlich die Probleme einer bestimmten Lesart des Hegelfreudomarxismus ablesen, der Utopisierung im Allgemeinen und im Grunde genommen auch, wieso der frühe Sartre zur Einspruchsinstanz gegen solche Denkpraktiken taugt. Gefiel mir.

5 Antworten zu “Die Erotisierung des gesamten Lebens

  1. amruthgen Januar 29, 2011 um 11:05 am

    In der Tradition abendländischer Philosophie dürfte jede Hinwendung zum ‚körperlichen‘ zur Gefahr werden können. Erst wenn man ontologische Sichtweisen der dichotomischen Implikationen der Philosophie aufgibt, auf die Homunculae wie Geist, Vernunft, Ich, Objektivität verzichtet – weil sie unkonkretes bezeichnen dürften – wird ‚hedon‘ und ‚hedonistisch‘, ‚eros‘ und ‚erotike‘ zu einem vertrauten Merkmal des ‚philosophieren‘.
    http://koerpervernunft.wordpress.com/

  2. momorulez Januar 29, 2011 um 12:09 pm

    „ich“ macht mich identifizierbar, indentifiziert aber nichts 😉 – mal Hume oder Merleau-Ponty gelesen? Man muss nicht gegen Abstraktion anrennen, um leibgebundene Vernunft zu denken. Der Kult des Konkreten ist ein Kult der Verdinglichung und will dem kritischen Geist vermeintlich Flausen, also Erkenntmisse austreiben.

  3. amruthgen Januar 29, 2011 um 7:41 pm

    Gegen Abstraktionen habe ich nichts – aber deren Verdinglichungen finde ich hinderlich.

  4. spiegelschrift Januar 31, 2011 um 8:40 pm

    Mit „Gefahr“ war nicht der polymorph-perverse Eros und damit die Erotisierung des gesamten Lebensgemeint, sondern die Identifikation von Abweichungen als widernatürlich (und damit die Drohung der „Heilung“ der „Kranken“).

  5. momorulez Januar 31, 2011 um 9:13 pm

    Ja, die ist ja auch real, diese Gefahr, gerade auch an den Normalisierungstendenzen in der freudomarxistischen Literatur, die in ihrer Utopie der Triebbefreiung irgendwas „gesundes“ behaupten, was Foucault völlig zu recht zerfetzte als Vorstellung.

    Umgekehrt ist die konkrete Formulierung „befreiter Eros jenseits der Genitalfixierung ganzkörperlich polymorph-pervers“ so toll, dass ich sie zustimmungsfähig finde 😉 … früher hätte ich auch gegen jede positive Setzung der Vorstellungen eines „guten Lebens“ opponiert, auch mit dem Argument, dass diese nur unsinnig Druck erzeugten und der Mangel zu der Vorstellung führen könnte, man sei defizitär, wenn man diesen Entwurf nicht realisiert. Mittlerweile finde ich einfach Utopie als „regulative Idee“ wieder ganz in Ordnung.

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