Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Reclaim your life

Endlich auch den „Jolly Rouge“-Kapuzenpulli bedrucken lassen. Und das T-Shirt mit dem schwarzen Totenkopf in rotem Kreis auf schwarzem Grund. Samstag ist ja wieder so weit, da muss gegen Köln erneut Farbe gezeigt werden.

Gibt einen tollen, kleinen Laden in der Juliusstraße, „eindruck„, wo nette Jungs, denen „Migrationshintergrund“ angedichtet würde, in Eigenregie einen von 3 Läden betreiben. Also solche, die von Mieterhöhungen und Kaffee-Togo-Ketten bedroht sich irgendwie durchschlagen und somit Subjekt sind in diesem Protest. Ich erzählte ihnen den Hintergrund des neuen Zeichens, zeigte ihnen die „Sozialromantiker“-Seite im Netz. Fanden sie spannend. Kein Wunder, wer weiß, wie Gernot Stenger ihnen entgegen träte, wäre er als Fachanwalt für „Immobilientransaktionen“ im Falle dieses Gebäudes unweit der „Roten Flora“ zuständig, wenn dort luxussaniert würde und der Laden raus müsste. Wahrscheinlich bekämen sie ihn gar nicht zu Gesicht.

Es ist ein seltsames Gefühl der Wiedergewinnung, wenn man diese Klamotten trägt. Das Tragen von Shirts meines Vereins habe ich immer schon anders empfunden als jenes irgendwelcher Fetzen, die man sonstwo sich zulegte.

Zuletzt jedoch, wenn man in der Haupttribünenschlange eingereiht die „V.I.Ps“ links an sich vorbeiziehen sah und die Linksspießernachbarn meines Kompagnons den Totenkopf hissten, während sie das Hinterhof-Gärtchen einzäunten und Hausbewohner mit einem Regel- und Abwehrbollwerk überzogen, natürlich Wähler der GRÜNEN, dann zuckte es in mir, und zunehmend verlor Wert, was vorher so stolz ich trug. Es war auf Marketing reduziert und so tot wie das, was er darstellte.

Aus diesem Gefühlsverlust, dieser Entwertung wurde der „Jolly Rouge“ geboren. Aufgrund dieses beeindruckenden Postings im Forum, das die Welle los getreten hat und berichtete, wie weh es tat, all jene mit dem weißen Schädel auf der Brust, doch ohne St. Pauli im Herzen zu sehen – sofort wurde es allseits, na, fast allseits, verstanden. Und diese beeindruckende und Gänsehaut erzeugende Demonstration in rot war die passende Antwort.

Nun trägt man ihn anders wieder auf, den „Jolly Rouge“, während man über das Schulterblatt schlendert. Wieder Subjekt geworden, stolz und aktiv, nachdem von Medienklischees und Marketing enteignet von all den sich mittels „St. Pauli sehen“ Absolution erkaufenden Seelenverkäufern man einmal mehr zum Objekt geworden sich an den Rand gedrängt auf der Haupttribüne wieder fand.

Wie in anderen Lebenssphären ja auch, da man sich immer neu angekoppelt sieht an Zuschreibungen und Platzzuweisungen, die zum eigenen Sein werden, weil man sich zu ihnen verhalten MUSS. Dafür sorgen schon die Türsteher, Statistiker und Banksachbearbeiter des Lebens, die ihre Schufa-Auskunft zur gesellschaftlichen Positionierung wie Zeichen auf Gesichtern zum Leuchten bringen. Wie in diesem Spiel, da Post ITs mit Namen Prominenter an Stirnen pappen und man raten muss, was darauf steht. Nur dass dieses Spiel immer weiter, immer weiter geht und am Verhalten und den Sätzen der Anderen ablesbar ist.

Kein Mensch käme von selbst auf die Idee, sich z.B. als Objekt von Rassismus, Homophobie, Klassismus oder Sexismus zu begreifen. Man guckt nicht in den Spiegel, man käme nicht auf die Idee, sich selbst eine „kalte Muschi“ anzudichten, wenn man das nicht gelernt hätte – durch den Blick und das Verhalten der Anderen, das Plätze im gesellschaftlichen Ranggefüge zuweist und immer wieder hoch aggressiv durchsetzt mit diesen ewigen Diskussionen über das N-Wort und das „biologische Geschlecht“ in einer Diskussion um das soziale, in denen unausgesprochen klar gestellt wird, wer ggf. vergewaltigt und wer nicht.

Mich hat es ernsthaft beeindruckt, wie auf der „Sozialromantiker“-Seite die Rede einer St. Paulianerin geschildert wurde, in der sie beschrieben hat, dass sie es normalerweise am Millerntor genießt, dass sie nicht als Objekt patriachaler Zurichtung männlichem Blick ausgesetzt sich sieht. Da glotzen ja auch alle auf Männerhintern, – beine, – brüste, und das ist auch gut so. Und dann tanzt wie in einer Gegendemonstration in der „Susis Showbar“-Loge halbnackt ein Mädel, und der hämische, objektivierende Blick ist wieder da. Der wirkt, man sieht ihn grinsen, während er Körper fetischisiert. Selbst dann, wenn er gar nicht auf diese St. Paulianerin blickt, wirkt er. All die Parameter über so called „Titten“ und „Ärsche“ grabbeln panoptisch drauflos und prägen das Selbstverhältnis. Vermute ich, bin keine Frau, und bitte um Verzeihung bei Fehldeutungen.

Kenne das aber in anderen Zusämmenhängen. Wenn in Kommentarspalten anderer Blogs über „Pobereit“, also „Wowereit“, gewitzelt wird, kicher, aber bitte nur privat, prust, natürlich hallen da all die „Arschficker“-Sprüche nach, all die „Schwuchtel“-Rufe, die man in jedem zweiten amerikanischen Spielfilm unaufhörlich dröhnen hört. Die man bei den ersten Schritten in Richtung dessen, was einem Lust verschafft, auch nachhallen hört. Die jede Regung von Begierde begleiten.

Die sofort Bilder von Freunden von Kumpels beschwören, die in Moskau mit einer Flasche im Arsch, vom Aschenbecher erschlagen, aufgefunden wurden. „Pobereit“. Harhar. Dann liest man in wieder anderen Kommentarspalten, wie der schwule Blogger Rhizom in Diskussionen als „Süßer“ angeranzt wird und zum „Karzinom“ umbenannt.

Es gibt keine zufällige Sprachverwendung, natürlich steigen in mir auf die ersten Bilder im SPIEGEL einst von Geschwüren auf der Haut von AIDS-Kranken, mit „Schwulenkrebs“ unterschrieben. Und natürlich läuft genau diese Diskreditierung mit, ob bewußt oder unbewußt reproduziert sich dieses Muster. „Wandelnde Seuchenherde mit hamsterhaftem Sexualverhalten“ hat Gauweiler damals sinngemäß geäußert, als ich erstmals mit Typen rum machte. Ich hab beim Sex daran gedacht. Kein Witz. Ich denk auch daran, wenn Rhizom Karzinom genannt wird, man ihm zuruft, er solle doch eine Gay-Bar in Gaza eröffenen. Weil ich ja lernen durfte, welches Post It man uns auf die Stirn pappte – und dass man es heute gerne zum „Kanacken“ nieder machen nutzt, weil die ja angeblich alle homophob seien.

Es gibt keine äquivalente Verballhornung zu „Pobereit“ für heterosexuelle Männer. Kein N-Wort für Weiße in unsrren Breiten. Kein Wort, das die Schärfe von „F…“ besitzt und auch kein mit dem FC St. Pauli belabeltes Kaltgetränk namens „Impotenter Schlappschwanz“.

Am eindrucksvollsten hat Jean-Paul Sartre die skizzierten Dynamiken beschrieben:

„Das Rezeptionsdefizit war dort besonders schmerzlich, wo ihm Gehalte mit besonderem Gegenwartsbezug zum Opfer fielen. Zu nennen wären etwa Sartres Schriften zu Rassismus und Antisemitismus, allen voran die Überlegungen zur Judenfrage, die in einer vorbildlichen deutschen Neuausgabe vorliegen. Sartre gibt hier nicht nur ein detailliertes „Portrait des Antisemiten“, fast wichtiger noch sind Beschreibungen, die zeigen, wie tief ausgrenzende und diskriminierende Einstellungen und Praxen in das Leben der ihnen unterworfenen Individuen und Gruppen eingreifen. Kaum je wurde so deutlich, was es heißt, einer sozialen Wirklichkeit unterworfen zu sein, die den eigenen Lebensvollzügen und Werthaltungen nur mit Verachtung gegenübertritt.

Gleichzeitig stellt diese Arbeit einen wichtigen Wendepunkt in Sartres Denken dar. Er beginnt hier, die Widrigkeiten des Für-Andere-seins, die der einsame existentialistische Held des ersten Hauptwerks Das Sein und das Nichts noch qua freiem Willensentschluß überspringen sollte, in ihrer Dringlichkeit zu fassen. Damit beginnt sich die Perspektive auf eine Sozialkritik abzuzeichnen, die den sozialen Bedingungen gelingender Selbstverhältnisse Rechnung trägt und deren Potenzial wohl noch immer nicht voll ausgeschöpft ist.

Gegen die Zuschreibungen hilft entweder nur die Wiederaneignung der Fremdzuschreibung, man nennt sich selbst „schwul“ oder „queer“, einst Schimpfworte. Bedeutend war, als Bronski Beat den „Rosa Winkel“ auf ihr Plattencover nahmen. Erinnert sich nur keiner dran, an die „Rosa Winkel“. Heute wird weltweit von Evangelikalen „The Pink Swastika“ vertrieben. Ein Kampf der Zeichen, und die haben mehr Geld.

Oder es helfen alternative Strategien wie Regenbogenflagge oder der Begriff „POC“, People of Colour. Das ersetzt die Stigmatisierung durch ein anderes Symbol.

Nun hat der „Jolly Rouge“ nicht eine so übergreifende Bedeutung wie die Regenbogenflagge oder Symbole der Black Panther, das wäre Hybris, das zu glauben.

Im Mikrokosmos jedoch in einem Viertel, in dem KLASSISTISCHE Zuschreibungen das Leben von Menschen ganz genau so prägen, Verdrängung, Abwertung und Stigmatiserung von „Unterschichten“ Alltag ist, die sich in der Weigerung, Business-Seats zurück zu bauen, reproduziert, ist er kein triviales Symbol. Um eben dagegen anzustinken. Um aus einer Marke wieder eine solidarische und emanzipatorische PRAXIS zu machen.

Nicht umsonst haben wir eine Stadionordnung, die all das, was ich hier schreibe, berücksichtigt und zu ändern versucht.

Ich will, dass auch auf Führungsebenen statt platter Toleranzrhetorik wieder klar wird, dass es darum geht und nicht etwa die „Sozialromantiker“ so etwas wie der Wettskandal sind. Der „Jolly“ Rouge“ ist hierfür das Zeichen. Ich trage ihn gern. Und deshalb wird auch Samstag die Flagge wieder geschwenkt.

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12 Antworten zu “Reclaim your life

  1. Ring2 Januar 27, 2011 um 12:23 am

    Ich bin ja selten Freunden, und echten Kerlen, ggü so emotional, aber dieser Text trägt. Er trägt soviel von dem, was auch ich als stotternder ansonsten Mehrheitsgesellschaft zementierender empfinde als Rouge auf, dass meine Seele sich ausrichtet, wie das eben nur der FCSP und die See das Vermögen!

  2. momorulez Januar 27, 2011 um 12:30 am

    Das sind ja auch übergreifende Mechanismen, wie Andere, Strukturen auch, einen zum Objket ihres Blicks/Hötens machen, und man sich nur dagegen wehren kann, indem man wieder Subjekt wird – indem man sich aktiv dazu MACHT. Sartre.

    Ich kann ja immer nur die Beispiele bringen, die ich aus persönlicher Erfahrung oder langen Gesprächen und Lektüren kenne. Und die erzähle ich ja nur so ausführlich, weil die darüber hinaus weisende Struktur eine allgemeine ist, glaube ich, nicht aus Exhibitionismus.

    Der Stotterer ist da aber immer auch gemeint, wirklich!

    Danke, dass Du das verstanden hast, und auch für das Lob!!!

  3. Ring2 Januar 27, 2011 um 1:49 am

    Ja das verstehe ich!

  4. Ring2 Januar 27, 2011 um 1:51 am

    … und ich verstehe auch das mein Wiedererkennen so sensibel sein muss, es nicht wieder mehrheitsgültig zu deuten, sondern analog!

  5. Ring2 Januar 27, 2011 um 1:54 am

    …und dass ich das überhaupt versuchen kann, verdanke ich Menschen wie Sascha, Noah, Joanna, Dir und …

  6. che2001 Januar 27, 2011 um 9:26 am

    Zum Objekt ihres Hötens? Was ist höten?

  7. momorulez Januar 27, 2011 um 9:34 am

    Kennste Höten nicht? 😀

    @Ring2:

    Von Noah habe ich da auch noch mal extrem viel gelernt. Vor allem, dass man nachhaken, nachtreten muss und sich nicht mit halbgaren Bekenntnissen abfinden darf. Ist wie beim Fussballspielen – und wie im Umgang mit unserem Präsidium Die wollen, dass wir uns mit einem Unentschieden zufrieden geben 😉 …

  8. Gabi Januar 27, 2011 um 9:38 am

    …ich maße mir nicht an, alles verstanden zu haben was Du schreibst, aber das was ich verstanden habe lässt mir das Herz aufgehen und beflügelt mich den Jolly Rouge weiter zu tragen um stolz öffentlich zu machen wie gut es tut für seine Ideale einzustehen und sie einzufordern, immer wieder neu…
    danke

  9. momorulez Januar 27, 2011 um 9:47 am

    War denn das noch streckenweise zu kompliziert? Frage ich ganz ernsthaft, weil immer dann, wenn ich mit einem Hirnlappen Philosophie aufwische, kann das schon mal sein, dass ich nicht merke, wenn es nicht mehr nachvollziehbar ist – obwohl ich mich im Text oben sehr um Allgemeinverständlichkeit bemüht habe.

    Danke aber für das Lob 😉 – weil ja, da eben vollste Zustimmung, der „Jolly Rouge“ nicht nur plakativ „gegen Kommerz“ oder gar “ gegen das Präsidium“ meinen soll, sondern auch die Ideale, für die wir stehen, in positiver Hinsicht signalisieren soll. Ganz wie Du schreibst!

  10. Marcus Januar 27, 2011 um 1:32 pm

    Schöner Text!

    Die Revolution die die mit dem Jolly Rouge ihr Banner fand ist eben eine Revolte des Herzens,der Gefühle.Denn die gilt es zurückzugewinnen,in allen Lebensbereichen.
    Und damit ist nicht Hippiekram gemeint,sondern der Wut,der Trauer,der Verzweiflung und dem Aufbegehren wieder einen Raum zu geben jenseits des Sachzwangs und jenseits des Machbaren.
    In jedem Subjekt,in jeder Gruppe,in jeder Clique,in unserem Viertel und in unserem Stadion.
    DAS ist der kommende Aufstand.
    Und gegen den gibt es keine Strategie…

  11. momorulez Januar 27, 2011 um 2:36 pm

    Dankeschön! Das ist auch ein sehr schöner Kommentar!

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