Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Lieber rot als tot!

Kühl und Karg der Weg in den Wallanlagen. Ein einzelner, leuchtend roter Farbtupfer zuppelte inmitten gebrochener Farben in Richtung Heiligengeistfeld: Die Fahne über meiner Schulter. Eher als Redenschwinger denn zum Fahnenschwenker geboren, zog ich in Richtung AFM-Container, traf mittlerweile wohl vertraute Blogger- und Twitterer-Gesichter. @diepauliane überreichte mir mein „Bring Back St. Pauli“-T-Shirt, @Sparschaler fungierte geduldigst als Kleiderständer, um all die Schichten Kleidung ab- und dann wieder auftragen zu können.  JAK von der Breiten Masse steckte mir für die Haupttribüne einen Stapel der von ihnen heroisch und in monumentaler Menge gefertigten Pappen zu. Dem Kleinen Tod gab ich welche ab (toller Bericht mit vielen Fotos auch bei ihm!). Mir war mulmig. Ziemlich mulmig.

Auf dem Weg zur Domschänke begegnete mir zwar immer mehr Rot, doch die Angst kroch in mir in seltsamen Kreisbewegungen herum, die Pressekampagne des Vereins gegen die eigenen Fans, Mitglieder und Dauerkarteninhaber könne Wirkung gezeigt haben.

In der Domschänke schien sich das zu bestätigen: J., neben dem ich mit Sitzen dazwischen nun bald 9 Jahre St. Pauli-Spiele verfolge, polterte auf mich zu, was denn das ganze Rot solle, die Vereinsfarben seien schließlich braun/weiß. Die zentrale Forderung der Sozialromantiker sei ja wohl, die Gänge die Kita zu streichen, ironisierte er wildwütig drauflos, und gar kein Marketing mehr im Stadion haben zu wollen, was ein Quatsch. Ich versuchte geduldig zu erläutern, dass  das ja nicht ganz richtig sei, auch er habe sich schließlich darüber aufgeregt, von den Business-Seats an den Rand gedrängt zu sein, und fand kein Gehör. Aber ein gemeinsames Bier floss in die Kehlen, wie sich das gehört beim Disput unter St. Paulianern. F., den über Sexismus zu belehren vergebene Liebsmüh wäre, der aber in der Seilerstraße aufgewachsen ist und einer der herzlichsten Menschen ist, die ich kenne, wollte auch keine Pappe. Trotzdem begrüßte man sich freudig.

Vor der Domschänke warfen Männer mit Glatze mir scheele Blicke zu, diese Leute in Rot wollten ja GAR KEINE LOGEN MEHR, raunte er seinen Begleitern zu –  was für ein Unsinn. Ein äußerst charmanter junger Mann mit Mütze sprach mich an, er selbst hatte allerlei Rotes dabei. Er war auf dem Weg auf die Business-Seats, und ihm war ganz schön wacklig zumute. Trotzdem nahm auch er ein paar der roten Pappen, mutig! Wir schritten gemeinsam zum Stadion, der Einlass war extrem easy und freundlich – ich stellte mich an eine Betonsäule und hielt denen, die sie wollten, die Pappen hin, um  bei Bedarf zu erklären, worum es ging.

„Ach, diese IDIOTEN gibt es auch auf der Haupttribüne“ rief mir einer zu – „ja, seit 10 Jahren!“ antwortete ich frohgemut.

Doch immer mehr wurden es, die mit Aufklebern, Flyern und T-Shirt mit „Jolly Rouge“ bedruckt mir die Pappen aus den Händen nahmen. Binnen kurzem hatte ich zwei sehr sympathische Unterstützer an meiner Seite, ein bodenständiger Dorfbewohner, der seit Jahrzehnten Vereinsmitglied ist und sich über die Yuppisierung gar nicht mehr einbekam, richtig aufgebracht war er, dass man ihm nahm, was er so liebt, und ein weiterer Herr mit Wollmütze und elegant getrimmtem Bart gesellten sich zu mir. Mit dem wurde ich schnell einig, dass es ja nicht darum ginge, auf’s Geld verdienen zu verzichten, sondern die Frage des Wie und Womit gestellt werden müsse.

Binnen kurzem hatten sie mir meinen Stapel Pappen entrissen, die entschlossen und zustimmend nickenden Haupttribünenbewohner. Erklären musste man gar nix, die wussten alle schon Bescheid. Die wollten alle zeigen, dass ihre Art, St. Pauli zu lieben, im Sinne des „Reclaim your Verein“ zu verstehen sei – unter dem Banner des „Jolly Rouge“. Die letzte Pappe erhielt ein neckisch grinsender, blutjunger St. Paulianer mit neongelber Weste vom Ordnungsdienst, einer von denen, die wahrscheinlich am Brunnenhof aufgewachsen sind und von Heidebewohnern fälschlich „Migrant“ genannt werden.

An meinem Platz angekommen, ranzte der ältere Herr vor mir mich an, was denn das rot solle, das sei doch alles dummes Zeug. Doch ich sah mich um, auf den Geraden und Tribünen mehrten sich die Zeichen. Grellrote Farbtupfer auf Köpfen, diese wundervollen Mützen, gruppierten sich in dem undefinierbaren Gewusel, das Menschenmengen farblich erzeugen. Immer mehr Fahnen waren sichtbar, und auch bei uns auf der Haupt war ich gar nicht so allein mit der meinen, so liebevoll gestalteten.

Nach dem „Herz von St. Pauli“ wurde das, was viele schon als Sturm im Wasserglas befürchteten, zum belebenden Orkan. Zum Einlauf der Mannschaft sah ich nur noch rot. Links unter mir gar eine Blockfahne auf unserer „zeitgemäßen Tribüne“, auch Fettes Brot trugen rote Zipfelmützen, eine visuelle Symphonie der Wiederaneignung dessen, was die Seele des FC St. Pauli ausmacht, erfüllte das Stadion mit einer Macht, so eindrucksvoll, so gewaltig, dass man fast ehrfürchtig verstummt wäre, wenn da nicht eine Mannschaft anzufeuern gewesen wäre. Pathos93 fasst treff- und stilsicher zusammen:

„Als ich nun heute nachmittag im Millerntor-Stadion (ja, liebe Apologeten des Kommerzappeasement, genauso heißt es, und das ist auch gut so) auf meinem Platz stand und beim Erklingen der Höllenglocken das Stadion in ein tiefes Rot tauchte, konnte ich mich dann allerdings der außerkausalen Faszination des Protests auch nicht mehr entziehen. Plötzlich hatte ich auch eine Gänsehaut.

Aber es waren nicht nur die großen Fahnen, nicht nur die auffälligen Symbole, die mich beeindruckten. Es waren auch die kleinen Dinge. Ich sah viele Stadionbesucher mit roten Zetteln in der Hand oder roten Mützen auf dem Kopf, bei denen ich nicht damit gerechnet hätte. Dieser Protest zog weite Kreise, mehrere Dimensionen weiter als bei den allermeisten anderen Themen, die die Gemüter im Schoß des FC St. Pauli erhitzen.“

Ich war baff. Ich hätte nicht gedacht, dass eine durch das Internet erzeugte und distribuierte Dynamik eine solche Welle erzeugen könnte, so Jolly, so rouge!

Stani hatte zu Unrecht befürchtet, dass das nun die Hauptattraktion bleiben solle. Die Pfiffe, die Cissé den Elfmeter verschießen ließen, waren so gellend, so laut, so durchdringend, wie ich sie noch nicht gehört hatte. Das Spiel, nicht unbedingt ein fussballerisches Highlight, aber spannend und kampfbetont, hatte eine seltsame Intensität – aufopferungsvoll fightende St. Paulianer, die gegen eine nicht mal mittelmäßig spielende Freiburger Truppe wirklich alles gaben, was sie konnten – gegen die Klasse Cissés reichte es nicht, trotz zweier Stürmertore. Es behielten jene recht, die Asamoah als Joker besser finden , und wie wichtig der Herr Lehmann für uns ist, war auch zu sehen, als er nicht mehr auf dem Platz stand. Den Elfmeter habe ich im Stadion übrigens auch für berechtigt gehalten, für mich sah das auch aus, als habe Zambrano den mit der Hand ins Aus geschubst – ich sah auch erst auf den Fernsehbildern, dass das Unsinn war. Die etwas kuriose Leistung des Schiedsrichtergespanns macht das nicht besser, allein die Abseitsentscheidungen glichen Kalauern. Takyi gefiel mir im Gegensatz zu anderen Forumsdiskutanten gut, und Fazit ist, dass uns leider doch so einer wie Cissé fehlt, so sehr ich mich über das Ebbers-Tor für ihn und uns auch freute. Als Abwehrspieler war der Cissé ja auch nicht schlecht, leider, wie er den Ball von der Torlinie aus in die falsche Richtung beförderte. Ein toller Fussballer.

Gut angeknallt schwankten wir zurück zur Domschänke, zusätzlich berauscht vom Rot. Leider ging der nette, blonde Nebenmann mit der olivgrünen Jacke, der noch betrunken so elegant Zigaretten drehen konnte und meine verschmähte (und neben dem der P.A. mir Platz machen musste) und ganz unverschämt gut aussah, ganz plötzlich weg. Wir sangen Shanties und forderten „Meeske an die Stange!“, alle verblüfft und bezaubert, dass es so monumental, so gewaltig, so rot, so „Jolly Rouge“ geworden war. Zur Demo gingen wir nicht, obgleich wir all deren Ziele teilten, weil wir nicht zu früh den Protest im Stadion mit jenem drumherum verquickt sehen wollten, wohl wissend, dass es innen wie außen um das selbe geht.

Ich hatte das erleben dürfen, was ich ersehnt hatte: Einen Nachmittag im Stadion des FC St. Pauli, der zeigte, dass er lebt, wie er lebt, dass er nicht bereit ist, sich vom Kommerz weg formalisieren und allmählich nieder meucheln zu lassen. Es war zu genießen, zu was diese so wundervolle, heterogene, heiß geliebte Crowd in der Lage ist, wenn es darum geht, sich dagegen zu wehren, dass man ihr das Herz aus St. Pauli heraus reißen und ausverkaufen will auf diesem gnadenlosen Fleischmarkt namens „Kapitalismus“.

Jetzt ist das Präsidium am Zug. Wir haben gezeigt, dass wir mehr sind als ein paar tausend Spinner aus dem Internet. Und machen weiter.

23 Antworten zu “Lieber rot als tot!

  1. kleinertod Januar 16, 2011 um 4:21 pm

    Danke erstmal für die lobende Verlinkung und auch für die wunderbaren BringBack-Pappen, die ich wohl in leicht der doppelten Anzahl auf der Haupt losgeworden wäre. Wie leidenschaftlich Vertreter beider Seiten an diesem Tag aufgetreten sind (und gleichwohl wie gewohnt miteinander auskamen), bedurfte auch einer ausreichenden Erwähnung (bei mir wird dies noch folgen können, der 2. Teil steht ja noch aus), sehr schön. Am Samstag ging das Herz auf und es war Rot-Schwarz.

  2. momorulez Januar 16, 2011 um 4:26 pm

    Ja!!!

    Ich war die Pappen auch so dermaßen schnell los, dass ich ein Vielfaches hätte verteilen können. Das war schon erstaunlich.

  3. kleinertod Januar 16, 2011 um 4:34 pm

    Und ich hatte noch Sorge, diese Anzahl nicht an den Fan bringen zu können… 😉

  4. Pingback: Millerntor Rouge – beeindruckende sozialromatische Fan-Demo beim Heimspiel » Sankt Pauli - NU

  5. ring2 Januar 16, 2011 um 6:28 pm

    Die Haupt war besonders beeindruckend, ich glaube eine Blockfahne habe ich da noch nie gesehen

  6. momorulez Januar 16, 2011 um 6:34 pm

    Ich auch nicht 😀 … weiterführend interessant ist ja, dass die beiden, die auf die Business-Seats gingen, das ja nicht machten, weil sie nun unbedingt auf solchen sitzen wollen oder gerne den Yuppie geben, sondern weil sie gar keine andere Möglichkeit haben, ins Stadion zu kommen. Zwangsveryuppisierung, sozusagen.

  7. che2001 Januar 16, 2011 um 7:25 pm

    Und der blöde HSV hat derweil vom Kumpel aussem Pott auffe Omme bekommen.

  8. ziggev Januar 16, 2011 um 7:29 pm

    interessant zu lesen den Bericht über das Ingangsetzen von ner rote Welle. würde das gern mal sehen, ob das im TV noch rüberkommt. ach war ja gestern,

    jetzt fang ich schon an, mich für Fussball zu interessieren, nur weil ich mitbekomme, dass da jemand über den FC St. Pauli schreibt. spielte bis miniskus ja selber relativ gut Fussball für vor n paar Jahren noch sommerlicher Bolzplatzkicker, als sich da ein paar Technofreaks einmal pro Woche bei der Jagt nach dem ledernen Rund fit fürs nächste Wochenende tanzten – nach all den vergangenen.

    ich mag ja Fussball – ich finde es gibt Spielzüge, die einfach schön sind. am meisten genieße ich Weltmeisterschaften, die unterschiedlichen Stile zu vergleichen, und dass die Spiele in ganzer Länge gezeigt werden. die derzeitige Fernsehberichterstattung, die Überkommentierung nervt ja nur noch.

  9. momorulez Januar 16, 2011 um 7:32 pm

    @Che:

    Der HSV hat auf Schalke gewonnen 😦 …

  10. momorulez Januar 16, 2011 um 7:35 pm

    @Ziggev: Sehen kannste das bestimmt heute abend auf N3 noch
    mal. Und die Welle, also dass man den Jolly Rouge nutzt, kam
    tatsächlich durch ein einzelnes Posting eines einzelnen Users, der
    sich über die Entwertung des Totenkopf-Symbols echauffierte, im Forum
    zustande. Habe ja nie Fussball gespielt, aber das hat schon eine
    tolle Geometrie und Ästhetik, das Spiel!

  11. ziggev Januar 16, 2011 um 8:00 pm

    cool! Das passte ja vorzüglich! – Aufmacher des weniger als fünf Minuten (40 sec.?) langen Beitrags und nach Asamoahs supergeilem Tor, war da nicht so ein roter Fleck im Hintergrund, als er jubelnd links neben dem Tor entlanglief, a lá ’subliminal advertising‘ ?

  12. momorulez Januar 16, 2011 um 8:02 pm

    😉 … im „Sportclub“ müsste es später noch mehr zu sehen geben. Wobei das Aktuelle Sportstudio gestern den „Jolly Rouge“ auch einfach ignorierte …

  13. ziggev Januar 16, 2011 um 8:16 pm

    Volltreffer !

  14. Nörgler Januar 16, 2011 um 8:53 pm

    „Wobei das Aktuelle Sportstudio gestern den „Jolly Rouge“ auch einfach ignorierte …“

    Die Kulturindustrie weist dem Fan den Platz von Statisterie und Kulisse zu. Die ruschen Jollies bleiben nicht ganz akkurat auf diesem Platz. Sie geben Anlaß zur Sorge, Spielverderber zu sein, nämlich Verderber des Spiels, das da tatsächlich gespielt wird.

  15. momorulez Januar 16, 2011 um 10:09 pm

    Was wieder so ein Paradoxon ist – das sah ja auch für Fernsehbilder schweingeil aus, obwohl die Aktion u.a. auch implizit kritisierte, dass die Stadien im wesentlichen Übertragungs- und Aufzeichnungsorte fürs Fernsehen sind. Aber hast recht, dass gerade das ZDF noch nicht mal die visuelle Vorlage nutzt, spricht Bände. Der NDR hatte eine eigentlich ganz faire Vorberichterstattung, war beim Fahnen malen dabei.

  16. che2001 Januar 16, 2011 um 10:19 pm

    Ich hab das Schalke-Spiel selber nicht gesehen und hörte beim Sport in der Muckibude Gegenteiliges, aber auch von wem, der das Spiel nicht zu Ende gesehen hatte… Schade…

  17. Nörgler Januar 16, 2011 um 11:43 pm

    Tja Che, Ein Spiel dauert 90 Minuten.

  18. che2001 Januar 17, 2011 um 12:15 am

    Der Ball ist rund und heute ganz in Leder.

  19. goodsoul Januar 17, 2011 um 1:18 pm

    Mamma mia! Mir sind aber auch so einige Steine vom Herzen gefallen.
    Das war ein grossartiges Zeichen! Aber wir sind ja auch ein grossartiger Verein!!!

  20. Nörgler Januar 17, 2011 um 6:32 pm

    „Der Ball ist rund und heute ganz in Leder“ ist aber kein Satz von Sepp Herberger!

  21. Pingback: Wie nachhaltig wird der „Jolly Rouge?" #FCSP vs. Freiburg « Quotenrock by QuoteniRud.us

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