Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Treffend beobachtet

Elmar Kraushaar gehörte zu den ersten schwulen Autoren in den 80ern, die ich auch lesen mochte. Die historischen, klar, die habe ich aufgesogen, Klaus Mann zum Beispiel, Genet schockierte mich zu sehr, beeindruckte jedoch nachhalting  – die Gegenwart schien mir erbärmlich. Vielleicht zu unrecht.

Damals gab noch einen Herr Grossmann, der mit „Schwul, na und?“ das Standardwerk in der rororo-Reihe „Panther“ schrieb, dass ich mir mit schweiß verschmierten Händen und hochrotem Kopf in dem kleinen Buchladen im Einkaufszentrum, da ich auch Schulbücher kaufte, zulegte. Als Werbeschrift für das, für das ich mich zu entscheiden hatte, erschien es mir nicht – die Haltung war volkspädagogisch und ähnlich beschämend wie der Sexualkundeunterricht bei Herrn Ohnesorge (so hieß der wirklich): Der Versuch, zu versachlichen, wo es um Sachlichkeit nun so gar nicht geht. Dann erschein „Männerliebe“ von Mathias Frings und Elmar Kraushaar, das frecher, provokativer und  facettenreicher an das Leben heran ging, Frage stellte wie „Wie entsteht eigentlich Heterosexualität“ und erläuterte, dass man mit Handschellen durchaus auch Spaß haben kann.

Nun leben wir 2011, und in vermeintlich linken Blogs wird von vermeintlich linken Diskutanten die These diskutiert, ob selbstbewusst und angriffslustige Minderheiten nicht zwangsläufig in so etwas wie die ETA mündeten, ob deren „Herrschaftswille“ überhaupt legitimierbar sei, und Deutschlehrer aus „Migranten-Integrations“-Initiativen erklären die Forderung, das N-Wort Schwarzen gegenüber nicht zu verwenden, für eine linksextreme Position. Homosexualität ist für den vermutlich auch eine RAF-Praktik. SPD-Blogger und Twitterer „demaskieren“ kritische Kommentare in der FR zur Papstrede im Bundestag als „Kulturkampf“, der für den Niedergang dieser Zeitung verantwortlich sei. Ein Kommentar, in dem u.a. Ratzinger dafür gelobt wird, die Vatikanbank davon abgebracht zu haben, sich der Geldwäsche für Großkriminelle zu widmen, etwas, das ich nicht überprüfen kann, das aber sinngemäß dort so stand. Eben jener Ratzinger, der jüngst den Sexualkundunterricht in Spanien zu einem „Angriff auf die Religionsfreiheit“ umdeutete, einer evangelikalen Masche folgend, die noch jeden schwulen Kuss als dergleichen interpretieren würde, weil dieser ja im wesentlichen deshalb vollzogen würde, die Lehre der christlichen Kirche anzugreifen. Das ist zwar paranoid, aber es wirkt.

Inmitten dieses Szenarios findet Elmar Kraushaar passende Worte zu Guido Westerwelle in der taz – ein Schelm, wer den Zusammenhang mit den bisherigen Ausführungen nicht erkennt:

Guido Westerwelle gehört zu den Homosexuellen, die nicht homosexuell sein wollen. Und davon gibt es – nebenbei bemerkt – gar nicht so wenige. Aber so viel hat er von der Lage des Homosexuellen in dieser Gesellschaft schon begriffen, dass er weiß, um einigermaßen unbeschadet und ohne große Verleumdungen und Beleidigungen über die Runden zu kommen, kann er nur als Paar auftreten. Die möglichst naturgetreue Nachbildung der heterosexuellen Lebensform ist der einzige Garant dafür, hierzulande nicht gleich wieder entsorgt zu werden im Kinderficker-, Sexbesessenen- oder Verführerklischee. Ein Fleißkärtchen obendrauf gibt es noch, wenn die Partnerschaft legalisiert ist. An all diese Regeln hat Westerwelle sich brav gehalten, nie auch nur annähernd den Eindruck erweckt, ein lebensfroher Mann zu sein, der auch noch Spaß hat am Sex mit anderen Männern. „Mein Schlafzimmer gehört mir“, tönte er immer wieder, und das Wörtchen „schwul“ kam öffentlich nie über seine Lippen.“

Eine Antwort zu “Treffend beobachtet

  1. che2001 Januar 14, 2011 um 7:00 pm

    Das istv aberc eine sehr punktgenaue Zusammenfassung der ganzen aktuellen Debattenschlachten. Gefällt mir ausnehmend gut!

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