Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Programmatisches zum Neuen Jahr von Jasbir K. Puar

„Wir gehen davon aus, die repressive Situation anderer zu verstehen, wenn wir selbst Unterdrückung erfahren haben. Aber so funktioniert das nicht. Es ist nicht nur das Schwulsein, es sind auch weiße Privilegien, über die die Identität vieler CSD-Leute definiert ist. Da wird Sexualität gegen Weißsein ausgehandelt: Die Privilegien, die man als Homosexueller verliert, sollen durch eine Weiße-Deutsche-Identität wettgemacht werden.

(…)

Büßen Schwule heute wirklich noch Privilegien ein?

Ich würde nicht sagen, dass es keine Probleme mehr gibt für Schwule. Einige homosexuelle Identitäten sind akzeptierter als andere. Je näher man am Mittelstand ist, je akzeptabler der ethnische Hintergrund, desto wahrscheinlicher wird Homosexualität akzeptiert.

Es ist also eine Klassenfrage?

Absolut. Wer eine bestimmte Konsumkapazität hat, wird in der Konsumkultur repräsentiert, die sich in Richtung bestimmter Nischenmärkte bewegt – Märkte für schwule und lesbische Konsumenten. In den Vereinigten Staaten gibt es in Marketing-Gutachten die Idee, dass Schwule und Lesben ein höheres verfügbares Einkommen haben als andere Segmente, weil sie tendenziell zwei Einkommen beziehen und keine Kinder haben. Aber es gibt viele Schwule und Lesben, die nicht derart zum Konsum privilegiert sind. Oder Kinder haben. Wer aber Teil einer solchen Marketing-Demografie ist, wird in eine globale Ökonomie des Konsums eingespannt.

(…)

Welche?

Zum Teil geht es darum, dass schwule und lesbische Communities, die vornehmlich weiß sind, ihre Privilegien im Verhältnis zu „Rasse“, Staatsbürgerschaft, Klasse, oftmals sogar zu Geschlecht überdenken müssen. Dann stellt sich die Frage, wie Verbindungen zu anderen marginalisierten Gruppen aufgebaut werden können. So wie ich die Situation in Berlin verstehe, mit der Judith Butler zu tun hatte, hat die Organisation des CSD keinen Gedanken an progressive Arbeit gegen Rassismus verschwendet. Das ist ein Problem.“

 

via Rhizom – auch die anderen Links dort mehr als nur beachtenswert.

6 Antworten zu “Programmatisches zum Neuen Jahr von Jasbir K. Puar

  1. vuvuzela//riotqueer August 4, 2011 um 7:36 pm

    Yo Momo, dir zum anstehendem Pride-Wochenende 2011 in Hamburg, die Zusammenkunft eines dir wahrlich göttlich Nuanciert erscheinden Kerl, mit all den Fahrlässigkeiten, die dein Herz höher schlagen lassen,..wünsche ich dir.

    Ich habe mal geschaut, ob du auch eine Kritik zu den alljährlich CSD-Paraden am Start hast.
    Dann diese aus Berlin transferierte zu den Kritiken an Judith Butlers Äußerungen im Kontext des letztjährigen CSD in Berlin. Ich war in Hamburg das letzte Mal dabei, als groß posaunig die ’schwule Baustelle‘ mit den ‚Geschlechterstudien‘ der Uni Hamburg im Jahr 2001 einen ‚Rattenwagen‘ als Kritikmaximierung während der Parade fuhr, und dieser dann doch aus der laufenden Parade ausgeschlossen wurde durch Cops der hegemoniellen Natur, da eine Kritik im Schatten des Lebenspartnerschafts-Paragraphen zu diesem Zeitpunkt nicht erwünscht war.

    Seitdem sind mir die Sekt-Bomber ein wenig egal geworden, aber dennoch,..schwurbel das Wochenende nach deinem persönlichen Pride ermessen.

  2. momorulez August 4, 2011 um 8:07 pm

    Ich war tatsächlich auch seit 10 Jahren nicht mehr bei CSD-Geschichten; zu dem Butler-Interview und der Zurückweisung des Preises habe ich verhältnismäßig viel geschrieben, glaube ich. Mit verbrochenes.net und anderen „Antideutschen“ kam es da zu sehr heftigen Auseinandersetzungen und sogar zu einem persönlichen Zerwürfnis darüber hinaus 😀 …

    Habe aber hier meistens vermieden, zu sehr auf „innerschwule Angelegenheiten“ einzugehen, weil es dem hiesigen Zielpublikum es zu leicht machen würde, dann wieder nur über Schwule zu reden und nicht über sich selbst. Habe ja hier über die Jahre die eigentlich sehr schöne Erfahrung gemacht, dass, wenn man dran bleibt, bei vielen irgendwann ein sehr nachhaltiges Begreifen einsetzt, den Nörgler will ich da mal hervor heben, der mittlerweile oft Kommentare auch in anderen Blogs formuliert, die alles, was ich schreibe, im Aufzeigen homophober Muster locker toppt.

    Danke für die Wünsche! Ich wünsche Dir das auch!

  3. vuvuzela//riotqueer August 4, 2011 um 9:13 pm

    Ich bin ja erst seit der ‚Transphobie‘-Deklaration auf deinem Blog unterwegs und finde bestimmt noch Vieles, was sich in meinem Alltag verständlich integrieren lässt. Nun gut, als Britcore-Aktivist hege ich auch so was wie ‚anti-deutsch‘-sein in mir und auch bzgl. Israel fordere ich immer wieder gerne die ‚bedingungslose Solidarität‘ mit dem jüdischen Staat.

    Das als Sohn eines Sunni-Muslim aus Pakistan:))

    Ich werde mich weiter mit ‚Dreiecks-Gleichnissen‘ der Medizin als ‚Intersex being‘ beschäftigen, und meinen Freundeskreis darin bereichern, mal ‚Mad Pride‘ ab zu lassen….Bela Bi halt:)

    Darauf ’ne Pille und gut!

  4. che2001 August 4, 2011 um 9:26 pm

    Du bist allein schon durch Dein Sein eine herrliche Konterkarierung auf all die normativen Zuschreibungen aus dem Lager der Dochnichtliberalen. Alles Gute Dir!

  5. momorulez August 4, 2011 um 9:28 pm

    Buchstäblich „anti-deutsch“ bin ich auch; die aktuellen Doktrinen aus der Ecke halte ich allerdings für, ach, lassen wird das. Prinzipiell bin auch mit Israel solidarisch, also im Sinne des Prinzips, nicht, weil ich ein „aber“ hinterher schieben wollen würde, was bedingungslos da heißen können sollte, wüsste ich jetzt nicht. Ich glaube eher, dass die israelische Rechte der „Idee Israel“ ebenso nachhaltig schadet wie dessen internationale Instrumentalisierung durch allerlei rechtsradikales Gesocks. Halte zu dem Thema aber normalerweise die Schnauze, weil ich Deutschland da auch weiterhin für viel zu kontaminiert halte, als dass man hier ernsthaft drüber diskutieren könnte. Ein bißchen mehr Demut könnte da auch den lautesten Schreihälsen aus der antideutschen Ecke gut tun, die okkupieren ja einfach Terrain, das ihnen nicht zu steht. Da schieben sich immer so viele Ebenen dazwischen, die mit dem Sujet gar nichts zu tun haben, dass ich lieber bei meiner prinzipiellen Solidarität bleibe 😉 … und so was wie Verbrochenes ist ja eigentlich eh nur lächerlich.

  6. vuvuzela//riotqueer August 4, 2011 um 9:52 pm

    Mir hilf es halt einen philologischen Ansatz, seit den 9/11-Anschlägen zu verfolgen und ja, wenn Man(n) sich zu den israelischen Rechten auf Hebräisch äußern will, nur zu.

    Um noch mal auf jasbir Puars Kritik in ‚Terrorist Assemblages‘ zurück zu kommen, …habe ich neben ‚black bloc, white riots‘ gelesen,…möchte ich dem Ansatz zu einem inhärenten homo_nationalismus, formuliert von Queers of Color in Berlin, nur noch mal zustimmen.

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