Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Monatsarchive: Januar 2011

„Unsere Hauptaufgabe besteht darin, die Menschen über ihre Rechte aufzuklären, so dass sie wissen, wie sie ihre Handschellen aufbrechen und ihre Fußfesseln lösen können“

Bekenne ja, zu jenen zu gehören, die im Falle Ägyptens nicht so ganz durchsteigen und deshalb dazu die Klappe halten. Daß der Herr Broder sein eigenes Koordinatensystem auf politische Gegner projiziert, mag als Symptom gelten, dass schwer zu greifen ist, was in Kairo und Alexandria vor sich geht. Klar ist, dass prinzipiell und sowieso Solidarität gilt, wenn sich Menschen gegen Diktatoren aufbäumen, so auch in diesem Fall. Klar wohl ebenso, das Grund der Revolte vor allem der Verteilungskampf (z.B. zu hohe Lebensmittelpreise, zu geringe Aufstiegsmögichkeiten) wie auch der Wille zur politischen Partizipation ist; wie bereits in Teheran hat man den Eindruck einer Art nachholenden bürgerlichen Revolution in quasi-postkolonialen Ländern. Wüsste jetzt auch nicht, wie ich das anders nennen soll, unterscheidet sich doch die Geschichte Ägyptens hier von jener Algeriens, vielleicht können Schlauere als ich das ja nachliefern. Und wie in Teheran scheint es so, dass die nicht-bürgerlichen Schichten ihr eigenes Süppchen kochen – im Iran die Landbevölkerung, in Kairo jene aus den Slums. Schreibe ich alles nicht etwa, um zu referieren, sondern um informiertere Antworten zu erhalten.

Erhellend finde ich den Artikel in der Sueddeutschen zur „Jugendbewegung 6. April“, er sei drum zitiert:

„Erklärtes Ziel der Jugendbewegung des 6. April ist der grundlegende Wandel hin zu Demokratie. Die Gruppe fordert das Recht, Parteien gründen zu dürfen, das Ende der Notstandsgesetzgebung und eine neue, ideologiefreie Verfassung. Der Weg dorthin könne nur eine Koalition aller Oppositionsfraktionen sein, heißt es auf der Homepage der Bewegung. Man zeigt sich offen für Muslimbrüder und bekennt aber auch ihre Unterstützung für Mohamed ElBaradei, den früheren Chef der internationalen Atomenergiebehörde IAEA. Dieser hatte erst am Wochenende eine Regierung der nationalen Einheit unter seiner Führung gefordert.“

Für mich ein Votum für demokratische Vielfalt, finde ich prima. Gegenmeinungen?

Christliche Mordopferbeschimpfung

FC St. Pauli – 1. FC Köln 3:0: „Unermüdlich rollten die Angriffe Richtung Tor von Michael Rensing …“

29:3 Torschüsse. Das ist alle 3 Minuten einer. Wie sagte der Quotenrocker hinterher so treffend? „Es fehlte ein wenig die Dramatik.“ Was eine Gala. Da zitier ich doch sogar mal genüsslich den Kicker:

„St. Pauli spielt Köln an die Wand. Unermüdlich rollten die Angriffe Richtung Tor von Michael Rensing.Erstaunlicherweise fanden die Gäste auch im zweiten Durchgang keine Mittel, um die euphorisiert nach vorne spielenden Stanislaeski-Schützlinge in Verlegenheit zu bringen. Kessler verbrachte im Pauli-Tor einen ruhigen Nachmittag.“

Auch das Bedrohen des Schiedsrichters (der Brych, ich fand den gut!) durch Bundesposer Poldi mittels Imponiergehabe und Beschwerdeführung half nix. Bisher mochte ich den ja gerne, den Prinz mit dem Jungensgrinsen, aber dieses Effenberg-Imitat, was die Körpersprache betrifftt, war nicht sexy. Schon gar nicht, wenn er inmitten einer Truppe stolzierte, die eher wirkte, als würde sie gegen den Zweitliga-Abstieg spielen. Völlig leidenschaftslos und stumpf. Man, waren die schlecht. Während unsere Jungs wirklich, also, Magie, Zauber, Voodoo, Worte fehlen, Füße wirbelten, Pässe, magnetisch angezogen vom Mitspieler, zogen ein abstraktes Muster, gestochen scharf und pointiert über den Platz – sie kombinierten, wie es Fussballgöttern angemessen ist. Sie kämpften, rannten, hexten, – himmlisch. Auf Wolke 7 (woher kommt das eigentlich? Wolke 7?) schwebten wir durch einen Fussballnachmittag, wie man ihn zuletzt in der zweiten Liga erleben durfte, und da zumeist eher auswärts. Wie gegen Aachen damals. Oder Koblenz. Oder Duisburg.

Wie oft saßen wir mittags vergrämt im O-Feuer und debattierten, wieso einem so großen Fussballer wie Charles Takyi es nicht gelingt, sein ungeheures Potenzial auf dem Platz abzurufen. Wieso er die Chance nicht nutzt, sich der ersten Liga als das zu präsentieren, was er ist: Der Sir. Wir lieben ihn  ja und litten mit. Und dann dieses Spiel gestern. Man hatte irgendwann das Gefühl, die Gegenspieler wichen ehrfurchtsvoll zurück, wenn er mit all dem Charisma, das er fussballerisch entfalten kann, inmitten derer auf engsten Raum noch filigran und doch robust die Bälle zu verteilen wusste. Um mit diesem grandiosen Fernschuss den Sieg einzuläuten – was ein Tor!!!

Dass Asamoah ihn adoptiert hat, tat dem Spiel so gut. Was hat der Asa da gerackert, gewirbelt, mit seiner ganzen Physis die Kölner Abwehr ausgeknockt. Hervorzuheben auch Thorandt, dessen Diagonalpässe wirklich traumhaft präzise waren. Was der Kruse an Durchsetzungsfähigkeit zugelegt hat: Ein Traum! Kampfkraft statt krampfhaft. Und die schönsten Beine der Liga haben den Elfmeter auch so scheißsicher eingenetzt … hach, schreibt man bei Twitter in solchen Fällen.

„Dieser Club ist ein Juwel.
Das Schönste, was man im deutschen Fussball finden kann.
Und dieser Club hat Fans, die mit ihm und euch durch die Hölle gehen und zurück.
Fans, für die dieser Club weit mehr als eine pure Herzensangelegenheit ist.“

Gestern ging es zurück und war einen Nachmittag paradiesisch. Das Team war toll. Das Team war St. Pauli und trug den Jolly Rouge im Herzen. Und wir werden es auch weiter lieben und vergöttern, wenn es wieder nicht so läuft. Hey, Jahre in der Regionalliga waren wir schließlich auch da!

Neue Interaktionsmuster überzogen auch die Ränge: War zwar nicht das erste Mal, dass wir auf der Haupttribüne den Südbewohnern ein „Hinsetzen, Hinsetzen“ zuriefen, aber nie zuvor so laut, und vor allem wurden nie zuvor von uns Wechselgesänge initiiert. War so neu, dass in einem kurzen Moment der Verblüffung keiner sich anzufangen traute mit dem „St. Pauli, St. Pauli!“. Meiner Wahrnehmung nach war es P.A. neben mir, der dann aufsprang und den Shouter gab, dem die anderen folgten. Ich sprang mit. „Haupttribüne on dope!“ hat jemand im Forum geschrieben, was angesichts der Dämpfe und Gerüche hinter mir noch nicht mal bei allen falsch war  😉 …

War auch noch ’ne Menge rot zu sehen. Nicht so viel wie beim letzten Mal, klar, aber jetzt heißt es durchhalten. „Kein Orth für Worthülsen“  stand sinngemäß auf einem Transparent, jawollja. Wie ich es finde, dass die Linkspartei nun die Slogans der Sozialromantiker klaut, das weiß ich auch nicht. Man will ja politisch wirken, aber so? Und selbst Ex-Hartz IV-Minister Olaf Scholz wildert bei uns rum. Nicht nur, dass er in Ballsälen seine Wahlveranstaltungen abhält, um sich mit St. Pauli-Image aufzuladen – gestern verkündete er per Mopo:

„Er wendet sich gegen die Eventisierung der Kultur. „Kultur muss sich eigenständig entfalten, auf eine Art und Weise, die kein Marketingfachmann berechnen kann“.“

Hamburger Morgenpost, 29. Februar 2011, S. 35

Ist das jetzt Lerneffekt oder Rechtfertigung dafür, auch in Zukunft städtisch nix für das Nachwachsen von kulturellen Biotopen zu tun? Egal, ich glaub ihm zwar kein Wort, schaden kann es aber nicht, wenn das in der Zeitung steht. Vielleicht orientieren sich Herr Meeske und Gernot Stenger daran. Ich jedenfalls schwang trotz steter Attacken rechts von J. unverdrossen meine Fahne inmitten unseres Blocks, und der ältere Herr mit dem Hörgerät, der mich neulich noch anranzte, dass das doch dummes Zeug sei, schüttelte mir freundlichst-st. paulianisch die Hand zur Begrüßung.

Einzige Wermutstropfen waren zum einen die „HSV ist Scheiße!“-Gesänge auf der Süd, als der Sieg längst eingeschossen war. Das ist zwar zweifelsohne wahr, aber sorry, was interessieren uns die Rauten, wenn unsere Jungs gerade auftrumpfen wie schon lang nicht mehr? Und zum anderen, dass wohl einige Kölner ein wenig Straßenschlacht spielen wollten, „Pit Bull-Deutschland“-Shirts tragend, alles Hörensagen und trotzdem traurig. Ich weiß nicht, ob die „Fanfreundschaft“ je gelebt wurde und finde so was eh albern, wenn es quasi-instituionalisiert ist, habe ja auch ganz individuell eine Fanfreundschaft nach Oberhausen –  aber bei aller Aversion gegen die Stadt Köln, in der ich ein Jahr im Exil verbringen musste, in dieser stickigen Enge voller ignoranter und selbstgefälliger Selbstdarsteller mit de Höhner-Bart, hatte ich den FC schon noch unter einigermaßen sympathisch verbucht. Und ihr schwuler Fan-Club ließ sich auch per Stadionsprecher willkommen heißen. Wieso dann dieser Blödsinn?

Sei’s drum, es fand sich nach dem Spiel der übliche Blogger- und Twitterer-Klüngel vor der Domschänke ein und vermisste aktiv und gemeinschaftlich den @sparschaeler, die @Jeky, die @pauliane und @unverlierbar. Und der Kleine Tod beehrte uns auch nicht mit seiner Anwesenheit. Wir hatten trotzdem Spaß, allesamt rundum zufrieden.

Zumindest durfte ich voller Erstaunen das große Interesse Heterosexueller am Thema „Skater-Porno“ fest stellen. Huch? Wieso diese Filme im Gegensatz zu Susis Stangentanz gar nicht sexistisch sind, das ist nun aber ein anderes Thema …

Die Erotisierung des gesamten Lebens

Wollte noch auf einen ganz spannenden Text im Blog Spiegelschrift (via Teilnahmebedingungen) verweisen hinsichtlich einer Gegenüberstellung Sartre – Marcuse – gar nicht, weil ich an eine solche Relationsstiftung so heran gehen würde, sondern weil das ins sich ganz spannend ist:

„Ebenso besteht die Gefahr, auf dieser Position eine konkrete Einsicht in die Natur des (befreiten) Menschen zu formulieren, wie es Marcuse mit der Konzeption eines befreiten Eros jenseits der Genitalfixierung als gesamtkörperlich polymorph-pervers und der daraus resultierenden Erotisierung des gesamten Lebens andeutet, und Abweichungen von ihr widerum als unnatürlich zu identifizieren.“

Ist das eine Gefahr? Hätte ich früher auch behauptet, bin mir da aber gar nicht mehr so sicher. Und wenn der Sänger der White Lies hier aus den Boxen dringt, habe ich auch Lust auf eine polymorph-perverse Erotisierung des ganzen Lebens.

An dem Text lassen sich herrlich die Probleme einer bestimmten Lesart des Hegelfreudomarxismus ablesen, der Utopisierung im Allgemeinen und im Grunde genommen auch, wieso der frühe Sartre zur Einspruchsinstanz gegen solche Denkpraktiken taugt. Gefiel mir.

Paradigmatisches: Gang of Four

„Klassengegensätze sind immer noch das alles beherrschende Element in der britischen Gesellschaft. Die Kluft zwischen Unterprivilegierten und Reichen wurde unter der Labour-Regierung von Tony Blair sogar größer. Und jetzt haben wir eine mehrheitlich aristokratische Tory-Regierung, die drastische Einsparungen angekündigt hat. Wer es als Politiker in England zu etwas bringen will, muss auf einer Eliteschule gewesen sein.

Im Pop liegen die Dinge anders, es ist kein Handwerk, niemand lehrt einem die Grundbegriffe, und genau das macht Pop ja offen für widerständige Positionen. Allgemein liegt in Großbritannien vieles im Argen, aber diese Schwäche ist auch eine Stärke. Wir werden laut, wenn wir besoffen sind und zetteln Ärger an. Das verträgt sich ja ganz gut mit den Maximen des Rock n Roll: Man erwartet von Rockmusikern ja, dass sie böse Dinge tun.“

Ja, wie in Großbritannien, so auch in der Blogosphäre und im Millerntor-Stadion – hier die Business-Seats, da der Pöbel, und dann sollen alle noch schön Danke sagen zu denen in den Logen, dass sie ihr mittels Ausbeutung errungenes Kapital nunmehr zur Finanzierung der Stehplätze auf der Gegengerade einsetzen und sich somit einen hübschen Ausblick verschaffen.

Was als Mechanismus man aktuell auch nicht ändern kann, bisher gelang nur, die Kogge zu versenken und aufzusteigen, Punkt 3, „Kapitalismus abschaffen“, blieb bis auf weiteres unerfüllt – wo man anknüpfen kann, immer wieder neu, das haben nichtsdestotrotz Band wie Gang of Four Ende der 70er vor gemacht. Nun ist ein neues Album da dieser Vorbilder noch von Franz Ferdinand und anderen britischen Bands, die sich, wie in den USA die Talking Heads, musikalisch vor allem durch das Einbeziehen von schwarz und queer, Disco und R & B, auszeichneten, ohne zu annektieren oder zu kopieren, während Patti Smith und ihr Umfeld aus dem GBDB sich volldreist zum „Rock’nRoll-N…“ stilisierten, durch die Abgrenzung gegen Disco offen homophob agierten und jenen Weg ebneten, der aus Indie-Punkrock gelegentlich eine höchst reaktionäre Veranstaltung machte.

Aufrechte Marxisten waren sie, die Gang of Four, und schafften es, noch im Anzug mit „To Hell with Poverty“ jenes Banausentum zu zelebrieren, das aufrechte Adorniten bis heute in die verschnupfte Überheblichkeit treibt. Prima!

Und, wo der Alexander Hacke mir schon die Ehre erwies, in meinem Blog zu kommentieren (ich geh mal davon aus, dass er es wirklich war), die Bezüge zu dem, was die Einstürzenden Neubauten damals trieben an jener so paradigmatischen Wende von den 70er zu den 80er Jahren, sind interessant – deren Anliegen, Selbstbekundungen folgend, lag darin, „Ethno“ zu re-implementieren,auf sich selbst zu beziehen, sich zu fragen, anstatt „die da“ als Vorgeschichte zu behaupten, was das wäre unter Bedingungen der sterbenden Industriegesellschaft, was für Geräusche, Töne, Klänge, Satzfetzen sich da bildeten – ein hochexpressives „Meine Seele brennt“, doch über die Instrumentierung und somit das Material sogar im buchstäblichen Sinne gesellschaftlich immer schon vermittelt, war die Antwort. Eine musikalische Ethnologie der eigenen Kultur, die Klang- und Worträume erschuf, die nach einem grandiosen Fick mit Giorgio Moroder auch Techno ermöglichten.

Ein wenig ergänzten sich Gang of Four und die Neubauten wie Positiv und Negativ, damals in jenem bis heute unabgegoltenen Zeitraum, den wohl nur Simon Reynolds in voller Dimension wirklich begriffen hat.

Alle Idole müssen sterben, es lebe Gang of Four, möchte paradox man ausrufen. Vom neuen Album habe ich erst einen Song gehört, sehr reduziert, Stimme und Gitarre vordergründig und, ja, toll. Unbedingt anhören. Bringt weiter, als die Schlachten der späten 50er, frühen 60er immer wieder neu zu führen.

Die Erfolge evangelikaler Propaganda

Kontinuitäten, kursorisch

„Die bloße Existenz der „Brown Babies“ ist ein Skandal im Deutschland der Nachkriegszeit. „Negermischling“, „Halbblut“ und „Bastard“, so werden die farbigen Besatzungskinder in den 40er und 50er Jahren in Deutschland genannt. Aber nicht nur die deutsche Bevölkerung hat Probleme mit den „Brown Babies“, auch der junge Bundestag, noch unter dem Einfluss der NS-Rassenlehre, debattiert heiß das „rassische Problem“. Die farbigen Besatzungskinder werden zum Politikum ersten Ranges. Zeitweise gibt es sogar Pläne, die Kinder nach Afrika zu schicken. Angeblich zum eigenen Wohl wird ein Teil der Kinder schließlich von 1951 an abgeschoben: per Sonderregelung in die USA, zu afro-amerikanischen Adoptiveltern – in ein Land, in dem noch bis in die späten 60er Jahre weitgehend Rassentrennung herrscht, wodurch eine Ehe zwischen den schwarzen GIs und den deutschen Frauen überhaupt nicht in Frage kommt.“

Ein eigens einberufener Bundestagsausschuß befand 1952, die „Negermischlinge“ stellten ein „menschliches und rassisches Problem“ besonderer Art dar. Politiker und Jugendpfleger erwogen, protokollierte damals die Zeitschrift Das Parlament, die „Mischlinge“ in das Heimatland iher Väter“ zurückzuschicken„.

„Das 1995 von der Ausländerbeauftragten des Bundes herausgegebene Lexikon der ethnischen Minderheiten in Deutschland bemerkt: „Schwarze Deutsche werden auch in der Bundesrepublik der 90er Jahre gewöhnlich als Ausländer und Ausländerinnen betrachtet. Ihr Aufenthalt in Deutschland wird als vorübergehend begriffen und ihre gesellschaftliche Verwurzelung häufig und ausschließlich mit der Besatzungszeit nach dem Zweiten Weltkrieg in Verbindung gebracht.

(…)

Im Nachkriegsdeutschland beschäftigte man sich offiziell mit den so genannten Besatzungskindern. Anfang der fünfziger Jahre debattierte der Bundestag darüber, „Mischlingskinder“ in die Herkunftsländer ihrer Väter zurückzuschicken, da ihnen die dortigen Klimaverhältnisse angeblich eher zusagten. Vor diesem Hintergrund mag die heutige Zurückhaltung bei der statistischen Erfassung schwarzer Deutscher verständlich sein. Ihr Pass lässt sie als ethnische Minderheit nicht in Erscheinung treten.

Kein Widerspruch? Für viele meiner weißen Mitbürger schon, meint Jeannine Kantara

Neulich geschah es wieder. „Diese Haare! Darf ich mal anfassen?“ Die weiße Hand der fremden Frau bewegte sich auf die dunklen Locken ihres Gegenübers zu. „Nein, das dürfen Sie nicht!“, lautete die bestimmt klingende Antwort. Die Frau wich erstaunt zurück. Das hatte sie nicht erwartet. Was soll schlimm daran sein, einem schwarzen Menschen ins Haar zu fassen, um festzustellen, „wie sich das anfühlt“? Sie hatte keine bösen Absichten, wollte nur ihre Neugierde befriedigen. Dabei merkte sie nicht, dass sie die Intimsphäre eines anderen Menschen verletzte.

Angesichts der zahlreichen rassistischen Angriffe, die momentan ein starkes Medieninteresse finden, mag diese kleine Episode banal klingen. Für schwarze Menschen ist sie es nicht, gehört sie doch in Deutschland zum Alltag. Solche Situationen zu meistern erfordert allerdings einen hohen Grad an Geduld und Leidensfähigkeit. Denn es gilt nicht nur, sich gegen Haargrabscher zur Wehr zu setzen, sondern auch indiskrete und einfältige Fragen abzuwimmeln, wie „Dunkeln Sie im Sommer nach?“ oder „Sie haben doch sicher Rhythmus im Blut bei Ihrer Abstammung? Ach, Sie kommen aus Deutschland? Aber Ihre Eltern … Da ist doch bestimmt etwas Exotisches mit drin.“

Abstammung ist wichtig in Deutschland. Sie bestimmt, wer hierher gehört und wer irgendwann „zurückgeht“. Hinter den Fragen steckt kein Interesse an der Person, sondern das Bedürfnis nach Kategorisierung. Die afrodeutsche Dichterin May Ayim brachte es auf den Punkt: „in deutschland großgeworden habe ich gelernt, daß mein name neger(in) heißt und die menschen zwar gleich, aber verschieden sind, und ich in gewissen punkten etwas überempfindlich bin.

in deutschland großgeworden habe ich gelernt, zu bedauern schwarz zu sein, mischling zu sein, deutsch zu sein, nicht deutsch zu sein, afrikanisch zu sein, nicht afrikanisch zu sein, deutsche eltern zu haben, afrikanische eltern zu haben, exotin zu sein, frau zu sein.“

Schätzungsweise zwischen 300 000 und 500 000 schwarze Deutsche leben in der Bundesrepublik. Viele sind hier geboren und aufgewachsen, einige haben Deutschland als ihre Heimat gewählt. Inzwischen wächst bereits die fünfte Generation heran. Mit dem neuen Staatsangehörigkeitsgesetz, das die Einbürgerung erleichtert, wird die Zahl schwarzer deutscher Bürger weiter steigen. Dennoch ist schwarz und deutsch noch immer ein Widerspruch. „Fühlen Sie sich deutsch oder afrikanisch? Ist das nicht schwierig zwischen zwei Kulturen?“

Nicht für schwarze Deutsche selbst. Das Problem liegt eher bei einer Gesellschaft, die sich von ihrem weißen Selbstbildnis nicht verabschieden will. Die multikulturelle Gesellschaft ist in Wahrheit multiethnisch

„Kultur“ klingt nur weniger bedrohlich. Das 1995 von der Ausländerbeauftragten des Bundes herausgegebene Lexikon der ethnischen Minderheiten in Deutschland bemerkt: „Schwarze Deutsche werden auch in der Bundesrepublik der 90er Jahre gewöhnlich als Ausländer und Ausländerinnen betrachtet. Ihr Aufenthalt in Deutschland wird als vorübergehend begriffen und ihre gesellschaftliche Verwurzelung häufig und ausschließlich mit der Besatzungszeit nach dem Zweiten Weltkrieg in Verbindung gebracht.“

Schwarze Deutsche gibt es schon in der fünften Generation

Dabei begann die schwarze deutsche Geschichte schon vor dem Ersten Weltkrieg.

Bereits Ende des 19. Jahrhundert kamen zahlreiche Afrikaner aus den Kolonien hierher. Sie gründeten Familien, ebenso wie die schwarzen Soldaten, die im Ersten Weltkrieg als französische Besatzungstruppen im Rheinland stationiert waren. Diese Verbindungen waren den Nationalsozialisten ein Dorn im Auge. Als die Nazis im Juli 1933 das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses erließen, wurden auch die afrodeutschen Kinder zwangssterilisiert.

Im Nachkriegsdeutschland beschäftigte man sich offiziell mit den so genannten Besatzungskindern. Anfang der fünfziger Jahre debattierte der Bundestag darüber, „Mischlingskinder“ in die Herkunftsländer ihrer Väter zurückzuschicken, da ihnen die dortigen Klimaverhältnisse angeblich eher zusagten. Vor diesem Hintergrund mag die heutige Zurückhaltung bei der statistischen Erfassung schwarzer Deutscher verständlich sein. Ihr Pass lässt sie als ethnische Minderheit nicht in Erscheinung treten.

Das macht es allerdings schwierig, sozialwissenschaftliche Erkenntnisse über das Leben von schwarzen Deutschen zu gewinnen. Schließlich ist es in den meisten multiethnischen Gesellschaften aus gutem Grund längst üblich, ethnische Merkmale zu erfassen. Denn konkrete Zahlen könnten konkreten Forderungen – beispielsweise nach der Anerkennung als Opfer des Nationalsozialismus oder einem Antidiskriminierungsgesetz – Nachdruck verleihen. Präzise Angaben erleichtern es schwarzen Deutschen auch, sich als ethnische Minderheit Gehör zu verschaffen. Eine Minderheit, die sich nicht über einen „Opferstatus“, sondern über eine gemeinsame Geschichte in Deutschland definiert.

Die Selbstorganisation der schwarzen Deutschen begann 1986, mit dem Buch Farbe bekennen: Es dokumentiert – neben einer allgemeinen historischen Einführung – die individuellen Geschichten und Erfahrungsberichte von sechzehn Frauen. Viele Leser konnten sich mit den darin beschriebenen Biografien identifizieren, entdeckten Parallelen zum eigenen Leben, wie Vereinzelung in der Kindheit, fehlende schwarze Bezugspersonen und das Gefühl, „anders zu sein“. Und es half zu begreifen, dass Rassismus keine subjektive Einzelerfahrung ist, sondern institutionelle Strukturen aufweist: Schwarze Deutsche erkannten, dass sie unabhängig voneinander dieselben rassistischen Situationen erlebten und damit klarkommen mussten.

Farbe bekennen führte zur Gründung der Initiative Schwarze Deutsche (ISD).

Die Abgrenzung vom weißen Umfeld bot einen Raum, in dem man sich kennen lernen, über Verletzungen sprechen konnte – und seine Herkunft nicht ständig erklären musste. Für das Entstehen einer Gemeinschaft war diese Abschottung unerlässlich

nur so konnte sich ein eigenes Selbstbewusstsein entwickeln.

Auch die Namensfindung war für Afrodeutsche oder schwarze Deutsche, wie sie sich von da an nannten, ein wichtiger Schritt bei der Identitätsfindung. Die Diskussion über Begrifflichkeiten – sowohl mit Weißen als auch unter den Betroffenen, die diese teilweise verinnerlicht haben – aber dauert bis heute an. Rassistische Terminologien werden nach wie vor verteidigt: Wer „afrodeutsch“ genannt werden will statt „Mulatte“ oder „kaffeebraun“, wird immer noch erleben, dass man ihm übertriebene Empfindlichkeit vorwirft.

(…)

In linken und liberalen Kreisen herrscht die Annahme vor, frei von Rassismus zu sein. Da werden aus Fremden ausländische Mitbürger – ein Widerspruch in sich -, aus „Mulatten“ „Farbige“. Man erklärt sich solidarisch und antirassistisch und erklärt schwarzen Menschen, was rassistisch ist und was nicht. „Was haben Sie gegen ,farbig‘? So schwarz sind Sie ja nicht.“

Wieso stellt niemand den Begriff des „Weißseins“ infrage?“

Statt sich mit all dem zu beschäftigen, guckt der gute, weiße Deutsche lieber „Dresden“ und unternimmt die ideologische Reinwaschung der eigenen Oma, wenn diese das „N“-Wort nutzt.So kann folgender Dialog zu Blogwars führen:

„A:Meine Schwiegermutter etwa erzählt immer noch gern, wie sie bei ihrer Gefangennahme 1945 erstmals einem Afroamerikaner begegnete und aus den Gesprächen mit ihm und der geschenkten Schokolade den Schluss zog: „Vor N…“ muss man sich nicht fürchten, die sind eigentlich genau wie wir!“. Soll sie ruhig weiter „N…“ sagen, solange die Dinge, die sie in ihrer Jugend über Schwarze gelernt hat, vertrieben werden.““

„B: Dass Du Deine Schwiegermutter da relevanter findest als die mit dem N-Wort Bezeichneten und deren Empfindungen ist das Problem.“ (…) Weil da Jahrhunderte Folter, Versklavung, Kolonisierung und Massaker sich verdichten, und, wer es ausspricht, damit betont, dass er zu denen gehört, die das taten und ggf. wieder tun würden, wenn man nicht schön brav bleibt.“

Systematisch ist die „Erinnerungskultur“ darauf angelegt, schwarze Menschen aus der Geschichtsschreibung verschwinden zu lassen. Als Symptom mag die Verwendung der Victor von Bülowschen Zielsetzung „Ein Platz an der Sonne!“ durch die Fernsehlotterie gelten, ein Kolonialslogan, der gekoppelt an den Nachkriegsmythos „Luftbrücke“ und somit auch an die Wiedergeburt der Nation aus dem Geiste der Güte und des Helfens enthistorisiert und neu definiert wird.

Dass zeitgleich zu Luftbrücke und Schwiegermutter eben jene obe zitierten Prozesse sich vollzogen, Mütter ihre „Mischlings“-Kindern weggenommen bekamen, um diese „Rassenschande“ ins Heim zu stecken, dass noch in den 50er und 60er Jahren weltweit Kolonialkriege tobten, wird dergestalt aus der Erinnerung geworfen zugunsten der bahnbrechenden Erkenntnis, das „die“ ja wie „wir“ sind. Es geht um das „gut werden“ der Deutschen bei völliger Ignoranz existenter Kontinuitätslinien. GERADE am Jahrestag der Befreiung Auschwitz‘ durch die sowjetische Armee gilt es, daran zu erinnern.

Um so besser, dass BR/WDR/ARTE Dokus in Auftrag geben, die sich andere Erfahrungen dennoch widmen – die laufen dann, mit einem Budget von ca. 60.000 Euro finanziert, wenn es hoch kommt, mutmaßlich auf 23.00 h-Sendeplätzen – für die Verfilmung „Dresdens“ gab es meines Wissens 5 Millionen zur besten beste Sendezeit.Ein anderes Beispiel:

„Während sich der Deutsche Filmförderfonds die Pflege des Stauffenberg-Mythos von einem konservativen antifaschistischen Widerstand in Deutschland schon mal 4,8 Mio. Euro kosten lässt, ging der amerikanische Dokumentarfilm Paragraph 175 aus dem Jahr 2000, der die Verbrechen der deutschen „Volksgemeinschaft“ gegen Homosexuelle behandelt, nicht nur leer aus, sondern durfte, wie einer der Regisseure damals auf der Berlinale offenbarte, dem Rechtsnachfolger des „Dritten Reichs“ für die Nutzung des historischen Filmmaterials auch noch horrende Urheberrechtsgebühren überweisen.“

Dazu habe ich in SPIEGEL und DIE ZEIT nix gefunden, vielleicht habe ich nicht gründlich genug gesucht. Dass SPIEGEL und DIE ZEIT sich jedoch solchen Themen wie den weiter oben zitierten widmen und dabei vor allem schwarze Deutsche selbst zu Worte kommen, zeigt, dass zumindest in mancherlei Hinsicht das zu recht hochaggressive Nerven von Gruppen schwarzer Deutscher Früchte trägt. Man muss laut sein, um dergleichen zu Gehör zu bringen. Im Falle der Homophobie und deren Geschichte ist es aktuell eher schwieriger, sie zu thematisieren – man lauscht lieber dem Papst im Bundestag als Volker Beck, gelle, Frau Künast? Dass der Paragraph 175 in unveränderter Form bis 1969 Bestand hatte und der Papst bis heute Begründungen dafür liefert, scheint ihr egal zu sein. Ebenso das:

„Im letzten Jahr seiner Existenz, dem Jahr 1994, wurden noch 44 Männer wegen homosexueller Handlungen nach §175 zu einer “Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe” verurteilt. Eine Rehabilitierung der Nachkriegs-Opfer des §175 hat es in der Bundesrepublik dabei, wohlgemerkt, nie gegeben, ebensowenig wie eine Entschuldigung der verantwortlichen Parteien“

Umgekehrt ist der Artikel in DIE ZEIT nun schon ein paar Jahre her – der vollends aufgeklärte Deutsche gefällt sich derweil darin, Sexismus,Homophobie, Antisemtismus und Rassismus auf Muslime zu projizieren, die ungezügelt ihrer „Deutschenfeindlichkeit“ freien Lauf lassen. Und der Chefredakteur von DIE ZEIT bringt Bücher mit Axel Hacke heraus, jener Axel Hacke, der das N-Wort auf Buchcover packt, kombiniert mit rassistischen Karrikaturen, ein Unwerk, das vollends aufgeklärte Deutsche zu Sätzen wie den folgenden treibt:

„Dieser Verhörer gefällt mir ebenfalls außerordentlich gut, statt des weißen Nebels, entsteigt der weiße N… Wumbaba aus den Wiesen, ist es nicht wunderbar?“

Ach ja, wie wunderbar.

Jörg Lau weiß ergänzend Erschütterndes aus Amsterdam zu berichten:

„Das »jüdisch-christliche Erbe« wird in Europa derzeit gern beschworen, um sich vom Islam abzugrenzen. Doch der Vereinnahmung der Juden zur Verteidigung des Abendlands widerspricht das prekäre Lebensgefühl vieler, die ihr Judentum offen leben. Zwar gibt es durch die Einwanderung aus dem Osten eine neue Blüte; erstmals nach dem Holocaust. Doch wer wissen will, wie es heute um das jüdische Leben in Europa steht, der stößt auf Beklommenheit, Verunsicherung und Angst – das zeigt sich auf einer Reise nach Amsterdam, Malmö und Budapest.“

Stellt sich trotzdem die Frage,wieso er zum Jahrestag der Befreiung von Auschwitz ins Land der Anne Frank reist, ehemals von Deutsche besetzt, nicht jedoch sich fragt, wieso inmitten Berlin jüdische Institutionen unter Polizeischutz stehen. Mich befällt da jedes Mal der pure Horror.

Aber man ist ja vorsichtshalber mit Bruno Ganz als Hitler unter gegangen, wie virtuos gespielt! Das wird dann gezeigt am Vorabend des Jahrestages im ersten deutschen Fernsehen, weil der Bernd Eichinger von uns gegangen ist: Die Hitlerei anstatt der Opfer. Damit man in Ruhe alle Kontinuitäten unter den Teppich kehren kann ….

Nachtrag zu „Der Untergang“:


„SPIEGEL ONLINE: Lässt sich, vereinfachend, sagen, dass das Nachkriegsbild vom dämonischen Hitler, der die Deutschen, die nichts vom Holocaust gewusst haben, verführt habe, heute durch ein düstereres Bild ersetzt werden muss? Das von einer Volksgemeinschaft, die den Holocaust zumindest hinnahm und vom Judenmord profitierte?

Heim: Das Bild hat sich sehr differenziert. Die Entlastungsformel von der bösen Führungsclique und den unwissenden Deutschen hat sich schon lange als unhaltbare Mystifikation erwiesen. Danach gab es neue Debatten: Über den Raub jüdischen Vermögens, über die Volksgemeinschaft und aktuell über die Rolle verschiedener Ministerien bei der Judenverfolgung. Welche Rolle spielten die gewöhnlichen Deutschen? Wer hat alles vom Holocaust profitiert? Das sind neue Kristallisationspunkte der Diskussion.“

Antisemit und Demokrat

„Wie könnte es anders sein: für einen selbstbewußten und stolzen Juden, der auf seiner Zugehörigkeit zur jüdischen Gemeinschaft besteht, ohne deshalb die Bande zu verkennen, die ihn an eine nationale Kollektivität binden, besteht zwischen dem Antisemiten und dem Demokraten kein so großer Unterschied. Jener will ihn als Menschen vernichten, um nur den Juden, den Paria, den Unberührbaren in ihm bestehen lassen; dieser will ihn als Juden vernichten, um in ihm nur den Menschen zu bewahren, das abstrakte und allgemeine Subjekt der Menschen- und Bürgerrechte. Noch beim liberalsten Demokraten kann man eine Spur von Antisemitismus entdecken: er steht dem Juden feindselig gegenüber, sobald es dem Juden einfällt, sich als Jude zu denken. Diese Feindseligkeit drückt sich in einer Art nachsichtiger und belustigter Ironie aus, wenn er zum Beispiel von einem jüdischen Freund, dessen jüdische Herkunft leicht erkennbar ist, sagt: „Er ist wirklich zu jüdisch“ oder wenn er erklärt: „Das einzige, was ich den Juden vorwerfe, ist ihr Herdentrieb: nimmt man einen in ein Geschäft mit’hinein, bringt er zehn andere mit.“ Während der deutschen Besatzung war der Demokrat über die antisemitischen Verfolgungen tief und aufrichtig entrüstet, doch von Zeit zu Zeit seufzte er: „Die Juden werden mit derartiger Unverschämtheit und Rachsucht aus dem Exil zurückkehren, daß ich eine Verschärfung des Antisemitismus befürchte.“ In Wirklichkeit befürchtete er, die Verfolgungen könnten dazu beitragen, dem Juden ein genaueres Bewußtsein von sich selbst zu geben.

Jean-Paul Sarte, Überlegungen zur Judenfrage

Reclaim your life

Endlich auch den „Jolly Rouge“-Kapuzenpulli bedrucken lassen. Und das T-Shirt mit dem schwarzen Totenkopf in rotem Kreis auf schwarzem Grund. Samstag ist ja wieder so weit, da muss gegen Köln erneut Farbe gezeigt werden.

Gibt einen tollen, kleinen Laden in der Juliusstraße, „eindruck„, wo nette Jungs, denen „Migrationshintergrund“ angedichtet würde, in Eigenregie einen von 3 Läden betreiben. Also solche, die von Mieterhöhungen und Kaffee-Togo-Ketten bedroht sich irgendwie durchschlagen und somit Subjekt sind in diesem Protest. Ich erzählte ihnen den Hintergrund des neuen Zeichens, zeigte ihnen die „Sozialromantiker“-Seite im Netz. Fanden sie spannend. Kein Wunder, wer weiß, wie Gernot Stenger ihnen entgegen träte, wäre er als Fachanwalt für „Immobilientransaktionen“ im Falle dieses Gebäudes unweit der „Roten Flora“ zuständig, wenn dort luxussaniert würde und der Laden raus müsste. Wahrscheinlich bekämen sie ihn gar nicht zu Gesicht.

Es ist ein seltsames Gefühl der Wiedergewinnung, wenn man diese Klamotten trägt. Das Tragen von Shirts meines Vereins habe ich immer schon anders empfunden als jenes irgendwelcher Fetzen, die man sonstwo sich zulegte.

Zuletzt jedoch, wenn man in der Haupttribünenschlange eingereiht die „V.I.Ps“ links an sich vorbeiziehen sah und die Linksspießernachbarn meines Kompagnons den Totenkopf hissten, während sie das Hinterhof-Gärtchen einzäunten und Hausbewohner mit einem Regel- und Abwehrbollwerk überzogen, natürlich Wähler der GRÜNEN, dann zuckte es in mir, und zunehmend verlor Wert, was vorher so stolz ich trug. Es war auf Marketing reduziert und so tot wie das, was er darstellte.

Aus diesem Gefühlsverlust, dieser Entwertung wurde der „Jolly Rouge“ geboren. Aufgrund dieses beeindruckenden Postings im Forum, das die Welle los getreten hat und berichtete, wie weh es tat, all jene mit dem weißen Schädel auf der Brust, doch ohne St. Pauli im Herzen zu sehen – sofort wurde es allseits, na, fast allseits, verstanden. Und diese beeindruckende und Gänsehaut erzeugende Demonstration in rot war die passende Antwort.

Nun trägt man ihn anders wieder auf, den „Jolly Rouge“, während man über das Schulterblatt schlendert. Wieder Subjekt geworden, stolz und aktiv, nachdem von Medienklischees und Marketing enteignet von all den sich mittels „St. Pauli sehen“ Absolution erkaufenden Seelenverkäufern man einmal mehr zum Objekt geworden sich an den Rand gedrängt auf der Haupttribüne wieder fand.

Wie in anderen Lebenssphären ja auch, da man sich immer neu angekoppelt sieht an Zuschreibungen und Platzzuweisungen, die zum eigenen Sein werden, weil man sich zu ihnen verhalten MUSS. Dafür sorgen schon die Türsteher, Statistiker und Banksachbearbeiter des Lebens, die ihre Schufa-Auskunft zur gesellschaftlichen Positionierung wie Zeichen auf Gesichtern zum Leuchten bringen. Wie in diesem Spiel, da Post ITs mit Namen Prominenter an Stirnen pappen und man raten muss, was darauf steht. Nur dass dieses Spiel immer weiter, immer weiter geht und am Verhalten und den Sätzen der Anderen ablesbar ist.

Kein Mensch käme von selbst auf die Idee, sich z.B. als Objekt von Rassismus, Homophobie, Klassismus oder Sexismus zu begreifen. Man guckt nicht in den Spiegel, man käme nicht auf die Idee, sich selbst eine „kalte Muschi“ anzudichten, wenn man das nicht gelernt hätte – durch den Blick und das Verhalten der Anderen, das Plätze im gesellschaftlichen Ranggefüge zuweist und immer wieder hoch aggressiv durchsetzt mit diesen ewigen Diskussionen über das N-Wort und das „biologische Geschlecht“ in einer Diskussion um das soziale, in denen unausgesprochen klar gestellt wird, wer ggf. vergewaltigt und wer nicht.

Mich hat es ernsthaft beeindruckt, wie auf der „Sozialromantiker“-Seite die Rede einer St. Paulianerin geschildert wurde, in der sie beschrieben hat, dass sie es normalerweise am Millerntor genießt, dass sie nicht als Objekt patriachaler Zurichtung männlichem Blick ausgesetzt sich sieht. Da glotzen ja auch alle auf Männerhintern, – beine, – brüste, und das ist auch gut so. Und dann tanzt wie in einer Gegendemonstration in der „Susis Showbar“-Loge halbnackt ein Mädel, und der hämische, objektivierende Blick ist wieder da. Der wirkt, man sieht ihn grinsen, während er Körper fetischisiert. Selbst dann, wenn er gar nicht auf diese St. Paulianerin blickt, wirkt er. All die Parameter über so called „Titten“ und „Ärsche“ grabbeln panoptisch drauflos und prägen das Selbstverhältnis. Vermute ich, bin keine Frau, und bitte um Verzeihung bei Fehldeutungen.

Kenne das aber in anderen Zusämmenhängen. Wenn in Kommentarspalten anderer Blogs über „Pobereit“, also „Wowereit“, gewitzelt wird, kicher, aber bitte nur privat, prust, natürlich hallen da all die „Arschficker“-Sprüche nach, all die „Schwuchtel“-Rufe, die man in jedem zweiten amerikanischen Spielfilm unaufhörlich dröhnen hört. Die man bei den ersten Schritten in Richtung dessen, was einem Lust verschafft, auch nachhallen hört. Die jede Regung von Begierde begleiten.

Die sofort Bilder von Freunden von Kumpels beschwören, die in Moskau mit einer Flasche im Arsch, vom Aschenbecher erschlagen, aufgefunden wurden. „Pobereit“. Harhar. Dann liest man in wieder anderen Kommentarspalten, wie der schwule Blogger Rhizom in Diskussionen als „Süßer“ angeranzt wird und zum „Karzinom“ umbenannt.

Es gibt keine zufällige Sprachverwendung, natürlich steigen in mir auf die ersten Bilder im SPIEGEL einst von Geschwüren auf der Haut von AIDS-Kranken, mit „Schwulenkrebs“ unterschrieben. Und natürlich läuft genau diese Diskreditierung mit, ob bewußt oder unbewußt reproduziert sich dieses Muster. „Wandelnde Seuchenherde mit hamsterhaftem Sexualverhalten“ hat Gauweiler damals sinngemäß geäußert, als ich erstmals mit Typen rum machte. Ich hab beim Sex daran gedacht. Kein Witz. Ich denk auch daran, wenn Rhizom Karzinom genannt wird, man ihm zuruft, er solle doch eine Gay-Bar in Gaza eröffenen. Weil ich ja lernen durfte, welches Post It man uns auf die Stirn pappte – und dass man es heute gerne zum „Kanacken“ nieder machen nutzt, weil die ja angeblich alle homophob seien.

Es gibt keine äquivalente Verballhornung zu „Pobereit“ für heterosexuelle Männer. Kein N-Wort für Weiße in unsrren Breiten. Kein Wort, das die Schärfe von „F…“ besitzt und auch kein mit dem FC St. Pauli belabeltes Kaltgetränk namens „Impotenter Schlappschwanz“.

Am eindrucksvollsten hat Jean-Paul Sartre die skizzierten Dynamiken beschrieben:

„Das Rezeptionsdefizit war dort besonders schmerzlich, wo ihm Gehalte mit besonderem Gegenwartsbezug zum Opfer fielen. Zu nennen wären etwa Sartres Schriften zu Rassismus und Antisemitismus, allen voran die Überlegungen zur Judenfrage, die in einer vorbildlichen deutschen Neuausgabe vorliegen. Sartre gibt hier nicht nur ein detailliertes „Portrait des Antisemiten“, fast wichtiger noch sind Beschreibungen, die zeigen, wie tief ausgrenzende und diskriminierende Einstellungen und Praxen in das Leben der ihnen unterworfenen Individuen und Gruppen eingreifen. Kaum je wurde so deutlich, was es heißt, einer sozialen Wirklichkeit unterworfen zu sein, die den eigenen Lebensvollzügen und Werthaltungen nur mit Verachtung gegenübertritt.

Gleichzeitig stellt diese Arbeit einen wichtigen Wendepunkt in Sartres Denken dar. Er beginnt hier, die Widrigkeiten des Für-Andere-seins, die der einsame existentialistische Held des ersten Hauptwerks Das Sein und das Nichts noch qua freiem Willensentschluß überspringen sollte, in ihrer Dringlichkeit zu fassen. Damit beginnt sich die Perspektive auf eine Sozialkritik abzuzeichnen, die den sozialen Bedingungen gelingender Selbstverhältnisse Rechnung trägt und deren Potenzial wohl noch immer nicht voll ausgeschöpft ist.

Gegen die Zuschreibungen hilft entweder nur die Wiederaneignung der Fremdzuschreibung, man nennt sich selbst „schwul“ oder „queer“, einst Schimpfworte. Bedeutend war, als Bronski Beat den „Rosa Winkel“ auf ihr Plattencover nahmen. Erinnert sich nur keiner dran, an die „Rosa Winkel“. Heute wird weltweit von Evangelikalen „The Pink Swastika“ vertrieben. Ein Kampf der Zeichen, und die haben mehr Geld.

Oder es helfen alternative Strategien wie Regenbogenflagge oder der Begriff „POC“, People of Colour. Das ersetzt die Stigmatisierung durch ein anderes Symbol.

Nun hat der „Jolly Rouge“ nicht eine so übergreifende Bedeutung wie die Regenbogenflagge oder Symbole der Black Panther, das wäre Hybris, das zu glauben.

Im Mikrokosmos jedoch in einem Viertel, in dem KLASSISTISCHE Zuschreibungen das Leben von Menschen ganz genau so prägen, Verdrängung, Abwertung und Stigmatiserung von „Unterschichten“ Alltag ist, die sich in der Weigerung, Business-Seats zurück zu bauen, reproduziert, ist er kein triviales Symbol. Um eben dagegen anzustinken. Um aus einer Marke wieder eine solidarische und emanzipatorische PRAXIS zu machen.

Nicht umsonst haben wir eine Stadionordnung, die all das, was ich hier schreibe, berücksichtigt und zu ändern versucht.

Ich will, dass auch auf Führungsebenen statt platter Toleranzrhetorik wieder klar wird, dass es darum geht und nicht etwa die „Sozialromantiker“ so etwas wie der Wettskandal sind. Der „Jolly“ Rouge“ ist hierfür das Zeichen. Ich trage ihn gern. Und deshalb wird auch Samstag die Flagge wieder geschwenkt.

Fundstücke am Rande