Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Polizeiliche Erregungspotenziale und Geschichtsklitterung

Hamburger Polizisten hatten in den 60ern, geführt von Helmut Schmidt, deutlich privilegierte Möglichkeiten des Voyeurismus – man kann ja verstehen, dass sie manches erregte, ein wenig Peep-Show im Amt bei gleichzeitiger Möglichkeit der stellvertretenden Selbstbestrafung:

„Das am Großneumarkt erhaltene Backsteinhäuschen, heute eine Eisdiele, war damals eine bekannte „Klappe“, eine Toilette, in der sich Schwule trafen. 1965 wurden dort wie in anderen Toilletten auch (etwa am Jungfernstieg und Spielbudenplatz) Einwegspiegel installiert, um Polizisten zu ermöglichen, heimlich die Männer zu beobachten und sie wegen „auffälligen Verhaltens“ zu verwarnen. Ein zu langer Blickkontakt genügte. Dann erhielten die Männer Toiletten-Verbotsscheine und riskierten bei Zuwiderhandeln eine Anzeige wegen Hausfriedensbruchs.

Corny Littmann, der heute Intendant der beiden Theater Schmidt und Schmidts Tivoli ist und außerdem Präsident des FC St. Pauli, war damals einer der Vorkämpfer in Hamburgs schwul-lesbischen Aktions- und Selbsthilfe-Gruppen. Er zerschlug während der ersten Hamburger „Gay Pride“-Demonstration (gay = schwul, pride = Stolz) Anfang Juli 1980 am Jungfernstieg das Glas eines Toilettenspiegels, um gegen die Bespitzelung von Schwulen und gegen die über sie angelegten „Rosa Listen“ zu protestieren. Damit sorgte er in den Medien und in der Politik für Aufruhr.“

Soll ja nur keiner glaube, nur in der DDR sei gespitzelt worden. Das Denunziantentum gruppierte sich auch rund um den „Kuppelei“ wie auch den „Schwulenparagraphen“ 175 – einer der ersten Filme, die offen so called „Homosexualität“ thematisierten, war ein britischer Film, in dem es um Erpressung ging.

Die Hamburger Polizei jedoch sieht wenig Anlass, ihre eigenen Fehler, Irrwege und Grausamkeiten zu dokumentieren, wie es sich in einer Kultur demokratischer Selbstkritik gehören würde. Sie setzt lieber auf „Schmutz und Schund“ (hoffe, die Anspielung wird verstanden) bei der geplanten Ausstellung ihrer Sammlung zur Kriminologie im Rahmen eines Polizeimuseums:

„Sie enthält unter anderem Utensilien und Anzüge des „Lords von Barmbeck“, der ab 1904 Kopf einer Einbrecher- und Verbrecherbande war; die „Honka-Säge“ des Frauenmörder Alfred Honka, der in den siebziger Jahren vier Frauen umbrachte, die Leichen zerteilte und in die Dachboden seines Wohnhauses einmauerte; die „Weltkriegs MP des 17-jährigen Elternmörders“, das „Todesfass des Lottokönigs“, im das die Leiche eines Lottogewinners einzementiert wurde, ehe die Täter es in der Alster versenkten; oder die Schusswaffe, die die Rechtsanwältin Isolde Oechsle-Misfeld 1986 ins Polizeipräsidium schmuggelte, womit ihr Geliebter und Berufskiller Werner Pinzner den Staatsanwalt Wolfgang Bistry erschoss sowie seine Frau und sich selbst hinrichtete.“

Na prima. Okay, ist gar nicht die Polizei selbst, sondern der „Polizeiverein“, wenn ich’s richtig verstanden habe. Der betreibt aktiv Geschichtsklitterung:

„Das Polizeibataillon ist im Grobkonzept nicht drin“, sagte der Vorsitzende des Polizeivereins, Dirk Reimers, selbst ehemaliger Polizeipräsident und Staatsrat der Innenbehörde, kürzlich dem NDR. Dabei ist die Geschichte eben dieser Einheit, für die Beamte rekrutiert wurden, die zu alt waren für Wehrmacht und Polizeidienst, ausgeleuchtet: Im Sommer 1942 waren die 500 Mann nach Polen geschickt worden, um in den Dörfern Juden aufzuspüren. Alte, Kranke, Frauen und Kinder sollten sofort erschossen werden – die Hamburger Reservepolizisten erschossen nachweislich 38.000 Menschen, mindestens 42.500 weitere führten sie dem KZ Treblinka zu.

Aber auch der „Hamburger Kessel“ von 1986, in dem 861 Atomkraftgegnern 13 Stunden lang durch die Polizei auf dem Heiligengeistfeld festgehalten wurden – ohne Verpflegung oder Zugang zu Toiletten – soll im Ausstellungs-Parcours nicht vorkommen. Ebenso wenig der Hamburger Polizeiskandal im Jahr 1994: Dabei waren mutmaßliche Drogendealer durch das Besprühen mit Desinfektionsspray, Schein-Hinrichtungen oder schlicht Prügel misshandelt worden. Am Ende musste SPD-Innensenator Werner Hackmann zurücktreten, der heutige Polizeivereins-Chef Reimers, damals Polizeipräsident, wurde Staatsrat in der Finanzbehörde.“

 

Ohne Worte.

 

Eine Antwort zu “Polizeiliche Erregungspotenziale und Geschichtsklitterung

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