Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Volksparkisierung

„die eigentliche niederlage fand auf den rängen statt. mit der niederlage auf dem rasen kann ich leben“

sparschaeler

Ja, ich glaubte an Verheißungen. Stapfte durch Schnee und sah es leuchten hinter Bäumen: Das Millerntorstadion. Freute mich über den Anblick des Schmutzigen, Zertretenen, das Flutlicht auf dem Heiligengeistfeld großflächig reflektierte. Das Herz ging mir auf beim Anblick des roten Backsteinbau, der die Domschänke beherbergt, in deren weihnachtlichem, gelben Licht die Masse vorglühte.

Es war ja nicht wirklich zu erahnen, was manche von denen später treiben würden: Der funktionalistischen Menschenverachtung des Kapitalismus in seiner finsteren Form huldigen. Was bei aller Melodramatik der Formulierung keineswegs ein Scherz ist. Wer solche in den Vorstand wählt wie wir, zeigt zwar, dass er dazu bereit ist; und wo Fanzines agieren wie andernorts politische Parteien und „Satzung“ zum Wortfetisch verkommt, ist der Warenfetisch nicht weit. Obgleich doch allesamt zu feige sind, sich zu ihrem Socken-Sneaker-Latex-Peitschenusw.-Fetisch zu bekennen und stattdessen einige Subjekte in Separées ganzkörperfetischisieren und so zum Objekt degradieren. Wahrscheinlich ist das, was später sich äußerte, einfach nur verlagerte sexuelle Frustration, ich kenne die, die macht Komisches aus einem. Aber sublimieren kann man doch anders. Kunst! Zum Beispiel.

Der Einlass wie üblich quälend; die Pseudo-V.I.P.s huschten links an uns vorbei wie Schatten in einem Vampirfilm. Der Seebär konnte wieder lachen, nach einem Schlaganfall freut das!, die Wunderkerzen waren schön anzusehen. Die Aufstellung erfreute, weil Fin Bartels nicht dabei war – und, ja, ich nähere mich dem Knackpunkt, das nicht, weil es über den herzufallen gilt; er gibt ja alles. Und auch wenn ich ihm jetzt mangelnde Effizienz attestiere, so nicht, um diese zu totalisieren.

Das ist eine Crux und Herausforderung, an der man stets nur scheitern kann, dass eben das „um zu“ sich anschließt an jede Betonung des Menschen als Zweck an sich selbst. Wüsste keinen, der das bisher befriedigend hätte auflösen konnte; Habermas schafft das nur bei Sprechakten, Kant musste ein zweites Reich erfinden, Adorno im Negativen verbleiben und positiv nur die Kritik bestimmen.

Nach 11 Minuten hatten wir dann verloren. Wieder in einer Drangphase das Gegentor bekommen, und allmählich merkt man, wie zerschossen die Psyche der Spieler ist, die sich jedes Mal wahlweise herkulisch oder sisyphosisch immer wieder neu aufbäumen und von vorne anfangen, um dann durch blöde Fehlerverkettungen sich frühzeitig blöde Tore zu fangen. Danach fallen sie mental mittlerweile erst mal auseinander, wen wundert’s?

Wobei Mainz auch wirklich saustark spielt; dieser süße Blonde da vorne hätte sich auch gut in einer Boygroup gemacht. Überhaupt gönne ich den Mainzern alles, auch wenn sie die charmante Punk-Version der Internationalen durch dieses schlecht produzierte „Wir sind nur ein Karnevalsverein“ ersetzten, das sich so grausig anhörte, dass jede Selbstironie verpufft.

Dann jedoch begann schon die Abwanderung im Zuge der ersten Halbzeit: Massen aus dem Block neben uns wie auch dem unseren weiter oben zog es von ihren Plätzen. Ich fand die erste Halbzeit auch grausam, aber geht’s noch? Man verliert und gewinnt zusammen oder bleibt weg und geht zu den Rauten.

Auf dem Platz fand sich in der zweiten Halbzeit genau die gegenläufige Entwicklung: Stani schickte jene auf den Platz, die den FC St. Pauli seit Jahren leben. Ja, auch Charles. Der weiß ja, warum er zurück kam. Bruns ist so derart wichtig für uns, dass alle, die über die Jahre ihre Lästerattacken auf ihn richteten, der große Zeh abfrieren möge: Der wird gesucht von den Mitspielern, der kämpft, müht sich, jeden Fehler wieder gut zu machen und besitzt Spielintelligenz wie sonst wenige. Ich würde den ja eh vom Fleck weg heiraten, aber ich glaube, er mich nicht.

Im Gegensatz zu all den Promi-Bashern aus der Süd fand ich auch Asa gestern stark, kämpferisch, und wer „außer einer Torvorlage hab ich nix von dem gesehen außer Hinfallen“ schreibt, lieber Kiezkicker, sollte sich den ersten Halbsatz mal auf der Zunge zergehen lassen – immerhin haben wir auch dank ihm mal wieder ein Tor aus dem Spiel heraus erzielt. Schulle ist eh St. Pauli-Olympier, unser Ares, sozusagen, na, nicht ganz, wie der kratzt und beißt und nervt und zerrt und ackert, ich liebe ihn!

Das isses doch: Aus geringen Möglichkeiten ein Maximum machen, das sind wir, und wer nicht so limitierte Diven über den Platz traben sehen will, kann ja nach Wolfsburg gehen. Sah mich auch bestätigt in meiner Diagnose letzte Woche, dass Kruse und Bartels unsere Probleme sind; als die beide nicht auf dem Platz standen, lief es besser. Die wollen wie Mainz spielen, können es aber noch nicht. Das ist kein Grund für Liebes- oder Verehrungsentzug, ey, WIR ALLE sind St. Pauli, aber da tut ’ne Pause schon not. Dass Ozcipka und Boll einen gebrauchten Tag erwischt hatten, geschenkt. Ozcipka ist jung, der darf auch mal Aussetzer haben. Immerhin sah er prima aus.

Aber dann: Das Grauen hat einen Namen. Ich habe ihn nur leider vergessen. Dieses Lästerwesen, mit dem ich mit bereits 3 Mal in der O-Feuer-Sportsbar fast geschlagen habe und dessen Kumpel mit Hass im Gesicht Fragen stellt wie „WARUM WIDERSPRICHST DU MIR?“, die beiden gehörten zu jenen Massen auch aus meinem Block, die nach dem 2:4 in Strömen eklen Verhaltens das Stadion verließen. Allen Stadionverbot erteilen. Das hat es auf der alten Haupttribüne tatsächlich nicht gegeben.Dabei haben die beiden da auch gesessen. Was treibt diese Pfeiffen eigentlich an?

„Es sagt doch schon alles, wenn Ebbers erneut von Anfang an spielt. Um Leistung kann es da ja nicht gehen, schlechter spielt ein Pichinot oder beliebiger A-Jugend-Spieler sicherlich auch nicht.“

„aber das ist ja pauli. ein trainer der´s nicht packt eine lustige mannschaft aus nichtskönnern. herrlich. dazu noch ein bier und ne wurst und alle sind glücklich. und wenn nicht soll man doch zum hsv gehen.“

„Unabhängig von dem Spiel zeigt das Interview von M.Lehmann auf der St.Pauli Webseite doch alles.
Man ist erfreut über die Anzahl der Punkte, mit der man nicht gerechnet habe.
Klare Aussage, daß man von Anfang an gar kein Interesse
an der ersten Liga hatte.“

„Manche sollten mit ihrer ständigen Understatementeinstellung lieber zur 2. gehen.Da ist alles easygoing.Wie kann man mit den 17 Punkten zufrieden sein?“

„einigen in der mannschaft ist erkennbar nicht das wichtigste: der sportliche erfolg dieser mannschaft, dieses vereins.“

„Ich verstehe nicht, wie man Bruns noch bringen kann… da ist ein extrem schlechtes Zweikampfverhalten, wenn überhaupt springt der aus Alibi mal zum Kopfball… viele viele Fehlpässe… einfach eine null Bock Einstellung meiner Meinung nach… ich persönlich muss Bruns nicht wiedersehen…“

„Ebbers raus!!!
Ebbers-Anhänger geht nach Hause!“

Und, noch eins drauf:

„Extra-Flop:
„Nazis morden, Staaten schieben ab – das ist das gleiche Rassistenpack“
Sorry, aber das ist mir zu plakativ und undifferenziert.
Ausserdem gehen Nazis-Vergleiche grundsätzlich nicht.“

Soso. Den Zusammenhang zwischen der Flop-Diagnose und dem restlichen Gebashe erläutere ich jetzt nicht, obgleich er offenkundig ist (und jeder Nazi im Geiste freut sich ungemein über das Vergleichsverbot, endlich unenthemmt die Sau raus lassen und Schwarze ersäufen!) – so weit also Stimmen aus dem St. Pauli-Forum zum gestrigen Spiel. Nicht wieder gefunden habe ich die sinngemäße Aussage „Wenn der den Asamaoh nicht vom Platz nimmt, gehe ich nicht wieder rein!“, und frage mich in der Tat, was das eigentlich für seltsame Mentalitäten sind, die sich im Rahmen des FC St. Pauli ausbreiten. Ich ärgere mich auch während des Spiels und fluche und pöble, aber dieser seltsame Abglanz des „Hire & Fire“, das als Hass sich Bahnen bricht und sich auf eigentümliche Art von Fehlpässen, Gegentoren und Spielercharakteren persönlich beleidigt fühlt, was ist das denn für eine Scheiße? Ich habe diese Verve des Niedermachens der Stellvertreter auf dem Platz schon nicht verstanden, wenn ich im O-Feuer neben denen saß, was ist das für ein Mechanismus, was für eine Erwartungshaltung? Was geht da ab in diesen Hirnen?

Die Süd war mal wieder zu faul, sich kurz umzudrehen, und sang stattdessen in Richtung der Haupttribüne „Ihr seid Scheiße wie der HSV“, zu recht – hinter ihnen spielte sich trotzdem das gleiche ab und übrigens auch an den Rändern des Stehplatzbereiches Süd. „Wir sind St. Pauli und ihr nicht!“ hingegen fand ich doof, eine Differenz, die meinen Sitznachbarn zwar nicht plausibel als Differenz zu verklickern war – es besteht aber ein Unterschied zwischen dem Kommentar zu Verhaltensweisen und identitären Exklusionsgesängen. Finde ich.

Dann Abpfiff. In der Tat war ich erfroren, dass es trotz großem Einsatz der Mannschaft nicht mehr gereicht hat, war bitter. P.A. meinte, die Jungs würden bestimmt keine Ehrenrunde mehr drehen, und auch ich wollte nun ins Warme – und war dann wohl auch Scheiße wie der HSV, weil ich, ich glaube, das erste Mal in 10 Jahren, die Ehrenrunde auch nicht mehr mit machte. Ich schäme mich und gelobe Besserung. Vielleicht die Anderen ja auch.

Zum Glück gibt es P.A., @diepauliane, @foxxi_bear, @ring2, @sparschaeler, den @quotenrocker und die anderen, die sich noch in der fürchterlichen Scheune versammelten. Und an @Jeky muss ich jetzt auch 5 Euro ins Harmonieschwein zahlen

46 Antworten zu “Volksparkisierung

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  2. sparschaeler Dezember 19, 2010 um 2:40 pm

    ich hab mir den zwanni für das stellingen spiel gespart, den steck ich mal in das harmonieschwein.
    was sich da gestern im stadion und heute auf foren bahn bricht ist erschütternd.

    wenn nun einige nicht mehr das spiel verfolgen wollen wenn asa oder ebbers in der startfelf stehen, werden wir in der rückrunde stadionbesucher sehen die bereits vor anpfiff das millerntor verlassen.

  3. momorulez Dezember 19, 2010 um 2:51 pm

    Darauf hoffe ich ja sehr … dass die alle weg bleiben bleiben. Gibt bestimmt engagiertere Anwärter für deren Dauerkarten. Bei der Lektüre des Forums habe ich auch echt nur noch die Fassung verloren. Schlimm.

  4. Markus Dezember 19, 2010 um 2:57 pm

    Wo kommen denn die großartigen Bilder in diesem Posting her? Eigenproduktion? Fragt einer der „anderen“.

  5. momorulez Dezember 19, 2010 um 3:21 pm

    Ja, das sind Eigenproduktionen. Zwei Mal einfach selbst mit iPhone geschossene Fotos einfach durch eine iPad-App gejagt, einmal noch am „Sketchbook“ vorher bearbeitet.

  6. Frittenbuddhist Dezember 19, 2010 um 4:07 pm

    Zur der frühzeitigen Zuschauerflucht und dem Spiel habe ich mich ja schon „drüben“ bei Frau Jekylla geäußert, die aus dem Forum zitierte Kritik an dem Plakat kann ich aber vollkommen nachvollziehen. Zumindest was den ersten Teil angeht (Nazi-Vergleiche können je nach Sachlage durchaus sinnvoll sein, aber das ist dann ein anderes Thema), denn das Plakat war in der Tat unglaublich plakativ und undifferenziert… eine Gleichsetzung von der staatlichen Abschiebepraxis und mordenden Nazis ist in meinen Augen vollkommen überzogen.

  7. Markus Dezember 19, 2010 um 4:11 pm

    Danke. Und Chapeau! 😉

  8. pauliane Dezember 19, 2010 um 4:55 pm

    sprichst mir in vielem aus der seele…danke….

  9. momorulez Dezember 19, 2010 um 5:06 pm

    @Markus + Pauliane:

    Danke zurück für’s Lob!

    @Frittenbuddhist:

    Ich finde das im Falle der Abschiebepraxis so überzogen nicht. Die Bedingungen in Abschiebeknästen sind zwar „besser“ als in Vernichtungslagern, aber nicht als in den frühen KZs, worauf nicht zuletzt Amnesty International regelmäßig hinweist, auch und gerade im Falle jenes direkt bein Planten & Blomen. Der Begründungsmodus operiert auf der Basis eines auch weiterhein rassistisch durchdrungenen Staatsbürgerrechts, und es wird fröhlich abgeschoben in Staaten, wo direkt gefoltert und gemordet wird. So lässt man halt foltern und morden.

    Che, der Stammkommentator hier ist, könnte sich da vertiefend zu äußern, in dessen Blog findet sich viel zu Thema.

  10. che2001 Dezember 19, 2010 um 6:03 pm

    In eigener Sache zunächst mal das hierzu:

    http://arranca.org/ausgabe/40/konjunkturen-der-solidaritaet-oder-vom-mitgefuehl-zum-miteinander

    Regelmäßig kommen Flüchtlinge bei Abschiebungen zu Tode, weil die Bundespolizei sie gefesselt und geknebelt ins Flugzeug setzt und mit zwei verschiedenen Betäubungsmittteln, meist Haldol und Psyquil abspritzt. Die ersticken dann häufig am eigenen Erbrochenen. Man google mal den Namen Kola Bankole. Abschiebungshaft bedeutet, dass auch Kinder, die ja gar nicht strafmündig sind ins Gefängnis kommen, und überhaupt heißt das ja de facto-Gefängnisstrafen für Unschuldige. Auf einer Polizeiwache in Bremen wurden Asylsuchende mit dem elektrischen Viehstock gequält bzw. ihre Zellen mit Tränengas geflutet. Ich kenne den Fall einer Libanesin, die hochschwanger in die Türkei abgeschoben wurde, weil ihre Vorfahren vor 200 Jahren von da in den Libanon eingewandert und ein findiger Beamter dachte, na, das wäre ein sicherer Drittstaat, in den abgeschoben werden könne. Vor Jahren stellte sich mir ein für Abschiebungen zuständiger Ministerialrat süffisant grinsend mit „Eichmann“ vor. Der ist heute Staatsekretär und Schirmherr für soziale Projekte.

  11. Nörgler Dezember 19, 2010 um 6:31 pm

    Und nun zurück zur Liga. Ich sach bloß: Lieber auswärts gewinnen, als zuhause verlieren 😉

  12. momorulez Dezember 19, 2010 um 7:15 pm

    Ja, Nörgler, unbestritten 😉 – Glückwunsch!!!

    Wobei wir ja auch gerne zu Hause gegen die gewinnen, die manchmal auswärts Punkte holen – wir lassen in solchen Fällen sogar Tore schießen 😉 …

  13. che2001 Dezember 19, 2010 um 7:18 pm

    Schande über Werder….

  14. momorulez Dezember 19, 2010 um 7:22 pm

    Che, man gewinnt und verliert zusammen. Nix Schande. Das war Lauterns Rache für unser 0:3 da.

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  17. Skandagelmann Dezember 20, 2010 um 9:47 am

    Angemerkt sei, dass Du aus dem SPF auch wirklich nur die allerdümmsten Kommentare zitierst, die selbst da komplett gebasht werden und kaum repräsentativ sind. Ich beobachte auf der einen Seite das, was Du „Volksparkerisierung“ nennst, auf der anderen Seite aber auch ein wahnsinnige Unwille, überhaupt irgendeine Kritik zuzulassen. Die sportliche Leistung stimmte zuletzt eben nicht immer, sondern einige backen sich stellenweise auch ganz gepflegt ein Ei drauf, wie toll es ist, dass man überhaupt Bundesliga spielt. Die berühmten 34 Bonusspiele.

    Das darf man aber nicht mal ansprechen, dann ist man sofort der letzte Spalter und sollte gefälligst erstmal YNWA und überhaupt. Pauli-Party-Harmonie galore. Ich sehe nicht ein, warum wir nach einer Art ungeschriebenem Gesetz zwangsläufig schlechter dastehen müssen als Freiburg, Lautern oder Mainz. Die haben auch keine Wahnsinnsstrukturen, die sind auch letzte oder diese Saison erst wieder aufgestigen. Ich finde es ist legitim, sich angesichts unserer eigenen Vergangenheit und aktuell mahnender Beispiele (wo spielte Arminia Bielefeld vor zwei Jahren nochmal?), auch mal Gedanken zu machen, wo es mit 4 Punkten aus 9 Spielen hingehen soll? Diese Schicksalsergebenheit („wir sind eben ein Loserclub“), mit der einige den Abstieg fast schon herbeizusehnen scheinen, damit sie sich und dem Lebensdrama treu bleiben können, kann ich jedenfalls genauso wenig nachvollziehen. Ja, ich war auch gegen LEV II da. Und? Will ich deswegen dahin zurück? Nein!

  18. momorulez Dezember 20, 2010 um 10:18 am

    „Angemerkt sei, dass Du aus dem SPF auch wirklich nur die allerdümmsten Kommentare zitierst, die selbst da komplett gebasht werden und kaum repräsentativ sind.“

    Jein. Natürlich gibt es im Forum auch ordentlich Gegenwind – umgekehrt waren das schon sehr viele, die in eben genau diesem Geiste die Haupttribüne verließen. Oder im O-Feuer rum stänkern.

    Und diese „Ich kritisiere die Pauli-Party-Harmonie!“-Rhetorik ist doch nun auch nicht der Weisheit letzter Schluss und selbst schon ein St. Pauli-Klischee geworden, das wie ein Mantra immer wiederholt wird.

    Mir geht es doch um die Haltung den Spielern wie auch der sportlichen Leitung gegenüber, die bei manchen nun wirklich zum Zerrbild kapitalistischer Verhältnisse im Sinne funktionalistischer Menschenverachtung mutiert. Ich meine das bitterernst, weil das nicht trivial ist.

    Wenn den FC St. Pauli in seiner Historie etwas von anderen Vereinen unterschieden hat, dann die Bereitschaft, solche Fragen auch im Rahmen eines weiteren gesellschaftlichen Zusammenhangs zu diskutieren, und genau das erwarte ich auch von den Forums-Usern. Gerade im Moment, wo dank der neuen Haupt die Gefahr riesig ist, dass unser Selbstverständnis verreckt zugunsten einer aufgeblasenen „Toleranz“-Rhetorik und ansonsten der selben Scheiße wie sonst überall auch.

    Natürlich kann und muss man diskutieren, was sportlich läuft. Da kommst aber mit so was:

    „Diese Schicksalsergebenheit („wir sind eben ein Loserclub“), mit der einige den Abstieg fast schon herbeizusehnen scheinen, damit sie sich und dem Lebensdrama treu bleiben können,“

    nun auch nicht an. Damit sagst Du ja nun gerade nix über das Sportliche, sondern über Mentalitäten. Was meinste denn da mit „dem Lebensdrama treu bleiben“?

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  22. Nörgler Dezember 20, 2010 um 2:28 pm

    „Wobei wir ja auch gerne zu Hause gegen die gewinnen, die manchmal auswärts Punkte holen – wir lassen in solchen Fällen sogar Tore schießen …“

    So ist es. St. Pauli ist damit nicht nur Weltpokalsiegerbesieger, sondern auch Gegenauswärtsgewinnerdaheimsieger.

  23. Skandagelmann Dezember 20, 2010 um 6:11 pm

    @Mo:
    Ich beobachte die „Volksparkerisierung“ ja auch, sehe das Hauptproblem aber beim Verein, der sich mit kalter Muschi, Strip-Logen und SMS-Blinkitafeln offenbar richtig geil vermarktet sieht, und seinem im Grunde einzigen „Kapital“, nämlich seiner Fanszene die kalte Schulter zeigt und offenbar glaubt, diese auch durch eine 08/15-Klientel ersetzen zu können, mehr oder minder. Im Gegensatz(?) zu Dir sehe ich das Problem daher zum Großteil nicht so sehr bei den Individuen, die von Business-Seats auf der HT und der Süd angezogen werden, sondern beim Gesamtkonzept, was der Verein in dieser Hinsicht fährt.

    Ich finde, die Kritik am Gebaren des Vereins, an den ganzen kleinen Schweinereien der letzten Monate (neben den bereits aufgezählten: blickdichte Fangnetze, zunächst indiskutable Rolliplätze, Aufsteller vor der GG, Einlauf auf der anderen Seite etc.pp.), ist (wie immer bei St. Pauli) total halbherzig und kleinlaut, weil man sich das tolle Familiengefühl eben nicht kaputt machen will. Statt inhaltlicher Kritik und Debatte (zum Beispiel über die Anzahl der Business-Seats im Verhältnis zu den anderen Plätzen) ging es auf der JHV weitgehend um Befindlichkeiten (Littmann als Ehrenpräsi, ja oder nein). Und da spielt es für mich eine massive Rolle, dass genau die gleiche Klientel, die sich über die Modefans (und häufig in einem Atemzug auch gern noch die Ultras) aufregt, sich gleichzeitig jedwede Kritik an Vereinsführung und sportlicher Leitung verbietet.

    Bespielweise ist es köstlich zu beobachten, wie gewisse Teile des SPF gegen politische Plakate giften, aber zu autoritätshörigen Devotees werden, wenn der Sicherheitsbeauftragte das Nicht-Denunzieren-Wollen von Schwarzhändlern mit dem Nicht-Denunzieren-Wollen von (Zitat) „Vergewaltigung, Mord, Naziverbrechen“ vergleicht. Wo wir schon bei Adorno sind: Wenn das nicht der Jargon der Eigentlichkeit ist, dann weiß ich auch nicht mehr.

    Zum Sportlichen: Es ist natürlich enorm schwer, ausgerechnet Proffußball der höchsten Spielklasse mit Kapitalimuskritik beikommen zu wollen. Adorno hätte sich von einem derartig faschistoiden Massenspektakel der Kulturindustrie mit Sicherheit angewidert abgewendet. 😉 Lass es mich so sagen: Ich würde auch nie die Mannschaft auspfeifen oder mich derart zu einzelnen Spielern äußern, aber ich glaube, dass sich bei uns alle zu wohl fühlen, dass niemand irgendwas von irgendwem zu befürchten hat, und dass darunter die Leistungsbereitschaft in Teilen leidet. Das mag ein völlig durchkapitaliisiertes Menschenbild sein, aber als es bei Lautern zur Mitte der Vorrunde nicht mehr lief, haben K&K ziemlichen Dampf gemacht und einigen Spielern mit einem vorzeitgen Abgang zur Winterpause gedroht etc.pp. Der Erfolg gibt ihnen mittlerweile leider Recht. Trotzdem ist es natürlich diskutabel, ob man solche Methoden am Millerntor will und wie erfolgversprechend sie letztlich sind. Aber nur mit Kuscheln wird es auch nix, befürchte ich.

    Und da kommt das ins Spiel, was ich vorhin („Lebensdrama“) meinte: Ich kenne einige Leute, die schon seit den 90ern dabei sein, die halten es für total klar, dass wir wieder absteigen und alles andere für ein Wunder, genau wie es offenbar ein Wunder ist, dass wir wieder Bundesliga spielen. Das ist aber nicht so, sondern es ist das Resultat erfolgreicher Arbeit (und eines kleinen Quentchen Glücks hier und da). Aus meiner Sicht spricht objektiv nichts dafür, dass wir „mit unseren Möglichkeiten“ nicht genau die gleichen Chancen wie Mainz oder Freiburg oder Nürnberg oder Lautern haben sollten. Deswegen frustriert es mich, wenn die sportliche Führung relativ offensichtliche Fehleinschätzungen bei der Kaderplanung eine Hinrunde später trotzdem nicht in Frage stellen oder korrigieren will. Und da sehe ich eine gewisse Komplizität zu der „Augen zu und durch“-Haltung vieler Alt-Fans: Alle Beteiligten einigen sich im Falle eines Falles stillschweigend darauf, dass der Abstieg nicht zu verhindern war, „weil wir halt St. Pauli sind“, egal wie sinnentleert diese Aussage angesichts der o.a. Bespiele anderer Vereine auch sein mag.

  24. momorulez Dezember 20, 2010 um 6:56 pm

    @Skandagelmann:

    Ich glaube, wir sind uns weitesgehend einig 😀 – insbesondere, was das vermeintliche „Konzept“ derer, die im Verein was zu sagen haben, betrifft. Ich habe mich auf der JHV weitesgehend sehr geärgert, dass sich alles auf die Ehrenpräsidentenfrage zuspitzte, die Frage nach den Business-Seats aber weggebügelt wurde. Da bin ich völlig bei Dir.

    Und natürlich würde Adorno auch bei uns die Nase rümpfen 🙂 – was man aber auch in praktischer Hinsicht von ihm mit nehmen kann, ist die Kritik der instrumentellen Vernunft, auch wenn Horkheimer den dazugehörigen Text geschrieben hat. Und somit auch die Verdinglichungskritik (deshalb ja die Fetisch-Anspielungen). Und dass daraus eine Haltung Personen gegenüber resultiert, die sich mit dem Draufhauen auf Spieler nicht verträgt, wie es ja teils in einer Form geschieht, die ich nicht mehr akzeptabel finde. Für mich war immer das Spannende am FC St. Pauli, dass dass der Widerspruch zwischen ökonomischen und funktionalen Erfordernissen und linken Kritikansätzen als unaufhebbarer ständig Thema war und TROTZDEM zu was ganz Eigenem führte. Was nun übrigens alles kein Plädoyer für die Moralisierung der Theorie ist, keineswegs – aber für Kriterien zur Orientierung im falschen Ganzen 😉 …

    Ansonsten gehe ich schon davon aus, nach allem, was man aus der Mannschaft indirekt hört, dass der Druck da schon gewaltig ist. Und dass wir vieles,auch Selbstkritik hinsichtlich des nur halb aufgehenden Konzeptes, gar nicht mit bekommen – was ja gut ist, wenn man sich den Veh zum Beispiel anhört. Mal gucken, ob sich was tut in der Winterpause.

    Aber wie gesagt: Kein Dissens im Allgemeinen. Ich fände einen Abstieg nicht soooo schlimm, glaube aber auch, dass wir mehr Möglichkeiten hätten.

  25. momorulez Dezember 21, 2010 um 12:28 am

    „Schulte: Dass es bei uns ruhig ist. Viel ruhiger, als bei den anderen Klubs, die mit uns da unten stehen. Für uns ist es absolute Grundvoraussetzung, dass wir alle bei uns im Verein an einem Strang ziehen. Deshalb ist es für mich nicht okay, dass einige ihren Frust über das Mainz-Spiel an anderen auslassen.

    MOPO: Sie meinen die Ultra-Fans, die vorzeitig abwandernde Haupttribünenbesucher beleidigten …

    Schulte: Natürlich wünschen wir uns Unterstützung durch alle Zuschauer von der 1. bis zur 90. Minute. Aber Toleranz und Respekt dürfen bei uns am Millerntor keine Einbahnstraße sein. Jeder darf auf seine Art glücklich werden, so lange er seine eigene Meinung anderen nicht aufzwingen will.“

    http://www.mopo.de/2010/20101221/sport/stpauli/mehr_respekt_und_toleranz.html

    Das bestätigt wohl klar, was Du über das Vereinsgeschehen geschrieben hast, Skandagelmann. Wenn der Herr Schulte in so einem Zusammhang von „Toleranz“ und „Respekt“ daher quatscht, bestätigt das wohl die schlimmsten Befürchtungen dessen, was in den Köpfen der Vereinsangestellten vorgeht. Dass es also darum geht, die „zahlenden Gäste“ zu pleasen und den Dreck auf der Süd aus dem Stadion zu fegen und ihnen das Maul zu verbieten. Das war auf der JHV auch schon deutlich, dass die das wollen, die Stengers, Orths, Meeskes, und also auch Schulte. Die Sprüche der Security-Hansel, dass links durch die V.IP.-Schleuse ja jene gingen, die das Stadion bezahlen, und ich mit meiner 400 Euro-Dauerkarte (?) dann zum „Spaß haben“ daran partizipieren dürfe, kommen nicht von ungefähr – das scheint Briefing zu sein.

    Jetzt also Aktion „Ultras aus dem Stadion ekeln“ durch jemanden, der im sportlichen Bereich (!!!) Verantwortung trägt, zugunsten der pöbelnden Frühgeher.

    Es wird nicht ruhig bleiben, Herr Schulte.

  26. kleinertod Dezember 21, 2010 um 9:15 am

    Grausiges Interview von Schulte. Berechtigte Kritik ist keine Intoleranz, sondern aktive und gelebte Fankultur. Dies macht den FCSP doch aus und nicht die VIPs. Es sei denn, in diese Richtung soll der Verein verändert werden. Dann aber bitte nur noch B-Sitze am Millerntor… Nein! USP hat auch Kritik immer mal wieder verdient – aber eben nicht nur die. Gehört alles dazu. Wer was macht, riskiert eben Kritik. Und das ist kein Bashing per se, sondern die Diskussion über Fanverhalten, die wir brauchen. Sonst könnten man uns auch intolerant heißen, wenn wir Fans, die die Mannschaft auspfeifen, kritisieren… Siehe auch http://kleinertod.wordpress.com/2010/12/20/auf-17-punkten-eingefroren-nichts-zu-holen-gegen-mainz-am-millerntor/#comment-476 für mehr.

  27. momorulez Dezember 21, 2010 um 10:15 am

    Ich finde das Interview auch ungemein ärgerlich. Da hätte ich schon bei der JHV ins Parkett beißen können, wenn einer von denen völlig sinnentleert „Toleranz“ predigte. Das ist eine völlig beknackte Masche, das Wort steht bei mir eh auf dem Index – wer toleriert, kann Toleranz auch entziehen, das impliziert eine Drohung, und es ist bezeichnend, dass man von den ganzen Bankern und Juristen (sorry 😉 ) nichts von Antifaschismus, Antisexismus, Kampf gegen Homophobie und Rassismus hört, sondern diesen nichtssagenden, weich gewaschenen Symbol-Mist als Dienst an Kunden auf Business-Seats, die im Zuge ideologischen Ablaßhandelns sich ein ruhiges Gewissen beim FC St. Pauli erkaufen wollen, um sich dann zu verhalten wie die Menschenverächter bei den Rauten. Man muss es unseren Ultras echt hoch anrechnen, da immer wieder Sand im Getriebe zu sein und muss sich einfach klar machen, was für Leute in den Vorstand gewählt wurden. Kann mir doch keiner erzählen, dass Schulte das nicht abspricht, wenn er derart predigt – der wurde mutmaßlich vorgeschickt.

    Für mich wird immer deutlicher, dass Ziel der Akteure ist, marketingfähige Elemente des „linken Mythos“ FC St. Pauli in stark verdünnter Dosis zu Verkaufszwecken zu wahren, weil es eine Markt-Nische ist, die ursprünglichen Protagonisten dessen aber mittels LED-Laufbändern aus dem Stadion zu ekeln – und da zuallerst die Ultras. Zugunsten von Bankern, die ein wenig über Toleranz und Respekt quatschen wollen.

    Pathos und Norbert sehen das in ihren Blogs ja ähnlich, und der ganze Blogger- und Twitterklüngel, das sind ja allesamt keine mal eben so linksradikalen Youngster. Aber auch auf die wird so nun per MoPo geschossen. Glaub mal nicht, dass die bei Dir, Ring2 , Jekylla und hier nicht lesen.Wird Zeit, noch lauter zu werden, sonst kann man den Verein auch dicht machen.

  28. Skandagelmann Dezember 21, 2010 um 4:59 pm

    @Mo: So sieht’s leider aus. Time to get organized. 😉

  29. Pingback: Auf ein Wort, Herr Schulte! (..oder auch ein paar mehr) « Fabulous Sankt Pauli

  30. chaot Dezember 23, 2010 um 7:12 am

    moinsen,
    hab mich hier mal durchgewühlt und finde den blog(oder das blog??) total klasse, danke dafür!

    mal zu mir zum verständnis meiner sichtweise:

    ich sitze seit dieser saison auch auf der ht und zwar hinter dem kleinen tod, der garnicht so klein ist….:)
    und das einfach weil es für uns mittlerweile mehr und mehr ein familienhobby ist und wir meinen sohn mit ins stadion nehmen, wir sind keine hamburgen sondern kommen aus der nähe von osnabrück und machen daher immer einen kleine reise um fussball zu sehen, da wir wie gesagt ca. 250 km von hh wohnen fahren wir auch zu fast jedem auswärtsspiel weil es irgendwie schon garnicht mehr ohne geht. st. pauli gehört bei uns zum täglichen leben…. soviel dazu 😉

    mir stellt sich in letzter zeit immer wieder die frage: 1.liga – fluch oder segen für st. pauli?
    ich meine ich habe mich total gefreut über den aufstieg und gegen wen man jetzt alles so spielt, wir haben uns den derbysieg ausgemalt und und darauf gefreut die bayern mal wieder abschiessen zu können und was noch so alles kommen sollte.
    aber mal hand aufs herz, das ganze drum herum, diese blöde blauwerbeaktion, das plötzlich alle st. paulifans sind die ich treffe und mir sagen wie toll sie finden das wir 1.liga spielen weil wir ja so toll anders sind!
    ich treffe auf nem konzert ne alte bekannte die in jetzt in köln lebt, mit nem feschen st.pauli shirt und frage was sie davon hält das thomas kessler jetzt bei uns spielt, die antwort : wer ist thomas kessler und was spielt der wo??
    ich trage auch schon keine trikots mehr weil es mir auf den sack geht mich mit vollhonks über den tollen anderen fussballclub aus hamburg zu unterhalten….
    meine frage ist, wiegt der „sportliche“ erfolg den ganzen anderen mist auf?
    ich bin mir nicht sicher, denn ich behaupte beim letzten mal als noch stolperkönige wie macao und morten berre(schrieb der sich so??) über den platz hinkten war das nicht so extrem mit der „paulipaadiefraktion“ und der geldmacherei und dem geheuchel von anders sein….
    sorry für die ganzen schreibfehler etc. ich bin nur doofer schrauber 😉

    lg chaos

  31. momorulez Dezember 23, 2010 um 9:23 am

    Danke für den Lob das Blog betreffend!!! Frage mich ja meinerseits manchmal, ob das nicht alles ein bißchen zu schräg ist 😉 – genieße aber, das hier im Netz machen zu können. Den Kleinen Tod traf ich auch schon gelegentlich nach Spielen und auf der JHV, der ist tatsächlich recht groß 😀 …

    Ich nehme das so wahr wie Du und finde auch, dass wir uns in der sportlich ja deutlich schlechteren Erstligasaison damals besser geschlagen haben, was das Vermeiden des Ausverkaufs der Ideale bezrifft. Umgekehrt waren wir danach ja auch pleite, woran sich die Akteure in Präsidium und Geschäftsführung auch gut erinnern werden.

    Das ist aber tatsächlich kein Grund, das, was den Verein ja anders machte und dosierter heute noch anders macht, so zu verramschen, wie die das tun. Man hat das Gefühl, dass die ganz wie eine Merkel die großen Binsen von Toleranz predigen, um ansonsten genau das zu machen, was alle Gentrifizierer und Senatsmitglieder usw. auch tun: Den Besitzenden den Speichel lecken und die, die dagegen anstinken, im Grunde genommen auszulachen. Kenne die Haltung noch ganz gut aus der Zeit, als ich noch Angestellter war – hatte da auch einen in semi-zeitgeist-linken Verhältnissen aufgewachsenen Chef, der, die Mitarbeiter chronisch verarschend, auf die marketingfähige Phrase setzte, um genau gegenteilig firmenintern zu agieren. Habe deshalb sehr schlechte Laune angesichts der Auftritte insbesondere von Stenger und Meeske auf der JHV bekommen, weil ich diese Rhetorik so gut kenne. So entsteht dann dieser Effekt, dass man die Klamotten kaum noch tragen mag, weil man das Gefühl hat, an einer Lüge mitzuwirken – einerseits Hafenstraßensymbolik, andererseits Amusement für jene, denen der Volkspark zu „prollig“ ist und das Millerntor verkehrsgünstiger gelegn erscheint.

    Weil es ja gleichzeitig so ist, dass über Fernsehgelder und Stadionauslastung die erste Liga jene ist, in der man sich schlicht am besten über Wasser halten könnte. Die 3. Liga ist viel härter, finanziell.

    In unserem Fall klappt das aber bestimmt nicht, indem man Inhalte wie Antirassismus, Kampf gegen Homophobie und Sexismus zur Marke formalisiert und on top Susis Showbar da tanzen lässt. Das wird selbstwidersprüchlich. Und da muss man gegen anstinken und genau diese Inhalte eher radikaler auf Fan-Seite positionieren. Den Marketingheinis den Spaß verderben. Glaube ich. Damit man die Inhalte wieder aus der Form „Marke“ und dem grenzdebil weichgewaschenen „Toleranz“ wieder raus holt. Und genau damit sind ja zum Glück gerade sehr viele von uns beschäftigt.

  32. alsti Dezember 23, 2010 um 1:05 pm

    Hmm. Ich hab deinen Beitrag mit viel Interesse gelesen. Ich war leider selbst nicht im Stadion.

    1. Ich stimme dir 100% zu, was das vorzeitige Verlassen angeht. Das tut man einfach nicht. Da ich selten die Kohle fürs Stadion hab schaue ich das ganze meist in meiner Stammkneipe. Letztes Jahr ist es nicht einmal passiert, dass einer vor Abpfiff aufgestanden is, außer er wollte neues Astra oder musste zur Astrarückgabestelle. Dieses Jahr ist die Bar nur dann voll, wenn „spannende Gegner“ da sind und man erhebt sich auch gern, wenn das Spiel als „verloren“ gilt. Dieses Verhältnis eines „Fans“ zum Verein stößt mir übel auf. Welches Anrecht bzw. Intention habe ich als Fan überhaupt die Unterstützung zu verweigern? Wenn, wie man so schön sagt, das Herz für den Verein schlägt, kann man ihn doch nicht beschimpfen oder allein lassen? Ich hab in dem Moment immer das Gefühl, dass es weniger ein Fan als ein Aktionär ist. Man investiert das Kartengeld, wenns läuft wird gejubelt und wenn nicht, schmeißt man hin und lässt den Verein allein. Ich bin kein Antikapitalist oder so, aber sowas hat mit Fansein doch nix zu tun.

    2. Über schlechte Spieler herziehen oder sich wundern warum gewisse Luschen noch aufgestellt werden, halte ich für gerechtfertigt. Warum auch nicht? Ich würde nie soweit gehn und n Spieler im Stadion ausbuhen. Aber Asomoah nur noch Gegner und Boden trifft statt Bälle und jeden Angriff verschleppt, hm. Dann kann er noch so eine Legende sein, dann gehört er nicht auf den Platz sondern ans DJ-Pult, wenn auf der Bank Leute wie Sukuta-Pasu sitzen, die vielleicht keine Urgesteine sind, aber vor Potenzial und Torgefahr strotzen. Ja natürlich ist Schulle St.Pauli Urgestein, aber er ist einfach nicht gut genug.
    Diese Haltung resultiert nicht daraus, dass ich von Pauli erwarte, dass sie die 1. Liga rocken. Es resultiert eher aus der Liebe zum Verein. Ich will ja, dass sie gewinnen und ich schrei gern 90min. in der Kälte rum, damit sies tun. Aber dann darf ich mich auch darüber aufregen, wenn Ebbers sein Torriecher verloren hat. Ich liebe St.Pauli wenn sie in der 3. Liga mit völlig verplanten Vollhonks bolzen aber ich liebe St.Pauli auch dafür, dass sie in der 1. Liga spielen und wünsche mir dass sie das weiter tun. Warum soll ich glücklich sein, dass sie Verlieren?

    Zur Abstiegsparty würd ich aber jederzeit wieder gehen 🙂

  33. momorulez Dezember 23, 2010 um 1:17 pm

    „Über schlechte Spieler herziehen oder sich wundern warum gewisse Luschen noch aufgestellt werden, halte ich für gerechtfertigt. Warum auch nicht? Ich würde nie soweit gehn und n Spieler im Stadion ausbuhen. Aber Asomoah nur noch Gegner und Boden trifft statt Bälle und jeden Angriff verschleppt, hm.“

    Hatte ich ja oben schon geschrieben – natürlich kann man Spieler kritisieren und Aufstellungen, aber „Lusche“ geht gar nicht gar nicht. Diese ganze „Loser“, „Versager“ etc.-Rhetorik finde ich, gelinde gesagt, übel. Gibt da schon noch eine Differenz, wo man Handlungen, Schlechtspielen, anhand des fragwürdigen, im Profifussball aber unerlässlichen Leistungsprinzips kritisiert und wo man als Person sie nieder macht. Sag ich auch und gerade als langjährig leitender Angestellter und nunmehr Geschäftsführer eines kleinen Unternehmens, der Leute ständig so einsetzen muss, dass nicht alles in die Grütze geht. Das ist ja teilweise schon Hass, was unseren Spielern von den eigenen Fans da entgegen schlägt, und da frag ich mich schon, was da psychologisch dahinter steckt.

    Im letzten Spiel war Asamoah abgesehen davon einer der Besten, meiner Ansicht nach, und die Siege in Gladbach wie gegen Nürnberg haben wir auch ihm zu verdanken.

  34. alsti123 Dezember 23, 2010 um 3:09 pm

    Hm. Ja Lusche war jetzt vielleicht ein zu hart gewähltes Wort… Und ich würd mir nie anmaßen ein Spieler persönlich zu bewerten oder runterzumachen, da ich ihn nicht kenne. Alles was ich bewerten kann ist sein Verhalten auf und rund um den Platz (Medien etc.). Und wenn Asamoah große Töne spuckt, aber im Endeffekt meiner Meinung nach nicht sehr gut spielt reg ich mich natürlich teilweise auf. Darum wünsche ich mir eben ne Differenzierung zwischen Verhalten im Stadion und dem was man am „Stammtisch“ so sagt. Im Stadion gilt einfach immer Unterstützung ohne wenn und aber. Aber wenn man unter sich ist, darf man ja wohl n bisl motzen. Das hilft ja auch sich Luft zu machen und beim nächsten Spiel wieder bedingungslos mitzufiebern 😉

    Was im Stadio anpöbeln und gehen bewirkt sieht man ja in Stuttgart…

  35. momorulez Dezember 23, 2010 um 3:53 pm

    Wir liegen ja nicht weit auseinander. Mir geht’s darum, die Leute nicht vollständig uber ihre Funktion zu definieren, sondern sie als empfindungsfähige Personen zu begreifen, denen Respekt wie allen anderen gilt. Diese „Jetzt kriegt der schon Millionen und bläst mir immer noch nicht richtig einen!“, da wird’s haklig. Oder wenn das ganze Stadion aufstöhnt, sobald Asa am Ball ist. Den ich schon sehr bewundere.

    Dass man bei Fehlpässen, vergeigten Chancen und doofen Abwehrfehlern auch flucht, ist ja klar. Hatte ich oben ja auch geschrieben.

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  39. ich bleibe Januar 6, 2011 um 12:31 am

    ich bin seit 10 jahren auf der haupttribüne. früher
    gegengerade. war bis zum schluss da. mich nervt verfrühtes gehen
    auch. was mich noch mehr nervt: intoleranz und dieser langsam
    wachsende krieg. der ging ja in der halbzeit schon von der süd aus.
    nein, man geht bei uns nicht früher. man singt aber auch nicht ‚ihr
    seid scheisse, wie der hsv‘ – das ist unterstes st. ellingen
    niveau. man sperrt auch keine eigenen fans aus, man wirft auch
    keine schneebälle. das war nicht nur gegen tiffert, das ging die
    gesamte hälfte aufs lauterer tor so. was ist eigentlich bei uns
    los? wann gehts eigentlich mal wieder um fussball und nicht um
    statements, megaphon-capos und andersdenkende? wie intolerant kann
    man eigentlich sein? statt gegen seine mitbesucher zu singen,
    lieber unsere mannschaft weiter anfeuern. die braucht das. und
    nicht so einen scheiss.

  40. momorulez Januar 6, 2011 um 12:44 am

    Findest Du den „Toleranz“-Begriff da angemessen? Und was den FC St. Pauli für mich immer auszeichnete, war, dass Fussball im gesellschaftlichen Kontext reflektiert wurde. Hätte ich auch gern weiterhin so. Deine „Toleranz“ gegenüber Capos könnte man ja im selben Sinne auch einfordern, mal ab davon, dass ich gerade als Schwuler diesen Begriff hasse wie die Pest. Und rückbezogen auf den gesellschaftlichen Kontext ist wohl eher das Übermaß an Buisness-Seats und das abgefuckte Verhalten der konsumbewertenden Frühergeher wie auch die vermarketingisierung von allem und jedem das Problem und weniger der Capo.

    Für mich stellt es sich aktuell eher so dar, dass dank der Sozialromantiker-Petition sich die Möglichkeit des Schulterschlusses zwischen den Tribünen auf der Basis dessen, was den FC St. Pauli ausmacht, eröffnet – gegen die Marketinghansel in der Geschäftsführung, und das zu recht. Lass uns doch lieber da anknüpfen!

  41. Pingback: Der FC St. Pauli parodiert sich selbst und bildet Blasen … ein Rundumschlag. « Metalust & Subdiskurse Reloaded

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