Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Es geht ums Tun und nicht ums Siegen!

F., alter Weggefährte und Kampfgenosse im ewigen Fight gegen die Geister des schlechten Geschmacks, die ästhetischen Totschläger und miese Mittelstandsbajuwaren-Mentalität (die sich ja überall im Hönäss-Land BRD finden lässt) stand neben mir und schämte sich. Seit kühster Frindheit (Schulze und Schultze) dem FC Bayern zugetan, errötete er fortwährend, passend zu Vereinsfarben. Er kann ja nix dafür, hinein geboren in diese Fertigsauce, zu der man festtags greift, weil sie etwas teurer daher kommt, komponiert für die Zungen der Massen, die mal „was Besonderes“ schmecken wollen. Als derlei Tupfer im öden Alltagsgrau präsentiert sich auch die Allianz-Arena, deren Hintermänner und Frontschweine es sich zum Motto machten, Fussball, AIDA-Inszenierungen auf dem Bodensee oder MoMA.Ausstellungen in Berlin als ein und dasselbe zu begreifen: Operettenhafte (Danke, @quotenrocker) „Fun“-Fatalitäten mit wohl dosiertem Ereignischarakter und Dabeisein-Faktor, der auf Ununterscheidbarkeit noch bei Siegen zielt.

F. muss da durch, trotzdem weinte er fast in seinen Schal, als er die Musikauswahl kommentierte – nach Ribéry-Toren würde „Champs Elysées“ eingespielt, nach denen Robbens „Tulpen aus Amsterdam“, und insgesamt wirkte die ganze dröge Inszenierung so, als hätten Fernsehmacher, die in den Pionierzeiten Anfang der 90er bei RTL2 anheuerten, ihr konserviertes Unterhaltungsknownothow auf Schlauchbootgröße aufgeblasen. Sound-Effekte, Deppen-Techno-Einsprengsel, die DJ Ötzi spielend unterboten, Folklore-Karrikaturen und peinliches Triumphieren – da schwingt in jedem Ton, in jedem Klang die Aggression gegen „Besserwisser“, die „schwulen Studenten“ mit, die Verachtung des Gedankens, die Denunziation des Gefühls und dessen Ersatz durch Effekte. Das ist das Plattmachen wie in der Dystopie in „Schöne, neue Welt“. Brav wie die Opernbesucher – die Abonnenten, die buhen, wenn ein Regieeinfall ihr Verständnis des Guten als Wiederholung des Eingemachten stört – saßen sie im Rund, und wie das bei solchen ist, brach nur der Hohn in Triumphgehabe nach den Toren aus der Masse hervor und sonst nicht allzu viel. Deshalb gehen die da hin – den Genuss zu erleben, wenn ein Großer einen Kleinen schlägt.

Wobei man zugestehen muss, dass es insgesamt äußert freundlich und offen da zuging. Die Symbolik der Inszenierung und die beteiligten Akteure sind eben nicht identisch. Man konnte sich als Auswärtsfan problemlos zumindest im Mittelrang bewegen, selbst der Barcodeleseautomat begrüßte mit „Willkommen, St. Pauli!“ in Schriftform, die Ordner waren sehr nett, und ich zumindest konnte als Auswärtsfan erkennbar ohne weiteres zwischen über und über mit Schals behängten Bayern flanieren. Lustiger schon diese schmalsten St. Pauli-Jüngstlinge mit Anarcho-A auf den Hosen, die mit dem Finger auf mich zeigend wahrscheinlich irgendwas zwischen „Mode-„, „Event-“ oder sonstwas-Fan in meine Richtung pöbelten; diese nette Wolljacke, den Namen des Modells vergesse ich immer, verbuchen die vermutlich unter „Buisness“.

Das war in Gestalt des schlimmen Herrn Stenger bereits beim Hinflug anwesend, nennen wir ihn doch Schlimmstenger (Stichwort: Mehr Buisness-Seats als die Bayern, wie hochnotpeinlich für den FC St. Pauli!), der wollte in München wahrscheinlich mal gucken, wie man Fussballvereine symbolisch ruiniert, so dass Geldverdienen zum Selbstzweck wird. Nett jedoch das Lufthansa-Personal, dass im mit St. Paulianern proppevoll gestopften Jet diese freundlichst begrüßte, auch wenn der Kapitän sich als Bayern-Fan outete.

Das Spiel war toll bis zum Elfmeter; als Bajuware hätte ich mich über diese desorganisierte und leidenschaftslose Truppe da auf dem Platz nur noch weg geärgert. Überdeutlich immer wieder, dass sie, wenn sie ihr Potenzial abgerufen hätten, aufgrund der Klasse noch der Spieler des Rumpfkaders uns mit 12:0 aus dem Stadion geschossen hätten. Stattdessen setzen sie auf Dümpeleien mit plötzlich wie eiternde Geschwüre aufplatzenden Einzelkönnerimpulsen, die auch zu den Toren führten. Unsere Jungs spielten am Limit, also toll, engagiert, mutig und phasenweise bis zum Strafraum richtig gut, wurden in der Abwehr immer mal wieder schwindelig gedribbelt und trotzdem war es ein Hochgenuss, zuzusehen, wie unser Regional-Liga-Held Rothenbach einen Ribèry abkochte. Wir vergaben wie üblich Großchancen, am derbsten direkt nach Wiederanpfiff, Herr Rafati pfiff wie üblich seine ganz individuelle Rätselhaftigkeit pflegend, Bruns hat auch aus großer Entfernung die schönsten Beine der Liga und belebte das Spiel ungemein. Und auch wenn ich mich unbeliebt mache: Kruse und Bartels heißen die Gründe, aufgrund derer wir keine Tore schießen. Lustig immerhin unsere Spieler nach der Roten für Kessler 1. Liga spielen zu sehen: Nach jedem Nicht-Foul sich theatralisch fallen lassen und windend den Kopf halten, wenn das Schienbein nicht getroffen wurde. Hatte kurz das Gefühl, die machten sich da richtig einen Spaß draus inmitten der Niederlage.

Ich fand auch die Wechselgesänge zwischen dem Ober- und Unterrang prima; einmal bei dem „We love St. Pauli – Fabulous St. Pauli – we hate the Volkspark-Bastards – and beat the fucking Bayern“ wurde das fast schon ekstatisch, wie mir schien. Zum Glück wurde auch „Que Sera“ gesungen, „Auswärtsieg“ beim Stand von 0:3 skandiert, und das „You’ll never walk alone“ kam aus gut der Hälfte braunweißer Seelen durch und durch gefühlt und gelebt. Die anderen meckerten blöd rum, vor mir eine Lehramtsanwärterin mit Öko-Locken und Linksspießerbrille, die sich darin gefiel, bei jeder Aktion unserer Fussballgötter in stumpfes Empören auszubrechen und selbst noch Sätze wie „Wenn ich die gleich im Flieger treffe, nehme ich mir jeden Einzelnen zur Brust“ absonderte. Das Forum ist ja auch nicht mehr lesbar, hoffentlich bleiben die alle weg, wenn wir weiter verlieren sollten. Trotzdem, die anderen 3000 spürten wohl mit gleicher Intensität wie ich dieses Hochgefühl, kein Bayern-Fan zu sein. Sondern als FC St. Pauli da zu stehen und die Allianz-Arena zu rocken. Das „Wir sind Zecken“-Lied singt sich nirgends passender als angesichts der auch in diesem überdimensionierten Autoreifen zu Wiederanpfiff leeren Buisness-Seats – und nein, das Lied verhöhnt keine Obdachlosen, es zeigt sich mit ihnen solidarisch. Selbst F. neben mir ertappte sich auf einmal beim Mitsingen, um dann fassungslos sich selbst zu geißeln, weil er ja Bayern-Fan ist und nix dafür kann.

So schlurften wir anschließend weiter saufend durch den Münchener Flughafen, das „Airbräu“ ist durchaus lecker; der gleichzeitig stolz und traurig wirkende Fabio Morena wich zwar dem Blick aus, hätte aber jede Huldigung verdient. Ein kurzer Ausflug in die politische Bildung für Übersteiger-Redakteure im Flughafenbus erwies sich wegen ungeeigneter Location als leider nicht möglich. Doch es setzten sich noch diese sehr sympathische Frau und dieser einfach äußerst attraktive Mann neben mich im Flieger, wollten angesichts meines Schals etwas über das Spiel erfahren. Er lehnte mehr oder minder den ganzen Flug an mir, ich mochte das. Sie selbst kamen vom Seminar bei einem Shaolin-Mönch, na sowas – ich verstieg mich zu der Aussage, dass das ja im ZEN-Sinne vielleicht viel mit Fussball zu tun habe, weil man auch da gar nicht auf das Ziel sich konzentrieren solle, sondern ganz in der Handlung selbst aufgehen. Sie stimmten zu.

Ja, es geht ums Tun und nicht ums Siegen, und in der Hinsicht war ich einmal mehr in unsere Mannschaft und den FC St. Pauli schwer verliebt. Und ganz in diesem Sinne war auch das zaghafte „Meeske raus!“ zu verstehen, das ich noch ausstieß, weil der da stand, als ich mit P.A. und @ring2 den langen, leeren Gang auf dem Hamburger Flughafen entlang schwankte, froh, wieder aus München raus zu sein …

Advertisements

10 Antworten zu “Es geht ums Tun und nicht ums Siegen!

  1. Ring2 Dezember 12, 2010 um 2:12 pm

    Bis zur 70. Minute war’s ein geiles Spiel, hat Stani gesagt – und das fühle ich auch so. Habe gestern nochmal an das 0:5 gegen 1860 an gleicher Stelle denken müssen – das ist Jahrzehnte her und real doch nur 1,5 Jahre, und mein Ergebnis gestern, das 2:2 nur ein realer Punkt Differenz mit deren Realität 🙂

    … und Fabiomorena liest das hier sicher, und erinnert sich an den Moment

  2. momorulez Dezember 12, 2010 um 2:19 pm

    Hast Du den 11Freunde-Ticker noch mal gelesen, den P.A. eben rumgetwittert hat? Herrlich! Ganz großes Sprachkino! Sehr treffend zudem!

    Ich fand es auch prima!!! Und die Leute im Forum, die Lästerer und Stänkerer, spinnen doch allesamt. Wer wirklich liebt, liebt doch gerade die Fehler, Schwächen, die unfreiwillige Komik und das Versagen dessen, den man liebt, wenn er dabei noch mit berechtigtem Stolz aufrecht in den Spiegel gucken kann.

  3. momorulez Dezember 12, 2010 um 3:07 pm

    http://11freunde.de/liveticker/134767

    „Obwohl der FC St. Pauli die gesamte Pop-Diskografie der letzten 30 Jahre in den Ring warf, scheiterte der Kiezklub einmal mehr an der Musik des Zufalls.“

    Steckt voller Highlights, der Text!!!

  4. Pingback: Review: FC Bayern München vs. FC Sankt Pauli 3:0 « Fabulous Sankt Pauli

  5. Pingback: Düster. Rückbetrachtung auf das Wochenende mit der Auswärtsniederlage in München. « KleinerTods FC St. Pauli Blog

  6. kleinertod Dezember 13, 2010 um 2:11 pm

    Wie immer lesenswert. Vor allem, wenn man nicht live dabei war. Jedenfalls nicht vor Ort. Und bei dieser Gelegenheit möchte ich meinen Eindruck wiederholen, daß man am Bildschirm die FCSP-Fans lauter und deutlicher vernehmen konnte als die der Heimmannschaft. Wenn es mit der Chancenverwertung irgendwann auch noch klappen sollte, dann dürften die fremden Stadien wackeln. Wir Mode-/Event-/Sonstwas-Fans kriegen das schon hin. ^^

  7. momorulez Dezember 13, 2010 um 7:00 pm

    Dankeschön! Im Block selbst konnte man die Bayernfans tatsächlich nur nach den Toren und nach dem 3:0 ein wenig vernehmen, was ja auch selektiv ist, klar. Aber ich gebe mir auch immer viel Mühe, parteiisch zu schreiben 😉 …

    Und übrigens bestätigte auch der Kicker, ohne, dass ich viel auf den geben würde, aber diesmal gibt er mir halt recht 😀 , dass wir einen Handelfmeter hätten bekommen müssen. War mir da im Stadion auch sehr sicher, das war halbwegs vor meiner Nase und tatsächlich direkt auf der Torlinie. Aber wer weiß, ob der rein gegangen wäre 😦 … glaube übrigens, die Tore sind verhext, nicht unsere Spieler. Die Voodoo-Puppe ist, glaube ich, der falsche Weg. Da ist ein Bann aufzuheben anderer Art. So was wie ein magischer Kreis. Man sollte wie im „Faust“ einfach Lücken in die Torlinienbemalung, also diese weiße Linie, ritzen, dass der Ball da immer rein geht und nicht mehr raus kann, selbst wenn er den Innenpfosten trifft. Muss man dem Verein mal dringend vorschlagen, freilich so, dass das nur für uns gilt.

    Über unsere aufrechten Anarcho-Kids musste ich mich übrigens sehr amüsieren. War zwar nie Straßenkämpfer, aber was linke Theorieansätze betrifft und zumindest teilweise deren Integration in die Wirtschaftspraxis im Rahmen des falschen Ganzen finde ich die Arroganz der kleinen Jungs immer ziemlich lustig angesichts dessen, was man da so voraus hat 😀 …

  8. Pingback: Das fragmentierte Bewusstsein, BVB FC St. Pauli 2:0 oder das sich eröffnende Paralleluniversum „Prost!“ im hannöverschen Bahnhof « Metalust & Subdiskurse Reloaded

  9. Pingback: „Auf Augenhöhe“ … « Metalust & Subdiskurse Reloaded

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s