Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

FC St. Pauli – Kaiserslautern 1:0 – und wir sangen von der Liebe der Matrosen …

… der, nach der sie sich sehnten, wenn die Brotmaden auf dem Veermaster das Gebäck zum Laufen brachten.

Kuriosum ist, dass Hamburg als „Kaufmannsstadt“ gehandelt wird – ja, Hafenstadt erwähnt das kollektive Gedächtnis auch. Jedoch: Die Matrosenstadt und die Heimat jener, die Schiffe löschten und beluden, sind getilgt wie jene Gängeviertel, deren letztes – auch wegen kommunistischer Umtriebe – die Nazis auslöschten.

Die Pfeffersäcke, die heute Schulreformen bombardieren, damit die Kinder von Vorstadtsvorsitzenden nicht mit Arbeiter- oder gar Hartz IVler-Nachwuchs Fussball spielen müssen, haben mit der ihnen eigenen Brutalität die Geschichtsschreibung an sich gerissen, die Altonaer Alstadt gar nicht erst wieder aufgebaut und sehen heute aus wie Herr Meeske, Herr Orth oder dieser Heini von der Deutschen Bank, der skandalöserweise in den Vorstand des FC St. Pauli gewählt wurde. Während Corny Littmann noch volksnah und sogar liebevoll in der „Heißen Ecke“ Stadtteilleben auf St. Pauli inszeniert, sind die neuen Herren damit beschäftigt, die Überzahl an Buisness-Seats zu verteidigen, die Herr Littmann plante und nun bewirtschaftet.

„Hey, wir sind doch aber der FC St. Pauli!“ dachten wir nach dem Spiel. Mir fiel auf, dass anders als zu Anfangszeiten meiner Stadionbesuche „Auf der Reeperbahn nachts um halb Eins“ gar nicht mehr gesungen, ja, keinerlei Lokalkolorit mal ab vom „Herz von St. Pauli“ aus aller Munde schallt. Dabei heißen die Landungsbrücken ja nicht so, weil da heute Leute aus Saarbrücken Fischbrötchen essen gehen. Selbst die berechtigte Empörung über Susis Showbar im Separé sollte die Erinnerung wahren, dass dieses kommerzialisierte Treibens auf St. Pauli auch deshalb angesiedelt ist, weil manche der Matrosen aneinander nicht genug hatten und ihre Lust beim Landgang ausleben wollten.

Das Problem der Sittlichkeitserwägungen im Falle des mit „Deine Mudda tanzt bei Susi an der Stange, Digga“ Verballhornten ist ja immer, dass eine der Wurzeln dieser Haltung der Puritanismus der protestantischen Bildungsbürger war, die sich über Unterschichten erhoben hat. Ja, umgekehrt prostituiert sich nicht, wer nicht muss, und ich will auch gar nicht der Sexismus-Kritik Blödsinn entgegen unken – aufpassen, dass man nicht dworkinesk den Evangelikalen nach dem Mund redet, muss man da dennoch. Und die Überschrift im „Übersteiger“ „Titten!“ ist annähernd so, als würde man „F…“ oder „N …“ da drüber schreiben – auch in satirischen Intentionen läuft die Verachtung jener Körperregionen mit, die Frau nun mal leiblich lebt und erfährt und die als Teil eines Körperganzen-Subjekts sie für viele reizvoll macht. „Titten“ schreibt man wohl, weil die Abwehr der gemeinen Hete – gibt auch ungemeine – gegen das, was sie reizt, oft in Abwertung zum Schaffen von Distanzen sich ergeht. Vielleicht werden ja auch deshalb keine Shanties bei uns gesungen; vom „Arbeiterverein“ ist nun wirklich wenig nur verblieben, Proletarisches wird allseits verlacht. Nein, die Herren, denen die Loge gehört, meine ich nicht, und ich weiß auch nix über die Vita der Tänzerinnen.

Trotzdem: Achim Reichel und Hannes Wader waren da schlauer, als sie ihre Shantie-Alben aufnahmen. Und dass nicht zuletzt die Freiheit auf See, natürlich auch das Leben nur unter Männern, die sexy Ausgeh-Uniformen und das jenseits aller Konventionen auch ein schwuler Mythos ist, es sei erwähnt.

Ja, ein „Querelle“-Zitat, das Bild. Punkrock meets Matrosen würde uns musikalisch ja gut stehen, auch hinsichtlich des Bewusstseins von Globalisierungs- und Wirtschaftsgeschichte. Waren die Matrosen die Kolonisatoren, oder durch Pfeffersäcke und deren Agenten wie den Meeske, der Symptom ist und als Person uninteressant, selbst Kolonisierte? Oder war es nicht die Befreiung von Leibeigenschaft, die es hier ja auch noch nicht zufällig bis zur Aufklärung, also dem Einsetzen des Kolonialismus im großen Stil, in Russland noch bis in die 70er Jahre des 19. Jahrhunderts gab, wenn man anheuerte, um irische Weisen auf platt umzudichten? Keine Ahnung. Weiß nicht, ob anhand der Geschichte der Seefahrt solche Fragen systematisch erforscht wurden. Ich will damit keineswegs die zutiefst rassistische Kolonialgeschichte relativieren und Rassismus schon gar nicht; ein Bewusstsein der eigenen Geschichte als jener der Arbeiter und Hafen-Tagelöhner, der Totenschiffe und Unterschichten ist nur komplett verschwunden, wie mir scheint.

Mit dem gestrigen Spiel hat das viel zu tun; danach standen wir vor der Domschänke und stimmten auf einmal den „Hamburger Veermaster“ an. Ring2 gab den brillianten Vorsänger, der hat ja auch seefahrende Vorfahren, und Sparschäler, Alfetta, Foxxi-Bär und ich bildeten den Chor: „Too my hooday!“. Man, tat das gut! HAT DAS SPASS GEMACHT!!!! Richtig befreiend war das. So googlet man am nächsten Tag herum und entdeckt den Text sich neu:

Refrain

Vers 2

Ein Lied über Scheiß-Arbeitsbedingungen also. Über Ausbeutung. Sucht man ein wenig in iTunes herum, fällt auf, wie globalisiert und vor allem von keltischer Folklore durchdrungen die Shanties sind – die mit dem Akkordeon versehenen Versuche, da eine nordische Volkskultur im Sinne des Eigenen, Deutschen draus zu machen, sind komplett verfehlt. Gerade diese Musik ist Beleg dafür, dass diese fehlkonnotierten „Volkskulturen“ sich immer schon im „internationalen“ Austausch bildeten.

Um so passender zum FC St. Pauli, der ja zudem gestern nach furiosem und tollem Grottenkick sich zum Sieg kämpfte; sexy Tiffert schenkte uns sein das Eigentor, Dankeschön! Rothenbach und Gunesch grätschten als die braunweißen Götter, die sie sind, gnadenlos ergebnissichernd ein ums andere Mal GNADENLOS – wenn schon der Trainer ein Tackling an der eigenen Strafraumgrenze kurz vor Schluss feiert wie das 2:0, war abgesehen von den fehlenden Shanties alles versammelt, was uns ausmacht: Viel Alkohol, viel Leidenschaft, ungezügelte Emotionen, großartig schlechte Witze („Ich kann Dir das auch abtrinken!“ sagte Frührentner F., über 60, grienend zu mir, als ich mich auf den Weg zum Clo machte – Natursekt-Kalauer! Prima! Fast alles, was die Evangelikalen nicht mögen, ist gut!) – und sogar ein Ergebnis, das uns ernsthaft weiter bringt.

Wermutstropfen lediglich das laute Gestöhne des halben Stadions bei Asamoah-Fehlern, hey, geht’s noch? Ebenso blöde sein divenhafter Abgang, wutschnaubend vom Rasen flüchten, wenn die Mannschaft sich gerade zur Ehrenrunde anschickt, hey, geht’s noch? Außerdem möchten wir in Block H8 auch gerne die Welle mit euch machen, liebes Team, vorbei laufen ist gemein, wenn man euer Grätschentum, euren Kampf doch einmal so sehr liebte!

Und so stand ichmit Blick auf den Dom an der Budapester Straße, kalt war’s und das einzigartige, nächtliche Winterlicht Hamburgs färbte meine Welt heimatlich. Ich lauschte noch meinem Dauerschwarm, der mit Kumpels „Kein Staat, kein Gott, wir wollen saufen!“ oder so ähnlich gröhlte, Alfettas Sätze über den unvergleichlichen Zauber dieses kleinen Stück Erdes rund um das Heiligengeistfeld hallten in meinen Ohren nach – dass dieses tiefe aus dem inneren Gelächter angesichts des Aberwitzes des Lebens aufsteigende Feiern nach dem Spiel eben nicht so aufgesetzt und demonstrativ sei wie rheinisch-karnevaleskes, sondern mit der Ruhe der Weite des Meeres aufgeladen sich Bahnen bricht. Und der ist Kölner, der das sagte, ganz in St. Pauli verliebt.

Aber wir sangen ja auch von der Liebe der Matrosen, deren Geister uns noch zunickten, zufrieden mit dem 1:0, um wieder in ihre nassen Gräber zu steigen, irgendwo zwischen Hamburg und Helgoland, und wehmütig lächelnd das Lied vom Veermaster dabei summten …

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55 Antworten zu “FC St. Pauli – Kaiserslautern 1:0 – und wir sangen von der Liebe der Matrosen …

  1. momorulez Dezember 5, 2010 um 12:22 am

    Ah, Deichkind haben die gesungen! Fast ein Neo-Shanty!

  2. Nörgler Dezember 5, 2010 um 11:47 am

    Ich sach garnix.

  3. momorulez Dezember 5, 2010 um 11:55 am

    Einfach mit singen 😉 …

  4. che2001 Dezember 5, 2010 um 3:40 pm

    „De Deck war von Isen, voll Schiit und voll Smer, de Beschüten, de leupen von sülven allhier“, so kenn i dat. Ein absolut großartiger, spannender, netter Artikel, danke dafür!

    Ein paar Anmerkungen fallen mir ein:

    „aufpassen, dass man nicht dworkinesk den Evangelikalen nach dem Mund redet“ — Dazu brauchts noch nicht mal Evangelikale, das kriegt die Dworkin-geprägte Linke selbst hin. Ich erinnere mich daran, dass ein älterer Mann schwer betrunken nach Hause tappte und lauthals „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins“ grölte und das Pech hatte, ein paar Genossinnen von mir über den Weg zu laufen. Der wurde zusammengedroschen, bis er wimmernd am Boden lag und die Aktion später als feministische Großtat asusgegeben. Als wir einen ägyptischen Freund zu Besuch hatten und ihm Deutschland zeigten (also eigentlich nur München, Kassel, den Solling, Göttingen, Hamburg und Oldenburg) machten wir vor dem Besuch in der Hafenstraße einen Bummel über den Kiez. Dafür mussten wir uns von Genossen heftige Vorwürfe anhören, Linke hätten das Rotlichtviertel zu boykottieren, es sei mit einem antisexistischen linken Bewusstsein unvereinbar, sich dort aufzuhalten. Wobei mir der antipatriarchale Anspruch z.T. ohnehin nicht mehr geglaubt wurde, als ich mich gegen die soziale Isolierung von Pornousern und Puiffgängern aussprach und Bombenanschläge gegen Sexshops für sinnlose Aktionen hielt. Ich weiß ja überhaupt nicht mehr wie das heute ist, aber was die moralische Rigorosität angeht hätte ein Großteil der autonomen Szene, wenn auch anders, „antisexistisch“ legitimiert die Evangelikalen locker getoppt. Role Model wäre da eher der Dominikanerorden.

    @Image: Also in meinem Bekanntenkreis wird Hamburg eher als proletarische (sogar wörtlich: „Hamburg ist proletarisch. Find ick gut!“), durch Matrosen, Schauerleute und Werftarbeiter geprägte Stadt wahrgenommen. Und als Historiker denke ich vor allem an Hamburg und Bremen als die Hochburgen des proletarischen Widerstands gegen die Nazis. Ich habe noch mit einem alten Hamburger Anarchisten gesprochen, der davon erzählte, 1935 vom Dach eines Speicherhauses als 16jähriger Feuerwerksraketen in eine marschierende SA-Kolonne abgeschossen zu haben. Als der Rote Wedding längst unter Kontrolle der Nazis war waren die Arbeiterviertel von Hamburg und Bremen das noch lange nicht. So, und jetzt poste ich bei mir drüben ein Shanty;-)

  5. Loellie Dezember 5, 2010 um 4:58 pm

    Ich kann zwar nicht für Momo sprechen, aber Evangelikale, Evangelikalisierung oder das mit dem arisch-evangelikalen Komplex sind ja mangels passender Begrifflichkeit bewusst unscharfe Metaphern.
    In aktuellen Diskussionszusammenhängen wären deine, Che, linken autonomen GenossInnen ebenfalls Evangelikale.

  6. momorulez Dezember 5, 2010 um 5:01 pm

    Das Schlimme ist, dass im proklamierten bzw. publizierten Selbstverständnis dieser Stadt die Werftarbeiter, das proletarische Treiben in den Gängevierteln oder Hammerbrook verschwunden sind, und seitdem die Containerisierung den klassischen Hafenarbeiter verdrängte, setzt man ganz auf Schiffstaufen und Verabschieden der Elizabeth II. Geht ja bis in die Architektur – da, wo die Kommunisten aktiv waren, wurde zum Teil gar nicht wieder aufgebaut. Die Straßen, in denen der „Altonaer Blutsonntag“ statt fand, gibt es einfach nicht mehr. Da stehen jetzt 60er-Jahre-Hochhäuser inmitten von Rasenflächen, und mittendurch geht die Holstenstraße.

    Dieser Haltung Deiner GenossInnen würde ich übrigens ein klar puritanisch- christliches Erbe unterstellen. Was ich selbst immer vergesse, ist, dass wir hier wenigstens ein Museum für Arbeit haben, wo es auch mal eine Ausstellung zur Sex-Arbeit gab. Für mich waren hinsichtlich linker Politik Hurenverbände und Domenica immer wichtiger als Dworkin und solche, bei aller Berechtigung der Sexismus-Kritik.

  7. momorulez Dezember 5, 2010 um 5:06 pm

    @Loellie:

    Ja, eben 😉 … und das ist sogar mehr als eine unscharfe Metapher, weil viele gemäßigt linke Strömungen christliche, gedankliche Wurzeln haben, würde ich mal behaupten. Das ist ja nur scheinbar radikal, Leute zu vermöbeln, die „Auf der Reeperbahn nachts um halb 1 singen“, sondern Linkssspießertum, das Hintergründe der Sozialdisziplinierung, wie Foucault sie untersucht hat, gar nicht zur Kenntnis nimmt.

  8. Loellie Dezember 5, 2010 um 5:12 pm

    Ja, lol, „das hat schon protestantische Wurzeln“ hatte ich gerade meinem hier auf meinem Bett herumgammelnden Gatten weiter ausgeführt.

  9. che2001 Dezember 5, 2010 um 6:22 pm

    Na ja, die unterhielten sich vielleicht theoretisch über Foucault und Solche, aber ansonsten saß das Abziehbild Macker=Feind. Ich weiß auch nicht, wie wichtig für die nun gerade protestantische Wurzeln waren, möglicherweise stand da eher eine quiasistalinistische Genickschussmentalität im Vordergrund. In den Antirakreisen ging es hingegen sehr viel humaner und entspannter zu.

  10. momorulez Dezember 5, 2010 um 6:33 pm

    Die protestantischen Wurzeln wirken ja über Schuld-, Sühne- und Eigenverantwortungs-, also Subjektivitätspraktiken auch da, wo die Leute gar nicht wissen, wo das herkommt. Das merkt man doch in jeder Diskussion mit denen, die hier igendwann raus fliegen.

    Das war ja das Kuriosum von Georgis Interventionen, die mit teils nicht nur falschen Argumenten an Stellen, wo die gerade so gar nicht hin passten, operierten und im Zuge einer vermeintlichen „Liberalismuskritik“ eigentlich protestantische Konzepte gemeint waren, die er in Queer-Theorien projizierte, anstatt sich Mentalitäten wie jene Deiner GenossInnen vorzuknöpfen.

    Glaube auch nicht, dass das stalinistischer Genickschuss ist – das ist der Scarlett-Letter, Hawthorne. Und Vorstufe des protestantischen Lynchmobs im Bible Belt, der Schwarze aufknüpft, weil die eine weiße Frau angelächelt haben.

  11. Loellie Dezember 5, 2010 um 6:37 pm

    Tut das was zur Sache wessen die sich jetzt bewusst sind oder waren? Das Dinge wie zb Moral, Ideologie oder Heteronormativität ganz prima unterbewusst funktionieren ist doch gerade das Problem.

  12. Loellie Dezember 5, 2010 um 6:45 pm

    Mir aktiv-dominantem Sadist kommt dieser Schuld- und Sühnekomplex ja sehr entgegen. Da fällt mir gerade ein Marine Offizier ein, wenn wir schon von Matrosen Träumen …

  13. momorulez Dezember 5, 2010 um 6:51 pm

    Erzähl mehr 😀 – angesichts dessen, dass sich der halbe FC St. Pauli moralisch höchstaufgeplustert gerade ernsthaft über einen Schneeballwurf ereifert, ist mir nach Abgründigem, Grenzüberschreitungen und Lust, die sich aus Schuld und Sühne speist, zumute!

    Hast Du mal die Tenesee Williams-Autobiographie gelesen? Grandios!

  14. Loellie Dezember 5, 2010 um 7:23 pm

    Du weisst doch, dass mir das unter Einhaltung des Jugendmedienschutzstaatsvertrags nicht möglich ist. Das muss triefen vor Blut, Schweiss, Tränen und weiterer Körperflüssigkeiten. Sonst wird das nix.

    Das war was Rotes mit einem gar herrlichen Popo und nichtmal Flaum nirgends.

    Und ich müsste jetzt glatt lügen, was das damals, vor Jahrzehnten, war, das ich von Hemmingway gelesen habe. Die Autobiografie wars nicht. Mein Problem ist ja, dass ich den hier
    http://www.schwulesmuseum.de/html/au_1/au_ak_2_19.htm
    gelesen habe. Da wird der Ruf nach mehr sehr schwierig, wenn die Latte soch hoch liegt. Und von meinem gestrigen Trauma in der Morrisroe Ausstellung muss ich mich auch erst noch erholen. Ganz komisch das, also nicht die Sachen von ihm, sondern die Ausstellung als solches.

  15. momorulez Dezember 5, 2010 um 7:32 pm

    Netbitch ist da mutiger 😉 …

    http://netbitch1.twoday.net/stories/11439894/

    Prima!

    Morrisroe? Kenne ich den?

    Und Genet überhöht das Ganze ja so. Ich mag die Ami-Schiene, wenn sie drastisch wird, im Grunde genommen lieber. Was aber rein gar nix gegen die wundervoll heilig-verstörende Kraft Genets sagen soll …

  16. momorulez Dezember 6, 2010 um 11:45 am

    Das fehlte noch 😉 …

  17. Loellie Dezember 6, 2010 um 11:49 am

    Woher soll ich denn wissen, ob du den kennst? Ich kannte den nicht.

    http://www.fotomuseum.ch/index.php?id=22

    Das war ganz nett, was der gemacht hat und ich freu mich ja immer, wenn diese alles normalisierenden Blümchenknipsers mitten in die Fresse kriegen, grosse Kunst, wie der Text ankündigt, ist das alles natürlich nicht. Leben als Kunst vllt, Subkultur der 80ger.
    Das geht dann schon mal damit los, dass man an der Kasse in Fettschrifft mit „FOTOGRAFIEREN STRENGSTENS VERBOTEN“ begrüsst wird. Gefolgt von dem üblichen Problem, dass man beim Blick auf verglaste Fotografien, die im „optimalen“ Winkel angeleuchtet werden, Prima die Lamellen der Neonlampen zählen kann, sehen tut man von den Bildern natürlich nichts.
    Dann lustwandeln sie, die bebrillten Sekretärinnen und kaufmännischen Angestelltinnen, sich an der Nacktheit wohlig ergötzend, dem Sumpf, dem schweren, kaltgewordenen Rauch, der Ahnung von leeren Weinflaschen und den sicher hinter Glas versperrten Ausdünstungen des Rausches.
    Ich frage mich, wie es passieren konnte, dass ich auf der anderen Seite des Käfigs gelandet bin, nüchtern. Kein dröhnen im Kopf. Weit und breit kein Tisch, auf dem ich meinen nach klimatisierter Luft schmeckenden Canadian hätte abgestellt haben können, aber aus dem Nebenzimmer hör ich gekreische und gegacker. Tucken tucken. Da steht ein Fernseher. Wenigsten weiss ich jetzt, wer meinen Joint geklaut hat. Museale Andacht. Die homophilen Privatiers kichern kaum hörbar und raunen sich etwas zu, während er seinen fetten Schwanz wixxend dasitzt, antiseptisch hinter seinem Glas in der anderen Ecke. Safer. Die Brillen sitzen derweil bei Kaffee und Kuchen und ich weiss, dass sie nach Hause fahren um morgen mit ihrem Anwalt zu beraten, wie man diese Tuntenbar im Nachbarhaus geschlossen bekommt. Der Kinder wegen.
    Ich war mal wieder in Gedanken, sonst hätte ich den Keks liegen lassen und während ich versuche möglichst diskret die schneidenden Krümel unter meiner Prothese heraus zu operieren bin ich froh darüber, dass mir meine Kameraphobie dieses Schicksal erspart hat.
    Unerträglich der Gedanke.
    Zwölfender.

  18. che2001 Dezember 6, 2010 um 11:58 am

    @“Glaube auch nicht, dass das stalinistischer Genickschuss ist – das ist der Scarlett-Letter, Hawthorne. Und Vorstufe des protestantischen Lynchmobs im Bible Belt, der Schwarze aufknüpft, weil die eine weiße Frau angelächelt haben.“ — Na ja, die Sexismus/Antisexismustribunale, die ich aus der linksradikalen Szene so kenne, waren ganz unmittelbar den Kritik/Selbstkritik-Ritualen der chinesischen Kulturrevolution entlehnt. Was den moralischen Rigorismus angeht fällt mir da rein assoziativ eben nicht die moral majoroty ein sondern Inquisition und Ordensgeistlichkeit, kann noch nicht mal sage warum, glaube aber, dass ich damit richtig liege. Ich denke auch, dass dem Frauenbild, das einer bestimmten Art von „Antisexismusdenken“ eignete die Maria Immaculata zugrundelag.

  19. momorulez Dezember 6, 2010 um 12:05 pm

    Den Morissoe kannte ich doch! Ich habe da einen Bildband von vier Fotografen aus der gleichen Szene, wo er auch dabei ist.

    Den Rest des Textes habe ich nicht wirklich begriffen, liest sich aber gut 😉 …

    @Che:

    Wie gesagt, was da bewusst angestellt wird und unbewusst fort wirkt sind noch mal zwei Paar Schuhe …

  20. momorulez Dezember 6, 2010 um 12:17 pm

    Der passt selbstverständlich auch:

  21. momorulez Dezember 6, 2010 um 12:25 pm

    Die sitzen ja auch bei mir auf der Haupttribüne – zum Teil. Bisher zumindest. Ob auch auf der neuen, weiß ich gar nicht.

  22. che2001 Dezember 6, 2010 um 1:02 pm

    Zu dem anderen Strang: Das ist ja unbenommen, aber man sollte innerlinke Stränge und Kontinuitäten auch nicht unterschätzen. Was den bible belt angeht ist der 4000 KM im Westen. Dass heute evangelikale Muster und Strömungen sich hier auswirken ist sicher feststellbar, aber ob das auf Moralinlinke in den 80ern auch anwendbar ist erscheint mir sehr zweifelhaft. Mir würde da jedenfalls die Mischung Stalinismus/Inquisition viel eher einfallen.

  23. momorulez Dezember 6, 2010 um 1:13 pm

    Na ja, es gibt ja nun auch seit Jahrhunderten Protestanten in Norddeutschland ….

  24. che2001 Dezember 6, 2010 um 1:38 pm

    Und in Norddeutschland Lebende, die in Freiburg oder Biberach sozialisiert wurden.

  25. Loellie Dezember 6, 2010 um 2:13 pm

    Du meinst also, dass das alles nichts mit Körperfeindlichkeit, der Abwehr von Begehren, Schuld und Sühne und jahrhundertelanger, frühkindlicher Indoktrination zu tun hat? immunisiert Freiburger Sozialisation gegen sowas? Woher kommt die Anschlussfähigkeit der radikalen Linken zum Bible Belt?

    „Paradise is not a Place, but a state of Mind“ sagt Laurie Anderson auf irgendeiner ihrer Platten. In diesem Sinne, muss man keine 4000km fahren, um in den Bible Belt zu kommen.

    @momo

    *vonderweltmissverstandenesgenieschmollt*

    OK, den Lodenmantel habe ich unterschlagen. Vllt liegts daran.

  26. momorulez Dezember 6, 2010 um 2:48 pm

    @Loellie:

    Ich fand den Text doch prima!

    @Che:

    Sind die Badenser nicht auch Protestanten? Und dieses Spiel rund Schuldgefühle hast Du doch auch drauf, ich nicht mehr ganz so, früher sehr, und diese ganzen „Ich doch aber ein guter Mensch, Du denunziatorisches Schwein!“-Debatten sind nun wirklich so was von durchdrungen von christlichen Selbstpraktiken … wir haben alle irgendwas von der sehr christlich geprägten Friedensbewegung mit bekommen, und die Leibfeindlichkeit, die sich in Sexismus wie manchem Anrennen dagegen auch zeigt, ist ja nun auch flächendeckend wirksam. Foucault hatte auch gute Gründe, die Psychoanalyse auf Beichtpraktiken zurück zu führen, die ja auch der Linken nun auch nachhaltig wirkt.

  27. che2001 Dezember 6, 2010 um 3:42 pm

    @“Du meinst also, dass das alles nichts mit Körperfeindlichkeit, der Abwehr von Begehren, Schuld und Sühne und jahrhundertelanger, frühkindlicher Indoktrination zu tun hat? immunisiert Freiburger Sozialisation gegen sowas?“ —— Ich meine nicht, dass das damit nichts zu tun hätte, aber schon auf eine sehr spezifische Art. Wenn linke Frauen einen betrunkenen gröhlenden Mann zusammenschlagen, weil sie in dem einen potenziellen Vergewaltiger sehen und in dem von ihm gesungenen Lied eine Romantisierung der Prostitution und eine Verherrlichung des Patriarchats und das Zusammenschlagen eines Mannes für sie durchaus die Komponente hat sich dabei unbeschreiblich weiblich zu fühlen, dann ist das schon noch etwas Anderes als wenn Rednecks im bible belt einen Schwarzen aufhängen, weil der eine Frau angelächelt hat. Und eine erzkatholische Sozialisation gehabt zu haben, in der Bußen für unreine Gedanken, Strafen für das Glauben an Irrlehren und die Ohrenbeichte eine Schlüsselrolle spielen ist schon etwas Anderes als eine protestantische oder atheistische Sozialisation. Dass sich so etwas vor dem Hintergrund eines norddeutschen Umfelds nochmal anders entfaltet bzw. mit diesem spezifische Mischungen eingeht gibt dann nochmal ein eigenes Kolorit.

    @“ wir haben alle irgendwas von der sehr christlich geprägten Friedensbewegung mit bekommen“ —- Ich wirklich nicht viel, höchsten von der Absetzbewegung gegen diese. Ich würde von mir selbst ja eher sagen, dass ich geprägt wurde durch einen völlig jeden religiösen Gehalts entkleideten Puritanismus, bei dem nur noch die Leibfeindlichkleit uind die preußischen Sekundärtugenden übrig blieben plus eine religiöse Lehre, der ich einmal anhing und die einen mystisch-gnostisch-okkultistischen Charakter hat, dem Buddhismus oder auch dem Katharertum sehr viel ähnlicher als dem Protestantismus.

    Natürlich sind Schuldgefühle grundsätzlich das A und O zum Verständnis menschlicher Reaktionen, und ich bin über das Michschuldigfühlensollen (und noch weitaus mehr das Michunfähigfühlensollen) erzogen worden und damit ja auch keine Ausnahme. Ich glaube nur, dass die unangenehmen bis unerträglichen Komponenten meiner eigenen alten Subkultur durchaus auch Hintergründe haben, die mit dem Begriff „protestantisch“ oder „evangelikal“ nicht richtig bezeichnet wären.

    @Foucault, Psychoanalyse und Beichtrituale: Gerade in der französischen Linken der 70er war nun in Form der ritualisierten Kritik und Selbstkritik, von der die Horrorplena, die ich noch erleben durfte Abglanz sind in katholischer Tradition stehende Beichte mit gehirnwäscheähnlichen Bekenntnisübungen aus der chinesischen Kulturrevolution, die von der maoistischen Gauche Proletarienne mit großem Erfolg importiert wurden zur Untrennbarkeit verbunden.

  28. Loellie Dezember 6, 2010 um 5:51 pm

    Genau diese „sehr spezifische Art“ wie das zusammenhängt, versuchen wir doch seit bald zwei Jahren heraus zu arbeiten. Davon, dass die beim verprügeln des Betrunkenen keine Koran Suren oder Bibelverse zitiert haben, kann man wohl schon ausgehen.

    „Racism appears in the field of vission … the sexualized nature of the look. looking always involves desire. theres always the desire not just to see, but just to see what you can’t see, to see more than you can see, to see beyond, to see behind. The reaction in racism between black and white is partly, partly arises when the white looker becomes aware that he is, as it where, attracted to the black subject. The act of racism is a denial of that desire which is in the gaze itself“ Stuart Hall über Frantz Fanon in ‚Black Skin, White Mask‘.

    http://www.youtube.com/watch?v=-KNSipIY5cI

    Das zusammen gedacht im Sinne des kritischen Weissseins, konkret dem ‚denial of white privileg‘, dem Uebergang von körperlicher Züchtigung zur institutionalisierten Strafe (vom Vierteilen zum Panoptikum), durchaus losgelöst von Rassismus, angewandt auf gesellschaftliche Zurichtung und wir kommen der Sache näher. Die Frage wer wann wieviele Rosenkränze gebetet oder Mao gelesen hat, ist da ziemlich nebensächlich.
    Du kommst diesem immer militanter werdenden Phänomen mit den gewohnten Mitteln des politischen Diskurses einfach nicht bei. Wobei das ja, umso mehr sich alles zur Mitte verdichtet, umso offener das ja aufbricht.

  29. che2001 Dezember 6, 2010 um 6:22 pm

    Hmm. Das sind zumindest interessante Gedanken und Überlegungen. Mir fielen dazu jetzt auch noch Dinge aus den Elementen des Antisemitismus ein (Die Sache mit dem Ekel, den der Anblick orthodoxer Juden bei bestimmten Leuten erzeugt zum Beispiel. “ Die Frage wer wann wieviele Rosenkränze gebetet oder Mao gelesen hat, ist da ziemlich nebensächlich.“ —- stimmt insofern nicht, alsdass dieselben Ladies ja bei jeder Antirassismusdemo dabei waren und mit Sicherheit keine Schwuppen schlagen würden (waren ja selber teilweise Lesben). Für die war ausschließlich der heterosexuelle weiße Normalomann Feindbild, und in diesem Fall auch der Proll – es waren halt Akademikerinnen, die hier einen mutmaßlichen Arbeiter, aber jedenfalls unter ihrer sozialen Schicht Stehenden zusammenlaschten. Ebenso, wie die Idee, Brandanschläge auf Sexshops zu starten von Leuten stammte, die die Black Panthers bewunderten und ausgebeutete Textilarbeiternnen in Südkorea unterstützen und heute kirchenasylkampagnen machen.

  30. ziggev Dezember 6, 2010 um 7:06 pm

    n Bekannter hat mal in den 80ern mit brasilianischen Musikerm „La Paloma“ aufgenommen, eigentlich mehr ein Gag, jedoch die Mischung aus schnellen Latinrhythmen, dem auf Hamburgisch gesungenen Text und Rhodes-Piano fand ich sehr passend, oder besser, ich fand´s einfach irre! Es weckte bei mir die Vorstellung, dass es vor der Schallplatte und dem Radio von Shanghai bis Kuba einen musikalischen Austausch durch Seeleute gegeben haben muss. Ist natürlich irgendwie ein Klischee – mit dem die Aufnahme spielte.

    In Wirklichkeit handelt es sich dabei nicht um ein Traditional, sondern es gibt einen Komponisten (Sebastián de Yradier). Coco Schumann musste in Auschwitz immer wieder das Stück für die KZ-Aufseher spielen. Es ist vermutlich dieses Stück, das dafür verantwortlich ist, dass ich mir bei „Seemannsmusik“ immer auch diese Hawaii-Gitarre vorstelle. Irgendwelche 50er-Jahre-Filme spielen da vielleicht auch eine Rolle.

    Auch ich vermisse die verschwindende proletarische Kultur in Hamburg. Mein Erzeuger hatte in den 60ern, frisch in Hamburg, nichts besseres zu tun, als sein erstes – im Hafen – sebstverdientes Geld in der Hafenstraße beim Skat zu verspielen. Doch dann hieß es: hier hastn Bier, Schulerklopfen, „loot ween“ – und der arme Student bekam die 150 Mark zurück …

    Wenn man etwas von dieser Luft schnuppern will, ist es allerdings in Hafengegend heute eher schwierig, will mir scheinen. Manchmal vermeine ich aber noch etwas davon zu spüren, wenn ich mich durch die alten Arbeiterviertel bewege und es einfach sehr entspannend dort finde.

    Ich vermisse aber auch eine Zeit, als es in HH noch eine international geprägte Session-Kultur gab. Es gab da in den 80ern auf dem alten Spielbudenplatz das „Tropical Brazil“!! Das war absolut wichtig, damals konnte man in Deutschland kaum Jazz studieren, diejenigen, die Jazz spielen wollten, fanden kaum Lehrer, das waren fast alles mehr oder weniger Autodidakten. Im Tropical fanden dann richtig wilde Sessions statt, Musiker aus Brasilien, Bands aus Afrika traten auf, alle waren da … Und das waren erstklassige Musiker! Einmal Kamen die Leute vom Joe Cocker vorbei, um nach dem Konzert mal so richtig Dampf abzulassen – wohin kamen die?, natürlich ins Tropical.

    So gesehen, richtig, war Hamburg tatsächlich mal eine weltoffene Stadt. Aber die sind fast alle nicht mehr da. Natürlich gib´s auch heute gute Musiker, klar, aber das war eine Zeit, als ein international bestimmtes Musikgeschehen, das live, improvisiert, auf Sessions stattfand, die Szene prägte und einfach DAS Ding war. Das zu erleben (da war ich noch echt jung) hat mich jedenfalls geprägt, und ich weiß, ich bin nicht der einzige.

  31. momorulez Dezember 6, 2010 um 7:55 pm

    @Che:

    Es geht ja darum, sich als „reines“ SUBJEKT geläutert, zu erleben, deshalb ist völlig schnurz, mit was für einer Ideologie sich das auflädt. Das kann gekoppelt an Rassismen auftreten oder hinsichtlich des guten Begehrens, von dem dann alles, was dirty ist, abweicht. Der ganze Schwachsinn, der einem von manchem, der hier raus flog, entgegen spritzt in diesen identitär aufgeladenen Diskursen mit manchem hier, operiert ja in dem Paradigma und behauptet umgekehrt, wir wollten mit homophob, rassistischem oder sexistischem „Verschmutzte“ gewissermaßen säubern, obgleich sie doch rein seien. Was eine unsinnige Vorstellung ist, weil es sich um Haltungen und Handlungen und Strukturen handelt, nicht um „schmutzig“ oder „rein“ hinsichtlich einer „Seele“. Die dann von manchen zu einer Art kultureller Essenz aufgebläht und auf „Gesellschaftskörper“ oder was weiß ich aufgeblasen wird. Auch auf der Linken.

  32. momorulez Dezember 6, 2010 um 8:08 pm

    @Ziggev:

    Reste dieser Kultur leben ja noch bei meinen Haupttribünennachbarn, diese deftige, trotzdem ungemein herzliche und gelassene Art. Aber man muss es echt suchen. Ich lieb ja auch manches an dieser Ohnesorg-Haltung, wo sich das zum Teil tradierte. Damit ist man per TV noch irgendwie aufgewachsen. Im Zivildienst, ’87/’88, ist mir das auch noch oft begegnet. Jetzt ist da Jan Vedder draus geworden und Lotto King Karl, schlimm. Und Ende der 80er war Hamburg ja wirklich eine internationale Musikmetropole. Im Tropical Brasil war ich nur einmal, aber vormittags stand man hinter Nick Cave beim „Gemüsetürken“ an, saß abends neben Andrew Eldrigde an der Bar des „Um Mitternacht“, und auch das Front, das ich nicht mochte, war international herausragend. Da ist auf vielen Ebenen viel Wasser die Elbe hinab geflossen, auch wegen des Berlin-Sogs, aber auch, der Begriff wird Che jetzt freuen, wegen dieser völlig verfehlten „Cluster“-Politik, der Eventeritis, dem NDR, kein Scheiß, und eine städtebaulichen Poltik, die sich ausschließlich an den Investoreninteressen der Immobilienmafia orientierte, den touristisch attraktiven Kern beackerte und alles Widerständige gar nicht mehr zuließ. Auch ’ne Form von Reinigung und Entseelung.

  33. che2001 Dezember 6, 2010 um 10:26 pm

    @Momorulez: Jetzt haben wir´s. Dem kann ich so zustimmen.

  34. che2001 Dezember 6, 2010 um 11:22 pm

    Ich fand ja Sybille Plogstedt und Barbara Duden gegenüber Schwarzer und Strobl immer die viel interessanteren deutschsprachigen Feministinnen und deren Zeitschrift „Courage“ weitaus spannender als „Emma“. Und dieses Projekt auch radikaler – weil keine neuen Dogmen zimmernd, sondern sehr offen und Realitätsentwürfe hinterfragend. Wahrscheinlich gibt es sie genau deswegen heute nicht mehr.

  35. che2001 Dezember 7, 2010 um 10:15 am

    @“Es geht ja darum, sich als „reines“ SUBJEKT geläutert, zu erleben, deshalb ist völlig schnurz, mit was für einer Ideologie sich das auflädt.“ — Das hatte übrigens Robert Anton Wilson in „Schrödingers Katze“ wunderschön persifliert, indem er eine linksterroristische Wekltuntergangssekte schilderte, die sich „purity of essence“, also „Reinheit der Substanz“ nannte. Ich fand sehr vieles aus meinem Szenealltag in solchen Satiren wieder.

  36. che2001 Dezember 7, 2010 um 10:26 am

    Und in der Tat, bei all den Sexismustribunalen ging es nicht darum, Männer dazu zu bewegen ihr Verhalten zu ändern, sondern darum, als „Sexisten“ identifizierte sozial zu erledigen, idealtypisch ein für allemal.

  37. momorulez Dezember 7, 2010 um 11:36 am

    Das ist ja das, worauf Hartmut im Grunde genommen reagiert hat in grobem Missverstehen dessen, worum es hier ging. Wenn man das Operieren mit homophoben Stereotypen – „fein ziseliert“, im Fussballjargon ist das rosa „Tütü“ populär – geht es ja lediglich um den Hinweis, wo man die reproduziert und was für eine Haltung ist. Das doch aber nicht, um zu „reinigen“, sondern eine Pluralität an Ausdrucksmöglichkeiten einzufordern und dem Gegenüber seinen Entfaltungsraum zu lassen. Der ja nun auch ein breites Spektrum an erotischen Dimensionen des Erlebens jenseits des Sexismus beinhalten kann, z.B..

    Aber das ist ja der „Scarlet Letter„, den ich meinte, das, was Du beschreibst.

  38. che2001 Dezember 7, 2010 um 11:55 am

    Mit dem Begriff wusste ich nichts anzufangen, und unter Hawthorne kenne ich das Phänomen, dass Probanden sich in einer Untersuchungssituation anders verhalten als im Alltag. Bin mir nicht sicher, ob Du das meintest. Ansonsten sind wir uns da sehr einig: Kritik an einer Haltung, einem Verhalten oder Umgangsstil wird wieder und wieder als identitäre Zuschreibung wahrgenommen. Genau das wurde in den Sexismusdebatten meiner Vergangenheit auch gemacht, aber nicht nur von den Kritisierten, sondern den KritikerInnen selber. Da wurden die jeweiligen Männer mit tatsächlich oder auch nur angeblich übergriffigem Verhalten als identitäre Sexisten begriffen und, frei nach Mao, nach dem Prinzip „einen klaren Trennstrich zwischen uns und dem Feind ziehen“ behandelt. Wenn Hartmut, Dean und Co auch so etwas erlebt haben, reagierten sie vielleicht bei den Diskussionen hier auf etwas, das mit Dir nichts zu tun hatte.

  39. momorulez Dezember 7, 2010 um 12:08 pm

    Ja, definitiv – aber genau das ist ja die Gemeinheit, dass man als Homo ständig instrumentalisiert wird, irgendetwas abzuhandeln, was nun gar nix mit einem zu tun hat. Und diese Instrumentalisierung von Schwarzen, Frauen und Homos hinsichtliche dessen, dass Sexismus-, Homophobie und Rassismus-Diagnosen generell nicht vollzogen werden dürften, weil sie ja nur der Denunziation dienten, ist eine ganz besonders entwertende und üble Masche. MASCHE, nicht Charaktereigenschaft.

  40. che2001 Dezember 7, 2010 um 12:47 pm

    Und generell habe ich den Eindruck, dieses Abgrenzungsverhalten über identifizierendes Denken („Ich gehöre doch zu den Guten“) nimmt einen zunehmend aggressiveren Charakter an und auch einen allmählich panischen. Es gab Zeiten, da wurde erheblich gelassener diskutiert. Und in der Bloggerei scheinen sich die betreffenden Dynamiken gerade rasant zu beschleunigen.

  41. momorulez Dezember 7, 2010 um 12:50 pm

    „dieses Abgrenzungsverhalten über identifizierendes Denken („Ich gehöre doch zu den Guten“) nimmt einen zunehmend aggressiveren Charakter an und auch einen allmählich panischen“

    In der Tat.

  42. Loellie Dezember 7, 2010 um 2:40 pm

    Ich bin mir ja ziemlich sicher, dass die Abwahl von George W. mit für diese Eskalation verantwortlich ist. Einerseits wegen Torschlusspanik, andererseits weil dadurch in Washington erhebliche personelle und materielle Resourcen seitens der Missionare, also Think Tanks und Lobbyisten, freigesetzt wurden. Die seit ca der Jahrtausendwende grasierende Kampangne gegen alles Queere, hat dadurch noch einmal erheblich an Dynamik gewonnen. Was mich in dem Zusammenhang immer an die Decke jagt ist, dass wenn man auf den offensichtlichen Zusammenhang zwischen den evangelikalen Missioniaren und der verschärften Linie gegen Homosexualität nicht nur des Vatikans, sondern auch der Mullahs, die sich ja in direkter Konkurenz zu ersteren befinden, aufmerksam macht, als Verherrlicher des Islams und, wenns ganz grob kommt, Todfeind Israels dasteht.
    In den USA ist offen homophobes auftreten mittlerweile das Definitionsmerkmal für aufrechte Konservative schlechthin. Das ist da auch schon Kernkompetenz zur Qulifikation für ein politisches Amt.

    Zu „ich gehör doch zu den guten“ ist mir letztens ein durchaus interessantes Video auf YouTube empfohlen worden. „Louis Farrakhan VS Phil Donahue“ von 89, auch wenn er mit dem ‚Filth‘, über den er nur allzu gerne refferiert, nicht nur wie im Video Eddie Murphy’s Ausdrucksweise, sondern auch u.a. ganz konkret momo und mich meint, trifft er den Nagel nicht nur mehrfach auf den Kopf, die Publikumsreaktionen sind ‚priceless‘. Das läuft halt mal wieder fast eine Stunde …

    http://www.youtube.com/results?search_query=Louis+Farrakhan+VS+Phil+Donahue&aq=f

    Weils so unglaublich ist noch den hier, falls ich das noch nicht hatte. (60sec)

    Ich hab auch noch einen von dem Laden, der letztens wegen der Weltbankspenden diskutiert wurde. Da taucht im Bezug auf gay-friendly Sexualkunde wörtlich der Begriff „psychological terrorism“ auf. Den muss ich allerdings erst wieder suchen.
    ____________

    Das bringt uns in der Sache zwar nicht weiter, mich düngt aber, dass sich im Einzelfall Masche und Charakter aufs prächtigste ergänzen.

  43. Nörgler Dezember 7, 2010 um 2:47 pm

    Als „Kontra S21“- und „Pro FCK“-Charakter werde ich wohl noch sagen dürfen, dass ich damit definitiv zu den Guten gehöre!
    _________________

    Sorry, wenn ich derzeit nicht allzuviel Tiefgründiges biete, aber der Jahresendstreß hat mich —> hohe Bearbeitungsverdichtung zum Monatsende hin.
    Ich lese aber täglich mit.

  44. che2001 Dezember 7, 2010 um 2:59 pm

    Die Fallstricke des identifizierenden Denkens in der Linken hatte übrigens der Genosse, der heute als Blogger unter dem Namen Alter Bolschewik unterwegs ist in einer mit „Mit den überlieferten Vorstellungen radikal brechen“ betitelten Broschüre in dem Text „Identitätärä“ wunderbar sdarkastisch aufgespießt. Aber so etwas liest ja kein Schwein mehr.

  45. momorulez Dezember 7, 2010 um 3:01 pm

    @Loellie:

    „Das bringt uns in der Sache zwar nicht weiter, mich düngt aber, dass sich im Einzelfall Masche und Charakter aufs prächtigste ergänzen.“

    Bei den ganzen, zitierten US-Drecksäcken und Klerikalfaschisten mit Sicherheit nicht. Und im Falle dieser ganzen „Psychological Terrorism“ und „Feminazi“-Schreier, oder dem, was diesem schwulen, katholischen Autor, der gerade die reaktionäre Wende unter Ratzinger beklagt hat, laut DIE ZEIT entgegen spritzte, denke ich das auch.

    Bei denen, mit denen wir hier so aneinander geraten sind, gehe ich schon davon aus, dass die auf der Ebene des Abstrakt-Prinzipiellen ganz auf unserer Seite sind und im Konkreten Stereotype reproduzieren, die sie gar nicht merken.

    @Nörgler:

    Schade, ich vermiss Dich doch, wirklich!, wenn Du länger weg bleibst!

  46. momorulez Dezember 7, 2010 um 4:12 pm

    http://maedchenblog.blogsport.de/2010/12/03/mit-freundlichen-gruessen-eure-trolle/

    Der passt gerade, den wollte ich seit Tagen schon zitiert haben. Dagegen ist das, was hier gelegentlich rein platzt, äußerst harmlos.

  47. che2001 Dezember 7, 2010 um 4:31 pm

    In alten Hackerzeiten gabs auf solche Beleidigungen die mailbomb. Da konnte man dann sein Brieffach öffnen und fand die Alert-Box „Ihre Festplatte wird neu formatiert.“

  48. che2001 Dezember 7, 2010 um 7:08 pm

    Kennt Ihr eigentlich das hier? Finde ich super!

  49. momorulez Dezember 7, 2010 um 8:49 pm

    Ja, den hatte Loellie neulich schon mal verlinkt 😉 …

  50. Loellie Dezember 7, 2010 um 10:44 pm

    Ja hab ich. Und ich wette das junge Ding hat einen gar herrlichen Popo 😀

  51. Loellie Dezember 8, 2010 um 5:12 pm

    Wenn wir schon bei Japanern sind …

    http://www.youtube.com/watch?v=4s1iQODC5OI

    😀

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