Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Monatsarchive: Dezember 2010

Anlässe

„Michel Foucault, Die Ordnung der Dinge –
Vorwort Frankfurt a.M. 1974, S. 17: Diese Buch hat seine Entstehung
einem Text von Borges zu verdanken. Dem Lachen, das bei seiner
Lektüre alle Vertrautheiten unseres Denkens aufrüttelt, des Denkens
unserer Zeit und unsereres Raumes, das alle geordneten Oberflächen
und alle Pläne erschüttert, die für uns die zahlenmäßige Zunahme
der Lebewesen klug erscheinen lassen und unsere tausendjährige
Handhabung des Gleichen und des Anderen (du Même de l’Autre)
schwanken läßt und in Unruhe versetzt. Dieser Text zitiert „eine
gewisse chinesische Enzyklopädie“, in der es heißt, dass „die Tiere
sich wie folgt gruppieren: a) Tiere, die dem Kaiser gehören, b)
einbalsamierte Tiere, c) gezähmte, d) Milchschweine, e) Sirenen, f)
Fabeltiere, g) herrenlose Hunde, h) in diese Gruppierung gehörige,
i) die sich wie Tolle gebärden, k) die mit einem ganz feinen Pinsel
aus Kamelhaar gezeichnet sind, l) und so weiter, m) die den
Wasserkrug zerbrochen haben, n) die von weitem wie Fliegen
aussehen“ Bei dem Erstaunen über diese Taxinomie erreicht man mit
einem Sprung, was in dieser Aufzählung uns als der exotische Zauber
eines anderen Denkens bezeichnet wird – die Grenze unseres Denkens:
die schiere Unmöglichkeit, das zu denken.“

Mit der Wiederkehr der Sprache würde der Mensch verschwinden wie ein in
den Strand gemaltes Gesicht, so die Pointe dieses Schlüsselwerks
Michel Foucaults. Es ist angelegt insbesondere als die Kritik einer
speziellen Spielart des Hegelmarxismus, wie er sich im Umfeld der
von Jean-Paul Sartre herausgebenen „Temps Modernes“ artikulierte.
Diese von der Phänomenologie Husserls, einem über Kojėve
vermittelten Hegel wie auch dem krude übersetzten „Sein und Zeit“
Heideggers inspirierte, sich zunächst als „Existentialismus“
artikulierende Denkrichtung verstand diesen, den „Eixzentialismus“,
später als „Enklave innerhalb des Marxismus“ – Foucault empfand
sie, aus der Erinnerung zitiert, als „dialektischen Terror“.

Er attackierte in „Die Ordnung der Dinge“ so insbesondere deren
Vorstellung eines linearen Universalgeschichtsverlaufs. Foucault setzte an
deren Stelle „Episteme“, Ordnungen des Wissens, die zu je
unterschiedlichen Epochen in verschiedenen Feldern des Wissens – so
z.B. jenem von der Arbeit, der Sprache, dem Leben – auf einem
gemeinsamen „historischen A Priori“ basierten, welches er
rekonstruierte.

Während die phänomenologisch orientierten Denker –
z.B. Maurice Merleau-Ponty – sich mit der Auslegung immer schon uns
umgebenden Sinns beschäftigt hätten, sei die Generation Foucaults
auf der Suche nach jenen formalen Strukturen, die Sinn generierten
– und dies nicht wie bei Kant im transzendentalen Subjekt, sondern
in Geschichte, Kultur, Sprache. Insbesondere die Methodik Ferdinand
de Saussures war Vorbild, also die Relation zwischen Signifikanten,
deren Gehalt nur über ihre Funktion als Element in einer Struktur ,
nicht jedoch primär über ihre Relation zum Signifikat, dem
Bezeichneten, zu erschließen sei.

Aus dieser Perspektive widmete sich Foucault mit großer Sympathie dem „Zeitalter der Klassik“, das er über den Grundbegriff der „Repräsentation“ sich erschloss. So
hätten zum Beispiel die Enzeklopädisten schlicht versucht, die
Dinge der Welt in ihren Lexika zu repräsentieren, Descartes
verstand das „Ich denke“ als Repräsention des „Ich bin“, Humes
Vorstellungen repräsentierten die Welt – kurz und viel zu
kursorisch wiedergegeben. Im Zuge des Repräsentierens sei der
Träger des so manifesten, positiven Wissens unerheblich. Foucault
bezeichnete sich zu jener Zeit auch als „glücklichen Positivisten“.

An der Epochenschwelle zur Moderne kollabierte diese „Ordnung der
Dinge“, es erfolgte ein jäher Bruch; diesem Denken in Brüchen und
Diskontinuitäten, immer in Opposition zu linearen, teleologischen
Geschichtserzählungen (wie z.B. heute jene des Sieges des
Kapitalismus, auf den immer alles schon zugelaufen sei) gedacht,
ist Foucault immer treu geblieben. Nunmehr habe der Mensch als
seltsam transzendental-empirische Doublette die Bühne des Denkens
betreten als etwas, das zugleich Wissen ermöglicht als auch als
zentraler Gegenstand des Wissens in den Mittelpunkt der „Ordnung
der Dinge“ geriet – sei es in der Arbeitswertlehre Ricardos oder in
neuen Zweigen der Biologie. Arg unterkomplex wieder gegeben.

So weit SEHR grob zentrale Thesen dieses epochalen Werkes (auf die
Darstellung des anthropologischen Vierecks, das ergänzend mit
Ursprungsphilosophien und anderem aufräumt, verzichte ich, da ich
gerade rein aus der Erinnerung schreibe). Foucault vermengt hier
allerlei unzulässig, z.B. die Frage nach dem Subjekt, dem
philosophischen, mit jener nach dem empirischen Menschen, bei Kant
ist das noch klar geschieden. Der Kritikmöglichkeiten gibt es bei
einem so komplexen Buch viele.

Seine Bedeutung gewinnt das Werk neben der strukturalen Methodik, die im Gegensatz zu Lėvy-Strauss oder de Saussure keine Universalien wie das Inzesttabu oder
generell wirkende Grammatik mehr aufspüren will, vor allem aus
einem „theoretischen Antihumanismus“, also der Kritik universell
sich behauptender Anthropologie. Erst später, in den Schriften zu
einer Theorie der Macht, liefert Foucault nach, inwiefern diese
empirisch-historisch normative Wirksamkeit entfalten kann.

Zugleich attackiert es Subjektphilosophien mit insbesondere
sprachphilophischen Argumenten; es ist meines Wissens nie
systematisch die Beziehung zwischen Analytischer Philosophie und
„Die Ordnung der Dinge“ erforscht worden, einen Beitrag zum
„Linguistic Turn“ und somit zur Abkehr vom „mentalistischen
Paradigma“ in der Philosophie hat Foucault mit „Die Ordnung der
Dinge“ klar gleistet. Auch der Wandel der an das Subjekt
gekoppelten „Bewusstseinsphilosophie“ hin zu einer Analyse der
Sprache, u.a. von Wittgenstein initiiert, kann in Foucaults Sinne
als „Wiederkehr der Sprache“ begriffen werden. Die „Episteme“ und
das „historische A Priori“ verglichen viele mit der
„Paradigma“-Konzeption Kuhns selbst. So versteht das Werk sich auch
als Wissenschaftsgeschichte, eine Pointe, die den meisten
Foucault-Kritikern immer entgeht – er lehrte die Geschichte der
Wissensysteme.

Zum Zeitpunkt des Erscheinens wurde „Die Ordnung der
Dinge“ insbesondere aufgrund der Attacke auf die
Geschichtsphilosophie, aufgrund der dezidiert und mit Nietzsche
untermauerten antihumanistischen Haltung wie auch aufgrund des
proklamierten Positivismus als konservativ rezipiert. Auf deutscher
Seite assoziierte man Arnold Gehlen („Ein Mensch ist eine
Instituion in einem Fall“), Sozialtechnokraten wie Schelsky oder
Systemtheoretiker wie Luhmann, dem Gegenspieler Jürgen Habermas,
herbei. Da Foucault vor allem gegen Sartre opponierte und eine sich
in Auseinandersetzungen mit der höchst ambivalenten Rolle der KP
Frankreichs aufreibende Linke ihn damals eher nervte, fand er das
nicht weiter schlimm. Sein Lachen angesichts solcher
Auseinandersetzungen ist legendär.

Foucaults Politisierung vollzog sich eher im Laufe der 70er Jahre, als er an Schriften wie
„Wahnsinn und Gesellschaft“ und „Die Geburt der Klinik“ aus den
frühen 60ern wieder anknüpfte; hieraus speist sich auch sein Ruf
als Vernunftkritiker, da er den rauschhaften Gegendiskurs des
Wahnsinns, jedoch ebenso der Kunst und der Literatur beschwor.
Motive dessen tauchen durchaus auch in „Die Ordnung der Dinge“ auf,
das die „Las Meninas“ von Velasquez oder der Don Quixotte
systematisch zentral analysiert.

Postmodern kann das Werk problemlos genannt werden, da es die Wiederkehr der Sprache als
Kritik der Episteme der Moderne proklamiert. Mit Derrida verbindet
Foucault die Zurückweisung aller Universalien (zu Zeiten der 60er,
zu den Menschenrechten hat sich Derrida später anders geäußert),
ansonsten haben sich die beiden Denker harsche Schlachten
insbesondere hinsichtlich einer Äußerung Descartes‘ geliefert, wenn
ich mich recht entsinne. Poststrukturalismus ist als Bezeichnung
wiederum wegen der Zurückweisung der Behauptung, es gäbe
überhistorische, allgemein gültige Strukturen, durchaus angemessen.

Die Zusammenhänge zur Methode der Dekonstruktion, die im
philosophischen Sinne zunächst eine Lektürepraxis ist, die die
immanente Logik eines Textes erst enthüllt, um sie dann
aufzulösen, erforderte eine weiter gehende Analyse. Diese überlasse
ich lieber Bersarin, der kennt sich da bessser aus. „Die Ordnung
der Dinge“ kann freilich noch als Rekonstruktion der Denk- und
Diskursformationen bestimmter Epochen begriffen werden – in
kritischer Hinsicht gegen Sartre, der prompt erwiderte, „Die
Ordnung der Dinge“ leugne DIE GESCHICHTE im Singular und sei doch
eher Geologie denn Philosophie, da zudem die Praxis einem Denken in
Strukturen geopfert werde. Eine Diskussion, die man auch anhand des
Werks von Karl Marx immer wieder führen muss.

So weit, so viel, viel, viel zu grob.

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Kälte am Königshafen

Wege zur Abstraktion

Wir sehen Gestalten, nehmen wahr anhand des präfigurierten
Wissens um Formen in der Welt.

„Eitler und kalter Pomp“

„Ich bedaure sehr, dass ich sein erstes
veröffentlichtes Buch auf Nimmerwiedersehen einer Dame geliehen
habe. Ich sagte bereits, daß es sich um eine Detektivgeschichte
handelt: The God of the Labyrinth; ich kann hinzusetzen, daß der
Verleger das Buch in den letzten Novembertagen 1933 auslieferte.
Anfang Dezember hielten die reizvollen und heiklen Verwicklungen
des Siamese Twin Mystery London undNew York in Atem; ich ziehe es
vor, diesen ruinösen Zusammentreffen den Mißerfolg des Romans
unseres Freundes zuzuschreiben. Zudem aber (ich will ganz
aufrichtig sein) der mangelhaften Durchführung und dem eitlen und
kalten Pomp gewisser Meeresschilderungen.“ Untersuchung des Werks
von Herbert Quain, in: Jorge Luis Borges, Fiktionen, München/Wien
1992

,

Impressionen vom Jupitermond Weite, Wind, Wellen – treiben lassen …

Na, dann: Geruhsame Tage allerseits!

Auf dass keiner im Schnee stecken bleibt, auf Glatteis gerät, bei jäh entflammenden Familienfehden die Fondue-Gabel in den Oberschenkel gerammt bekommt, in Weihnachtsdepression verfällt oder spontan in die Katholische Kirche eintritt!

Mehr Sozialromantik am Millerntor!

Einfach mal zustimmen!

Der Zorn ist Schwabe

Verglichen mit dem, was in Stuttgart abgeht, ist das Gemecker und Gezeter beim FC St. Pauli allerdings ein laues Lüftchen 😀 … wieso nur hat man den Eindruck, dass die Widerstandswellen in Stuttgart auch mit jenen Mentalitäten, die einen Mappus hervor bringen, zu tun haben? Dass also die Wut mit dem Wohlstand, der Selbstgefälligkeit und der Misanthropie der herrschenden Kaste einher geht?

Polizeiliche Erregungspotenziale und Geschichtsklitterung

Hamburger Polizisten hatten in den 60ern, geführt von Helmut Schmidt, deutlich privilegierte Möglichkeiten des Voyeurismus – man kann ja verstehen, dass sie manches erregte, ein wenig Peep-Show im Amt bei gleichzeitiger Möglichkeit der stellvertretenden Selbstbestrafung:

„Das am Großneumarkt erhaltene Backsteinhäuschen, heute eine Eisdiele, war damals eine bekannte „Klappe“, eine Toilette, in der sich Schwule trafen. 1965 wurden dort wie in anderen Toilletten auch (etwa am Jungfernstieg und Spielbudenplatz) Einwegspiegel installiert, um Polizisten zu ermöglichen, heimlich die Männer zu beobachten und sie wegen „auffälligen Verhaltens“ zu verwarnen. Ein zu langer Blickkontakt genügte. Dann erhielten die Männer Toiletten-Verbotsscheine und riskierten bei Zuwiderhandeln eine Anzeige wegen Hausfriedensbruchs.

Corny Littmann, der heute Intendant der beiden Theater Schmidt und Schmidts Tivoli ist und außerdem Präsident des FC St. Pauli, war damals einer der Vorkämpfer in Hamburgs schwul-lesbischen Aktions- und Selbsthilfe-Gruppen. Er zerschlug während der ersten Hamburger „Gay Pride“-Demonstration (gay = schwul, pride = Stolz) Anfang Juli 1980 am Jungfernstieg das Glas eines Toilettenspiegels, um gegen die Bespitzelung von Schwulen und gegen die über sie angelegten „Rosa Listen“ zu protestieren. Damit sorgte er in den Medien und in der Politik für Aufruhr.“

Soll ja nur keiner glaube, nur in der DDR sei gespitzelt worden. Das Denunziantentum gruppierte sich auch rund um den „Kuppelei“ wie auch den „Schwulenparagraphen“ 175 – einer der ersten Filme, die offen so called „Homosexualität“ thematisierten, war ein britischer Film, in dem es um Erpressung ging.

Die Hamburger Polizei jedoch sieht wenig Anlass, ihre eigenen Fehler, Irrwege und Grausamkeiten zu dokumentieren, wie es sich in einer Kultur demokratischer Selbstkritik gehören würde. Sie setzt lieber auf „Schmutz und Schund“ (hoffe, die Anspielung wird verstanden) bei der geplanten Ausstellung ihrer Sammlung zur Kriminologie im Rahmen eines Polizeimuseums:

„Sie enthält unter anderem Utensilien und Anzüge des „Lords von Barmbeck“, der ab 1904 Kopf einer Einbrecher- und Verbrecherbande war; die „Honka-Säge“ des Frauenmörder Alfred Honka, der in den siebziger Jahren vier Frauen umbrachte, die Leichen zerteilte und in die Dachboden seines Wohnhauses einmauerte; die „Weltkriegs MP des 17-jährigen Elternmörders“, das „Todesfass des Lottokönigs“, im das die Leiche eines Lottogewinners einzementiert wurde, ehe die Täter es in der Alster versenkten; oder die Schusswaffe, die die Rechtsanwältin Isolde Oechsle-Misfeld 1986 ins Polizeipräsidium schmuggelte, womit ihr Geliebter und Berufskiller Werner Pinzner den Staatsanwalt Wolfgang Bistry erschoss sowie seine Frau und sich selbst hinrichtete.“

Na prima. Okay, ist gar nicht die Polizei selbst, sondern der „Polizeiverein“, wenn ich’s richtig verstanden habe. Der betreibt aktiv Geschichtsklitterung:

„Das Polizeibataillon ist im Grobkonzept nicht drin“, sagte der Vorsitzende des Polizeivereins, Dirk Reimers, selbst ehemaliger Polizeipräsident und Staatsrat der Innenbehörde, kürzlich dem NDR. Dabei ist die Geschichte eben dieser Einheit, für die Beamte rekrutiert wurden, die zu alt waren für Wehrmacht und Polizeidienst, ausgeleuchtet: Im Sommer 1942 waren die 500 Mann nach Polen geschickt worden, um in den Dörfern Juden aufzuspüren. Alte, Kranke, Frauen und Kinder sollten sofort erschossen werden – die Hamburger Reservepolizisten erschossen nachweislich 38.000 Menschen, mindestens 42.500 weitere führten sie dem KZ Treblinka zu.

Aber auch der „Hamburger Kessel“ von 1986, in dem 861 Atomkraftgegnern 13 Stunden lang durch die Polizei auf dem Heiligengeistfeld festgehalten wurden – ohne Verpflegung oder Zugang zu Toiletten – soll im Ausstellungs-Parcours nicht vorkommen. Ebenso wenig der Hamburger Polizeiskandal im Jahr 1994: Dabei waren mutmaßliche Drogendealer durch das Besprühen mit Desinfektionsspray, Schein-Hinrichtungen oder schlicht Prügel misshandelt worden. Am Ende musste SPD-Innensenator Werner Hackmann zurücktreten, der heutige Polizeivereins-Chef Reimers, damals Polizeipräsident, wurde Staatsrat in der Finanzbehörde.“

 

Ohne Worte.