Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Tut’s weh? Tut’s nicht mehr weh?

Das Problem bewegt sich „auf Augenhöhe“. Da sind wir nicht, und da sollten wir auch nicht sein wollen. Wer ist schon Fan von „Bayer Leverkusen“? Ist das nicht das Stadion, wo Fan-Gesänge per Lautsprecher verstärkt werden müssen? Wo man immer das Gefühl hat, dort wären Buisness-Seats und Logen erfunden worden, als Eventkunst am Bau der Chemie-Industrie? Dass sich da immer jeder gut benimmt, ist nach gestern zwar nicht mehr der Eindruck nach dem diesmal wirklich hässlichen Abgefackel zu Beginn des Spiels, aber das wäre zumindest die Steigerung der totalen Öde, die Fussball auch sein kann.

Öde war das Spiel gestern definitiv nicht. In der ersten Halbzeit wurden unsere Jungs schwindelig gespielt von einem Hammer-Kader, der sich von einer richtigen Spitzenmannschaft dadurch unterschied, daß er die 5 Tore nicht machte, die er hätte machen MÜSSEN. Unsere Jungs waren zu ausgeklügelten Slapstick-Einlagen fähig, Asamoah hinderte Ozcipka ständig daran, zu verteidigen, wenn er sich zwischendurch daran erinnerte, daß auch er Defensivaufgaben hat, Thorandt hatte Szenen unfreiwilliger Komik im Kampf mit dem Ball als Gegner, für die man ihn knuddeln möchte, Rothenbach guckte dem Ball oft eher fasziniert hinterher, als ihm laufend zu folgen, Daube völlig überfordert – hinreißend! Während unsere noch nachdachten, spielte Bayer schon mal weiter. Natürlich kam diese Parodie von Fussball deshalb zustande, weil unsere Jungs „auf Augenhöhe“ spielen wollten. Geht aber gar nicht gegen so einen Gegner. Also, für uns geht das nicht.

So saß ich irgendwie leicht selig grinsend in der ersten Halbzeit da, Gesänge operettenhaft erprobend, weil das eben die Jungs waren auf dem Platz, grösstenteils, denen ich schon in der Regional- und 2. Liga zugesungen hatte und die ich dafür liebe, dass sie nicht als Menschmaschinen über den Platz jagen, sondern auch im Scheitern so herzergreifend, buchstäblich, sind. Mit denen wir so viel Zeit verbracht haben, zusammen. Wer ständig gewinnen will, kann ja zu anderen Vereinen gehen – dachte ich noch. Noch. Schön, dass wir nicht „auf Augenhöhe“ sind, sondern eben doch Underdogs. Und das Schlimmste wäre, wir würden einfach irgendein Bundesligaverein. So einer wie Bayer. Würg.

Die Gesänge von der Süd in Richtung der Buisness-Seats hatte ich gar nicht geschnallt, das „Aufessen“ und so, auch, weil die pauschal an die Haupttribüne gerichtet waren. Was nicht nett ist, bei uns im Block, wo der Altersschnitt zwischen 50 und 60 liegen dürfte, wurde nämlich gegröhlt, gesungen und gejohlt wie lange nicht. War sehr laut und engagiert. Der Gegenwind gegen die Herrschenden auf den teuren Plätzen ist freilich trotzdem prima, Danke, Süd.

Ach, und dann die zweite Halbzeit. Sie versuchten nicht mehr, „auf Augenhöhe“ zu spielen. Sondern Zweikämpfe zu gewinnen, sich durchzusetzen, wie man das gegen höherklassige Gegner muss. Noch ’ne Schippe drauf, und Bayer wäre umgekippt. So war’s nur der Innenpfosten, den Asamoah traf. Trotzdem: Aus der Chancenlosigkeit und Unterlegenheit eine Tugend machen, darum kann es doch nur gehen. Politisch, fussballerisch, lebensweltlich. Da liebte ich das Team noch mehr. Und den FC St. Pauli. Da waren wir wieder wir.

Aber, dann, autsch, dieses vermaledeite Saublöd-Gegentor. Da tat es dann doch weh, das Verlieren. Ganz doll sogar. Weil der Verzicht auf „Augenhöhe“ nicht vom Erfolg gekrönt war.

Aber da das Glück nur da wartet, wo man nicht erwartet, sondern sich einlässt, weil weiter gilt „Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert“, hat sich uns vielleicht eine Chance aufgetan, die in akuter Trauer wir noch gar nicht begriffen haben: Wieder frei sein! Zusammen mit den Boys in Brown …

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6 Antworten zu “Tut’s weh? Tut’s nicht mehr weh?

  1. Pingback: 13.11.2010 FC Sankt Pauli vs. Bayer Leverkusen 0:1 « Fabulous Sankt Pauli

  2. herr guenni November 14, 2010 um 1:55 pm

    schöner text…als südsteher und ultra tat es mir fast ein wenig leid das „haupttribüne“ und nich“businessseats“ gerufen wurde,allerdings schreit sich das natürlich schlecht,ist akustisch unverständlicher und in so einer situation auch nur schwer gegen haupttribüne durchzusetzen…aber ich hoffe und glaube das alle auf der haupt wissen wer dort die adressaten sind…beim nächsten mal wünschte ich mir das alle stehplätze auf der süd sich umdrehen und dort den businesssitzern die meinung sagen.
    Villeicht sollte es mal wie in der oper am ende der pause ne durchsage geben und wer beim dritten klingeln nich drin is…tschüss!

  3. momorulez November 14, 2010 um 9:30 pm

    Danke für das Kompliment! Und ich habe es mir heute ja mittels Forum alles rekonstruieren können 😉 …

    Schlimm war allerdings heute auf der JHV, dass nach wirklich ziemlich unglaublichen, rhetorischen Erpressungsmanöver von Seiten des neu gewählten Präsidiums, die komplette, argumentative S 21-Nummer, der USP-Block, wenn ich ihn denn richtig identifizierte, GEGEN eine Reduktion der Buisness-Seats stimmte. Das hat mich sehr erschüttert, tatsächlich. Da kommt die Tage noch was zu.

  4. Chinaski November 14, 2010 um 10:39 pm

    Schön geschrieben. Mensch ich will nicht dass St. Pauli absteigt, die sollen mal ein bisschen reinhauen damit nicht die einzige linke Mannschaft die Erstklassigkeit verliert.

    Was mich angeht, war die Woche einigermassen zufriedenstellend. Sowohl der KSC als auch Nottingham Forest spielten zwar 0-0 aber beide haben gegen den Tabellenersten der jeweiligen Liga gespielt.

  5. momorulez November 14, 2010 um 10:48 pm

    Danke! Ich will ja auch nicht, daß wir absteigen, obgleich ich im Grunde genommen den Zweitligafussball spannender finde … und muss offensichtlich die anderen Ligen mal wieder genauer verfolgen. War ein Rundum-St. Pauli-Wochenende – gestern Spiel, heute Jahreshauptversammlung. Habe gar nicht viel anderes mitbekommen.

  6. Pingback: FCSP-Leverkusen 0:1 – aber war das wirklich eine Niederlage? « KleinerTods FC St. Pauli Blog

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