Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Wenn die Melancholie in Klängen sich verfängt und Worte sammelt ..

Honeymoon Is Over (If You Want)

Ich habe alles vergessen und wenn mir manchmal trotzdem etwas einfällt
schlage ich mir mit der Faust an den Kopf,
damit die Stimmen verschwinden und die Bilder zerspringen.
Wenn ich meine Geschichte nicht ändern kann,
kann ich sie zumindest zerstören.

Denn die Show muß gar nicht weitergehen,
wir können einfach aufhören.

Wenn wir ehrlich sind: für uns ist es schon zu spät,
um jung zu sterben und Legenden zu werden.
Wir sind nur ganz kleine Sterne
und wir sind gerade dabei zu verglühen.
Du musst nicht länger so tun
als wäre dieser Weg deiner.

Du kannst stehen bleiben, dich umdrehen und zurückgehen,
denn irgendwas ist verloren und einfach weg.

Ich habe alles vergessen. Und wenn ich rauskriegen will, wem ich vertrauen kann,
laufe ich dahin, wo Schüsse fallen und außer dir warf sich noch niemand vor mich
um die Kugel zu fangen. Ich mag dein Gesicht.
Ich mag deine Handschrift und wie deine Haare riechen.

Letztlich behaupte ich bloß, ich hätte alles vergessen.
Ich erkenne dich wieder, ich mag deine Handschrift.
Ich würde dich Kugel für dich fangen.“

LOCAS IN LOVE

http://www.locasinlove.com/saurustexte.htm

Nee, keine Sorge, Suicidal Tendecies sind das nicht – eher die Frage, ganz und gar ernst gemeint und nicht polemisch, wie man Ästhetik diskutieren kann, indem man Geist von Sinnlichkeit trennt und Praxis kaum thematisiert. Da habe ich einst den Plan der philosophisch-akademischen Karriere hinter sich gelassen, mich seitdem drüber ärgernd, weil statt purem Text sich all die Möglichkeiten mehrdimensionaler Sinnlichkeit erschlossen haben, die nie jedoch als unmittelbare sich darboten, wie auch? Klar, auch weil die, die glaubten, sie würden es leben, das Unmittelbare, die paar wenigen, die in vermarktetem Kunsthandwerkgeschehen noch an die Möglichkeiten von „Selbstausdruck“ glaubten, Objekt, Thema waren, und die zumeist in irgendeiner Form an Computer gekoppelte Medialität als Mittelbares allzu klar erkennbar ist, wenn man mit ihr umgeht. Die Frage nach dem Unmittelbaren stellte sich gar nicht in einer weit verstandenen, ästhetischen Praxis, wie kann sie dann als Verdikt so quicklebendig Abwehrarbeit leisten gegen Praxen und Erkennen, die etwas weniger vornehm agieren und doch Erfahrungen möglich machen?

Es gibt doch diesen Flow beim Zeichnen, bei meiner täglich Arbeit, beim Pinseln, in Ölfarbe getunkt und auf Leinwand schmierend, da sich die Subjket-Objekt-Spaltung in etwas anderes transformiert: Einen praktischen Umgang mit Welt, Materialität, auch dem Anderen, in dem ganz in Situation das Medium, mit dem man arbeitet, und die Arbeit mit diesem aktiv Welt erkunden, ineins mit ihr, und da in diesem Umgang sich etwas verändert – man selbst wie auch das, was man gerade werden läßt. Heidegger, Sartre, Merleau-Ponty, alle mit Husserl gedanklich eng verbunden, haben in verschiedenen Anläufen virtuos dieses Feld erkundet und doch, so habe ich es zumindest in Erinnerung, immer wieder das Reflexive in diesem, so nannten es einige, Präreflexiven selbst unterschätzt, indem sie dem Reflexiven eine retrospektive und doch stets scheiternde Objektivierungsfunktion außerhalb dieses Prozesses zuwiesen.

Dabei ist das Begriffliche, das Denken, verwoben in dieser Praxis und dem Prozess des aktiven Umgangs mit Welt, Medialität und dem Symbolischen, und bewegt sich IN IHM – ein Zustand, eine Haltung, der man als Rezipient von Werken, und mir ist kurz mal schnurz, ob es Kunst ist oder nicht, sich ebenfalls öffnen kann, weil man nur so Erfahrung macht.

Sei es dem iPod lauschen, der Oper, sei es beim Blicken zu erforschen, wieso Daniel Richter sein Bild denn „Süden“ nennt und im Magentabaum das Flirren zu spüren. In eben diesem Erfahrung machen, Sich-Einlassen-Können OHNE Aufgabe des Reflexiven, sondern im Mittendrinsein, sah ich auch immer schon den utopischen Gehalt – daß also kein Klammern an falsches Allgemeines, das Wahrnehmung vor-prägt, verhindert, daß der Gegenstand oder der Andere zugänglich werden, sondern die Erfahrung erlebt, was ihn besonders macht.

Ja, es braucht das kunsthistorische Wissen und auch die Übung, die aus einem scharfen Gesöff den zu genießenden Whiskey macht. Trotzdem ist doch der praktische VOLLZUG des Sinnlichen, dem das Geistige immer schon immanent ist, der Schlüssel zu ästhetischer Erfahrung auf Produktions- WIE AUCH Rezeptionsseite, oder spinne ich?

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23 Antworten zu “Wenn die Melancholie in Klängen sich verfängt und Worte sammelt ..

  1. bersarin November 1, 2010 um 11:16 pm

    Daß ich Dir hier in einigen Punkten widersprechen werde, wirst Du sicherlich geahnt haben. Aber dies mache ich morgen abend, weil es jetzt zu spät ist.

    Ein wenig lese ich aus Deinem Text den Seel heraus, im Sinne einer Vollzugsästhetik. Die Frage ist nur, woran sich dieses Wahrnehmen vollzieht. Und da ist es dann nicht ganz egal, ob es ein beliebiger Gegenstand ist (für den wäre eine Aisthetik zuständig) oder ein Kunstwerk. (Dafür haben wir die gute alte Tante Ästhetik parat.) Zwischen beiden Bereichen existieren kategoriale Unterschiede.

    Das Präreflexive (oder Körperliche, Sinnliche) ist natürlich bedeutsam – wer wollte es auch ausschalten? -, aber das ist andererseits ein Moment, dem etwas fehlt, wenn der Geist (oder weniger pathetisch: das Denken, die Kritik, die Durchdringung) nicht hinzutritt. So wie umgekehrt dem Moment des Geistigen Wesentliches fehlt ohne Sinnliches. Ich will jetzt nicht den tausendmal gekauten Satz Kants herbeikramen, daß Begriffe ohne Anschauungen leer, und Anschauungen ohne Begriffe blind sind. Doch ein wenig, denke ich, trifft es die Sache. Das rein Sinnliche, als Unmittelbarkeit genommen, bleibt blind. Und reiner Geist wird schnell zur Leere.

    Ich habe am Samstag einige sehr gute Photographien in Ausstelllungen gesehen, zu denen ich bei mir demnächst noch etwas schreiben werde. Das war teils überwältigend gut. Zugleich versuche ich, mir darüber Rechenschaft abzugeben, was da passiert, was die Faszination ausmachte. Was geschieht beim Wahrnehmen, was nehme ich da wahr. Wie ist dieses Bild gemacht? Wie funktioniert es? Wie tickt es? Um es etwas salopp zu schreiben.

    Morgen womöglich mehr.

  2. momorulez November 1, 2010 um 11:30 pm

    Du warst ja auch gemeint 😉 – und ich referiere hier allenfalls sehr indirekt Seel, ich habe tatsächlich aus meiner Praxis geschrieben. Ich gehe ja ständig mit Musik, Text und Bildern um, und habe nach Deinen sehr spannenden Ausführungen zu Adorno überlegt, wieso da was nicht stimmt. Dewey läuft schon mit und somit auch das, was Seel von ihm übernimmt – im Grunde genommen wollte ich aber die Theorieauslegungen an der Praxis spiegeln, ich bin da ja schon eigenständig denkend 😉 , und raus aus der Entgegensetzung von Begriff und Sinnlichkeit, Anschauung und Begriff, weil PRAKTISCH da gar kein Gegensatz besteht. Die Differenz zwischen Aisthesis und Ästhetik ist mir ja geläufig, aber nun auch keine Allzeckwaffe, und der Verweis auf kategoriale Unterschiede macht ja nur Sinn, wenn er am Gegenstand erprobt werden kann.

    Ne, ich glaube, das Anrennen gegen das „falsche Unmittelbare“ ist ein Popanz, verzeih mir, Du weißt, wie sehr ich schätze, was Du schreibst. Ich halte auch gerade mal wieder die „Was ist Kunst? ( oder auch nicht)-Frage für falsch gestellt. Ich lande doch immer wieder bei der Phänomenologie, aber wie gesagt, durch’s Leben, gar nicht durch Lektüre.

  3. bersarin November 2, 2010 um 8:28 pm

    Zunächst natürlich bedanke ich mich für Dein Lob. Es freut mich, daß Du die meisten meiner Text zu Adorno schätzt.

    Was die Praxis betrifft, so kommen wir (zumindest stellenweise) zu unterschiedlichen Einschätzungen, weil unsere (Arbeits-)Lebenswelten womöglich sehr verschieden sind. Bei Dir durchdringen sich die Dinge stärker. Das ist bei mir nicht so.

    Die Differenzierung zwischen Aisthetik und Ästhetik (oder zwischen Nicht-Kunstwerk und Kunstwerk) würde ich (zunächst) schon aufrechterhalten wollen, wobei ich zugleich sehe, daß es Objekte gibt, wo Grenzen fließen. Das Design etwa wäre solch ein Kandidat. Ich halte aber an dieser Differenz aus dem Grunde fest und denke, daß sie in der Analyse produktiv wirkt, weil sich in der Kunst (insbesondere der Bildenden) bzw. dort, wo einem ästhetische Objekte begegnen, viel tummelt, was ganz einfach beliebig ist und auf einer Kunstwelle mitsurfen möchte. Das sollte auf den Begriff gebracht und benannt werden.

    Völlig richtig ist es in der Tat, dieses Denken, die Ästhetik und die Weisen von ästhetischer Erfahrung am Gegenstand zu erproben. Und da wird dann die Praxis wichtig, was für mich bedeutet: der Umgang mit Kunst. Bzw. ästhetischen Objekten. Ich sträube mich hierbei auch gar nicht so sehr gegen einen bestimmten Begriff von Erfahrung und Praxis. Ansonsten bliebe die Ästhetik im luftleeren Raum und gerät zum Trockenschwimmen, verkommt zu einer Systemästhetik, die abgezogen über ihre Gegenstände spricht. Und da wäre dann wieder dieser Gegensatz, wie ihn Paul Valéry nennt: Der Ästhetiker, selbst von Gestalt äußerst häßlich, predigt in einem dunklen Raum über die Farben. So wollen wir es nicht. Freilich auch nicht das Gegenteil des Quietschbunten oder Beliebigen. (Gut, ich weiß, daß Du stellenweise ganz gerne für den Kitsch und die Farben Partei ergreifst. Ich bin da etwas zurückhaltender. Ich weiß nicht, ob Du den Film „Peking Opera Blues“ kennst, da hat mir das Opulente und das Schnelle sehr gut gefallen. Ein gelungener Film. Und es stimmt dann natürlich: man muß die Sache am Objekt festmachen.)

    Bei Adorno geschieht ja beides: er schrieb eine Ästhetik, und er löste in seinen Texten zu Musik und Literatur diese dort entfalteten Aspekte gleichsam ein, entfaltete den Wahrheitscharakter eines Werkes. In einer solchen konkreten Kritik am Objekt, in seiner Kommentierung, in seiner Sichtung existiert dann der Gegensatz von Sinnlichkeit und Begriff nicht mehr. Und es liegen Adorno und mir Dichotomisierungen sicherlich fern, es sei den ein unauflöslicher Widerspruch ist eben der Sache geschuldet.

    Wenn ich aber manche Reaktion auf Kunst sehe, dann ist die Kritik an Unmittelbarkeit durchaus berechtigt: so die Reaktion von Theaterbesuchern, wenn sie beim Woyzeck herausrennen oder in den 90ern in Berlin bei Castorf-Inszenierungen pöbelten, jenes „Ach-das-rührt-mein-Herzgerede“ oder das bloße Sich-überlassen an sinnliche Ströme bis hin zum Gemälde, das zum Raumdesign passen muß. Es handelt sich hier um Weisen eines unmittelbaren Zugangs. Die sind real, die existieren vielfältig. Und wenn ich dann drüben bei Hartmut so Kommentare von der „Geheimrätin“ lese, nichts gegen sie ich kenne sie nicht, dann ist das für mich Ausdruck des Amusischen. Ich habe solche Diskussionen zu häufig gehabt mit Leuten, die von einer Sache ganz einfach keine Ahnung haben, aber mir erzählen wollen, wie sie funktioniert. Dies motiviert dann mein Herumreiten auf der schlechten Unmittelbarkeit. Und insofern bin ich da womöglich gebranntes Kind.

    Diese schlechte Unmittelbarkeit ist bei Dir ja nun gerade nicht gegeben, wenn Du Dich mit Kunst oder Musik auseinandersetzt und hier im Blog darüber schreibst. (Von einigen textlichen Ausnahmen mal abgesehen.) Das ist meist reflektiert, und es vermitteln sich im Text verschiedene Aspekte wie etwa die Wahrnehmung einer Situation, ein gesellschaftliches Moment und ein Musikstück oder eine Passage bei Foucault. Deshalb schätze ich Deinen Blog. Und genau das verstehe ich unter einem Zusammenspiel von sinnlichen und geistigen Elementen: In Deine Texte fließen vielfach Alltagserfahrungen ein sozusagen phänomenologisch, und der Text ist davon durchdrungen, was ich zuweilen ja sehr spannend finde. Aber da gehen wir beide dann wieder unterschiedlich vor.

    Ich selber muß das wieder vermehrt betreiben. Weniger ästhetische Theorie, mehr ästhetische Kritik und Kommentar.

    Bildet ästhetische Banden!

    So unterzeichnet Commandante El Bersario (was im Südamerikanischen „der Weitschweifige“ heißt) von der Gruppe „Action and Reflection“.

    PS: Mit dem Hinweis auf Martin Seel wollte ich Dich nicht auf diesen (bzw. seine Philosophie) reduzieren; ich bin ja auch nicht Adorno 😉

    Morgen Abend gibt es übrigens, falls Du es noch nicht weißt, einen Dokumentar-Film über „Die Sterne“.

  4. momorulez November 2, 2010 um 9:22 pm

    Nee, wusste ich nicht – wo denn?

    Würde jetzt auch gar nicht zwischen Aisthesis und Ästhetik nicht mehr trennen wollen, aber ich glaube nicht an die Möglichkeit dieses rein sinnlichen Strömens, in dem weder Begriff noch Wissen nicht längst schon drin ist. Wenn wir uns ausgiebig und komplett in Situation über den Schiedsrichter echauffieren, mal ein anderes, außerästhetisches Beispiel, dann ja gerade, WEIL das Regelwissen eben die Wahrnehmung eh schon prägt. Es wird mir auch nicht möglich sein, einen Baum anzuschauen, ohne den Begriff Baum parat zu haben. Vielleicht ist dann aber, und das meint ja Adorno, wenn er irgendwo vom Rätselcharakter der Kunst spricht, gerade dieser, mal ganz platt, Moment des „Huch, was ist das denn?“ dem Kunstwerk eben doch entscheidend, mal gegen mich selbst eingwandt, was man sich bei Fettstühlen oder manchem Neubauten-Song eben fragt und bei den Pet Shop Boys, die ich sehr liebe, nicht. Neo Rauch aber nun wieder ist ein bewusst auf Verrätselung setzender, daß es schon wieder nervt. Und damit hatten ja Duchamp, Warhol, Kippenberger, Oehlen und solche immer aufzuräumen versucht, um mal etwas weniger Ehrfurcht und Größenbeschwörung die Bahn zu brechen, was sich dann aber auch wieder deppert verselbstständigt hat zu so einer zwanghaften Zwangsironie in den Neunzigern, die nervte. So daß dann ja wieder so ein Doig mit seinen popkulturell durchsetzten, fast schon impressionistischen, ja, auch ein Klischee wegen der Spiegelung, egal, Thematsierung des schlichten Hinguckens, das in Farbe und Materialität sich bricht und mit den uralten Natur/Kultur-Entgegensetzungen spielt, im Grunde genommen wieder zu dem durchgebrichen ist, was ich immer stark reden wollen würde:Im Grunde genommen ein auf dem Teppich bleiben durch die Einheit von Wahrnehmung und Begriff. Das selbst ein Thomas Mann zelebriert, wenn er auf den röchelnden Höhen von Davos seinen Protagonisten ständig essen läßt und man das schmeckt, wenn der ißt. Und da ist mir dieses ehrfürchtige l’art pour l’art-Theoretisieren, zu dem Du und der Nörgler manchmal neigen, ein wenig zu sakral, wenn ich das zwischendurch mal sagen darf 😉 … da überfrachtet so und macht dadurch so vieles unmöglich. Zudem gerade in meinem Bereich diese ach so erlaucht Kunstvollen, womit ich euch jetzt nicht meine, oft den größten Mist machen und manche, wenige Kunsthandwerker die viel besseren Sachen. Ich zum Beispiel 😀 – ist ja kein Streit im Virtuellen.

    Den Peking-Film kenne ich nicht; das Bunte, Grelle, ist für mich immer Teil einer Ästhetik der Künstlichkeit, die ich viel wahrer finde als all der ach so authentische Quatsch. Liest sich komplett widersprüchlich zu den Wahrnehmungsexkursen, ist es aber gar nicht, weil wiederum das sinnlich-begriffliche Erfahren durch die Künstlichkeit sinnlich gebrochen und durch Stilisierung auch pointiert wird. Hat Picasso bei seinen so unübertrefflichen Demoiselles ja auch gemacht. So was ist für mich schon paradigmatisch, aber wieso das wahr ist, das Werk, weiß ich so genau dann auch immer nicht …

    Kam deshalb neulich in irgendeiner Debatte, die wir hatten, auf Tschechow. Das kommt bei dem so naturalistisch daher, ist es aber gar nicht, das ist pure Metaphysik, Aufbrechen von Dramaturgie, Abdriften ins völlig Absurde, so was scheint mir doch immer unerreicht, gerade weil es sich so gar nicht ehrfurchtheischend gibt. Beckett ist ja kondensierter Tschechow. Und es ist dabei so ungeheuer sinnlich, wie das, was gespielt werden muss, dem Begrifflichen, Sprachlichen geradezu konträr läuft, gerade im „Onkel Wanja“, großartig von Louis Malle verfilmt, und das Wahre am Drama enthält. Toll. Stellt ein wenig das auf den Kopf, worüber wir hier gerade reden.

    Ich habe mich, glaube ich, verheddert.

  5. bersarin November 2, 2010 um 10:25 pm

    Nein, nein, Du hast Dich nicht verheddert. Es sind nur sehr viele Stränge und Linien, die in verschiedene Richtungen gehen. Die Linie Tschechow – Beckett sehe ich auch. Wobei der Begriff „kondensiert“ mir nicht ganz zusagt, da Beckett kein herabgerieseltes Restprodukt ist, sondern eine ganz eigene Qualität führt. Das ist Prosa und Theater, was einen neuen Maßstab setzte. Beckett dampft unter den Bedingungen einer entfesselten Moderne die Dinge ein. Aus dem an sich schon hilflosen „Nach Moskau, nach Moskau“, in dem freilich noch ein Residuum der Utopie schläferte, wurde ein „Draußen ist tödlich“, das Grau. Es bleibt der nackte Immanenzusammenhang, das bloß Faktische.

    Ja, dieses bewußt hineingepumpte Rätsel bei Rauch ist enervierend, auch dieses Ach-so- Authentische ist meist eine hohle Phrase und zeigt lediglich ex negativo, daß eigentlich gar nichts mehr authethisch ist, was womöglich auch ganz gut ist. Vor allem in einer Gesellschaft, die ein tatsächliches Subjekt im emphatischen Sinne gar nicht zuläßt.

    Der Dokumentar-Film: ja das habe ich ganz vergessen zu schreiben: Er läuft morgen Abend, so um 22 Uhr such-mich-mal auf 3sat.

  6. momorulez November 2, 2010 um 10:52 pm

    Ich wollte gar nicht gegen Beckett das „Kondensieren“ angeführt haben – war im positiven Sinne als Verdichten gemeint. Obgleich mir der Tschow mehr liegt, das freilich nur im Sinne des Geschmacksurteils, nicht der ästhetischen Kritik 😉 – habe schon immer wieder die frühe Moderne als Bezugspunkt wie auch den 80er-Pop. Und immer wieder die Pariser Szenarien, die Du als Haltung ja auch manchmal schwärmerisch adaptierst. Seltsame Mischung vielleicht, aber irgendwie kann man da schon was draus bauen.

    Im „Nach Moskau“ steckt ja weniger die Utopie, als daß die ganz genau wissen, daß es auch da Scheiße wäre und sich deshalb in ihren Sehnsuchtsort verkriechen, während sie scheitern. Im Kirschgarten gibt es allerdings noch Hoffnung. Das finde ich aber auch prima, daß Tschechow einfach all die Widersprüche nicht auflöst … na ja, das vielleicht als Mantra dieses Abends 😉 ..

  7. ziggev November 3, 2010 um 4:51 pm

    ah, Tschechow ..

    „Das kommt bei dem so naturalistisch daher, ist es aber gar nicht, das ist pure Metaphysik, Aufbrechen von Dramaturgie, Abdriften ins völlig Absurde, so was scheint mir doch immer unerreicht, gerade weil es sich so gar nicht ehrfurchtheischend gibt.“

    Das lese ich gern. Zumal ich es nicht schreiben würde oder nicht schreiben könnte, mir fehlen dazu die Begriffe. Andererseits, ich gebe es zu, ist es etwas dümmlich, sich immer erst einmal dumm zu stellen. Und dadurch kommt man natürlich mit der Zeit aus der Übung, vorausgesetzt, solche sei einmal erlangt worden. Trotzdem, solange ich nicht Philosophie treibe, d.h. so, wie es dem Gegenstand angemessen wäre, mich ihm zu nähern versuche, billige ich es mir nicht zu, Ausdrücke wie „Metaphysik“ zu benutzen.

    Alle Welt glaubt hingegen zu Wissen, was Ironie ist. Und ich frage mich schon lange, was das ist bei Tschechov, dem, wie mir scheint, Ironie völlig abgeht. Was bei jedem anderen Ironie wäre, bei Tschechov ist es nicht ironisch, da bin ich mir fast sicher. Tschechow trifft immer ins Schwarze, frag mich aber nicht, wo oder was das ist, er enthält sich jeden Pathos, aber das ist es auch nicht, dieses tränenerstickte „aber das ist doch eigentlich zum Heulen“, aber wenn ich nur den Namen höre, beschleunigt sich mein Puls, frag nicht mich, warum.

  8. momorulez November 3, 2010 um 5:44 pm

    Er sabottiert die Figuren nicht, sondern liebt sie in der ganzen unfreiwilligen Komik, die Sich-in-die-Tasche-Lügen, Passivität, unerfüllte Wünsche, Träume und unerfüllte Begierden so mit sich bringen, all die Eitelkeiten, Status-Verdrehtheiten, Missverständnisse, die eben Menschsein ausmachen, schaut er sich in ihrer ganzen Tragik so an, daß sie lustig werden und trotzdem die Trauer nicht flöten geht. Das ist nicht diese aggressive, herabwürdigende Ironie, die sich selbst erhöhen will. Man kann sich ja gerade deshalb, auch und gerade nach dem teilweise so intensiven Aneinadervorbeireden der letzten Tage in anderen Zusammenhängen, bei den Dialogen teilweise weg schmeißen, so parallel und bezugslos laufen sie nebeneinander her und aneinander vorbei in Tschechos Dramen, aber gleichzeitig tut es weh, weil alle wahlweise das gar nicht merken oder darunter leiden. Und in all dem weht der Wind über die russischen Weiten und das menschliche Drama als solches entsteht – ganz groß.

  9. ziggev November 3, 2010 um 6:07 pm

    hm, vielleicht ist mir bei Tschechow etwas entgangen, weil ich immer überall „Probleme“ aufzuspüren suche, die es zu lösen gilt – oder, wenn es so offensichtlich nichts zu lösen gilt, mich zurücklehne (das hat schon beinahe etwas spießiges), und eben dieses Absurde, die Sinnlosigkeit von alldem, die sich ständig noch weiter ausdehnende Leere – geschmäcklerich – genieße ! 🙂

  10. momorulez November 3, 2010 um 7:54 pm

    Tschechow selbst hat seine Dramen ja als Komödien begriffen – aber wahrscheinlich wegen genau jener Leere und Absurdität, die Du meinst … und die man ja wirklich genießen kann, weil ein Raum jenseits der Möglichkeit des Problemlösens gezeigt wird. Ja, in der Tat.

  11. Nörgler November 4, 2010 um 11:02 pm

    „Und da ist mir dieses ehrfürchtige l’art pour l’art-Theoretisieren, zu dem Du und der Nörgler manchmal neigen, ein wenig zu sakral“

    Zu den Dingen, welche in dieser Welt zuvörderst mich verwundern, gehört der Umstand, dass Momorulez die Existenz des FC St. Pauli nicht in Zweifel zieht. Dies ist darum erstaunlich, da er doch die noch handfesteren Realitäten: Geist, L’art pour L’art und den Satz der Identität nicht recht anerkennen mag. Noch realitätshaltiger als jede Kickertruppe sind Geist, L’art pour L’art und das Principium Identitatis darum, da sie vor jedem Fußball existierten, und nach dem Untergang aller Ligen noch immer existieren werden. Und sakral ist nicht die Kälte der Formbestimmung, sondern die Inbrunst des Gottesdienstes im Kirchenstadion. Ehrfurcht lernen wir vom Sankt-Paulinaner Momorulez.

    Wir würden ihn darob nur für einen belanglos Verrückten halten, hätte er nicht selbst sintemalen das Geheimnis uns entdeckt, welches düster ihn umgibt: Er arbeitet nämlich, wie er darlegte, an einem größeren wissenschaftlichen Werk, das vorzubereiten der Zweck seines Blogs ist. Als agent provocateur von Geistferne und Banausie ist er Agent in eigener, viel intelligenterer Sache. Sein Verfahren: Man stelle vorsätzlich sich an, als wäre man zu dumm um aus dem Bus zu gucken, und sammle die Widerlegungen. Und nun lesen wir nochmals den nun nur scheinbar brunzblöden Satz:

    „Und da ist mir dieses ehrfürchtige l’art pour l’art-Theoretisieren, zu dem Du und der Nörgler manchmal neigen, ein wenig zu sakral“
    Man muß Momorulez lesen können, und das kann nicht jeder. Man glaube nicht, man könne ihn lesen, wenn man lesen kann. Was er da schreibt, glaubt er selber nicht. Er barmt um Widerlegung. „Dem Manne kann geholfen werden.“ (Schiller)

    Der Satz
    „Und da ist mir dieses ehrfürchtige l’art pour l’art-Theoretisieren, zu dem Du und der Nörgler manchmal neigen, ein wenig zu sakral“
    führt seine apriorische Abwegigkeit schon darum mit sich, weil ich vormals das Modell von L’art pour L’art als der ansichseienden Form an der Kadenznegation Schönbergs im musikalischen Materialdetail erläuterte in der Hoffnung, nun wäre Ruhe, und man müsse Sätze wie
    „Und da ist mir dieses ehrfürchtige l’art pour l’art-Theoretisieren, zu dem Du und der Nörgler manchmal neigen, ein wenig zu sakral“
    fürderhin nicht mehr lesen müssen.
    Das Wenigste ist noch, dass Bersarin und ich par ordre de Momorulez im VEB Ästhetizismus zwangskollektiviert uns wiederfinden. Herber die Grenze des Insults streifend ist die vom Ultra-Theoretisierer hingerotzte Denunziation des „Theoretisierens“, welche a se auf jenen Text verweist, der mit seiner Überschrift „Über den Gemeinspruch: das mag in der Theorie richtig sein, taugt aber nicht für die Praxis“ das Dilemma fühlbar macht, wenn einer den Kant nur an den Stellen liest, die in die Weltanschauung passen, und in das Feeling, mit dem man gerade über die grüne Wiese geht.

    Aristoteles bestimmt die Kunst in der Bestimmtheit ihrer „Orthotehs“, der immanenten Richtigkeit des Werkes selbst, die unterschieden ist von den praktischen Belangen des Gemeinwesens, auf welche die staatsverpflichtete Kunstauffassung des noch dem Mythos verpflichteten Platon hinauswollte. „Peri poetikehs“, die aristotelische Poetik, ist das Gründungsdokument der ästhetischen Theorie, deren durch grottige Übersetzungen geschändete Wahrheit die Äonen überdauert. Das zeigt Becketts „Endspiel“, dessen Kunstform in der negativen Hypostase der aristotelischen Formen sich bewährt. So, wie Beethovens Klaviersonate Opus 111 eine Sonate über die Sonatenform ist – die negative Reflexivität zeigt sich allein schon in der zeitgenössisch als skandalös empfundenen Reduktion auf zwei Sätze –, diskutieren Becketts Protagonisten die aristotelischen Formen. Was das „Endspiel“ zur Kunst und zum Modellfall von L’art pour Ll’art macht, ist die Identität des Diskutierens und Exekutierens der Form. Hamm und Clov reden über Kunst. Sie führen einen ästhetischen Diskurs; das muß man einfach mal verstehen, aber sie führen ihn außerhalb des Ästhetischen. Die ästhetisch-metaphysische Pointe besteht darin, dass die Form gewahrt wird, aber in der Gestalt ihres Sturzes. Was stürzt, ist eine Entitiät, die nicht stürzen könnte, wäre sie nicht. Unterm Strich gewinnt Aristoteles indem er verliert. Indem Beckett die Form „dekonstruiert“, bewahrt er sie auf, weil der Gegenstand der Dekonstruktion im Dekonstruieren als Gegenstand des Dekonstruktionsprozesses sich erhalten muß bei Strafe der Annihilation des Dekonstruktionsprozesses selbst. Diskursiv terminierte das in der Affirmation. Ästhetisch ist es Kritik, weil die Form als Form sich gegen sich selber wendet. Beckett zeigt, dass die Formkritik der Form selbst immanent ist. Die mit sich identische Form ist identisch mit sich indem sie es nicht ist, und das ist der eigentliche Hebel des Ästhetischen:

    Die Kunst verschiebt die Wirklichkeit um jene Nuance, in der sie wirklich wäre. Das ist ihr Rätselcharakter.

    So simpel funktioniert L’art pour L’art. That’s it, und da muß man nicht rumömmeln und so tun, als gäbe es da was zu diskutieren. Und schon gar nicht muß man diesen Scheiß sagen:
    „Und da ist mir dieses ehrfürchtige l’art pour l’art-Theoretisieren, zu dem Du und der Nörgler manchmal neigen, ein wenig zu sakral“

  12. momorulez November 4, 2010 um 11:18 pm

    Ach, Du willst mich doch nur denunzieren und mir was unterschieben 😉 – soll ich da sonst noch was zu sagen oder es einfach so stehen lassen? Ich habe gerade gar keine Lust, da jetzt gegen anzuzicken, aber wenn ich „Toll, Nörgler, ich schäme mich in Demut!“ ausrufe, bist Du ja vermutlich auch unbefriedigt, weil Du ja weißt, daß das nicht stimmt. Was tun?

  13. Nörgler November 4, 2010 um 11:48 pm

    Was tun?
    Einfach nur mal damit aufhören, das Offensichtliche zu bestreiten.

  14. momorulez November 5, 2010 um 12:02 am

    Achwas. So richtig ja ist, was Du über Beckett schreibst, auf jeden Fall!, so wenig wirst Du ihm gerecht, ihn dergestalt messiahnisch aufzublasen, glaube ich, rein hypothetisch gesprochen. Und „offensichtlich“ ist sowieso schon mal gar nix. Außer freilich die überragende Bedeutung Becketts, die ja völlig unumstritten ist.

    Ich gehe da in einem etwas weniger zermürbten Zustand, ist ja nicht so, daß diese Debatten der letzten Tage und Wochen spurlos an mir vorbei gingen, auf einige Punkte die Tage noch mal ein, die, glaube ich, weiter führend für all das, was wir hier zusammen diskutieren, sind, okay?

  15. ziggev November 5, 2010 um 9:58 am

    Bhagwan, postmodern. Einige unbeholfene Thesen

    „Was also ist Wahrheit? Ein bewegliches Heer von Metaphern, Metonymien, Anthropomorphismen …“ (Von drüben bei bersarin, danke übrigens für diese Erleichterung, herübergeholt.)

    Was wagt der eigentlich? Er spricht eine für uns Heutige Selbstverständlichkeit aus, jedenfalls selbstverständlich seit Ockham. Das ist natürlich nicht alles: “ … ist ein Heer …“ – ist das nicht wieder eine Methapher? Mir scheint, unter einem Aspekt betrachtet, kann hier bereits postmoderne (philosophische) Praxis als angelegt gesehen werden. Dennoch, ich versteige mich zu dieser These, handelt es sich um nichts anders als um eine versuchte Flucht aus der „transzendentalen Obdachlosigkeit“, und welche vielen Namen die uns einzig bleibende Immanenz trägt. Mit anderen Worten: Nehmen wir Nietzsche beim Wort, dann brauchen wir schnellstens eine Bedeutungstheorie und wären also bei der analytischen Philosophie gelandet. „Philosophie (nicht-analytische)? – Steinbruch erste rechts, zweite links, bei Nietzsche kingeln.“ Schon ein wenig deprimierend.

    Wenn wir also anders, als dass wir uns in den Steinbruch begeben, wirklich noch etwas wie Philosophie betreiben wollen – as far as Nietzsche is concernd, denn der hat bestimmt nicht an Bedeutungstheorien im modernen Sinne gedacht -, dann bleibt uns nur Praxis: z.B. zu schreiben. Selbst um die Wahrheit zu bestimmen, gebrauchen wir eine Methapher. Da drängt sich auf: Postmoderne = Beliebigkeit? (Darauf wollte ich aber nicht hinaus.) Es bleibt uns also 1. Praxis und 2. ästhetische Praxis. Aber alles entgleitet einem zwischen den Fingern, habe ich etwas hingeschrieben, ist es schon wieder etwas anderes, es bleibt mir also nichts anderes übrig, als wieder etwas hinzuschreiben. Schön und gut, jetzt habe ich eine Methode gefunden, endlos weiterzuschreiben. (BTW in irgendeiner Fernsehsendung stellte jemand einmal Derridas Philosophie, oder besser Schreiben?, so dar, dass ich dachte: WOW, der fängt ja ganz klassisch mit ner Bedeutungstheorie an, ganz so weit hergeholt scheint das also nicht zu sein!) Was soll das aber? Wenn die Philosophie an ihr Ende gekommen ist, und als einziges philosophische nur ästhetische Praxis bleibt, ergibt sich daraus neben dieser Erkenntnis kein Anlass, ebendies zu demonstrieren, durch endloses Schreiben. Das hat sich seit Proust ja erledigt.

    Ich stimme allerdings T. Albert unbedingt zu, es gibt dann keinen Grund, was das künstlerische Schaffen anbetrifft, sich auf Nietzsche zu berufen. Denn wollen wir wieder hinter den Nominalismus zurückgehen, im Allgemeinen herumfischen und uns all die Probleme wieder einhandeln, die das principium individuations mit sich gebracht hatte? Denn:
    „die Wahrheiten sind Illusionen, von denen man vergessen hat, dass sie welche sind“. Sollen wir also jetzt eine bessere Welt schaffen, künstlerisch aber die Illusionen dabei zerstören? Geht das? Besser als Gott sein? Das kann nur ein noch besseres, d.h. uns besser einpferchendes Gefängnis sein. Warum sollten wir allein als künstlerisch schaffendes Subjekt uns aus der trügerischen Sicherheit unserer „Wahrheiten“ befreien können? Wir würden ja nur Illusionen über Illusionen schaffen. Nietzsche flüchtet sich hier in diesen Heroismus, dieses Pathos, weil er mehr haben will als zu holen ist. Quasie per principium individuations kommt noch einmal recht überladen ein deftiger Irrationalismus ins Spiel. Bhagwan/Osho ist in diesem Sinne postmodern. Wir leben nicht in einem Traum. Der Schleier der Maya ist kein philosophisches Problem. Es ist eine Frage der Praxis.

    Damit ist freilich auch alle Kunst zuende. Alles, was Kunst ist, ist reiner Signifikant. Und man sieht es ihnen an.

  16. momorulez November 5, 2010 um 12:58 pm

    Na ja, Lungenkrebs ist ja ebenso wenig eine Illusion wie jene, daß der Hund in die Wohnung kackt, wenn man nicht mit ihm raus geht. Und daß es normativ falsch ist, Menschen zu foltern, ist mal ab von George W. Bush zumeist auch akzeptiert, was dann übirgens direkt zur „L’art pour l’art“ überleitet: Als zweckfrei käme die auch nicht auf die Idee, nun zu begründen, wieso man, um ein Attentat zu vereiteln, jemanden waterboarden muss. Man handelt sich dann nur ggf. das Problem ein, eine implizit-normative Begründung für die l’art pour l’art zu liefern, was bei Adorno, glaube ich, wirklich so ist, mich auf wüste Beschimpfungen des Nörglers schon mal vorbereitend – bei Beckett aber nicht, weil der einen Raum, in dem Moral noch formulierbar wäre, hinter sich läßt. Und wie sie dann im Sand versinkt und man es kaum aushält, ist die nackte Existenz frei gelegt. Nur daß ohne jede Referenz eben nur noch Unsinn bleibt im Wortsinne.

    Insofern muss man aber auch a.) sich dann doch immer wieder zu Gemüte führen, daß die Bereiche der drei Kants, grob Moral, Erkenntnis und nicht-regel-geleitete Vernunft als Feld der Ästhetik, schon auseinander gehalten werden müssen b.) es richtig schwierig wird, wenn man begreifen will, wie sie trotzdem aufeinander beziehbar sind und c.) nicht vergessen, daß die Ästhetische Theorie kein Modus der Ästhetischen Praxis ist. Philosophie ist eben IMMER reflexiv, wenn sie denn welche sein will, Kunstwerke sind das auch, aber anders, hat Nörgler ja schön ausgeführt, wie Beckett Aristoteles reflektiert und die Sonate die Sonatenstruktur, und dann landet man eben doch immer bei dem Medium der Philosophie, der Sprache, weil sie eben weder tanzt noch singt noch malt, und somit auch bei Bedeutungstheorien, und dem ewigen Streit, was denn nun Literatur und Philosophie unterscheidet. Und genau deshalb der Dauerstreit um die Metapher, und man kann sich da auf jedem Feld, Erkenntnis, Moral und nicht-regelgeleiteter Vernunft, tatsächlich die Köppe einhauen.

    Was aber, glaube ich, nicht geht, ist, Philosophie selbst als künstlerische Praxis auszuweisen. Die kann nur deren Reflexionsmodus sein.

  17. bersarin November 6, 2010 um 1:57 pm

    „Er spricht eine für uns Heutige Selbstverständlichkeit aus, jedenfalls selbstverständlich seit Ockham.“
    So ganz selbstverständlich sind diese Passagen nun nicht gerade, sonst produzierten sie nicht heute noch derartige Aufregung. Leg‘ die mal Habermas vor, mit unschuldiger Miene. Und dann achte genau auf seinen Gesichtsausdruck, auf jede einzelne Regung.

    ” … ist ein Heer …” – ist das nicht wieder eine Methapher?: Genau. Nietzsches Text verhält sich zu seinem „Gegenstand“ performativ; er bildet Metaphern, erzeugt einen Strom von Bildern. Ich entdecke hier auch ein wenig das unendliche Poetisieren der Romantik (speziell Novalis) wieder. Eine unendliche Produktion von Bildern – ich möchte Nietzsche fast als einen der Gründungsväter des Kinos und als Theoretiker der Photographie lesen. Aber er hält zugleich die Differenz zwischen Philosophie und Literatur aufrecht, obwohl der Text im Auftakt und an einigen weiteren Passagen eben durchaus erzählerisch verfährt: „In irgend einem abgelegenen Winkel des in zahllosen Sonnensystemen flimmernd ausgegossenen Weltalls gab es einmal ein Gestirn, auf dem kluge Thiere das Erkennen erfanden.“ (KSA 1, S. 875) Als philosophische „These“ genügt ein solcher Satz natürlich nicht. Es ist ein derart verdichtetes Bild, welches sich rein philosophisch nur schwierig lesen läßt.

    Daß in diesem Text Nietzsches zentrale Motive der Postmoderne (kursorisch) angelegt sind, lese ich genauso, betonte dies gelegentlich in meinen Texten. Und Nietzsche faßt das „Wesen“ von Wahrheit, daß sie eben kein „Wesen“ hat, nicht als Mangel, sondern möchte diese Figur als Signum der Moderne produktiv machen. Wenngleich sich auch aus dem Text ein Motiv von gespiegelter Ontologie herauslesen läßt, bleibt für Nietzsche die These zentral und muß fruchtbar gemacht sowie ausgefaltet werden, daß es kein Wesen, sondern bloß Interpretationen gibt. Es stellt sich in diesem frühen Text Nietzsches bereits das Gerüst einer Philosophie des Perspektivismus dar. Freilich fehlt dieser Philosophie – aus der Optik des Ganzen von Nietzsches Text gesehen – das vermittelnde und durchdringende Moment, welches die Teile aufeinander bezieht und ihre Relationen ausweist – Nietzsches Reichweite ist darum begrenzt –, so daß am Ende womöglich ein Relativismus bleibt, der mit einem Schuß Dezisionismus gepaart, eine durchaus gefährliche Mischung abgeben kann. In der Postmoderne versuchte etwa Deleuze mit Nietzsche an eine Position jenseits der Dialektik anzuknüpfen. (Wider den Hegelianismus“ wie eine Überschrift in seinem Buch „Nietzsche und die Philosophie“ heißt. Das hat nicht recht funktioniert. Und immerzu muß man beim Lesen lächeln und mit Hegel ausrufen: Ick bün all dor!“)

    Ich möchte zudem noch einmal darauf verweisen, daß es sich um einen frühen Text von Nietzsche handelt, der gleichsam im Adlerflug, den Begriff der Wahrheit sichtet. Was Nietzsche seismographisch registriert, ist das Brüchigwerden einer Ordnung. Das entbindet natürlich nicht von einer Kritik des Textes. Wenn man Formeln und Verkürzungen mag, so kann man sich ja auf diese Sentenz einigen: Nietzsche, das ist Ockham unter den Bedingungen einer entfesselten Moderne.

    Weil die Ordnung des Seins und die Ordnung der Sprache (bzw. die Unordnung der Wahrnehmung) bei Nietzsche entkoppelt wurden, hießt dies nicht, daß nun alles Illusion sei. Diese wäre eine Illusion, die man sich über Nietzsches Text machte. Nietzsches leugnet nicht das Faktische oder die Tatsachen, wenn man so will, sondern er polt hier um, verschränkt physiologische, psychologische und philosophische Aspekte (Perspektivismus). In der Relation Subjekt – Prädikat – Objekt fokussiert Nietzsche auf das Prädikat – Es gibt keine Täter nur tun, so formulierte es Nietzsche an einer Stelle in „Jenseits von Gut und Böse“ – und schaut, was dabei mit dem Subjekt und dem Objekt geschieht. Daß solches im Zusammenhang der Politik zu Ungeheurem führen kann und auch führte, ist unbestritten.

    Nietzsche und die Künstler: Ja, eine liaison dangerous, in der Tat. Dies liegt freilich weniger an Nietzsche als an den Künstlern, die sich mit Ideen und Thesen vollpumpen, um sie dann wieder auszuscheiden, anstatt Kunstwerke zu machen. „Ein Dichter der liest: ein Anblick, wie ein Koch, der ißt.“ (K. Kraus, um dem Nörgler wenigstes eine kleine Freude bereiten zu können für diesen Essay, den er oben schrieb. Diesen Text muß man erst einmal auf sich wirken lassen. Freilich betrübt es mich, daß ich es nicht in einer solchen Bündigkeit, Klarheit, Eleganz und Stringenz vermag, dieses L‘art pour l‘art darzulegen, sondern weitschweifig über die Umwege stolpere. ‚Hieran ist Derrida schuld‘, kann ich zur Entschuldung des eigenen, mäandernden Textes nur hauchen. Allerdings bin ich gespannt auf das, was Momorulez hierzu schreiben wird. Ich will nicht konziliant und bescheuert klingen: würde aber auch noch einmal darauf hinweisen wollen, daß Momorulez seinen Text inmitten mehrerer hitzigen Debatte schrieb. Andererseits macht das diesen Satz trotzdem nicht richtig. Zugleich war er mit einem Zwinkern versehen. Und es entstand daraus ein derart bündiger Text vom Nörgler, daß bereits dadurch der Satz des Momorulez – selbst in der Unwahrheit – gerechtfertigt ist; zumindest jedoch als Ursache für etwas Gutes, Wahres und Schönes wirkte.)

    Literatur und Philosophie sind zu differenzieren, darin gebe ich Momorulez recht. Lediglich wenige Ausnahmen gibt es, wo sich das produktiv und sachhaltig durchdringt. Was das Verhältnis von Kunst und Philosophie anbelangt, so soll mit einem Satz Adornos geschlossen werden:

    „Philosophie und Kunst konvergieren in deren Wahrheitsgehalt: die fortschreitend sich entfaltende Wahrheit des Kunstwerkes ist keine andere als die des philosophischen Begriffs.“ (ÄT, S. 197)

    Nachtrag: @ momorulez
    „Und daß es normativ falsch ist, Menschen zu foltern, ist mal ab von George W. Bush zumeist auch akzeptiert, was dann übirgens direkt zur “L’art pour l’art” überleitet“

    Die Begründung und die Motivation für eine solche Überleitung sehe ich nicht.

    „… eine implizit-normative Begründung für die l’art pour l’art zu liefern, was bei Adorno, glaube ich, wirklich so ist, …“ Der Begründungsmodus bei Adorno ist ein Vollzugsmodus, der Text selbst weist das aus, der Begriff „Normativität“ ist im Zusammenhang mit der Philosophie Adornos vollständig verfehlt. Das mag bei Habermas passen, dessen Ästhetik eher spärlich ist.

    Ehrlich gesagt, verstehe ich diese Passage von Dir im Grunde nicht. Vielleicht ist mein Blick verstellt und getrübt, aber ich freute mich, wenn Du das gelegentlich erläutern könntest.

  18. momorulez November 6, 2010 um 2:07 pm

    Wenn man die l’art pour l’art darüber begründet, dass sie sich der Zweckrationalität / Instrumentellen Vernunft zu entziehen vermag, die z.B. im „Foltern UM Attentate ZU verhindern“ wirkt, dann ist das eine normative Begründung – es ist falsch, der instrumentellen Vernunft folgend Menschen und Natur zu behandeln, weil es ihnen Gewalt antut. Und natürlich ist der Begriff nun gerade bei Adorno kein Stück verfehlt, wenn er Schönberg und Strawinsky in der „Philosophie der Neuen Musik“ einander gegenüber stellt, dann ist das ja eine hochgradig normative Ästhetik, weil der eine es ja richtig macht, der andere „regressiv“. Auch l’art pour l’art zu fordern ist nun mal normativ. Beckett hat es einfach gemacht, das unterscheidet ihn ja von der Ästhetischen Theorie. Normativ expliziert das „Sollen“.

  19. bersarin November 6, 2010 um 2:17 pm

    Nein, Adornos Ästhetik ist nicht normativ. Oder zumindest ist das der falsche Begriff dafür. Der Grund, weshalb Strawinskys Werke teils unwahr sind, ist in der Sache I(sprich der Musik) gegründet. Es erweist sich dies im Vollzug und in der Durchdringung.

    Es könnte sogar sein, daß Strawinsky in einer anderen Konstellation ein Moment der Wahrheit freisetzte. Bereits deshalb ist der Begriff des Normativen bei Adorno unpassend. Wahrheit im Kunstwerk ist an einen Zeitkern gebunden. Dieses Motiv übernimmt Adorno von Benjamin.

  20. momorulez November 6, 2010 um 5:23 pm

    Du sollst in Deiner Kunst wahr sein ist aber auch normativ. Nietzsche 😀 – „warum nach der Wahrheit fragen?“

    Das gehört zum Leben nun mal auch dazu, das Normative, das ist ja nun nix Schlimmes, „Instrumentalisiere niemanden!“ zu fordern oder, außermoralisch-normativ, handwerkliche Regeln zu beachten oder Kunstgeschichte zu reflektieren, indem man die Form, die man wählt, auf der Ebene des Werkes selbst auch reflektiert – um dann die Frage zu stellen, ob Nörgler oben Beckett Brechts V-Effekt untergeschoben hat (böse Provokation meinerseits. Dafur bekomme ich auf die Schnauze).

    Ich finde Adorno unglaublich autoritär in seinen normativen Verdikten, aber ich finde es gut, daß es die gibt. Und noch viel besser finde ich das in seinen Texten über die bürgerliche Oper, übrigens.

    Zurück zu Ziggev diskutieren wir hier aber gerade die Möglichkeit eines Ästhetischwerdens der Ästhetischen Theorie und auch, ob das wünschenswert wäre, oder ob das nicht vielmehr theoriefeindlich ist.

  21. bersarin November 6, 2010 um 8:44 pm

    „Dafur bekomme ich auf die Schnauze“

    Kann gut sein 😉 Zumindest in Sprache.

    (Wobei: wenn Brecht sein Theoriewerk zum Theater adäquat in seinen Texte umsetzte und wenn Platz für einen Überschuß bliebe, kämen andere Theaterstücke heraus. Der V-Effekt ist, wenn man ihn nicht simpel nimmt, eine ausgezeichnete Möglichkeit ästhetischer Konstruktion. Allerdings kann eine gelungene Inszenierung womöglich selbst aus einem schlechten Text noch etwas machen. Der Ui von Heiner Müller am BE ist ein gutes Beispiel dafür. Zumindest damals fand ich das gelungen.)

    „Du sollst in Deiner Kunst wahr sein …“ Das ist nun ein ganz schrecklicher Satz. Ich weiß nicht, wer ihn gesagt oder geschrieben haben soll. Adorno, Benjamin, Nörgler oder Bersarin, um einige Kollektivinsassen des Grandhotel Abgrund und der Salonmarxologie zu nennen, eher nicht.

    Zum Ästhetischwerden der Ästhetischen Theorie, was ja, wie Du ahnst, ein Thema ist, das mein Denken seit meiner Zeit in der Philosophie um- und antreibt, ein andermal mehr. Da wäre es schön, wenn wir dranblieben. Mal sehen.

  22. momorulez November 6, 2010 um 8:56 pm

    Ja gerne, weil ja sein könnte, dass das ihre einzige Möglichkeit ist – das ist übrigens das erste Mal gewesen, dass ich dachte, vielleicht beschäftige ich mich dem ollen Hegel doch noch, als der Nörgler das im Bezug auf den im Grunde genommen vertreten hat, übrigens in Analogie zu Rainald Goetz, der gleiches über Luhmann, nicht zufällig, äußerte.

    Den V-Effekt finde ich auch prima. Am besten thematisert in „Scream“. Großartig.

  23. bersarin November 6, 2010 um 9:21 pm

    Na, über manche Produkte der Kulturindustrie sind wir uns dann doch wieder recht nahe 😉

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