Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Monatsarchive: November 2010

Die Zensoren marschieren und trampeln stiefelbewehrt alles platt, was lebendig ist

Bei Twitter ist der Aufruhr bereits gross, zu recht – die Evangelikalisierung der Republik schreitet fort. Da ist wohl davon auszugehen, dass sich das sehr direkt auch gegen schwule Inhalte richten wird und ich Netbitches Kommentare regelmässig entschärfen muss:

„Jugendmedienschutz-Staatvertrag heißt das Wortungetüm mit Gesetzeskraft. Er existiert seit dem Jahr 2003 und regelt den Jugendschutz in allen Medien, die in irgend einer Form “gesendet” werden – also zum Beispiel auch Blogs. Die Neuregelungen, die am dem 1. Januar 2011 gelten, sind so unglaublich verquast gestaltet, dass es für kleine Blogs eigentlich nur zwei Alternativen gibt: Sendezeiten oder eine Alterprüfung einführen oder das Blog gleich ganz dicht machen.

Besonders enttäuscht sind im Moment viele Blogger von den Grünen, die – obwohl bisher offiziell gegen den JMStV – in Nordrheinwestfalen dafür gestimmt haben.  Die haarsträubende Aussage “Wir sind weiterhin gegen den #JMStV, die Fraktion hat sich aufgrund parlamentarischer Zwänge anders entschlossen.” entwickelt sich gerade innerhalb kürzester Zeit zu einem Mem. „

 

Nachschlag:

Was in NRW offenbar nicht zu einer Ablehnung des JMStV führte, offene Briefe und die Aktivierung zumindest der netzpolitisch aufgeschlossenen Parteienvertreter, geht jetzt übrigens in Berlin weiter – gestern stand die Entwicklung dort etwas im Windschatten des NRW-Sturms. Aber auch in der Hauptstadt ist es „5 vor 12“, die Linke ist hier wie die Grünen in NRW „eigentlich“ gegen den Jugendmedien-Staatsvertrag, hat sich aber aus „taktischen Erwägungen“ in einer Vorabstimmung für die Ratifizierung ausgesprochen.

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Macht ist produktiv

Lebensräume

Ohne weitere Worte …

Sonntagmorgen

Das ist ja toll!

Die iPad-Schreibmaschine! Die plingt sogar am Zeilenende und macht tolle Geräusche, fast wie eine richtige. Man formuliert prompt wieder anders, linearer, vorbehaltloser, aber nicht besser – wie damals, als Schülerlyrik bedeutungsschwanger in die Tasten gehämmert wurde, bis die Finger weh taten. Ein elektrisches Modell gab es ja bei uns nicht. Wir hatten noch Ende der 80er einen Schwarz-Weiss-Fernseher und waren da stolz drauf, bei diesem modischen Technik-Schnick-Schnack nicht mit zu mischen.

Noch im ersten WG-Zimmer am Neuen Pferdemarkt dachte ich, auf dem Sperrmüllsofa im Hochparterre sitzend mit Blick auf den Platz und tiefgründig tippend, ich wuerde meinem großen Vorbild Sartre nacheifern, den Crossover zwischen Philosophie und Literatur voran treiben – der Jahrhundertroman „Inder im Paris der 70er“ verreckte jedoch nach ca. 15 Seiten. Dafür habe ich ein Mixtape so genannt, eins mit The Cure, der New Model Army, Les Rita Mitsouko und T-Rex. Die literarischen 3 Miniaturen vom Hypnosestudenten jedoch betrachte ich noch immer als gelungen. Sehr postmodern zitatgesättigt.

Die erste Hausarbeit, das erste Referat über das Sprachviereck im Zeitalter der Klassik in Foucaults „Ordnung der Dinge“, verstanden habe ich wenig bis nix, fand seine Form in diesen herrzerreißenden, filigran gehämmerten Dellen in weissem Papier. Vielleicht war es auch grau, Umweltschutzpapier, es begab sich schliesslich alles zu der Zeit, als man mit „Frosch“-Reiniger die Dielen zu putzen begann. Die Arbeit über Baudelaires „Hymne an die Schönheit“ schrieb bereits eine Freundin, ja, schlimm, natürlich FreundIN, am Computer für mich, die konnte das 10-Finger-System, und wir kopierten ein äusserst anregendes Bild meines damaligen Liebhabers, lediglich in Unterhose und mit tollkühner Bürzel-Frisur, alle Haare ab bis auf ein blondiertes Hörnchen mittig vorne, auf das Deckblatt: Der Anbruch eines neuen Zeitalters und eine Hausarbeit, die ich nie korrigiert zurück erhielt. Die hatte den offenkundig dem Alkohol zugeneigten Professor wohl nicht als ernst gemeint erreicht. Dabei war sie das. Sehr lustvoll war sie.

Was egal war, das mit dem Romanistik-Studium ließ ich eh bleiben, nachdem ich zwar die Grundannahmen der Theorie der Generativen Grammatik perfekt referieren konnte, nie jedoch in der Lage war, das X-Bar-Schema praktisch anzuwenden.

Und nun schenkt mir das iPad, ja, böse, böse, Apple, und überhaupt, ein simuliertes Echo längst vergangener Welten … dann kann ich ja endlich „Inder im Paris der 70er“ weiter schreiben.

Wahre Worte zur „Integrations“debatte

Ich seh die leute in den strassen
die diktatur der angepassten
in den städten und den dörfern
leben sie und ihre lügen lügen lügen lügen
männer frauen junge alte
in den büros und den fabriken
an den schulen und zu hause
lassen sich für dumm verkaufen kaufen kaufen kaufen

Ihr habt immer nur weggesehn
es wird immer so weiter gehn
GEBT ENDLICH AUF – es ist vorbei
ihr habt alles falsch gemacht,
habt ihr nie drüber nachgedacht?
GEBT ENDLICH AUF – es ist vorbei

im norden süden osten westen
die diktatur der angepassten
das geld vibriert und auf den gen-ships
diktiert ein freier markt das leben leben leben
die medien helfen ihnen beim dumm sein
ein starker staat hilft ihnen beim stumm sein
die leute wollen unter sich sein
und gehen dafür über leichen leichen leichen leichen

Ihr habt immer nur weggesehn
es wird immer so weiter gehn
GEBT ENDLICH AUF – es ist vorbei
ihr habt alles falsch gemacht,
habt ihr nie drüber nachgedacht?
GEBT ENDLICH AUF – es ist vorbei

Ich seh die leute in den strassen
die diktatur der angepassten
millionen sind durch sie gestorben
sie lassen hungern foltern morden morden morden morden
sie vergiften alle flüsse
die luft den boden und die meere
und tuen so als ob nichts wäre
ich hab genug von ihren lügen lügen lügen lügen

Ihr habt immer nur weggesehn
es wird immer so weiter gehn
GEBT ENDLICH AUF – es ist vorbei
ihr habt alles falsch gemacht,
habt ihr nie drüber nachgedacht?
GEBT ENDLICH AUF – es ist vorbei

Ihr habt immer nur weggesehn
es wird immer so weiter gehn
GEBT ENDLICH AUF – es ist vorbei
ihr habt alles falsch gemacht,
habt ihr nie drüber nachgedacht?
GEBT ENDLICH AUF – es ist vorbei

„Wir geben Euch nicht das Recht, uns in schön, unattraktiv, muslimisch, christlich, Hausfrau, Straßenfrau, homosexuell, heterosexuell zu kategorisieren und zu spalten“

„*Aus Anlass des 25. November 20010 , des Internationalen Tages gegen
Gewalt an der Frau*

*Pressemitteilung *

des

*ŞEHRAZAT- Transkultureller Frauen- und Kunstverein*

Sehr geehrtes Publikum, sehr geehrte Presseangehörige, liebe Frauen,

Wir haben die Rolle des Opfers satt!

Wir haben beschlossen die Hauptrolle zu spielen, um
menschenrechtswidrigen Taten gegenüber Frauen ein Ende zu machen.

Zuhause eingesperrt zu werden, unter Kontrolle gehalten zu werden,
umgebracht zu werden, sobald wir in eigener Bestimmung leben möchten
wird betitelt mit Tradition, mit Ehre, mit Kultur, mit Islam. Und wie
möchtet ihr dann die Morde an den Frauen anderer
Religionszugehörigkeiten und Kulturen erklären?

Lassen wir diese Hexenjägerei! Wie sollen denn die Vergewaltigungen,
8000 im Jahr, von denen viele noch nicht einmal geahndet werden, wie
sollen die als „ Familiendrama“ titulierten 150 Morde im Jahr erläutert
werden.

Sind nicht auch diese Morde wie diese, welche in islamischen Kreisen als
„ Ehrenmord“ benannt sind, solche, welche der männlichen
Herrschaftsvorstellung entspringen, in der eine tote Frau, einer freien
Frau vorzuziehen ist.

Frauenfeindliche Politik wird in diesem Land betrieben! Muslimische
Migrantinnen werden zur Zielscheibe auf diese Weise. Was unseren
deutschen Schwestern angetan wird, wird verschwiegen! Sind es nicht
Teile der Gewalt gegen Frauen, dass Frauen noch immer mit geringerem
Lohn arbeiten müssen, Arbeitslosigkeit und Armut auf ihre Schultern
gelastet wird, Migrantinnen mit rassistischer Politik ausgegrenzt
werden? Islam, ja auch der Islam ist wie jede andere monotheistische,
institutionalisierte Religion frauenfeindlich; weder mehr noch weniger;
wer sieht das nicht?

Sprachrohre der Nutznießer der Ausbeutung, Politiker, Journalisten,
angebliche Aufgeklärte und die mit Mikrofonen umherirrenden anderen:
Wenn ihr so überzeugt seid von der Unterdrückung der Frauen, dann lasst
das Weinen um sie; öffnet stattdessen die Grenzen Europas! Öffnet Frauen
die Türen, welche vor Krieg, Hunger, sexueller Verfolgung fliehen.

Erteilt Frauen, welche sich auf Grund von Gewalt scheiden lassen
mussten, bedingungslos ein Bleiberecht und die Erlaubnis zu arbeiten.

Stellt die Gelder der Staatskassen an Stelle von Kriegsausgaben lieber
der Bildung von Frauen zur Verfügung.

Schafft Gesetze, welche Frauen den Weg zu Lehrstuhl, Labor,
Leitungsposition und Öffentlichkeit ebnen. Schafft sie, damit ihr
glaubwürdig werdet.

Krokodiltränen erkennen wir, ihr braucht sie nicht zu vergießen!

Noch einige Worte haben wir an die, welche profitieren von der
männlichen Herrschaftsstruktur:

Wir geben Euch nicht das Recht, uns in schön, unattraktiv, muslimisch,
christlich, Hausfrau, Straßenfrau, homosexuell, heterosexuell zu
kategorisieren und zu spalten, unsere Körper und Arbeitskraft
auszunutzen und uns zu definieren.

Wir lassen uns, mit unserer Vielfalt, nicht zum Werkzeug für eure
Integrationsdebatten, rassistische, ausgrenzende und kapitalparteiische
Politik machen!

Unsere Vielfalt ist unser Reichtum!

Wir werden weiterhin arabisch singen und spanisch tanzen. Mit unseren
Kindern kurdisch sprechen und türkische Gedichte schreiben, uns in Saris
kleiden und gegen die Alpen jodeln.

Wir werden Bilder malen, obendrein Bilder welche zeigen wie hässlich ihr
und wie schön wir sind.

Was dagegen?

Gegen jede erhobene Hand gegen Frauen stehen wir zusammen.

Wir werden die Frauenmorde stoppen. Wir sind nämlich in überhand und überall

*ŞEHRAZAT- Transkultureller Frauen- und Kunstverein*“

Die Narretei predigen, um den Karneval zu verhindern

Die FAZ hetzt gegen Lesben

„Sechs Lesben wanderten durchs Fichtelgebirge. (…) Schwarzer habe „Avocados mit wohlschmeckender Soße“ serviert, während die andere Frau stundenlang afrikanische Trommeln bearbeitete. (…) Weil Schröder mit ihren Aussagen einen wunden Punkt berührt hat. Je weiter man sich diesem wunden Punkt nähert, desto vernichtender werden die Angriffe. (…) Manche Frauen gingen abends sogar zu ihren Männern nach Hause, was laut der ehemaligen „taz“-Chefin und Schwarzer-Biographin Bascha Mika mitunter so kommentiert wurde: „Die Heteras müssen zurück zu ihren Schwänzen.““

Eigentlich verdient diese zutiefst homophobe Schmähschrift keinerlei weitere Kommentierung – außer jener der „Theorie des wunden Punktes“. Diese veralbernde Variante des „getroffener Hund bellt“ funktioniert so: Man muss die unverhohlene Aggression und Abwertung nur so weit steigern, dass die Gegenwehr heftig wird – das jedoch wird dann als Beleg des Vernichtungswillens der Attackierten gedeutelt und der Wahrheit des Gesagten zudem. So treiben es die Bewegungsheten, die Rassisten, die Sexisten gerne mal – nein, nicht alle, aber die Agitatoren. Dass nunmehr die Feuilletonisten den selben Schwanz blasen ist ein weiterer Beleg für den allseits inszenierten Rollback.

So wenig ich von Alice Schwarzer mittlerweile halte, so erschreckend die Häme der beherrschenden Meinung, der über sie ausgeschüttet wird. Als sei nicht das „Aktiv-Penetrations“-Gemenge auch weiterhin konstitutiv für patriachale Mechanismen, und es würde vielmehr Sinn machen, sich zu fragen, ob der 70er-Jahre-Feminismus nicht viel aktueller ist, als es scheint. Dazu können sich aber ja die Kommentatorinnen besser äußern als ich als Außenbetrachter.

(via Antje Schrupp und Lantzschi/Twitter)