Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Mit dem Zähnefletschen des Totenkopfs

Ach, seufz. Das zentrale Thema dieses Blogs ist ja eigentlich Macht-Missbrauch und -Gebrauch. Es kann immer nur mittels Gegenmacht die „Gesamtscheiße“ (Defekt) bekämpft werden – und doch prallt allzu oft der Wille, sie zu entfalten, am wahren Leben ab, wo fast immer die Arschlöcher sie ausüben. Fast. Aber ich will ja nix vorweg nehmen.

Es gibt ja Schutzräume. Die alte Haupttribüne des FC St. Pauli schien mir so einer zu sein. In Provinzsportplatzarchitektur, auf Holzbänken, versammelten sich angeranzte und verlebte Gestalten und genossen es, die Underdogs zu sein. Nun ist das Konterfei des heiß geliebten Baus als Silhouette nur auf Pfandbechern verewigt, und vielleicht fühlen wir uns einfach nur zu wenig als Underdog und wollen zu laut im Konzert der Gernegroßen als ganz ordinäres Instrument uns einreihen, als dem desorganisierten Punk-Gegröhle der genialen Dilettanten zu huldigen.

Ich meine, es gab ja Zeiten, da wären wir fast stolz darauf gewesen, von Herrn Fritz derart verpfiffen worden zu sein. Hätten uns bestätigt gefühlt, da mächtige Deppen uns (mutmaßlich) schaden wollten. Nun verließen stattdessen gut gewandete Konsumenten die Haupttribüne, weil kein Sieg mehr zu erwarten war, schon eine Viertelstunde vor Schluß. Früher war ja tatsächlich alles besser, und da hätten alle gerufen „Geh doch zum HSV“, weil man ja selbst in der Regionalliga der coolere Verein war.

Und jetzt sind alle zu Recht stolz auf eine spielstarke Truppe, die ich heiß und innig liebe, regen sich aber darüber auf, wenn Asamoah das Temperament aufbringt, sich erst Gelb wegen völlig berechtigten Schiri-Beschimpfens und dann wegen eines völlig verständlichen Revanchefouls abzuholen. Nee, ein bißchen mehr Rowdytum auf dem Platz fände ich gar nicht so übel. Wahr, gut und schön ist, wenn es auch mal kracht.

Und das muss doch auch stilvoller gehen, als diese eklige Frankfurter Truppe es zelebrierte, die mit falschem Pathos und mieser Theatralik noch nicht mal campy war und durch ihr Spiel die eigenen Fans beschimpfte, die eine tolle Cannabis-Choreo inszenierten. Na ja, Ochs hat wenigstens zugegeben, daß der Elfmeter geschenkt war. Die Kids vom Pantoffelpunk, dem ich winken konnte, bekamen trotzdem eine Lektion in wahrem Leben geboten: Es setzt sich durch, wer arschig sich gebährdet, und jene, die vorgeben, sie seien für das Einhalten der Regeln zuständig, sind viel schlimmer als viele Delinquenten.

Doch inmitten des falschen flackert manchmal das wahre Leben auf! Es begab sich, als irgendein gelackter Kaschmirmantelträger „Schiri, Du Schwuchtel“ rief. Eine Woge der Empörung schlug ihm von den anderen Plätzen entgegen, und die wahre Heldin des gestrigen Tages hatte ihren großartigen Auftritt: Es erhob sich die gewichtige Lesbe hinter mir und brüllte ihn mit einer Wortgewaltigkeit nieder, „ICH BIN AUCH EINE SCHWUCHTEL!“ in allen Varianten, daß es nur so schepperte. Einige stimmten ein, ich auch, wutentbrannt, brüllte „ICH AUCH!“ in des Geschniegelten Richtung, ein Typ hinter mir pflichtete bei „Wir sind alle Schwuchteln!“, eine sehr nette Dame beruhigte mich, mir auf die Schulter klopfend, ja, ich hätte ja recht, der Heini sei schlimm, aber … die heroische Lesbe, es gibt nämlich Helden des Alltags!, jedoch ließ sich nicht beruhigen, bis der gut Betuchte klein bei gab. Und ein Echo der alten Haupttribüne klang im neuen Gemäuer … punktueller Punkrock, schnell, kurz, laut, dreckig, wütend, richtig.

Natürlich gratulierte ich ihr nach Abpfiff, man stieß an mit Pfandplastikbechern – beim Hinabsteigen vom hohen Beton hakte sich einer der hinter mir Sitzenden bei mir ein und regte sich noch mal über den homophoben Drecksack mit seinen teuren Schuhen auf. Um mit der Pointe zu schließen, das schwulenhassende Gegröhle sei ja genau so schlimm wie „Scheiß HSV“-Rufe – aaaaaaaargh, da war sie wieder, diese empörende Vermengung, die von der „Benimm Dich!“-Fraktion gepredigt wird.

Ganz und gar gegenteilig der Empfang durch Foxxi-Bear vor der Domschänke: Er habe mich doch eigentlich mit den Worten „Du projizierst!“ empfangen wollen. Der hatte hier mit gelesen und attestierte mir viel zu viel Freundlichkeit und Duldsamkeit mit manchem Kontrahenten in den Kommentarschlachten der letzten Tage. Da wäre weiß Gott Grund genug gewesen, einen gewaltbereiteren Ton anzuschlagen, Stonewall sei schließlich auch ein Riot gewesen – recht hat er. Ich werde es mir merken.

Was nicht schwer fällt, das visuelle Mem sah ich grandios entfaltet vor dem Spiel, den ganzen Stehplatzbereich der Süd bedeckend. Danke denen, die so was möglich machen – auch ihr Helden des Alltags, die jedem Wilhelminismus mitten ins Gesicht grinsen mit dem Zähnefletschen des Totenkopfs.

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7 Antworten zu “Mit dem Zähnefletschen des Totenkopfs

  1. mondoprinte Oktober 31, 2010 um 2:43 pm

    Ich hasse Fußball, revisited 😦

  2. TantePolly Oktober 31, 2010 um 2:45 pm

    War zwar gestern so schön friedlich, aber es juckt doch zu sehr in den Fingern.

    Auch wenn das an offizieller Stelle keiner so sagen wird, ist wohl niemand sauer auf Gerald Asamoah, weil er gefoult hat, sondern weil er sich hat dabei erwischen lassen. Und dass es keinen Sinn hat, mit einem Schiri zu diskutieren, der offensichtlich mit einem Spiel in der 1. BL sowieso total überfordert ist, sollte er eigentlich auch wissen. Aber gut, in der Situation, gerade, wenn man sich ungerecht behandelt fühlt, handelt wohl niemand immer rational.

    Aber stolz darauf von einem Schiri wie Herrn Fritz verpfiffen worden zu sein? Hier würde ich mir wünschen, Sie dächten mehr an die Mannschaft, die ein faireres Spiel und den damit verbundenen Heimsieg hätte dringend gebrauchen können. Das ist meiner Meinung nach wichtiger, als das Gefühl, alle „Mächtigen“ seien gegen uns, vermeintlich bestätigt zu bekommen. Aber in diesem Punkt sind wir gefühlt wohl einfach nicht auf einer Linie.

    Und mal so ganz unter uns, wäre die Situation umgekehrt gewesen, hätte unsere Mannschaft doch auch die ein oder andere Chance wahr genommen, die Herr Fritz ihr zugespielt hätte. Frankfurt daraus jetzt so einen Strick zu drehen ist, wenn Sie ehrlich sind, doch etwas mit zweierlei Maß messen. 😉

    Viel bedenklicher fand ich da die Frankfurter Fans, die wie Herr @unverlierbar erzählte, aus dem Gästeblock herüber sprangen und FC St. Pauli Fans beleidigten.

    Ihre Reaktion und die Ihrer Umgebung auf den „Schwuchtel“-Spruch freut mich dafür umso mehr, auch wenn ich es immer noch traurig finde, dass man sich auch heute noch für seine sexuelle Ausrichtung verteidigen muss (btw einer der Punkte, bei denen Sie mich neulich missverstanden haben oder ich mich falsch ausgedrückt).

    Tja, und was die „Scheiß HSV“-Rufe angeht… Ich persönlich verwende meine Energie lieber darauf, meinen Verein anzufeuern, statt einen anderen zu beleidigen (Wobei ich schon noch Unterschiede sehe zwischen „Ihr seid eine Schauspielertruppe“ und „Scheiss $Verein“). Liegt vielleicht daran, dass ich selbst schon oft genug beleidigt worden bin; für meine Figur, meine Psyche, meine politischen Ansichten, meine Herkunft…

    Trotz unqualifiziertem Schiedsrichter und blödem 1:3, habe ich das Zusammenspiel unserer Jungs (sofern es denn zugelassen wurde) sehr genossen und mich gefreut ein paar neue Leute kennen zu lernen und andere wieder zu sehen – ja, auch Sie. 😉

  3. momorulez Oktober 31, 2010 um 3:00 pm

    @Mondoprinte:

    Volles Verständnis … ich meine, für uns ist es zwar ganz gut, wie Gladbach sich präsentiert, aber an Deiner Stelle würde ich auch ganz schön verzweifelt sein … mein ehrliches Mitgefühl ist Dir sicher!

    @Tante Polly:

    Ach, seufz … ich glaube, Sie werden den Tag nicht erleben, da ich hier schreiben werde, was Sie sich wünschen. Das wäre ja auch schrecklich, ich als Wunscherfüllungsautor … dafür gibt es doch schon Rosamunde Pilcher 😀 ! Und daß Sie sich für das Sich-Arrangieren mit den Mächtigen aussprechen, das weiß ich doch 😉 …

    Die Story von @unverlierbar hatte ich alkoholbedingt tatsächlich schon wieder vergessen. Ansonsten wollte ich mich auch nicht für „Scheiß HSV“-Rufe aussprechen; ich sehe hinsichtlich gesamtgesellschaftlicher Konstellationen, für die prototypisch der HSV steht, doch einen ganz gewaltigen Unterschied zwischen solchen Rufen und jenen, denen Sie wegen Ihres Aussehens oder Ihrer Herkunft ( die ich ja gar nicht kenne) sich ausgesetzt sehen. Darum ging es mir.

  4. TantePolly Oktober 31, 2010 um 4:08 pm

    @momorulez

    Ich habe schon wieder das Bedürfnis, Sie liebevoll zu knuddeln – um den Hals. -.-

    Ich bin nicht dafür, sich ums Verrecken mit „Den Mächtigen“ zu arrangieren, ich denke bloß, dass der direkte (emotional überladene) Weg nicht immer der Erfolg versprechendste ist. Es heisst nicht umsonst „Der direkteste Weg der Listigen ist die Schlangenlinie“. 😉

    Es geht mir auch nicht darum, dass Sie hier das schreiben, was ich mir wünsche (was ist das überhaupt? Würde ich nun wirklich gerne wissen *g*), sondern dass neben aller (wunderbaren) Emotionalität auch noch Platz für Fairness bleibt.

    D.h., einen Wunsch hätte ich doch! Ich würde mich freuen, wenn Sie mal einen Beitrag zum Thema „Feindbilder“ schrieben und ob es möglich ist ohne sie (zufrieden) zu leben. Und zwar sowohl aus Ihrer persönlichen (fußballerischen) Sicht, als auch im Hinblick auf unsere Regierung, die sich so verzweifelt nach einer möglichen Terror-Gefahr sehnt. Dazu würde mich Ihre Meinung wirklich sehr interessieren. Dann wünsche ich mir auch nichts mehr von Ihnen zu Weihnachten! 😉

  5. momorulez Oktober 31, 2010 um 4:31 pm

    Ach, das mit den Feindbildern ist so öde, verzeihen Sie mir … als ginge um „Feindbildpflege“. Nö. Geht darum, in einer Welt zu leben, da man direkt emotional sein kann und nicht listig sein muss. Zum Beispiel. Auch deshalb gehe ich ja zum Fussball, ganz therapeutisch. Alle zwei Wochen mal keine Strategien verfolgen, sondern raus-und zulassen. Dafür habe ich manchmal auch dieses Blog. Geht darum, für eine Welt zu fighten, in der niemand wegen seiner ureigenen Art, Körperlichkeit zu leben, zu begehren oder seiner Herkunft beschimpft wird. Das sind ja alles ganz positive Setzungen, die nun nicht der Feindbilder bedürften. Und trotzdem sitzt dieser Heini da und brüllt „Schwuchtel“. Ruft dann noch zu der tollen Lesbe „Ich mein ja den Schiri und nicht Dich!“. Von wegen. Der meinte sie damit und mich natürlich auch. Und all die Anderen, die um Fairness ihnen gegenüber erst mal kämpfen mussten und dann wie die Black Panther mit Geheimdienstmethoden bekämpft wurden oder wie ich von Frau Merkel höchstpersönlich, im Vergleich mit den Black Panthern ganz außerordentlich harmlos, weil ich nicht in deren „christliches Menschenbild“ passe. Kurz mal als Sonntagspredigt dazwischen geschoben. Sie wissen doch vermutlich sehr genau, wie tief das jedes Mal wieder verletzt, wenn jemand Worte analog zu „Schwuchtel“ ruft. Ich weiß nicht, welche Sie sich anhören mussten, aber das sind ja Anschläge auf das Gesamtpersonsein. Auf nix anderes will ich in all den Debatten verweisen, daß genau DAGEGEN anzurennen den FC St. Pauli ausmachen sollte und nicht irgendeine austauschbare Erstligistenidentität. Finde nicht, daß das Feindbildpflege ist.

  6. TantePolly Oktober 31, 2010 um 4:52 pm

    @momorulez Langsam finde ich es faszinierend, wie perfekt wir offenbar aneinander vorbeireden können. Vielleicht ist es besser, Sie auf das, was mir vorschwebte, demnächst mal persönlich anzusprechen.

    Und solange Sie nicht hochgradig gewalttätig agieren, werden Sie nicht erleben, dass ich Sie davon abhalten werde, jemanden zurecht zu stutzen, der beleidigend wird, im Gegenteil, Sie dürfen sich dann gerne hinter mir anstellen.

  7. Pingback: Theatersport | Foxxis Blog

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