Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Wie man auch „Migranten“körper erzeugt

„In einem Disziplinarregime hingegen ist die Individualisierung „absteigend“: je anonymer und funktioneller die Macht wird, um so mehr werden die dieser Macht Unterworfenen individualisiert: und zwar weniger durch Zeremonien als durch Überwachungen; weniger durch Erinnerungsberichte als durch Beobachtungen; nicht durch Genealogien, die auf Ahnen verweisen, sondern durch vergleichende Messungen, die sich auf die „Norm“ beziehen; weniger durch außerordentliche Taten als durch „Abstände“. In einem Disziplinarsystem wird das Kind mehr individualisiert als der Erwachsene, der Kranke mehr als der Gesunde, der Wahnsinnige und der Delinquent mehr als der Normale. Es sind jedenfalls immer die ersteren, auf die unsere Zivilisation alle Individualisierungsmechanismen ansetzt; und wenn man den gesunden, normalen, gesetzestreuen Erwachsenen individualisieren will, so befragt man ihn immer danach, was er noch vom Kind in sich hat, welcher geheime Irrsinn in ihm steckt, welches tiefe Verbrechen er eigentlich begehen wollte. Alle Psychologien, -graphien, -metrien, -analysen, -hygienen, -techniken und -therapien gehen von dieser historischen Wende der Individualisierungsprozeduren aus. Als man von den traditionell-rituellen Mechanismen der Individualisierung zu den wissenschaftlich-disziplinären Mechanismen überging, als das Normale den Platz des Altehrwürdigen einnahm und das Maß den Platz des Standes, als die Individualität des berechenbaren Menschen die Individualität des denkwürdigen Menschen verdrängte und die Wissenschaften vom Menschen möglich wurden — da setzten sich eine neue Technologie der Macht und eine andere politische Anatomie des Körpers durch.

Michel Foucault, Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses (Suhrkamp: Frankfurt/M., 1994), 248-250.

Der „deutsche“ Mann im Anzug oder in „praktischer Freizeitbekleidung“ ist selten Thema – aber der „arabischstämmige, gewaltgeneigte Macho“, der „sexualisierte Schwarze mit dem Rhythmus im Blut“, der „übergewichtige Unterschichtler“ – sie korrelieren, na, mit was wohl, der Statistik.

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22 Antworten zu “Wie man auch „Migranten“körper erzeugt

  1. T. Albert Oktober 29, 2010 um 1:04 pm

    Ist übrigens sehr spannend zu sehen, wie Künstler sich dem seit den achtziger Jahren wieder freudig unterwerfen, sogar gerne als ästhetische Ingenieure helfen wollen, den Mechanismus zu steuern. Und in letzter Zeit dient Nietzsche manchen wieder als Scharnier.
    Man kann ja gar nicht so weit laufen, wie man müsste.

  2. momorulez Oktober 29, 2010 um 1:10 pm

    Aus Nietzsche hat der Foucault ja durchaus auch Sinnvolles gezogen; die konkrete Rezeption hingegen ist allzu oft auch finster.

    Welche meinste denn konkret?

  3. T. Albert Oktober 29, 2010 um 1:50 pm

    Ich gebe zu, dass ich zu Nietzsche immer wieder kein gutes Verhältnis herstellen kann; das ist für mich eine sehr merkwürdige Leseerfahrung und es gelingt mir nie, die vorurteilsfrei zu machen. Kürzlich lese ich die wenigen Auslassungen zur Architektur von ihm und natürlich habe ich irgendwann, recht schnell, das Speer-Berlin vor Augen. Auch das Wort „tausendjährig“ fällt, und ich kenne Leute in der Szene, die eine Nietzsche-Bronze auf ihrem Tisch stehen haben, und von der Stadt des 19. Jhdts. schwärmen, die sie wieder errichten wollen und dabei geht es eben nicht nur um Fassadenkunst, sondern um soziale Realitäten, die sie im SInne der Elite-Diskurse interpretieren. Ich kenne eben nur Leute persönlich, die Nietzsche sehr wohl als atheistischen Religionsstifter sehen, der die wenigen Machtwilligen vereint. Und das ist die Rezeption, die das ganze zwanzigste Jhdt. von Künstlern und Arschitekten (- Schreibfehler) auch ausgedrückt wurde. Ob die nun den Führer liebten oder seine Liebe ästhetisch verfehlten – das ist ein versauter Tummelplatz, diese Kunstreligion mit ihren falschen Erhabenheiten. Und hier geht es um gesellschaftliche Gestaltung mit allen Mitteln, nicht um Kunst als ein relativ besscheidenes Ereignis zwischen Menschen oder zwischen subjektivem Mensch und Gott. Das wird ja darin aufgehoben.
    Dann gibts ja noch den einfachen Umstand, dass Nietzsche, der den deutschen Spiesser und seine Beischlaffreude beschimpft, eben von deutschen – und europäischen – Spiessern gelesen wird, und das hat ja Gründe in der WIrkmächtigkeit dieser Sprache, wo man ja so als Minimensch erstmal immer freudig aufschreit, ja, so isses, so isses, is das toll, ja, so einfach is die Welt und die Historie, was soll mir der janze andre Scheiss und wenn ich das hier gelesen habe, dann bin ich schonmal über diesen ganzen Kopftuch- und Kaftanträgern und Frauen und den dummen Armen, und ich muss kein Gutmensch sein.
    Das passt zu dem Pauli-Pulli-Träger mit weissem Sohn, das ist die andere Sorte Künstler, die Kunst-als-Politik und Kunst-als-Dienstleistung, Kunst als wichtiger, gestaltender Beitrag zur Gesellschaft im öffentlichen Raum betreiben, und mittlerweile es sogar ganz gut finden, eine Rolle in den ganzen Gentrifizierungen zu spielen. Letztes schönes Beispiel: das „Nagelhaus“ (Thomas Demand, Berlin) hier in Zürich, das dann aber von der ästhetisch reaktionären Stimmbürgermehrheit aus Geldgründen abgelehnt wurde.
    USw.

  4. T. Albert Oktober 29, 2010 um 2:05 pm

    Bin da gerade so aggressiv, weil ich an so einem merkwürdigen Auftrag rumgedoktert habe, wo sich das alles atmosphärisch so zwischen mich und die eigentliche Arbeit, die sehr interessant ist, geschoben hat. Jedenfalls ging es mir irgendwann so, dass ich das, was ich zu interpretieren und umzusetzen hatte, einen berühmten Entwurf zu einem Bild eines berühmten deutschen Architekten des 19.Jhdts. für einen bestimmten Saal, dass ich das Zeug um so mieser und dümmlicher fand, je mehr ich mich da rein vertiefte.
    Ich denke dann immer an diesen Satz von Morton Feldman: Die Werte haben sich als wertlos erwiesen. Und: Ich stelle mir das Kunstwerk als einfache menschliche HAndlung vor.
    Das wäre meine Gegenposition, die ich leider auch noch nicht erreicht habe, aber ich erforsche sie.

  5. momorulez Oktober 29, 2010 um 2:30 pm

    Ah, Danke! Und diese Nietzsche-Rezeption, die Du schilderst, die ist ja auch aus ihm selbst ableitbar – Bersarin hat da immer auf ein Buch meines Zweitgutachters einst, Bernhard F. Taureck, über Nietzsche und den Faschismus verwiesen. Gestern hat auch jemand Zitate aus dem „Antichristen“ getwittert gegen das Schwächliche, Weichliche usw., und selbst man das als Kritik fatalistischer Unterwürfigkeit liest, ist das trotzdem faschistoid.

    Ich habe den selbst auch wenig gelesen, habe da als Habermasianer eher einen Bogen drum gemacht. Allerdings ist die mir bekannte französiche Rezeption sehr anarchisch im positiven Sinne, auch sehr darauf gerichtet, z.B. Kunst nicht zu moraliseren, „Wahrheitsspiele“ zu diagnostizieren usw., und irgendwie scheint da ja auch möglich.

    „Das passt zu dem Pauli-Pulli-Träger mit weissem Sohn, das ist die andere Sorte Künstler, die Kunst-als-Politik und Kunst-als-Dienstleistung, Kunst als wichtiger, gestaltender Beitrag zur Gesellschaft im öffentlichen Raum betreiben, und mittlerweile es sogar ganz gut finden, eine Rolle in den ganzen Gentrifizierungen zu spielen.“

    Ja, das ist ganz gruselig und ambivalent. Obwohl man umgekehrt schon sagen muss, dass hier an der HfbK noch das widerständigste Potenzial sitzt – um dann im „Gängeviertel“ ganz plötzlich all diese „Kunst ist doch wichtig für den Wirtschaftsstanort und so schön bunt!“ doch zu reproduzieren.

    Bei dem Kapuzenpulli frage ich mich trotzdem, ob das nicht noch was anderes ist, bezogen auf Ästhetik. Das ist ja noch billiger – sich in einen vermeindlich widerständlichen Style zu kostümieren und ganz der deutsche Spießer sein, der sich dann aber mit Negri und Hardt schmückt, für ästhetische Erfahrungen aber im Grunde genommen jeglichen Sinn verloren hat. Ich meine, selbst bei Speer oder Riefenstahl macht man ja noch irgendeine Erfahrung, während diese Konsens-Musikhörer, linksspießige Klamottenträger mit Kind eher Karrikaturen dessen sind, was man einst als Böll-Leser abwertete (nix gegen Böll) und sich weitestgehend im erfahrungsfreien Raum bewegt, was Ästehtik betrifft. Da wird, was einst Gehalt hatte, plump veräußerlicht, zur reinen Fassade, Dekoration und Mitmachnummer. Wogegen dann das „Dionysische“ ja nicht unattraktiv erscheint … (mit „Erfahrung machen“ meine ich im Sinne Deweys, daß sie was ändert – man anders fühlt, sieht, denkt, handelt beim Machen oder Rezipieren eines Kuntswerkes. Und das nun wiederum nicht im Sinne von „Ich fühle mich so romantisch, wenn ich Kuschelrock auflege“).

  6. che2001 Oktober 29, 2010 um 2:34 pm

    Die Katharina Rutschky, die Hartmut da oben in seiner Gesamtbeschimpfung erwähnt war m.E. eine echte Täterschützerin, keine herbeistilisierte. Der kloppt da in einem Atemzug mit der RAF den Feminismus, Antiimperialismus und Antirassismus in eine Tonne. Und ich habe nicht den Eindruck, dass der sich wirklich damit auskennt. Aber ich gehöre mit Euch anderen ja auch zu den Irrelevanten;-)

  7. momorulez Oktober 29, 2010 um 2:43 pm

    Sektierer, Du! Überflüssiger! Immerhin beharrt er auf das Prinzip „Ausschluß“, wie auch immer – immer diese Frauen und diese Juden …

    Und Ziggev bekam attestiert, er würde bestreiten, daß der Vietcong gefoltert habe, dabei spielte der in der ganzen Diskussion zwischen den beiden gar keine Rolle, und sei somit so manipulativ wie BILD und DIE WELT. Gott, was eine arme Sau, da dreht sich ja einer um sich selbst, das muss ganz schön einsam machen … insofern lieber zurück zu Foucault und zur ästhetischen Nietzsche-Rezeption, das gibt mehr her!

  8. Loellie Oktober 29, 2010 um 2:56 pm

    Das mit dem Nagelhaus versteh ich jetzt überhaupt nicht. Ein Kiosk* mit Starbucks ist doch vollkommen ungeignet um irgendwas gegen irgendwen auszusagen. Schon garnicht gegen Globalisierung oder Kapitalismus. Das die AL sich durch das Teil verhöhnt fühlt, kann ich absolut verstehn, mal ganz unabhängig von der Gestaltung.
    Wenn irgendwelche Globalisten einen neuen Standort erschliessen wollen, können die das doch auch selber bezahlen. Sowas wie ein Stadtteil- oder Kulturzentrum würd ich mir ja noch gefallen lassen, aber doch keine systemgastronautische Frittenbude für 6mio.

    Der Wiederspruch den momo beschreibt mit “ … Obwohl man umgekehrt schon sagen muss, dass hier an der HfbK noch das widerständigste Potenzial sitzt – um dann im „Gängeviertel“ ganz plötzlich all diese „Kunst ist doch wichtig für den Wirtschaftsstanort und so schön bunt!“ doch zu reproduzieren. …“ ist doch eine völlig andere Diskussion.

    * Kiosk in der Schweiz ist auch ein Unternehmen und nicht mit den in der BRD unabhängigen Zeitungsverkäufern zu verwechseln.

  9. che2001 Oktober 29, 2010 um 3:34 pm

    Jau, schöne neue Welt: Öffentliche Förderung für Starbuck s, aber die Flora wird geräumt und Döner-Ali abgeschoben. Kann ja dann ein Starbuck´s rein.

  10. Loellie Oktober 29, 2010 um 3:42 pm

    Wobei Starbucks war jetzt Metapher, aber Normalmensch kommt an sowas doch überhaupt nicht ran. Mehr als Fertigfutter wird das auf keinen Fall.

  11. ziggev Oktober 29, 2010 um 6:17 pm

    @ „lieber zurück zu Foucault und zur ästhetischen Nietzsche-Rezeption, das gibt mehr her!“

    fänd ich auch interessant. 🙂 Zu Ns´ Rhetorik. Habe neulich mal wieder was von dem zur Entspannung gelesen („der kann wenigstens schreiben“), fand Jenseits von Gut und Böse aber keineswegs erhebend. Das geht zugegebener Maßen hier voll am Thema vorbei: geoutet habe ich mich ja schon als (partieller) Bhagwanist … Aber nach Osho/Bhagwasn-Lektüre fand ich das fast schon peinlich, was Nietsche schreibt, der tat mir ehrlich ein wenig leid. Und erleichtert stelle ich fest, dass ich offenbar vom Nietzsche-Komplex geheilt bin, der einem ja so lange anhaften kann.

  12. ziggev Oktober 29, 2010 um 6:23 pm

    ok., ok., … wenigstens richtig schreiben: Nietzsche (vorletzte Zeile).

  13. T. Albert Oktober 29, 2010 um 7:03 pm

    loellie
    „Das mit dem Nagelhaus versteh ich jetzt überhaupt nicht. Ein Kiosk* mit Starbucks ist doch vollkommen ungeignet um irgendwas gegen irgendwen auszusagen. Schon garnicht gegen Globalisierung oder Kapitalismus.“

    JA, eben, aber es war ja nicht nur als Kiosk konzipiert, sondern als Kunstwerk, mit dem die Gentrifizierung unseres Quartiers hier sich camouflageartig selbst kritisieren sollte.
    Das hat die SVP wiederum nicht gejuckt, die haben nur das Budget für eine „goldene Scheisschüssel“, mit der sie ja plakatiert haben, kritisiert.

  14. T. Albert Oktober 29, 2010 um 7:10 pm

    Ich sag da später noch mal was, ist nämlich interessant.

  15. bersarin Oktober 29, 2010 um 9:04 pm

    Ich möchte nun doch ein wenig für Nietzsche eine Lanze brechen, einmal davon abgesehen, daß er, wie Heidegger auch, für die (maßgebliche) französische Philosophie, die sich jenseits der traditionellen Lehrbetriebbahnen bewegte, von einschneidender Bedeutung war (Stichwort Genealogie). Und diese Philosophie von Lacan über Foucault, Deleuze und Derrida läßt sich kaum als politisch „rechts“ bezeichnen, nicht einmal als neukonservativ 😉

    (Ein Überblick und originäre Positionen bzw. kritische Lektüren finden sich in dem Buch „Nietzsche aus Frankreich“ mit Essay von Derrida, Blanchot usw. Der lesenswerteste Aufsatz ist der von Derrida: Sporen. Die Stile Nietzsches.)

    Manches von Nietzsche, etwa der „Zarathustra“, ist vom Heute her schwierig lesbar. Es erfordert eine gewisse Anstrengung, teils deshalb, weil der Pathos im Heute gelesen, befremdlich wirkt. (Und daß das Buch zur Tornisterliteratur wurde, war ihm sicherlich nicht unbedingt förderlich.) Dieses Pathos, diese Sprache jedoch ist bei Schiller, Kleist oder Hölderlin nicht anders. Kriterium der Rezeption ist ja auch nicht die Lesbarkeit eines Autors. Es findet in diesem Buch aber eine Durchdringung von poetischem Sprechen und Philosophie statt, die in den Debatten seinerzeit um Philosophie als Literatur und vice versa, nicht uninteressant ist. Zudem tritt dort eine Spur von individueller Ethik in die Philosophie, welche es in dieser Form nicht gab. Das hat entscheidende Auswirkungen auf die darauf folgende Lebensphilosophie: im Guten wie im Schlechten.

    Wer Nietzsches Text „Ueber Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne“ liest, bekommt in nuce ein Kurzprogramm des sogenannten Poststrukturalismus sowie eine moderne Wahrheitstheorie frei Haus geliefert.

    (Daß Nietzsche, wie de Sade und Schopenhauer, in der Lesart Adornos und Horkheimers zu den schwarzen Schriftstellern des Bürgertums gehörte und eben dadurch auf gelungene Weise jene Dialektik der Aufklärung illustrierte, sollte gleichfalls nicht unterschlagen werden.)

    Das Buch von Taureck gibt eine sehr gute Lesart: es beschönigt Nietzsche nicht, er war einerseits Protofaschist, es dämonisiert ihn jedoch genauso wenig, so wie etwa Georg Lukács dies in seinem Buch „Die Zerstörung der Vernunft“ macht. Adorno sagte über dieses Buch, daß dort Lucács‘ Vernunft selber ein wenig zerstört wurde.

    Sicherlich ist Nietzsche ambivalent und mancher Slogan wurde aus seinem Werk herausgebrochen und in einen Zusammenhang gesetzt, der nicht mehr der des Textes ist, so die Blonde Bestie oder der Satz „Was fällt, das soll man stoßen.“

    Daß die falsche Leute bzw. Behämmerte (was im Zusammenhang Nietzsche gut paßt) bestimmte Texte lesen, läßt nicht den Schluß zu, daß deshalb die Texte falsch wären. Und selbst wenn Schriftsteller oder Philosophen mit einem deformierten Bewußtsein Texte schreiben, so müssen diese Texte deshalb nicht falsch sein: das reicht von Benn über Paul de Man, Ernst Jünger bis zu Céline oder Ezra Pound. Allerdings: Man sollte Nietzsche nicht eins zu eins lesen, sondern mit Abstand. Deshalb ist, sozusagen als Einführung: das Buch von Taureck gut, weil es differenzierend vorgeht. Bevor man Nietzsche aburteilt, ist es jedoch ganz ratsam, ihn zu lesen, und zwar mehr als einige Aphorismen. Daß er freilich keine Jünger braucht, zeigte Nietzsche auf gelungene Weise im „Zarathustra“.

    Ich könnte sicherlich den ganzen Abend hier über Nietzsche schreiben und referieren, lasse das aber jetzt mal bleiben. (Und auf den Foucault-Text bin ich gar nicht eingegangen. Das ist schade.)

  16. momorulez Oktober 29, 2010 um 9:34 pm

    Danke für die Erläuterungen! Das mit der Lüge und der Wahrheit im außermoralischen Sinne und dem Bezug zum Postrukturalismus wage ich übrigens zu bezweifeln, ganz unbelegt heraus posaunt, weil man da schon soziale Realitäten und wie sie werden nicht in dem literarisierenden Sinne, den ich bei Nietzsche schon zentral finde als Nicht-Experte, im Gegensatz dazu durch de Saussure und Lévy-Strauss belehrt mit berücksichtigen muss. Was ich als Rückbezug zum Foucault-Zitat schon wichtig finde, weil es im Alltagsverständnis zu üblich geworden ist, sich auf das vermeintlich Offenkundige einen runter zu holen ( das war jetzt eine Lacan-Anspielung 😉 ) und zu behaupten, die poststrukturalistischen Denker und die postmodernen hätten kruden, fiktionalisierenden, literarisch geprägten Konstruktivismus vertreten, und dann ist es supersimpel „Realität“ so zu schreien, als würde man damit was sagen. Hat Habermas im „Philosophischen Diskurs der Moderne“ ja auch versucht in diesen komplett verunglückten Passagen zum Gattungsunterschied zwischen Philosophie und Literatur. Und ich würde zumindest Foucault, Lyotard und Deleuze, so weit ich letzteren begreife, und auch das, was ich von Derrida kenne, nicht dem rein Literarischen zuschlagen, Nietzsche schon eher – oder? Mit anderen Worten: Man kann den Strukturalismus, der dem Post- voran ging, nicht über den Nietzsche-Umweg umgehen, und die sozialen Realitäten werden über den Weg tatsächlicher Analysen politischer und humanwissenschaftlicher Texte und deren Wirkungsweisen analysiert und nicht so frei-flottierend antisystematisch, wie der Nietzsche das macht. Das Heroische gibt es auch nicht bei den Postmodernen und Poststrukturalisten, und eher eine Bewegung des Sich-Entziehens, nicht des Auftrumpfenden – was gerade in ästhetischen Fragen schon ein Unterschied ums Ganze ist. So dolle ja der „Zaratrustra“ von Strauss ist, das ist halt doch was anderes als House-Music, Sampling oder Stockhausen 😉 …

  17. Loellie Oktober 29, 2010 um 9:46 pm

    @ „Ich sag da später noch mal was, ist nämlich interessant.“

    Ja mach mal. Ich hab ja nicht mal mitbekommen dass es deswegen eine Abstimmung gab.

  18. T. Albert Oktober 29, 2010 um 10:31 pm

    loellie,
    ja, morgen, ich muss schlafen, wir liegen alle seit mittwoch im bett und dehydrieren, also, jetzt wirds besser.

    @nietzsche
    ja, das mag alles sein. aber philosophen werden nun mal nicht nur von philosophen gelesen. und die rezeption nietzsches unter künstlern ist einfach von verheerender wirkung gewesen. auch wegen des pathos` und gewiss wegen des heroischen und dieser vorstellung von kunst als heldentat, die ja seit dem 19.jhdt. leider überhaupt eine so grosse rolle spielt und zurückgespiegelt wird auf andere Jahrhunderte, um Helden zu produzieren, die aussermoralisch nutzbar sind, Rembrandt, Michelangelo usw.
    und mir geht es wirklich so, dass ich das alles nicht mehr ertragen kann, auch wenn adorno anderer meinung war. doof bin ich eben auch, und darum finde ich mich umstellt von diesen ganzen ideen, die ja immer aussermoralisch sein sollen, damit die grosse ästhetische geste sich überhaupt ereignen kann.
    na, dazu auch morgen weiter, jetzt geht nix mehr.

  19. Bersarin Oktober 29, 2010 um 10:32 pm

    Ich hatte ja bei mir drüben im Blog (Gott, das klingt wie DDR) seinerzeit den Aufsatz „Ueber Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne“ (abgelegt unter der Kategorie „Nietzsche“, wer nachlesen will) einiges geschrieben, auf das ich verweisen möchte. Was ich mit dem Bezug zum Poststrukturalismus meinte, sind Dinge wie: Keine Wahrheit (im emphatischen Sinne) oder Wesenheiten, sondern Interpretationen: „Wir glauben etwas von den Dingen selbst zu wissen, wenn wir von Bäumen, Farben, Schnee und Blumen reden und besitzen doch nichts als Metaphern der Dinge, die den ursprünglichen Wesenheiten ganz und gar nicht entsprechen.“ (KSA 1, S. 879) Dieses Motiv spielt Nietzsche mehrfach in seinen Schriften an, prominent in dem Aphorismus „Wie die ‚wahre Welt‘ endlich zur Fabel wurde“ in der Götzen-Dämmerung.

    Es liegt hier eben keine ontologisch fundierte Wirklichkeit mehr vor. Diese ist (über Sprache) lediglich perspektivisch zugänglich. (Das ist freilich nicht nur ein Motiv der Poststrukturalisten, sondern findet genauso eine Weiterführung etwa bei Günter Abel, was bereits im Titel seines Buches „Interpretationswelten“ sich zeigt)

    „Was also ist Wahrheit? Ein bewegliches Heer von Metaphern, …“ (S. 880) Diese Dezentrierung des Wahrheitsbegriffs, die sich in dem Aufsatz darstellt, würde ich schon als ein poststrukturalisisches Motiv lesen wollen. Zumindest zeigt sich da ein Ansatz bzw. ein Weg, der in die Richtung Paris geht. (Interessant nebenbei, daß bei Sartre meines Wissens Nietzsche kaum eine Rolle spielt, Heidegger hingegen eine recht große.)

    In der Tat: dieses Heroische und der Pathos, der heute nur noch eine hohle Formel ist, existiert bei den mir bekannten Philosophen des Poststrukturalismus nicht. Natürlich ist Nietzsches Ton (oder Stil) seiner Zeit geschuldet, das sollte dabei nicht vergessen werden. Er schrieb von 1870 bis 1889.

    Derrida verbindet noch am ehesten das Literarische mit der Philosophie. Am Ende aber bleibt es doch Philosophie, freilich getragen von einem hohen Stilbewußtsein. Derridas „Postkarte 1. Lieferung“ ist wohl ein literarischer Ausnahmetext im Korpus von Derridas Philosophie. Es ist richtig, daß das Literarische bei Nietzsche sehr viel stärker gewichtet ist als im Poststrukturalismus, und die Debatte Philosophie als Literatur war eher eine der 80er, frühen 90er Jahre.

    „Man kann den Strukturalismus, der dem Post- voran ging, nicht über den Nietzsche-Umweg umgehen, und die sozialen Realitäten werden über den Weg tatsächlicher Analysen politischer und humanwissenschaftlicher Texte und deren Wirkungsweisen analysiert und nicht so frei-flottierend antisystematisch, wie der Nietzsche das macht.“ Das ist richtig, sehe ich genauso. Nietzsche ist ja nur ein Moment im Poststrukturalismus, die anderen sind eben Hegel (teils ex negativo) und Heidegger. Herauszustreichen ist natürlich bei Nietzsche der antisystematische Charakter seiner Philosophie, dies vergaß ich als weiteres zentrales Moment zu erwähnen: Philosophie ist brüchig geworden und als System nicht mehr umstandslos zu haben. Ein Aspekt, nebenbei, den auch Adorno betonte, der Nietzsche in mancher seiner Denkfiguren nicht abgeneigt war.

  20. momorulez Oktober 29, 2010 um 11:03 pm

    @T. Albert:

    Erhol Dich, schlaf gut!

    @Bersarin:

    Die Wahrheit im starken ontologischen Sinne, ja, der man sich dann allmählich annäherte, weil sie vorgängig schon da war – aber ist das nicht schon bei Kant so? Das Ding an sich als Denknotwendigkei, okay, aber …

    Gibt auch Aufsätze zu Foucault und dem Nominalismus, die beide zueinander in Beziehung setzen, wo wir Ockham neulich schon hatten, und zumindest bei Foucault IST ja wahr, was von der Disziplinarmacht erzeugt wurde. Das IST unsere Realität, allerdings nicht unabänderlich, weil stets neue Wahreitsspiele, neue Dispositive, neue Ausschlussmechanismen usw. auf den Plan treten, höchst produktiv, im Zuge der Wissenserzeugung.

    Der Bezug zu Nietzsche ergibt sich bei ihm über dessen Kritik der Geschichtsphilosophie und die methodischen Umkehroperationen, ebenso über den „Willen zur Macht“, aber vor die Wahrheitsfrage ist bei Foucaultan die jener Prozeduren, in den WISSEN erzeugt wird, und den Strukturen, die Wissensbereiche strukturieren und Diskurse steuern, gekoppelt, und hat jede Gesellschaft Regeln, welche Sätze als wahr, welche als falsch gelten, aber das ist schon methodisch was anderes als bei Nitzsche, glaube ich.

    Ich hatte des ja damals bei Dir gelesen und fand den Text auch prima; er hat mich aber nicht wirklich überzeugt. Weil die Konzentration auf die Wahrheitsfrage eben das, was die für uns manifesten, sozialen Wahrheiten erzeugt, hervor bringt, eher beiseite schiebt, obgleich das die Pointe ist. Und dann kommt immer wer um die Ecke und behauptet, die Postmodernen hätten die Tatsache ignoriert, wo man ja immer nur antworten kann „Thema verfehlt“. Im Falle Derridas denke ich an die Texte zu Lévy-Strauss und Rousseau, bei Lyotard um die „großen Erzählungen“, die sich ja wiederum indirekt der Wahrheitsfrage annähern, indem die übergreifenden, narrativen Legitmationsnarrative, in Geschichtsphilosophie verortet, attackiert werden, nicht die simplen Tatsachen.

    Gibt noch andere Punkte, die mir einfallen, aber so weit mal für heute und bestimmt nicht, um Deinen Texten da nicht vollste Anerkennung zuteil werden zu lassen. Ich bin mir nur nicht sicher, ob das stimmt.

    Bei Sartre schimmert ein lebensphilosophischer Nietzsche übrigens auch durch. Sartre ist immer auch Verdinglichungskritik, der frühe Sartre, und eine Auseinandersetzung mit dem Christentum, die durchaus auch von Nietzsche inspiriert ist. Und kurioserweise in bestimmten Hinsichten eine hegelianische, aber negativ- dialektische Philosophie.Allerdings proppevoll mit Freiheitspathos, das der Kritischen Theorie fremd war.

  21. bersarin Oktober 30, 2010 um 8:49 am

    Richtig ist, daß Nietzsche ungenau ist bzw. hinter Kant zurückfällt, wenn er von den Dingen selbst schreibt. Und auch die Texte Hegels schwebten an ihm eher vorbei, als daß da eine Auseinandersetzung war. Natürlich kann man diese von mir zitierte Passage auch so lesen, daß die Dinge solche sind, die im Rahmen der Kantischen Philosophie stehen, eben als Gegenstände der Erfahrung, die den kategorialen Bestimmungen sowie den Formen der Anschauung unterworfen sind. Und man muß es ja immer wieder sagen: die Grenzen, welche Kant aufzog, reizten zum Übersteigen. Kant selbst hat das ja auch selber gesehen.

    „Gibt auch Aufsätze zu Foucault und dem Nominalismus, die beide zueinander in Beziehung setzen, wo wir Ockham neulich schon hatten, und zumindest bei Foucault IST ja wahr, was von der Disziplinarmacht erzeugt wurde. Das IST unsere Realität, allerdings nicht unabänderlich, weil stets neue Wahreitsspiele, neue Dispositive, neue Ausschlussmechanismen usw. auf den Plan treten, höchst produktiv, im Zuge der Wissenserzeugung.“

    Ja, dem stimme ich zu und auch dem, was Du zur Postmoderne schreibst, und deshalb ist Foucault auf die Gegenwart bezogen in dieser Beziehung fruchtbarer als Nietzsche. Nietzsche spielt in seiner Philosophie sehr viele Motive an, entfaltet jedoch keines dezidiert. Ein unsystematisches Philosophieren eben – das freilich seine Berechtigung hat. Wille zur Macht, die Welt nur als ästhetisches Phänomen gerechtfertigt, Genealogie, die Umwertung der Werte, die ewige Wiederkehr des Gleichen (der wohl am schwierigsten zu verstehende Part, erstmals auftauchend in der „Fröhlichen Wissenschaft“), der Tod des Menschen, eine Leib-Metaphysik. Aufgrund dieser Vielfalt und der Variation von Denkstilen vielleicht ist Nietzsche im 20. Jh. in verschiedenen Ausprägungen derart wirkungsmächtig. Er selber hat dies in einer Art prophetischem Größenwahn orakelt – in „Ecce Homo“, Ich bin eine Dynamit usw.

    Methodisch existieren zu Foucault allerdings Differenzen, wenngleich Nietzsche dort immer wieder auftaucht.

    Was die Wahrheitsfrage betrifft, so liefert Nietzsche in diesem Wahrheitsaufsatz ein Grundgerüst. Ich verstehe diesen Text als eine Art Propädeutik. Es ist ein früher Text von ihm, wenngleich ungemein hellsichtig auf einer intuitiven Ebene. Nietzsche ist ein Zeitdiagnostiker, der sozusagen mimetisch wie ein Seismograph verfährt, der die Ausschläge der Zeit in eine Anordnung bringt, die freilich unsystematisch auftritt. Er spürt die Epoche, vermag sie jedoch nicht auf den Begriff zu bringen. Das geschieht etwa bei Foucault und Adorno sehr viel dezidierter.

  22. momorulez Oktober 30, 2010 um 9:19 am

    Auf daß der Mensch verschwindet wie ein Gesicht, in den Strand gemalt 😉 – um im Namenlosen fort zu existieren, lachend, fröhlich und entzogen. Weil der Mensch, von dem man uns spricht, in sich das Resultat einer Uhterwerfung ist, die tiefer ist als er. Das ist ja im Grunde genommen auch mein Mantra, deswegen operiere ich in moralischen Fragen auch so gerne mit dem Kantischen Formalismus, weil der in Ruhe sein läßt.

    Ich ignoriere ja meinerseits auch fortwährend den Gegendiskurs von Literatur und Kunst, der bei Foucault, den ich halt am besten kenne, eine große Rolle spielt. Und seine Analysen der Las Meninas (? – schreibt sich das so?), des Don Quixotte, die Beziehung zu Boulez usw. sind ja immer auch Antworten auf das strukturale Machtgeschehen. Müsste ich auch mal wieder raus kramen. Das ist so eine hintergründige Nähe zu Nietzsche neben der Vordergründigen – und Adorno auch. Muss ich auch mal wieder nachlesen.

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