Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Jens-Martin Eriksen über Kulturalismus

„Von der Linken hören wir kulturalistische Schlachtrufe nach Anerkennung der modernitätsfeindlichsten und unappetitlichsten kulturellen Praktiken; die Rechte propagiert das Dänentum und fordert die Neubelebung des modernitätsfeindlichsten und ungenießbarsten dänischen Nationalismus.“

Das ist eine ganz interessante Analyse beim Perlentaucher; dennoch frage ich mich, welche „Anerkennung der modernitätsfeindlichsten und unappetitlichsten Praktiken auf der Linken“ denn nun gemeint sei. Daß man es in Ordnung findet, wenn Menschen keine Schweine essen wollen? Ich kenne die dänische Diskussion nicht; der einzige konkrete Punkt im Text, der statt unsinniger Behauptungen der Form „die Linke glaubt an den „edlen Wilden““ zu belegen versucht, ist der folgende:

„Sie glauben immer noch, es habe an dem gelegen, was sie einzig und allein der Rechten zuschreiben: sie sei „rassistisch“, und auch die Wähler, welche die Rechte erfolgreich mobilisieren konnte, seien entweder „rassistisch“ oder würden unter anderen psychischen Defekten wie der „Islamophobie“ leiden.“

Dies kann man problemlos an die Autoren zurückgeben,deren eigene Ausführungen zum 19. Jahrhundert betreffend – war es nun gerade die Einheit von Kulturalismus, Nationalismus und Rassismus, die insbesondere im Antisemitismus des 19. Jahrhunderts so grauenhaft sich formte und zugleich den Kolonialismus befeuerte und „legitimierte“. Die große Schwäche des Textes ist, Rassismus fadenscheinig als „nicht up to date“ zu behaupten und damit eine entscheidende Pointe kulturalitischen Agitierens zu verfehlen – wer eine wertenden Begriff von  „Kultur“ so verwendet, wie „Rasse“ einst verwendet wurde, und dabei „Überlegenheit“ und „Unterlegenheit“ behauptet,  ist eben auch Rassist.Es gibt moralisch richtiges und falsches Verhalten, und um Klitorisbeschneidung ganz fundamental  falsch zu finden, braucht man keinen Begriff von „Kultur“.

Daß es gerade dieses Gebräu ist, das auch die deutsche Diskussion am Köcheln hält, die Einheit von Nationalismus, Kulturalismus und Rassismus, sollte offenkundig sein – ist doch der Gedanke, „kulturelle Eigenschaften“ würden sich über Generationen per Quasi-Abstammung tradieren, einer, der sehr klar rassistische Motive aufgriff und bei Sarrazin noch ein „genetische“ Untermauerung erfuhr, die das Übel ergänzend mit Klassismus versetzte. Was nun die linke Antwort in der Tat ist – auf die „Klassenfrage“, wie auch immer neumodisch man sie formulieren möge, zu verweisen.

Ob der Begriff „Islamophobie“ nun richtig gewählt ist, ist noch mal eine andere Frage; immerhin ist er in der Lage, begrifflich zu fassen, wie von rechtsextremen Parteien eine diffuse Angst vor dem Anderen geschürt wird, die letztlich irrational ist, weil sie zwischen Islamismus bzw. dem politischen Islam und der Religionsausübung, die selbst Christen nicht versagt werden sollte, nicht mehr unterscheidet. Desensibilisierungsprogramme wie bei einer Spinnenphobie – Moschee-Besuche, Nachbarn kennen lernen – wären ebenfalls durchaus angebracht.

So bleibt auch des weiteren die Analyse an dem Punkt, da sie „die Linke“ betrifft, schlicht polemisch, um fein im Links-Rechts-Schema nun alle für blöd zu erklären. Dabei sind alle mir bekannten Kulturalismus-Analysen solche von links, während das rechte und liberale Lager sich darin gefallen, die „Aufklärung“ selbst kulturalistisch zu deuten, und genau DAS ist das aktuelle Problem. Herr Wilders macht genau das.

Die Pointe des Textes freilich ist, was meiner Wahrnehmung nach eigentlich alle linken Kommentatoren des Geschehens ganz ähnlich sehen:

„Wenn unterprivilegierte Gruppen dazu gebracht werden können, sich vermehrt um ihre Religion, Kultur und Identität zu sorgen, werden sie sich aufsplittern, ihre Aufmerksamkeit wird von den konkreten politischen Problemen weggelenkt. Die gegenwärtige Konstellation der dänischen Politik, in der viele benachteiligte Dänen die kulturalistische Rechte unterstützen, Einwanderer und Multikulturalisten hingegen die Linke, ist ein schlagendes Beispiel für dieses Phänomen. Hier liegt vermutlich eine der wichtigsten strukturellen Ursachen für die tiefgehende Krise der Sozialdemokratischen Partei, deren Kernwähler sich inzwischen nach ihren kulturellen Bindungen gruppieren und nicht nach ihren gemeinsamen Interessen.“

Inwiefern nun sozialdemokratische Parteien linke Parteien sind, das ist an sich schon eine Frage – klar ist, daß deren Krise nun gerade NICHT in einer linken Adaption des Kulturalismus begründet liegt, von Ausfällen Sigmar Gabriels mal abgesehen, sondern in einem vollständigen Verzicht auf linke Politikelemente und somit gerade die Rolle als Interessenvertretung dessen, was man einst despektierlich als „kleine Leute“ bezeichnete. Zumindest in Deutschand. Sie hat sich hier unter Schröder an neoliberale Modelle assimiliert, nichts anderes.

Nun jedoch schreitet der Text tatsächlich zu einem Knackpunkt fort, der aber wiederum verwischt, obgleich er doch erhellen könnte:

„Vielleicht liegt dies daran, dass der Marxismus und der Kulturalismus ein noch einfacheres und tiefer liegendes Denkmuster miteinander teilen: über das Verhältnis einer unterdrückten Gruppe zu einer herrschenden Mehrheit. So ist es möglich, dass man sich politisch auf die Seite der Unterdrückten stellt, gemäß der linken Parole aus den siebziger Jahren: „Ein unterdrücktes Volk hat immer Recht.“ Dies wurde ganz wörtlich verstanden, mit Folgen, die weit darüber hinausgingen, dass ein unterdrücktes Volk das Recht habe, von seiner Unterdrückung befreit zu werden. Es hatte nun Recht auch mit all seinen kulturellen Dogmen, ohne Rücksicht darauf, ob diese Dogmen gerecht oder richtig waren.“

Die Conclusio freilich verzerrt unzulässig. Die Gründe, die gegen Unterdrückung angeführt werden, sind ja solche, die Gerechtigkeit und Richtigkeit bereits voraus setzen, insofern ist das selbst da ein Fehlschluß, wo er tatsächlich auftreten sollte. Im Sinne der Gerechtigkeit und Moral ungerecht und amoralisch handeln, das hat die USA im Falle des Irak-Krieges getan, nicht die Linke. Und selbst die auch mir nicht geheure Kritik des „Kulturimperialismus“, die z.B. Bestandsschutz für Homophobie auf Jamaica fordert, kann gar keine linke Position sein, gerade WEIL sie die Grundlage aller Gerechtigkeitserwägungen, das formale Gleichheitsprinzip, verletzt, und ist unter Kulturkonservatismus zu verbuchen. Wie verdreht das Denken wird, wenn man solche Kriterien nicht berücksichtigt, belegt der Verweis auf die französische Journalistin Caroline Fourestes:

„Sie stellt fest, dass die beiden wichtigsten prototypischen Bezugspunkte der europäischen Linken während und nach dem Zweiten Weltkrieg zum einen der antitotalitäre Kampf und zum anderen die Entkolonialisierung und der Antiimperalismus waren. Lange Zeit konnten beide konfliktlos nebeneinander existieren; nach dem beachtlichen Erstarken des Islamismus in den islamischen Ländern und in den muslimischen Einwanderergruppen fand sich die Linke jedoch in der Frage gespalten, welches der beiden wesentlichen Kampffelder das wichtigere sei. Wer den antitotalitären Kampf für entscheidend hielt, wandte sich eher gegen den Islamismus als einer neuen Erscheinungsform des Totalitarismus aus der Zwischenkriegszeit. Wer jedoch den antiimperialistischen Kampf wichtiger fand, tendierte dazu, den Islamismus als legitime Herausforderung des westlichen Imperialismus zu unterstützen – zunächst in dessen kolonialistischer Phase und dann in seiner globalisierten Version. Damit war die Linke natürlich offen für den Kulturalismus.“

Nein. Natürlich haben linke Positionen gegen ökonomischen Imperialismus aufgrund der internationalistischen Gerechtigkeitsforderung zu agieren. Ebenso haben sie antitotalitär gegen die Einheit von Polizeiverstaatlichung und einem im Namen der „Terrorismusbekämpfung“ sich intensivierenden, globalen Überwachungsnetzes zu votieren. Und dann haben sie schlicht ein PROBLEM, wenn es nun ausgerechnet erzreaktionäre Gruppierungen sind wie die Hamas, jamaicanische Hassprediger oder die Muslim-Brüder in Ägypten sind, die sich antikolonial und antiimperialistisch gebärden. Das ist eine doppelte Frontstellung, nicht etwa ein Einfallstor für Kulturalismen – und wer solche vertritt, argumentiert auch nicht mehr links.

Freilich schreiben die Autoren ihren streckenweise als Diskussionsgrundlage ganz gut geeigneten Text gar nicht, um nun linke Positionen zu schärfen. Ihnen geht es darum, diese auf den „antitotalitären“ Kampf gegen den Islam einzuschwören – auf zum Gefecht. Und das machen sie so blöd wie alle Rechtpopulisten auch, die sich wenig dazu äußern, wie demokratiefeindlich es ist, daß die christliche Union einer Minderheit, nämlich Schwulen, das Adotionsrecht vorenthält, den Gleichheitsgrundsatz mißachtend. Also:

Immer häufiger stößt man auf den Begriff „Islamophobie“. Er wird eingesetzt, um jede Kritik am Islamismus und an jenen Aspekten des Islams zu stigmatisieren, die mit Demokratie, Menschenrechten und Rechtsstaatlichkeit in Konflikt stehen.

Was ja Blödsinn ist. Der dient dazu, klar zu machen, daß Demokratie nur im Sinne eines formalen Gleichheitsgrundsatzes begründbar ist und es insofern schnurz ist, wer welcher Religion angehört, für politische Prozesse. Ansonsten: Siehe oben. Den weiteren Verlauf des Textes kann ja jeder selbst lesen.

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40 Antworten zu “Jens-Martin Eriksen über Kulturalismus

  1. El_Mocho Oktober 27, 2010 um 9:15 pm

    „wer eine wertenden Begriff von „Kultur“ so verwendet, wie „Rasse“ einst verwendet wurde, und dabei „Überlegenheit“ und „Unterlegenheit“ behauptet, ist eben auch Rassist.Es gibt moralisch richtiges und falsches Verhalten, und um Klitorisbeschneidung ganz fundamental falsch zu finden, braucht man keinen Begriff von „Kultur“.“

    Das versteh ich jetzt nicht. Wenn man Kulturen nicht bewerten kann, wie will man dann die Klitorisbeschneidung verurteilen? Bekanntlich gibt es Menschen, die sie als Teil ihrer Kultur betrachten. Warum sollten diese die Kritik an der Klitorisbeschneidung nicht als rassistisch kritisieren, schließlich gibt es keine überlegenen oder unterlegenen Kulturen.

  2. momorulez Oktober 27, 2010 um 9:35 pm

    Nein, gibt es nicht, weil das Kriterium nicht Kultur ist, sondern richtig oder falsch. Es gibt ein universal begründbares Recht auf körperliche Unversehrtheit, u.a., weil diese eben Voraussetzung gelingender Selbstverwirklichung ist und das Gegenteil kaum auf allgemeine Zustimmung zielen könnte. Was nicht ausschließt, daß man sich für sich entscheidet, sich irgendwie freiwillig verstümmeln zu lassen; so weit es jedoch Moral tangiert, die intersubjektive Verhältnisse regelt, gibt es keinen Grund dafür, Andere zur Klitorisbeschneidung zu zwingen. Insofern kritisiert Moral hier konkrete, kulturelle Gegenbenheiten, freilich nicht selbst aus irgendeiner kulturell, also traditional begründeten Perspektive, sondern jener einer universellen und universalisierbaren, Kultur reflektierenden Moral. Hoch die internationale Solidarität.

  3. che2001 Oktober 27, 2010 um 9:58 pm

    Es gibt einen Antiimperialismus in stalinistisch-maoistischer Tradition, der in Deutschland heute eher marginal, international aber immer noch sehr verbreitet ist (und aus migrantischen Zusammenhängen kenne ich den immer noch als linke Standardposition), der die USA und Israel pauschalisierend als „Feindstaaten“ wahrnimmt. Der schließt zum Teil taktische Bündnisse mit der Hamas, findet aber die eigentlichen Inhalte des islamischen Fundamentalismus ziemlich Scheiße. Deren eigentliche Bezugsgruppen im Israel-Palästina-Konflikt sind marxistische PalästinenserInnengruppen wie PFLP, DFLP und Fida. Und es gibt den Neuen Antiimperialismus, der sich auf Basisbewegungen im Trikont, z.B. die südamerikanische Landlosenbewegung, indische Bauernrevolten, die Zapatistas usw. bezieht und sehr stark antipatriarchal und dekonstruktivistisch ausgerichtet ist (Bekämpfung von Sexismus und Homophobie gehört auch zu den Essentials der Zapatistas). Kulturalistisch sind beide nicht, sondern marxistisch bzw. marxologisch (Neue AntiimperialistInnen kritisieren ja gerade die Marxorthodoxie). Hauptaxiom des Neuen Antiimperialismus ist es, gleiche soziale Rechte für alle Menschen überall auf der Welt gleichermaßen einzufordern – und in Deutschland bedeutet das primär, gegen gesellschaftlich verankerten und staatlichen Rassismus Stellung zu beziehen, in Verbindung mit staatlichen Angriffen auf die Klasse. Die Argumentation dort oben kennt man von gewissen Brödern; sie hat nichts mit den Inhalten realer linker Bewegungen zu tun, sondern ist eine Projektion.

  4. Nörgler Oktober 27, 2010 um 10:04 pm

    Da Du es nicht verstehst, El_Mocho, erkläre ich es so, dass auch die Kulturalen es begreifen können:
    Um die Klitorisbeschneidung ganz fundamental falsch zu finden, braucht man deshalb keinen Begriff von „Kultur“, weil Barbarei als Gegenteil von Kultur außerhalb derselben steht.
    Der Gendefekt der Kulturalen besteht darin, dass sie Kultur und Barbarei nicht unterscheiden können. So kommt es denn, dass sie alle Kultur der anderen als Barbarei betrachten, und alle Barbarei der eigenen Sippschaft als Kultur.
    Vermittels dieses Kunstgriffs gelingt es auch, die übelste Killerbrigade der Weltgeschichte: die Deutschen, vorzustellen als die Gemeinschaft derer, die den schwarzen Gürtel im Dichten und Denken haben, und deren Kultur darum andere soll „leiten“ können.
    Dass diese anderen lieber parallelgesellschaftlich in Moschee und Burka sich verkriechen, als den Zumutungen der Kultural-Barbaren sich auszusetzen, macht sie geradezu zu Bannerträgern von Vernunft und Aufklärung.

  5. momorulez Oktober 27, 2010 um 10:19 pm

    @Che:

    Das ist ja das Grauen, das vor allem diese antideutschen und vermeindlich „anti-verschwörungstheoretisch“ angelegten Propagandamaschinerien in den Köpfen angerichtet haben, daß solcherlei Differenzierungen und Kenntnisse, wie Du sie aufbereitest, komplett aus der Diskussion verschwunden sind.

    @Nörgler:

    Danke. Auch wenn wir so oft aus verschiedenen begrifflichen und manchmal auch theoretischen Ecken kommen, schlußendlich meinen wir doch sehr oft das gleiche.

  6. che2001 Oktober 27, 2010 um 10:24 pm

    Die einzige legitime deutsche Leitkultur wäre die, die sich zwischen Schwulenklappen, Frauenhäusern, Flüchtlingsberatungsstellen, der Hafenstraße, dem Sielwallhaus und dem JUZI entwickelte und nun den tumben deutschen Spießer mit der scharzrotgewandeten Bullizei niederhält. Die gibt es überhaupt nicht – daher wird sie von den Mehrheitsgesellschaftlern herbeihalluziniert in ihrem Kampf gegen Political Correctness. Korrekt ist gar nichts im Staate Dänemark oder Deutschland.

  7. Isi Oktober 27, 2010 um 10:38 pm

    Mal als Subdiskurs: In Deutschland herrscht mittlerweile gesellschaftlicher Konsens, dass Genitalverstümmelung falsch ist. Selbst Rassisten entwickeln da Empathie. Deutsche Kultur ist also weniger brutal als jene strengpatriarchale Kulturform, in der Genitalverstümmelung an Frauen und Mädchen richtig ist (wozu ich jetzt nichts sagen will). Aber gerade in Deutschland ist es eben so, dass es da bestimmte Diskurse gibt, in denen zum Beispiel die männliche Vorhautbeschneidung als mindestens ebenso schlimm betrachtet wird und darum wird vorallem gegen die Gesetzinitiative zur besonderen Strafbarkeit von Genitalverstümmelungen als ‚Sexismus‘ gewettert, denn darin wird ausdrücklich die Genitalverstümmlung von Frauen erwähnt. Über Umwege, und das gilt als „kultiviert“, werden als kulturelle Disharmonien erzeugt, die doch irgendwie barbarisch sind, aber irgendwie angepaßt aussehen. Diskurspiraterie und Parolenmissbrauch, klar – aber interessant. Wir sind nicht emanzipierter, unsere Ärsche sind nur feiger, ausgebuffter und seltener. Mit solchen Argumentationsfiguren einher gehen dann aber auch (speziell als „Beschneidung) Antijudaismus und Antiislamismus, eher „zufällig“, weil FGC mit religiös bedingten Riten in einen Topf geworfen wird und kriminalisiert werden soll, wie man es gegen FGC erwägt. FGC ist aber extremster Ausdruck patriarchaler Kultur in Form radikaler Entweiblichung; Vorhautbeschneidung ist aber ein – zumindest in D – Ritus bestimmter Religionsgemeinschaften und es war nie die Entmannung Ziel, sondern die Vermannung. Aber allein durch diese ständigen Vermengungen, sind Diskurse so verdammt kompliziert. Redlichkeit, kann man aber leider niemandem einflößen.

  8. hf99 Oktober 27, 2010 um 11:21 pm

    „und darum wird vorallem gegen die Gesetzinitiative zur besonderen Strafbarkeit von Genitalverstümmelungen als ‘Sexismus’ gewettert“ das ist einfach unwahr. Die Klitorisbeschneidung wird zur Debatte gestellt. Leider zT von den Falschen.

    ich, nebenbei, bin aus rein medizinischen Gründen beschnitten. Who cares!

    Nicht medizinisch indizierte Zwangsbeschneidunen von präpubertären Mädchen sind (1.Ebene) in meinen Augen einfach eine Sauerei. Ich kann (Metaebene) verstehen – wenn auch selbst auf der 2ten Ebene nicht billigen – warum es dazu kommt. Aber das bleibt ein schmirgelndes Problem. Es geht eben um Humanität für alle… Ich bin männlich, bildungs- wie ökonmisch privilegiert aufgewachsen, weiß, ne Hete sowieso…kurz: Das volle Programm. Und dennoch finde ich Klitoris-Beschneidungen schlimm! ich weiß natürlich, dass der „Kampf gegen Klitoris-beschneidungen“ diskurspolitisch vernutzt wird. Nur: So what! Ist Klitoris-Beschneidung deswegen richtig? W i e man Klitorisbeschneidungen bekämpfen muss, darüber mögen wir uns sachlich auseinandersetzen, d a s s man sie bekämpfen muss, sollte unstreitig sein.

    In Ghana, in diversen anderen afrikanischen Staaten, habe ich läuten hören, gibt es in den Schulen noch die Prügelstrafe. Prügelstrafe ist falsch. Und dieses Urteil maße ich mir hiermit an. Nicht als weißer Herr zum schwarzen „Neger“. Sondern von Mensch zu Mensch. Und wenn man mir (zu Recht!) antwortet, diese Strafe sei doch erst durch die weißen Herren eingeführt worden, so antworte ich: Seid Ihr denen immer noch Untertan?

  9. Isi Oktober 28, 2010 um 8:01 am

    hartmut, Schätzelein, stalkst du mich?

    🙂

    Alles gut und schön, was du erzählst, hartmut, aber ich halte es für antrainiert. Ich meine, so wie du mit mir und anderen Randgruppenstilfiguren umgehst, hartmut, kann ich mir nicht vorstellen, dass du irgendjemanden davon abhalten würdest, wenn meinen Mädchen jemand die mittelstandsfeministische deutsche Wohlstands-Fotze auskratzt oder dass es sich wütend macht, wenn meinen weinenden Kindern ein Spacken ins Gesicht wichst oder den Arsch zerfickt, weil Ehrenmann Tauss dazu recherchieren will. Verstehst du, hartmut? Deine Moral gegen Folter von Mädchen und Amputation ihrer primären Geschlechtsorgane in anderen Gegenden zu sein, aber anzumerken, dass hier „die Falschen“ gegen Genitalverstümmelung agitieren, ist einfach nicht stringent: Es ist nicht authentisch, gegen Gleichberechtigung zu wettern, sexuellen Missbrauch zu verharmlosen und sich schützend vor Täter zu stellen und hinter jedem Baum einen Feind zu schnuppern, um dann „indizierte Zwangsbeschneidunen von präpubertären Mädchen“ für eine „Sauerei“ zu halten. Obwohl….eigentlich ist es das ja doch: Eine ‚Sauerei‘ sind ein verdrecktes Kinderzimmer, eine Anrechnung des Kindergeldes auf HartzIV oder die objektmäßige Bezogenheit deiner merkwürdigen Erregungsflutwellen. „Justizskandale“ wie Tauss, Kachelmann und Worms erregen dich einfach dramatischer, da geht es um medialen „Mord“, einen „Pranger“, gegen das „Ende einer Karriere“ blabla und das alles bringt dich so richtig in Wallung. Und nun guck‘ dir deine obige Formulierung an: Du nennst Genitalverstümmelung ja noch nicht mal beim Namen und erfindest eine „Klitorisbeschniedung“. Und du findest das Auskratzen einer präpubertären Vagina unter unsäglichen Bedingungen -die schlimmste Folter, die man sich vorstellen kann- mit den tragischsten Folgen für ein gesamtes Frauenleben, an kleinen Mädchen ausgeführt, die nicht unter dem Eingriff sondern auch unter physischen Folgen ein Leben lang zu leiden haben, eine „Sauerei“. Für die Unschuld der Herren Tauss, Kachelmann und den Heimleiter des Spatzennestes, haste dich definitiv mehr engagiert.

    Das legt die Vermutung nahe, dass deine „Unaufgeregtheit“ wie auch deine „Empörung“ nicht geschlechtsneutral verteilt ist, sich nicht an Fakten orientiert sondern an patriarchalen Opfer-Täter-zuschreibungen und darum geht es in meinen Kirtiken an deinem Verhalten, zumindest mir. Männer als Täter kommen in deinen Empörungsexzessen immer gnädiger weg, ernten sogar deine Solidarität, während Straftaten gegen Frauen und Kinder zwar auch beklagt werden, aber vor allem deine Ambitionen wecken, gegen „die Falschen“ als deren Verteidiger zu wettern. Infantiler Mumpitz. Deine Aufforderung „sachlich“ vozugehen, nach dem du gerade diese Ebene verlassen hast, weil es nach deinem Dafürhalten nunmehr nur noch um das „wie“ geht, ist zynisch. Um das „Wie“ können wir diskutieren, wenn es um alternativen geht, aber nicht bevor das Drama beseitigt ist; bis dahin sind alle Mittel recht und niemandes Versuch ist falsch. Nur NICHTS zu versuchen oder aber die Gegner abzuhalten, kann hier falsch sein!

    Ich bin mir nach monatelange Lektüre deines Blogs sicher: Die nichtmännlichen Opfer (Männlichkeit im soziologischen Sinne eines patriachalen Rollenverständnis vom „Mann“) von patriarchaler Gewalt, erwecken bei dir kein Mitleid, da gibt es keine Empathie. Allerdings: Auch zur Verteidigung patriarchaler Gewalt und deren Protagonisten, braucht es keine Empathie, sondern nur ein sexistisches Basisverständnis, das ich dir hiermit bescheinige.

  10. Nörgler Oktober 28, 2010 um 2:27 pm

    „Du nennst Genitalverstümmelung ja noch nicht mal beim Namen und erfindest eine ‚Klitorisbeschniedung‘.“
    Klitorisbeschneidung ist Genitalverstümmelung. Ich sehe keine Anzeichen, dass Hartmut das anders meint. Jedenfalls in den Kreisen, in denen ich verkehre, werden beide Begriffe synonym, nebeneinander und mit dem gleichen Abscheu gebraucht.

    „Und du findest das Auskratzen einer präpubertären Vagina unter unsäglichen Bedingungen (…) eine ‚Sauerei‘.“
    Ich auch.

    „Für die Unschuld der Herren Tauss, Kachelmann und den Heimleiter des Spatzennestes, haste dich definitiv mehr engagiert.“
    „… die schlimmste Folter, die man sich vorstellen kann- mit den tragischsten Folgen für ein gesamtes Frauenleben, an kleinen Mädchen ausgeführt, die nicht unter dem Eingriff sondern auch unter physischen Folgen ein Leben lang zu leiden haben,“ – aber für des Mißbrauchs Falschbeschuldigte, denen die materielle und seelische Existenz zerstört wurde, hast Du Dich definitiv weniger engagiert.
    Gemerkt? Das „definitiv mehr engagiert“-Argument ist unsinnig, weil es sich beliebig umdrehen läßt. Gern wird es auch genommen, um Demonstranten zu diskreditieren. Es heißt dann: „Wo waren die denn, als …“

    „… sexuellen Missbrauch zu verharmlosen und sich schützend vor Täter zu stellen“
    Auch nach der x-ten Wiederholung glaube ich nicht, dass das Dein Ernst ist.

  11. momorulez Oktober 28, 2010 um 2:34 pm

    Da muss sogar ich den Hartmut mal in Schutz nehmen: „Klitorisbeschreibung“ hatte ich bereits im Text geschrieben und verwende es in der Tat auch synonym mit Genitalverstümmelung. Und Hartmut wettert gegen massive und rechtlich nicht nachvollziehbare VORVERURTEILUNGEN in seinem Blog und verteidigt somit ein hohes Rechtsgut, das in diesem Staat eh schon mit Stiefeln zertrampelt wird, nämlich das „im Zweifel für den Angeklagten“. Ob und inwiefern wir es mit einer „Männerjustiz“ zu tun haben und welche Perspektive Hartmut bei diesem Thema einnimmt, das sind schon berechtigte Fragen, die aber, wie gesagt, bitte nicht in diesem Blog zu diskutieren sind.

  12. Nörgler Oktober 28, 2010 um 3:15 pm

    Also echt, „Klitorisbeschreibung“ ist dann ja wohl der Gipfel der Verharmlosung!
    😉

  13. momorulez Oktober 28, 2010 um 3:17 pm

    Da haste allerdings recht 😀 – der ist so doof, den laß ich stehen und mich dafür beschimpfen.

  14. che2001 Oktober 28, 2010 um 5:34 pm

    Hm, da laufen mit ja die eigenen Debatten der 90er über den Weg.

  15. T. Albert Oktober 28, 2010 um 7:01 pm

    @“gemäß der linken Parole aus den siebziger Jahren: „Ein unterdrücktes Volk hat immer Recht.“ Dies wurde ganz wörtlich verstanden, mit Folgen, die weit darüber hinausgingen, dass ein unterdrücktes Volk das Recht habe, von seiner Unterdrückung befreit zu werden. Es hatte nun Recht auch mit all seinen kulturellen Dogmen, ohne Rücksicht darauf, ob diese Dogmen gerecht oder richtig waren.““

    Die hab ich gar nicht mitgekriegt, diese linke Parole in den siebziger Jahren.

  16. El_Mocho Oktober 28, 2010 um 8:51 pm

    @momorulez
    „Es gibt ein universal begründbares Recht auf körperliche Unversehrtheit, u.a., weil diese eben Voraussetzung gelingender Selbstverwirklichung ist und das Gegenteil kaum auf allgemeine Zustimmung zielen könnte.“

    Das überzeugt mich nicht. Wer sagt, dass körperliche Unversehrtheit „Voraussetzung gelingender Selbstverwirklichung“ ist? Wer sagt überhaupt, dass Selbstverwirklichung ein kulturtranszendentes, von allen Menschen geteiltes Ziel ist? Werden hier nicht wieder mal westliche Vorstellungen stillschweigend als universal untergeschoben?

    Hier mal eine Gegenstimme. „Dr.Fuambai Ahmadu is Associate professor at the Department of Comparative Human Development, University of Chicago”, und sie sschreibt:

    “Most studies indicate that many circumcised women enjoy sex and experience orgasms. Some do not, but then again many uncircumcised women do not enjoy sex or experience orgasms, despite their clitoris being “intact”.

    Demnach ware also die körperliche Unversehrtheit kein Hindernis der Selbstverwirklichung. Weiter:

    “While I do not deny the freedom of anti-FGM campaigners to attempt to dissuade women to abandon a practice they perceive as harmful or morally objectionable, I must stress that there ought to be some respect and sensitivity to Sierra Leonean women and our culture. The term FGM is offensive, divisive, demeaning, inflammatory and absolutely unnecessary!! As black Africans most of us would never permit anyone to call us by the term “nigger” or “kaffir” in reference to our second-class racial status or in attempts to redress racial inequalities, so initiated Sierra Leonean women (and all circumcised women for that matter) must reject the use of the term “mutilation” to define us and demean our bodies, even as some of us are or fight against the practice. For those Sierra Leonean women who see themselves and wish to define their genitals as “mutilated” they are welcome to do so in private or among those who are like-minded; there are many African-Americans who refer to themselves and each other as “niggers”. For those of us who take pride in our culture, our ethnicity, and our female ancestors, which Bondo represents, we must continue to stand up for ourselves and defy any attempt by others, however powerful they may be, to rewrite their own histories onto our bodies, to negate our particularities as they universalize their own.”

    Demnach ist also schon die Bezeichnung der Klitorisbeschneidung als “Genitalverstümmelung” ein imperialistischer Trick westlicher Universalisten zur Unterdrückung der afrikanischen kulturellen Identität.

    Und noch weiter:

    “It is disingenuous at the very least and an outrageous travesty for development agencies supposedly concerned about the welfare of children and women to suggest, without one iota of medical or scientific evidence from the country, that it is “FGM” and other “harmful traditional practices” that are the cause of these intractable and deplorable health problems facing Sierra Leone. Such attempts to deflect attention away from the actions and policies of previous irresponsible governments as well as endemic structural inequalities in international economic systems and practices (in which diamond rich countries like Sierra Leone are pillaged to meet the insatiable demand of consumers in Western countries) result only in the further division of Africans, and in this case, African women.”

    Kampgnen internationaler Organisationen gegen Genitalverstümmelung dienen also nur dazu, die Ausbeutung Afrikas durch den Westen zu legitimieren.

    http://www.thepatrioticvanguard.com/article.php3?id_article=2434#

    Denen kann man nicht mit Selbstverwirklichung und allgemein Zustimmungsfähigen Maximen kommen. Sie würden einfach sagen: „Was willst du denn? Wer bist du denn, uns vorschreiben zu wollen, wie wir zu leben haben und was wir mit unseren Körpern machen?“

    @Isi
    „FGC ist aber extremster Ausdruck patriarchaler Kultur in Form radikaler Entweiblichung; Vorhautbeschneidung ist aber ein – zumindest in D – Ritus bestimmter Religionsgemeinschaften und es war nie die Entmannung Ziel, sondern die Vermannung.“

    Im Gegenteil, es geht durchaus um “female empowerment”. Fuambai Ahmadu sagt dazu:

    “the bulk of the clitoris is beneath the vaginal surface and along with other parts of the genitals and other areas of women’s bodies remain very sensitive and perfectly functioning for most women after excision. …
    We must demand to know why there is international outrage against the circumcision of African girls yet the circumcision of boys, even under comparable circumstances, continues and moreover is officially encouraged by WHO. What form of patriarchy in Africa competes with the infantilization of circumcised African women by the more militant of our western(ized) feminist sisters who, ignoring their own questionable “cosmetic” practices and hegemonic motives, purport to know better than us what is for our own good.”

  17. momorulez Oktober 28, 2010 um 9:33 pm

    @El Mocho:

    Entscheidend ist ja, was die Frauen selbst sagen, und nicht, was Herr oder Frau Ahmadu aus Chicago da vor sich hin referiert. Frag sie doch, jede Einzelne.

    Wüßte jetzt nicht, inwiefern das ein „imperialistischer Trick“ wäre. Und wenn Leute es FÜR SICH als Weg zur Selbstverwirklichung betrachten, auf Selbstverwirklichung zu verzichten, indem sie sich an irgendwelche vorgebene Köpernormen oder was nun gerade mal wieder irgendwer als „kulturelle Identität Afrikas“ assimilieren, dann können sie das ja auch gerne tun, eben sowieso schon, nicht, weil ich hier gerade irgendwas schreibe, so lange sie dazu keiner zwingt und sie es vor allem auch nicht von Anderen erwarten.

    Das, was der oder die Chicagoer Lehrende da schreibt als auch das, was Du schreibst, macht ja nur Sinn, wenn man bestimmte Rechte bereits voraus setzt. Du kannst „westliche, imperialistische Annektionen“ gar nicht kritisieren, wenn Du nicht so etwas wie ein Recht auf Selbstbestimmung oder Selbstverwirklichung als Kriterium ansetzt, weil Du dann keinen Grund gegen imperiale Annektionen zur Verfügung hast.

    Und, wenn man mit Leuten redet, die sich viel mit Regionen in Afrika beschäftigt haben, dann lachen die sich tot, wenn sie „kulturelle, afrikanische Identität“ hören, weil das hier wie dort zumeist irgendwelche Hegemonialideologien von in irgendwas wirtschaftlich Verstrickten sind – mit einer tatsächlich entscheidenden Ausnahme: Der Sprache. Daß man also lernt, sich selbst in der Sprache der ehemaligen Kolonisatoren zu verstehen, was fatal ist. Und eine EIGENE Geschichtsschreibung ist auch Teil der Selbstverwirklichung.

    Und was passiert? Irgendwelche US-Evangelikalen pumpen Gelder nach Uganda, wo die Herrschaftscliquen um ihre Macht bangen, also hier wie dort, nicht weil man das irgendwie naturgemäß korrupter wäre, und ganz plötzlich gilt so genannte „Homosexualität“ als „unafrikanisch“, natürlich wahlweise auf englisch oder französisch, vermute ich. Wie Du in den ganzen zerbombten, zerquälten und seit Jahrhunderten geschundenen und ausgebeuteten Gegenden dieser Erde, und dort noch brutalstmöglich verschärft, irgendwelche „authentischen“ oder „ursprünglichen“ „kulturellen Identitäten“ finden willst, das erklär mir mal.

  18. che2001 Oktober 28, 2010 um 10:15 pm

    @“Die hab ich gar nicht mitgekriegt, diese linke Parole in den siebziger Jahren.“ — Ich kenne die als: „Wer für das Volk kämpft, der ist im Recht“ oder „Wer dem Volk dient, der hat immer Recht“, beides Mao Zedong. Bei K-Gruppen verbreitet in den 70ern. Unterdrückte Völker haben m.W. in dieser Argumentation nichts zu sagen, weil es um das Selbstverständnis von Revolutionären ging und nicht um Völker, denen identitär Eigenschaften zugeschrieben wurden.

  19. che2001 Oktober 28, 2010 um 10:21 pm

    @El Mocho: Diese Definition afrikanischer kultureller Identität gibt es so nicht. Macker sind auch in Afrika Macker, das Patriarchat ist auch dort ein Patriarchat, und Feministinnen und Schwulenbewegte sind das auch in Afrika. Erzähle diesen Sermon mal linken AktivistInnen in Johannesburg oder feministischen Friedensbewegten im Kongo – und sei froh, wenn es nichts auf die Glocke gibt.

  20. T. Albert Oktober 28, 2010 um 10:37 pm

    Naja, wenn wir das auf K-Gruppen beziehen, dann kenne ich das gut.
    Aber dass das eine unreflektierte, allgemeinlinke „Parole“ gewesen sein soll, das habe ich nicht mitgekriegt. Man soll doch jetzt nicht so tun, als hätten in den Siebzigern alle mit dem Roten Büchlein gewedelt. Das war ja das schöne, nachdem ich aus der gymnasialen AO-K-Gruppe rausgeflogen war. Ich fand ja bestätigt, weswegen ich rausgeflogen war, dass diese Fragen diskutiert wurden, ausserhalb der K-Gruppen-Parallelgesellschaften, die jetzt so hhochgeblasen werden, dass man das Bild einer homogenen Linken bekommt, die es eben nicht gegeben hat, und die unter Hegemonie dieser paar K-Hanseln gestanden hätte.
    Mir geht das auf den Zeiger.
    Und „Es hatte nun Recht auch mit all seinen kulturellen Dogmen, ohne Rücksicht darauf, ob diese Dogmen gerecht oder richtig waren.“ – sorry, was soll denn solche ideologische Kolportage. Ich weiss noch nicht mal, was der Schwachsinn meint, was er eigentlich meint, das versteh ich schon.

  21. che2001 Oktober 28, 2010 um 10:52 pm

    Voll bei Dir. In Sponti-Kreisen wurde über den maoistischen Mist nur abgekichert. Später gab es dann Bilder von der Großen Mauer in China mit dem Spruch drunter „Die Mauer muss weg.“ Und selbst der BWK (Abspaltung des Irgendwie-maoistischen KBW) fand sich dann gemeinsam mit KB, Anarchos und Autonomen in Bündnisszusammenhängen wieder, die eher radikaldemokratisch als K-Gruppenmäßig waren. Das ist ja der seit ca. 1982 immer wiederkehrende Dauerblödsinn, dass eine nicht mehr dogmatische radikale Linke von Konserven und Liberallalas immer noch mit einigermaßen stalinistischen Gruppen identifiziert wird, die es kaum noch gibt.

  22. T. Albert Oktober 28, 2010 um 11:54 pm

    Ich find noch gut da oben im Zitat, dass der Rassismus der Rechten eine Zuschreibung der Linken sei. So versichern sich Rassisten schon länger gegenseitig, dass sie keine seien. Eben, das Bekenntnis zum eigenen Rassismus ist noch nicht ganz uptodate. Aber nur das Bekenntnis.
    Eigentlich ist die Sache aber schlimmer als in den Hoyerswerda-Solingen-Jahren, weil jetzt ganz „normal“ rassistisch gesprochen wird, wie es die selbsternannten Eliten und die Mittelschichten (um so exakt wie Du, Che, zu sein) tun. Das war ja damals nicht der Fall, nicht so.

    Seit dieser komischen Diskussion mit hf99 frage ich mich immer, was macht eigentlich jemand, der sich gar nicht explizit als Linker fühlt, sondern einfach vieles, was als links gilt, nur für gutes Benehmen unter Mitmenschen hält, also, dass es eigentlich klar ist, dass man Menschen nicht so oder so kategorisiert oder bewertet?

  23. momorulez Oktober 29, 2010 um 3:36 pm

    Er würde vermutlich lediglich darauf antworten, daß ja nur wir dies täten, indem wir ihn angeblich als „Faschisten“ kategorisieren und bewerten, während er doch nur den illusionsfreien und realistischen Weltblick artikuliert. Er verkündet die unangenehmen Wahrheiten, und wir behindern das als sektiererische Linke. Kennt man doch alles von Rayson, Zettel und Co.

  24. El_Mocho Oktober 29, 2010 um 4:21 pm

    @omorulez

    „Entscheidend ist ja, was die Frauen selbst sagen, und nicht, was Herr oder Frau Ahmadu aus Chicago da vor sich hin referiert. Frag sie doch, jede Einzelne.“

    Das ist wohl kaum ein realistischer Vorschlag. Frau Ahmadu ist eine Anthropologin aus Sierra Leone, s. hier: http://www.facebook.com/people/Fuambai-Ahmadu/605144438 und kann durchaus beanspruchen, für afrikanische Frauen zu sprechen. Im übrigen hast du doch auch keine Probleme, für Homosexuelle und Unterdrückte aller Art zu sprechen, warum sollen andere das nicht auch tun?

    „Wenn Leute es FÜR SICH als Weg zur Selbstverwirklichung betrachten, auf Selbstverwirklichung zu verzichten, indem sie sich an irgendwelche vorgebene Köpernormen oder was nun gerade mal wieder irgendwer als „kulturelle Identität Afrikas“ assimilieren, dann können sie das ja auch gerne tun, eben sowieso schon, nicht, weil ich hier gerade irgendwas schreibe, so lange sie dazu keiner zwingt und sie es vor allem auch nicht von Anderen erwarten.“

    Frau Ahmadu geht es darum, dass internationale Organisationen in Afrika gegen diese Praktiken vorgehen und sie als barbarisch verurteilen, sprich: dass sie versuchen, den Afrikanern westliche Normen aufzuzwingen.

    Für dich ist es offenbar unvorstellbar, dass jemand nicht nach „Selbstverwirklichung“streben könnte, was immer das sein mag. Vielleicht kannst du mal definieren, was du darunter verstehst. So leben, wie man möchte? Wer sagt dir denn, dass die Frauen in Sierra Leone nicht genau das möchten, inkl. Klitorisbeschneidung?

    „Das, was der oder die Chicagoer Lehrende da schreibt als auch das, was Du schreibst, macht ja nur Sinn, wenn man bestimmte Rechte bereits voraus setzt. Du kannst „westliche, imperialistische Annektionen“ gar nicht kritisieren, wenn Du nicht so etwas wie ein Recht auf Selbstbestimmung oder Selbstverwirklichung als Kriterium ansetzt, weil Du dann keinen Grund gegen imperiale Annektionen zur Verfügung hast.“

    Hm, dann ist die Kultur, die Selbstbestimmung als höchsten Wert propagiert, den anderen Kulturen überlegen? Dass Recht auf Selbstbestimmung ist eine Idee der westlichen Kultur, und A. nimmt sie für die Afrikaner gegen den Westen in Anspruch.

    „Und, wenn man mit Leuten redet, die sich viel mit Regionen in Afrika beschäftigt haben, dann lachen die sich tot, wenn sie „kulturelle, afrikanische Identität“ hören, weil das hier wie dort zumeist irgendwelche Hegemonialideologien von in irgendwas wirtschaftlich Verstrickten sind“

    Das ist in diesem Fall aber falsch, laut A. ist die Genitalverstümmelung seit Urzeiten akzeptierte und bejahte Praxis der Afrikaner. Die Hegemonialideologie vertritt z.B. die WHO, die ihnen diese Praxis austreiben will unter Berufung auf westliche Wertvorstellungen wie Selbstbestimmung, körperliche Unversehrtheit usw.

    Ich finde es wirklich erstaunlich, dass jemand, der so vertraut ist mit ideologiekritischer Literatur wie du, so unfähig ist, die eigenen Wertvorstellungen zu relativieren.

  25. El_Mocho Oktober 29, 2010 um 4:28 pm

    @che2001:

    „Diese Definition afrikanischer kultureller Identität gibt es so nicht.“

    Wer sagt dass, du als weißer Mann? Warum sprichst du Frau Ahmadu das Recht ab, für Afrikaner zu sprechen?

    “ Macker sind auch in Afrika Macker, das Patriarchat ist auch dort ein Patriarchat, und Feministinnen und Schwulenbewegte sind das auch in Afrika.“

    Mit anderen Worten: Wir euopäischen Linken definieren für alle, was Patriarchat, Feminsimus usw. zu sein haben. Gewissermaßen eine Art Leitkultur.

    „Erzähle diesen Sermon mal linken AktivistInnen in Johannesburg oder feministischen Friedensbewegten im Kongo – und sei froh, wenn es nichts auf die Glocke gibt.“

    Es ist ja nicht mein Sermon, sondern der von Dr.Fuambai Ahmadu, die sich in Afrika wahrscheinlich besser auskennt, als wir alle. Auf die Glocke dürften da eher die von dir angeführten linken Akktivistinnen.

  26. Isi Oktober 29, 2010 um 4:45 pm

    „Es ist ja nicht mein Sermon, sondern der von Dr.Fuambai Ahmadu, die sich in Afrika wahrscheinlich besser auskennt, als wir alle. “

    Ja, so wie sich Frau Schwarzer darin auskennt, was Frau wollen. Sie muß damit dann ja nicht mal falsch liegen, aber geht es nicht viel mehr um Selbstbestimmung und alternative Möglichkeit, damit jede/r selbst herausfinden kann, was er will? Bisher ist Afrika überhaupt nicht in der Lage, etwas anderes zu machen, als arm und kolonialisiert zu sein. Für die Afrikaner gilt das entsprechend. Und selbst wenn Frau Ahmadu sich auskennt, gilt es auch, das Recht jener zu schützen, die eben das genau nicht will oder zumindest nicht so. Es geht darum bei Emanzipation und Befreiung aus Unterdrückung immer nur um Möglichkeiten und Vielfalt und um das Recht und die Chance, sich so oder so zu entscheiden – in Afrika wie hier. Dafür müssen die soziokulturellen, materiellen und politischen Rahmenbedingungen stimmen – nicht mehr und nicht wengier. Und dann findet vielleicht auch Frau Ahmadu ihre fans, aber auch ihre Kritiker – aber nur dann!

  27. momorulez Oktober 29, 2010 um 4:55 pm

    So, El Mocho, als nächstes gehe doch bitte auf das ein ein, was ich geschrieben habe.

    „Frag sie doch, jede Einzelne.“

    ist der einzige, realistische Vorschlag. Dazu kann es gar keine Alternative geben.

    So leben, wie man möchte? Wer sagt dir denn, dass die Frauen in Sierra Leone nicht genau das möchten, inkl. Klitorisbeschneidung?

    Hatte ich doch geschrieben: Dann soll sie doch. Insofern ist das auch Unfug:

    dass sie versuchen, den Afrikanern westliche Normen aufzuzwingen.“

    Na ja, wenn Du dann Zwang, Unterdrückung etc. als wasauchimerwelcherhimmelsrichtungfolgend Normen deklarieren möchtest, tu das; erwarte nicht, dass ich dem folge.

    „Hm, dann ist die Kultur, die Selbstbestimmung als höchsten Wert propagiert, den anderen Kulturen überlegen“

    Nein, lies noch mal hin. Wenn man sich gegen vermeindlich „westliche Normen“ zur Wehr setzt, kann man das rein logisch nur, in dem man fordert, seinen eigenen Normen zu folgen. Das geht gar nicht anders. Und ist was völlig anderes als „Selbstbestimmung als Wert“, gar „als höchstem“. Ich rede hier nicht von Werten, und auch nicht von Kulturen. Ich gehe davon aus, daß Du oder werauchimmer, eben jeder Mensch, vernunftbegabt ist.

    „Das ist in diesem Fall aber falsch, laut A. ist die Genitalverstümmelung seit Urzeiten akzeptierte und bejahte Praxis der Afrikaner“

    Woher weißt Du denn das oder auch A., was da „seit Urzeiten“ los war? Das weiß kein Mensch. Es gibt verhältnismäßig wenig schriftliche Überlieferungen, meines Wissens, seit mehr als 5 Jahrhunderten sind die Kolonisatoren in mehr oder minder ganz Afrika unterwegs, und eine Tradition als solche begründet zunächst mal nirgends rein gar nix. Und wieso gibt es dann „Afrikaner“, die sich vehement dagegen zur Wehr setzen? Zudem das auch keine in allen afrikanischen Regionen gängige Praxis ist.

    „Wer sagt dass, du als weißer Mann?“

    Ging zwar an Che, doch nein: Ich beziehe mich im wesentlichen auf das, was ein schwarzer Mann, Afrikanistik-Student, und eine schwarze Frau mir zu diesem Themen erzählten. Abgesehen davon rede ich nicht von „Wertvorstellungen“, sondern von der Normbegründung im Falle ganz realer, intersubjektiver Verhältnisse.

  28. Nörgler Oktober 29, 2010 um 4:58 pm

    Wenn Frau Ahmadu so afrikakennerisch und -kulturbewußt ist, dann frag‘ sie doch mal, wann sie bei mir vorbeischaut, damit ich an ihr eine Genitalverstümmelung durchführen kann. Anschließend spreche ich dann nochmal mit ihr über Kultur.

  29. che2001 Oktober 29, 2010 um 5:01 pm

    @“Auf die Glocke dürften da eher die von dir angeführten linken Akktivistinnen.“ — Die wiederum Afrikanerinnen sind. Ganz tolle Wurst, dann ist also der genitalverstümmelnde machistische Mainstream „kulturelle afrikanische Idebntität“ und afrikanische Femiistinnen sind das nicht. Das ist dann wirklich die Argumentation von Evangelikalen aus Uganda, die mit derartigen Begründungen rechtfertigen, dass sie Schwule lynchen.

  30. momorulez Oktober 29, 2010 um 6:57 pm

    @Isi:

    Ich hab es mal tatsächlich gelöscht, weil die Diskussion bis da hin, na, im Sinne des Exemplarischen ganz gut war!

  31. Isi Oktober 29, 2010 um 7:36 pm

    @ momorulez

    Vollkommen korrekt. Ich bin im Strang „verrutscht“. Außerdem geht es wirklich noch abtrakter.

  32. El_Mocho November 8, 2010 um 10:23 pm

    @momorulez :
    „Wenn man sich gegen vermeindlich “westliche Normen” zur Wehr setzt, kann man das rein logisch nur, in dem man fordert, seinen eigenen Normen zu folgen. Das geht gar nicht anders.“

    Demnach heißt Selbstbestimmung so viel wie „seinen eigenen Normen zu folgen“? Wobei dann für Frau A. die Klitorisbeschneidung eben diesen Normen entspricht, also strebt sie auch nur nach Selbstbestimmung. Da wird´s doch dann absurd, oder? Ich versteh auch nicht, wie du dass mit deiner Aussage, körperliche Unversehrtheit sei Voraussetzung von Selbstverwirklichung, in Übereinstimmung bringen willst.

    „Ich beziehe mich im wesentlichen auf das, was ein schwarzer Mann, Afrikanistik-Student, und eine schwarze Frau mir zu diesem Themen erzählten.“

    Ja wenn man so frohgemut seine subjektiven Erfahrungen verallgemeinert, dann kann man ja nur von Glück reden, zufällig die richtigen Leute getroffen zu haben. Wenn du nun zufällig im Seminar von Frau Ahmadu gesessen hättest, hättest du ganz andere Bezugspunkte gewonnen.

    Du solltest wirklich mal nach Afrika oder Südamerika fahren und dich dort umschauen. Ich bin sicher, du würdest es keine drei Tage aushalten, denn die Menschen dort sind ganz anders, als du es dir vorstellst.

  33. che2001 November 8, 2010 um 10:47 pm

    Ich war in solchen Ländern und habe die Menschen ausgehalten;-)

  34. momorulez November 8, 2010 um 10:54 pm

    Nein, das ist kein Widerspruch. Die körperliche Unversehrtheit als Recht Anderen gegenüber zu fordern ist universalisierbar, was nicht ausschließt, sich selbst verstümmeln zu wollen.

    Ansonsten kannst Du auch keinen Grund angeben, wieso ich Dich nicht aufspüren und lustvoll kastrieren sollte. Ist halt so eine Tradition unter Serienkillern.

    Und natürlich ist Selbstbestimmung Selbstgesetzgung, also nur den Normen zu folgen, die man für begründet hält. Da ist auch nix absurd dran.

    Ich stelle mir ab davon auch nicht irgendwelche fremden Leute vor. Weder in Südamerika noch sonstwo. Auch Frau A. stelle ich mir nicht vor, die sich Deinen Worte zufolge ja vorstellt, was seit Jahrtausenden Tradition sei. Rege Fantasie offenkundig.

  35. che2001 November 8, 2010 um 11:07 pm

    Nein nein, wenn El Mocho das sagt stellst Du Dir die vor. Wahrscheinlich stellst Du Dir selbst Deine eigenen afrikanischen Bekannten nur vor;-)

    El Mocho will es so, da kann man nichts machen.

  36. momorulez November 8, 2010 um 11:24 pm

    Ist ja mittlerweile auch Mode, sich auf die imaginierten Vorstellungen Anderer als Argumentationsgrundlage zu beziehen … „edle Wilde“, „Migranten als die besseren Menschen“ usw.

    El Mocho kann aber bestimmt gut blasen. Und kann keinen Grund angeben, wieso das Scheiße ist, das jetzt zu schreiben. So was sagt man halt in Homo-Kneipen. Hat da Tradition. Es gibt Knäste, da zwingt man traditionell dazu. Komischerweise gibt es aber keine Lehrstühle für Ex-Knackis, die das dann mit einer Jahrtausende währenden Geschichte begründen.

  37. che2001 November 8, 2010 um 11:31 pm

    Dabei war das doch schon in den Gladiatorenschulen so, genau wie mit dem Hodenpiercing. Römisch -hellenistische Kulturtradition…

  38. Pingback: Literaturliste Islamophobie/Islamophobia/Islamfeindlichkeit (Stand 13.09.2011) « Serdargunes' Blog

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