Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Klare Worte – Dankeschön, Almut Shulamit Bruckstein Coruh!

Zu Zeiten, als es in Deutschland noch eine jüdische Gelehrsamkeit gab, die in ihrer kosmopolitischen und kritischen Geistesart einzigartig war und der klassischen jüdisch-arabischen Tradition im Geiste nah verwandt, da wussten die jüdischen Gelehrten um die Liaison der Juden und Muslime. Bis in die frühen dreißiger Jahre haben sich jüdische Gelehrte in der Verteidigung ihrer universalen Vernunftstradition und ihrer Kritik der Christologie Rückendeckung geholt bei den Denkern der arabischen Aufklärung. Kaum einer erinnert daran, dass Moses Mendelssohns politische Aufklärungsschrift „Jerusalem“ (1789) vor allem da, wo sie von Kant abweicht, auf Argumente arabischer Aufklärungstraditionen zurückgreift. Und erinnern wir uns daran: Im 19. Jahrhundert waren es die Juden, deren Tradition unter dem Generalverdacht verweigerter Integration, doppelter Loyalitäten, primitiver Spiritualität und pathologischer Abgrenzung gegenüber ihren deutschen Mitbürgern stand.

 

Via Mondoprinte – der hat schon die anderen „Schmankerl“ aus dem Text zitiert.

 

23 Antworten zu “Klare Worte – Dankeschön, Almut Shulamit Bruckstein Coruh!

  1. mondoprinte Oktober 13, 2010 um 2:29 pm

    Was mir – abgesehen von den Thesen – an dem Artikel gut gefällt, ist der eher versöhnliche Gesamtton. Broder wird mit ins Boot geholt, so ganz abweichend von der sonst gängigen Polarisiertheit seiner Person bzw. seiner Standpunkte

  2. mondoprinte Oktober 13, 2010 um 2:32 pm

    Nun ja… „Polarisiertheit“… gibt es das Wort eigentlich? 😉

  3. momorulez Oktober 13, 2010 um 2:46 pm

    Broder hatte aber auch tatsächlich – mal abgesehen von einer blöden, islamophoben Pointe – mit irgendwem zusammen einen ansonsten recht differenzierten Text als Reaktion auf die Wullf-Rede geschrieben, ich finde den gerade nicht wieder, obwohl der, glaube ich, auch im Tagesspiegel stand. Da hob er auf das Erbe von Humanismus und Aufklärung, das eben gegen die Religionen erst mal erkämpft werden mußte hin, in durchaus facettenreicher Form.

    Was mich dabei ja auch immer so fuchsig macht, ist, daß die ganzen „verbrannten Dichter“ und jüdischen Denker, die nun wirklich prägend waren, zugunsten von Ernst Jünger, Botho Strauß und Neo Rauch völlig aus dem Bewußtsein verschwunden sind. Es gibt da keine für mich wahrnehmbare Debatte. Deshalb ist auch der Derrida-Bezug im Artikel wichtig, weil bis heute das Denken eines Adorno, eines Benjamin, eines Derrida ganz wie einst unter „zersetzend“ verbucht wird. Die allesamt je eigen Traditionen jüdischen Denkens fort setzten. Das interessiert die ganze Schwätzer nur gar nicht, weil sie eben Slogans, aber bestimmt keine Auseinandersetzung mit tatsächlichem kulturellem Erbe wollen. Nur als Beispiel sei das „Bilderverbot“ genannt …

  4. Fritz Oktober 13, 2010 um 4:58 pm

    Wahrheit ist aber, dass sich Juden, Christen und Muslime immer gehasst und bekämpft haben, zumal im muslimischen Spanien. Eine Art jüdisch-muslimische Allianz gegen die Christen zu konstruieren wäre schlicht falsch.

  5. mondoprinte Oktober 13, 2010 um 5:15 pm

    Nur weitere Belege für die inhaltliche, gedankliche und ideologische Leere der großen gnadenloser Verfechter des Abendlandes…
    Vielen Dank für Deine Ausführungen zu Derrida – eine interessante Perspektive, die Du da zur Geltung bringst.

  6. momorulez Oktober 13, 2010 um 5:41 pm

    @Fritz

    Und wie kommst Du auf diese unumstößliche Wahrheit? Meines Wissens sind Juden vor der katholischen Reconquista aus Spanien geflüchtet, Aristoteles wurde über den islamischen Raum zu Herrn von Aquin re-importiert usw.

    Daß viele Christen jahrtausendelang Juden gehasst und verfolgt haben, vorneweg Martin Luther, das stimmt schon, und der Holocaust ist ja auch keine Erfindung.

    Ansonsten produzieren solche Theoreme „ewigen Hasses“ doch erst den Gegenstand, nämlich diesen Hass. Finde ich einen ziemlich üblen Einwurf, zudem ich bezweifel, daß Du profundere Kenntnisse bzgl. des historischen arabisch-jüdischen oder persisch-jüdischen Zusammenlebens hast als ich, und bei mir sind die sehr oberflächlich. Der christliche Antisemitismus hingegen ist mir wohl bekannt.

  7. che2001 Oktober 14, 2010 um 9:39 am

    @“Verbrannte Dichter“— Erich Mühsam, Ricarda Huch, Willy Bredel, Ernst Toller, Gustav Landauer und der frühe Becher sollten eigentlich Standard-Schulbuchliteratur sein.

    @Fritz— In Al Andaluz gab es tatsächlich, bis zur islamopuritanischen Wende unter den Almoraviden, einer Sekte muslimischer Kampfmönche (Fighter-Clerics), die es bis zur Dynastie brachte ein friedliches und sich gegenseitig befruchtendes Miteinander der drei Buchreligionen. Wobei sich übrigens durchaus die Frage stellt, ob das Christentum möglicherweise nichts Anderes ist als das Ergebnis eines Missionsversuchs hellenistischer Buddhisten bei Juden (Buddha als Guter Hirte war bei denen zentrales Motiv, Krishna als Inkarnation des Hindu-Gottes Vishnu und Christos als Inkarnation Jahves etymologisch nah beieinander), und der Islam war nachweislich im Ursprung der Versuch, Christentum und Judentum miteinander zu versöhnen.

  8. serdargunes Oktober 15, 2010 um 4:10 pm

    @Che
    Man könnte den Islam auch als universalisiertes Judentum sehen 🙂

  9. che2001 Oktober 15, 2010 um 4:39 pm

    Und das Christentum als religiös verklärten Hellenismus mit jüdischen Wurzeln…

  10. Pingback: Zur Verlogenheit der angeblichen jüdisch-christlichen Tradition « Kritik und Kunst

  11. T. Albert Oktober 16, 2010 um 5:34 pm

    Ja, der Artikel tat gut!
    Sie ist sowieso toll, die Frau Bruckstein Coruh, wie Kermani auch.

    islam als universlisiertes Judentum, das sollte man jetzt mal in die Debatte einführen. Dieser 2jüdisch-christlich“-Mist ist ja nicht mehr auszuhalten. Oder sagt man „christlich-jüdisch“ beim lügen?

  12. momorulez Oktober 16, 2010 um 9:09 pm

    Ich hatte auch gerade eine wüste Debatte bei Twitter, bei der abgestritten wurde, daß natürlich die Aussage, wer nicht das christliche Menschenbild akzeptiere, sei „hier“ fehl am Platze, explizit antisemitisch sei. Dabei ist das offenkundig so.

    Die Autorin kannte ich nicht, schade – toller Text.

  13. T. Albert Oktober 16, 2010 um 10:36 pm

    sie macht ja das hier:
    http://www.ha-atelier.de/

    lm schweizer tv gabs in den „sternstunden“ mal ein gutes interview mit ihr und kermani, 2008 glaub ich.

  14. T. Albert Oktober 16, 2010 um 10:49 pm

    Was ist denn das, das „christliche Menschenbild“? Das von Martin Lohmann von den „Engagierten Katholiken“, der letzte Woche im DLF sagte, unter den Nazis wären nur „einige verwirrte Christen“ gewesen? Wofür ich solche Leute halte, das können die sich gar nicht vorstellen. Jetzt war der Jude Kardinal Lustiger auch getauft, ich auch und Himmler auch. Aber Himmler war schon getauft als er das Kind Lustiger ermorden wollte, oder Edith Stein.

    Drecksäcke, die mit Dir streiten. Sag ich. Ich kenne solche auch, ihre Familien will ich gar nicht kennenlernen müssen. aber das ist ja ein altes Thema.

  15. T. Albert Oktober 16, 2010 um 10:52 pm

    …oder E. Stein, die er ermordet hat. (Nach Verrat durch eine vor Stein getaufte Schwesternonne Steins.)

  16. momorulez Oktober 16, 2010 um 11:34 pm

    Das ist ja die Groteske, daß einige tatsächlich glauben, im Grundgesetz stünde „das christliche Menschenbild“. Dabei steht da rein gar keins. Das hat denen aber mittlerweile eingeredet, damit die einen Grund haben, „Kanacken“ zu bashen und sich höherwertig zu fühlen.

    Menschenwürde, Gleichheit vor dem Gesetz, selbst der Schutz der Familie vor dem Staat zeichnet kein „Menschenbild“. Das „christliche Menschenbild“ ist geprägt durch Leibfeindlichkeit, Erbsünde usw. – und „die sind hier fehl am Platze, weil sie das christliche Menschenbild nicht akzeptieren“ haben Juden Jahrhunderte gehört und wurden mit dieser Begründung ghettoisiert und vertrieben. Da knüpft Merkel explizit an.

    RTL II forderte gerade, “ akzentfrei deutsch sprechen“. Das ist symbolischer Vernichtungswille.

  17. Nörgler Oktober 17, 2010 um 9:34 am

    Wenn „akzentfrei“ das Kriterium ist, dann schrumpft die deutsche Bevölkerung auf unter 1 Million Bürger. Denn außer im Großraum Hannover wird nirgendwo in Deutschland akzentfrei deutsch gesprochen.

  18. che2001 Oktober 17, 2010 um 10:06 am

    Jawoll! Wir abstammungsmäßigen Zentralniedersachsen sind die wahre Herrenrasse. Endlich sagt das mal wer;-)

    @Leibfeindlichkeit, Erbsünde usw: Damit werden sie noch kommen. Als hier kürzlich mal wieder von Evangelikalen die Rede war, die sich in ihren religiösen Gefühlen verletzt fühlen, wenn sie sehen, dass sich Männer küssen, musste ich, obwohl die Absurdität solcher Wertvorstellungen für mich im Vordergrund steht dennoch an meine Eltern denken, die das, wenn es auf öffentlichen Straßen oder ganz allgemein woanders als in trauter Zweisamkeit geschieht auch bei heterosexuellen Paaren für Schweinkram halten. Nicht wegen religiöser Gefühle, die sie gar nicht haben, sondern wegen einer Moral, zu der man sie erzogen hat. Und den Begriff „pietätlos“ habe ich als 14 Jähriger überhaupt erstmals als auf Küssen in der Öffentlichkeit bezogen gehört, aus dem Mund einer baptistischen Mitschülerin. Das steckt alles in dieser Gesellschaft noch drin, fürchte ich.

  19. momorulez Oktober 17, 2010 um 10:16 am

    Ja, aber hallo! Frau von und zu Guttenberg legt ja schon gewaltig vor mit ihrer „Kritik“ der „pornographisierten Gesellschaft“. Das ist ja Teil des hanebüchenen, daß Teil der „Muslimenschelte“ im FAZ-Artikel zur „Deutschenfeindlichkeit“ ist, diese würden die in Freizügigkeit verlotterten „Deutschen“ verachten – genau darüber schreibt „Tatort Internet“-Steffie dann aber auch Bücher. Und was die Evangelikalen in den USA in der Hinsicht schon angerichtet haben, das ist ja auch erschreckend.

    G.-Punkts-Reaktionen auf Netbitch belegen das ja auch, wie tief das sitzt.

  20. che2001 Oktober 17, 2010 um 10:22 am

    Wer ist jetzt Tatort-Internet-Steffie?

  21. momorulez Oktober 17, 2010 um 1:33 pm

    @T. Albert:

    Dieses ha’atelier ist ja megaspannend! Da hatte ich noch nie von gehört, aber das ist ja was, wovon man träumt – dieses Ineins von Theorie und künstlerischer Praxis allein. Großartig.

  22. Saladino Oktober 26, 2010 um 11:29 pm

    Fritz sagte, am Oktober 13, 2010 zu 4:58 pm
    Wahrheit ist aber, dass sich Juden, Christen und Muslime immer gehasst und bekämpft haben, zumal im muslimischen Spanien. Eine Art jüdisch-muslimische Allianz gegen die Christen zu konstruieren wäre schlicht falsch.

    Fritz, das ist schlechtweg falsch, sogar noch heute. Radikale Muslime sind sowieso eine Ausnahme, ganz erheblich sogar bei tief-frommen Gläubigen. Heutzutage noch in Marokko, dem Einwaderungsland der andalusischen Emigranten, kann man absolut nicht von Hass sprechen, im Gegenteil. Üblich ist die Meinung, Christen seien besser als Muslime (menschlich wie staatlich), nur ihre Religion ist teils verfälscht worden. Juden sind weniger beliebt aber als Nachbarn eingegliedert, und Sie sollten wissen, dass für bei diesen Marokko als Paradies auf Erden gilt. Wie im Andalus, sind sie da auch Minister und Elite des Landes gewesen. Im muslimischen Spanien ganz konkret, hatten sie die Diplomatie und den Aussenhandel übernommen.
    Beste Grüsse aus Spanien.

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