Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Westliche Werte und christliche Tradition

„“Ich will nicht, dass Ihre und meine Kinder aufwachsen und glauben, dass eine gleichgeschlechtliche Verbindung eine legitime Option ist. Es ist einfach keine Option“, kommentierte er. (…)

Auffallend ist in diesem Zusammenhang, dass New York, einst neben San Francisco die Hochburg der Toleranz schlechthin, derzeit von einer Welle anti-homosexueller Gewalt heimgesucht wird. Am Wochenende wurden neun Angehörige einer Straßengang einem Richter vorgeführt. Sie hatten in einer leeren Wohnung in der Bronx schwule Teenager stundenlang misshandelt. Die Teenager wurden mit Teppichmessern schwer verletzt, mit Baseballschlägern geprügelt, man drückte ihnen Zigaretten auf den Geschlechtsteilen aus und vergewaltigte sie schließlich mit dem Stiel eines Gummistampfers.

Nur eine Woche zuvor wurde in einer Schwulenbar auf der Christopher Street, dem Geburtsort der amerikanischen Schwulenbewegung, ein Mann in einer Toilette schwer zusammen geschlagen. Die Angreifer hatten ihn vorher gefragt, ob dies eine Homosexuellen-Kneipe sei. Als er ja sagte, prügelten sie auf ihn ein. Kurz zuvor hatte sich ein homosexueller Student von der George Washington Bridge in Manhattan gestürzt, nachdem Kommilitonen ihn beim Sex gefilmt und das Video veröffentlicht hatten. Er hatte die Scham über sein erzwungenes Outing nicht ertragen können.

Die Vorfälle zeigen ein Ausmaß der Homophobie, das man in den USA und speziell in New York eigentlich seit Langem überwunden glaubte. Tea-Party-Kandidaten wie Paladino scheinen sich diese Stimmung zunutze machen zu wollen.“

 

Im Grunde genommen regt sich da bei mir immer nur die alte, kindliche Verständnislosigkeit. Mag auch diese seltsame Selbstaufwertung so called „Heterosexueller“ bis hier in die Kommentarsektion vorgedrungen sein – ich erinnere mich bestens daran, als 7-8jähriger einen Film gesehen zu haben, in dem ein Sohn in tiefes Entsetzen verfällt, weil sein Vater einem anderen Mann eine Uhr schenkt. Ich verstand das Entsetzen nicht. Man erläuterte mir, es sei ein Liebesgeschenk zwischen Männern, und mir war einfach nicht plausibel zu machen, warum zum Teufel der Vater nun keinen anderen Mann lieben solle, Liebe sei doch was Schönes.

Nun beschäft man sich seit bald 30 Jahren mit dem Thema Homophobie und hat es im Grunde genommen immer noch nicht verstanden. Was treibt durchgeknallte Heten dazu, Schwule zu massakrieren? Wie kommt es zu albernen Slogans wie in Belgrad jüngst, daß sich eine Regierung nicht um Familien kümmere, aber die „Widernatürlichen“ sogar demonstrieren dürften, die zum Bransatz- und Steinewerfen animierten? Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Nix. Wieso können die Leute nicht ganz in Ruhe Christ sein, Andere Muslime sein und Dritte wieder Tarot legen lassen? Wieso immer dieses Bezogensein auf das vermeintlich Höherwertige?

 

Ich könnte zwar Traktate über die Genese von Homophobie schreiben, lang und breit erläutern, wieso die Gewalthandlungen der Täter oben selbst nichts anderes sind als in Brutalität sich äußerndes und zugleich abgewehrtes schwules Begehren, und trotzdem, dieses ganz fundamentale, negative Staunen, das will nicht weichen …

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29 Antworten zu “Westliche Werte und christliche Tradition

  1. che2001 Oktober 12, 2010 um 11:18 am

    Ist es denn verständlicher, Juden oder Roma zu schlachten oder Rollstuhlfahrern den Bordsteinkick zu geben? Ich finde diesen Vernichtungswillen emotional gesehen insgesamt unnachvollziehbar.

  2. momorulez Oktober 12, 2010 um 11:24 am

    Warum diese Gegenfrage?

  3. che2001 Oktober 12, 2010 um 11:52 am

    Als Frage war die rhetorisch. Zumindest würde ich nicht erwarten, dass darauf jemand mit „Ja“ antwortet.

  4. momorulez Oktober 12, 2010 um 11:58 am

    Na, die enthält schon eine Unterstellung, die Gegenfrage, zumindest kann man sie so lesen, die mir bei der Thematisierung von Homophobie so fremd nicht ist. In deren Fällen es ja schon noch Spezifika gibt, die einer eigenen Analyse bedürften, wie in den anderen Fällen ja auch, Fälle, die man ja nicht dadurch verniedlicht, daß man über antischwule Gewalt schreibt.

  5. che2001 Oktober 12, 2010 um 12:21 pm

    Nein, mir stellt sich eher die Frage, wo die Gemeinsamkeiten und Unterschiede liegen. Wieso sind bestimmte Leute homophob, aber trotzdem keine Rassuisten oder umgekehrt zumk Beispiel. Ich erinnere mich da an die Szene in „Eyes wide shut“, wo Tom Cruise als vermeintlicher Schwuler angepöbelt und angerempelt wird und die Pöbler – New Yorker Nightlife-Publikum, wenn ichs richtig im Kopf habe dezent chic, normale Discogänger – ihm zurufen „Verpiss Dich nach San Francisco“. Da dachte ich, „komisch, ich glaube, die würden keinem Schwarzen zurufen verpiss Dich nach Afrika.“ Wieso ist ausgerechnet homophobe Gewalt momentan so verbreitet, und gibt es da eine Wellenbewegung, wie ist das parallel mit Rassismus? Wäre ein Thema, zu dem sich Forschung lohnte. Und während es Untersuchungen wie „Die Ethnisierung des Sozialen. Zu den Hintergründen des Kriegs in Jugoslawien“ oder „Die Tyrannei des Nationalen“ gibt, wüsste ich keine vergleichbare empirische Untersuchung zum Zusammenhang zwischen ökonomischer Krise, Sozialabbau, politischem Paradigmenwechsel und Schwulenhass.

  6. momorulez Oktober 12, 2010 um 12:27 pm

    Das Problem ist, daß der Bezug auf die Ökonomie bei den meisten US-Studien, die ich ja auch alle gar nicht kenne, zumeist verschwindet. Was beim Homo-Thema aber auch schwerer zu fassen ist, weil da ja diese Zerrbilder „Die sind doch eh alle Yuppies und verdrängen die Schwarzen aus den coolen Wohnvierteln“ und „volkswirtschaftlich unsinnig, deshalb schmarotzend, weil sie sich nicht reproduzieren“ doch erstaunlich verbreitet sind – wobei ersteres dieses übliche „Randgruppen gegeneinander ausspielen“ ist.

    Interessant bei den Roma ist übrigens das „nicht seßhaft“ im Bezug auf die ökonomischen Flexibilitätsforderungen, aber auch die Studien Foucaults.

  7. momorulez Oktober 12, 2010 um 12:29 pm

    PS: Bei den schwarzen US-Lesben findet sich, aus meinem anderen Leben gesprochen, trotzdem immer noch das Anknüpfungsfähigste, ich kenne die aber auch zu wenig.

  8. che2001 Oktober 12, 2010 um 12:56 pm

    Studien, die ich zu solchen Themen kenne, sind deutsch oder französisch (oder migrantisch, aber hier entstanden) und von expliziten Linken gemacht. Den eben skizzierten Zusammenhang hatte ich übrigens auch bei meiner Antwort auf Loellies Belgrad-Kommentar im Sinn: Viele serbischen Fußballhools gingen während des Kriegs statt zum gegnerische Fans Verprügeln am Wochenende als Freizeitmilizionäre zum Metzeln nach Bosnien oder Kosovo. Die Miliz von Arkan bestand zum Beispiel fast geschlossen aus Roter-Stern-Belgrad-Fans. Die Frage, die sich mir stellt ist jetzt: Sind die aktuellen Schwulenhasser-Demonstranten in Belgrad dieselben Leute? Diese Omnipräsenz orthodoxer Kreuze tauchte erstmals auf, als Milosevic das Kosovo ethnisch reinigen wollte.

  9. che2001 Oktober 12, 2010 um 2:05 pm

    Nicht explizit genau die, aber die gehören mit in den Sumpf, den ich meine, ja.

  10. Loellie Oktober 12, 2010 um 2:20 pm

    „The same right-wing group set the U.S. Embassy on fire during riots in 2008 to protest U.S. support for Kosovo’s independence.“

    http://www.365gay.com/news/120-hurt-during-serbia-gay-pride-riot/

    Die haben sich während der Randale auch immer wieder bei Kirchen gesammelt

    Und noch was:

    Sieht ganz so aus als wäre der in Ches Kommentarspalte einst so bejubelte Neutrality-Act direct dafür verantwortlich, dass an amerikanischen Schulen trotz Anti-Bullying Programmen nicht ernsthaft genug gegen homophobe Uebergriffe vorgegangen wird. Das wäre ja „pro-gay propaganda“, meinen Candi Cushman von Focus on the Family und Linda Harvey von Mission America.

    „“A lot of these anti-bullying programs are crossing the lines far beyond bullying prevention into adult-oriented material and politics,” said Candi Cushman, education analyst for Focus on the Family. Mission America president Linda Harvey said the act would “incorporate mandatory pro-gay propaganda.”“

    http://www.365gay.com/news/suicide-surge-schools-confront-anti-gay-bullying/
    ________________

    „Ich könnte zwar Traktate über die Genese von Homophobie schreiben, lang und breit erläutern, wieso die Gewalthandlungen der Täter oben selbst nichts anderes sind als in Brutalität sich äußerndes und zugleich abgewehrtes schwules Begehren, und trotzdem, dieses ganz fundamentale, negative Staunen, das will nicht weichen …“

    Das geht mir ja auch nicht anders und wenn man sich die berechtigte Wut von der Leber schreibt, brechen die Kulturalisten in Jubel aus …

  11. Loellie Oktober 12, 2010 um 2:22 pm

    Ich habe gerade noch was verlinkt, da ist auch von Fussball-Hooligans die Rede

  12. momorulez Oktober 12, 2010 um 2:30 pm

    Was ist der Neutrality-Act?

  13. Loellie Oktober 12, 2010 um 2:44 pm

    Der verbietet religiöse und anti-religiöse Werbung an Schulen, oder auch das Parteien dort aktiv werden oder ein Lehrer mit seinen Schülern gegen das Abholzen von Bäumen demonstriert.

    Wenn da auf dem Schulhof einer dazwischen geht, wenn mal wieder eine Schwuppe vermöbelt wird, und was falsches dabei sagt, kriegt nie wieder einen Job als Lehrer, weil er den Gay-Lifestyle propagiert.
    Um den Neutrality-Act ging das doch damals bei diesem „Prozess“, weil ein Lehrer was von „religiösem, abergläubischen Unsinn“ im Untericht gesagt hat.

  14. momorulez Oktober 12, 2010 um 2:49 pm

    Und beim Lehren der Lektüre von irgendwelchen Liebesroman-Klassikern fliegt man, weil man Heten-Lifestyle propagiert?

    Kann mich an die Diskussion bestens erinnern, allerdings nicht an den „Neutrality-Act“ …

  15. che2001 Oktober 12, 2010 um 3:02 pm

    Na ja, die Diskutantin hatte damals aber lediglich gesagt, wenn ein Lehrer zu einem tiefreligiösen Schüler im Unterricht sagen würde „Wahrscheinlicher, als dass es Deinen Gott gibt ist, dass die Welt von einem fliegenden Spaghetti-Monster hinterm Mond erschaffen wurde“ u.ä. würde er damit dessen religiöse Überzeugungen verletzen, und das dürfte ein Pädagoge nicht. Die wußte ja weder etwas von einem Neutrality-Act noch von schwulenmordenwollenden Evangelikalen. Da stießen persönliche Betroffenheit und völlig unwissende Ignoranz aufeinander.

  16. momorulez Oktober 12, 2010 um 3:11 pm

    „u.ä. würde er damit dessen religiöse Überzeugungen verletzen“

    Was dann feilich ins Zentrum der Diskussion damals und heute führt: Daß es unter Evangelikalen und anderen üblich ist, es als „Verletzung religiöser Überzeugungen und Gefühle“ zu betrachten, wenn zwei (oder mehr) andere Menschen auch nur miteinander knutschen, nur weil die zufällig des gleichen Geschlechts sind. Begründen tut Herr Papst das dann mit „gegen die Natur“ gerichtet, und auch wenn das in Serbien Orthodoxe und in den USA zumeist Evangelikale sind, ist das schon inspirierend für Homo-Hasser.

  17. che2001 Oktober 12, 2010 um 3:25 pm

    Ja, und dass es so etwas Absurdes überhaupt gibt, jedenfalls in dieser zugespitzten Form war mir damals völlig neu. Nicht das mit dem Papst, sondern das mit den religiösen Gefühlen.

  18. Loellie Oktober 13, 2010 um 5:15 pm

    Das ist zwar jetzt wie Eulen nach Athen, weil Fussball, aber das passt gerade zu Ches Kommentar weiter oben, von wegen Roter Stern Belgrad.

    http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,722778,00.html

  19. momorulez Oktober 13, 2010 um 5:48 pm

    Ja, da wollte ich auch erst was zu schreiben, dazu hätte ich erst noch mal tiefer recherchieren müssen. So sind sie halt, die christlichen Nationalisten. Das ist einfach die gewalttätige Zuspitzung dessen, was man auch bei Zettel oder Rayson lesen kann, unter serbischen, also krasseren Bedingungen. Und das trifft in Italien auf eine Ultra-Bewegung, die teils ebenfalls faschistisch durchsetzt ist und sozusagen prototypisch ist für die Effekte neoliberaler Politik, nämlich die gezielte Produktion von Überflüssigen, die anfangen, sich als Outlaws zu stilisieren und in Gewalt und Schmerz und martialischer Männlichkeit so was wie eine existentielle Intensität suchen. Und unter St. Paulianern diskutiert man das unter dem Stichwort „Pyro“. Schlimm.

  20. momorulez Oktober 13, 2010 um 9:56 pm

    zu den italienischen Ultras noch das hier:

    http://www.altravita.com/domenico-mungo-cani-sciolti.php

    Das ist schon, na, seltsam. Aber multidimensional beeindruckend.

  21. momorulez Oktober 14, 2010 um 8:26 am

    „Fast durchgängig findet sich unter Kirchenmitgliedern christlicher Konfessionen eine höhere Zustimmung zu rechtsextemen Einstellungen als unter Konfessionslosen.“

    http://www.taz.de/1/politik/deutschland/artikel/1/deutschland-stillgestanden/

  22. Loellie Oktober 14, 2010 um 11:18 am

    Und von wegen persönliche Betroffenheit, zeigt doch die aktuelle Situation wie berechtigt und angemessen nicht nur meine Reaktion, sondern vor allem die Metapher vom Mordaufruf war. Und in dem damals verlinkten Artikel ging es doch um den Neutrality-Act. Der war doch die Grundlage des ganzen und ging aus dem verlinkten Artikelchen hervor. Wenns ein 8-seitiges Essay gewesen wäre könnt ich ja noch verstehn, dass das bürgerliche Lager sich mit „Expertenwissen“ konfrontiert glaubt, aber so doch nicht.
    Aber die wollte wohl nur mal was sagen dürfen …

  23. momorulez Oktober 14, 2010 um 11:22 am

    Und war dann ach so armes Opfer der ach so bösen Schwuppen, die mit ihrem Vernichtungswillen arme, unschuldige, heterosexuelle Christen verfolgen … die gehen mir so auf den Senkel mit ihrem Opfergetue, die Mehrheitsgesellschaftler.

  24. che2001 Oktober 14, 2010 um 11:59 am

    Also als Opfer hat die sich nicht empfunden, sondern den ganzen Kontext gar nicht begriffen. Ich will das ja jetzt nicht alles wieder aufwärmen, aber der ging es tatsächlich nur um ein pädagogisch ungeschicktes Verhalten.

  25. momorulez Oktober 14, 2010 um 12:01 pm

    Als Loellies und mein Opfer hat sie sich sehr wohl begriffen … Leichen pflastern unsern Weg …

  26. che2001 Oktober 14, 2010 um 9:53 pm

    Also doch! Die wilden Horden aus der Inneren Schwulei berennen das christliche Abendland…

  27. Loellie Oktober 16, 2010 um 12:46 pm

    Nix neues, aber wenn sogar schon der schweizer Scheinjournalismus was dazu schreibt

    http://www.20min.ch/news/ausland/story/27968469

    Bermerkenswert fand ich ja auch wie sich der Tenor auf Spon geändert hatte. Nach dem Sonntag fanden sich erschreckend viele die Verständnis für die Randale zeigten, nach Genua wurde einmütig „hartes durchgreifen“ gefordert. Fussball scheint dann doch ein ernsteres Thema zu sein als diese lästigen Menschenrechte.

    Den Altravita-Artikel habe ich noch immer nicht gelesen, aber ich predige ja schon immer, dass das ein ambivalent, schwieriges und komplexes Thema ist mit den Hools und den Rechten. Richtig ekelig scheint das aber wirklich immer dann zu werden, wenn sich Bürgerliche mit rein hängen. Das diese Szene darüber hinaus ein Tummelplatz für „interessierte Kreise“, und damit meine ich nicht die vordergründig involvierten wie zB die Orthodoxen, scheint mir auch schon immer offensichtlich.

    Und die Rabbies können den Tea-Bagger nicht mehr leiden, seit der zurückrudert. Kein Rückgrat …

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