Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Die Diva und das Piano

Selbst als Kind schon auf grünes Leder gekrochen,um die Pappe vom Teak-Regal zu greifen. Sie barg das Wunder verletztlichen Vinyls. Eines Tages fand ich dort ein „Simon & Garfunkel“-Werk, so tief hinein gegraben ein Riss, wohl mit einem Korkenzieher in das Plastik geritzt – man roch den Wein, den Whiskey, den Dornkaart noch im Geiste, der jene Wut entfesselte, die das akustische Zeugnis Frischverliebtseins nicht mehr hören wollte. Ein Vorbote „der Scheidung“ war dies wohl.

Mich jedoch reizten Lieder wie „Mein Freund der Baum“ oder die vom alten Clown, ganz gleich, ob von Alexandra oder Heinz Rühmann, die der Trauer und Einsamkeit des Komödianten Worte verliehen. Das verstand ich als Kind, das „aber selber gelacht hat er nie“. Später stand da ein Werk, „Weckerleuchten“, darauf ein Song mit den garstigen Worten „Du bist so häßlich, daß ich’s kaum ertragen kann, mich stört Dein Lachen und Dein Gang, mit stört die Art, wie Du mich anschaust.“ Ich fand das witzig, weil es so gemein war – meine Mutter erzählte, wie ihre Freundin, tief in der Ehekrise, das Weinen nicht mehr beenden konnte, als der Wecker im Konzert es sang. Auch Milva stieß hinzu, mein kindlicher Instinkt verstand sehr schnell: Eine Diva war das nicht.

Doch die Pubertät nahte mit all ihrem Schrecken, die so falsch mir scheinenden Bedürfnisse, Gefühle und Begierden krochen geisterhaft heran und wollten Gehör finden. Und dann stand da inmitten von Kammermusik und Beethoven-Symphonien, Bettina Wegner und Werner Lämmerhirt auch ein Werk mit einem Aquarell als Coverbild: „Ich seh die Welt durch Deine Augen.“ Das hörte sich gleich ganz anders an als „Du bist so häßlich“. Der jazzige Sound hatte Stil, und diese Stimme, diese so durchdringende, halb sprechende, halb lachende, halb sehnende Eineinhalb-Jahrhundertstimme der Knef konnte selbst „Ich fühl mich schuldig, wenn es spät am Abend klingelt“ noch so pointieren, daß es Sinn ergab. Sie lachte über den späteren Verfall des Schönsten in der Klasse, brauchte kein Venedig und lieferte mir jenes Chanson, das meine Hymne wurde, als nach der Pubertät alles noch schlimmer wurde: „Ich bin zu müde, um schlafen zu gehen.“ Das endete mit „Alleine, das können wir immer noch sein – zu zweit ist man niemals gewesen. Wir kennen uns nicht und erkennen uns doch – sind Schatten der Schatten gewesen.“ Das habe ich eines Tages gar in ein Vierspurgerät gesaugt, mit einem Kochlöffel-Schlagwerk ergänzt und als Duett mit der so überragenden Hilde gesungen.

Dieses Album war eine Initiation. Noch in der Oberstufe schlang ich mir heimlich einen gelben Schal um, schminkte mir die Augen dezent mit Kajal und fuhr in grünen U-Bahnen allein ins hannöversche Künstlerhaus, um Georgette Dee erstmals zu lauschen. Für die schwule Sozialisation, zumindest eine Variante derer, sind diese Diven und ihre verlebten Chansons, die zwischen Witz, Sehnsucht und auch „Frivolem“ so schlicht und doch umfassend wandeln und ein gebrochenes Trotzdem zelebrieren, ähnlich wichtig wie die Romane Klaus Manns oder der Film „Cabaret“. Das ästhetische Sznenario ist ähnlich in allen Fällen – in Halbwelt, Show und Rollenspiel entfaltet sich Möglichkeit von Freiheit, die von nazistischen Normalisierungsmächten, die in Chorgesang und weißem Hemd der mit der Boa, dem Freak, der Schwuchtel, der Diva stiefelbewehrt die Zähne ausschlagen wollen, bedroht wird. Seehofer und so. Doch das Filigrane und doch so Entschlossene im Chanson widersteht und besingt den Kuß der Spinnenfrau …

Vielleicht empfinde ich das neue Album von Liza Minelli, „Confessions“, soeben zum ersten Mal gehört, so, ja, brandaktuell und widerständig. Wundervoll. Auch „One Night Only“, ein grandioses Club-Konzert mit Standards der Streisand, das nur von der Begrüßung Bill Clintons brutal gestört wird, zerstäubt die evangelikalen Vernichtungsträume und ersetzt sie durch die Transzendenz des Whiskey an der Bar, wenn man zu müde ist, um schlafen zu gehen.

Wieso dieser Kosmos von Hanne Wieder über Greta Keller, aller Historie zum Trotz auch Zarah, wegen der Historie auch der Dietrich, das so, ach, wenn man sich darauf einläßt Werk von Shirley Bassey, gerade die reifen, starken, wissenden und doch sehnenden Frauen für Schwuppen so viel bedeutet selbst zu Zeiten, da sie noch gar nicht wissen, daß sie es sind und von der Erfahrung der Diven 40plus weit entfernt sind: Keine Ahnung. Klar, ein inneres Role-Model bieten sie auch dann, wenn man mit Fummel und Glitter gar nicht viel am Hut hat, schaffen Distanz und Fühlen ineins.

Doch als ich jüngst einem links stehenden Hansa-Rostock-Fan per Twitter das neue Streisand-Album empfahl und dieser gar nicht wußte, wie ich denn auf einen Tipp, so schwer daneben, käme: Die Vorstellung, daß diese Horden im Ostseestadion „There’s a place for us“ anstimmten, steckt da nicht doch mehr drin? Zwar mußte das eine Mal, da ich in der Schalke-Arena „Für mich soll’s rote Rosen regnen“ hörte, die Hilde-Hymne über Extrabreit vermittelt die Halle berauschen – und doch wohnte ein ferner, ganz ganz ferner Hauch der Utopie in den Gesängen …

15 Antworten zu “Die Diva und das Piano

  1. jekylla Oktober 9, 2010 um 7:07 pm

    „„Du bist so häßlich, daß ich’s kaum ertragen kann, mich stört Dein Lachen und Dein Gang, mit stört die Art, wie Du mich anschaust.“

    Bei diesen Worten fiel mir auch noch eins ein, das mir schon als Kind sehr gefallen hat, ist textlich auch etwas… anders.

    Musste ich jetzt direkt nach Ewigkeiten mal wieder hören 🙂

  2. momorulez Oktober 9, 2010 um 7:16 pm

    Lustig, das fand ich auch prima 😉 … habe ich auch in einer Hilde-Version auf Vinyl 😀

  3. jekylla Oktober 9, 2010 um 7:20 pm

    Sowas kennt heute ja kaum noch jemand. Quel dommage. Aber Sie 🙂

  4. bersarin Oktober 9, 2010 um 10:08 pm

    Doch, doch! Unsereins kennt das noch. Ganz wunderbar.

  5. che2001 Oktober 9, 2010 um 11:15 pm

    Heißt das nicht „Du bist so hässlich, dass ich´s kaum ertragen kann“ und nicht „gräßlich“?
    Ansonsten Superlied, für mich ja auch prägend. Ich dachte das ja mal übereine Frau, die ich mir schönsaufen musste, um mit ihr zu vögeln. Wecker war da bei mir.

  6. momorulez Oktober 9, 2010 um 11:32 pm

    Wat denn nu? Häßlich, meine ich. Vielleicht in einem anderen Refrain auch gräßlich, ich google mal …

  7. momorulez Oktober 9, 2010 um 11:36 pm

    Ich leb nun schon zu lange mit derselben Frau im selben
    Bau und stottre meine Lebensrunden ab.
    Dieselben Kämpfe um die Macht,
    dieselben Pflichten in der Nacht.
    Ich werde saftlos, und die Hirnsubstanz wird knapp.

    Uns ging die Liebe wie ein Taschentuch verlorn,
    wenn sie mich anspricht, steh ich neben mir.
    Nur manchmal, wenn ich träume, bin ich neu geborn
    und spiel den starken Mann und sag es ihr:

    Du bist so häßlich, daß ich´s kaum ertragen kann,
    mich stört dein Lächeln und dein Gang,
    mich stört die Art, wie du mich ansiehst.
    Du bist so häßlich, daß ich´s kaum ertragen kann,
    mich stört dein Anstand, und schon lang regt es mich auf,
    daß du mich anziehst.

    Ich bin nun mal ein Untertan,
    die Welt faßt sich wie Klebstoff an,
    das Leben rennt voll Lust an mir vorbei.
    Dieselbe Arbeit Tag für Tag,
    ein Gläschen Freiheit laut Vertrag.
    Statt Held zu sein, bin ich ein weiches Ei.

    Dann kommen Freunde und belagern meine Zeit.
    Die alten Sprüche, und ich spiel mit meinen Zehen.
    Anstatt jetzt aufzuspringen, zornig und sehr breit
    mich vor sie hinzustellen, daß sie jedes Wort verstehen:

    Ihr seid so häßlich, daß ich´s kaum ertragen kann,
    und euer kindischer Gesang von Glück und Freundschaft
    bringt mich um.
    Ihr seid so häßlich, daß ich´s kaum ertragen kann,
    und euer lächerlicher Drang, mit mir zu lachen,
    ist so dumm.

    Ich leb schon viel zu lange mit derselben Frau im selben Bau
    und stottre meine Lebensstunden ab.
    Dieselbe Feigheit jeden Tag,
    nicht das zu sagen, was man mag –
    selbst meine Heldenträume werden langsam knapp.

    Und irgendwann, ich weiß genau, wird sie mich fragen,
    warum ich dauernd vor mir fortgelaufen bin.
    Ich werde stumm sein und wie immer schweigend klagen,
    ja, und dann sagt sie´s mir und stellt sich siegreich vor mich hin:

    Du bist so häßlich, daß ich´s kaum ertragen kann,
    mich stört dein Lächeln und dein Gang,
    mich stört die Art, wie du mich ansiehst.
    Du bist so häßlich, daß ich´s kaum ertragen kann,
    doch es befriedigt mich schon lang, …“

    Ende auf der Wecker-Hompage nachschauen 😉 …

  8. che2001 Oktober 10, 2010 um 10:46 am

    Danke, immer wieder gern gehört? Die Version, die ich kenne, ist noch geringfügig anders, da heißt es „Ihr seid so häßlich, daß ich´s kaum ertragen kann,
    und euer lächerlicher Drang, mit mir zu lachen,
    ist so dumm, ist so furchtbar dumm.“

    Häßlich/gräßlich: Da gibt es von Stanislaw Lem eine Erzählung, in der Außerirdische, die Menschen systematisch zu den Scheußgräßlern oder Gräßelgeilern rechnen und sich davor ekeln, dass diese linksdrehende DNA haben und so ekelhafte Körperteile wie Arme (Tentakel lassen sie noch durchgehen, sie selber haben Lehnten, was immer das sein mag) eine Gerichtsverhandlung veranstalten, in der es darum geht, dass ein anderes außerirdisches Volk der Menschheit Alimente für ihre bedauerliche Existenz zahlen soll, eine Art Schadensersatz dafür,dass es solcvh schlimmes Kroppzeug wie uns gibt – das Leben auf der Erde entstand demzufolge, weil ein paar sturzbesoffene und sonstwie zugrdrogte Ufonauten versehentlich auf der Erde landeten, sich dort auskotzten und in die Kotze noch hineinpissten.

  9. ziggev Oktober 11, 2010 um 5:28 pm

    Ach, den Wecker, den hab ich immer als einen verschwitzten Schreihals wahrgenommen, hyperventilierend mit seinem 5m-Brustumfang, das muss alles unwahrscheinlich wichtig gewesen sein, damals, war´s ja auch, aber vor allem einer selbst. Ich glaub, der hat da irgendetwas falsch verstanden. Dann die Koks-Exzesse, diese Frauengeschichten. Ich könnt ein Lied von singen. War natürlich neugierig, was an dem so toll war, und hab mir berichten lassen, schlau geworden bin ich daraus aber nicht und sagen konnte sie es mir auch nicht. Echt blöd, aber egal, nix zu machen, wenn der in die Stadt kam, irgendwie schon wieder sympathisch …

    Obwohl ich schon etwas übrig habe fürs Theatralische. Dieses irre Glissando, blue notes, unendlich weit ausgreifende Perioden, als ich das

    zu ersten Mal hörte, dachte ich, das kann einfach nicht sein, das ist einfach nicht möglich. Ich krieg heute noch weiche Knie, wenn ich das höre.

  10. momorulez Oktober 11, 2010 um 8:21 pm

    Das ist auch großartig …

    Von Wecker war ich in den frühen 80ern echt Fan, und was mich faszinierte, war genau diese Mischung aus dem, was ich als Sprachgewalt empfand, dieser Lust und Genuß suchenden Energieleistung, der etwas quer stehenden, politischen Zugangsweise und dieser mit klassischen und Orffschen Mitteln spielenden Musik. Das hat nicht so nachhaltig gesessen wie eine Knef, die der Wecker sehr sehr verehrte, oder ein Klaus Hoffmann, über den ich Qualitätsdiskussionen gar nicht führen könnte, so sehr gehört der zu meinem Leben dazu, gerade das Grenzkitschige, egal, ich finde den Wecker teilweise schon klasse.

  11. ziggev Oktober 11, 2010 um 10:36 pm

    @ „diese Mischung aus …, Lust und Genuß suchenden Energieleistung, …“

    Das erweckt bei mit eher die Vorstellung, dass diese leistunssportmäßig mit alles nassschwitzedem (tripel-s, schaurig, nicht) Kraftaufwand betriebene Genusssuche (schon wieder!) nur die eigene (und nicht nur die eigene) Verzweiflung, die sie dadurch hervorbringt, finden kann, fälschlich aber glaubt, tatsächlich etwas gefunden zu haben, und nun fortfährt mit diesem verzweifelt-gewalttätigen Mehrdesselben, was zur unbeabichtigen Selbstzerstörungstendenz und völlig unschuldigem, letztlich vor sich selbst inszenierten Paraoia führt. Vielleicht sind mir in diesem Fall die poetischen Dimensionen eines Lebenskünstlertums des Schöner-Scheitern entgangen, vielleicht war ich einfach zu jung.

    Aber ich spürte, dass das, wovon Wecker sang, nicht meine Lust, nicht mein Genuss war. Ironische Pointe, dass mir dann genau das im real live noch einmal vorgeführt wurde!

    Als ich seinen Auftritt, ich glaube bei einer der letzten Scheibenwischersendungen sah, war ich dann schon etwas entspannter, er sang diesen Polit-Klassiker, und, ja, ich muss es zugeben, ich war ergriffen.

  12. ziggev Oktober 11, 2010 um 11:28 pm

    Kleine Vorbemerkung: Als ich die beiden sympathischen Kerle zum Biertrinken zu Besuch hatte, langsam checkte ich, dass die ein Paar waren, und nach dem x-ten Bier was von Proust und dessen Homosexualität zu labern begann, während die mir händchenhaltend gegenübersaßen, hoben die die Köpfe und sagten aus einem Mund: „Mach die keine Hoffnung, du b i s t nicht schwul.“ 🙂

    Aber ich finde es merkwürdig, dass es Sängerinnen gibt, von denen ich nie gedacht hätte, dass ich die gut finden würde, die mich aber, wenn ich sie singen hörte, aus versonnenen Minuten aufwachen und denken ließen: man, das ist gut, gestehe es dir ein, das berührt dich, und die ich seitdem verehre – dass eben diese Künstlerinnen, wie ich hörte, in der Schwulenszene „Kult“ sind bzw. Erwähnung finden, wie oben bei dir. So passiert mit:

    Marianne Rosenberg
    Eartha Kitt
    Shirley Bassey
    Barabara Streisand
    Alexandra

    Wobei Shirley Bassey mich einfach nur blitzartig in Extase versetzte. Die Knef fällt da etwas raus, aber was ich an der einfach phantastisch finde, ist dass die nicht nur diese Chansons singt, sondern mit einer absolut erstklassigen Jazzband auf Tour geht. Überhaupt in diesem ganzen 60-70er Schlagerbereich wurde noch handgemachte Musik gespielt (heute bezahlt ja keiner mehr n 10-20-Köpfiges Orchester), das sind offenbar Leute, die einen Begriff von Qualität haben – nicht zu sprechen von den großen Diven.

  13. momorulez Oktober 11, 2010 um 11:52 pm

    Ja, das sind schon unsere Göttinnen 😉 – und das Kuriosum, es sei noch mal betont, besteht ja darin, daß man die schon liebte, bevor so was wie „schwul“ Relevanz bekam.

    Bei der Knef kommt ja noch hinzu, daß sie auch viele ihrer Texte selbst geschrieben hat und im Cole Porter-Musical vom Meister selbst Songs für sich geschrieben bekam. Die Orchester, Kurt Edelhagen und so, waren tatsächlich gigantische Ensembles – und war es nicht Ella Fitzgerald, die sagte, die Knef sei die größte Sängerin ohne Stimme? Die war schon eine Klasse für sich.

  14. ziggev Oktober 12, 2010 um 12:15 am

    ah, Ella! an die dachte ich auch schon, als ich nämlich die Band von der Knef swingen hörte, aus irgendwelchen Gründen mir Ella Fitzgerald einfiel und ich mir dachte: für die Band brauchte sich auch Ella nicht schämen.

    übrigens: ein Freund von mir kannte eine Opernsängerin (oder war die gerade in der Ausbilkdung?) für die Ella eine der größen Stimmen war.

  15. momorulez Oktober 12, 2010 um 8:27 am

    Größte Sängerin ohne Stimme 😉 – also ohne großes Stimmvolumen, auf Mikrophone angewiesen, und trotzdem so ausdrucksstark.

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