Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Wo die Verfassungsfeinde sitzen …

„Bayerns Sozialministerin Christine Haderthauer (CSU) warnte in der „Leipziger Volkszeitung“: „Eine solche Aussage kann missverstanden werden. Aus Religionsfreiheit darf nicht Religionsgleichheit werden.“

„Gleichheit vor dem Gesetz“ ist denen irgendwie fremd in der CSU. Sie wollen ganz in der Tradition von Klerikalfaschisten und somit u.a. jenen, die sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts vehement gegen die rechtliche Gleichstellung von Juden wandten, vor allem Andere instrumentalisieren, um sich aufzuwerten. Wie das funktioniert, berichtete gestern pointiert die FR, es sei zum zweiten Mal verlinkt:

Kulturalisten glauben, dass es verschiedene, klar voneinander abgrenzbare Kulturen gibt. Diese Kulturen haben jeweils ein bestimmtes Wesen, das sie tief prägt und das sich auch über die Geschichte hinweg kaum ändert. Die Menschen, so würden Kulturalisten behaupten, seien durch die Zugehörigkeit zu ihrer Kultur so tief geprägt, dass sie auch nach einer Migration in eine andere Kultur – oft generationenlang – nicht zu einer Anpassung fähig sind. Dabei gilt stets die Religion mit ihren Normen als wichtigster kulturprägender Faktor.

Interessant auch noch einmal die Ausführungen, die wohl Rhizoms Buch u.a. folgen, zum Export der Homophobie in den arabischen und persischen Raum:


„Ein drastisches Beispiel bietet der Umgang der islamischen Welt mit Homosexualität. Das klassische islamische Recht verbietet sexuellen Verkehr zwischen Männern. Die dafür angedrohten Strafen sind jedoch in über tausend Jahren kein einziges Mal angewandt worden. Stattdessen dichteten arabische Poeten – und sogar Religionsgelehrte – zwischen dem 9. und dem 19. Jahrhundert Hunderttausende homoerotischer Liebesgedichte, die einen bedeutenden Anteil der gehobenen und populären arabischen, persischen und osmanischen Literatur ausmachen. In den Jahrzehnten nach 1830 verschwinden homoerotische Gedichte plötzlich vollständig. Grund hierfür ist nicht der Islam, sondern die Übernahme westlicher, nämlich viktorianischer, Moralvorstellungen. Diese Sexualmoral ist bis heute in weiten Teilen der islamischen Welt fest verwurzelt. Das ist der Grund dafür, dass viele Muslime ein sehr zwiespältiges Verhältnis zu ihrer eigenen literarischen Tradition haben, die in ihren Augen von einer moralischen Dekadenz durchsetzt ist, die letztlich zum Niedergang des Islams führte.“

Wie gerne wäre ich aufgewachsen in einer Kultur, da homoerotische Gedichte die Traditionsbestände da stellen – stattdessen mußte ich mich zeitlebens von CSU-Politikern beschimpfen lassen. Man erinnere sich nur an Gauweiler und das „hamsterhafte Sexualverhalten“. Solche, die zeitgleich katholisches Kinderficken zumindest nicht unterbanden und vor Erfindung der Pille und noch danach massenhaft Mütter unehelicher Kinder wahlweise in die soziale Isolation oder in den Selbstmord trieben. Während Protestanten einen der Ahnherrn des Antisemitismus, Luther, bis heute in ihrer Selbstbezeichnung führen und Jahrhunderte lang Ghettos schufen und, sich mit den Russisch-Orthodoxen einig, Pogrome als allerliebste Freizeitbeschäftigung betrieben. Weitere Beispiele zur „jüdsich-christlichen Tradition“ gefällig?

„1391 kam es in Sevilla unter Ferrand Martinez zu einem Pogrom. Nach Abschluss der Reconquista Spaniens durch Ferdinand II. und Isabella I., „Los Reyes Católicos“ (die „Katholischen Könige“) begann mit dem Alhambra-Edikt vom 31. März 1492 die erste Verfolgung von Juden, denen die Wahl zwischen Exil oder Konversion zum Christentum blieb. Nach der Vertreibung aus Spanien ließ sich der größte Teil von ihnen in Nordafrika nieder, vor allem in Marokko in den Städten FèsCasablanca. Ein weiterer Teil zog nach Griechenland, besonders nach Thrakien und Makedonien, worauf die letztlich außerordentlich hohe Zahl von Juden in der Stadt Thessaloniki bis 1944 zurückgeht. Als Zentren des sephardischen Ritus gelten neben Fès und Thessaloniki die Städte Istanbul, Jerusalem, Safed, Kairo, Ancona, und Venedig.

Nach der Einführung der Inquisition in Portugal 1531 setzte die zweite Verfolgungswelle gegen die Juden in Portugal und Spanien ein. Außer Juden, die bei ihrem Glauben geblieben waren, wanderten auch viele Konvertiten und Marranen (zwangsweise getaufte Juden) aus. Ziele der Auswanderung waren nach wie vor Hafenstädte, da viele Flüchtlinge im Großhandel tätig waren, Bayonne, Bordeaux, Livorno, später auch Amsterdam, Hamburg und London.“

Proestantische Pfarrer vertrieben Juden regelmäßig aus Hamburg ins nahe, tolerantere Altona – US-Evangelikale finanzieren derweil Schwulenhatz in Afrika.

Jahrtausende der Tradition, die die CSU fortsetzen möchte, so proklamiert sie es ja selbst, während sie den für die Verfassung konstitutiven, formalen Gleichheitsgrundsatz infrage stellt. Reicht das nicht vielleicht für ein CSU-Verbot? Ich frag ja nur …

17 Antworten zu “Wo die Verfassungsfeinde sitzen …

  1. mondoprinte Oktober 7, 2010 um 5:59 pm

    Welcher Theologe sagte das noch: „Die schlimmsten Feinde des Glaubens sind seine gnadenlosen Verfechter.“

  2. Pingback: Die schlimmsten Feinde des Glaubens | MondoPrinte

  3. Nörgler Oktober 8, 2010 um 10:28 pm

    Im Mutterland von „Disco sucks!“ geht wieder die Post ab. Ich habe gerade das hier gelesen:

    http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,722043,00.html

  4. che2001 Oktober 8, 2010 um 10:46 pm

    @“Auf jeden Schritt nach vorn“, seufzt der Brooklyner Eric Wilson, der diese Woche an einer Protestdemo am Stonewall teilnahm, „folgt Vergeltung.“ —- Vergeltung für was denn eigentlich? Die SchwulLesben haben doch niemandem etwas getan. Dem LDS sollte man vielleicht heimlich LSD in die Teacans füllen, damit sie mal andere Wahrnehmungsmuster erfahren. Cheers!

  5. momorulez Oktober 8, 2010 um 10:46 pm

    Ja, das ist finster – und genau das, was „christliche Leitkultur“ als soziale Formation seit Jahrhunderten vollbringt. Es ist insofern auch schwerst albern, wenn in rechten Blogs derzeit über Walhabiten schwadroniert wird, während die Evangelikalen, mit denen ein Wulff kungelt, die Welt gerade von hinten aufrollen. Und das „gehört dann dazu“.

  6. che2001 Oktober 8, 2010 um 11:07 pm

    Was kungelt Wulff genau mit Evangelikalen? Habe ich bisher noch nicht mitbekommen. Wäre also für Auskunft dankbar. Dass nun gerade der vom stärker christlich-konservativen Flügel der Union für seine Einbeziehung der deutschen und deutschtürkischen Muslime in die Volksgemeinschaft (sorry, ich kann nicht anders, zumal ich gerade mal wieder für ein Flüchtlingsprojekt arbeite) als zu gemäßigt oder zu pluralistisch angegangen wird zeigt die Verkommenheit der hierzulandigen Debatte drastisch auf. PI erschien mir mal als krankhafte Zuspitzung des deutschen Mainstreams – inzwischen habe ich fast den Eindruck, dass es der nur unverblümt sich äußernde Mainstream ist. Und lebe dabei in einer Welt, in der das Alles als „far out“ wahrgenommen wird.

  7. momorulez Oktober 8, 2010 um 11:36 pm

    Musst Du mal hier im Blog rumwühlen bezüglich Wulff und den Evangelikalen – er hat Vorträge bei dubiosen Organisationen gehalten, auf daß diese sich mit ihm schmücken konnten.

    Und dieses Pro – und Contra Islam nutzt ja den christlich Agitierenden so oder so, weil auf einmal „Zugehörigkeit“ wieder über Konfessionszugehörigkeit definiert, was vor 10 Jahren noch ein absurdes Kriterium gewesen wäre. Und ob man sich nun mit den Konservativen unter den Muslimen verbündet oder nicht, das ist dann auch ein Nullsummenspiel.

    Selbst Broder berief sich ja im Tagesspiegel auf Aufklärung gegen die Religionen, eine Perspektive, die in dem ganzen Getöse völlig verschwindet.

    Und das mit der Vergeltung verstehevich ja auch nicht, aber das schreibt Loellie seit Jahren: Daß wir es mit Rache für Stonewall und die Black Panther zu tun haben. Was da für Identitätskonstruktionen hinter stecken, daß man sich an Leuten rächen will, die nix getan haben, das ist irgendwas ganz finsteres …

  8. che2001 Oktober 9, 2010 um 12:01 am

    Na, dann ist die Parole der Black Panthers bzw. von Stokeley Carmichael und Malcolm X ja sehr angebracht: „Wir werden keine Neger, Jidden, Chicanos, Rothäute und Gooks mehr sein, sondern Menschen. Wir werden Menschen sein, in dieser Zeit, auf dieser Welt, in diesem Land, wir werden Menschen sein, oder diese ganze Welt wird dem Erdboden gleichgemacht bei unserem Versuch, es zu werden. Liberate our Minds,by any means necessary!

  9. Loellie Oktober 9, 2010 um 6:07 pm

    Der ist schuld!

  10. che2001 Oktober 9, 2010 um 9:09 pm

    Entschuldige bitte, das ist zwar listig, ich erkenne aber keinerlei Zusammenhang, erklär mir das mal (deutsche Aussprache: „Häh?“)

  11. Loellie Oktober 10, 2010 um 1:00 pm

    Das ist irgendeine Tunte die kompletten, zusammenhanglosen Quatsch macht. Mir war gerade nicht nach den 20000 die „Tod den Schwulen“ skandierend durch Belgrad gezogen sind und heute mit Steinen und Brandbomben umsich geworfen haben … und wahrscheinlich noch immer werfen.

  12. che2001 Oktober 10, 2010 um 3:37 pm

    Tja, erst hat man ihnen die Kroaten zum Draufhalten genommen, dann die Bosniaken und schließlich die Albaner, und da die serbischen Juden schon von der Herrenrasse beseitigt wurden müssen jetzt halt die Schwulen ran- Wo kämen wir hin, wenn die großserbische nationale Volksseele sich jemals selber in Frage stellte? Und wenn schon Öffnung nach Westen, dann aber ganz weit westlich, zu Frau Palin hin.

  13. momorulez Oktober 10, 2010 um 3:45 pm

    http://www.queer.de/detail.php?article_id=12886

    Und nördlich, nach Polen oder in die baltischen Staaten, unter anderem. Da wirft man im Zuge des evolutionären Fortschreitens des Humanismus mit Scheiße statt mit Brandbomben.

    Das ist nich allzu serbisch-spezifisch, aber christlich-nationalistisch, passt also gut in diesen Thread. Wenn Herr Seehofer keine Menschen „aus anderen Kulturkreisen“ „hier“ haben will, meint der doch auch Loellie und mich. Mit den gleichen Gründen wie die Belgrader Steineschmeißer: Für Familien tue keiner was, aber „Widernatürliche“ dürfen auch demonstrieren.

  14. momorulez Oktober 10, 2010 um 3:51 pm

    „Auch am Sonntag trugen einige Randalierer wieder Heiligenbilder, Ikonen und Kreuze und sangen Kirchenlieder.“

    http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,722319,00.html

  15. che2001 Oktober 10, 2010 um 4:17 pm

    Das ist die Tyrannei des Nationalen, Straighten und Fundamentalistischen, die überall auf der Welt ähnlich funktioniert und in ganz Osteuropa seit so ca. 10 Schwule im Visir hat (neben Roma und Juden übrigens) . Was bei Denen aber Grund zu besonderer Sorge gibt, ist die Tatsache, dass Viele vor noch recht kurzer Zeit Pogrome nicht „nur“ mit Verprügeln und Kotbeschmieren, sondern mit dem Maschinengewehr begangen haben. Die Idee einer Belgrader Schwulen-WG, sich zum souveränen Staat auszurufen ist vor dem Hintergrund auch mehr als nur Satire auf die ständige Ausgründung neuer Staaten aus Ex-Jugoslawien.

  16. che2001 Oktober 10, 2010 um 4:37 pm

    Hinter der 10 fehlt ein „Jahren“.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s